DIE GEHEIMNISVOLLE BLONDINE - Victor Gunn - E-Book

DIE GEHEIMNISVOLLE BLONDINE E-Book

Victor Gunn

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  • Herausgeber: BookRix
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2020
Beschreibung

In einer nebeligen Oktobernacht geht der Textilkaufmann Peter Earnshaw mit dem Auto auf Mädchenjagd. Und er scheint Glück zu haben: Das blonde Mädchen, das zu ihm in den Wagen steigt, ist alles andere als zurückhaltend. Peter ahnt nicht, dass ihm der Tod auf den Beifahrersitz gestiegen ist... Chefinspektor Cromwell übernimmt den äußerst rätselhaften Fall. Der Roman DIE GEHEIMNISVOLLE BLONDINE von Victor Gunn (eigentlich Edwy Searles Brooks; * 11. November 1889 in London; † 2. Dezember 1965) erschien erstmals im Jahr 1963; eine deutsche Erstveröffentlichung erfolgte im gleichen Jahr. Der Apex-Verlag veröffentlicht eine durchgesehene Neuausgabe dieses Klassikers der Kriminal-Literatur in seiner Reihe APEX CRIME.

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Seitenzahl: 340

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Victor Gunn

 

 

Die geheimnisvolle Blondine

 

Roman

 

 

 

 

Apex Crime, Band 170

 

 

Apex-Verlag

Inhaltsverzeichnis

Das Buch 

 

DIE GEHEIMNISVOLLE BLONDINE 

Erstes Kapitel 

Zweites Kapitel 

Drittes Kapitel 

Viertes Kapitel 

Fünftes Kapitel 

Sechstes Kapitel 

Siebtes Kapitel 

Achtes Kapitel 

Neuntes Kapitel 

Zehntes Kapitel 

Elftes Kapitel 

Zwölftes Kapitel 

Dreizehntes Kapitel 

Vierzehntes Kapitel 

Fünfzehntes Kapitel 

Sechzehntes Kapitel 

 

 

Das Buch

 

In einer nebeligen Oktobernacht geht der Textilkaufmann Peter Earnshaw mit dem Auto auf Mädchenjagd. Und er scheint Glück zu haben: Das blonde Mädchen, das zu ihm in den Wagen steigt, ist alles andere als zurückhaltend. Peter ahnt nicht, dass ihm der Tod auf den Beifahrersitz gestiegen ist...

Chefinspektor Cromwell übernimmt den äußerst rätselhaften Fall.

 

Der Roman Die geheimnisvolle Blondine von Victor Gunn (eigentlich Edwy Searles Brooks; * 11. November 1889 in London; † 2. Dezember 1965) erschien erstmals im Jahr 1963; eine deutsche Erstveröffentlichung erfolgte im gleichen Jahr.  

Der Apex-Verlag veröffentlicht eine durchgesehene Neuausgabe dieses Klassikers der Kriminal-Literatur in seiner Reihe APEX CRIME.

   DIE GEHEIMNISVOLLE BLONDINE

 

 

 

 

 

 

 

 

  Erstes Kapitel

 

 

Als Peter Earnshaw langsam in seinem Riley die schlecht beleuchtete, nebelige Straße entlangfuhr, verspürte er nicht die leiseste Vorahnung, dass er innerhalb einer halben Stunde ein toter Mann sein würde...

Um es auf den Punkt zu bringen, Peter Earnshaw war ein höchst unerfreulicher junger Mann. Augenblicklich trieb er sich hier herum, um ein junges Mädchen anzusprechen und aufzugreifen. Dies war seine Lieblingsbeschäftigung. Er verbrachte jede Woche ein, zwei Abende auf diese Art und Weise. Und es gab eine ganze Menge junger Mädchen in den Londoner Vororten Stretton und Norsham, die allen Grund hatten, es zu bereuen, auf seine süßen Redensarten hereingefallen zu sein. Mit einem Wort, Peter, Geschäftsführer eines Herrenbekleidungsgeschäftes in Stretton, war ein ausgesprochener Schmutzfink.

An diesem frühen Oktoberabend schien kein Mond. Die Luft war mild. Ein dünner Nebel lag über Straße und Gärten. Heute versuchte Earnshaw sein Glück wieder einmal im Raydons-Hill-Bezirk in Norsham. Da er hier schon früher bei seiner zweifelhaften Abendunterhaltung Erfolg gehabt hatte, war er bester Laune und erwartungsvoll gestimmt. Er bog von der großen, aus der Stadt herausführenden London Road ab und rollte gemächlich die Raydons Hill North entlang. Eine ruhige, fast vornehme Villenvorortstraße. Nach wenigen Metern bereits führte sie in ein beinahe unwirklich anmutendes Reich der Stille und Abgeschlossenheit. Wer die geschäftige Hauptstraße mit ihren hellen Neonlichtern und dem regen Verkehr entlangeilte, kam gar nicht auf die Idee, dass eine derartige Oase der Stille so nahebei liegen könnte. Raydons Hill wirkte fast wie eine Kleinstadt, in sich abgeschlossen, mit einer gewissen Würde, exklusiv und zurückgezogen, wenn nicht fast verborgen. Der einzige, aber wesentliche Unterschied zu einer Kleinstadt bestand darin, dass es keine Geschäfte und keine Wirtshäuser gab.

Raydons Hill stellte das Lieblingsprojekt eines unternehmungslustigen Städteplaners dar, der diesen Vorort wenige Jahre vor dem zweiten Weltkrieg angelfegt hatte. Villenstraßen liefen fächerförmig von der Krone des Hügels aus in alle Richtungen. Oben, auf der Kuppe, dehnte sich eine weite Grünfläche, die fast wie ein Dorfplatz wirkte. An einer Seite lag ein großes Herrenhaus, das diese Rasenfläche überblickte, das Haus am Hügel.

Besucher, die ihre in Raydons Hill wohnenden Freunde zum ersten Mal aufsuchten, verirrten sich meist hoffnungslos in diesem Gewirr von Straßen und Sträßchen, engen Gassen und Parkwegen, die den Stadtteil kreuz und quer durchzogen. Raydons Hill North führte zunächst den Hügel hinauf, um oben im Halbkreis am Raydons Crescent entlangzulaufen und hier ihren Namen plötzlich unverständlicherweise in Raydons Hill South zu ändern. Irgendwo zweigten hier die Raydons Hill West und die Raydons Hill East ab. Aber auf den ersten Anlauf war es fast unmöglich, diese zu finden. Um die Verwirrung vollständig zu machen, gab es noch eine zweite, ausgedehnte Grünfläche, den sogenannten Bush – vermutlich die einsamste Stelle dieser Gegend.

Peter Earnshaw schien die einzige lebende Seele zu sein, die um diese Zeit noch unterwegs war. Als er an dem prunkvollen Herrenhaus auf der Kuppe des Hügels vorbeifuhr, fragte er sich träge, wer wohl heutzutage noch einen solchen Kasten bewohnen mochte. Seine Gedanken wurden jedoch jäh durch eine schlanke Mädchengestalt in einem dunklen Mantel abgelenkt, die in diesem Moment aus dem Parktor eben dieses Besitzes kam. Der helle Schein der Straßenlaterne beschien sie deutlich. Sie war sehr jung. Ihr blondes Haar trug sie zu einem altmodischen, tief im Nacken sitzenden Knoten geschlungen. Das feingeschnittene, kaum geschminkte Gesicht war auffallend hübsch. Gleichzeitig jedoch wirkte es irgendwie verkrampft und mürrisch.

Peter schaltete herunter, fuhr langsam bis zu ihr vor und beugte sich aus dem Fenster.

»Guten Abend, meine Schöne!«, rief er munter.

Das Mädchen zögerte. Ihre ganze Haltung drückte nichts als schroffe Ablehnung aus. Ihr Gesichtsausdruck wurde, wenn möglich, noch hochmütiger. Sie sah ihn mit eiskalten Augen an. Peter schüttelte sich affektiert.

»Na, na! Weshalb sehen Sie mich denn so vernichtend an, Mädchen«, meinte er grinsend. »Ich will ja gar nichts von Ihnen. Ich bin nichts weiter als ein harmloser, hilfsbereiter Mensch. Kann ich Sie vielleicht ein Stückchen mitnehmen?«

Verblüfft brach er ab. Das Mädchen wandte sich schweigend um und ging davon. Peter zuckte die Achseln und fuhr wieder an. Pech gehabt! Halb so schlimm. Sie wäre sowieso nicht sein Typ gewesen. Mit hoffnungsvoller Miene setzte er seinen Weg die Raydons Hill South entlang fort und bog dann in die Raydons Hill West ein. Kein Mensch war mehr unterwegs. Er nahm die kurze Verbindungsstraße, die zum Bush führte und drehte eine Ehrenrunde. Abermals Pech gehabt. Es gab nur diesen einen Zugang, der augenscheinlich zugleich auch die Ausfahrt war. Zwar führten zwei Fußwege hier entlang: die Bush Passage oben auf der Kuppe und hier unten der Bush Place. Aber beide waren für Autos viel zu schmal. Nachdem Peter einmal um den kleinen Park herumgefahren war, rollte er gemächlich wieder auf die Raydons Hill West hinaus.

»Zu blöde Gegend! Weiß der Teufel, warum ich ausgerechnet hierher fahren musste!«, schimpfte er schlechtgelaunt vor sich hin.

Trotzdem gab er nicht so schnell auf. Zweimal umkreiste er den ganzen Stadtteil, wozu er allerdings höchstens zehn Minuten brauchte. Dann war seine Laune auf dem Nullpunkt angekommen. Jetzt reichte es ihm. Wütend nahm er Richtung auf die London Road, als er plötzlich ein Mädchen in kurzem roten Regenmantel entdeckte. Sie stand wenige Meter von ihm entfernt auf dem Bürgersteig und wartete ganz offensichtlich sein Näherkommen ab. Peter war wie elektrisiert von ihrem wunderschönen, fast schulterlangen, blonden Haar. Es fiel ihr offen bis fast auf die Schultern. Freizügig stellte sie ihre langen, schlanken Beine zur Schau. Einen kleinen roten Hut hatte sie frech und unternehmungslustig auf ihren Kopf gestülpt.

Das ganze Bild war ziemlich vielversprechend! Peter schaltete herunter und glitt im Schneckentempo an das Mädchen heran. Wieder lehnte er sich lächelnd aus dem heruntergekurbelten Fenster.

»So einsam, meine Schöne?«, fragte er seidenweich. »Hätten Sie Lust, ein bisschen spazieren zu fahren?«

Das Mädchen zögerte kurz, dann lächelte sie auch.

»Kommt drauf an«, erwiderte sie vorsichtig.

»Na, steigen Sie auf alle Fälle erst mal ein«, meinte er überredend, beugte sich herüber und öffnete die Tür. »Was macht denn so ein hübsches Mädchen noch so spät abends allein auf der Straße?«

»Weshalb nicht, ich kann doch Spazierengehen?«, gab sie schnippisch zurück, stieg aber trotzdem ein, wobei sie beachtlich viel von ihren aufreizend schönen Beinen zeigte.

»Allzu neu ist Ihr Wagen ja nicht«, stellte sie dann fest. »Habe ich Sie nicht schon mal irgendwo gesehen?«

»Das ist gut möglich.»

»Wohnen Sie hier in der Nähe?«

»Nein. In Stretton«, entgegnete Peter, animiert durch die Vertraulichkeit des Mädchens. »Wohne nicht schlecht da. Ein nettes kleines Appartement. Wie wär’s mit einem Drink? Wollen Sie sich’s nicht mal ansehen?«

Das Mädchen lachte hell auf.

»Sie sind ja nicht gerade ein Zeitverschwender, was?«, fragte sie.

»Ich wette, Ihre Frau hat nicht die geringste Ahnung, dass Sie so etwas –«

»Nichts Frau. Bisher bin ich noch nicht verheiratet.«

»Das sagt ihr alle«, gab sie spöttisch zurück.

Trotzdem war ihr ganzes Verhalten nach wie vor freundlich und keineswegs abweisend. Peter freute sich, dass er sie getroffen hatte. Das schimmernde blonde Haar gefiel ihm ausnehmend gut, ebenso ihr voller roter Mund. Sie hatte die Beine übereinandergeschlagen, der Rock war ziemlich weit zurückgeglitten. Peters Blut begann zu sieden. Donnerwetter, selten war er einem Mädchen begegnet, das derart aufreizend wirkte.

»Nein, ehrlich, ich bin nicht verheiratet!«, beteuerte er abermals. »Wie steht es? Ich meine, fahren wir nun auf einen Drink zu mir?«

»Mein Gott! Sie haben’s aber eilig!«, lachte das Mädchen. »Hier ist es so schön still und ruhig. Unterhalten wir uns doch ein bisschen.« Sie rutschte etwas dichter an ihn heran. Peter Earnshaw nutzte die Gelegenheit, um ihr Knie zu streicheln. Sie schob seine Hand nicht beiseite. Als er ihr ins Gesicht sah, blitzten ihre Augen im Schein der Straßenlaterne halb spöttisch, halb belustigt auf. Ihre Gesichter waren sich sehr nah, und er bemerkte deutlich ihr dickes Make-up und den freigebig benutzten Lippenstift. Höchst vielversprechend! Und noch vielversprechender die unverhüllte Einladung in ihren Augen.

Erregende Wärme stieg in ihm auf. Seine Jagd in Raydons Hill war nicht vergeblich gewesen. Er hatte sein Wild gestellt. Es war in die Falle gegangen.

»Was für wunderschönes Haar du hast, meine Süße«, schmeichelte er plump. »Wie kommt es, dass ich dich gar nicht kenne? Du bist es doch, die mich heute Abend angerufen hat, nicht wahr? Wie steht’s? Wollen wir jetzt nicht doch auf einen Drink zu meiner hübschen kleinen Wohnung hinüberfahren?«

»Warum denn diese Hast? Man soll nichts überstürzen. Wir haben doch noch so viel Zeit, mein Goldjunge«, murmelte sie. »Mir gefällt es hier. Hast du eine Zigarette für mich?«

»Ich habe jetzt keine Lust zu rauchen. Wie ist es – kommst du nun mit zu mir oder nicht?«

»Also gut«, gab sie nach. »Aber ich begreife wirklich nicht, warum du es so eilig hast!« Das Mädchen kuschelte sich noch etwas enger an ihn. »Warum willst du dich denn nicht vorher noch ein bisschen mit mir unterhalten? Bitte, nimm die Hand von meinem Knie.«

Sie richtete sich auf, machte ihre Handtasche auf und holte eine kleine Packung Pralinen heraus.

»Willst du auch eine?«

»Um Gottes willen, nein!«

Die verführerische Blondine neben Peter wählte sorgfältig aus, steckte eine Praline in den Mund und kaute genussvoll. Er hing mit den Augen an ihren roten Lippen und wartete ungeduldig. Wirklich der geeignete Zeitpunkt, um Schokolade zu essen!

»Was, zum Teufel, isst du denn da?«, erkundigte er sich gereizt.

»Pralinen. Sagte ich doch schon. Mit Likörfüllung – Cognacbohnen. Mein Lieblingskonfekt. Willst du nicht doch eins?«

Er lehnte unhöflich ab.

»Du solltest dir’s überlegen«, meinte sie achselzuckend und nahm sich ein neues. »Du ahnst nicht, was du dir entgehen lässt!«

Obwohl das Mädchen ganz beiläufig sprach, schien sie aufs äußerste gespannt zu sein. Ihre wachen, beweglichen Augen beobachteten ständig die leere Straße. Sie atmete ungewöhnlich heftig.

»Nun komm schon – nimm doch eine!«, bedrängte sie ihn beharrlich. Mit ihren rotlackierten, spitzen Fingernägeln nahm sie ein Stück Konfekt aus der Schachtel und hielt es ihm an die Lippen. »Sie schmecken ausgezeichnet!«

Er lachte und öffnete den Mund.

»Da! Sind sie nicht wirklich gut?«

Das Mädchen beugte sich plötzlich vor und küsste Peter mitten auf den Mund. Überrascht fuhr er zurück und schnappte nach Luft.

»Zum Teufel! Fast hätte ich mich an dem verdammten Ding verschluckt«, fuhr er auf. »Was soll das sein? Eine Cognacbohne? Daran beißt man sich ja die Zähne aus!«

»Du bist ja albern! Alle Pralinen, die mit Cognac gefüllt sind, haben eine harte Kruste – sonst würde die Flüssigkeit doch auslaufen«, protestierte sie vergnügt. »Du musst die Praline aufbeißen. Los. Versuche doch schon.«

Ungeduldig bemüht, das scheußliche Ding endlich aus dem Mund zu bekommen, grub er seine kräftigen Zähne tief hinein. Es knackte hörbar, und die klebrige Flüssigkeit lief ihm in den Mund. Er schluckte. Plötzlich trat ein Ausdruck maßlosen Entsetzens in seine Augen. Er versuchte zu sprechen. Aber er brachte nichts als ein heiseres Krächzen hervor. Sein ganzer Körper wurde von einem wilden Krampf geschüttelt. Sein Atem ging keuchend und stoßweise. Der Krampf steigerte sich bis zum Unerträglichen – das Mädchen beobachtete die Wirkung mit gierigem und zugleich fast ängstlichem Ausdruck. Als er über dem Steuerrad zusammensank, entspannte sie sich. Im Wagen war es tödlich still. Der Mann regte sich nicht mehr.

»Ich wusste doch, es würde ganz leicht gehen«, seufzte sie befriedigt.

Vollkommen gelassen spähte sie die Straße entlang. Leer. Kein Mensch zu sehen. Vor ein paar Minuten war ein Wagen vorbeigefahren, und auf der anderen Straßenseite waren laut lachend ein paar Leute entlanggegangen. Aber jetzt lag alles wieder still und verlassen da. Das Mädchen beugte sich vor und presste ihren Mund gegen die stille, schlaffe Wange des Mannes; ein deutlich sichtbarer Abdruck blieb zurück. Nach und nach nahm ihr Gesicht einen Ausdruck triumphierender Zufriedenheit an. Ihre vollen roten Lippen öffneten sich unbewusst, die weißen Zähne blitzten in einem grausamen Lächeln auf. In ihren Augen schimmerte ein Licht, das schon fast irrsinnig wirkte.

Aber nur sekundenlang. Dann war es wieder verschwunden, ihr Gesichtsausdruck wurde wieder normal. Vorsichtig schlüpfte sie aus dem Wagen und ging ruhig davon. Sie schritt vollkommen gelöst dahin und atmete gleichmäßig und ruhig.

Mein Gott! Wie leicht es gewesen war. Das Mädchen im roten Mantel rieb sich unbewusst ihre behandschuhten Hände und kicherte leise in sich hinein. Keine lebende Seele war ihr begegnet, niemand hatte sie gesehen. Sie war sicher, keine Fingerabdrücke zurückgelassen zu haben. So ging sie durch den dichter werdenden Oktobernebel und beschleunigte allmählich ihr Tempo etwas. Vielleicht etwas zu sehr. Denn als sie in die Raydons Hill South einbog, wäre sie fast mit einem jungen Mann zusammengestoßen, der aus der entgegengesetzten Richtung kam.

Als er ihre blonden Haare sah, bat er höflich um Entschuldigung, obwohl er ihr hübsches Gesicht nur im Vorbeigehen undeutlich bemerken konnte. Aber ihr roter Regenmantel war ausgesprochen auffallend. Raydons Hill war noch nicht so modern, dass es Neonbeleuchtung besaß. Und in dem gelben Lampenschein der Gaslaternen behielt alles seine natürliche Farbe.

Der junge Mann wandte sich halb um und sah dem jungen Mädchen nach. Er hatte eine verschwommene Erinnerung, sie schon einmal gesehen zu haben; er wohnte selbst hier in Raydons Hill. Natürlich! Es musste das Mädchen mit der kleinen Wohnung in Raydons Hill West sein. Wie war doch gleich ihr Name? Es wollte ihm nicht einfallen. Aber sie war ein ziemlich flottes Ding, soviel wusste er. Die Gerüchte über sie und ihren vielseitigen Lebenswandel wollten nicht verstummen.

Seine Gedanken sprangen schnell auf etwas anderes über. Nigel Sinclair war kein Mensch, der sich lange mit unwichtigen Dingen beschäftigte. Im Moment brannte ihm etwas anderes auf der Seele. Er war auf dem Wege zum Haus Nr. 20, Am Weißen Tor genannt. Dort wohnte nämlich seine Braut. Warum, in drei Teufels Namen, war Heather nicht, wie verabredet, zum Kino gekommen? Er war beunruhigt. Das war im Allgemeinen nicht ihre Art. Noch nie zuvor hatte sie ihn so schlecht behandelt. Eine Frechheit, ihn einfach zu versetzen!

Als er am Park entlangging, kam er an einer abgestellten Riley-Limousine vorbei. Er schenkte ihr kaum Beachtung, denn er war sehr verliebt in Heather Craig und jetzt sehr in Sorgen. Sie hätte ihn im Foyer vom Luxor-Kino erwarten, oder doch zumindest dort treffen sollen. Er hatte fast eine halbe Stunde auf sie gewartet, aber sie war nicht erschienen.

Unwillkürlich ging er langsamer, dann blieb er stehen und wandte sich um. Seltsam... dieser Mann im Riley – er hatte so eigenartig ausgesehen. Wie er da über dem Steuerrad zusammengesunken kauerte... Nigel hatte ihn im Vorbeigehen nur flüchtig wahrgenommen. Und das Befremdliche an der Haltung des Mannes kam ihm erst jetzt zum Bewusstsein.

»Seltsam«, murmelte Nigel und runzelte die Stirn. »Schläft er – oder ist er krank?«

Er zögerte unschlüssig. Wenn er jetzt umkehrte, und der Mann okay war, stand er, Nigel, wie ein ausgemachter Dummkopf da. Aber trotzdem... Er ging die menschenleere Straße bis zum Wagen zurück. Der Mann lag immer noch regungslos über dem Steuerrad zusammengekrümmt da. Wirklich seltsam!

»He, Sie!«, wandte er sich vorsichtig an den Mann.

Das Fenster neben dem Fahrersitz war ganz heruntergedreht. Als der Mann nicht antwortete, langte Nigel hinein und schüttelte den Regungslosen an der Schulter. Immer noch keine Antwort.

»He, Sie! Sind Sie in Ordnung?«, fragte Nigel, der zusehends unruhiger wurde.

Es war ganz offensichtlich. Mit dem Mann im Wagen stimmte irgendetwas nicht. Er konnte doch nicht so fest schlafen. Er musste krank sein. Nigel Sinclair, der nicht die geringste Ahnung von Erster Hilfe hatte, überkam ein Gefühl der Hilflosigkeit. Aufgeregt und nervös blickte er sich um. Aber kein Mensch war zu sehen.

»Verdammt nochmal! Was, zum Teufel, macht man in so einem Fall?«, schimpfte er unterdrückt vor sich hin. Natürlich! Netta! Das war das Richtige! Netta würde todsicher wissen, was zu tun war. Selbstverständlich! Die gute alte Netta! Netta wusste immer Rat! Hastig eilte Nigel auf das Weiße Tor zu. Es war nicht mehr weit bis dorthin. Netta Haversham war Heathers Tante, eine tüchtige Frau, die niemals die Nerven verlor.

Er machte, dass er ans Ziel kam. Das Haus war kleiner als die meisten anderen dieses recht eleganten Villenvorortes. Wohlgeborgen in einem gut gepflegten Garten lag es ein Stück von der ruhigen Straße entfernt. Nigel stieß das Tor auf und stürzte den kurzen Pfad zur Eingangstür hinauf. Ungestüm trommelte er dagegen. Es dauerte eine Weile, bis sich etwas rührte, und er fluchte leise vor sich hin.

»Dieses verdammte Fernsehen!«, schimpfte er ungeduldig. Gleichzeitig klingelte er Sturm und klopfte abermals.

»Ich wette, Bruce und Netta hocken wieder vor diesem albernen Kasten und bemerken nichts um sich herum. Wie üblich.«

Verzweifelt, wie er war, stieß er die Briefklappe auf und spähte in die Diele hinein... zu seiner Erleichterung sah er Netta gerade von der Küche her auftauchen. Sie sah zierlich und gepflegt aus – wie immer – und trug ein Tablett in den Händen.

»Ich komme ja schon... ich komme ja schon!«, hörte er ihre muntere Stimme. »Es ist ja nicht nötig, gleich die Tür einzuschlagen.«

Sie setzte das Tablett auf einem kleinen Tisch ab. Es dampfte nur so aus den Tassen – offensichtlich der allabendliche Kaffee. Dann ging sie mit ruhigen Schritten zur Tür und öffnete.

»Nanu! Du bist es?«, fragte sie überrascht. »Wo ist denn Heather? Ich dachte, ihr seid im Kino?«

»Ist Heather da?«

»Was für eine Frage! Nein, natürlich nicht.«

Netta war eine anziehende Erscheinung von etwa fünfunddreißig Jahren. Sie hatte dunkle, intelligente Augen, zu denen das volle, natürlich gelockte, ebenfalls dunkle Haar ausgezeichnet passte. Nigel drängte an ihr vorbei in die Diele und gestikulierte wild mit den Armen.

»So natürlich ist dein Natürlich nicht! gar nicht, Netta!«, protestierte er atemlos. »Wenn sie nämlich nicht hier ist – wo ist sie dann? Sie hatte versprochen, zum Kino zu kommen. Ach Gott! Fast hätte ich’s vor Aufregung vergessen! Draußen, ein Stück die Straße hinunter, sitzt ein Mann in seinem Auto, der mir den Eindruck macht, als ob ihm schlecht geworden wäre. Er sieht so komisch aus, ganz über dem Lenkrad zusammengesunken. Ich habe ihn an der Schulter gerüttelt, aber er rührte sich nicht. Du bist doch eine Kanone in Erster Hilfe, Netta. Könntest du nicht...«

»Nun mal langsam, mein Junge«, unterbrach ihn Netta Haversham völlig unbeeindruckt. Sie behandelte ihn wie ein allzu temperamentvolles Kind.

»Nun reiß dich mal zusammen und drück dich etwas klarer aus. Was soll all dies wirre Gerede von einem Mann im Auto und Heather, die nicht am Kino war? Hol erst mal tief Luft! So! Was ist nun eigentlich passiert?«

»Nichts ist passiert!«, schnappte Nigel beleidigt. »Ich hatte nur gehofft, Heather hier vorzufinden. Wenn ihr nur nichts zugestoßen ist...«

»Sei doch nicht albern! Was sollte ihr denn schon auf dem Weg von hier zum Kino zugestoßen sein?«, meinte Netta, immer noch in demselben etwas gönnerhaften Tonfall. »Aber komm doch herein. Der Kaffee wird allmählich kalt. Und du weißt, was Bruce für ein Theater macht, wenn er seinen Kaffee nicht so heiß bekommt, dass er sich den Mund daran verbrennt.«

Sie nahm das Tablett auf und stieß mit der Schulter die nur angelehnte Salontür auf. Ihr Mann saß behaglich in einem Ohrensessel, der dem Fernsehapparat zugekehrt war. Der große, gemütliche Raum wurde von einer einzigen Lampe spärlich erhellt. Auf der flimmernden Scheibe waren zwei ziemlich unheimlich aussehende Gestalten anscheinend gerade in einen heftigen Streit verwickelt. Bruce Haversham hob abwehrend die Hand, als Nigel zu sprechen ansetzte.

»Gleich! Später!«, bremste Haversham unwillig. »Es ist gerade der spannendste Augenblick! Gleich muss die Entscheidung fallen.«

»Zum Teufel mit deinem Stück!«, brauste Nigel auf. »Draußen im Auto sitzt ein Mann, der krank ist, oder was weiß ich! Und ich habe keine Ahnung, was ich mit ihm anfangen soll. Ich dachte, Netta wüsste vielleicht Rat...«

»Du bist wirklich eine Landplage, Nigel«, fiel ihm der ältere Mann verdrossen ins Wort. »Warum musst du denn immer wie ein Wilder hier hereingestürmt kommen? Jetzt habe ich den Faden verloren. Ich dachte, du wärst mit Heather ins Kino gegangen?«

»Sie scheinen sich irgendwie verpasst zu haben«, erläuterte Netta belustigt. »Außerdem stell dich nur nicht so an, Bruce. Mich kannst du doch nicht an der Nase herumführen mit deinem spannendsten Augenblick. Du hast doch das meiste verschlafen – wie immer.«

»Stimmt ja gar nicht!«, widersprach ihr Gatte gekränkt. »Ich war die ganze Zeit über hellwach. Der Mörder war sicher dieser schleimige Anwalt. Weißt du, der – der nur ganz am Anfang ein paar Minuten lang zu sehen war. Ich muss schon sagen, höchst unfair das Ganze. Ein äußerst unbefriedigendes Stück in jeder Beziehung.«

Er nahm seine Kaffeetasse entgegen und schlürfte genussvoll das heiße Getränk. Netta stellte den Apparat ab.

»Also Nigel – was hat das alles zu bedeuten?«, erkundigte sie sich dann energisch. »Heather ist vor mehr als einer halben Stunde fortgegangen. Sie sagte, sie wolle zum Luxor. Sie sei dort mit dir verabredet...«

»Sie war aber nicht da!«

»Na, mach doch nicht gleich so ein sorgenvolles Gesicht! Sie wird eben irgendwie aufgehalten worden sein. Außerdem ist sie doch niemals pünktlich! Das müsstest du doch inzwischen wissen. Was hast du da von einem Mann in einem Wagen gesagt?«

»Was für einem Mann in was für einem Wagen?«, mischte sich Bruce Haversham, immer noch leicht gereizt, ein. »Wovon faselt er denn da, Netta? Ich bin wütend! Jetzt habe ich das Ende von dem Stück verpasst. Außerdem ist nicht genügend Zucker in meinem Kaffee.«

»Ach, du maulst doch nur, weil du verärgert bist«, gab seine Frau ungerührt zurück. »Du hast genauso viel drin wie immer, Bruce. Stell dich doch nicht so an!«

Ihr Mann brummelte irgendetwas Unverständliches vor sich hin und trank seinen Kaffee aus. Bruce Haversham war hager, hatte gebeugte Schultern und machte einen schlaffen, müden Eindruck. Obwohl er erst vierzig war, wirkte er viel eher wie fünfzig. Sein Haar, das sich über der Stirn bereits zu lichten begann, war an den Schläfen fast weiß. Ein nervöser Mann, der Typ eines Gelehrten, dessen strenges Gesicht stets einen etwas zerstreuten Ausdruck trug.

Es wollte gar nicht dazu passen, dass eine große, weiße Katze behaglich zusammengerollt auf seinem Schoß lag und fest und friedlich schlief.

Bruce war Chefbibliothekar der öffentlichen Bücherei des kleinen Vorortes – und er sah auch genauso aus, wie man sich einen Bibliothekar vorstellt.

»Ich kann einfach nicht verstehen, was mit Heather passiert ist«, jammerte Nigel unruhig. »Ich dachte, sie wäre vielleicht umgekehrt, weil ihr nicht gut war. Sie hat mir so etwas erzählt, dass sie sich erkältet hätte...«

»Oh, du lieber Himmel!«, stöhnte Netta und ließ ihn gar nicht erst ausreden. »Was du immer gleich für einen Wirbel machst! Ihr habt euch verfehlt, das ist alles. Sie wird schon gleich nach Hause kommen. Jetzt erzähl uns lieber von diesem Mann im Wagen.«

»Was für einem Mann?«, fragte Bruce geistesabwesend.

Nigel berichtete, was er wusste. »Ich dachte, Netta könnte vielleicht mit mir zurückgehen und sich den Mann einmal ansehen«, schloss er schließlich. »Du weißt doch, wie gut sie sich mit Erster Hilfe auskennt. Wie ist es, Netta?«

»Natürlich«, stimmte diese sofort zu.

»Kommt gar nicht in Frage«, widersprach ihr Mann gereizt. »Was willst du denn da? Was gehen dich denn fremde Männer in unbekannten Autos an?« Er stellte seine leere Tasse beiseite und stand auf. Verwundert und verschlafen sprang die weiße Katze mit einem Satz zu Boden.

»Was für ein Kindskopf du doch bist, Nigel! Ich wette, der Kerl ist bloß betrunken.«

»Ach, du liebe Güte! Darauf bin ich noch gar nicht gekommen«, stotterte der Zurechtgewiesene. »Du meinst, er schläft nur seinen Rausch aus?« Nigels Stimme klang zweifelnd, und seine Stirn legte sich in tiefe, angestrengte Falten. »Ich weiß nicht. Es sah aber eigentlich nicht danach aus. Ich habe ihn doch schließlich angefasst und geschüttelt. Da müsste er doch irgendetwas gesagt haben. Ich glaube eher, er ist krank.«

»Nun, wie auch immer, unsere Sorge soll’s nicht sein...«

»Das ist wirklich roh von dir das ist...« Nigel fehlten die Worte. »Und wenn der arme Kerl nun ernsthaft krank ist?«

»Also schön! Wenn du unbedingt darauf bestehst und ein derartiges Interesse an einem fremden Mann in einem fremden Wagen nimmst, dann werde ich ihn mir eben mal anschauen gehen«, erklärte Bruce sauer. »Ich wünsche jedenfalls nicht, dass Netta ihre Nase in Dinge steckt, die sich nachher unter Umständen als unerfreulich entpuppen. Man kann nie wissen. Wenn der Bursche einen über den Durst getrunken hat, wird er womöglich ausfällig.«

Netta lachte hellauf.

»Bist du etwa der Ansicht, dass mir das etwas ausmachen würde?«, fragte sie, reckte ihren sportlichen Körper und klatschte unternehmungslustig in die Hände. »Ich habe doch keine Angst vor einem Betrunkenen! Also, los! Auf, ihr beiden. Was kriege ich, wenn der Wagen inzwischen über alle Berge ist?«

Verdrießlich zog Bruce seinen Mantel über und folgte Nigel hinaus in die nebelige Nacht.

»Ich hasse es, mich in fremde Angelegenheiten einzumischen!«, grollte er, während sie durch das Tor auf die Straße traten.

Der Nebel hatte sich verdichtet. Die ersten Blätter waren bereits von den Bäumen gefallen und bedeckten den Grasstreifen, der den Bürgersteig säumte. Es wurde Herbst. Etwas Trostloses, ein Hauch von Vergänglichkeit lag in dieser stillen, nebeligen Oktobernacht.

»Wo steht denn dein verdammter Wagen?«

»Gleich da drüben. Ein kleines Stück noch – direkt am Park.«

Schweigend gingen sie nebeneinander her. Der ganze Stadtteil lag – wie immer um diese Stunde – ruhig und verlassen da, fast wie ein Dorf. Durch zugezogene Gardinen schimmerte hier und da gedämpftes Licht. Fußgänger waren nicht mehr unterwegs. Schwach drang durch die stille Nachtluft der Lärm der großen Hauptstraße herüber.

»Wirklich, du bist ein zu hitziger Kindskopf, Nigel!«, wiederholte Bruce Haversham, dessen Laune sich noch keineswegs gebessert hatte. »Mich wegen so einer derartigen Bagatelle um diese Zeit aus dem Haus zu locken. Und nicht genug damit – ausgerechnet noch an der spannendsten Stelle des heutigen Fernsehstückes. Jetzt muss ich mir von Netta erzählen lassen, was aus dem Mädchen geworden ist, die in dem Tresorraum eingesperrt war. Der Mann von Scotland Yard wollte gerade erklären, wieso...«

»Nanu! Da, sieh doch mal! Da ist doch irgendetwas los!«, unterbrach ihn Nigel respektlos und deutete nach vorn, in die nebelige Nacht. »Da stehen ja jetzt zwei Wagen! Sieh doch nur, ist der erste nicht ein Funkstreifenwagen?«

Als sie sich der Szene näherten, fasste der ältere Mann Nigel beim Arm. Die Riley-Limousine war von hier aus nicht zu erkennen. Der Polizeiwagen parkte davor und nahm ihnen die Sicht. Zwei uniformierte Beamte standen ein Stück weiter vorn auf der Straße.

»Komm, kehren wir lieber um«, schlug Bruce Haversham vor und hielt Nigel am Arm zurück. »Es hat keinen Zweck, sich in irgendwelche unerfreulichen Dinge verwickeln zu lassen. Es scheint fast, als ob du recht hättest: Der Mann muss doch krank sein. Zumindest stockbetrunken. Sonst würde die Polizei sich nicht um die Sache kümmern.«

»Bei Gott! Du hast recht!«, stimmte Nigel aufgeregt zu. »Wozu sollen wir uns erst auf lange Diskussionen mit der Polizei einlassen. Besser, wir machen, dass wir nach Hause kommen.« Sie kehrten um und gingen den gleichen Weg zurück. Lautlos glitt ein Krankenwagen mit blinkendem Rotlicht an ihnen vorbei.

 

 

 

 

  Zweites Kapitel

 

 

Kurz vor dem Weißen Tor wären sie fast mit einem jungen Mädchen zusammengestoßen, das eilig von der Hauptstraße her angelaufen kam. Sie war vollkommen außer Atem, und das blonde Haar hing ihr wirr ins Gesicht.

»Heather!«, rief Nigel Sinclair verblüfft und holte sie mit ein paar schnellen Schritten ein.

»Oh, du! Du bist mir ein schöner Kavalier!«, fauchte sie zurück. »Weshalb hast du denn nicht auf mich gewartet? Der Portier vom Luxor hat mir gesagt, du seist dort gewesen, hättest dich nach mir erkundigt und seist sofort wieder davongerannt. Weshalb konntest du nicht warten?«

»Was bildest du dir eigentlich ein, zum Teufel! Was heißt hier nicht warten? Ich habe volle zwanzig Minuten auf dich gewartet. Wo hast du denn inzwischen so lange gesteckt?« Trotz seiner heftigen Worte war deutlich aus seiner Stimme herauszuhören, wie erleichtert er war, seine Verlobte wohlbehalten vor sich zu sehen.

»Da hat Netta also wieder einmal recht gehabt – sie sagte ja gleich, es müsse ein simples Missverständnis sein. Warum haltet ihr jungen Leute heutzutage bloß nie eure Verabredungen ein?«

»Pfui! Das ist gemein von dir, Onkel Bruce!«, verteidigte Heather Craig sich erregt. »Mir ist unterwegs etwas passiert...«

»Das würde mich sehr interessieren!«, fuhr Nigel heftig dazwischen, ohne ihr Gelegenheit zu geben, auszusprechen. »Du siehst ja aus, als ob ein Wirbelsturm über dich hingegangen wäre. Was ist denn bloß mit deinem Haar los? Und dein Mantel ist voller Schmutzflecken.«

»Wenn du dich um einen armen kleinen sechsjährigen Jungen, der sich die Knie aufgeschlagen hatte, gekümmert hättest, wäre dein Mantel vermutlich auch voller Schmutzflecken, mein Lieber!«, gab Heather aufgebracht zurück. »Und wenn es dich so interessiert – das ist auch der Grund, weshalb ich zu spät gekommen bin. Ich traf gerade an der Ecke vor dem Kino auf Mrs. Hill. Du kennst doch Mrs. Hill? Sie wohnt in diesem kleinen Häuschen...«

»Das erste Mal, dass ich den Namen höre«, konnte Nigel sich nicht enthalten, bissig einzuwerfen.

»Na ja. Ist ja auch egal. Jedenfalls ist sie eine von diesen zerstreuten, hilflosen Frauen. Sie lief verzweifelt herum, wie ein Huhn ohne Kopf. Was hätte ich da wohl deiner werten Meinung nach tun sollen? Ich jedenfalls hielt es für selbstverständlich, ihr zu helfen. Der kleine Junge war so unglücklich gefallen, dass gleich beide Knie aufgeschlagen waren und stark bluteten. Ich verstehe einfach nicht, wie eine Mutter so ungeschickt sein kann. Sie würde vermutlich jetzt noch tatenlos dort herumlaufen, wenn ich nicht stehengeblieben wäre und ihr geholfen hätte. Sie lief nur hin und her und jammerte. Daraufhin nahm ich das Kind auf den Arm und trug es nach Hause. Dort reinigte ich seine Knie und verband sie. Hinterher bin ich so schnell wie möglich zum Kino gelaufen – aber du warst nicht mehr da. Du hättest ruhig auf mich warten können, Nigel.«

»Ich konnte ja schließlich nicht ahnen, dass du dich inzwischen als barmherzige Schwester betätigen würdest!«, verteidigte sich Nigel nicht ganz zu Unrecht. »Na ja. Wie auch immer – fürs Kino ist es jetzt jedenfalls zu spät.«

»Was ist denn hier inzwischen passiert?«, erkundigte sich das junge Mädchen. »Was macht der Krankenwagen hier, der eben an mir vorbeigefahren ist? Hat es einen Unfall gegeben?«

»Nein. Ein Mann scheint in seinem Wagen plötzlich krank geworden zu sein. Er ist am Steuer zusammengebrochen«, erläuterte Nigel. »Ich habe ihn vor ungefähr zehn Minuten entdeckt. Bruce und ich waren gerade unterwegs, um ihm zu helfen. Aber inzwischen war die Polizei schon eingetroffen. So sind wir lieber wieder umgekehrt.«

Heather äußerte nichts dazu, und schweigend gingen sie zum Weißen Tor.

Als sie es erreicht hatten, kam gerade ein junges Mädchen heraus – ein Mädchen mit einem seltsam verkrampften, ungeschminkten Gesicht und blondem, tief im Nacken zu einem altmodischen Knoten geschlungenen Haar. Es war das Mädchen, welches Peter Earnshaw am frühen Abend vor dem großen Haus auf dem Hügel gesehen hatte.

»Guten Abend, Mr. Haversham!«, grüßte sie höflich. »Ich war gerade bei Ihrer Frau. Ich habe sie gefragt, ob sie nicht irgendetwas hätte, was sie mir für unseren Bazar geben könnte. Sie war so nett, mir zu versprechen, ein paar Sachen herauszusuchen.

»Sie sind ein gutes Mädchen, Miss Proben!«, lobte Bruce. »Sie wissen, wir sind immer bereit, der Kirche zu helfen.«

»Oh! Sie sind so gütig«, gab das Mädchen zurück. »Mein Vater wird sich sicher sehr freuen!«

Sie wünschte ihnen eine gute Nacht, und Nigel konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, als sie zum Haus hinaufgingen.

»Der erste Diener ihres Vaters«, spöttelte er. »Ein Jammer um das Mädchen! Ethel könnte bildhübsch sein, wenn sie ihr Haar abschneiden und sich die Lippen schminken würde. Ein bisschen Make-up würde Wunder wirken. Herrje! Und was für ein Eisberg sie ist!«

»Du scheinst dich ja recht intensiv mit ihr beschäftigt zu haben, Nigel«, meinte Heather. »Ich wusste gar nicht, dass du die Tochter des Pfarrers überhaupt kennst. Ein attraktives Mädchen, wie? Findest du das eigentlich wirklich?«

»Bei euch Mädchen ist doch mehr oder minder alles nur eine Frage des Make-up«, entgegnete Nigel und hängte seinen Regenmantel in der Diele auf. »Natürlich kenne ich die Tochter vom Pfarrer. Die kennt doch jeder. Sie ist doch ewig in guten Werken unterwegs. Sie hat eine ausgezeichnete Figur. Wenn sie sich nur ein bisschen netter anziehen und mal zum Friseur gehen würde, stäche sie manches andere Mädchen aus.«

»Was für einen Unsinn du bloß wieder daherredest, Nigel«, wies ihn Bruce Haversham zurecht, dem es nicht entgangen war, dass seine Nichte anfing, sich ernstlich zu ärgern. »Warum musst du denn immer solche Sachen sagen?«

»Was für Sachen?«, fragte Netta, die in diesem Augenblick in der Tür zum Wohnzimmer auftauchte. »Hat Nigel mal wieder Unsinn geschwätzt? Hallo – da bist du ja auch, Heather! Was ist denn mit dir passiert?« Ihre Tante musterte das junge Mädchen mit erstaunt hochgezogenen Augenbrauen. »Du bist ja ganz schmutzig. Und was ist nun mit dem Mann im Wagen los, Bruce?«

»Oh, als wir ankamen, war die Polizei bereits an Ort und Stelle. Da haben wir uns nicht weiter eingemischt. Aber ich bin vorhin nicht einmal dazu gekommen, meinen Kaffee auszutrinken. Hast du noch welchen für mich?«

»Reichlich. Ich habe gerade frischen aufgegossen.«

Netta betrachtete Heather Craig immer noch mit demselben neugierigen und zugleich verwunderten Blick. Schließlich erzählte diese ihre ganze Geschichte noch einmal von vorn. Wie sie den kleinen Jungen mit den auf geschlagenen Knien gefunden, nach Hause gebracht und verbunden hatte. Netta äußerte nichts dazu, zog jedoch abermals die Augenbrauen hoch.

»Heute scheint eben alles verquer zu gehen«, stellte sie gelassen fest. »Für euch zwei ist es jetzt zu spät fürs Kino. Und Bruce hat den Anfang vom Varietéprogramm im Fernsehen verpasst. Das einzige, was ich euch als Trost anbieten kann, ist eine Tasse Kaffee.«

Nigel warf einen Blick auf seine Armbanduhr.

»Halt, Liebling!«, wandte er sich an Heather. »Zieh deinen Mantel gar nicht erst aus. Wenn wir uns beeilen, kommen wir vielleicht gerade noch zum Hauptfilm zurecht.«

 

Inspektor Dillon, der Chef der Polizeistation von Norsham, ließ den Streifenwagen am Bush in Raydons Hill South halten und stieg aus. Er war ein hochgewachsener, breitschultriger Mann. Und augenblicklich war er ausgesprochen schlechter Laune. Er hatte gerade nach Hause gehen wollen, als die Meldung einging. Ein toter Mann war in einem abgestellten Wagen entdeckt worden. Zwei Minuten später – und Dillon wäre schon auf dem Heimweg gewesen, und dann hätte jemand anders die Sache bearbeiten müssen.

»Also, Stokes, was ist hier los?«, erkundigte er sich und erwiderte den Gruß des neben dem Riley postierten Polizeiwachtmeisters. »Ein Herzschlag?«

»Ich glaube nicht, Sir«, antwortete der Wachtmeister. »Sieht mir eher wie ein Selbstmord aus. Beugen Sie sich mal durchs offene Fenster hinein, Sir. Da ist so ein eigenartiger Geruch.«

Der Inspektor warf dem jungen Beamten einen zweifelnden Blick zu, steckte seinen Kopf aber doch durch die Fensteröffnung hinein und schnüffelte.

»Hmm! Riecht nach Bittermandel«, konstatierte er.

»Offenbar Blausäure, Sir«, verkündete Stokes unheilvoll.

»Sie könnten recht haben«, gab sein Vorgesetzter zu. »Sind Sie sicher, dass der Mann tot ist? Haben Sie irgendetwas berührt?«

»Nein, Sir. Ich habe mich nur überzeugt, dass er bestimmt tot ist. Den Krankenwagen habe ich wieder weggeschickt. Sie konnten ja doch nichts mehr für ihn tun. Der Arzt muss gleich da sein.«

»Passen Sie auf, dass Sie die Türen nicht berühren!«, warnte der Inspektor. »Überhaupt nichts, weder das Armaturenbrett noch den ganzen Wagen. Wir müssen ihn auf Fingerabdrücke untersuchen. Routinesache. Weshalb musste der Bursche denn nun bloß seinen Wagen erst hierher fahren und das Gift mitten auf einer öffentlichen Straße schlucken. Das ist doch absurd. Konnte er sich nicht zu Hause in seinen vier Wänden umbringen?«

»Wir wissen bereits, wer der Mann ist, Sir.«

»Tatsächlich?«

»Nun, seinen Namen kennen wir allerdings nicht. Aber wir haben ihn in seinem Wagen hier schon öfter herumfahren sehen«, gab Stokes Auskunft. »Den kennen wir! Ist immer abends unterwegs... oder war es zumindest, bis jetzt. Jetzt ist es aus und vorbei damit. Einer von diesen üblen Schürzenjägern, Sir.«

»Könnten Sie sich nicht vielleicht etwas klarer ausdrücken, mein Sohn?«

»Na, Sie kennen das doch, Sir. Kurvt hier nachts herum und spricht die Mädchen an. Bei uns sind schon einige Beschwerden eingegangen. Ordentliche junge Mädchen schätzen so was gar nicht.«

»Na ja. Seinen Namen dürften wir kennen, sowie wir ihn durchsucht haben – im Führerschein muss er ja stehen. Wo bleibt denn bloß der Doktor? Der müsste doch schon lange hier sein! Hätte eigentlich vor mir da sein sollen. Eine scheußliche Nacht.«

Dillon spähte verärgert die neblige Straße entlang. Ein paar Passanten waren neugierig stehengeblieben, dann aber weitergegangen. Nichts verriet ihnen, dass sich hier eine Tragödie ereignet hatte. Bloß ein Wagen, der falsch geparkt hatte – oder so etwas. Die Polizei war ja ständig hinter diesen armen Autofahrern her...

Ein Wagen näherte sich und hielt unmittelbar hinter den beiden Polizeiautos. Dr. Bradley, der Polizeiarzt des Reviers, war bei einer Bridgepartie gestört worden. Er war gereizt und unfreundlich. Nachdem er den Toten flüchtig untersucht hatte, änderte sich sein Verhalten jedoch schlagartig.

»Da stimmt etwas nicht, Dillon«, erklärte er verwirrt. »Lassen Sie mal einen Ihrer Leute meine Taschenlampe halten. So, dass sie auf den Körper zeigt. Ja, richtig. Da haben wir’s!«

»Was denn?«

»Pst – gleich. So halten Sie doch die Lampe still!«

Vorsichtig zog der Arzt den Körper Peter Earnshaws vom Steuerrad zurück, sodass er gegen das Polster lehnte. Das verzerrte Gesicht des Toten war ein höchst unerfreulicher Anblick. Es lag ein Ausdruck von fassungslosem Entsetzen und qualvollem Schmerz darin.

»Zweifelsohne Blausäurevergiftung«, schnaubte der Arzt, der immer noch einen grüblerischen Eindruck machte. »Eine Ampulle... er hat winzige Scherben einer Ampulle im Mund.«

»Donnerwetter – das ändert einiges!«, fuhr Inspektor Dillon auf. »Blausäurekapseln! Das haben doch die Nazigrößen gegen Ende des Krieges benutzt, um sich der Gerechtigkeit zu entziehen! Ich möchte bloß wissen, wie dieser Bursche zu Blausäurekapseln gekommen ist? Ich dachte, an so was käme man gar nicht dran.«

»Sie setzen immer voraus, dass der Mann Selbstmord begangen hat«, wandte Dr. Bradley stirnrunzelnd ein. »Ich bin mir dessen nicht so sicher. Da, sehen Sie doch! Da, auf der Backe hat er Lippenstift... und auf dem Mund auch. Der eine Abdruck ist ganz deutlich, offensichtlich stammt er von einem Kuss. Ein grausiger Anblick auf dem Gesicht eines Toten, nicht?«

»Scheußlich!«, murmelte der andere.

»Und dann ist da noch etwas. Schokolade.«

»Was?«

»In seinem Mund finden sich Spuren von Schokolade.« Der Doktor war augenscheinlich selbst verwundert. »Mit anderen Worten, die Giftampulle muss mit Schokolade überzogen gewesen sein... eine phantastische Angelegenheit.«

»Na, also – hören Sie! Sie wollen mir wohl einen Bären aufbinden?«

»Würde Ihrer Meinung nach ein Mann, der beabsichtigt, Selbstmord zu begehen, die Giftampulle vorher noch mit Schokolade überziehen?«, führte Bradley seine Theorie weiter aus. »Das wäre doch absurd! Finden Sie nicht, dass das Ganze mehr nach Mord aussieht? Diese Lippenstiftmale... offenbar hat er ein Mädchen im Wagen gehabt.«

»Halt, einen Augenblick mal!«, rief der Inspektor aufgeregt. »Uns ist da einiges über den Mann bekannt... er war ein Schürzenjäger... einer, der sich die Mädchen von der Straße holt. Sie kennen doch diesen Typ. Ekelhafte, unerfreuliche Kerle. Gut möglich, dass ihm eines von diesen Mädchen plötzlich den Garaus gemacht hat. Er sprach sie, ohne es zu wissen, ein zweites Mal an, ließ sie einsteigen, und sie bot ihm die vergiftete Schokolade an. Nichtsahnend biss er hinein – und da haben wir die Bescherung.«

»Gewiss, das wäre möglich. Aber für wahrscheinlich halte ich es nicht«, widersprach Bradley zweifelnd. »Nach der Leichenöffnung werden wir zweifelsohne Genaueres wissen. Alles, was wir im Moment sagen können, ist, dass die ganze Sache verdammt verdächtig aussieht. Diese Schokoladenspuren im Mund des Toten schließen einen Selbstmord mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit aus.«