Die Geister der Unordnung - Christine Gollon - E-Book

Die Geister der Unordnung E-Book

Christine Gollon

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Beschreibung

Argwöhnisch gegenüber den ihn umgebenden Personen zieht sich der junge Erwachsene Julian in seine von Drogensucht und Kriminalität geprägten Schattenwelt zurück. In dieser Hoffnungslosigkeit begegnet Julian Menschen, die hinter der Fassade des Junkies einen empfindsamen Jungen sehen und ihm Sympathien und Vertrauen entgegen bringen. Es entsteht eine besondere Liebesbeziehung, die Julians Leben eine entscheidende Wendung geben kann ….

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Seitenzahl: 566

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Christine Gollon

Die Geister der Unordnung

Fast eine Liebesgeschichte

© 2016 Christine Gollon

Umschlag, Illustration:

Christine Gollon, Dr. Michael Lehmann-Kahler

Lektorat, Korrektorat:

Renate Schönberg, Dr. Michael Lehmann-Kahler

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

Paperback

978-3-7439-4934-8

Hardcover

978-3-7439-4935-5

e-Book

978-3-7439-4936-2

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Inhalt

Prolog

Kapitel 1 ~ Die Welt reinwaschen

Kapitel 2 ~ Die Abwesenheit des Lichtes

Kapitel 3 ~ Spatzen und Nachtigallen

Kapitel 4 ~ Was wäre wenn?

Kapitel 5 ~ Wege die sich kreuzen

Kapitel 6 ~ Mausgraumetallic

Kapitel 7 ~ Ein warmer Rücken

Kapitel 8 ~ Novemberregen

Kapitel 9 ~ Raureifnächte

Kapitel 10 ~ Het spookslotje

Kapitel 11 ~ Katerfrühstück mit Katze

Kapitel 12 ~ Die Geister der Unordnung

Die Geister der Unordnung ~ Teil I

Die Geister der Unordnung ~ Teil II

Die Geister der Unordnung ~ Teil III

Kapitel 13 ~ Toms langer Arm

Toms langer Arm ~ Teil I

Toms langer Arm ~ Teil II

Kapitel 14 ~ Sag es laut!

Sag es laut! ~ Teil I

Sag es laut! ~ Teil II

Kapitel 15 ~ Für immer, wie lange das auch sein mag

Epilog

Personen

Julian Sadeky

Saskia Sadeky, seine Schwester

Die Polizei (Rauschgiftdezernat)

Habbo Schröder, Hauptkommissar

Brandes, Kommissar

Toms Bande

Thomas „Tom“ Voss, Bandenchef

Peer Bülow & Ditmar Peters, seine Kumpane

Die Drogenberatungsstelle (Drobs)

Mic Jogweer, beratender Arzt

Jan und Hajo, seine Kollegen

Dr. Schlesinger, prakt. Arzt

Greetje, die alte Frau mit dem zweiten Gesicht

Prolog

Eine Frau im Jahr neunzehnhundertvierundsiebzig. Sie ist schwanger, der Vater des Kindes verlässt sie, als er von der Schwangerschaft erfährt. Schnell tritt ein anderer Mann in das Leben dieser Frau. Ein Mann, der schon seit einiger Zeit auf seine Chance gewartet hat. Die Frau - im dritten Monat nun - und des Trostes bedürftig, findet Gefallen an dem Mann und vor allem an dem Gefühl der Sicherheit, das er ihr gibt. Er ist nicht schlecht, dieser Mann, wenn er auch ein wenig zur Rechthaberei neigt.

Die Frau, denkt an das Kind in ihrem Leib, denkt daran, dass es ein Zuhause braucht, ein Dach über dem Kopf, Essen, Trinken, einen Vater. Und als der Mann ihr wenig später einen Heiratsantrag macht, denkt sie nicht lange nach und sagt ja.

Der Mann will die Frau, nicht das Kind, das sie unter ihrem Herzen trägt. Dieses Kind nimmt er als unvermeidliches Übel in Kauf, so wie ein Reisender einen Sitzplatz am Gang in Kauf nimmt, wenn der Zug überfüllt ist. Und so wie der Reisende hofft, dass vielleicht im Laufe der Fahrt ein Platz am Fenster frei wird, so hofft der Mann insgeheim, dass mit der Schwangerschaft vielleicht doch noch etwas schief geht, doch es geht nichts schief, zumindest nicht bis zu Julians Geburt.

An einem kalten Novembermorgen erblickt er das graue Licht des Tages. Ein gesunder, dunkelhaariger Junge mit melancholischen dunkelgrünen Augen. Er begrüßt die Welt nicht mit einem Schrei, er schweigt und sieht sich fragend um.

Zweieinhalb Jahre später bringt Julians Mutter ein zweites Kind zur Welt - Saskia. Ein zartes Wesen mit klaren hellen Augen und Haaren wie aus Sonnenlicht gesponnen. Der ganze Stolz des Vaters, die heimliche Freude der Mutter und Julians großes Glück, denn Saskia, so sehr sie sich auch äußerlich von Julian unterscheidet, ist auf diese Welt gekommen um ihrem Halbbruder zur Seite zu stehen. Sie ist seine beste Freundin, seine Verbündete, sein Trost. Sie schenkt ihm all ihre kindliche Liebe, ihre Energie, ihre Lebenslust. Sie ist die Fee, der Wirbelwind, das tosende Wasser. Sie lässt den stillen Julian vergessen, dass er als ungebetener Gast auf diese Welt gekommen ist. Sie zaubert ein Lächeln auf sein Gesicht und einen Schimmer der Hoffnung in seinen Blick.

Und überschattet von der Herrschsüchtigkeit des Vaters, von seiner Eifersucht, seinem Zorn, leben sie ihr Leben. Ein Leben des verborgenen Glücks, das sie hüten wie einen Schatz. Ein Reichtum aus endlosen Sommern mit duftenden Wiesen, als Wintern, tief und klar in denen der Schnee die Welt unter einer Schicht aus Puderzucker begräbt.

Julian ist Saskias großer Bruder, ihr Beschützer, ihr geduldiger Zuhörer. Nie wird er es leid ihre Fragen zu beantworten, nie ist er zu müde um ihr eine Geschichte zu erzählen und nie vergisst er das Fenster in ihrem Zimmer zu schließen und ihr zu versichern, dass sie keine Angst zu haben braucht, wenn es draußen gewittert oder stürmt und die Bäume vor dem Haus bedrohlich schwanken.

Und irgendwo, tief in Julians Inneren, gibt es fortan einen Ort, an dem es niemals dunkel wird, egal wie sehr sein Stiefvater ihn auch seine Verachtung spüren lässt, egal wie sehr sich seine Mutter ihm entzieht.

Julian konnte nicht ahnen, dass es dieses helle Licht sein würde, dieses Gefühl der Nähe, der Liebe, der Gegenwart seiner kleinen Schwester, das ihn Jahr später, in den finstersten der Höllen, am Leben halten würde.

Kapitel 1 ~ Die Welt reinwaschen

Der Mensch ist nicht in der Lage mehrere Dinge zur selben Zeit zu denken. Irgendwann, irgendwo hatte Julian diesen Satz einmal gelesen und er wusste, dass er nicht der Wahrheit entsprach.

Als er kurz nach Mitternacht die schwere Holztür ins Schloss fallen hörte, die Schritte und Stimmen auf der Treppe, da dachte er: endlich kommt Tom wieder, hoffentlich ist er nicht schlecht gelaunt und hoffentlich lässt er mich in Ruhe. Er dachte dies nicht nacheinander. Diese Gedanken waren ineinander verdreht, wie die einzelnen Fasern eines, mit der Zeit filzig gewordenen Wollfadens.

Julian kauerte sich auf die Kante seines Bettes und zog die Schultern hoch. Er hörte wie die Wohnungstür aufgeschlossen wurde. Er hörte fremde Stimmen im Flur und im Wohnzimmer nebenan. Er hörte das Blut in seinen Ohren rauschen. Er hörte seinen hastigen Herzschlag. Jemand rüttelte an der Zimmertür, drückte vergeblich die Klinke herunter.

„Öffnen sie sofort die Tür!“

„Sehr witzig“, murmelte Julian, dessen Stimme rau und heiser war, wie ein selten gespieltes Instrument. Eine Stimme die zu leise war, für die Männer auf der anderen Seite.

Mit einem Krachen flog die Tür auf und knallte gegen die dahinter liegende Wand. Julian blickte in die Läufe zweier Pistolen.

„Aufstehen! Hände über den Kopf!“, rief einer der beiden uniformierten Polizeibeamten, die sich nun in dem Raum drängten.

Julian blieb wo er war. Erstarrt bis auf ein leichtes Zittern.

„Aufstehen! Nun wird´s bald!“

Ein kleiner, untersetzter Mann mit kurzen, grauen Haaren um die beginnende Glatze, schob sich zwischen den beiden Polizisten hindurch und hielt Julian seine Dienstmarke entgegen. „Hauptkommissar Schröder. Kriminalpolizei. Würdest du die Güte haben aufzustehen und mir deinen Ausweis zu zeigen.“ Er klang gelangweilt.

Julian rührte sich nicht.

Schröder kam einen Schritt auf ihn zu und mustere ihn mit seinen grauen Augen.

„Nun, was ist?“

Julian ließ die muffige Bettdecke von seinen Schultern gleiten, schob dann langsam seine rechte Hand an dem metallenen Bettpfosten hoch. Die Handschelle machte ein leises Geräusch, als sie sich an einem der messingfarbenen Stege verfing, die quer zum Pfosten ein Gitter aus kleinen Rechtecken bildeten.

Schröder seufzte tief. Genau so hatte er sich seinen Abend nicht vorgestellt. Er hatte sich nur einen kurzen Überblick verschaffen wollen, ehe er diese Durchsuchung seinen Kollegen überließ. Er hatte einen langen Tag gehabt und sehnte sich nach einem heißen, schwer nach Lavendel und Rosmarin duftenden Bad. Er wollte das, was nach einem wieder einmal viel zu späten Dienstschluss von seinem Feierabend noch übrig war, genießen. Wie es aussah, würde daraus nun nichts werden.

„Tom... Tom hat die Schlüssel“, flüsterte Julian „Er... er trägt sie immer bei sich.“

Schröder zog einige kleine, beschriftete Plastiktüten aus der Tasche seiner verwaschenen Jacke, suchte die heraus, in der sich ein silberfarbener Schlüssel an einem Lederband befand, und befreite Julian von seiner Fessel.

„Gut“, sagte Schröder, nachdem er für ein paar Sekunden Julians wundgescheuertes Handgelenk betrachtet hatte „Da du ja offensichtlich deine Sprache wiedergefunden hast: Ich will wissen wie du heißt, wann du geboren bist und was in aller Welt du hier zu suchen hast.“

„Julian. Sadeky.“ Er buchstabierte seinen Nachnamen. „Eins. Elf. Fünfundsiebzig.“

Er hüllte sich wieder in die Decke, obwohl er wusste, dass das nicht gegen das Frieren helfen würde. Er sah an Schröder vorbei durch die Tür in das gegenüberliegende Wohnzimmer, in dem einige Männer damit beschäftigt waren die Einrichtung in ihre Einzelteile zu zerlegen.

„Wo ist Tom?“, wollte er wissen, doch nun war es Schröder, der schwieg.

Einer der beiden Polizisten ließ sein knarzendes Funkgerät sinken.

„Es gibt einen Julian Sadeky mit diesem Geburtsdatum, aber er ist nicht hier gemeldet.“

Julian nannte den Namen einer Straße und eine Hausnummer und mit einem kurzen Nicken bestätigte der Beamte seine Angaben.

„Gut Julian“, sagte Schröder. „Aber du hast mir immer noch nicht verraten was du hier zu suchen hast.“

Julian begriff nicht was das alles sollte: diese Polizisten, diese Fragen, das Gewühle im Wohnzimmer. Das Durcheinander von Gedanken in seinem Kopf verdichtete sich zu einem Knäuel, das im Rhythmus eines Herzschlages schmerzhaft gegen seine Schläfen hämmerte. Nur eine einzige Frage war noch klar zu erkennen. Es war die Frage, die sich Julian seit Minuten stellte und er richtet sie noch einmal an Schröder: „Wo ist Tom?“

Dem Kommissar war nicht entgangen, dass Julian immer stärker zitterte. Er schob die Ärmel von Julians langärmeligem T-Shirt hoch. Blaue Flecken, ein paar kleinere Wunden und zahlreiche Einstiche, genau das hatte Schröder befürchtet.

„Wir haben Thomas Voss heute Abend verhaftet“, kläre er Julian auf.

„Geschieht ihm recht!“, murmelte Julian und strich sich die Haare aus der Stirn. Ein maskenhaftes Grinsen legte sich auf seine bleichen Lippen. Sein wirres Hirn verspürte so etwas wie Genugtuung, bei dem Gedanken, dass Tom jetzt derjenige war, der die Handschellen trug. Sekunden später jedoch, wich die Schadenfreude dem Entsetzen: Tom würde nicht wiederkommen. Nicht heute Nacht, nicht morgen. Vielleicht die nächsten Jahre nicht.

Das schmerzende Knäuel in Julians Kopf, drohte seine Schädelknochen zu zersprengen. Gleichzeitig fühlte er, wie etwas seinen Hals zuschnürte, wie sich ein Ring um seinen Brustkorb legte. Die Luft, die er einatmete, schien sich mit jedem Atemzug zu verdichten, so wie sich Nebel verdichtet, an einem späten Novemberabend. Ihm wurde schwindelig und übel.

Wenn Tom nicht wiederkam, wer würde ihm sein Gift, seine Pillen geben? So sehr er Tom auch verabscheute, seine grausame Fürsorge war die einzige Konstante in seinem Leben gewesen. Kalte Angst kroch über Julians Rücken. Was, wenn sie ihn ebenfalls einsperren wollten?

„Ich... ich habe damit nichts zu tun. Ich ... er verkauft das Kokain... Er ... er versteckt es im Treppenhaus oder... oder im Klo unter dem Fensterbrett. Ich ... ich bin seit Jahren hier nicht alleine raus gekommen ... nur ... nur mit ihm ... oder den Freiern ... Immer diese Freier... alles für das Scheißkokain.“

Schröder gab einem seiner Kollegen ein Zeichen und dieser verließ daraufhin das Zimmer.

„Du willst mir also sagen, dass Voss dich hier gegen deinen Willen festhielt und dich dazu gezwungen hat, dass du dich prostituierst, damit er mit dem Geld seine Rauschgiftgeschäfte finanzieren kann?“, fasste Schröder Julians Gestammel zusammen, während er die Stirn in tiefe waagerechte Falten runzelte.

Julian nickte hastig. „Ich... sie müssen mir glauben.“

Schröder glaubte ihm, doch er sprach es nicht aus. Dazu war es noch zu früh. Er ging einige zähe Minuten lang vor dem Bett auf und ab.

Der Polizeibeamte kam in das Zimmer zurück und hielt Schröder eine Tüte entgegen in der sich mehrere, mit einem weißen Pulver gefüllte Tütchen befanden.

„Aus dem Bad“, kommentierte er. „Im Treppenhaus wird noch gesucht.“

Dann hielt er eine weitere Tüte hoch, in der leise einige Glasampullen klirrten. „Davon gibt es auch noch eine Menge.“

Schröder nahm die zweite Tüte an sich, um die Aufschrift auf den Etiketten zu lesen.

Das vertraute Geräusch der gegeneinanderstoßenden Ampullen bündelte das Chaos in Julians Kopf zu einem einzigen Gedanken.

„Geben sie mir eine. Nur eine einzige!“, sagte er tonlos, wobei er weder Schröder, noch den Polizisten ansprach. Es war keine Bitte, eher ein leises Gebet.

Schröder gab dem uniformierten Beamten die Tüte zurück und bat ihn das Zimmer zu verlassen.

„Ich fürchte das wird nicht gehen, Julian“, sagte er mit ruhiger Stimme.

„Aber... ich bin affig... seit verdammt vielen Stunden. Nur eine einzige!“

„Es tut mir leid, aber ich habe meine Vorschriften.“

Schröder setzte seinen Marsch durch das Zimmer fort.

„Ich möchte, dass du dir jetzt etwas anziehst und dann fahren wir erst einmal auf das Revier“, sagte er schließlich.

Julian sah den Kommissar finster an. „Und wozu soll das gut sein?“, schnaubte er. „Wollen sie mich auch in den Knast stecken? Oder wollen sie auf ihrem Scheißrevier ein wenig Spaß mit mir haben? Was muss ich tun für einen Druck? Wie haben sie es denn am liebsten: französisch, oder...“

„Nein!“, unterbrach Schröder ihn barsch. „Nein. Ich möchte nur in Ruhe mit der reden. Reden, verstehst du? Und jetzt zieh dich an.“

Er betrachtete Julian - ein verzweifeltes Bündel Wut und Sarkasmus. Zusammengehalten von dem Instinkt zu überleben. Die Woche, den Tag, oder wenigstens die nächste halbe Stunde. Und er hatte doch wirklich geglaubt einen Routineeinsatz vor sich zu haben. Hausdurchsuchung, Bericht und fertig...

„Komm, zieh dir was an“, versuchte es Schröder erneut, dieses Mal in einem freundlicheren Tonfall. „Ich werde versuchen einen Arzt auf das Revier zu holen.“

„Scheiß drauf!“, fluchte Julian.

Er glaubte Schröder kein einziges Wort. Doch er nahm an, dass sie die Ampullen mit auf die Wache nehmen würden. Er wollte da sein, wo das Gift war. Nur deshalb stand er auf, kramte eine verdreckte Bandage unter dem Bett hervor, legte sie um sein linkes Handgelenk und schloss die Klettverschlüsse. Nacheinander zog er Jeans, ein Sweatshirt und eine Jacke aus einem Haufen Wäsche und zog alles über die verschwitzte Leggins und das ebenso verschwitzte langärmelige T-Shirt das er trug.

Mit nackten Füßen schlüpfte er in ein Paar ausgetretene Turnschuhe. Schweiß rann ihn über die Stirn und seine Knochen beantworteten jede Bewegung mit einem dumpfen Schmerz des Protestes.

Er humpelte in das Wohnzimmer und ließ seinen Blick über das Durcheinander von Polizeibeamten in Uniform und in Zivil, über das Chaos von geöffneten Schränken und Schubladen, gleiten.

Nichts von dem was er sah, erreichte ihn wirklich. Sein pochender Schädel weigerte sich weiterhin beharrlich jede Art von Information zu verarbeiten, die nichts mit der Beschaffung von Substanzen zu tun hatte, die seinen Entzug lindern würden.

Er überlegte krampfhaft wo noch mehr Ampullen sein könnten -Toms Zimmer. Sicher gab es dort noch etwas zu holen. Dass der Kommissar ihm folgte wie ein treuer Hund, interessierte Julian nicht.

Der Geruch von Leder und abgestandenem Schweiß, nahm Julian für Sekunden den Atem. Toms Zimmer war winzig und in dem Raum herrschte das gleiche Chaos wie im Wohnzimmer - mit dem einzigen Unterschied, dass die Beamten mit ihrer Durchsuchung noch nicht bis hier her vorgedrungen waren.

Als Julian sich bückte, um einige Kartons unter dem Bett hervorzuziehen, griff Schröder an seine Dienstwaffe. Er hatte Julian zwar im Geiste schon für `relativ harmlos´ erklärt, aber man konnte trotzdem nicht vorsichtig genug sein.

Julian kippte einen Karton mit Videokassetten auf Toms Bett und schüttete aus einem zweiten eine große Anzahl von Polaroidfotos hinzu.

„Das da, sollten sie auch mitnehmen, wenn sie schon dabei sind.“

Schröder sah einige der Fotos an und nickte stumm.

Julian begann damit den Kleiderschrank auszuräumen.

„Du machst unsere Arbeit“, sagte Schröder.

Julian hörte nicht hin. Er hatte endlich gefunden wonach er gesucht hatte.

„Ich bin mir sicher, dass Tom die hier am meisten vermisst“, sagte er mit rauer Stimme und reichte Schröder eine mit dunkelblauem Kunstleder überzogene Schachtel, in der sich Toms Revolver befand.

Dann bückte er sich und fischte zwei Tablettenschachteln mit der Aufschrift Rohypnol aus dem Wust von Kleidungsstücken der auf dem Fußboden verteilt war. Er wog die Schachtel in seiner Hand. Schwer genug, stellte er erleichtert fest. Wenigstens etwas.

Er klemmte eine der Schachteln zwischen die Zähne und öffnete sie. Hastig drückte er drei der Tabletten aus dem knisternden Kunststoff und schluckte sie hinunter. Dann verstaute er die Schachtel seelenruhig in seiner Jackentasche.

„Können wir jetzt gehen?“

Schröder nickte schweigend und verstieß damit gerade wieder einmal gegen eine seiner Dienstvorschriften.

Auf dem Revier angekommen, führte der Kommissar Julian in sein Dienstzimmer.

„Setz dich“, sagte er und deutete auf die zwei Holzstühle, die vor seinem Schreibtisch standen. Er warf seine Jacke auf die Garderobe und nahm den Telefonhörer in die Hand.

„Möchtest du etwas trinken? Kaffee, Tee, Kakao, Wasser?“ fragte er während er wählte.

„Kakao“, murmelte Julian, „und... ich hätte gerne eine Zigarette.“

Julian ließ seinen Blick durch den Raum schweifen. Die Einrichtung bestand aus dem Schreibtisch, vor dem er jetzt saß, aus eben jenen zwei Stühlen, aus zwei Aktenschränken und aus dem bequemen Schreibtischsessel in den Schröder sich gerade hineinfallen ließ. Alles war schlicht, solide und abgenutzt.

Auf der Fensterbank rangen einige Usambaraveilchen um ihr Leben. Vermutlich litten sie unter der Farbe der Wände. Eine Farbe, irgendwo zwischen grün und gelb und garantiert abwaschbar.

Eine Farbe die so aussah, als könne sie nirgendwo anders existieren als in solchen Dienstzimmern und vielleicht auch noch in der geschlossenen Abteilung einer psychiatrischen Klinik. Der nagelneue Computer auf Schröders Schreibtisch wirkte in dem bodenständigen Design der Sechzigerjahre wie ein Fremdkörper.

„... und Brandes, versuche Dr. Schlesinger her zu bekommen. Sage ihm, es ist dringend.“

Schröder legte den Hörer auf die Gabel zurück und putzte dann ausgiebig seine Brille. Er wusste nicht so recht, was er mit Julian anfangen sollte. Er schien ein nützlicher Zeuge zu sein. Die Bereitwilligkeit mit der er die Verstecke für das Kokain und die anderen Beweismittel preisgegeben hatte, ließ zumindest darauf hoffen. Aber was für eine Rolle spielte er im Leben von Voss? Voss hatte ihn mit keiner Silbe erwähnt, obwohl es ja tatsächlich so aussah, als ob Julian nicht erst seit einer Woche in der Wohnung lebte. Welche Verbindung gab es zwischen Voss und Julian? Und war der junge Junkie nur so kooperativ um seinen Hals zu retten?

Schröder schob sich die Brille wieder auf die Nase und sah Julian an, der mittlerweile auf dem Stuhl in sich zusammengesunken war, weil das Schlafmittel endlich etwas von seiner Wirkung zeigte.

„Kannst du mir sagen, was das mit den Handschellen zu bedeuten hatte?“

Julian hob seinen Kopf, blies sich die Haare aus dem Gesicht und fixierte Schröder aus dem Augenwinkel heraus.

„Das macht Tom immer, bevor er weggeht.“

Er ist ziemlich an das Zeug gewöhnt, dachte Schröder. Drei Rohypnol reichten normalerweise aus um einen erwachsenen Menschen für mindestens Zwölf Stunden in einen Schlaf am Rande der Bewusstlosigkeit zu schicken und ihn dann noch für einen weiteren Tag reichlich zu beschäftigen. Julian wirkte nicht müde, eher gelangweilt. Nur die etwas schleppende Aussprache deute auf die Chemikalie in seinem Blut hin.

In diesem Moment platzte Brandes in das Zimmer und stellte die Getränke auf den Tisch. Zerknirscht stellte Schröder fest, dass sein junger, stets gut aussehender, stets gut gekleideter Kollege, selbst um diese Uhrzeit noch unerträglich frisch wirkte.

„Ich wusste gar nicht, dass du wieder rauchst“, bemerkte Brandes schnippisch und hielt Schröder eine Schachtel West und ein Feuerzeug hin.

„Tue ich auch nicht“, brummte Schröder und schob Julian Zigaretten und Feuerzeug über den Tisch. „Hast du den Arzt erreicht?“

Brandes zuckte mit seinen Schultern.

„Da läuft nur der Anrufbeantworter - es ist immerhin gleich zwei Uhr durch.“

„Danke, dass du mich daran erinnerst“, knurrte Schröder und bildete sich für einen Augenblick ein, den schweren Duft von Lavendel und Rosmarin zu riechen.

„Dann ruf den ärztlichen Notdienst an. Sag denen wir haben hier einen Junkie auf Entzug.“

Brandes musterte Julian kurz.

„Ich denke nicht, dass ein Junkie auf Entzug ein Notfall ist.“

„Du sollst auch nicht denken Brandes. Du sollst einfach nur das tun, was ich dir sage.“

„Jawohl, Chef!“

Brandes salutierte grinsend und ging hinaus.

Schröder nahm einen großen Schluck von seinem Kaffee.

Julian hatte sich inzwischen eine Zigarette angesteckt und blies den Rauch in Schröders Richtung.

Schröder räusperte sich.

„Gut Julian. Ich möchte, dass...“

„Gah!“, fauchte Julian, dem die Entzugsschmerzen mittlerweile ohne Pause an den Knochen nagten wie eine Meute hungriger Ratten. „Ich habe keine Lust auf irgendwelche beschissenen Frageund Antwortspielchen. Sie wollen wissen was ich in dieser Scheißwohnung zu suchen hatte? Was ich mit Tom zu tun hatte?“

Er wartete gar nicht erst auf eine Antwort. Er wollte sagen was er zu sagen hatte. Er hoffte, dass es vielleicht helfen würde sein Leiden zu verkürzen - auch wenn er nicht die geringste Vorstellung hatte wie.

„Als ich fast fünfzehn war, bin ich von Zuhause weg - na ja, was man so Zuhause nennt. Ich lernte Tom kennen und er war nett zu mir. Er schenkte mir eine Menge Klamotten und anderes Zeugs und nahm mich dann mit in seine Wohnung. Ich war froh meinen Stiefvater nicht mehr sehen zu müssen.“

Er trank etwas von dem wässrigen Kakao und zog an seiner Zigarette. Seine Finger zitterten, doch er beachtete die Asche nicht, die auf seine Hose fiel.

„Tom kochte für mich, brachte mich oft zur Schule, oder holte mich von dort ab... ich habe doch wirklich gedacht, dass er mich mag... Na ja, irgendwie stimmte das wohl auch. Nur... nur das er etwas anderes darunter verstand als ich. Das wurde mir an dem Tag klar, als er zu ersten Mal eine Gegenleistung für die vielen Aufmerksamkeiten von mir verlangte.“

Julian starrte an die Wand hinter Schröders Schreibtisch. Er hasste dieses Gefühl der Nacktheit, das jetzt in ihm aufstieg. Er hasste es von sich zu erzählen, doch er ahnte, dass Schröder ihn nicht eher in Ruhe lassen würde, bis er wusste, was er wissen wollte.

„Was meinst du mit Gegenleistung?“, fragte Schröder dann auch prompt.

Für Sekunden erstarrte Julian in seinem Zittern, dann legte sich wieder dieses Grinsen auf seine Lippen. Es wirkte so unnatürlich, dass Schröder unwillkürlich an eine dieser geschnitzten Karnevalsmasken denken musste.

„Na was schon“, fuhr Julian mit tonloser Stimme fort, „er wollte mich ficken. Eigentlich stand er da gar nicht drauf... ich habe es erst später gemerkt... er hatte eine Freundin. Aber er tat es trotzdem. Es tat weh, doch ich dachte ich sei ihm etwas schuldig. Hinterher gab er mir zum ersten Mal eine Spritze und schob mir eine Handvoll Pillen in den Mund. Ich... ach Scheiße... Dann... dann brachte er ab und zu andere Männer mit die es auch mit mir tun wollten. Ich lief weg, aber Toms Leute fingen mich ein, als ich versuchte auf dem Bahnhof Geld für eine Fahrkarte zusammenzubekommen. Tom... er war sehr wütend und schlug mich. Er... er stieß mir sein Messer durch das Handgelenk und sagte, ich sollte das nicht noch einmal versuchen, denn das nächste Mal würde er mich töten. Ich hatte allen Grund ihm zu glauben“

Julian strich sich gedankenverloren über die bandagierte linke Hand, fast so, als würde sich sein Fleisch an die Misshandlung erinnern.

„Ich heulte und er schlug mich bis ich schwieg, gab mir mehr Gift und noch mehr Pillen, damit ich ruhig werde. Von diesem Tag na habe ich die Wohnung nicht mehr alleine verlassen. Nur mit Tom, mit Toms Freunden oder mit den Freiern.“

Julian trank noch etwas von dem Kakao und spürte ein unangenehmes Brennen in seinem Magen.

„Mit Toms Scheißkokain habe ich nichts zu tun. Ich musste nur genug Freier machen, damit er Geld dafür hatte. Ich bekam jetzt jeden Tag Gift und Pillen, ob ich wollte oder nicht. Wenn ich zu fertig war um Freier zu machen, verpasste er mir eine Dosis Koka.

Wissen sie was er dann immer sagte? Er sagte, dass sein gutes Kokain viel zu schade sei, für so einen Scheißjunkie wie mich, aber ich sei ja nun mal seine Kapitalanlage und in die müsse er investieren.“

Julian nahm noch einen Schluck aus seinem Becker. Sein Körper hielt nichts von der lauwarmen Brühe. Sein Körper wollte Gift. Das Brennen im Magen wurde stärker. Ihm wurde schlecht. „Ich... muss mal zum Klo“, murmelte er und wurde kreidebleich.

Rasch führte Schröder ihn einige Meter den Flur entlang, zu den Toiletten und wartete vor der Tür.

Er ließ fünf Minuten verstreichen, ehe er in die Toilette ging um nachzusehen, warum Julian noch nicht wieder herausgekommen war.

Julian lag ohnmächtig neben der Toilettenschüssel. Schröder rief Brandes zur Hilfe. Gemeinsam trugen sie Julian in den Sanitätsraum und betteten ihn auf eine Liege.

„Was ist mit ihm?“, wollte Brandes wissen.

„Wenn ich das wüsste, hätte ich dich nicht gebeten, einen Arzt zu holen.“

Als wäre dies das Stichwort gewesen, klopfte ein Mann an die offenstehende Tür.

„Dr. Schlesinger. Gott sei Dank“, sagte Schröder erleichtert.

„Guten Abend Herr Kommissar, oder sollte ich guten Morgen sagen? Ich hatte da eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter.“

Der Arzt stellte seine Tasche neben der Liege ab.

„Er ist siebzehn“, Schröder deutete auf Julian, seit ungefähr drei Jahren intravenös drogenabhängig und auf Entzug. Bis vor einigen Minuten war er noch bei Bewusstsein.“

Schlesinger tastete nach Julians Puls, leuchtete in seine Pupillen und zog sich dann Handschuhe über.

„Wissen sie was für Drogen er nimmt?“

Schröder hielt dem Arzt eine der leeren Ampullen hin, die er aus der Wohnung mitgenommen hatte. Schlesinger warf einen Blick darauf und seufzte.

„Schön“, sagte er, „bestes polnisches Drecksmorphin. Sonst noch etwas?“

„Nun, er hat vor etwa einer Stunde drei Rohypnol genommen.“

Schlesinger nickte.

„Hat einer von ihnen gerade nichts Besseres zu tun und kann mir ein wenig zur Hand gehen?“

„Ich mache das“, sagte Schröder ohne zu zögern und wandte sich seinem jungen Kollegen zu. „Brandes, sag dem Notdienst, das wir ihn hier nicht mehr brauchen und dann geh bitte nachsehen, ob die Kollegen von der Durchsuchung schon wieder da sind.“

Brandes rührte sich nicht von der Stelle.

„Worauf wartest du noch?“, knirschte Schröder ungeduldig.

Brandes grinste fröhlich.

„Du hast eben gerade tatsächlich bitte gesagt, Chef.“

Schröder schob Brandes zur Tür.

„Geh endlich!“, schnaubte er in gespieltem Zorn.

Schlesinger bat den Kommissar ihm zu helfen Julians Oberkörper freizumachen.

„Du meine Güte“, murmelte Schröder entsetzt, als sie Julian schließlich das T-Shirt auszogen. Eine große Prellung auf Julians linker Schulter leuchtete in allen Schattierungen von blau über violett bis hin zu einem fast perfektem Schwarz. Auch Oberarme und Brustkorb waren mit blauen Flecken übersät. Wunden und Abszesse vervollkommneten das Bild.

„Hatte er einen Unfall?“, fragte der Arzt.

„Ich fürchte nicht“, murmelte Schröder leise.

Schlesinger war gerade dabei den Reißverschluss von Julians Hose zu öffnen, als dieser leise zu stöhnen begann.

„Nein... lasst mich. Bitte... Ich will nicht“, murmelte er mit geschlossenen Augen, während er kraftlos und zitternd versuchte die Hände des Arztes von sich wegzuschieben.

„Wach auf Julian“, sagte Schröder, der ahnte, was in Julians Kopf vorging.

Julian riss seine Augen auf und starrte erst Schlesinger, dann Schröder an.

„Was macht dieser Typ an meiner Hose?“

„Dieser Typ“, sagte Schlesinger betont ruhig, „ist Arzt, und versucht gerade dich zu untersuchen. Und wenn´s recht ist, dann mache ich damit jetzt weiter.“

„Ich bin nicht krank. Ich bin nur affig“, protestierte Julian matt.

Der Arzt nickte gleichgültig und schob unbeirrt Julians Hose etwas herunter. Behutsam betastete er Julians Unterbauch, der genauso schlimm zugerichtet war, wie sein Oberkörper. Julian beantwortete die vorsichtigen Berührungen mit leisem Stöhnen.

„Hast du große Schmerzen?“, fragte der Arzt.

„Würde dir das gefallen?“, lautete Julians Gegenfrage.

Schlesinger ließ seine Hände sinken.

„Nur zu deiner Information: Ich bin seit fast 24 Stunden auf den Beinen. Ich bin müde, hungrig und nicht gerade bei bester Laune. Wir können uns jetzt gegenseitig das Leben schwer machen, was damit enden wird, das ich wieder gehe und du dann eben sehen musst wie du zurechtkommst. Ich kann aber auch versuchen dir zu helfen. Dann erwarte ich allerdings ein wenig Mitarbeit deinerseits. Hast du das soweit verstanden?“

Julian sah an die Zimmerdecke. „Ja“, flüsterte er.

„Wie viele von diesen Ampullen gibst du dir am Tag?“, fragte Schlesinger, während er mit einem kleinen silberfarbenen Hämmerchen nacheinander Julians Gelenke abklopfte.

„Vielleicht... vielleicht sieben oder acht.“

Der Arzt nickte und leuchtete nochmals mit der kleinen Taschenlampe in Julians Augen. Schließlich hielt er seinen rechten Zeigefinger vor Julians Gesicht und forderte Julian auf diesen Finger anzusehen. Mühsam folgten Julians Blicke dem hin und her pendelnden Finger des Arztes.

„Eben auf der Toilette, was war da los?“, wollte der Arzt wissen, als er seine Hand wieder sinken ließ.

„Ich musste mich übergeben. Mehr weiß ich auch nicht.“

„Ist dir öfters schlecht? Erbrichst du manchmal Blut?“

Julian nickte und sah den Arzt müde an. Beharrlich beantwortete sein Körper jeden Atemzug mit einem quälenden Schmerz. Er hatte genug, absolut genug.

„Bitte...“, flüsterte er.

Schlesinger band Julians rechten Unterarm ab und legte ihm eine Braunüle auf den Handrücken. Dann kramte er in seinem Koffer nach einer kleinen braunen Glasflasche, goss etwas von deren Inhalt in einen Plastikbecher, gab einen Schuss Leitungswasser dazu und hielt Julian den Becher hin.

„Trink - das ist gegen den Entzug“, sagte er knapp.

Mühsam richtete sich Julian etwas auf, kippte den Inhalt des Bechers herunter. Er verzog sein Gesicht. Sein Magen drohte sich erneut umzudrehen, als sich die beißend bittere Flüssigkeit in ihm breitmachte. Mit aller Kraft kämpfte er den aufkommenden Brechreiz nieder.

„Ich würde ihm etwas gegen die Schmerzen geben, aber er ist dann vermutlich nicht mehr vernehmungsfähig.“

Schlesinger sah den Kommissar an.

„Das ist schon in Ordnung“, sagte Schröder, der immer noch auf Julians geschundenen Körper starrte.

Schlesinger zog eine Spritze auf.

„Das Beste wäre wenn er in ein Krankenhaus geht“, bemerkte er.

„Nein!“, rief Julian entsetzt „Ich will in kein verdammtes Scheißkrankenhaus! Es geht mir gut.“

„Ja, ja“, sagte der Arzt resigniert und drückte den Inhalt der Spritze langsam in die Braunüle.

Fürs Erste erlöst von seinem Elend, schlief Julian keine halbe Minute später ein.

Schlesinger fuhr mit seiner Untersuchung fort, versorgte die Wunden, die Abszesse, die Prellungen. Bevor er sich die Hände waschen ging, überprüfte er noch einmal Julians Pulsschlag und seinen Blutdruck.

„Sie werden einen Bericht schreiben, was wird in diesem Bericht stehen?“

Schröder kannte den Arzt gut genug um solche Fragen stellen zu können.

„In meinem Bericht wird stehen, dass dieser Junge übel misshandelt wurde, und das nicht erst die letzten drei Wochen. Ferner wird dort stehen, dass er vermutlich ein Magengeschwür, einen chronischen Darminfekt und mit ziemlicher Sicherheit eine Virushepatitis hat. Er hat geschwollene Lymphknoten und ich empfehle einen HIV-Antikörpertest, falls er den noch nicht gemacht hat. Er hat mindestens zehn Kilo Untergewicht und neben seiner partiell gehlähmten Hand ziemlich miese Reflexe. Vermutlich die Folge wiederholter Gewalteinwirkung, aber ich bin kein Neurologe...“

Schlesinger packte die Untersuchungsgeräte in seine Tasche und füllte eine Krankenhauseinweisung aus.

„Was nicht in meinem Bericht stehen wird ist, dass ich den Menschen die ihm das angetan haben die Pest an den Hals wünsche.“

Er reicht Schröder die Einweisung.

„Er ist reichlich geschwächt. Es wird noch jemand vorbeikommen, der ihm eine Infusion gibt und solange bleibt wie sie durchläuft. Das Polamidon, das er geschluckt hat wird 24 Stunden wirken... das heißt wenn er es in der nächsten Stunde nicht erbricht. Sollte es ihm schlechter gehen, bringen sie ihn in ein Krankenhaus oder rufen sie die 112 an. Ich kann hier nichts mehr für ihn tun.“

Er reicht Schröder noch eine 20er Schachtel Diazepam.

„Können sie nicht auch noch etwas von dem Polamidon für ihn dalassen?“, fragte Schröder zögernd.

Schlesinger sah ihn erstaunt an.

„Ein Hauptkommissar des Rauschgiftdezernates bittet mich um Stoff für einen Junkie? Ich dachte gerade sie kennen die BTM-Gesetze.“

„Ich kenne sie“, seufzte Schröder.

Er sah Julian an, der in dem gleichgültigen Neonlicht so bleich war, wie das Laken, auf dem er lag.

„Er hat drei Jahre Handschellen hinter sich, drei Jahre Gewalt, drei Jahre Prostitution. Ich denke er hat nicht die leiseste Ahnung wie man im wirklichen Leben klarkommt.“

Schlesinger drückte Schröder drei der kleinen braunen Glasfläschchen in die Hand.

„Er soll das Zeug auf keinen Fall spritzen. Machen sie ihm das klar. Er soll es trinken, mit Wasser verdünnen und trinken. Jeden Morgen eine.“

Schlesinger schloss seine Tasche, schüttelte Schröder die Hand und ging zur Tür. Dort drehte er sich noch einmal um.

„Eine Frage noch: warum bemühen sie sich so um diesen Jungen?“

Schröder zögerte für einige Sekunden, dann sagte er: „Vielleicht weil ich das Gefühl habe ich müsste ihm helfen.“

Der Arzt lächelte mitleidig.

„Denken sie nicht, dass sie damit ein wenig spät dran sind?“

Nachdem Schröder einen leeren Eimer und eine Flasche Mineralwasser neben die Liege gestellt hatte deckte er Julian mit zwei

Wolldecken zu. Dabei fiel die schmutzige Bandage auf den Fußboden. Schröder hob sie auf, legte sie in das Waschbecken und ließ warmes Wasser und Flüssigseife darüber laufen.

Während er tief in seine Gedanken versunken die Seifenlauge aus der Bandage drückte und zusah, wie das graubraune Wasser gurgelnd im Abfluss verschwand, kam Brandes zurück. Er stellte sich neben Schröder und beobachtete in eine Weile.

„Kannst du mir sagen, was um Himmels Willen du da tust?“, fragte er schließlich.

Schröder stellte das Wasser ab, drückte die Bandage noch einmal am Rand des Waschbeckens aus, ehe er sie in ein Handtuch wickelte und auf die Heizung legte.

„Ich versuche ein winzig keines Stück der Welt reinzuwaschen.“

Brandes sah ihn verständnislos an. Schröder legte ihm eine Hand auf die Schulter.

„Ach, Brandes“, seufzte er. „Vielleicht wirst du das verstehen, wenn du diesen Job hier so lange gemacht hast wie ich.“

Brandes zuckte mit den Schultern.

“Sollen ihn die Kollegen in eine der Zellen bringen?“, fragte er dann und deutete mit dem Kinn auf die Liege, auf der Julian ruhig und fest schlief.

Schröder lächelt mild.

„Brandes, ich fürchte du brauchst noch zehn Jahre länger.“

Er schob seinen Kollegen vor sich her, aus dem Zimmer.

Schröder zwang sich eine halbe Stunde lang einen Querschnitt durch Toms Videosammlung anzusehen, dann schlich er sich aus dem abgedunkelten Raum und überließ die Filme und die Polaroidfotos seinen Kollegen von der Sitte.

Er fuhr mit dem Fahrstuhl drei Stockwerke höher und öffnete auf dem verlassenen, nach Bohnerwachs und Akten riechenden Flur eines der schweren Holzfenster. Er sog die klare, kalte Nachtluft tief in seine Lungen wie den Rauch einer Zigarette.

Sicher war es sein Job. Seit mehr als dreißig Jahren war es sein Job. Er gehörte noch zu der Generation von Kommissaren, die sich langsam aber unbeirrbar hochgearbeitet hatten. Er war Streife gelaufen, hatte endlos viele Protokolle über Ladendiebstähle und verschwundene Fahrräder geschrieben, um sie auf den Haufen der Fälle zu werfen, die zu zahlreich und zu unwichtig waren, als das sich jemand ernsthaft um ihre Aufklärung bemühen würde.

Es war sein Job. Er war Polizist geworden. Schutzpolizei, dann Kriminalpolizei, Einbruchdezernat, Fahndung, Drogendezernat. Er hatte sich zum Hauptkommissar hochgearbeitet. Er hatte alles erreicht, wovon er als Jugendlicher geträumt hatte. Hatte er das wirklich?

Je mehr er von dem Dreck, dem Elend und der Gewalt in dieser Stadt zu sehen bekam, die jetzt so harmlos und friedlich unter ihm ihr Licht verstreute, je mehr zweifelte er an dem was er tat. Und oft genug fühlte er sich, als würde er versuchen eine Flut aufzuhalten, indem er Eimer für Eimer Wasser in irgendeinen Ausguss schöpfte.

Unten auf der Straße heulte ein Martinshorn auf und Schröder sah dem Streifenwagen nach, der in östlicher Richtung davonbrauste. Ein Einbruch? Ein Raub? Eine Messerstecherei? Wieder einmal ein Drogentoter? Er hatte so viele gesehen in den vergangenen Jahren. Einige mit dem Gesicht eines Gespenstes, mager, durchsichtig, mit entseelten, leeren Augen. Manche mit Kindergesichtern. Junge, lebendig wirkende Augen, die ihn fragend und vorwurfsvoll ansahen. Er hatte sich nie an die Anblicke gewöhnt. An die ungezählten Leichen im Kühlraum der Pathologie, die niemand vermisste, für die sich niemand interessierte, außer den Angestellten der Sozialbehörden, die für die Kosten der Beerdigungen aufkommen mussten.

Und dieser Junge, der dort unten im Sanitätsraum schlief, würde er auch eines Tages so enden, mit einem Plastikschild am großen Zeh? In einem Monat? Einem Jahr? Einem Jahrzehnt? Würde jemand an seinem Grab stehen, um ihm als letzten Gruß einen Strauß Blumen auf den Sarg zu legen, oder würde man ihn still verscharren, wie den Kadaver einer überfahrenen Katze? Ging ihm sein Schicksal so nah, weil er im Stillen dachte, er hätte es verhindern können - mehr noch, es verhindern müssen?

Die letzten Worte des Arztes gingen hm nicht mehr aus dem Kopf.

Nach Jahrzehnten Dienstzeit hätte er sich damit abgefunden, dass es schon ein Erfolg war, einen der zahlreichen Fälle aufzuklären und den Schuldigen zu verhaften, damit er sich dem Verfahren stellen musste. Für Idealismus war in seinem Job kein Platz.

Aber war das jetzt noch wichtig? In einem knappen halben Jahr würde er in den Ruhestand gehen. Dann würde er in seinem Häuschen in der Toskana sitzen, er würde endlich Zeit haben um ein Buch bis zur letzten Seite durchzulesen, während sich seine Frau um ihre zahlreichen Kübelpflanzen kümmerte. Und in den Ferien und an so manchem Feiertag würden die beiden Söhne und die Tochter, die Schwiegertochter, der Schwiegersohn und die beiden Enkelkinder sie besuchen kommen. Eine Idylle. Aber an manchen Tagen - das wusste Schröder jetzt schon - würde die Erinnerung an diese dreckige Stadt wie ein kleines, dunkles Gewitterwölkchen über seinem Kopf hängen...

Noch einmal atmete Schröder tief ein, dann schloss er das Fenster und ging nach unten. Er sah noch einmal nach Julian und legte sich schließlich auf die unbequeme Couch im Aufenthaltsraum.

Als Schröder am frühen Morgen von einem Gespräch mit dem Staatsanwalt zurückkehrte, war die Liege im Sanitätsraum leer. Genervt schlug Schröder die Tür zu.

„Brandes!“, brüllte er über den Flur.

Sein junger Kollege steckte vorsichtig den Kopf aus seinem Zimmer.

„Brandes. Wo zum Teufel steckt der Junge.“

„Er ist bei der Erkennungsdienstlichen.“

„Welcher Idiot hat das angeordnet!“ schnaubte Schröder wütend.

„Ähm...“ Brandes sah interessiert auf einen Fleck auf dem Fußboden. „Ich dachte es wäre gut wenn wir ihn im Computer hätten.“

Schröder schüttelte zornig den Kopf.

„Wenn du das Denken nennst Brandes, dann hör lieber damit auf!“

Ein paar Minuten später drückte Schröder ein Stockwerk tiefer auf einen Klingelknopf, der neben einer schweren Metalltür angebracht war. Gequält grinste er die kleine Kamera an, die links oberhalb der Tür an einer Halterung hing.

„Nun macht schon auf!“ drängelte er.

Ein Summton erklang und Schröder zog die Tür auf. Wortlos ging er an seinen, ihn fragend anblickenden Kollegen vorbei. Im hinteren Teil des Raumes saß Julian mit versteinerter Miene auf einem zerschlissenen Drehstuhl. Schröder nahm das Pappschild, das an einem Ständer neben dem Stuhl befestigt war und warf es in einen Papierkorb.

„Vergesst eure Bildchen. Nichts für ungut“, knurrt er.

Die Frau hinter der Kamera sah den Kommissar halb irritiert, halb belustigt an.

„Sag mal Schröder, habt ihr da oben irgendwelche Probleme, von denen ich etwas wissen sollte?“

„Probleme? Ach woher denn.“ Schröder grinste breit. „Wir haben nie Probleme, höchstens ab und an mal einen kleinen Disput darüber, wie man Wichtiges von Unwichtigem zu trennen lernt, und Nötiges von absolut hirnrissigem Imponiergehabe.“

Die Frau lachte auf. „Na, dann grüß´ Brandes von mir.“

Schröder schob Julian vor sich heraus aus dem Zimmer.

„Es tut mir leid“, sagte er während sie auf den Fahrstuhl warteten. „Brandes wollte mal wieder 200 %ig sein.“

Auf der Etage des Rauschgiftdezernates angekommen, riss Schröder ohne anzuklopfen die Tür zu Brandes Büro auf: „Zweimal Frühstück vom Feinsten, das bist du uns jetzt schuldig.“

Er brachte Julian in den Sanitätsraum zurück.

Julian humpelte zum Waschbecken um sich die Reste der schwarzen Farbe von den Fingern zu waschen. Dann setzte er sich zu Schröder an den Tisch. Der Kommissar bot ihm eine Zigarette an und steckte sich dann selber eine in den Mund. Im Stillen wartete er darauf, dass Julian ihn fragte was das alles zu bedeuten hatte, doch Julian stellte keine Fragen. Er war daran gewöhnt aufzuwachen und nicht zu wissen wo er war. Er war daran gewöhnt irgendwohin gebracht zu werden und keine Erklärungen dafür zu bekommen. Er war an vieles gewöhnt. An zu vieles...

Mit einer, für Schröders Empfinden, unheimlichen Ruhe, rauchte Julian seine Zigarette und betrachtete dabei lange seine verbundenen Handgelenke. Der Kommissar betrachtete Julian. Julians glattes schulterlanges Haar mit dem verwischten Scheitel, hatte die Farbe reifer Kastanien. Immer wieder strich er es sich fahrig mit der rechten Hand hinter die Ohren zurück. Eine Bewegung die ihm schon gar nicht mehr bewusst war. Sein schmales Gesicht, mit den gleichmäßigen Proportionen, den vollen Lippen, der etwas breiteren Nase, ließ erahnen wie schön er ausgesehen haben mochte, bevor sich diese düsteren Schatten auf die Augenlieder gelegt hatten, bevor die Haut gelblich wurde und dieser fiebrige Glanz sie überzog.

Von dem Moment an, in dem er Julian dort in dieser verwahrlosten Wohnung auf diesem dreckigen Bett hatte sitzen sehen, war Schröder jedoch wie gebannt von Julians Augen. Große, von dichten, dunklen Wimpern umgebene Augen. Schröder war von Berufs wegen geschult und trainiert im genauen Hinschauen, und er war sich sicher, dass er nie zuvor bei einem Menschen eine solche intensive Augenfarbe gesehen hatte - ein reines, dunkles Grün, das ihn an Moos auf einer Waldlichtung erinnerte, an Gras im Mondlicht... Doch die Lebendigkeit dieser Farbe kontrastierte mit dem Ausdruck den diese Augen hatten. Müde, und in einer Art innerer Abkehr versunken, schienen sie Julian nur zur Orientierung zu dienen. Schienen sie die Koordination festzulegen, in deren abgesteckten Rahmen er sich bewegte. Er sah nichts, er registrierte nur.

„Meine Bandage ist weg“, murmelte Julian schließlich leise. Kein Vorwurf. Nur eine Feststellung. Schröder stand auf und holte sie von der Heizung. Er wickelte sie aus dem Handtuch und legte sie vor Julian auf den Tisch.

„Sie... nun, sie war auf den Boden gefallen. Ich habe sie ein wenig gewaschen“, sagte er und setzte sich wieder.

Julian sah die Bandage an. Sie war längst nicht perfekt rein, doch deutlich sauberer, als sie es in dem ganzen letzten Jahr gewesen war. Für einen Moment wich der abwesende Ausdruck aus seinem Gesicht. Er sah Schröder an und lächelte scheu. Dann verlosch das Lächeln und er legte die Bandage über den Verband der um sein linkes Handgelenk gewickelt war. In Schröders Bauch machte sich eine angenehme Wärme breit, er hatte das Gefühl, dass Julian seine stumme Botschaft verstanden hatte.

„Wie fühlst du dich?“, fragte er, um jetzt nur nicht sentimental zu werden.

Julian zuckte mit den Schultern und verzog sofort sein Gesicht. Genau. Diese verdammten Prellungen. Als Brandes ihn vorhin unsanft aus dem Schlag gerüttelt hatte, war er erstaunt darüber, dass er sich - abgesehen von eben diesen Prellungen - eigentlich ganz gut fühlte. Es war nicht dieses grausame Erwachen gewesen, dieses Zittern, diese Angst, die ihn den Herzschlag bis in die Schläfen hinauf fühlen ließ, die seinen Hals zuschnürte, so dass er kaum noch Luft bekam.

„Ich weiß nicht ob du dich an den Arzt erinnerst, der in der Nacht hier war. Er hat dir Polamidon gegeben. Es wird 24 Stunden gegen den Entzug wirken.“

Julian nickte und zog an seiner Zigarette. Er erinnerte sich an den beißend bitteren Geschmack in seinem Mund, an die Übelkeit. Der Arzt hingegen war nicht mehr, als eine verschwommene Gestalt in einem Wirrwarr aus Gedanken.

Julian sah aus dem Fenster. Dort im nahen Wallpark erhob sich langsam die klare Morgensonne über die Gipfel der Bäume. Es war Ende Februar und die Baumkronen standen noch nackt in der kalten Frühlingsluft. Nur die Weiden und einige mutige kleine Sträucher, zeigten schon einen Hauch von Grün an ihren Zweigen.

Julian sehnte sich danach der Enge dieses Dienstzimmers zu entfliehen, diesem behäbigen Geruch nach Bohnerwachs, doch er fragte nicht, wie lange er noch hier zu bleiben hatte. Wie oft hatte Tom zu ihm gesagt: „Ich komme in zwei Stunden wieder“, und blieb dann die ganze Nacht fort. Nächte, in denen er zitternd auf der Bettkante gesessen, und durch das schräge Dachfenster hindurch in den Himmelt gestarrt hatte, um die zähe Bewegung der Sterne zu verfolgen. Sie waren das Maß seiner Zeit.

So saßen sie eine Weile schweigend an diesem Tisch. Ein Hauptkommissar und ein junger Junkie im Trubel des Polizeihauses. Ein seltsamer Friede lag über diesen Minuten.

Und natürlich war Brandes derjenige, der diesen Frieden jäh störte.

Ohne anzuklopfen schob er die Tür auf, grummelte etwas von: „Es ist angerichtet“ und verschwand wieder.

Schröder stand seufzend auf.

„Er wird es nie lernen“, sagte er, obwohl er es nicht wirklich so meinte, denn trotz aller Konflikte mit seinem jungen Kollegen, wusste er um dessen Fähigkeiten und es schien ihm deshalb umso wichtiger, Brandes hin und wieder ein wenig in seine Grenzen zu weisen.

„Komm frühstücken Julian.“

Auf Schröders Schreibtisch standen zwei Tabletts. Beladen mit allem was die Kantine zu bieten hatte.

„Sekt und Kaviar waren leider gerade aus“, bemerkte Brandes schnippisch und rückte Schröder den Sessel zurecht „Wenn sich die Herren trotzdem setzten möchten.“

„Nun übertreibe es doch nicht gleich wieder Brandes“, seufzte Schröder, könnte sich aber ein Grinsen nicht verkneifen.

„Er spricht wieder mit mir! Gott sei Dank! Der Herr Hauptkommissar hat mir verziehen.“

Schröder seufzte erneut.

„Ich muss dir nicht verzeihen, Brandes.“

Das verschmitzte Lächeln verschwand schlagartig aus Brandes Gesicht. Er sah Julian an, der auf seinem unbequemen Stuhl hockte und die Wand anstarrte.

„Es tut mir leid Julian. Ich meine, das mit den Fingerabdrücken und so weiter. Es war ein wenig voreilig von mir. Lass dir wenigstens das Frühstück schmecken.“

Julian nickte, ohne Brandes anzusehen. Er hatte keinen Hunger. Eigentlich hatte er nie Hunger. Brandes nahm einen Keramikbecher vom Tablett und stellte ihn vor Julian auf den Tisch.

„Kakao aus der Kantine“, sagte er. „Mit echter Milch gekocht.“

Er legte kleine Zuckertütchen daneben. Eine nach der anderen, bis Julian ihn endlich ansah.

„Ja, ja, ja, ist ja schon gut“, knurrte Julian mürrisch und schüttelte den Inhalt aller sechs Tütchen in den Becker.

Schröder ließ es sich derweil schmecken. Er aß ein halbes Brötchen mit Käse, eines mit Salami, trank in aller Ruhe seinen Kaffee und dann erst bot er Brandes an, sich doch auch zu bedienen. Nach der zweiten Tasse Kaffee nahm Schröder seine Brille ab und putzte sie, wie immer, wenn er sich über etwas nicht ganz im Klaren war. Der Staatsanwalt hatte ihm mitgeteilt, dass Julian nicht in Untersuchungshaft gehen würde, weil zum jetzigen Zeitpunkt kein Grund dazu vorlag. Er hatte ihn jedoch gebeten ihn noch einmal zu vernehmen und angeordnet, dass Julians Eltern auf das Revier bestellt werden. Schröder wusste, dass die Fragen, die er noch zu stellen hatte, Julian quälen würden, doch er wusste auch, dass es seine verdammte Pflicht war sie zu stellen. In Momenten wie diesem, verabscheute er seinen Job von ganzem Herzen.

Er setzte die Brille wieder auf und räusperte sich.

„Jetzt kommt der offizielle Teil nicht wahr?“, fragte Julian ohne aufzusehen.

Schröder war erstaunt. Hatte er sich so getäuscht? Wie Julian da so auf dem Stuhl kauerte, mit hängenden Schultern und gesenktem Kopf, sah er so aus, als würde kein winziges Stück der Welt zu ihm vordringen. Er sah aus, als schliefe er mit offenen Augen, als hätte er sich völlig in irgendetwas vertieft. Aber Julians Sinne waren hellwach, geschärft durch langes Training.

„Der Staatsanwalt hat davon abgesehen dich in die Untersuchungshaft zu schicken. Du kannst also nachher gehen wohin du magst. Er hat ich jedoch auch gebeten dir noch ein paar Fragen zu stellen und ich denke es ist das Beste, wir bringen das jetzt hinter uns.“

Schröder kramte einen kleinen Zettel aus seiner Hosentasche, bat Brandes die Reste des Frühstücks wegzubringen, steckte sich eine Zigarette in den Mund und schob Julian die Schachtel über den Tisch.

Brandes sah Schröder an, sah auf die Zigarette zwischen seinen Lippen.

Schröder nahm die Zigarette wieder aus dem Mund.

„Sag jetzt nichts Brandes. Nimm einfach das Geschirr und bring es weg. In Ordnung?“

Brandes grinste.

„Klar Chef.“

„Und bring uns noch Kakao und Kaffee mit.“

„Jawohl Chef.“

Brandes ging zur Tür.

„Und lass dir Zeit“, rief Schröder ihm hinterher.

Julian zündete sich eine Zigarette an, nahm einen tiefen Zug, legte sich im Aschenbecher ab und suchte dann in seiner Jacke nach den Schlaftabletten. Er schluckte drei von ihnen mit dem letzten Schluck Kakao herunter. Er nahm die Zigarette wieder aus dem Aschenbecker und sah Schröder finster an.

„Nun nehmen sie schon ihren verdammten Zettel und fangen an.“

Schröder stellte einen Kassettenrecorder auf den Schreibtisch und drückte die Aufnahmetaste herunter. Datum. Uhrzeit. Namen der Anwesenden. Das kleine dunkelgraue Gerät schluckte die Informationen die Schröder mit müder Stimme vortrug.

„Ich möchte wissen, ob du eine Ahnung hast mit wem Thomas Voss seine Geschäfte abgewickelt hat. Kennst du irgendwelche Namen?“, fragte Schröder schließlich.

„Ich habe ihnen doch schon gesagt, dass ich von Toms Geschäften nichts weiß. Ich kenne diese Fratzen nicht. Ich bin... ich war froh wenn er mir mein Gift gab und mich in Ruhe ließ.“

„Aber vielleicht würdest du jemanden auf einem Foto wiedererkennen?“

Julian dachte an die zahlreichen Abende, an denen ihn Tom zwang auf diesem Sofa zu sitzen. Auf diesem beschissenen, lindgrünen Ding. Tom zog mit seinen Freunden einige Lines Kokain und Julian beobachtete, wie sich ihre Gesichter immer mehr veränderten, wie ein harter, gnadenloser Zug um den Mund herum zu einem verzerrten Grinsen mutierte. Das Abbild ihrer eigenen Selbstüberschätzung. Er dachte daran, wie Tom ihn dann mit einem Arm festhielt und ihm zur Belustigung seiner Freunde zwang Wodka zu trinken, oder Schlimmeres. Er dachte an Toms höhnisches Gelächter, wenn er versucht hatte seinen Kopf weg zu drehen, was natürlich nichts nützte, was er aber zu Toms Vergnügen auch nicht lassen konnte. „Seht euch nur diesen jämmerlichen Junk an“, hatte Tom dann gejohlt, „er mag unseren guten Stoff nicht.“ Nein, Julian mochte ihn wirklich nicht. Ihm wurde davon speiübel.

„Denkst du, dass du jemanden erkennen würdest?“, wiederholte Schröder seine Frage.

Julian nickte.

„Du musst mit ja oder nein antworten“, sagte Schröder und deutete auf den Recorder.

„Scheiße ja!“, fauchte Julian.

„Gut. Das muss nicht heute sein. Komm einfach in den nächsten Tagen noch einmal vorbei und dann zeige ich dir unsere Kartei.“

Julian nickte erneut auch wenn er sich sicher war, dass er alles tun würde, um diesem Laden hier nicht ein zweites Mal einen Besuch abstatten zu müssen. Er wollte nur seine Ruhe, sonst nichts.

„Und die Freier. Kennst du da Namen, oder erinnerst du dich an irgendwelche Gesichter?“

Julian lachte gequält auf.

„Ob ich mich an ihre Gesichter erinnere? Verdammt! Und wie ich mich an sie erinnere! An diese beschissenen, scheinheiligen Visagen. Sie streicheln dir über das Haar und sagen dir, was für ein hübscher Junge du doch bist, und im nächsten Moment findest du dich gefesselt auf irgendeinem Bett wieder und dann ist es vorbei mit ihrem Mitgefühl.“

Julian sah Schröder fest in die Augen. Sein Blick war durchdringend und voll Verbitterung. Schröder verspürte einen körperlichen Schmerz, bei diesem Blick, der nicht aus den Augen eines Siebzehnjährigen zu kommen schien, sondern aus den Augen eines Menschen, der am Ende eines zu langen Lebens, jeglicher Illusion beraubt, auf eine Ewigkeit sinnloser Qualen zurückblickt.

„Wissen sie“, fuhr Julian fort und seine Stimme war jetzt nur noch ein Flüstern, „oft haben mich diese Typen mit dem Wagen abgeholt und ich sah die Kindersitze auf der Rückbank. Ich habe mich oft gefragt, ob ich es wenigstens einem Einzigen dieser Kinder erspart habe, dass ihre Väter das mit ihnen tun, was sie mit mir getan haben. Wenigstens einem Einzigen...“

Schröder sah auf seinen Notizzettel. Vergeblich suchte er dort nach einem Halt. Er hatte das Gefühl ins Bodenlose zu fallen. Der Kassettenrecorder summte gleichgültig in die angespannte Stille.

Als Schröder es wieder wagte Julian anzusehen, war dieser auf seinem Stuhl in sich zusammen gesunken. Die breiten, knochigen Schultern waren müde nach vorne gefallen und bewegten sich im Rhythmus der langsamen Atemzüge.

Schröder drehte den kleinen Zettel in seiner Hand.

„Ich möchte, dass du weißt, dass ich die nächste Frage nur stelle, weil ich sie stellen muss. Nicht weil ich sie für notwendig halte“, sagte er schließlich mit verhaltener Stimme. „Diese Fotos und diese... diese Videos - hast du da freiwillig mitgemacht, oder hat Voss dich dazu gezwungen?“

„Nichts von dem war freiwillig“, murmelte Julian.

Er starrte auf den Boden zwischen seinen Füßen. In den letzten, grausamen Jahren hatte er sich angewöhnt sich auf Punkte außerhalb seines Körpers zu konzentrieren. Er sah auf das hellbraune Linoleum und verlor sich in dessen abgenutzter Rissigkeit. Die schmerzhafte Erinnerung an Tom, die Freier und an die Leute, die diese Filme drehten, verschwand aus seinem Kopf.

Er war so weit weg, dass er nicht bemerkte, dass Brandes in das Zimmer zurückkam, um Schröder zu sagen, dass Julians Eltern eingetroffen waren. Schröder bar ihn, sie noch eine Weile hinzuhalten.

„Willst du Voss anzeigen?“, fragte er Julian, nachdem Brandes das Zimmer wieder verlassen hatte.

Julian antwortete nicht.

„Julian!“, versuchte Schröder es erneut. Dieses Mal etwas lauter.

Langsam löste Julian sich aus seiner Erstarrung.

„Was?“, fragte er gereizt.

„Ich habe dich gefragt, ob du Voss anzeigen willst.“

„Was hätte ich davon“, murmelte Julian und gab sich gleichgültig.

Die Wahrheit war, dass er Angst davor hatte. Tom hatte genug Freunde, die alles taten, was er ihnen befahl. Freunde, denen es ein besonderes Vergnügen bereiten würde, ihm das Leben zur Hölle zu machen.

Schröder sah einige Sekunden lang auf die über seinem Schreibtisch verteilten Papiere. Es war ihm nicht entgangen, dass Julian an der Grenze seiner Kraft angelangt war. Nur zu gerne hätte er ihn jetzt gehen lassen, doch er konnte nicht. Manchmal musste auch er sich Anordnungen von Oben fügen - wenn er sie auch für noch so unsinnig hielt.

„Gut“, sagte er und stellte den Recorder ab, was Julian hörbar durchatmen ließ. „Vielleicht überlegst du es dir ja noch einmal in Ruhe. Voss wird wegen der Waffe, den Filmen und Fotos und seiner Vergehen gegen das Betäubungsmittelgesetz für einige Jahre in Haft gehen und es könnten noch ein paar Jahre dazukommen, falls du dich doch noch zu einer Anzeige entschließen solltest.“

Julian sagte nichts. Eine wachsende Unruhe machte sich in ihm breit. Er hatte nun wirklich langsam genug von all dem hier. Doch er schwieg. Es fiel ihm schwer Sätze auszusprechen die mit den Worten ich möchte begannen, oder mit ich will.

Der Kommissar stand auf und ging ein paar Schritte im Zimmer auf und ab. Julian wertete das als schlechtes Zeichen: es war noch lange nicht vorbei.

„Da gibt es noch ein Problem“, sagte Schröder und der Unterton in seiner Stimme gefiel Julian ganz und gar nicht. „Der Staatsanwalt hat angeordnet, dass deine Eltern auf das Revier kommen.“

Julian sprang auf und verzog das Gesicht - vor Schmerz und vor Entsetzen.

„Meine Eltern?“, rief er entgeistert. „Soll das ein verdammter Scherz sein? Es hat sie all die Jahre einen Dreck gekümmert wie es mir geht. Es war ihnen Scheißegal ob ich verrecke oder nicht. Scheiß-e-gal.!“

„Es tut mir leid“, sagte Schröder und meinte es ernst. „Du wirst sie sehen müssen. Der Staatsanwalt will es so.“

Er griff zum Telefon und rief Brandes an.

Julian stand wie versteinert in der Mitte des Zimmers. Er hatte das Gefühl, als ob die elendgrünen Wände immer näher kamen um ihn zu zerquetschen. Die Tür wurde geöffnet. Ungläubig sah Julian wie seine Mutter den Raum betrat. Unendlich zähe Sekunden lang standen sie sich reglos gegenüber. Julian, der herauszufinden versuchte, ob das alles nur ein schlechter Traum war, und seine Mutter, die in dem hochaufgeschlossenen, mageren, krank und verbraucht aussehenden jungen Mann, versuchte ihren Sohn wiederzuerkennen. Schließlich ging sie einen Schritt auf Julian zu und zog ihn in ihre Arme.

Eine Gänsehaut kroch über Julians Körper, als er den leichten Parfumduft in seine Nase sog. Schlagartig waren all die Erinnerungen wieder da. Erinnerungen die er so lange, so mühsam verdrängt hatte.

„Julian“, flüsterte sie und entließ ihn aus ihrer Umarmung, hielt ihn aber an den Schultern fest. Sie sah in seine, von düsteren Schatten umgebenen Augen.

„Du... du bist groß geworden“, sagte sie verlegen, als sie begriff, wie wenig dieser Julian, dessen kante Schultern sie festhielt, dem schüchternen, sanftmütigen Kind glich, das sie sich in den vergangenen Jahren manchmal in der Nacht in ihre Erinnerung zurückrief.

Julian atmete schwer, während er sie ansah. Ihre immer noch goldblonden Haare waren auf dem Hinterkopf hochgesteckt und ihre Augen waren von dem unendlich weiten Blau einer Sommerhimmels. Er hatte vergessen wie ähnlich sie denen von Saskia doch waren.

„Geht es dir gut?“, fragte sie.

Brandes hatte ihr im Zimmer gegenüber angedeutet, wie Julians Leben in der vergangenen Zeit verlaufen war, doch sie wollte das nicht glauben. Das alles war sicherlich nur ein fürchterlicher Irrtum, der sich in Kürze aufklären würde.

Julian blieb ihr eine Antwort schuldig. Was hätte er auch sagen sollen. Die Wahrheit? Erneut schloss sie ihn in ihre Arme und drückte ihn an sich. Julians Prellungen schmerzten, doch er gab keinen Laut von sich. Er schloss seine Augen, presste die Lippen zusammen. In diesem Moment betrat Julians Stiefvater das Zimmer. Ohne Vorwarnung riss er Mutter und Sohn auseinander.

„Fass ihn nicht an!“, rief er barsch, und musterte Julian von Kopf bis Fuß. „So wie der aussieht hat er bestimmt Aids oder sonst was.“

Er wandte sich an Schröder.

„Ich weiß überhaupt nicht, was sie von uns wollen. Können sie ihn nicht einfach einsperren? Es ist doch nicht mehr lange hin, bis zu seinem Geburtstag. Er ist dann volljährig und kann machen, was er will. Er bringt nur Unruhe in unser Haus. Ich habe keine Lust mehr mich um ihn zu kümmern.“

„Du hast dich sowieso nie um mich gekümmert“, sagte Julian mit ruhiger Stimme.

Julians Stiefvater fuhr zornig herum, aber Julian erschrak nicht einmal. Er hatte seinen Stiefvater als großen, mächtigen Mann in Erinnerung. Hier in der muffigen Enge des Dienstzimmers, schrumpfte er auf seine wirkliche Größe zusammen.

Julian sah zu Schröder herüber, der die ganze Szene mit einem unguten Gefühl im Magen beobachtete.

„Ich denke sie wissen jetzt, was ich gemeint habe“, sagte er leise.

Sein Stiefvater packte Julian an den Schultern und schüttelte ihn hart.

„Was soll das heißen?“, brüllte er. „Was hast du den Leuten hier erzählt?“

Julian fixierte ihn mit einem kalten Blick, dann schob er die Hände seines Stiefvaters von seinen Schultern.

„Fass mich lieber nicht an, sonst holst du dir noch was weg.“

Erschrocken trat Julians Stiefvater einen Schritt zurück, nicht nur aus Angst vor einer Krankheit, sondern vor allem, weil ihm bewusst wurde, dass sein Stiefsohn nicht länger vor ihm kuschen würde wie ein getretener Hund.

Der Anblick seines Stiefvaters, der nun mit kraftlos herabhängenden Armen dastand, gab Julian den Mut zu sagen: „Ich will jetzt gehen.“

Schröder nickte.

„Gehe bitte mit Brandes nach drüben. Ich möchte noch mit dir reden. Es wird nicht lange dauern.“

Julian nickte und ging zu seiner Mutter, die die ganze Zeit über leise weinend dagestanden hatte. „Ich hab dich nie vergessen“, sagte er und lächelte für Sekunden. Dann ging er mit Brandes hinaus.

Schröder ließ sich in seinen Sessel fallen und bat Julians Eltern ebenfalls Platz zu nehmen.

„Was werden sie jetzt mit ihm tun?“, fragte Julians Stiefvater mit erstickter Stimme.

Schröder holte tief Luft.

„Ich verstehe die Frage nicht.“

„Ich meine nur... sie können ihn doch nicht einfach so gehen lassen?“

„Meinen sie?“, fragte Schröder gereizt „Es liegt nichts gegen ihn vor. Und da sie ja ganz offensichtlich nicht bereit sind sich um ihren Jungen zu kümmern, kann er tun und lassen was ihm passt.“

„Ich kann ihnen erklären warum... warum wir ihn nicht mehr bei uns haben wollen“, begann Julians Stiefvater. Er deutete mit dem Kopf auf die Tür, durch die Julian eben gerade das Zimmer verlassen hatte „Der da, hat immer nichts als Ärger gemacht. Nicht einmal auf unsere Tochter hat er aufpassen können. Er ist schuld daran, dass sie ums Leben kam. Er hat unsere Familie zerstört.“

Unsere Tochter und der da, dass erklärte in der Tat Einiges.

„Er konnte nichts dafür, es war ein Unfall“, warf Schröder ein, der früh am Morgen im Computer des Reviers auf diesen, vier Jahre zurückliegenden Vorfall gestoßen war.

„Hat er ihnen das erzählt?“, rief Julians Stiefvater wütend. „Sieht ihm ähnlich, nicht einmal jetzt will er zugeben, dass er nicht richtig auf sie aufgepasst hat.“

„Nein!“, sagte Schröder mit Nachdruck. „Er hat mir nichts davon erzählt, aber es steht in unseren Akten, dass ihre Tochter sich laut Zeugenaussagen von der Hand ihres Sohnes losriss und auf die Straße lief. Julian ist bei dem Versuch sie zurückzuhalten gestürzt und brach sich den Arm. Er hat getan, was er konnte. Er hat diesen tragischen Unfall nicht verhindern können.“

Julians Mutter, die die ganze Zeit über leise weinend ein feuchtes Taschentuch zwischen ihren Fingern zerrieben hatte, schluchzte bei diesen Worten laut auf.