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Millionen Bürger betreiben private Pensionsvorsorge, legen ihr Erspartes in Fonds und Aktien an und versichern ihr Haus oder Auto. Was die meisten von ihnen nicht wissen: Über Gewinn oder Verlust ihrer Geldanlage entscheiden mittlerweile sogenannte Hochfrequenzhändler, die die Kurse mithilfe ausgeklügelter Computersysteme teilweise manipulieren. Das Geld der kleinen Anleger fließt in das Finanzkasino 4.0, wo es die Geldroboter ultraschnell und automatisiert einkassieren. Gleichzeitig destabilisieren sie die Finanzmärkte, auch an den Handelsplätzen in Frankfurt und Wien. Die Betreiber der Geldroboter sind nicht nur die Gewinner der digitalen Revolution, sondern auch der Krisen. Als Griechenland 2012 vor dem Konkurs stand, sackten sie fette Gewinne ein. Als am "Black Monday", dem 24. August 2015, weltweit die Börsen crashten, verzeichneten sie einen Rekordhandelstag. Als "Virtu Financial", einer der wichtigsten Geldroboter, 2014 an die Börse gehen wollte, gaben seine Inhaber bekannt, dass man an 1238 Handelstagen nur an einem einzigen keinen Gewinn eingefahren hatte; Gewinne freilich, die Anleger und Pensionsanstalten teuer bezahlen mussten. Ein wesentlicher Erfolgsfaktor im automatisierten Finanzkasino ist die Geschwindigkeit. Damit die Geldroboter der Handelsmaschine so nah wie möglich kommen, nisten sie sich direkt bei den Großservern der Börsen ein. Um zwischen London und Frankfurt keine Millisekunde zu verlieren, bauen sie einen Mikrowellenturm höher als der Eiffelturm. Obwohl sie Manipulationstechniken wie das sogenannte "Spoofing" benutzen, obwohl sie auch schon mal einen ausgemachten Kurseinbruch auslösen und obwohl sie selbst Ex-EU-Kommissar Michel Barnier als "systematische Gefahr für die Märkte" bezeichnet, wurde das vom EU-Parlament geplante "Tempolimit" auf Finanztransaktionen niemals beschlossen.
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Seitenzahl: 296
Veröffentlichungsjahr: 2018
Martin EhrenhauerDie Geldroboter
© 2018 Promedia Druck- und Verlagsgesellschaft m.b.H., Wien
ISBN: 978-3-85371-861-2
(ISBN der gedruckten Ausgabe: 978-3-85371-435-5)
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Über den Autor
Martin Ehrenhauser, geboren 1978 in Linz, studierte nach seiner abgeschlossenen Kochlehre Betriebswirtschaft und Politikwissenschaften in Österreich und England. Zwischen 2009 und 2014 war er Abgeordneter des Europaparlaments. Danach gründete er ein Unternehmen und vertiefte sich investigativ als Trader in die Welt der Finanzmärkte. Er weiß Geldroboter zu benutzen, schreibt aber lieber ein Buch darüber, um Europa vor den möglichen Gefahren zu warnen.
»Technologie erkennt keinen Grundsatz der Selbstbegrenzung an – beispielsweise im Hinblick auf Größe, Geschwindigkeit oder Gewalttätigkeit. Daher besitzt sie nicht die positive Fähigkeit, sich selbst auszugleichen, zu regeln und zu reinigen. Im ausgeklügelten System der Natur wirkt die Technologie und insbesondere die Supertechnologie der modernen Welt wie ein Fremdkörper.«
Ernst Friedrich Schumacher(Deutsch-britischer Ökonom)
»Der Hochfrequenzhandel hat nichts mit konkreten Ideen, Plänen und Wünschen konkreter Menschen zu tun, sondern verkündet die Herrschaft des Geldes mit Maschinen.«
Horst Köhler(Ehemaliger Bundespräsident Deutschlands und Ex-IWF-Direktor)
»Vieles von dem, was wir über ökonomische Phänomene wissen wollen, lässt sich ohne technische, ganz zu schweigen von mathematischen Verfeinerungen der üblichen Denkweise und ohne eine ausgefeilte Behandlung statistischer Zahlen entdecken und feststellen.«
Joseph Schumpeter(Österreichischer Ökonom)
Quants und Hacker sind das wertvolle Humankapital im Finanz-Cyberspace. Sie basteln an der Spekulation per Autopilot.
Gilles Dumont1 ist ein Computer-Hacker. Aber nicht einer, der illegal in fremde Computersysteme eindringt, sondern auf kreative Art und Weise Technik nützt, um Probleme zu lösen. Geldmangel war eines seiner Probleme. Und so bastelte sich der gebürtige Brüsseler vor einigen Jahren seinen eigenen Geldroboter. Eine Maschine, die für ihn täglich Geldaus den Spielkasinos des globalen Finanz-Cyberspace absaugt und automatisiert auf sein Konto spült.
Gilles ist ein kreativer Tüftler. Einer der Spaß daran hat, Dinge zu erfinden. Wohl deshalb erinnert seine Wohnung im Brüsseler Stadtteil Ixelles eher an eine Werkstatt, als an ein atmosphärisch sanftes Zuhause: Bunte Kabel verteilen sich chaotisch über den Fliesenboden im Wohnzimmer, alte Computerbauteile verstauben gemeinsam mit Informatik-Fachliteratur in einer Ecke im Schlafzimmer. Das Zentrum der Wohnung bildet ein langer Tisch, selbst gebastelt aus einer hellen Kiefernsperrholzplatte und mehreren leeren Flaschenkisten. Auf der Tischplatte liegt ein Notebook, flankiert von zwei großen Bildschirmen. Darunter steht ein Rechner. Alle Geräte sind durch einen Kabelsalat miteinander verbunden und über eine weiße Dose in der Mauer an das WorldWideWeb angeschlossen.
Für den Lebensraum eines Finanzmarktspekulanten fehlt der Wohnung überraschend jeglicher Luxus. Vom Reichtum der großen europäischen Finanzzentren in Frankfurt, London oder Amsterdam ist hier, unweit des bekannten Place Flagey, nichts zu finden, weder im Kleiderschrank, noch am Parkplatz vor dem Haus. Auf Statussymbole legt Gilles keinen Wert. Anerkennung und Befriedigung findet der Tüftler durch das Lösen von kniffligen Problemen. Geld ist für ihn eher eine komfortable Kennzahl, um seine Kreativität zu messen, weniger ein Tauschmittel für Luxusgüter. Ganz ohne Geld kann aber auch er nicht leben.
Sogenannte Quants wie Gilles, also Mathematiker, Physiker und Informatiker, die den Finanz-Cyberspace in den letzten Jahrzehnten entwarfen, arbeiten in der Regel nicht auf eigene Faust von zu Hause aus. Die klügsten Köpfe unter ihnen werden von den Unternehmen im Finanzsektor heiß umworben. Auch von jenen mit Geldrobotern, die mit ihren Hochfrequenzhandelsstrategien exorbitante Umsätze generieren und den globalen Finanzhandel dominieren.
Im Grunde machen diese Unternehmen nichts anderes als Gilles von seiner kleinen Wohnung aus, lediglich schneller, deutlich professioneller und mit viel mehr Geld und Risiko. Trotzdem wollte Gilles nie mehr für einen dieser Geldroboter arbeiten. »Früher hatte ich in London für ein Hochfrequenzhandelsunternehmen gearbeitet. Heute bin ich lieber mein eigener Chef«, so Gilles, der gemütlich in seinem schwarzen Ledersessel kauert, sich eine Zigarette dreht und seinen Blick gespannt auf den linken der beiden Bildschirme richtet. Dort ist in einem der unzähligen Bildschirmfenster das Herzstück seiner Arbeit zu sehen. Sein persönlicher Geldroboter. Ein Algorithmus, bestehend aus wenigen tausend Codezeilen, geschrieben in der Programmiersprache Java. Liebevoll nennt Gilles die kunstvoll angeordneten Zeilen aus Buchstaben und Sonderzeichen seinen »Bot«, die englische Kurzform für Roboter.
Wie die Spielregeln eines normalen Brettspiels bietet der Algorithmus eine exakte Handlungsanleitung für das Zocken an den elektronischen Handelsplätzen. In ihm ist nicht nur das Wissen darüber gespeichert, wann und zu welchem Preis am besten an der Börse gekauft und verkauft wird, sondern der Bot selbst führt den Handel immer und immer wieder automatisiert durch.
Die Handelsaufträge werden dabei an unterschiedliche elektronische Handelsplattformen gesendet, zu denen Gilles, unter Erfüllung von gewissen Auflagen, mit seinem Geldroboter direkten Zugang erhielt. »Pro Produkt schickt mein Bot täglich mehrere tausend Kauf- bzw. Verkaufsanfragen an die Börse«, erzählt Gilles. »Doch in 98 Prozent der Fälle werden die Orders wieder gelöscht oder modifiziert. Lediglich in zwei Prozent der Fälle kommt es tatsächlich zu einem Deal.« Wie schnell diese Orders storniert oder modifiziert werden müssen, hängt von den Preisschwankungen ab. Ändert sich der Preis sehr rasch und geht der Kurs innerhalb kurzer Zeit extrem hinauf und hinunter, dann muss der Geldroboter schneller die Anfragen anpassen und die Anzahl der Orders erhöht sich.
Das Order-Sammelbecken der Börse ist das sogenannte Orderbuch. Jene Schnittstelle der Börse, wo sich die Anfragen der Käufer und Verkäufer treffen. Am Bildschirm von Gilles ist es dargestellt in einem grauen Rechteck, optisch geteilt in zwei Hälften mit jeweils drei Spalten. In der linken Hälfte befinden sich die Verkaufsangebote, in der rechten Hälfte die Kaufanfragen. In den jeweiligen Spalten steht der Preis und die Stückzahl der Produkte. Das Angebot mit dem niedrigsten Preis steht dabei immer in der obersten Zeile, das mit dem höchsten Preis in der untersten.
An diesem heißen Sommertag springen die Zahlen im Orderbuch äußerst schnell. Der Handel an der Börse ist lebhaft, die Preise sind sprunghaft. Mal geht der Kurs rasant hinauf, dann sehr rasch wieder hinunter. Für Gilles ist die hohe Volatilität, also die starke Schwankung der Kurse, kein Problem. Sein Geldroboter scheint alles im Griff zu haben. Doch was genau der Bot macht, kann Gilles mit freiem Auge nicht nachvollziehen. Auch welche Orders im Orderbuch die seinen sind, lässt sich nicht erahnen, da jegliche Bestellung an der Börse anonymisiert ist. Erst am Ende des Handelstages analysiert Gilles die getätigten Geschäfte.
»Hier handeln die Bots gegeneinander. Händler, die noch per Mausklick ihre Orders eingeben, sind selten. Jeder, der das macht, ist ein Idiot. Menschen sind für den Börsenhandel ungeeignet. Sie können nicht so viele Informationen in derart kurzer Zeit verarbeiten wie ein Computer. Jeder, der es trotzdem versucht, wird über kurz oder lang verlieren«, so Gilles, während die nächste Order eines Händlers sichtbar am Bildschirm exekutiert wurde und aus dem Orderbuch erlischt.
Der Blick in das Orderbuch lässt erahnen, warum junge Männer wie Gilles Dumont den Verlockungen des Finanz-Cyberspace nicht widerstehen können. Beim Anblick der rhythmischen Preisbewegungen spürt man direkt, wie einen selbst die Faszination des Finanzkasinos 4.0 packt. Das Spiel der Zahlen hat beinahe etwas Meditatives, stundenlang könnte man es beobachten. Jede kleinste Preisbewegung wird plötzlich zu einer Gewinnchance und verleitet dazu, auch seinen eigenen Roboter ins automatisierte Wettrennen um Geld und Prestige zu werfen.
Das Spiel in den Kasinos des Finanz-Cyberspace hat Suchtpotenzial, besonders für junge Männer. Sie sind es auch, die großteils mit dem Motto »Work hard, play hard« direkt von den Universitäten in die Spielhallen der großen algorithmischen Computerhändler gelockt werden und nicht selten, nachdem sie wenige Jahre später einige Millionen Euro verdient haben, mit Burn-out wieder ausscheiden. Die Sucht und die Maschinen geben eben nicht nur Anerkennung und Reichtum, sondern nehmen sich auch brutal, was sie selbst für die Aufrechterhaltung ihrer Funktionsweise benötigen – die Psyche der jungen Trader. Gilles möchte mit dem Stress in den Großraumbüros der globalen algorithmischen Computerhändler nichts mehr zu tun haben. Sein gutes Leben will er nicht mehr noch einmal gegen die Millionen-Versprechungen der großen Finanzwelt eintauschen. Er hat es auch nicht nötig. Sein Money-Bot generiert für ihn ausreichend Einkommen, nur marginal weniger, als er früher als Angestellter monatlich verdiente. Ganz frei von den Verlockungen des großen Geldes ist jedoch auch Gilles nicht. Denn hin und wieder, wenngleich nur für einen Sekundenbruchteil, verspürt auch er die Lust, durch clevere Manipulation der Märkte dick abzusahnen, um danach in Ruhestand zu gehen. »Es wäre ein Leichtes, die Kurse zu manipulieren. Man müsste etwa lediglich eine hohe Anzahl an Orders für kurze Zeit auf eine Seite ins Orderbuch stellen und damit eine falsche Nachfrage suggerieren. Die anderen Algorithmen würden die Preise anpassen und man selbst könnte zuschlagen«, so Gilles, der gleichzeitig betont, dass er noch nie Manipulationstechniken angewandt hat, »obwohl die Grenze oftmals sehr schmal ist. Denn ab wie vielen Orders und bei wie vielen Stornierungen ist es Manipulation?«, fragt der junge Belgier, während er den Blick von seinem Bildschirm wendet und die Augenbrauen hochzieht.
Gilles ist ein kluger Kopf. Jemand, der sein Handeln auch gesellschaftspolitisch einordnen kann. Damit ist er einer von jenen jungen Menschen, die für die wichtigen Tätigkeiten in unserer Gesellschaft fehlen. Die ihr Wissen, ihre Kreativität und Neugierde in die automatisierte Spekulation investieren, anstatt in die Lösung der großen Gegenwartsprobleme. Bei der Frage, ob seine Tätigkeit für die Gesellschaft Sinn macht, zögert er lange mit der Antwort und blickt zunächst aus dem Fenster, auf die wenigen Bäume im Innenhof. »Man könnte den Finanzmarkt mit einem Wald vergleichen«, sagt Gilles, während er weiter auf den grünen Innenhof blickt. »So wie der Wald, ist auch der Finanzmarkt ein Ort, der viele Funktionen für die Gemeinschaft erfüllt. Etwa als Energielieferant mittels Krediten und Wertpapieren für die Realwirtschaft oder als Schutzraum für Unternehmen, die sich dort im Sinne der Volkswirtschaft gegen Risiken absichern. Der Finanzmarkt ist auch ein Ort des Austausches, der die Wechselkurse bestimmt, die für Import- und Exportmärkte eine wichtige realwirtschaftliche Rolle spielen,« meint Gilles nachdenklich.
»Mit der Industrialisierung begann man den Wald zu vermessen. Der Lebens- und Erholungsraum wurde zum ökonomischen Zahlenobjekt. Manager konnten plötzlich den Wald vom Schreibtisch aus handeln, ohne ihn jemals betreten zu haben. Die beschränkte Darstellung führte dazu, dass die Manager außer Acht ließen, was den Wald zum Wald machte. So wurde er von seiner komplexen Ökologie getrennt und nicht mehr nachhaltig beforstet. Der Wald wurde anfälliger für Sturmschäden und Schädlinge und begann zunehmend zu sterben«, so stand es in einem Beitrag in der deutschen Zeitschrift Agora 42 zu lesen.2
Für Gilles ist es um den Finanzmarkt ähnlich bestellt. »Die Förster des Finanzmarktes haben sich von ihrer eigentlichen Aufgabe entfremdet. Sie leben in einer Welt aus Codes, Zahlen und Formeln, deren oberste Prämisse die Profitabilität ist und nicht die Sinn stiftende Dienstleistung gegenüber der Gesellschaft«, dieser Aussage aus dem Beitrag kann der hagere junge Mann zustimmen, der am Ende seiner Ausführung sich selbst eingesteht, dass er in den automatisierten Kasinos lediglich spekuliert und seine »Tätigkeiten keinen Sinn für die Realwirtschaft machen«.
Gilles selbst handelt mit Futures, jener Form von Derivaten, mit denen auch Amateure wie er an Börsen auf die zukünftige Preisentwicklung eines Produkts Wetten abschließen können. Früher hatten derivative Produkte noch Bezug zur realen Wirtschaftswelt. Als sich etwa am Beginn des 19. Jahrhunderts die Bauern gegen Ernteausfall absicherten, indem sie bereits Monate vor der Ernte einem Mühlen-Unternehmen eine bestimme Menge ihres Getreides zu einem Fixpreis verkauften. War der Weizenpreis nach der Ernte höher, hatten sie einen Verlust, war er danach niedriger, einen Gewinn. Es handelte sich um eine Art Spekulation, jedoch hatten die Bauern einen wesentlichen Vorteil: Sie generierten dadurch Planungssicherheit für sich und damit Stabilität bei der Versorgung der Bevölkerung.
Heutzutage ist der eigentliche Sinn des Derivatehandels großteils verloren gegangen. Der Bezug zur Realwirtschaft ist weg. Wie beim Roulette wird nur noch versucht, aus Geld noch mehr Geld zu machen. Das ist das Wesen der Spekulation. Bereits im Jahr 2007, rund ein Jahr vor dem für alle spürbaren Ausbruch der letzten Finanzkrise, war das Volumen des Börsenhandels mit Futures und Optionen 42-mal so hoch wie das weltweite Bruttoinlandsprodukt.3 Auch heute noch ist der Derivatemarkt mit einem Gesamtwert von rund 630 Trillionen US-Dollar ein überdimensioniertes Monster wie aus einer fremden Welt.4 Dabei sind Derivate nur eine einzige von sehr vielen Produktgruppen an der Börse. In seiner Gesamtheit ist der Finanzmarkt eine riesige Spekulationsblase und die Geldroboter sorgen dafür, dass sie immer schneller und automatisiert aufgepumpt wird.
Gilles ist auf diesem riesigen Markt nur ein winzig kleiner Akteur. Ein Amateur an der Peripherie des großen automatisierten Finanzkasinos. Dennoch, mit einem Handelsvolumen von monatlich einigen Millionen Euro kann er gut leben, denn für den Turbokapitalismus im Autopilot benötigt er nicht viel: Einen schnellen und stabilen Internetanschluss, einen leistungsfähigen Rechner, Server, die er weltweit anmietet, Programmierkenntnisse in einigen wenigen Programmiersprachen und ein Grundwissen im Börsenhandel. Mehr nicht. »Ich habe zwar Informatik studiert, aber vieles von dem Wissen, das ich als Trader benötige, habe ich mir selbst angeeignet«, so Gilles, während er sich wieder fasziniert den Zahlen auf seinen Bildschirmen zuwendet.
Auch wenn die großen Unternehmen mit ihren exorbitanten Geldrobotern in einer ganz anderen Liga spielen, so kann man durchaus behaupten, dass auch Gilles zu den Gewinnern des technischen Umbruchs unserer Gesellschaft zählt. Lässt man die Frage nach dem Sinn seiner Tätigkeit beiseite, könnte man ihn mit jenen jungen Engländern vergleichen, die in den Werkstätten von Manchester im 18. Jahrhundert durch die Erfindung des mechanischen Webstuhls die industrielle Revolution in Gang brachten. Im ländlichen Nordwesten des Landes, ganz ohne dem großen Bankenkapital aus London, lediglich finanziert aus der eigenen Tasche. Sie waren arm, aber intelligent und wurden schließlich reich, weil sie schneller wussten als andere, wie sie die neuen technischen Möglichkeiten zu ihrem Vorteil nutzen konnten.
Der technische Fortschritt führt daher auch immer zu einer Umverteilung des Vermögens. Neue innovative Akteure nutzen ihre Chance und schießen erfolgreich empor, alte Akteure wiederum übersehen den Gang der Evolution und landen in einer Sackgasse. Sie sterben ab, weil sie zu langsam und zu schwerfällig sind. Ihr Vermögen kassieren dann andere ein. Das ist ein unausweichlicher Effekt des technischen Fortschritts. Neben der Tatsache, dass in naher Zukunft die Roboter uns Menschen von schwerer körperlicher Arbeit befreien.
So gänzlich ohne zu arbeiten geht es heutzutage noch nicht. Auch Gilles muss noch hin und wieder selbst Hand anlegen, um an Geld zu kommen. Optimierungen bei der Hard- und Software müssen vorgenommen werden, der Spread, die Spanne zwischen Kauf- und Verkaufsorder, muss eingestellt werden und Ähnliches. Aber ansonsten kann Gilles auf einen Kaffee gehen, am liebsten in sein Stammlokal gleich um die Ecke am Place Flagey. Sein Geldroboter läuft ohnehin auf Autopilot und spült im günstigen Fall in der Zwischenzeit die nächste Monatsmiete auf sein Börsenkonto.
Wer an den Börsen in Wien oder Frankfurt kauft, handelt vermutlich mit Vinnie. Und egal ob die Preise steigen oder fallen, sein Geldroboter gewinnt immer.
Für viele aufgeklärte Europäer, die sich der Geschichte ihres Kontinents bewusst sind, ist das gemeinsame Zelebrieren von Nationalismus, Militarismus und Religion ein bizarr verstörender Wahnsinn. Nicht so für Vincent Viola. Als sich der charismatische Mann im Herbst 2013 sein eigenes NHL-Eishockey-Team kaufte, marschierten bei der Pressekonferenz symbolträchtig uniformierte Soldaten mit der amerikanischen Flagge auf und der streng gläubige Christ Viola sang gekonnt und mit kräftiger Stimme die US-amerikanische Nationalhymne.1
Vincent Viola ist eben das klangvolle Gegenstück von Gilles Dumont. Während der Amateurspekulant und nerdige Tüftler von Brüssel aus lautlos durch die Nischen des Finanz-Cyberspace surft und patriotischen Ritualen keine Bedeutung schenkt, verkörpert der US-Manager Viola konsequent das Klischee eines Wall-Street-Star-Spekulanten. Mit einem geschätzten Vermögen von rund 1,7 Milliarden US-Dollar zählt der Mann mit dem grauen Haaransatz zu den weltweit reichsten Menschen der Geldroboterbranche.2
Die Quelle seines Reichtums befindet sich im Süden von Manhattan, unweit des New Yorker Finanzzentrums. Dort, am Ufer des Hudson River, residiert das Hauptquartier seines Unternehmens Virtu Financial. Ein Geldroboter, der automatisiert und in extrem hoher Frequenz an 235 unterschiedlichen Handelsplätzen in 36 Ländern weltweit mit circa 12.000 verschiedenen Finanzinstrumenten handelt. Und das 24 Stunden täglich. Das Unternehmen ist für Vinnie, wie Viola von seinen engen Freunden genannt wird, eine Art privater Money-Maker, ein Geldautomat, der jährlich einen Nettogewinn von rund 160 Millionen US-Dollar ausspuckt.3
Monetärer Reichtum wurde Vinnie nicht in die Wiege gelegt. Als Sohn eines Lastkraftwagenfahrers mit italienischen Wurzeln wuchs er in einer rauen Gegend des New Yorker Stadtteils Brooklyn auf. Nicht die beste Voraussetzung, um in der glamourösen Finanzwelt erfolgreich Karriere zu machen. Doch Viola schaffte es trotzdem: Er verwirklichte den amerikanischen Traum vom Selfmade-Milliardär. Mit maßgeschneiderten Nadelstreifanzügen, einer teuren Armbanduhr und einem protzigen Goldring trägt er seinen finanziellen Erfolg auch sichtbar zur Schau.
Vinnies Werdegang führte ihn nicht direkt über die Brooklyn Bridge an die Wall Street. Sein ziviles Berufsleben begann erst Anfang der 1980er-Jahre, nach einigen Ausbildungsjahren bei der US-Army. Man sagt, dass einige Freunde aus der Nachbarschaft den disziplinierten Soldaten in die Welt des Finanzhandels eingeführt hätten.4 Unbestritten mit Erfolg, denn schnell arbeitete sich Vinnie vom Parketthändler zum Vorsitzenden der Mercantile Exchangehoch und sammelte viele Lorbeeren, als bei den Anschlägen auf das World Trade Center am 11. September 2001 insgesamt 32 Mitarbeiter und Mitglieder der Börse ums Leben kamen und er das Unternehmen durch die harte Zeit führte.5
Vielleicht hat er auch aufgrund dieser Erfahrung all das, was er bei der US-Army auf den Lebensweg mitbekommen hatte, bei der Gründung von VirtuFinancial im Jahr 2008 in die Unternehmenskultur miteinfließen lassen. Die Army legte die Basis für seinen Erfolg, warum sollte er also bei der Mitarbeiterführung auf diese Erfahrung verzichten? Und so werden seine Angestellten im »Old-Boys-Klub für Italiener«, wie es ein ehemaliger Mitarbeiter einmal formulierte,6 regelmäßig in Militärstrategie geschult und zu historischen Denkmälern geführt.7 Für Vinnie ist der Finanzmarkt wohl lediglich ein anderer Kriegsschauplatz und Virtu ist seine Waffe. Ein Unternehmen, das schnell wie eine Maschinenpistole ununterbrochen und auf eigene Rechnung Finanzprodukte im globalen Finanz-Cyberspace an- und verkauft. Vinnie hat somit kein Produkt und auch keine Kunden im herkömmlichen Sinn. Virtu agiert im Kern als elektronischer Market Maker, als eine Art Mittelsmann, der täglich millionenfach für Angebot und Nachfrage an den elektronischen Börsen sorgt und es damit den Händlern und Spekulanten ermöglicht, ständig zu kaufen oder zu verkaufen.
Virtus Geschäftsmodell könnte man mit einer Bank im Kasino vergleichen, die Jetons für die Spieler zur Verfügung stellt. Dabei ist es für das Unternehmen gleichgültig, ob die Kugel auf rot oder schwarz fällt, sprich, ob der Kurs steigt oder fällt. Denn sein Einkommen erzielt das Unternehmen aus dem Spread, der Preisdifferenz zwischen Kauf- und Verkaufspreis der Jetons. Vereinfacht gesagt ist diese Geld-Brief-Spanne eine Art »Wechselgebühr«, die der Spieler zu bezahlen hat, wenn er Jetons in Geld oder Geld in Jetons wechselt.
Market Maker sind kein Phänomen, das sich erst durch die Digitalisierung und Automatisierung des Finanzhandels ergeben hat. Bereits im Jahr 1877 gab es an der Londoner Stock Exchange Personen, die diese Tätigkeit in den Handelsräumen übernahmen. Doch während in den alten Tagen die Market Maker noch als Personen in bunten Jacken auf den Börsenparketten wild gestikulierten und schreiend nach Käufern rangen, mit Telefonen, Telex und später mit Fax versuchten, an marktrelevante Informationen zu gelangen, so wurden all die Menschen im Laufe der Zeit durch die Geldroboter ersetzt. Das Market Making wurde wie der gesamte Börsenhandel mehr oder weniger vollständig automatisiert.
Vinnie hat die technische Transformation der Handelsplätze miterlebt. Doch anstatt zu resignieren und sich der Digitalisierung geschlagen zu geben, erkannte er darin eine Chance und ergriff diese erfolgreich – wie es seiner Kämpfernatur entspricht. Denn Virtu wächst rasant. Im Mai 2011 durch die Fusion mit dem Hochfrequenzhandelsunternehmen Madison Tyler Holdings8und seit September 2013 auch geografisch in Richtung Europa: Mit seiner Zweigstelle in der irischen Hauptstadt Dublin agiert Vinnies Geldroboter auch an den wichtigsten Handelsplätzen in Europa, darunter den Börsen in Frankfurt und Wien. Wer Aktien von einem österreichischen ATX-Unternehmen an der Wiener Börse kauft,9 oder mit Derivaten an der Eurex in Frankfurt spekuliert, kommt mit hoher Wahrscheinlichkeit mit Vinnie ins Geschäft.10
Und Vinnie, das sollten die Anleger wissen, gewinnt immer. Davon konnte man sich live im Fernsehen im April 2015 überzeugen. Vinnie brachte an diesem Tag sein Unternehmen frisch an die Börse und gemeinsam mit seinem Freund, Douglas Cifu, Mitbegründer und CEO von Virtu, saß er auf einem Barhocker im CNBC-Fernsehstudio und diskutierte mit einem Journalisten. Keine einzige kritische Frage wurde gestellt. Der Journalist brachte lediglich die Rekordzahlen des Unternehmens zur Sprache. Und die waren beeindruckend: Denn Virtu machte innerhalb von sechs Jahren nur an einem einzigen Tag Verlust. Von den 1238 Handelstagen, an denen das Unternehmen tätig war, machte es an 1237 Handelstagen einen Gewinn.11 Eine wirklich außergewöhnliche Leistung von Vinnie und seinem Team.
Doch anstatt, dass der kräftige Mann aus Williamsburg in Brooklyn mit breiter Brust für die geniale Unternehmensstrategie warb und seinen historischen Tag für alle sichtbar zelebrierte, zeigte er Unruhe während des Gesprächs. Er spielte nervös mit seinen Fingern und reichte so manche Frage unprofessionell an seinen Partner weiter. Soldat Vinnie war plötzlich schüchtern. So kannte man ihn gar nicht. Er fühlte sich in seiner momentanen Rolle offensichtlich nicht sehr wohl.
Der Grund dafür lag ein Jahr zurück. Denn bereits 2014 wollte Vinnie sein Unternehmen an die Börse bringen. Schon damals veröffentlichte Virtu im Bericht an die US-Finanzmarktaufsicht die fantastischen Zahlen.12 Die Konsequenz war jedoch kein freundliches Lob oder bewunderndes Staunen, sondern eine breite und kritische öffentliche Debatte über die Geldroboter. Sogar der New Yorker Oberstaatsanwalt Eric Schneiderman meldete sich wenige Tage nach der Veröffentlichung des Berichts in einer Rede an der New Yorker Law School zu Wort. Auch wenn er Virtu nicht namentlich nannte, so war doch deutlich zu erkennen, wen er mit seiner Rede erreichen wollte, nämlich Vinnie und sein Team: »Letzte Woche veröffentlichte ein großer Hochfrequenzhändler, dass er in einem Zeitraum von sechs Jahren an jedem Tag Geld machte«, so Schneiderman. »Ich missgönne niemandem das Recht, Geld zu machen, aber wenn etwas aussieht, als wäre es zu gut, um wahr zu sein, ist es das gewöhnlich auch nicht.«13
Schneiderman kündigte darauf hin an, gegen die Geldroboter vorzugehen, die »fundamental unfair« und »potenziell illegal« einer »Elitegruppe von Händlern« praktisch »ohne Risiko« einen Vorteil gegenüber den anderen Marktteilnehmern verschaffen würden. Eine Woche später ließ er Taten folgen und sendete sechs Geldrobotern einen Fragebogen, einen auch an Virtu.14 Das Unternehmen sah sich daraufhin wegen der medialen Begleitumstände gezwungen, den Börsengang um ein Jahr zu verschieben, obwohl die Zahlen in diesem Jahr außergewöhnlich gut waren.
Was folgte, war eine einjährige Charme-Offensive, um die potenziellen Aktionäre vom eigenen Geschäftsmodell zu überzeugen. Noch einmal wollte man keinen Flop riskieren. Die Verantwortung für das PR-Desaster übernahm Vinnies rechte Hand Cifu: »Ich dachte, es wäre ein gute Sache, der Welt zu zeigen, dass das Unternehmen jeden Tag profitabel ist«, so Cifu auf einer Konferenz, aber für dieses »Gegenfeuer« übernehme er die Verantwortung, so der Jurist.15
Die Strategie hatte Erfolg. Denn während Vinnie live im CNBC-TV-Studio dem Journalisten zwar etwas unsicher, aber dennoch Rede und Antwort stand, wurden rund 16,5 Millionen Virtu-Aktien mit 19 US-Dollar bepreist und auf den Markt geworfen. Der Handel lief ausgesprochen gut und Vinnie wurde über Nacht nochmals um Millionen US-Dollar reicher. Seine erfolgreiche Karriere setzte sich dem Anschein nach unaufhaltsam fort.
Die kritische öffentliche Debatte um die ultraschnellen Geldroboter, die im Frühjahr 2014 in Teilen der amerikanischen Medienwelt für Aufsehen sorgte, sollte jedoch in den Monaten danach nicht abreißen. Der Grund dafür war der Vorwahlkampf der beiden Großparteien der USA. Hillary Clinton duellierte sich bei den Demokraten mit dem Finanzmarkt-kritischen Bernie Sanders sowie mit Martin O’Malley, dem ehemaligen Gouverneur des US-Bundesstaates Maryland. Und obwohl alle drei sehr unterschiedliche politische Konzepte präsentierten, waren sie sich jedoch im Kampf um die Wählergunst in einem Punkt einig: Der Hochfrequenzhandel ist ein Problem.
Als Lösung einigten sich die Kandidaten auf eine Besteuerung des Hochfrequenzhandels, weil die zunehmende Bedeutung der Geldroboter »unnötigerweise die Märkte belastet und unfaire und missbräuchliche Handelsstrategien ermöglicht«, wie eine Wahlkampf-Mitarbeiterin von Hillary Clinton betonte.16 Die Steuer hätte das Potenzial gehabt, Vinnies Geschäftsmodell von einem Tag auf den anderen auszulöschen. Doch sie kam nicht. Denn kein Demokrat, sondern der skurrile Republikaner Donald Trump wurde im November 2016 zum neuen US-Präsidenten gewählt.
Obwohl der verhaltensauffällige Unternehmer Hillary Clinton immer wieder vorwarf, »im Besitz« der von ihm verachteten Wall Street zu stehen,17 zeigte er nach seiner Wahl keine Berührungsängste mehr mit der Finanzelite. Ganz zur Freude von Vinnie. Denn dieser wurde von Donald Trump einen Monat nach dessen Wahl als Secretary of the Army nominiert – also als Leiter des Heeresamts, der verantwortlich ist für alle administrativen und technischen Fragen der US-Armee. Vinnie hätte »in seinem Leben bewiesen, ein Leader zu sein und Ergebnisse liefern« zu können, so Trump schmeichelhaft bei der Verkündung.18
Der Chefposten bei der US-Army wäre wohl der Höhepunkt in Violas Karriere gewesen. Der krönende Schlusspunkt, perfekt inszeniert. Wie in einem Hollywood-Film über den kometenhaften Aufstieg vom Sohn eines armen italienischen Einwanderers zum Milliardär und Oberhaupt der Armee. Vinnie wäre zurückgekommen in jene Organisation, in der für ihn alles begann. Doch der Traum platzte. Bereits im Februar 2017 musste Vinnie verkünden, dass er seine Nominierung zurückziehen werde. Finanziell erfolgreiches Unternehmertum und das Amt eines Politikers stehen eben in einem starken Spannungsverhältnis. Wer so weit verzweigt ist wie Viola, gerät schnell einmal in Interessenskonflikte, selbst in den USA. Und dann muss man sich entscheiden: Politik oder Unternehmen? Vinnie entschied sich für Virtu, weil die Auflösung der unzähligen Geschäftsverflechtungen für ihn »unüberwindbar« schien, wie er in einem Statement verkünden ließ.19 Von der Politik von Donald Trump war man bei Virtu weiterhin überzeugt: »Wir glauben, das neue Pro-Wachstum- und Pro-Unternehmertum-Umfeld in Washington« schaffe einen »Mehrwert für unsere Shareholder«, hieß es in einer Presseaussendung.20 Der vormals Wall-Street-kritische Trump bereitet Vinnie und seinen Geldroboter-Kollegen keine Sorgen. Die große regulatorische Gefahr, die sich durch die Demokraten anbahnte, schien abgewendet. Und so konnte sich Vinnie wieder voll und ganz auf sein Business konzentrieren.
Was er auch tat. Zwei Monate später setzte er zu seinem nächsten großen Coup an. In einem 1,4-Milliarden-US-Dollar Deal übernahm Virtu den Konkurrenten KCG Holdings Inc., einen US-amerikanischen Geldroboter mit mehr als 1000 Mitarbeitern.21 Bereits 2012 versuchte Vinnie mit der Knight Capital Group zu fusionieren. Innerhalb kürzester Zeit wäre er damit zu einem der größten algorithmischen Computerhändler der Branche aufgestiegen. Doch der Deal platzte damals, der Konkurrent Getco Holdings war ihm zuvorgekommen.22
Das sollte nicht noch einmal passieren. Vielleicht zog Vinnie auch aus diesem Grunde seine Nominierung als Secretary of the Army zurück, um den Deal durch die politische Arbeit nicht zu gefährden. Es wäre gut vorstellbar. Denn eine weitere Niederlage hätte der zielstrebige New Yorker kaum unbeschadet hingenommen.
Musste er auch nicht. Denn dieses Mal klappte die angestrebte Fusion. Virtu wurde durch den Deal mit KCG Holdings Inc. zu einem der weltweit größten Geldroboter der Branche und Vinnie somit zum Branchenprimus. Neben all den Rückschlägen in seiner Karriere hat sich ein Gesetz doch bewahrheitet: Vinnie gewinnt am Ende immer.
Vielleicht kaufte er sich auch aus diesem Grunde die Florida Panthers, das NHL-Eishockey-Team, bei dem Vinnie so pathetisch und klangvoll seinen Einstand gab. Schlichtweg aus Langeweile vor den regelmäßigen Gewinnen. Denn hier auf der Eisfläche werden die Menschen noch nicht durch Roboter ersetzt. Hier entscheiden menschliche Eigenschaften und Tugenden, Fehler und geniale Einfälle von richtigen Personen über Sieg und Niederlage. Keine mathematische Formel kann das Spiel vorausberechnen. Der Wettbewerb, den Vinnie von der Tribüne aus genießen kann, ist augenscheinlich ehrlicher und härter. Der Sieg ist nicht vorprogrammiert, so wie bei Virtu. Verlieren ist da noch möglich.
WasmitskurrilenKasino-Experimentenbegann,endeteineinerweltumspannendenKapitalismus-Maschine,dieüberdengesellschaftlichenWohlstandrichtet.
Bevor sich gesellschaftliche Strukturen neu entwickeln, entsteht immer eine formgebende Kraft. Sie ist der Motor für Veränderung. Manchmal ist es die idealistische Sehnsucht nach einer besseren Welt, oftmals jedoch auch die schiere Angst vor einer dunklen Zukunft. Utopische Visionen und dystopische Wahnvorstellungen prägen stark unsere Gesellschaftsstruktur und damit die Art und Weise unseres Zusammenlebens.
Manchmal ist jedoch auch alles viel banaler. Etwa bei der Entstehung des Finanz-Cyberspace. Er hat seinen Ursprung in der pragmatischen Lust auf noch mehr Geld. Viele seiner US-amerikanischen Vordenker hatten nicht das gute Leben für alle im Blick, ihre Triebfeder war der geistlose Wunsch von persönlichem Reichtum. Um sich diesen zu erfüllen, nutzten sie die Spielkasinos ihres Landes als Werkstätten und Labore.
So wie Blair Hull. Der in bescheidenen Verhältnissen in Kalifornien aufgewachsene Self-Made-Multimillionär machte seine ersten »Geschäftserfahrungen« Anfang der 1970er-Jahre beim Kartenspiel Black Jack. Über fünf Jahre lang spielte er durchschnittlich an fünfzig Tagen im Kasino Karten. Sein Schwager brachte ihn auf die Idee, nachdem dieser ausreichend Geld gewonnen hatte, um seinen Urlaub zu finanzieren.1
Beim Spiel mit den Karten ging Hull systematisch vor. Ähnlich der Funktionsweise eines Algorithmus versuchte er herauszufinden, welche die beste Verhaltensweise in der jeweiligen Spielsituation sei. Er eruierte die Möglichkeiten und errechnete die Wahrscheinlichkeiten. »Um Gewinn zu machen, musst du systematisch, diszipliniert und religiös in Bezug auf die eigene Strategie sein«, so Hull über sein Geheimrezept.2
Fasziniert vom Erfolg am Black-Jack-Tisch versuchte er seine Kenntnisse am Finanzmarkt anzuwenden. Er wollte mit der gleichen Methode die Systematik des Börsenhandels entschlüsseln und einen Gewinn einstreifen. Für ihn war das ein logischer Schritt, denn sowohl Black Jack, als auch der Börsenhandel waren für ihn lediglich Spiele. »Ich nahm das Geld, das ich gewonnen hatte und ging damit auf den Markt«, so Hull über den Beginn seiner Finanzmarktforschung im Jahr 1981.3
Das Ergebnis war eine legendäre Karriere als Finanzhändler. Das 1985 von ihm gründete Unternehmen Hull Trading Companywurde einer der weltweit ersten Geldroboter. Bis zu 250 Mitarbeiter handelten rund 30.000 Mal täglich an 26 Börsen in neun Ländern. Bis er im Jahr 1999 das Unternehmen für 531 Millionen US-Dollar an Goldman Sachs verkaufte, entwickelte er Methoden und Herangehensweisen, die noch heute beispielhaft sind für viele algorithmische Computerhändler.4
Wie Blair Hull war auch der US-amerikanische Physiker James Doyne Farmer einer der Pioniere des Finanz-Cyberspace. Und wie Hull machte auch er seine ersten Erfahrungen im Kasino. Mit einigen Studentenkollegen aus der kalifornischen Stadt Santa Cruz versuchte er, den Lauf der Roulettekugel zu entschlüsseln. Die Clique wollte mit wissenschaftlichen Methoden nichts weniger als den Chaos-Code knacken. Dafür vermaßen sie den Kugelverlauf, sammelten Daten, formten Gleichungen, bestimmten Parameter und bauten aus elektronischem Zubehör diverse Roulettecomputer.
Im Januar 1978 testeten Farmer und seine Mitstreiter in Las Vegas erstmals ihr System unter realen Bedingungen. Farmer wurde dazu mit Drähten behängt, unter den Achseln mit Batterien ausgestattet, eine Magnetspule wurde im Gürtel versteckt, ein Vibrationsstift auf den nackten Bauch geklebt und ein Schalter im Schuh eingebaut. Trotz einigen Anlaufschwierigkeiten hatten sie bereits beim ersten Versuch Erfolg. »Ich hatte bewiesen, dass ich an ein unbekanntes Roulette-Rad gehen, die Parameter einstellen und das Haus schlagen konnte«, schwärmte Farmer noch Jahre danach.5
Mehrere Jahre nach den Kasino-Experimenten gründete Farmer die Prediction Company, um die Kenntnisse seiner Pionierarbeit in der Chaostheorie auch bei computerbasierten Handelsabläufen mit Aktien und Derivaten an den Börsen anzuwenden. Er war damit in der Anfangsphase des computerbasierten Finanzmarktes der Chef-Wissenschaftler in einem Unternehmen, das wir heute als algorithmischen Computerhändler bezeichnen würden.
Hull und Farmer waren nicht die einzigen, die ihr Handwerk als Computerhändler in den Kasinos erlernten. Viele andere sammelten dort erstmals Erfahrungen für ihre spätere Karriere am Finanzmarkt. Etwa Edward Oakley Thorp, der »Godfather der Quants«, der bereits 1962 mit seinem Buch BeattheDealer für Aufsehen sorgte, indem er bewiesen hatte, dass man durch das Zählen der Black-Jack-Karten den Vorteil des Kasinos überbieten konnte. Und so unterschiedlich die Charaktere und späteren Lebensläufe der einstigen Pioniere auch waren, so gab es doch unzählige Gemeinsamkeiten. Sie teilten die Faszination für Spielkasinos, sie glaubten daran, komplexe Systeme mit Systematik und Disziplin entschlüsseln zu können. Sie lebten gemeinsam in einer Zeit, als der Computer gerade seinen globalen Siegeszug antrat und sie teilten sich die Erkenntnis, dass der emotional veranlagte Mensch langsamer und ineffizienter war als die neuen Super-Rechner.
Und so kam es, dass sich immer mehr Börsenhändler einen Computer kauften. Zu Beginn hatte alles noch einen experimentellen Charakter. Wenige Experten vertieften sich in naive Spielereien. Doch als die Börsenneulinge das Erfolgsversprechen ihrer Methoden einlösten, begannen die nächsten sich einen Rechner anzuschaffen. Und so ging es immer weiter. Ohne zu fragen, ob es nicht nur profitabel, sondern auch sinnvoll sei, ersetzte man die Menschen, Schritt für Schritt, durch Maschinen.
Am Anfang gab es noch keine Kabel und Telefonleitungen, mit denen diese Computer vernetzt wurden. Alle Rechner waren selbstständig, die einzige Verbindung zwischen ihnen bestand aus dem Markt selbst. Doch mit dem Aufkommen des Internets wurde sukzessive alles miteinander verschmolzen. Jeder Händler, jeder Computer wurde in den stetig wachsenden Finanz-Cyberspace hineingezogen. In eine Kommunikationsarchitektur aus Milliarden von Codezeilen und unzähligen Übertragungssystemen, in denen massenhaft Elektronen und Lichtsignale umher sausen und Marktdaten von einem Ort zum anderen in nahezu Lichtgeschwindigkeit katapultiert werden.
Es entstand ein global vernetztes Kasino in dem kontinuierlich Billionen Euro via digitaler Signalströme den Besitzer wechseln. Ein Finanzkasino, das 24 Stunden lang, sieben Tage die Woche geöffnet hat. Und während früher die Händler in Europa und den USA Tage benötigten, um den Aktienkurs eines japanischen Unternehmens herauszufinden, können sie heute den Zustand aller Börsen praktisch simultan und in Echtzeit ablesen.
Alle Marktakteure befinden sich nunmehr in einer sensiblen Wechselwirkung zueinander. Elektronische Handelsplätze, Geldroboter, Investmentbanken, Pensionsfonds, Hedgefonds, Vermögensverwalter und mit ihnen ganze Staaten wurden weltweit miteinander verwoben. Vernetzt zu einem komplexen, adaptiven System, vergleichbar mit dem menschlichen Gehirn, dem Immunsystem oder unserem Ökosystem. Ein nicht-lineares System, in dem Ursache und Wirkung keiner erkennbaren Logik folgen und man die Auswirkungen seiner Handlungen nicht genau abschätzen kann.
Dieser enge Zusammenschluss der Maschinen führte zu einer neuen systemischen Gefahr. Denn waren früher Handelsplätze relativ autarke Einzelsysteme, deren Krisen lediglich regional begrenzte Auswirkungen hatten, so verbreiten sich heutzutage einzelne Systemstörungen ultraschnell über den ganzen Globus. Kleinste Fehler im Code auf der einen Seite des Erdballs können auf dem anderen Ende der Erde Milliarden Dollar vernichten. Der Kollaps von einzelnen Akteuren kann eine dramatische Kettenreaktion verursachen, die das gesamte System gefährdet.
Eine Kettenreaktion, die durch menschliche Kraft alleine nicht mehr aufgehalten werden kann. Denn seit Mitte der 1990er-Jahre fand nicht nur eine zunehmende Digitalisierung und Vernetzung statt, sondern auch die Automatisierung hielt Einzug in den Finanzmarkt. Der menschliche Arbeitsanteil sank damit dramatisch, die Computer handelten immer autonomer. Das 1993 gegründete US-amerikanische Unternehmen
