Die Geschichte der Anna de Breuil - Helmuth Boeger - E-Book

Die Geschichte der Anna de Breuil E-Book

Helmuth Boeger

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Beschreibung

Bevor sie zur gefürchteten Mylady de Winter wird, ist sie Anna – eine begabte Novizin, gefangen zwischen Klostermauern und den Intrigen der Mächtigen. Ulm, im Jahr 1613: Die Welt steht am Abgrund des Dreißigjährigen Krieges. Die dreizehnjährige Anna de Breuil wird von ihrem Vater, einem katholischen Festungsbauer, in die Obhut des Klarissenklosters Söflingen gegeben. In der Stille der Klausur scheint ihr Weg vorgezeichnet: ein Leben im Gebet, fernab der Wirren der Welt. Doch Anna ist anders. Sie ist hochbegabt und besitzt eine Beobachtungsgabe, die den Jesuiten nicht verborgen bleibt. Was als Ausbildung zur gebildeten Nonne beginnt, entpuppt sich bald als Rekrutierung für ein tödliches Netzwerk. Der Orden erkennt in ihr das perfekte Werkzeug für die Verteidigung des Glaubens – und der Krone. Ihr Weg führt sie von den staubigen Straßen der Gascogne bis in die glanzvollen, aber hasserfüllten Hallen des Louvre. In Paris wird sie Teil des geheimnisvollen "Corps Saint-Sacrement". Zwischen Fechtunterricht, Kryptografie und der gefährlichen Nähe zum jungen König Ludwig XIII. muss Anna lernen, dass Schönheit eine Waffe und Identität nur eine Maske ist. Doch während sie für die Mächtigen spioniert und in die dunkelsten Folterkeller der Bastille blickt, stellt sie sich die alles entscheidende Frage: Wie viel von ihrer eigenen Seele muss sie opfern, um in einer Welt zu überleben, die von Männern regiert wird? Erleben Sie die Geburtsstunde einer Legende. Folgen Sie Anna de Breuil auf ihrer gefährlichen Reise durch ein zerrissenes Europa – bis zu jenem schicksalhaften Tag im April 1625, an dem ein junger Gascogner namens d'Artagnan die Bühne der Geschichte betritt. Ein fesselnder historischer Spionageroman über den Preis der Freiheit und das Schicksal der Frau, die als Mylady de Winter Weltruhm erlangte.

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Seitenzahl: 612

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Das Buch

Jeder kennt »D'Artagnan, Athos, Aramis und Porthos« aus »Die Drei Musketiere« von »Alexandre Dumas«. Doch wer kennt Anna de Breuil?

Annas Leben in den späten 1610er Jahren ist vorgezeichnet: Ihr Vater, ein katholischer Festungsbauer, übergibt sie einem Kloster – genauer, dem Klarissenkloster in Söflingen in der Nähe von Ulm.

Sie ist hochbegabt und übernimmt früh Verantwortung in der Klostergemeinschaft.

Bis die ersten Vorboten des aufziehenden 30-jährigen Krieges ihr Leben für immer verändern, das sie als »Mylady de Winter« zu einer der faszinierendsten Frauen in der Literatur machen wird.

Der Autor

Helmuth Boeger wurde im Zentrum des Weserberglandes geboren. Väterlicherseits ist er Nachfahre von Hugenotten aus Südfrankreich, die das Königreich Ende des 17. Jahrhunderts verlassen mussten. Seine berufliche Laufbahn und vielfältigen Lebenserfahrungen spiegeln sich in tiefgründiger und facettenreicher Literatur wider. Helmuth ist verheiratet und Vater eines erwachsenen Sohnes.

Sein berufliches Leben verlief nicht gradlinig – er war Soldat, Intensivpfleger und Produktmanager für Medizintechnik.

Er arbeitete viele Jahre in San Antonio und in Göteborg und war dabei auch an der Entwicklung von Medizinprodukten beteiligt. Beruflich war er zudem regelmäßig in Nordamerika und Asien unterwegs, deren unterschiedliche Kulturen großen Einfluss auf sein Schreiben genommen haben.

Nach dem Zukunftsroman »ELIAS« legt Helmuth mit »Die Geschichte der Anna de Breuil« legt seinen zweiten Roman vor.

Impressum

Texte:   © 2026 Copyright by Helmuth Boeger

Umschlag:  © 2026 Copyright by Helmuth Boeger

Verantwortlich für den Inhalt: 

Helmuth Boeger

Magirus-Deutz-Str. 12

89077 Ulm

[email protected]

www.instagram.com/helmuth_boeger

Herstellung:  epubli – ein Service der Neopubli GmbH, Berlin

   1. Auflage 2026

Herstellung: epubli - ein Service der neopubli GmbH, Köpenicker Straße 154a, 10997 Berlin Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung: [email protected]

Dies ist ein Roman, der im siebzehnten Jahrhundert spielt. Gewisse Bezüge auf damalige Orte, Personen und historische Ereignisse sind unvermeidbar, doch Handlungen und Dialoge, die in diesem Roman dargestellt werden, sind reine Fantasieprodukte. Ähnlichkeiten mit der Geschichtsschreibung oder heutigen Ereignissen sind daher rein zufällig.

»Das Schicksal führt den Willigen, den Unwilligen zerrt es.«

[Seneca – 1 bis 65 n. Chr. – Epistulae morales 58, 23 – etwa 62 n. Chr. ]

Prolog

»I ch hatte nie die Absicht, jemanden zu verletzen oder gar zu töten.

Als gehorsames Mädchen folgte ich den Eltern, dem Bruder und wachte über meine kleine Schwester.

Von Palästen mit großen Spiegeln und schweren Wandteppichen träumte ich nicht. Doch wer an Gott glaubt, erbittet von ihm zuweilen einen Fingerzeig, der den eigenen Weg erhellt, ohne zu wissen, wie unerbittlich das Räderwerk Gottes greift  oder ob er sich zuweilen nach einem umdreht.

Politik war für mich etwas, das in der Ferne stattfand und der Krieg lediglich ein Wort.

Auf einer Landkarte waren Städte wie Konstanz, Orléans oder Paris nichts als Namen – meine Welt reichte von Ulm bis Söflingen.

Gewalt und Krankheiten gehörten zu meinem Alltag wie der Regen oder die Ernte, aber der Tod klopfte stets an andere Türen.

Mein Leben war bescheiden, bis Äbtissin Elisabeth aus Söflingen auf mich aufmerksam wurde. Sie war der Inbegriff von Tugend und ich wollte werden wie sie, obwohl ich sie mich manchmal ängstigte.

Vater sprach nicht oft über unsere Herkunft. In Flandern hießen wir de Breuil – ein Name, der dort viele Türen öffnete. Es ist der Name eines Mannes, der Mauern baut, nicht der eines Mannes, der vor ihnen flieht.

Als wir in Ulm ankamen, war ich fünf Jahre alt.

Es war, als hätte mein Vater seinen richtigen Namen direkt vor dem Stadttor abgelegt. ›Von Hagen‹, hatte er gesagt, ohne Zögern, und niemand fragte nach. Beide Namen bedeuten das Gleiche – ein Hain, ein Wäldchen, ein Ort der Zuflucht.

Viel wurde über mich geschrieben… die meisten Zeilen sind amüsant, andere erstaunen mich, als hätten ihre Verfasser höchstselbst hinter meiner entblößten Schulter gestanden.

Mein Name ist Anna de Breuil – dies ist meine Geschichte…«

Kapitel 1

11. April 1613

Es ist Nachmittag. Der Regen hat sich in feinen Nebel verwandelt, der in der Luft stehen bleibt.

Anna geht auf dem schmalen Weg zwischen Kräuterbeeten, den Blick auf den Boden gerichtet. Sie trägt eine leichte Leinentasche über der Schulter.

Rosmarin, Thymian, Salbei… von den nassen, blassgrünen Blättern strömt noch kein Kräuterduft aus.

Ein Tropfen löst sich von der Kapuze und läuft ganz langsam über ihre Wange, als wolle er dort Halt finden.

Die Mauern des Klosters ragen um sie auf, grau und still, mit kleinen Fenstern, die mehr Schatten als Licht einlassen.

Wie aus der Ferne weht Gesang herüber, so leise, dass er schon im nächsten Atemzug verweht. »Miserere mei, Deus. Secundum magnam misericordiam tuam…«

Anna lauscht, den Kopf gesenkt: ›Der Gesang ist schön, er passt zur Osterwoche‹.

Vor ihr geht ihr Vater, hoch aufgerichtet wie immer, er schreitet zwischen den Pflanzen, den Blick auf die Frau an seiner Seite gerichtet – die Äbtissin, in dunkler Wolle, die Hände in den Ärmeln verborgen.

Kein Wort fällt zwischen ihnen; nur das leise Knirschen der Kiesel unter den Stiefeln verrät Anna ihre Gegenwart.

Sie spürt, dass etwas Besonderes geschieht, niemand hat ihr gesagt, warum sie hier sind… Vaters ungewohnte Eile am Morgen… sie versteht es nicht.

Eine Bö fährt durch den Innenhof, bewegt den Saum ihres Mantels. Anna zieht den Stoff fester um sich, nicht wegen der Kälte, sondern weil sie das Gefühl hat, dass überall in diesen Mauern Augen sind, die alles beobachten.

Vor dem Haupteingang bleiben sie stehen.

Sie spürt den Blick der Äbtissin – kühl, prüfend – und den ihres Vaters, der wissen will, ob sie standhält.

Heinrich von Hagen sieht die Äbtissin an. »Ich gebe meine Tochter in eure Obhut, ehrwürdige Mutter. Möge sie den Weg finden, den der Herr für sie bestimmt hat.«

In Annas Magen zieht sich etwas zusammen. Ihr Atem stockt. Das Herz klopft laut und schnell in ihrer Brust. Heute ist ihr dreizehnter Geburtstag, und ihr Geschenk ist ein Schlüssel, der nicht in ihre Hand gelegt wird. Sie sucht nach einem Gedanken, der ihr hilft, zu verstehen, doch die Gefühle ergreifen Besitz von ihr: Angst breitet sich in ihr aus. Anna will davonlaufen, aber ihre Muskeln versagen ihr den Dienst. Sie konnte sich nicht von ihrer Mutter verabschieden, sie konnte sich nicht von ihren Geschwistern verabschieden. Sie hört ihre eigenen Atemzüge.

Der Nebel hat sich an ihrem Haar festgesetzt, kalte Tropfen laufen ihr in den Kragen.

»Natürlich Graf«, versichert die Äbtissin. »Wir werden für ihre Seele sorgen.«

Heinrich steht dicht vor seiner Tochter, blickt auf sie herab.

Sein Mantel riecht nach Regen.

Er legt eine Hand auf die Schulter seiner Tochter. Zu kurz, um Trost zu spenden oder ihre Fragen zu beantworten. »Rends honneur au nom que tu portes, Anna de Breuil«, befiehlt er.

Sie macht einen Knicks. »Qui, mon père«, erwidert sie. Dabei sieht sie ihrem Vater kurz in die Augen und senkt den Blick wieder.

Ein Windstoß drängt sich zwischen sie, im gleichen Moment wendet er sich ab, Sein Mantel flattert wie der Flügel eines Vogels. Als er sich abwendet verhallen seine Schritte langsam in Richtung Ausgang. Er hinterlässt keinen Kuss. Er dreht sich nicht um. Es gibt nichts mehr zu sagen.

Neben Anna bewegt sich ein Schatten.

Äbtissin Elisabeth kommt näher, groß und streng in ihrem schwarzen Habit. Ihre dunklen Augen leuchten mit der Anna aus Gottesdiensten bekannten Klarheit.

»Folge mir«, sagt sie bedächtig. »Von nun an gilt dein erster Gehorsam dem Schweigen. Du sprichst nicht, es sei denn, eine Schwester fordert dich dazu auf. Dein Blick bleibt gesenkt, aber deine Ohren sind immer aufmerksam.«

Anna nickt, ohne zu wissen, ob das erlaubt ist.

Der Kreuzgang ist kühl, Heiligenstatuen in kleinen Nischen zieren die Wände. Daneben hängen Öllampen, die noch nicht angezündet wurden.

Anna zieht die Kapuze ihres Mantels zurück. Ihr blondes Haar ist zu einem langen Zopf geflochten, der bis zur Taille reicht. Er riecht noch ein wenig nach dem Rauch von zu Hause. Anna spürt Tränen in ihren Augen, doch es gelingt ihr, die Fassung zu bewahren – sie ist eine De Breuil und will ihren Vater nicht enttäuschen.

Für einen Wimpernschlag verweilt Äbtissin Elisabeths Blick auf Annas Haar – sie spürt die Gedanken der Äbtissin – nach Abschluss der Novizinnenzeit werden ihre Haare zugunsten einer leichter zu pflegenden Kurzhaarfrisur abgeschnitten.

Die ausgetretenen Steinplatten glänzen und der Geruch des Nebels mischt sich mit süßlichem Weihrauch.

Die Äbtissin blickt auf Annas Lederschuhe.

Annas Schritte hallen zu laut, sie versucht, sie leichter zu setzen.

Im Innenhof bemerkt Anna im Augenwinkel eine Schwester und zwei Novizinnen, die mit Zier- und Heilpflanzen beschäftigt sind – Rosen, Veilchen, Primeln. Ein paar Schritte davon entfernt stehen Körbe mit Salbei und Rosmarin.

Vor der Äbtissin und Anna öffnet jemand eine schwere Eichentür. Ein metallischer Klang gefolgt vom Knirschen der Scharniere.

Sie betreten einen Saal.

Schwestern sitzen im Halbkreis, alle in Schwarz, alle mit gesenktem Blick und unbewegten Gesichtern.

Anna möchte sich umzusehen, doch die Stimme der Äbtissin hindert sie daran.

»Was suchst du hier, Anna von Hagen?«

Anna ist auf diese Frage vorbereitet. Jedes Mädchen in ihrem Alter muss sich mit ihr beschäftigen. Sie kniet nieder. »Den von Gott mir vorbestimmten Weg und die Gemeinschaft der Schwestern, ehrwürdige Mutter.«

Ihre Stimme hallt von den Wänden zu ihr zurück. War das zu laut?

Ein Nicken.

Die Äbtissin nimmt ein kleines Holzkreuz von einem Tisch – schlicht, die Maserung grob, der Korpus kaum geformt. »Trage dies, bis wir sehen, ob du standhaft bist.«

Anna nimmt es in beide Hände.

Das Holz ist kalt.

Standhaft – was bedeutet es, standhaft zu sein?

Eine Schwester mit einem gefalteten weißen Tuch tritt vor, breitet es aus und legt Anna eine weiße Haube auf. Sie ist schmal genug, dass der Rand ihres Haares noch sichtbar bleibt – als Zeichen dafür, dass sie nur auf Probe hier ist.

Anna spürt, wie ihr Herz wieder schneller schlägt.

»Führt sie ins Noviziat, Schwester Agnes und Schwester Magdalena«, ordnet die Äbtissin an.

Die Angesprochenen nicken kurz. Sie treten aus dem Halbkreis – die eine schlank, die andere kleiner, mit roten Wangen und ein wenig korpulent und gehen zu einer Nische mit einer Tür auf der anderen Seite des Saales.

Anna folgt ihnen.

Mit jedem Schritt wird die Luft schwerer, wie in einem Traum, der einem den Atem raubt.

Hinter ihnen fällt die Tür ins Schloss. Ein Gang führt in den Nordflügel und hinauf ins Dormitorium.

Anna sieht sich um – der Schlafraum riecht nach Wolle, kaltem Holz und einem Hauch von Lavendel, der irgendwo in einem Leinenbeutel hängt.

Der Raum ist lang, die Decke hoch, die Balken dunkel von den Jahren und der Holzbehandlung.

Links und rechts ziehen sich Reihen von Holzpritschen an den Wänden entlang, der Mittelgang ist gerade breit genug, dass zwei Schwestern nebeneinander gehen können.

Anna zählt sechzehn Schlafstätten.

Die schlankere Schwester bleibt an einer Pritsche nahe der Tür stehen. »Mein Name ist Schwester Magdalena, Anna. Hier wirst du schlafen.« Ihre Stimme verkündet etwas Unverhandelbares.

Die andere Schwester tippt auf die schlichte Ausstattung. »Mein Name ist Schwester Agnes. Strohsack, zwei Wolldecken. Den Leinengürtel legst du nachts hier ans Fußende«, erklärt sie. »Eine nicht ordentlich gerichtete Schlafstätte wird mit Bußen geahndet.«

Anna streicht mit der Hand über das raue Leinen des Strohsacks und sie drückt sanft hinein. Das Stroh knistert leise, ein paar Halme piken durch den Stoff. Sie weiß nicht, ob sie sich zur Probe setzen darf, daher unterlässt sie es.

»Für die Notdurft meldest du dich bei der Nachtwache«, sagt Agnes. »Der Abtritt ist dort hinten.«

Sie deutet auf eine schmale Tür am Ende des Saales, neben der eine eiserne Laterne hängt.

»Waschen kannst du dich nach der Prim im Lavatorium«, fügt Magdalena hinzu.

Anna nickt, sie versucht, freundlich zu lächeln, aber alles fühlt sich fremd an – der Raum ist zu groß, zu still, zu unpersönlich.

Sie steht neben der Pritsche und spürt, wie die Blicke der Schwestern an ihr haften.

»Was ist in der Tasche, Anna?«, fragt Schwester Agnes scharf.

Anna nickt verlegen, legt die Tasche auf die Pritsche und öffnet sie, ohne zu wissen, was sie erwartet. Drinnen liegt nur, was sie auch am Leib trägt – ein zweites Leinenhemd, ein Paar Wollstrümpfe, ein Unterkleid und ein Zopfband.

Schwester Magdalena bleibt neben ihr stehen, verschränkt die Arme. »Das ist alles?«

Anna nickt.

»Gut«, sagt Schwester Magdalena knapp. Sie geht zu einer Kommode und entnimmt ihr ein kleines Bündel – darin befindet sich ein grober Holzkamm, ein Rosenkranz aus dunklen Holzkugeln und ein zweiter Leinengürtel.

»Dein Vater gab dem Kloster eine Mitgift«, sagt Schwester Magdalena leise. »Für deinen Unterhalt. Darüber entscheidet die ehrwürdige Mutter Elisabeth.«

Anna weiß, was eine Mitgift ist. Ihre Freundin Adelheid, zwei Jahre älter als sie, hatte im vergangenen September geheiratet. Anselm Hauenschild, den ersten Sohn des Schmieds Johann Hauenschild – ein junger Mann, der in seinen Blicken stets so wirkte, als müsse er erst nach den passenden Gedanken suchen. Ein wenig langsam, manchmal unbeholfen, doch nie bösartig. Ein gutmütig einfältiger Mann, wie die Alten sagten. Adelheids Vater hatte fünfzig Gulden auf den Tisch gelegt, dazu ein Federbett, zwei große Wolldecken, eine eichene Truhe und dreißig Ellen Leinen, ordentlich gefaltet und mit Lavendel bestreut. Sogar ein Satz Zinngeschirr lag obenauf – das Gute, für die Sonntage.

Schwester Magdalena sieht Anna an, gleich darauf den Leinengürtel auf der Schlafstätte. »Das Nichttragen oder falsche Tragen des Gürtels wir mit Bußen geahndet, Anna.«

»Verzeihung«, flüstert Anna mit gesenktem Blick.

»Verzeihung, Schwester Magdalena. Sag es!«, fordert sie.

»Verzeihung, Schwester Magdalena«, antwortet Anna. Hastig ergreift sie den Leinengürtel, schaut kurz auf die Gürtel der Schwestern. Sie kennt den Knoten, er ist fast derselbe, den ihr Vater ihr einst beigebracht hat, um ein Pferdehalfter zu schließen – fest, doch mit einem Griff zu lösen.

Sie legt den Gürtel um, zieht das Leinen durch die Finger, spürt die raue Struktur an den Handflächen.

Ihre Bewegungen sind vorsichtig, noch zögerlich; der Gürtel ist länger als nötig, und der Stoff schlägt leicht gegen ihre Knie.

Schwester Magdalena beobachtet sie mit unbewegtem Gesicht, nur ein leichtes Anheben der Brauen verrät, dass sie genau sieht, wie Annas Finger den Knoten suchen.

»So«, sagt Magdalena schließlich, und tippt mit einem knochigen Finger an die Stelle, wo das lose Ende hängt. »Nicht vor der Hüfte. Seitlich. Damit er dich nicht beim Arbeiten stört.«

Anna schiebt den Knoten an die Seite, wie geheißen. »Verzeihung… Danke, Schwester Magdalena.«

Schwester Magdalena nickt knapp. »Gut. Merke dir das, Anna. Alle Regeln sind wichtig, an ihrer Befolgung zeigt sich, wer Gott gehorsam ist.«

»Wir werden zur Vesper erwartet«, stellt Schwester Agnes fest.

»Wohlan, die Abendstunde des Herrn naht«, stimmt Schwester Magdalena zu.

Sie und Magdalena gehen zum Ausgang.

Anna bleibt aus Unverständnis stehen.

»Worauf wartest du, Anna? Folge uns«, sagt Agnes.

»Verzeihung. Ja, Schwester Agnes«, entgegnet Anna und folgt mit schnellen Schritten.

»Kein Grund zur Eile, Kind«, sagt Schwester Agnes, ohne Anna anzusehen. »Wir werden auch mit langsamen Schritten pünktlich sein.«

Anna geht hinter den Schwestern.

›Schwester Magdalena geht mit festen zielstrebigen Schritten, sie trägt die Regeln wie ein unsichtbares Gewand‹, denkt Anna.

Agnes hingegen trägt sie wie einen Gürtel, den man enger oder lockerer schnallen kann.

Nur ein leises Rascheln der Gewänder und beinahe schwerelose Schritte deuten an, dass sich die kleine Klosterkirche mit Schwestern und Novizinnen füllt.

Der Innenraum ist kleiner, als Anna ihn erwartet hatte. Nicht die Größe fällt ins Gewicht, sondern das Gefühl, dass er sich um sie schließt wie eine Hand.

Schwester Magdalena schreitet voran, Schwester Agnes folgt dicht, Anna hinter ihnen. Die hohen Rückenlehnen der Chorbänke deuten fein geschnitzte biblische Szenen an, es riecht nach Weihrauch, Wachs und geöltem Holz.

Magdalena deutet wortlos auf einen leeren Platz. Kein Zweifel, von hier aus kann sie jeder sehen – ob sie steht, kniet, wie sie sitzt, wie sie den Gürtel trägt, ob ihre Hände gefaltet sind.

Anna setzt sich, spürt unter sich das schwere, glatte Holz. Auf der anderen Seite, auf Augenhöhe, sitzen andere Novizinnen, zierlich, das Wollene des Habits leicht verfilzt am Saum. Zwei Plätze weiter sitzt Schwester Agnes, den Blick geradeaus, die Hände ruhig im Schoß.

Anna erkennt einige Gesichter der Ordensschwestern von den Marktplätzen in Ulm.

Der Blick nach rechts zieht sie magisch an: ganz vorne, leicht erhöht, sitzt die Äbtissin Elisabeth Reichner, ihr Gesicht streng gerahmt.

Ein heller Glockenschlag erfüllt den Raum. Das Leben darin erstarrt.

Anna sieht wie die Frauen ihre Köpfe senken und tut es ihnen gleich. Der Boden ist mit großen, ausgetretenen Steinplatten im Rautenmuster ausgelegt.

Die Äbtissin erhebt die Stimme: »Deus, in adjutorium meum intende… Gott, komm mir zu Hilfe; Herr, eile mir zu helfen!«

Die Antwort der Schwestern und Novizinnen folgt sofort: »Domine, ad adjuvandum me festina… Herr, eile mir zu helfen!«

Anna lauscht dem Echo von den Wänden – es ist kürzer, ihm fehlen das Volumen und die Pracht der Akustik des Münsters. So vermitteln die Worte eine beinahe intime Stimmung.

»Gloria Patri, et Filio, et Spiritui Sancto.« Die Frauenstimmen fließen ineinander.

Ein Psalm beginnt. Die Schwestern auf der rechten Bank singen die erste Zeile, jene auf der linken antworten. Der Wechselgesang zieht sich wie ein unsichtbarer Faden durch den Raum.

Anna braucht einen Moment, um den Rhythmus zu verstehen – ein kleiner Atemzug, der den Wechsel markiert, ein leichtes Vorneigen der Köpfe beim ersten Wort.

Sie hört ihren Nachbarinnen zu.

Schwester Magdalena, die Hände gefaltet, formt jeden Ton präzise, doch ihrer Sopranstimme fehlen die Obertöne. Agnes hingegen singt weich und akzentuiert.

Anna kennt Psalm einhundertneun von den Gottesdiensten – die Worte, sie klingen martialisch, wollen für Anna nicht recht zu einem Gott passen, der die Nächstenliebe predigt: ›Der Herr sprach zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich hinlegen werde deine Feinde als Schemel deiner Füße…‹

Nach dem zweiten Psalm tritt eine kurze Stille ein. Eine Schwester, deren Gesicht älter aussieht als die von Schwester Agnes und Magdalena, geht zum Lesepult. Sie verbeugt sich kurz vor dem Kreuz und der Äbtissin und liest ein kurzes Stück aus der Bibel. Sie hat eine angenehm tiefe Stimme, sie spricht gleichmäßig ohne Eile. »Expurgate vetus fermentum, ut sitis nova conspersio… Fegt den alten Sauerteig hinaus, damit ihr ein neuer Teig seid… Denn unser Paschalamm ist ja für uns geschlachtet worden: Christus; so wollen wir ein Festmahl feiern im Herrn, Halleluja.«

Anna wiederholt die Worte stumm mit ihrer inneren Stimme. Der Sinn von Jesus‘ Kreuzigung will sich ihr nicht erschließen. Warum musste der Sohn Gottes sterben, damit Menschen leben? Opfer kennt sie, ja. Ein Tier wird geschlachtet, damit man Fleisch hat. Aber ein Mensch – der Sohn Gottes? Der Gedanke gleitet ihr davon wie ein Fisch, den man mit bloßen Händen fassen will. Sie spürt, wie sich Unruhe in ihr regt. Vielleicht ist es falsch, so zu denken. Vielleicht ist es Sünde. Aber ihr Kopf schweigt nicht. Sie weiß zu viel, um die Worte einfach zu akzeptieren. Ihr Vater hätte gesagt: Hinterfrage nicht, gehorche. Doch das Wort »Wahrheit«, das eben noch in der Lesung erklang, hat sich in ihr eingenistet. Wahrheit verlangt Verstehen.

Dann hebt sich wieder Gesang, diesmal ein Hymnus. Er klingt heller, ein Aufatmen, doch der Ernst bleibt. Das Magnifikat folgt – Anna spürt, dass dieser Moment für die Schwestern besonders ist. Alle stehen jetzt, selbst die Äbtissin, die den Kopf leicht hebt, als würde sie jeden Ton in den Himmel schicken.

Eine Viertelstunde ist vergangen. Für Anna fühlt sie sich an wie ein langer, ununterbrochener Atemzug. Sie weiß nicht, ob sie schon Teil dieses Atems ist oder ob sie würdig ist, ihn mitzuatmen.

Zum Ende der Vesper ergreift die Äbtissin das Wort. »Wir schließen die heutige Vesper mit einem Dank – an unseren Herrn, Jesus Christus…«

»Amen!«, erwidern die Frauen.

»Für die Gemeinschaft, die uns trägt, und für die, die uns anvertraut sind. Heute begrüßen wir Novizin Anna unter uns. Mögen wir sie nach besten Kräften unterstützen und ihr dabei helfen, den von Gott bestimmten Weg zu finden.«

»Amen!«, sagen die Frauen.

Anna spürt die Blicke, die auf ihr ruhen. Manche warm, manche prüfend, wieder andere undurchsichtig, sodass sie sie nicht deuten kann.

Dann fügt Äbtissin Elisabeth hinzu, fast beiläufig, und doch mit einem kleinen Anflug von Erleichterung in der Stimme: »Und wir danken dem Wohltäter, der uns heute Abend ein Mahl gestiftet hat. Es wird ein kräftiger Eintopf mit Lammfleisch sein, nahrhaft und gut, zum Andenken an unseren Erlöser. Lasst uns das Geschenk in Dankbarkeit annehmen.«

»Amen!«, sagen die Frauen.

Ein kaum wahrnehmbares Rascheln geht durch die Reihen – ein kurzes Aufflackern von Freude, fast ein Lächeln, das durch den Raum huscht.

Anna bemerkt, wie sehr sich ihr eigener Magen in diesem Moment meldet. Am Morgen hatte sie nur dünne Suppe mit etwas Brot gegessen, und nun steigt ihr die Vorstellung eines warmen, duftenden Eintopfs in die Nase, obwohl noch gar kein Geruch da ist.

Die Frauen gehen langsam in zwei Reihen und schweigend in das Refektorium.

Anna geht mit anderen Novizinnen am Ende der Prozession, bemüht, den Rhythmus der anderen zu übernehmen.

Am Eingang wäscht sich jede kurz die Hände in einer bereitgestellten Schale und trocknet sie mit einem der einfachen Leinentücher.

Vor dem Betreten des Speisesaals machen sie eine kurze Verbeugung und Kreuzzeichen in Richtung des Kruzifixes.

Anna ahmt die Bewegungen nach, so gut sie es vermag.

Die Plätze sind einfache Holzbänke an langen Tischen. Vor jeder stehen Schalen, Löffel, ungebrochenes Brot. Alle stehen schweigend und mit gesenkten Häuptern vor den Tischen.

Ein leises ›Benedicite‹ klingt von der Äbtissin herüber, und wie auf ein geheimes Zeichen nehmen alle gleichzeitig Platz. Anna auch.

Der Eintopf dampft, schlicht und doch duftend: eine fettige Fleischbrühe, Linsen, Wurzeln, ein Hauch von Kohl.

Annas Magen zieht sich zusammen, der Hunger ist so schmerzhaft, dass er sie fast beschämt.

Während sie den ersten Löffel zu sich nimmt, erhebt sich eine Schwester und geht zu einem Lesepult an der Stirnseite des Speisesaales. Sie bekreuzigt sich, öffnet ein Buch. Ihre Stimme ist warm und dunkel, getragen vom hallenden Raum: »Sorores: Nolite conformari huic saeculo, sed reformamini in novitate sensus vestri… Schwestern: Passt euch nicht dieser Welt an, sondern lasst euch verwandeln durch die Erneuerung eures Sinnes...«

Anna ist erstaunt, den Löffel halb erhoben. Worte, die sie noch nicht kennt.

Die Schwestern und Novizinnen essen schweigend, die Löffel bewegen sich im gleichen, ruhigen Rhythmus. Nur leises Schlürfen, das Brechen des Brotes, und über allem die Stimme der Lektorin. Niemand spricht. Kein Blick wandert zur Nachbarin. Alles fließt in das Schweigen und in den Klang der Worte.

Die Äbtissin hat nicht zu viel versprochen – der Eintopf ist warm, kräftig, das Lammfleisch schmackhaft, ein wahrer Trost.

An ihrem Tisch sitzen fünf Novizinnen. Für einen Augenblick, kaum länger als ein Atemzug, heben die jungen Frauen nacheinander die Köpfe. Ihre Lippen bewegen sich, jedes Wort gehaucht, gerade so, dass es im allgemeinen Schweigen untergeht.

»Maria.«

»Judith.«

»Veronika.«

»Sabina.«

»Klara.«

Kaum hörbar, als wären ihre Namen etwas Verbotenes.

Anna wagt es nicht, sofort zu antworten. Sie spürt, dass jede Silbe eine Grenzüberschreitung ist, doch ihr Herz schlägt so laut, dass es wie eine Aufforderung klingt. Schließlich hebt sie ihr Kinn und flüstert ebenso knapp, kaum hörbar: »Anna.«

Die Novizinnen senken die Blicke wieder, als sei nichts geschehen.

Anna spürt noch das kleine Glühen dieses Moments, ein Funke, der ihr sagt: Sie ist nicht allein.

Schließlich legt die Lektorin das Buch nieder, verneigt und bekreuzigt sich erneut. Die Schwestern setzen die Löffel ab. Ein leises ›Deo gratias‹ der Lektorin beendet das Abendessen.

Sie gehen wieder in die Kirche.

Anna spürt, wie die Kühle der Steinplatten allmählich durch die dünnen Sohlen ihrer Schuhe dringt. Sie spürt, wie der Gürtel an ihrer Hüfte reibt. Niemand spricht. Auch sie nicht.

Kerzen und leicht rußende Öllampen erleuchten den Chorraum.

Nacheinander verneigen und bekreuzigen sie sich.

Anna folgt den Bewegungen der anderen: verneigen, eintreten, bekreuzigen, platznehmen.

»Deus, in adjutorium meum intende… Gott, komm mir zu Hilfe…« die Stimme der Äbtissin ist nicht laut, aber sie erfüllt den Raum.

»Domine, ad adiuvandum me festina… Herr, eile mir zu helfen…« die Antwort der Frauen kommt wie ein gemeinsamer Atemstoß.

Anna kennt die Worte.

Der erste Psalm hebt an. Die Gesänge erfüllen den Raum.

Anna spürt ihre eigene Müdigkeit und die der Frauen. Es war ein langer Tag.

Dann eine Lesung: »Sorores, sobrii estote et vigilate… seid nüchtern und wachsam.« Anna übersetzt im Kopf, Wort für Wort, wie eine Litanei gegen den Schlaf.

»In manus tuas, Domine, commendo spiritum meum… In deine Hände, Herr, lege ich meinen Geist.«

Der Ruf kommt zweimal, dreimal. Beim zweiten Mal merkt Anna, wie die Schwestern sich beim »meum« leicht verneigen.

Der Hymnus beginnt, ruhig und schlicht: Te lucis ante terminum… zu dir, du Licht, eh’ sich die Nacht beschließt.«

Die Melodie ist so einfach, dass Anna sie gleich mitsingen kann, ohne zu ahnen, ob es erlaubt ist. Sie spürt, wie der Ton in ihrer Kehle kaum hörbar mitgeht.

Alle erheben sich. »Nunc dimittis servum tuum, Domine… nun lässt du, Herr, deine Diener in Frieden scheiden.«

Anna steht sehr still. Frieden ist ein Wort, das auch ihr Vater mochte.

Kurze Fürbitten, das Vaterunser, kniend. Dann der Segen.

Die Äbtissin neigt sich vor, zeichnet ein großes Kreuz in die Luft. Etwas Kaltes trifft Annas Stirn — Weihwasser. Drei Tropfen laufen. ›Nur Wasser‹, denkt Anna, und doch ist es mehr als Wasser.

Zum Schluss die marianische Antiphon: ein kurzer, heller Jubel, der in dieser Nacht wie ein Fenster wirkt. Regina caeli, laetare… Königin des Himmels, freue dich, Halleluja.

»Benedicamus Domino… wir danken dir, Herr!«

»Deo gratias.«

Diese Formeln sind wie Steine, über die man trockenen Fußes ans andere Ufer eines Flusses geht.

Sie stehen auf, ordnen die Gewänder. Der Chor leert sich in geübter Stille, ein geordnetes leises Rascheln. Im Gang ist es dunkler als zuvor. Eine Laterne zeichnet wabenförmige Schatten an die Wand.

Anna hält sich einen Schritt hinter Magdalena und Agnes.

Im Schlafsaal brennt nur eine Lampe am Eingang, neben der unbeweglichen Gestalt der Nachtwache. Der Raum riecht wie am Nachmittag – Wolle, Leinen, Stroh und Lavendel.

Die Schwestern und Novizinnen treten nacheinander ein, jede geht an ihren Platz, kaum ein Laut, nur das Rascheln des groben Stoffs.

Magdalena deutet mit einer kleinen Handbewegung auf Annas Pritsche.

Anna bleibt stehen, wagt kaum, zu atmen. Alles ist sichtbar. Keine Vorhänge, keine Ecke, in die man sich zurückziehen könnte. Die Nähe der anderen ist unausweichlich.

Novizin Veronikas Schlafstätte steht rechts von ihrer, die von Sabina links. Ein kurzer Austausch von Blicken, ein angedeutetes Lächeln.

»Silencio, sorores!«, mahnt die Nachtwache.

Anna konnte kein Flüstern hören – vielleicht eine Warnung?

Schwester Agnes löst wortlos den Strick an ihrem Habit, legt Schuhe und Gürtel ordentlich neben die Pritsche, kniet, bekreuzigt sich und legt sich nieder. Magdalena macht es ebenso. Anna zögert und legt den Gürtel ab.

Am Ende der Reihe huscht eine der Novizinnen hinaus. Anna folgt ihr durch eine niedrige Tür, die zum Abtritt führt. Der Raum besteht aus kalten und feuchten Wänden, mit Sitzbrettern über einem Schacht. Daneben ein Eimer Kalk mit einer Schaufel. Eine Kerze, nur ein kleines Gitterfenster. Von draußen ist das Gluckern des Flüsschens Blau zu hören.

Anna hält den Atem an. Ihr Herz schlägt zu schnell. Zu Hause hatte sie ihre eigene hölzerne Truhe über einer Grube; der Geruch war vertraut, privat, umschlossen von Wänden, nur für sie. Hier gibt es kein Verbergen. Keine Abtrennung, keine Tür. Nur Löcher, Bretter, Stein.

Sie rafft den Stoff ihres Umhangs hoch, eine Hand zwischen Knie und Bauch geklemmt, um ihn nicht zu beschmutzen. Ihr Gesicht brennt. Sie setzt sich vorsichtig, spürt das raue, kalte Holz unter sich. Alles in ihr schreit, sich zurückzuhalten – aber der Drang ist zu groß, der Weg durch den Tag zu lang.

Das erste Tröpfeln klingt wie ein Schlag gegen die Stille. Sie beißt sich auf die Lippen, hört, wie die Flüssigkeit in die Tiefe platscht, hört in den Ohren ihr eigenes Blut rauschen. ›Jede Schwester im Raum muss es hören!‹, denkt sie. ›Jede!‹ Sie schämt sich mehr, als sie es für möglich hält.

Dann kommt der Stuhlgang. Ein dumpfes, ungeschöntes Geräusch, das in der Dunkelheit des Schachtes verschwindet, und sie spürt, wie ihr Körper sich entleert. Sie wagt nicht zu atmen. Der Gestank steigt ihr in die Nase.

Danach greift sie nach dem bereitliegenden Büschel Moos. Es ist trocken, bröckelt, kratzt rau an der Haut. Sie fühlt, wie unwürdig es ist, wie fern von allem, was sie kannte. Das Moos zerfällt zwischen ihren Fingern, hinterlässt einen erdigen Restgeruch, den sie nicht loswird.

Hastig rafft sie ihr Gewand wieder zurecht, steht auf, wagt keinen Blick zu den anderen. Sie nimmt eine Schaufel Kalk und wirft ihn in den Schacht.

Links neben der Latrine liegt ein weiteres kleines Gemach, kaum mehr als ein Gang: das Lavatorium. Ein grobes Becken, mit Wasser gefüllt. Keine Seife, nur eine hölzerne Kelle. Eine Schwester benetzt ihre Hände, spritzt sich Wasser ins Gesicht, wischt die Tropfen mit dem Ärmel ab. Kein Spiegel. Nur die eigene Spiegelung auf der schwarzen Wasserfläche.

Anna wagt, die Hände zu tauchen. Das Wasser ist eisig. Sie benetzt Stirn und Schläfen, spürt, wie die Kälte ihr Herz in den Hals treibt. Einen Augenblick lang fühlt sie sich klarer, wacher. Dann trocknet sie die Hände hastig am Saum ihres Mantels.

Als sie zurück ins Dormitorium geht, spürt sie in jeder Faser ihres Körpers, dass sie nun wirklich hier ist – in einer Welt, die ihr nichts schenkt außer Schweigen und Stille.

Manche Frauen knien neben den die Pritschen, bekreuzigen sich.

Anna ahmt sie nach, kniet ebenfalls, die Steinplatten hart unter ihr, und versucht, die Worte zu formen, die sie von den Lippen der Schwestern hört: »In manus tuas, Domine, commendo spiritum meum… In deine Hände, Herr, lege ich meinen Geist.«

Dann legt sie sich hin, zieht die Decke bis zum Hals. Das Stroh knistert. Neben ihr atmet eine Schwester schon tief, rhythmisch, fast wie ein Metronom. Sie hört die Schritte der Nachtwache, die ihren ersten Rundgang beginnt.

Anna starrt auf die dunklen Balken über ihr. Nur Holz und Dunkelheit. Wenig später sinkt sie in einen tiefen Schlaf.

Zuerst ist da nur Stille. Doch die Stille atmet. Sie fühlt sich beobachtet.

Ein Raum erscheint, weit, hoch, von Lichtern und Schatten durchzogen. Überall sind Spiegel, aber keiner zeigt ihr Gesicht. Stattdessen sieht sie fremde Frauen und Männer in schweren Mänteln und Uniformen, Gesichter halb im Dunkel verborgen. Sie reden, aber kein Laut dringt zu ihr. Nur ein Lächeln blitzt auf.

Dann steht sie in einem Saal mit Wänden aus rotem Samt. Vorhänge wehen. Auf dem Boden liegt ihr Gürtel, den sie am Abend so hastig geknotet hat. Ein Mann hebt ihn auf – er trägt Handschuhe, der Blick ist kalt, unergründlich. Sie weiß: er kennt sie, lange bevor sie ihn kennen wird.

Sie läuft. Türen öffnen sich in Korridoren, die endlos scheinen. Hinter jeder Tür wartet eine Stimme, die sie ruft – mal sanft, mal drohend. »Anna«, flüstert es, »Anna«. Dann ein anderer Klang, härter, ein Befehl: »Anna.«

Plötzlich ist Blut da. Nicht viel, nur ein Tropfen an einer weißen Manschette. Doch in diesem Tropfen spiegelt sich ein Gesicht – ihr eigenes, aber älter und noch schöner.

Anna will zurückweichen, doch der Blutspiegel fließt auseinander wie Wasser. Hände greifen nach ihr, ziehen sie hinein. Sie fühlt, wie ihre Brust eng wird, ein kaltes Messer an ihr Herz gedrückt.

Da schreckt sie hoch.

Dunkelheit. Nur das gleichmäßige Atmen der Schwestern und Novizinnen um sie herum. Der Traum zersplittert. Sie nimmt den Rosenkranz an sich, halb im Schlaf, halb im Reflex und flüstert: »Ich bin Anna.«

Nur ein paar Stunden später ein Rütteln an ihrer Schulter. »Surge, soror.« Die Stimme der Nachtwächterin ist kaum mehr als ein Hauchen, aber für Anna bricht sie wie ein Donnerschlag durch den Traum.

Sie schlägt die Augen auf. Dunkelheit. Nur eine winzige Laterne, die in der Hand der Nachtwächterin schwankt, wirft matte Kreise an die Wände. Ein Dutzend Körper regen sich im Halbschlaf, Rascheln von Stroh, Knarren von Holzpritschen. Ein Husten, ein Seufzer.

Anna blinzelt. Ihr Leib schreit nach Schlaf, jeder Knochen fühlt sich schwer an wie Blei. Sie hat jedes Zeitgefühl verloren. Aber noch ehe sie sich besinnen kann, sieht sie, wie Schwester Agnes aufsteht, rasch den Gürtel umlegt und mit nackten Füßen über den kalten Steinboden huscht.

Magdalena folgt ihr wortlos, nur mit einem kurzen Kreuzzeichen über die Stirn.

Anna tut es ihnen gleich. Der Leinengürtel liegt neben ihr, sie knotet ihn hastig. Ihr Atem dampft in der Kälte.

Die Frauen reihen sich, eine nach der anderen, im Gang vor dem Dormitorium auf. Niemand spricht. Nur die Nachtwächterin hebt die Laterne, und das schwache Licht beleuchtet die Szene.

Anna steht mit den anderen Novizinnen am Ende und wagt kaum, zu blinzeln.

Dann setzt sich die kleine Prozession in Bewegung. Ein langsamer Zug von Schatten, der über den Steinboden gleitet.

Anna hört das Scharren der Sohlen, das Klacken eines Gehstockes irgendwo weiter vorne. Hat sie das Geräusch schon gestern vernommen?

Der Weg zur Kirche fühlt sich an wie durch ein anderes Reich. Das Herz schlägt ihr bis in den Hals – nicht nur aus Müdigkeit, sondern weil jeder Schritt tiefer in eine Welt führt, die sie kaum begreift.

Sie betreten den Chorraum, ein paar Kerzen am Altar werfen etwas Licht. Der Atem der Schwestern erhebt sich fast gleichzeitig zu einem Seufzer.

Die Äbtissin tritt vor, ihr Umriss klar gegen das matte Kerzenlicht. »Gott, komm mir zu Hilfe…«

Und von allen Seiten tönt es zurück: »Herr, eile mir zu helfen!«

Die Worte erfüllen den Raum, gleichmäßig, getragen, wie das tiefe Schwingen einer Glocke.

Anna spürt, wie sie mitschwingt.

Sie Beginnen mit Psalm drei: »Domine, quid multiplicati sunt qui tribulant me? Herr, wie zahlreich sind meine Bedränger?« Fragen, die in die Kälte aufsteigen, ohne Pathos, aber voller Ernst.

So vergeht die erste Viertelstunde der Morgengebete.

Für Anna fühlt es sich an wie ein Atem, der nicht der ihre ist, aber den sie von nun an mitatmen muss.

Äbtissin Elisabeth tritt mit leisen Schritten und mit einer brennenden Öllampe in der Hand vor. »Folge mir, Anna.«

Anna nickt. »Ja, ehrwürdige Mutter.«

Sie gehen nicht durch die große Tür, sondern seitlich, an der Sakristei vorbei, einen schmalen Gang hinunter. Der Steinboden ist kalt; noch fällt kein Licht durch die Fenster mit den rautenförmig verglasten Scheiben. Am Ende des Ganges öffnet Elisabeth eine niedrige Tür mit einem leisen Schlüsselklang.

Die Stube ist schlicht. Ein hölzerner Tisch, auf dem ein Tintenfass, eine Sandbüchse und zwei Gänsekiele liegen. Daneben ein Psalter, die Regel der heiligen Klara und ein schmaler Band Augustinus. An der Wand ein Kruzifix, darunter ein eiserner Schlüsselbund an einem Nagel. Eine Truhe steht in der Ecke, der Deckel leicht offen: darin Leinen, ein Bündel Papiere, ein Rosenkranz. Kein Feuer, nur die Erinnerung an Wärme in einem kleinen, ausgekühlten Handwärmer aus Ton.

Elisabeth deutet auf einen Schemel. »Setz dich.« Sie selbst bleibt stehen, legt die Hände in die Ärmel, dann hebt sie den Blick. »Wie befindet sich Anna?«

»Müde, ehrwürdige Mutter.« Anna sucht nach dem rechten Wort. »Und wach zugleich.«

Ein kaum merkliches Nicken. »Gut. Müdigkeit lässt sich ordnen. Wachheit ist schwieriger.« Eine Pause. »Du sprichst, wenn ich frage. Sonst schweigst du. Verstanden?«

»Ja, ehrwürdige Mutter.«

Elisabeth schiebt den Psalter näher. »Kannst du lesen?«

»Ja, ehrwürdige Mutter.«

»Laut. Den ersten Vers, hier.« Die Äbtissin legt einen Finger auf die Seite.

Anna liest, ohne zu hasten: »Beatus vir, qui non abiit in consilio impiorum« Ihre Stimme ist ruhig; sie hört sich selbst, als lausche sie einer Fremden.

»Übersetze.«

»Selig der Mann, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen…«, sagt Anna auf Deutsch, dann stockt sie kurz und fügt, leise, fast automatisch hinzu: »Heureux l’homme qui ne marche pas selon le conseil des méchants.«

Elisabeths Blick bleibt still, aber etwas darin verschärft sich. »Sprachen?«

»Französisch, ehrwürdige Mutter. Deutsch. Latein. Etwas Griechisch.«

»Etwas?«

Anna neigt den Kopf. »Ich kann das Pater noster und einfache Sätze.«

»Sprich.«

Anna atmet ein. »Πάτερ ἡμῶν ὁ ἐν τοῖς οὐρανοῖς· ἁγιασθήτω τὸ ὄνομά σου… Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name…« die Silben sind weich und alt in ihrem Mund, wie ein Lied aus einer anderen Zeit.

»Genug.« Die Äbtissin legt die Hand flach auf den Tisch. »Du wirst Griechisch nicht prahlen. Es dient, wenn ich es befehle. Sonst schweigt es.«

»Ja, ehrwürdige Mutter.«

Elisabeth sieht Anna erneut an. »Rechnen kannst du?«

»Ja, ehrwürdige Mutter.«

»Wie viele Tage zählen wir von heute bis zum Fest Mariä Himmelfahrt?«

Anna senkt kurz die Lider, ihr Geist springt wie von selbst. »Sechsundzwanzig.«

Ein kaum merkliches Nicken. »Und wenn wir für die Fastensuppe jeder Schwester ein halbes Pfund Linsen rechnen, für vierzig Schwestern, wie viel musst du aufschreiben?«

»Zwanzig Pfund, ehrwürdige Mutter.«

»Wenn aber der Händler nur siebenzehn Pfund bringt, wie viel fehlt?«

»Drei Pfund.«

Die Äbtissin verschränkt die Hände im Ärmel, doch ihre Stimme bleibt still, fast mild. »Gut. Du wirst das Vorratsbuch verstehen, wenn man es dir anvertraut. Bedenke, Mathematik ist Ordnung.«

»Ja, ehrwürdige Mutter.«

Elisabeth nimmt die Sandbüchse, dreht sie in der Hand, stellt sie wieder ab. »Schreiben?«

»Ja, ehrwürdige Mutter.«

Sie schiebt ihr ein schmal geschnittenes Blatt und einen Kiel hin. »Dein Name.«

Anna taucht die Feder, atmet einen Herzschlag lang, setzt an: Anna von Hagen. Ihre Hand ist sicher, die Buchstaben schlicht, ein wenig verziert.

»Hier drinnen bist du Anna«, sagt Elisabeth. »Der Zusatz bleibt an der Pforte.« Sie dreht das Blatt, betrachtet die Schrift, nickt knapp. »Du wirst in der Küche Listen führen, im Skriptorium den schreibenden Händen helfen, wenn du gerufen wirst.«

»Ja, ehrwürdige Mutter.«

Sie legt den Psalter beiseite. »Musik?«

»Ich kann den Ton halten«, antwortet Anna, »und ich kenne die Hymnen aus Ulm. Noten nur wenig.«

»Hier singt man schlicht. Du wirst hören. Zeige mir den Anfang von Regina caeli.«

Anna zögert den Hauch eines Augenblicks, dann setzt sie leise an. Ihre Stimme ist zögerlich vor Vorsicht, aber rein: »Regina caeli, lætare…« Der Ton findet sich im Raum, bleibt stehen, ohne zu schwanken.

Elisabeth hebt eine Braue. »Genug. Das Ohr und der Ton sind gut. Sie werden uns nützen.«

Eine kurze Stille. Dann: »Körperliche Arbeit?«

»Ich kann tragen, ehrwürdige Mutter«, sagt Anna. »Wasser, Holz. Ich habe genäht, einfache Nähte. Im Garten Unkraut jäten, Erbsen setzen, Lauch schneiden.«

»Reiten?«

»Ja, ehrwürdige Mutter.«

»Das brauchst du hier nicht.« Die Äbtissin lässt die Worte fallen wie Messer. »Kannst du still sitzen und lange schweigen?«

»Ich lerne es, ehrwürdige Mutter.«

»Du lernst es nicht. Du tust es. Lernen kommt nach dem Tun.« Ein Hauch von Strenge, kein Zorn.

»Ja, ehrwürdige Mutter.«

Elisabeth nimmt den Schlüsselbund von der Wand, lässt die Ringe einmal in der Hand kreisen und hängt ihn wieder auf. »Hast du Wunden versorgt?«

»Kleine Schnitte. Eine verbrühte Hand, ehrwürdige Mutter.«

»Gut. Du wirst der Infirmaria zusehen. Still. Hände waschen, Augen offen.«

»Ja, ehrwürdige Mutter.«

Elisabeth schweigt einen Augenblick, als müsse sie noch eine letzte Gewissheit prüfen. »Anna«, beginnt sie leise, »dein Körper ist nicht mehr der eines Kindes. Hat dich die monatliche Reinigung schon besucht?«

Anna spürt, wie sich ihr Herzschlag beschleunigt und sich ihre Wangen röten. Ihr Blick fällt zu Boden, sie zwingt, sich zu sprechen: »Ja, ehrwürdige Mutter.«

Ein kaum merkliches Nicken der Äbtissin. »So bist du also bereit, die Last und die Ordnung der Frauen zu tragen.« Sie verschränkt die Arme. »Du wirst Reinheit halten. An den Tagen der Reinigung wirst du schweigen und dich in die Obhut der Schwestern begeben. Schwester Magdalena wird dich unterweisen.«

»Ja, ehrwürdige Mutter.«

Die Äbtissin tritt noch einen Schritt näher, sodass Anna ihr Gesicht deutlich sehen kann. »Was hältst du für deine stärkste Gabe?«

Anna spürt, wie die Worte in ihr aufstehen. »Ich spüre Menschen, ehrwürdige Mutter«, sagt sie leise. »Und was sie verbergen.«

Elisabeth schweigt einen Moment, dann nickt sie. »Das ist nützlich. Hier ist es erlaubt, solange es dient.«

»Ja, ehrwürdige Mutter.«

»Wovor fürchtest du dich?«

Anna denkt an das kalte Wasser des Lavatoriums, an den Geruch der Latrine, an das Netz aus Stimmen in der Vesper. »Vor dem Reden zur falschen Zeit, ehrwürdige Mutter«, sagt sie schließlich.

»Das ist die gerechte Furcht«, erwidert Äbtissin Elisabeth. »Halte sie fest, bis sie Tugend wird.«

Sie nimmt die Feder zurück, pustet die Tinte auf dem Papier an, ohne hinzusehen. »Du wirst heute im Garten sein. Der Boden ist schwer. Nach der Terz meldest du dich bei Schwester Meisterin. In der Komplet wirst du die Antiphon nur mit Lippen formen.«

»Ja, ehrwürdige Mutter.«

Elisabeth wendet sich bereits zur Tür, bleibt dann noch einmal stehen. »Wenn dir die Ordnung zu eng wird, denke daran: Die Mauern um uns sind nicht nur gegen die Welt, sondern auch gegen das, was in uns lärmt.« Sie öffnet die Tür. »Geh jetzt. Und stolpere nicht über deinen Eifer.«

Anna steht auf. »Deo gratias«, sagt sie beinahe unhörbar.

»So sei es«, antwortet Elisabeth, ohne sich umzudrehen. »Und nun: Arbeit.«

Kapitel 2

Söflingen, am achtzehnten Juli im Jahre des Herrn sechszehnhundertdreizehn.

Geliebter Vater, geliebte Mutter, geliebter Bruder und meine süße Magdalena.

Friede sei mit euch und ich überbringe euch auf diesem Weg die Gewissheit, dass ich gesund bin und täglich an euch denke. Ich schreibe diesen Brief in einer Stube unter dem Skriptorium. Durch das offene Fenster höre ich die Bienen und Hummeln im Lavendel und das leise Klopfen der Holzschuhe der Schwestern im Kräutergarten. Schwester Meisterin Sophia hat mir Papier gegeben und gesagt, ich solle ›einmal so schreiben, wie das Herz atmet, aber in geordneten Zeilen‹, und ich will ihr gerne mit großer Dankbarkeit gehorchen.

Drei Monate sind vergangen, seit ich an jenem Donnerstag nach Ostern die Schwelle zu diesem Gottesanwesen überschritten habe. Ich sehe euch noch vor mir, geliebter Vater, wie euer Mantel im Wind kurz aufschlug und ihr euch nicht umdrehtet, damit ich stark bleibe. Geliebte Mutter, ich fühle eure Hand auf meinem Haar, obwohl ihr sie mir an diesem Tag nicht mehr auflegen konntet. Lieber Louis, du bist an jenem Donnerstag deinem Vater zur Hand gegangen und konntest nicht Adieu sagen. Und Du, kleine Lena, hast mir damals in Gedanken einen blauen Faden mitgegeben, den ich seitdem um meine Finger wickele, wenn an dich denke.

Ich habe gelernt, dass die Mauern hier nicht nur trennen, sondern auch beschützen. In der Osterwoche klangen die Psalmen wie eine neue Luft, die man zu atmen lernt. Wir sangen Regina caeli bis Pfingsten, und seit dem Dreifaltigkeitssonntag stimmen wir das Salve Regina an; jeden Abend wie ein weiches Tuch, das man über einen Tisch legt. Ich schreibe das nicht, um zu prunken, sondern weil mir die Ordnung der Feste, des Tagwerks, der Besinnung wie ein Uhrwerk geworden ist, in das ich mich einfüge: Matutin im Dunkel, Prim wenn die Amsel noch allein singt, dann Terz, dann Arbeit, Sext, Non, Vesper, Komplet. Zwischen diesen Pfeilern verlaufen die Tage, und sie tragen mich zu neuen Ufern. Nicht in die Neue Welt jenseits Frankreichs, sondern zu neuen Ufern in meiner Seele.

Ihr fragt euch vielleicht, womit meine Hände gefüllt sind. Morgens gehe ich in den Garten: Lauch binden, Salbei zurückschneiden, die Erde um die Bohnen lockern. Meine Finger haben kleine Risse, die nach Thymian duften. Schwester Meisterin Sophia zeigt mir geduldig, wie man die Wurzeln nicht verletzt, wenn man Unkraut nimmt – sie hat eine Art, die Regeln so zu sagen, dass sie leicht befolgt werden können. Zwei Nachmittage in der Woche sitze ich im Skriptorium und führe die Küchen- und Vorratsbücher, ich schreibe aber auch Korrespondenz für die ehrwürdige Mutter Elisabeth, über die ich hier nicht schreiben darf. Meine Schrift wird ruhiger, sagt die Meisterin, wie ein Fluss, der den eigenen Lauf gefunden hat. Bitte entrichtet Laurentius meinen ergebensten Dank für die vielen Stunden geistigen Unterrichts, die ich bei ihm genießen durfte. Sei weiterhin folgsam und fleißig, liebstes Schwesterchen, damit Laurentius‘ Saat auch in dir erblühen möge.

Ihr wollt sicher wissen, wie es meinem Glauben geht. Ich spüre, wie ich in ihn hineinwachse, in etwas, das größer ist als ich. Ich ringe mit Worten, die ich hundertmal gehört habe und erst jetzt ganz langsam verstehe. In der Messe ist die Andacht vor der Elevation wie ein Augenblick, in dem selbst die Luft kniet. Ich beichte jeden zweiten Freitag – unser Beichtvater ist Pater Antonius, ein Franziskaner, ein Mann mit einer warmen Bassus-Stimme. Ich habe ihm meine Seele dargelegt: Ungeduld, ein wenig Hochmut, der heimliche Stolz darauf, dass ich einen Psalm ohne Fehler singe. Er hat mir zur Buße keine harten Steine auferlegt, sondern tägliche Übungen zur Kontemplation, zu der wir nun wirklich mehr als genug Zeit habe. Danach ist mir, als würde jemand die Fenster weit öffnen und frische Luft strömt hinein.

Ich weiß, geliebter Vater, dass ihr die Predigten im Münster liebt. Ich verstehe das, mehr denn je. Aber ich muss euch sagen, dass mir die Fülle hier – die Heiligen, die Feste, das Zeichen des Kreuzes, die Nähe Marias – ein Mantel geworden ist. Es ist nicht, dass ich die Protestanten für falsch hielte. Im Gegenteil: In Ulm lebt man miteinander, und wenn an Fronleichnam die Prozession im Hof geht und nicht auf die Straße, dann nicken die, die vorbeikommen, und gehen ihres Weges. Manchmal tauschen sie Brot gegen Nadeln; es ist, als ob zwei Sprachen in einer Stadt gesprochen werden und jeder die Sprache des anderen im Herzen doch ein wenig versteht. Ich habe das Gefühl, dass die Wege zum Herrn viele sind und nur Er allein sie alle kennt.

Und doch geht ein Flüstern durch die Landschaften. Man spricht von Bündnissen, von Liga und Union, von Fürsten, die wieder zählen, wer auf welcher Seite steht. Ein Kaufmann, der Leintücher brachte, sagte leise, in Prag seien die Worte schwerer geworden als Steine in der Hand. Ich bin nur ein Mädchen und höre nicht jede Zeile der Nachrichten, aber ich spüre, wie die Luft dichter wird, als warte sie auf ein Gewitter. Wenn es kommt, wird der Regen nicht fragen, wer den rechten Glauben in sich trägt. Ich bete, dass er an uns vorüberzieht. Ich bete auch, dass ich, wenn der Wind stärker wird, nicht an mir zweifeln werde.

Nun muss ich etwas sagen, das mir nicht leicht fällt, weil es eitel klingen könnte, geliebte Mutter. Oft hast du mir die Haare gebürstet und geflochten. Hier übernehmen es meine Mitnovizinnen Maria, Judith, Veronika, Sabina und Klara – wir unterstützen uns gegenseitig nach besten Kräften. Jetzt trage ich eine Haube; der Saum meines Haares ist noch zu sehen. Später werden sie es kürzen, um das Herz von der Eitelkeit zu befreien. Die Schwestern sehen mich mit Wohlwollen und Freundlichkeit an, die ich nicht verdiene. Ich weiß, dass die Gestalt, die der Herr mir schenkte, Türen leichter aufstößt und Schwester Meisterin Sophia sagt, dass Schönheit ein Pfand ist, kein Recht. Wenn ich im Chor stehe, halte ich den Blick auf die Psalmen und nicht auf die Augen der anderen. Und wenn ich singe, denke ich: Die Töne gehören nicht mir; ich leihe sie unserem Herrn und der Gemeinschaft, wie man einen Krug weiterreicht. Es ist seltsam: Je mehr ich mich verberge, desto mehr sagt Schwester Meisterin Sophia, leuchte ich. Vielleicht ist das der Sinn: dass man nicht um sich selbst kreist und doch nicht weggeht von sich. Ich fröstele manchmal nachts unter der Decke, ich bin hungrig, wenn die Suppe dünn ist, und ich schäme mich, wenn ich stolz auf mich bin.

Es gibt hier Schwester Johanna, die Infirmaria, die Kranke pflegt. Ich helfe ihr manchmal, Wasser zu reichen, Tücher zu erwärmen, Wunden mit Salbe zu bestreichen, die nach Honig riecht. Hände werden in der Nähe des Leidens schnell demütig. Man sagt mir, dass ich gut beobachten kann. Ich achte darauf, den Menschen ein Glas Wasser zu bringen, bevor jemand darum bittet; die Schale näher rücken, wenn der Löffel zittert. Vielleicht ist das die Arbeit, die mir am nächsten ist: sehen, was fehlt, bevor es gesagt wird.

Wenn wir uns wiedersehen dürfen, irgendwann, am Gitter vielleicht, oder bei der Profess, werde ich euch nicht mit Tränen empfangen, sondern mit der Ruhe, die ich hier übe. Ich wünsche mir, dass ihr stolz auf mich sein könnt.

Wenn ihr mir etwas senden wollt – es fehlt mir nichts, außer vielleicht ein Stück Leinen für meine Schreibübungen. Aber bitte schickt nichts, was ihr nicht entbehren könnt. Gebt den Armen, wenn ihr könnt; auch wir teilen hier von dem, was uns gegeben wird.

Und nun schreibt mir doch noch, wie es euch ergeht – geliebter Vater, wie steht es um eure Arbeiten an den Stadtmauern? Ich weiß, ihr sprecht nicht gern von eurem Innersten, aber vielleicht könnt ihr mir ein einziges Wort senden, aus dem ich lese, dass ihr zufrieden seid mit dem Weg, den ihr für unsere Familie gewählt habt. Es würde mir eine große Stütze sein. Geliebte Mutter, wie geht es euch? Tragt ihr noch immer den Mut und die Kraft in euerem Herzen, das ich so verehre? Louis, mein Bruder, sage mir, ob du auch lachst, ob du mit Freunden sprichst, ob dein Herz noch warm bleibt unter all der Strenge, die man dir auferlegt. Und du, meine kleine Lena, meine süße Schwester – sammelst du gerade Blumen auf den Wiesen? Machst Du Kränze, wie du es immer im Sommer tust? Ich hoffe, du träumst immer noch deine stillen Träume.

Betet für mich, wie auch ich für euch bete.

Ich küsse in Gedanken eure Hände und lege euch in die Hände Gottes.

Eure Tochter und Schwester.

Anna.

20. Juli 1613

Gleich zu Beginn der dritten Stunde nach Sonnenaufgang geht Anna zum Skriptorium. Sie grüßt Schwester Agathe, die Vorsteherin der Schreibstube, und Schwester Marianne mit gesenktem Blick und einem stillen Nicken. Erst wenn Schwester Agathe oder Marianne sie ansprechen, darf sie ebenfalls das Wort ergreifen.

»Friede sei mit dir«, grüßt Agathe mit einem leicht angedeuteten Lächeln in ihren strahlend grünen Augen.

»Und mit dir«, sagt Anna und erwidert das Lächeln. Sie mag die ruhige und freundliche Art von Schwester Agathe. Außerdem kann sie sich in puncto Wissen durchaus mit Laurentius, ihrem ehemaligen Privatlehrer, messen.

Schwester Marianne erwidert die Begrüßungsformel ohne äußerlich erkennbare Regung. Anna ist fasziniert von ihrem beinahe stoischen Auftreten.

Die Sonne steht bereits hoch genug, dass ihre Strahlen durch die schmalen, bleigerahmten Fenster dringen. Das Glas ist uneben, schimmert leicht grünlich, so bricht das Licht in Flecken und Schlieren auf die Wände. Der Schreibraum wirkt dadurch beinahe lebendig, wie ein Bach im Sonnenlicht, der über Steine tanzt.

Anna setzt sich auf ihre Bank und wartet auf Anweisungen.

Die Luft um sie herum ist von einem eigentümlichen Geruch erfüllt: das leicht säuerliche Aroma der Tinte, die nach altem Wein und Metall zugleich riecht; das harzige Wachs der Kerzen, die selbst bei Tageslicht brennen; der Duft von getrocknetem Pergament, rau und tierisch, und dazwischen der vertraute Geruch von Papier, das immer häufiger Verwendung findet.

Anna meint, all diese Düfte voneinander unterscheiden zu können – und sie vermischen sich doch zu einem einzigen schweren Gemisch, das in der Luft hängt.

Die Wände sind schlicht gekalkt, ohne Schmuck, dafür mit Regalen versehen, in denen Lagen von Pergament und gebundene Codices liegen. Manche Bände sind alt, mit schweren Holzdeckeln, beschlagenen Kanten und Schließen aus Metall. Andere wirken neu, mit glattem, hellem Leder. Über einem Regal hängt ein Kruzifix, schlicht, aber so angebracht, dass der Blick der Schreibenden immer wieder darauf fällt.

Die Schreibpulte stehen in zwei Reihen, je vier Stück, mit geneigten Flächen, die Spuren zahlloser Kiele und Messerchen tragen. An manchen Stellen glänzt das Holz dunkel vom Gebrauch, an anderen ist es stumpf, fast grauweiß. Jedes Pult ist mit einem kleinen Einschnitt versehen, indem eine Feder ruht, daneben die Tintenfässchen, sorgfältig in hölzernen Haltern verankert, damit sie nicht verschüttet werden. Ein kleines Messer zum Schärfen der Gänsekiele, ein Sandstreuer aus Keramik zum Abpudern der feuchten Tinte und ein ordentlich gefaltetes Tuch liegen bereit.

Das Licht fällt von links, damit die rechte Hand beim Schreiben keinen Schatten wirft. Nur dort, wo der Gang verläuft, ist der Boden frei, ansonsten stehen Bänke, an denen die Schwestern sitzen, ihre Rücken leicht gebeugt. Von draußen dringt das Geschwätz von Spatzen herein.

Schwester Agathe bringt das Vorratsbuch, schwer, mit abgegriffenen Ecken und legt es vor Anna auf das Pult. Obenauf liegt ein Stapel loser Papiere, leicht verknittert, von verschiedenen Händen beschrieben. Manche Zettel sind schmal und unregelmäßig geschnitten, andere auf feinerem Papier, doch alle tragen Zahlenkolonnen, Namen und Kürzel – es sind die Lieferscheine der letzten Tage.

Anna weiß sofort, was ihre Aufgabe ist.

»Trage bitte die Angaben ins Hauptbuch ein«, sagt Agathe leise, ohne viel Erklärung, und deutet mit einem Finger kurz auf die Spalte, die noch leer ist.

Anna neigt den Kopf. »Ja, Schwester Agathe.« Sie schlägt das Buch auf. Das Pergament knarrt etwas, die Schrift der vergangenen Einträge ist fest und klar, auch ihre ist schon darin. Anna sortiert die Zettel. Einer nennt den Bäcker Ulreich Kleiner aus Ulm – ›zehn Laibe Brot‹ – ein anderer den Küfer, der neuen Wein gebracht hat. Wieder ein anderer listet Kerzenwachs auf, das aus dem Klostergut stammt, aber eigens verzeichnet werden muss.

Anna beginnt, Zeile für Zeile zu übertragen, ihre Feder gleitet leicht kratzig über das Pergament. Jeder Eintrag muss penibel stimmen – ein falsches Zahlzeichen, und die Bilanz des Monats wäre unbrauchbar.

Schwester Agathe schaut ihr kurz über die Schulter und folgt zufrieden Annas Gewissenhaftigkeit. »Deine Hand ist ruhig, deine Schrift gleichmäßig. Das ist recht.«

»Danke, Schwester Agathe«, erwidert Anna, ohne aufzusehen.

Nur wenig später wird die Tür von außerhalb des Schreibraums mit einem leisen Knarren geöffnet.

Anna sitzt mit dem Rücken zur Tür, erkennt aber an der gleichmäßigen, gemessenen Art zu gehen, dass die Äbtissin den Raum betritt. Ihr folgen fremde Schritte. Sie sind schwerer, aber nicht ungehobelt, nicht das polternde Stampfen von Landsknechten. Eher ruhig, beherrscht, fast wie die von Pater Antonius, wenn er den Kreuzgang entlanggeht. Priester sind nicht ungewöhnlich im Kloster, aber im Skriptorium hat Anna noch keinen angetroffen.

Anna unterbricht ihre Arbeit nicht. Sie nimmt einen weiteren Lieferschein vom Stapel, taucht die Feder bedächtig in die Tinte und hält die Schrift gleichmäßig.

»Friede sei mit euch«, grüßt die Äbtissin, ihre Stimme hell und dennoch von gewohnter Autorität getragen.

»Der Friede sei mit dir, ehrwürdige Mutter«, antworten Agathe, Marianne und Anna im Chor.

»Lasst euch nicht in eurer Arbeit stören.«

Der Habit der Äbtissin rauscht leicht, als sie durch den Raum geht. Doch Annas Ohr hängt an den fremden Schritten.

»Wir haben Besucher aus Konstanz«, erklärt die Äbtissin.

»Pax vobiscum«, spricht eine tiefe geübte Männerstimme.

»Et cum spiritu tuo«, erwidern Agathe, Marianne und Anna.

Langsam gehen die Männer in den Mittelgang zur Stirnseite des Schreibraums.

Anna, den Blick noch immer auf ihr Vorratsbuch und die Lieferscheine gerichtet, sieht im Augenwinkel sorgfältig gearbeitete Lederschuhe.

»Dies sind Pater Ignatio und Pater Cornelius, von der Gesellschaft Jesu, aus Konstanz«, stellt die Äbtissin die Besucher vor. »Im Skriptorium führen wir unsere Bücher, erstellen Urkunden und Abschriften und sorgen für Ordnung in den Archiven. Alles geschieht zur Ehre Gottes und unserer Gemeinschaft.«

»Amen!«, sagen alle Anwesenden.

»Wir sind auf der Durchreise und danken für eure Gastfreundschaft, ehrwürdige Mutter, und wollten es uns nicht nehmen lassen, euch Grüße aus unserem Kolleg in Konstanz zu überbringen. Der Rektor lässt euch seine Verbundenheit wissen und versichert euch seiner Gebete.«

Anna hebt kurz den Blick. Die Priester tragen hochgeschlossene schwarze Gewänder mit schmalem weißen Kragen. Sie sind breitschultrig, tragen ihre Hare kurz und ohne die sonst unter Mönchen übliche Tonsur. Ihre Gesichter sind glattrasiert, ihre Blicke freundlich, verweilen aber etwas länger bei Annas Erscheinung als bei Schwester Agathe und Marianne.

»Eine ungewöhnlich junge Novizin im Skriptorium, ehrwürdige Mutter«, bemerkt Pater Cornelius beiläufig, als spräche er über ein Werkzeug oder Buch.

»In der Tat, Pater Cornelius. Anna ist unsere jüngste Novizin und sehr talentiert.«

Anna spürt, wie ihr Gesicht warm wird. Ihr Herzschlag beschleunigt sich.

»Wie ist dein Name, Kind?«, fragt Pater Ignatio.

Anna richtet ihren Blick Hilfe suchend zur Äbtissin.

Elisabeth lächelt. »Antworte dem Pater, Kind, vertraue auf die Kraft des Herrn in deinem Herzen«, spricht ihr die Äbtissin Mut zu.

»Mein Name ist Anna, ehrwürdiger Pater«, sagt sie leise, bemüht, dass ihre Stimme nicht bricht.

»Anna«, wiederholt Ignatio. »Ein Name von Reinheit und Anmut. Du stammst aus hiesigen Landen?«

Wieder schweift Annas Blick kurz zur Äbtissin.

Diese nickt Anna kaum merklich zu, ihm zu antworten.

»Ja, ehrwürdiger Pater. Ich bin in Ulm groß geworden«, antwortet Anna.

»Und womit versieht dein Vater sein Auskommen?«, erkundigt sich Ignatio.

Diesmal antwortet die Äbtissin an Anna statt. »Ihr Vater ist ein geachteter Meister seines Faches, ein Mann des gerechten Glaubens, von Kenntnis und Gewissen. Die Stadt Ulm vertraut ihm ihre Sicherheit an… und nun, ehrwürdige Brüder«, wendet sie das Gespräch, »lasst uns eine kleine Stärkung zu uns nehmen. Schwester Agathe und Marianne und unsere junge Novizin haben noch viel Arbeit vor sich.«

Die Jesuiten nicken und lächeln freundlich.

»Natürlich, ehrwürdige Mutter«, sagt Pater Cornelius.

Äbtissin Elisabeth geht voraus und die Priester folgen ihr, nicht ohne einen letzten Blick auf die Novizin.

Als die Tür hinter ihnen ins Schloss fällt, atmen die Frauen hörbar durch.

Marianne ist die Erste, die wieder spricht, doch in einem Tonfall, den Anna noch nicht von ihr kennt. »Achte auf deine Zunge, Kind, wenn Brüder Jesu zugegen sind.«

Agathe reagiert instinktiv. »Anna, warte bitte vor der Tür.«

»Ja, Schwester Agathe«, sagt Anna ehrfürchtig, senkt den Kopf und verlässt gehorsam das Skriptorium. Sie zieht die schwere Tür leise ins Schloss und bleibt mit gefalteten Händen davor stehen. Der kühle Stein unter ihren Füßen ist erfrischend.

›Was war soeben geschehen?‹, fragt sie sich, hat aber keine Zeit, den Gedanken zu vertiefen.

Hinter der Tür hallen Stimmen, lauter, als es für gewöhnlich der Fall ist.

»Marianne!« Agathes Tonfall ist ungewöhnlich scharf. »Wie kannst du in Gegenwart einer Novizin so sprechen? ›Achte auf deine Zunge‹, sagst du, als wolltest du Furcht pflanzen, wo doch Vertrauen genährt werden sollte!«

»Furcht?« Mariannes Stimme klingt beinahe spöttisch, was Anna überrascht. »Besser ein Hauch von Furcht jetzt, als die Pein später, wenn sie unvorbereitet einem Jesuiten Rede stehen muss. Willst du das Kind im Unwissen lassen, bis es zu spät ist?«

Ein kurzes, eisiges Schweigen folgt, dann Agathes Antwort, diesmal gepresst, mit vibrierender Empörung: »Du sprichst von Brüdern der Kirche, Marianne. Von Männern, die ihren Eid auf Christus abgelegt haben, und die hier Gäste unserer ehrwürdigen Mutter sind. Willst du sie in den Ohren eines Kindes als Gespenster hinstellen?«

Mariannes Stimme erhebt sich noch mehr, sodass die Worte klar und deutlich nach außen dringen. »Gespenster? Nein! Aber gefürchtet sind sie – und nicht ohne Grund. Wo sie Fragen stellen, da bleibt selten Raum für Schweigen. Wo sie nachforschen, da wird jedes Geheimnis ans Licht gezerrt, gleich ob es der Seele nützt.«

»Sie soll lernen in ihrer Zeit!«, fährt Agathe auf. »Nicht durch deine Bitterkeit, Marianne. Du vergiftest das Vertrauen, noch ehe es wachsen konnte. Das ist nicht deine Aufgabe!«

Wieder Stille – diesmal länger, schwerer.

Anna hält den Atem an. Sie spürt das Klopfen ihres Herzens bis in den Hals.

Dann ein leiseres, fast widerwilliges Murmeln von Marianne: »Verzeih, Agathe, ich habe mich in Wort und Ton vergriffen.«

Agathe atmet hörbar aus. »Das hast du. Möge der Herr dein Herz zur Demut führen.«

Einen Moment lang hört Anna nur Stille. Dann wird die Tür geöffnet.

Agathes Gesicht erscheint, streng, doch nicht unfreundlich. »Komm herein, Kind«, sagt sie ruhig. »Deine Arbeit wartet.« Sie sieht Anna mit einem erkennbar betroffenen Blick an. »Wessen du eben Zeugin wurdest, bleibt in diesem Raum. Verstehst du meine Worte?«

Anna senkt sofort den Blick, doch sie spürt, dass Agathes Augen sie fest umschließen. »Ja, Schwester Agathe«, antwortet sie leise.

Agathe tritt einen Schritt zurück und lässt sie eintreten.

Der Schreibraum wirkt irgendwie verändert, als laste etwas auf ihm.

Marianne sitzt wieder an ihrem Pult, die Hände gefaltet, den Blick fest auf das Pergament geheftet.

Anna nimmt ihren Platz ein, bemüht, die Hände ruhig zu halten, während sie nach dem nächsten Lieferschein greift. Doch das Herz pocht ihr bis in die Fingerspitzen. Die Mahnung, nichts von dem Gehörten preiszugeben, legt sich wie ein Gewicht auf ihre Brust.