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Die Geschichte Kaiser Friedrichs III. ist eine der wichtigsten erzählenden Geschichtsquellen des 15. Jahrhunderts. Der spätere Papst Pius II. beschreibt die Taten seines Gönners und liefert dabei eine Landesgeschichte Österreichs, weshalb das Werk auch als 'Historia Austrialis' bezeichnet wird.
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Seitenzahl: 979
Veröffentlichungsjahr: 2010
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Impressum Veröffentlicht im heptagon Verlag Berlin 2011 www.heptagon.de ISBN: 978-3-934616-45-5 Dem Text liegt folgende in Fraktur gesetzte deutsche Übersetzung zu Grunde: »Die Geschichte Kaiser Friedrichs III. von Aeneas Silvius. Übersetzt von Th. Ilgen, in: GdV, 2. Auflage, Bde. 88 und 89. Leipzig 1899.« Die Fußnoten des Originals wurden in diese E-Book-Ausgabe mit übernommen.
Über dem Geschichtswerk des Aeneas Silvius, des späteren Papstes Pius II, in welchem er vornehmlich seine Erlebnisse während seines Aufenthaltes am Hofe Kaiser Friedrichs III schildert,1 hat ein eigenthümlicher Unstern gewaltet. Obwohl Aeneas seinen ersten Entwurf später vollständig umgearbeitet und erweitert hat,2 obwohl er auch diese zweite Bearbeitung, wie wir noch zeigen werden, einer theilweisen Umgestaltung unterzogen hat, ist keine dieser drei Redactionen zum völligen Abschluß gelangt. Daraus und aus den verschiedenen Zwecken, die Aeneas bei der Niederschrift der einzelnen Bearbeitungen vorschwebten, erklärt es sich auch, daß das Werk in der handschriftlichen Überlieferung keinen einheitlichen Titel trägt. Bayer handelt über die Titulirung S. 35 ff. in seiner eingehenden Weise. Da ihm aber die Kenntniß des Codex Chisianus J. VII 2483 abging, und ihm in Folge dessen verborgen bleiben mußte, daß Aeneas auch noch zum dritten Mal unter einem neuen Gesichtspunkt sein Geschichtswerk umgestaltet hat, konnte er eine völlig klare Einsicht in diese Frage nicht gewinnen. Von den veränderten Absichten, welche Aeneas mit seinen verschiedenen Redactionen verband, abgesehen, wird die von dem Biographen des Aeneas zur Charakterisirung des Inhalts des Werkes gewählte Bezeichnung »Enea's Denkwürdigkeiten vor seiner päpstlichen Periode«,4 trotz der neuen Anschauungen, die wir inzwischen von der Entstehung desselben gewonnen haben, für sämmtliche Bearbeitungen immer noch als die zutreffendste anzuerkennen sein, wenngleich an eine praktische Einführung derselben nicht gedacht werden kann. Die beiden ersten Redactionen haben in den uns erhaltenen eigenhändigen Niederschriften des Aeneas überhaupt keine Titel. Diejenigen, welche ihnen in späteren Abschriften beigelegt sind, sind nicht original, sondern aus den Vorreden abstrahirt. Dagegen hat die Handschrift, durch welche uns, wie wir noch nachzuweisen versuchen werden, die dritte Redaction in authentischer Form überliefert ist, die Überschrift: A. S. Piccolomini Senensis sanctae Sabinae cardinalis Australis Historia. Daß auch Aeneas diesen Titel schließlich als den maßgebenden gelten lassen wollte, dafür spricht der Eingang des 16. Capitel seiner Europa.5
Indem wir aber als die für die Sammlung der Geschichtschreiber vorzugsweise zu berücksichtigende die zweite Redaction betrachten, weil sie Ursprünglich vom Autor dazu bestimmt war, dem Kaiser Friedrich III überreicht zu werden und weil sie zugleich die umfangreichste und am vollständigsten gedruckt ist, halten wir es nach dem Beispiel Bayers (S. 38) für angemessen, den durch die Tradition für diese Form des Werkes eingebürgerten Titel: »Die Geschichte Kaiser Friedrichs III« in die Übersetzung aufzunehmen.
Ehe wir jedoch zu einer Darstellung des Verhältnisses der verschiedenen Redactionen untereinander und zu einer Würdigung des Werkes selbst übergehen, schicken wir eine kurze Charakteristik der Geschichtschreibung unseres Autors voraus, weil wir der Überzeugung sind, daß, wenn je bei einem Geschichtschreiber, es bei Aeneas nöthig ist, die Beurtheilung eines Werkes nicht auf dieses allein, sondern unter thunlichster Berücksichtigung der Eigenarten der Persönlichkeit auf die schriftstellerische Manier desselben überhaupt zu gründen. Freilich hat in dieser Hinsicht, wie Lorenz6 sehr mit Recht hervorhebt, bereits Georg Voigt7 »die allgemeinen literarischen Gesichtspunkte mit solcher feinsinnigen Mäßigung gefunden, daß auch die Betrachtung einzelner Schriften des Humanisten nachträgliche Ausbeute für die Erkenntniß des Charakters seiner Geschichtschreibung bieten konnte«. Die vortreffliche Arbeit von Bayer hat für diesen Satz den glänzendsten Beweis geliefert. Vielleicht, daß auch die eingehendere Beachtung einiger mehr äußerlichen Momente und kleinerer Züge der Schriftstellermanier des Aeneas unsere Einsicht nach dieser Richtung hin noch zu fördern vermag.
Bei der Beurtheilung des Charakters der Geschichtschreibung des Aeneas wird man sich in erster Linie dessen umfassende allgemeine literarische Thätigkeit vor Angen halten müssen, und daß sie die Frucht der Muße ist, die ihm bei seiner amtlichen Beschäftigung, anfänglich als Secretär Papst Felix V, seit 1442 als Secretär und Rath König Friedrichs III übrig blieb. Man erwäge nur, daß uns von 1442 an, dem Zeitpunkt, von dem an er seine Briefe zu sammeln begann, bis zur Besteigung des päpstlichen Stuhles 1458 allein in die 600 derselben erhalten sind.8 Und unter diesen ist eine große Zahl solcher, die zu förmlichen Abhandlungen angewachsen sind, viele enthalten längere historische Mittheilungen oder schöngeistige literarische Betrachtungen, die immerhin ein gewisses Maß von Gedankenarbeit erfordern. Dazu kommen aus Aeneas vorpäpstlicher Zeit9 seine kirchlichen und politischen Denkschriften, seine antiquarisch gelehrten und philosophischen Tractate, über das elende Leben der Höflinge, über Fürstenerziehung, seine Dialoge, der Pentalogus, der über einen erdichteten Traum, endlich von Abhandlungen von geringerem Umfang noch seine erotischen Schriften. Zeigt sich hierin besonders seine encyklopädische Natur, die alles sie Interessirende in den Bereich ihrer Betrachtung zieht und ohne ein tieferes Erfassen anzustreben, über jeden Gegenstand zu reden oder zu schreiben es unternimmt, auch mit seiner Geschichtschreibung steht er vollständig auf dem humanistischen Boden seiner Zeitgenossen, ja überragt sie darin, daß er es wie kein anderer verstanden hat, seine historischen Darstellungen durch eingestreute geographische Bilder und ethnographische Studien anschaulicher zu machen und zu beleben. Seine weiten Reisen, seine reichen Erlebnisse kamen ihm dabei in ganz besonderem Maße zu Statten. Anfänglich gab er seine Eindrücke, frisch und mannigfach wie sie bei seiner vielseitigen Begabung auf ihn eingewirkt, in Briefen an seine Freunde wieder. Sie häuften sich und forderten zum Zusammenfassen und Nebeneinanderstellen auf. Als Aeneas, angeregt durch das Treiben auf dem Baseler Concil, anfing Geschichte zu schreiben, da war es das erste, daß er als Einleitung eine topographische und culturgeschichtliche Schilderung der Stadt Basel vorausschickte. Diesen Commentarien folgte, als es galt, den Umschwung in seiner Gesinnung dem Concile gegenüber zu motiviren, eine zweite Schrift mit demselben Titel aber erweitertem Inhalt. Daneben setzte er sein biographisches Sammelwerk über berühmte Zeitgenossen fort. Dann reizte es ihn, seine Erlebnisse am Hofe Friedrichs III erstmalig niederzuschreiben. Er brach mitten in der Darstellung derselben ab, schilderte für sich besonders die Geschichte des Reichstages von Regensburg vom Jahre 1454 und begann nun seine Denkwürdigkeiten aus der Zeit seines Aufenthaltes in Deutschland unter einem neuen Gesichtspunkt umzuarbeiten.10 Und dabei war er beständig in Geschäften thätig, seit dem Ende der vierziger Jahre wiederholt monatelang auf Gesandtschaftsreisen, über deren Resultate er dann längere Berichte erstattete,11 abwesend, an unfruchtbaren Reichs- und Deputationstagen, an nutzlosen Commissionsverhandlungen und Gerichtstage fortwährend betheiligt und glänzte hier noch durch prunkvolle Reden.12 Es zeugt von einer erstaunlichen geistigen Regsamkeit, daß er daneben noch die Zeit zu einer so großartigen literarischen Fruchtbarkeit fand.
Aeneas sagt einmal selbst von sich: »Ich quäle mich nicht ab, wenn ich schreibe, weil ich nicht zu hohe und mir unbekannte Dinge berühre; ich gebe, was ich gelernt habe«.13 Hat er bei diesen Worten zunächst auch nur an seine damals edirte Briefsammlung gedacht, man darf sie ruhig auf seine schriftstellerische Thätigkeit überhaupt und somit auch auf seine Geschichtschreibung anwenden. Sind doch seine Briefe vielfach historische Abhandlungen von größerem oder geringerem Umfange und hat er umgekehrt mehrere seiner geschichtlichen Tractate nicht bloß äußerlich durch eine an die Spitze gestellte Adresse als an eine bestimmte Person gerichtet bezeichnet, sondern auch in der Schrift De ritu, situ etc Theutoniae durchgehends den Briefstil festgehalten, während er in der Relation über den Regensburger Reichstag, indem er mitten in die Darstellung die Anrede des Adressaten einfügt, an anderen Stellen aber von sich in der dritten Person redet, außerdem wie in ein größeres Geschichtswerk einen Excurs über den Prozeß des deutschen Ordens wider die preußischen Städte einschiebt, die geschichtliche Erzählung mit der Manier des Briefschreibers aufs engste verschmolzen hat. Zwar ist diese Vermischung verschiedener Literaturgattungen durchaus nicht Aeneas eigenthümlich; für die Beurtheilung desselben als Geschichtschreiber wird sie jedoch von beachtenswerther Bedeutung.
Muß man einerseits von vornherein annehmen, daß ein Schriftsteller, welcher es liebt seine Gedanken über geschichtliche Begebenheiten und eigne Erlebnisse in solch flüchtige Form zu kleiden, nur zu leicht geneigt ist, sein subjektives Urtheil den geschilderten Vorgängen und Personen gegenüber allzu stark zu betonen, um so den berechtigten Erwartungen des Adressaten Genüge zu thun, so läßt sich andererseits nicht verkennen, daß die Gefahr einer mehr oberflächlichen, nur bestimmte Seiten anschlagenden Art der Behandlung des Gegenstandes besonders groß wird, mag dabei nun der Wunsch zu belehren und zu unterhalten oder – handelt es sich um persönliche Antheilnahme an dem Geschehenen – das Bestreben sein Verhalten zu rechtfertigen, maßgebend sein. Etwas von dieser leichteren schriftstellerischen, zum Theil publicistischen Manier hat Aeneas in seine Geschichtschreibung hinübergetragen. Zwar als er daran ging, seine Erlebnisse auf dem Baseler Concil und am kaiserlichen Hofe anzuzeichnen, da redet er sowohl in den zweiten Commentarien über das Baseler Concil, wie in den beiden Vorreden zur Geschichte Friedrichs III mit pomphaften Worten von der Wahrheitsliebe als der höchsten Tugend des Geschichtschreibers. Doch sie in ernsthafter Selbstprüfung zu bethätigen, ist ihm in seinen Werken eigentlich nirgends gelungen, jedenfalls hat er seinen stark subjektiven Standpunkt den geschilderten Ereignissen gegenüber nicht zurückzudrängen vermocht. Aeneas gehört eben zu jenen Menschen, welche die Geschehnisse gern unter dem Gesichtspunkt ihrer persönlichen Antheilnahme an denselben betrachten und diese mit besonderer Vorliebe in den Vordergrund rücken, mag ihr auch in Wirklichkeit ein so bevorzugter Platz nicht zukommen. So beanlagte Persönlichkeiten werden mit der Zeit gewöhnlich dazu geführt Memoiren zu schreiben. Für die frühere schriftstellerische Periode des Aeneas vertreten dessen Briese gewissermaßen die Stelle von Denkwürdigkeiten.
Solche Briefsammlungen nun, deren uns von Humanisten des 15. und 16. Jahrhunderts zahlreiche erhalten sind, wird man, soweit sie Zeitgeschichte enthalten, ihrem Werthe nach noch am ehesten mit unseren heutigen Zeitungscorrespondenzen vergleichen können. In besonders bevorzugten Fällen mag man ihnen auch den Charakter von diplomatischen Correspondenzen zuerkennen dürfen. Immerhin sind die einzelnen Briefe bezüglich ihrer Zuverlässigkeit je nach dem Verhältniß des Schreibers zu dem behandelten Gegenstand sehr wesentlich verschieden. Als Ausflüsse unmittelbarer Eindrücke von Zeitgenossen verdienen sie jedoch unter allen Umständen Beachtung. Wachsen diese brieflichen Mittheilungen, wie wir bei Aeneas schon bemerken konnten, unter der Hand des Schreibers zu förmlichen Aufsätzen und Tractaten an, so ähneln sie politischen Leitartikeln, biographischen Essays und historischen Feuilletons. Es ist keine Frage, daß gerade hierfür Aeneas in ganz hervorragendem Maße begabt gewesen ist. Bei dem lebhaften Geist, der ihm eigen, wurde es ihm schwer, seine Gedanken auf einen bestimmt abgegrenzten Gegenstand dauernd zu concentriren und nur diesen im Auge habend in der Darstellung fortzuschreiten. Zu mühsamen Forschungen auf unbekannten Gebieten fehlten ihm offenbar Zeit und Ausdauer. Erst allmählich gelangt er dahin, seine Erlebnisse unter einheitlicheren Gesichtspunkten zusammenzufassen, was ja naturgemäß auch von deren Umfang und Bedeutung abhängig war. Nun holt er auch zeitlich weiter aus und wenn seine Geschichtschreibung sich gleich noch nicht zu der Höhe erhebt, daß sie aus der geschichtlichen Vergangenheit die Gegenwart zu begreifen sucht, es macht sich doch ein gewisser Pragmatismus in ihr geltend. Trotzdem bleibt vom Feuilletonisten genug übrig. Denn vom beschränkteren zum weiteren geschichtlichen Thema übergehend, immer aufs neue wieder weiß Aeneas den Gesammtvorrath seines Wissens zu verwerthen, kaum jemals läßt er sich in seinen späteren Werken die Gelegenheit entgehen, Personen und Ereignisse, über die er bereits an anderer Stelle gehandelt hat, abermals in seine Darstellung einzubeziehen, selbst wenn sie zu dem Hauptgegenstande nur in loserem Zusammenhange stehen. So bieten auch seine größeren Werke abwechselungsreiche Bilder, in die systemlos allerhand Erzählungen zusammengedrängt sind; daher ferner die zahlreichen Wiederholungen von Charakteristiken und interessanten Episoden von bisweilen geradezu novellistischer Färbung in seinen verschiedenen Schriften. Wir führen ein paar Beispiele unter Bezugnahme auf unsere Geschichte Friedrichs III an: Die Charakteristiken des Niccolò Piccinino, der Sforza Vater und Sohn, des Fortebraccio, welche Aeneas bereits in den Viri Illustres14 gegeben hatte, erscheinen wieder in der Geschichte Friedrichs III (Kollar 152–157), die des Fortebraccio auch in den zweiten Commentarien über das Baseler Concil.15 Die Liebestragödie des Francesco Sforza erzählt Aeneas in unserer Geschichte (Kollar 157) und etwas kürzer in der Europa (Cap. 59), desgleichen kehrt die Charakteristik des älteren Grafen Cilli (Kollar 215) wieder in der Europa (Cap. 21). Über den Einfall der Armagnaken in das Elsaß berichtet er in den Commentarien über das Baseler Concil (bei Fea 86) wie in unserem Werke (Kollar 117). An beiden Stellen weiß er auch seine Thätigkeit bei den kirchenpolitischen Verhandlungen der vierziger Jahre in das rechte Licht zu setzen. Des Bernardino von Siena, den Aeneas in seiner Jugend persönlich kennen gelernt hatte, gedenkt er sowohl in den Viri Illust. (S. 24 f.) wie bei Kollar 173 f. Von Barbara, der Witwe Kaiser Sigismunds, giebt er in mancher Beziehung abweichende Charakteristiken in Viri Illust. (S. 46) in einem Briefe aus dem Jahr 1451 (Ed. Basil. Nr. 130) in der Geschichte Friedrichs III (Kollar 181) und in der böhmischen Geschichte (Cap. 59).
Die Zahl solcher Wiederholungen ließe sich mit Hinzunahme seiner Commentarien aus der päpstlichen Zeit in beliebiger Menge vermehren. Das Charakteristische daran aber ist, daß die Erzählungen, mögen sie auch noch so oft wiederkehren, nie mit denselben Worten und in derselben Darstellung aufs neue zum Vorschein kommen. Es ist nicht ein Selbstausschreiben seiner älteren Werke, was Aeneas thut, der Gegenstand erfährt stets eine neue bisweilen eigenartige Behandlung. Daher schwankt auch sein Urtheil über einzelne Personen mitunter recht bedeutend – man vergleiche nur die verschiedenen Charakteristiken Capistranos in unserer Geschichte (Kollar 179 und 463.) –; ja es kommt vor, daß er in entscheidenden Punkten an zweiter Stelle das Gegentheil von dem sagt, was er an einer früheren vorgebracht, wie die entgegengesetzt lautenden Bemerkungen beweisen, welche er in den Commentarien über das Baseler Concil (Fea S. 91) und in der Geschichte Friedrichs III (Kollar 122) bezüglich seiner Äußerungen gegenüber dem mit ihm 1446 im Juli gemeinsam nach Rom reisenden Thomas von Bologna macht.16
Wir sehen hier von einer sachlichen Beurtheilung der abweichenden Darstellungen ab und lassen uns daran genügen festzustellen, daß sich Aeneas in späteren Fällen um seine früheren Aufzeichuungen gar nicht bekümmert hat. Das läßt sich aber, wie wir schon andeuteten, mit größerer oder geringerer Sicherheit von der Mehrzahl der Wiederholungen behaupten. Also hat doch Aeneas in solchen Fällen offenbar aus lebendiger eigner Erinnerung geschöpft. Höchstens mag er gelegentlich sein Gedächtniß durch eine flüchtige Durchsicht des früher Geschriebenen aufgefrischt haben. Dazu werden ihm unter Umständen auch seine Briefe gedient haben, die ja eine Fülle von geschichtlichen Nachrichten über Tagesereignisse enthielten. Der Nachweis einer directen Benutzung wird sich hier aber nur selten bringen lassen. Sprachliche und inhaltliche Verschiedenheiten kommen überall zum Vorschein, selbst wenn sich beide Darstellungen zeitlich näher stehen und ihrem Charakter nach insofern ähneln, als sie beide für sich eine kleine Geschichtserzählung bilden. Das einzige größere Beispiel für ein derartiges Verhältniß ist unseres Wissens vielleicht der Bericht über die Anschläge des Erziehers des jungen Königs Ladislaus zur Befreiung desselben, der sich ähnlich, wie er in der Geschichte Friedrichs III (Kollar 323–326) wiederkehrt, schon in dem Brief an den Cardinal Domenico von Fermo vom 12. November 1453 (Ed. Basil. Nr. 409) findet. In der Geschichte Friedrichs III erwähnt Aeneas aber, um nur Eines herauszuheben, den doch wichtigen Umstand nicht, daß er nicht in Erfahrung habe bringen können, ob der Brief, den Ladislaus aus Bologna an den Papst habe schreiben müssen, wirklich in dessen Hände gelangt sei. Eine sichere Entscheidung über das Verhältniß beider Berichte wird sich in diesem Fall deshalb schwer treffen lassen, weil dem Aeneas dauernd die Prozeßacten zur Verfügung standen, in welchen die Aussagen des Erziehers Caspar protocollirt waren.17
Einen höchst eigenartigen Ausdruck hat nun aber die Schreibseligkeit unseres Autors bei der Abfassung seiner Denkwürdigkeiten am Hofe Friedrichs III erfahren. Bayer (S. 15 ff.) hat auf Grund der Autographa des Aeneas festgestellt, daß dieser seinen Gegenstand zunächst zweimal zu verschiedenen Zeiten und unter verschiedenen Gesichtspunkten selbstständig bearbeitet hat. Sehr richtig vermuthet er dann weiter (S. 27), daß die zweite Redaction, die zur Überreichung an den Kaiser Friedrich bestimmt war, ebensowenig wie die erste zur Veröffentlichung gelangt ist, denn Aeneas hat auch noch zum dritten Mal Hand an sein Werk gelegt, und ihm, wenn auch nur durch theilweise Neugestaltung, eine veränderte Form gegeben.
Die erste Redaction der Geschichte Friedrichs III wird eingeleitet durch die Vorrede, welche Bayer (S. 206–208) zum ersten Mal aus dem Autographon18 abgedruckt hat. Danach lag es in der Absicht des Aeneas, die Erhebung der Österreicher gegen Friedrich und die Belagerung von Wiener-Neustadt 1452 in ihrem Ursprung und Verlauf zu schildern. Er beginnt zu diesem Zwecke mit der Vorgeschichte Friedrichs, erzählt, wie die Regentschaft in Österreich nach König Albrechts II Tod auf jenen übergegangen ist und diesem zugleich die Vormundschaft über den jungen Ladislaus von Ungarn anvertraut wurde. Daran schließt er den Bericht über die Verhandlungen, welche zur Aufgabe der kirchlichen Neutralität führten, ferner eine Darstellung der Geschichte Mailands nach dem Tode Filippo Maria Viscontis etc. Einen Theil dieses Werkes hat Kollar (112–168) seiner Ausgabe der Geschichte Friedrichs III, welche im übrigen die zweite Redaction am vollständigsten zum Abdruck bringt, einverleibt. Aber diese erste Redaction reicht noch weiter, wie Bayer auf Grund des Autographs dargelegt hat, und zwar stimmt der weitere Theil inhaltlich im Ganzen mit der zweiten Redaction (Kollar 168–367) überein. Sie bricht ab mitten in dem Briefe des Johann Ungnad an Ulrich Eizinger (Kollar 367, vergl. Bayer 16), unmittelbar vor der Schilderung des Zuges der Wiener gegen Neustadt. Über die sachlichen Verschiedenheiten, welche die entsprechenden Partieen der ersten und zweiten Redaction zeigen, hat Bayer (S. 16 f.) mehrfache Bemerkungen gemacht. Die freieren Äußerungen des Aeneas besonders über Angehörige des Hauses Habsburg und andere fürstliche Persönlichkeiten in der ersten Redaction sind dem veränderten Zweck der zweiten naturgemäß zum Opfer gefallen. Aber auch die Darstellung und die Anordnung in der Reihenfolge der Erzählungen sind abweichend, wie schon die wenigen von Bayer angeführten Proben erkennen lassen.
Das Verhältniß wird in diesem Falle um so interessanter, als der zeitliche Unterschied zwischen der Abfassung der ersten und zweiten Redaction kein bedeutender ist. Wir können nämlich den Zeitraum, innerhalb dessen die erste Redaction, wenigstens der bei Kollar 112–168 gedruckte Theil, niedergeschrieben sein muß, ungefähr auf die Dauer eines Jahres einschränken. Der terminus ad quem ist Kollar 163 gegeben, an welcher Stelle Aeneas erzählt, daß Francesco Sforza in hanc usque diem sich gegen die Venetianer, trotzdem sie die Mächtigeren, im Kriege zu behaupten wisse. Dieser Satz muß geschrieben sein vor dem Bekanntwerden des Friedens zwischen Sforza und Venedig, welcher 1454 April 9. zu Lodi geschlossen wurde. Wenige Zeilen vorher scheint sich eine Anspielung auf eine Niederlage der Venetianer zu finden, die diese 1453 erlitten haben (s. die Übersetzung). Eine ganz sichere Handhabe zur Zeitbestimmung haben wir noch Kollar 136. Hier berichtet Aeneas, daß Stefano Porcaro nach dem Mißlingen seines Anschlages gegen Papst Nicolaus V auf dem Castell S. Angeli durch den Strang vom Leben zum Tode gebracht sei, und das geschah am 9. Januar 1453. Anspielungen auf spätere als die im jeweiligen Zusammenhange geschilderten Ereignisse finden sich in starker Anzahl, doch weist keine, soweit wir festzustellen vermochten, über das Jahr 1453 hinaus. In dieses Jahr also, nicht in die letzten Monate von 1452, wie Bayer (S. 33) will, haben wir mit Rücksicht auf die Notiz von der Hinrichtung des Stefano Porcaro die Abfassung der ersten Redaction zu setzen. Sie ist offenbar in einem Zuge 145319 oder anfangs 1454 geschrieben, zu einer Zeit, als Aeneas von Geschäften frei war. Dagegen spricht unserer Ansicht nach auch nicht die Wiederholung der Traumerzählungen, die Kaiser und Papst in Rom ausgetauscht haben sollen. Bayer (S. 30 Note 2) nimmt zur Erklärung eine stückweise Abfassung des Werkes an; aber der unfertige Zustand desselben genügt dazu schon, zumal wenn man Aeneas' flüchtige Art zu schreiben in Rechnung zieht.
Über der Arbeit an dieser ersten Redaction mag nun der Kaiser von dem Vorhaben unseres Autors, die Geschichte des österreichischen Aufstandes aufzuzeichnen, gehört, und daran die Aufforderung geknüpft haben, sie ihm einzureichen. Das wäre denn, vorausgesetzt, daß Aeneas nicht doch aus sich selbst heraus20 zu dem Entschluß gekommen, das Werk eventuell dem Kaiser zu widmen, der Anlaß zu einer gänzlichen Neubearbeitung des Gegenstandes geworden.21 Manche Partieen waren freilich derart, daß sie in einem dem Kaiser zu überreichenden Exemplare nicht Platz finden konnten. Aber man fragt sich denn doch verwundert, warum er nun die ganze bisherige Schrift bei Seite legte, während er zweifellos größere Stücke aus derselben auch für seinen neuen Zweck einfach verwenden, andere mit Leichtigkeit dazu umgestalten konnte. Die Erklärung hierfür wird man eben in seiner hervorragenden schriftstellerischen Veranlagung zu suchen haben, die ihn bestimmte, lieber ein ganz neues Werk zu schaffen, als das schon vorhandene umzuändern und durchzucorrigieren.
Über die Abfassung dieser zweiten Redaction handelt Bayer S. 33 ff. Nach seinen Ausführungen sind die Geschichte Österreichs unter den Staufern (Kollar 25–1129, ferner der Abschnitt von Kollar 386 ff. erst in Italien zur Zeit des Cardinalates von Aeneas geschrieben worden, und zwar höchst wahrscheinlich in der eben gegebenen Reihenfolge, wofür spricht, daß er (Kollar 87) sagt, er wolle später den Prozeß des deutschen Ordens wider die preußischen Städte noch behandeln, was jedoch nicht geschehen ist. Äußerlich macht sich schon ein Unterschied zwischen der letzten Partie des Werkes (Kollar 386 ff.) und dem unmittelbar Vorhergehenden darin bemerkbar, daß unser Autor in jener sichtbarlich nicht mehr so viel offizielles Material zur Verfügung gehabt hat, wie in diesem.
Was nun die Zeit der Niederschrift des in Österreich verfaßten Theiles anlangt, so beweist zunächst die Anspielung auf den geschlossenen Frieden von Lodi 1454 April 9. (Kollar 338), daß dieser Passus nach dem genannten Termin eingetragen sein muß. Kollar 293 berührt Aeneas auch wieder den vereitelten Anschlag des Stefano Porcaro, und bemerkt bei dieser Gelegenheit von Papst Nicolaus V: »Durch Gottes Gnade wurde Nicolaus gerettet und regierte noch einige Jahre danach glücklich.« Wie schon erwähnt, fällt dieser Aufstandsversuch in Rom in den Januar 1453. Also nicht gut vor dem Ende des Jahres 1454 kann Aeneas die obigen Worte geschrieben haben, ja sie lassen unter Umständen den Schluß zu, daß damals der Tod des Papstes – Nicolaus V starb in der Nacht vom 24. auf 25. März 1455 – bereits eingetreten war, und Andeutungen, aus denen man Ähnliches herauslesen kann, hat Aeneas bereits an einer früheren Stelle gemacht. Kollar 188 bringt er die mannigfachen Erwägungen und Befürchtungen vor, die von Nicolaus V und dessen Umgebung bezüglich des bevorstehenden Römerzuges Friedrichs III gehegt worden seien. Den Papst läßt er von sich selbst sagen: »er sei krank und könne nicht mehr lange leben«, deshalb müsse er den Wunsch hegen, daß die Kaiserkrönung bald stattfinde. Kurz zuvor gedenkt er einer angeblichen Prophezeiung, daß Papst Nicolaus vor dem 20. März 1452 sterben oder in Gefangenschaft gerathen solle. Nun ist es ja gewiß sehr gut möglich, daß im Anschluß an das Datum des 19. Märzes, den Krönungstag Papst Nicolaus V, eine solche Weissagung vorher fabrizirt worden war, immerhin möchten wir mit Rücksicht darauf, daß Nicolaus wirklich sehr bald nach dem 20. März, freilich erst 1455, gestorben ist, die Annahme einer a posteriori gemachten Prophezeiung nicht so ganz von der Hand weisen. Auch das Schreiben des Aeneas an Nicolaus V in der Krönungsangelegenheit (Kollar 189 ff.) giebt zu denken. Daß er in dem Originalbriefe einen solch schulmeisterlichen Ton dem Papst gegenüber nicht angeschlagen hat, ist sicher. War dieser todt, als Aeneas das Schreiben wieder neu concipirte, so wird die Freiheit, die er sich darin herausnimmt, schon begreiflicher. Übrigens dürfen wir bei diesen Auseinandersetzungen doch auch nicht vergessen, daß Nicolaus V bereits seit dem August 1453 bedenklich kränkelte und fast beständig an das Krankenbett gefesselt war.22 Sei dem daher wie ihm wolle, soviel können wir aus dem Obigen wohl als sicher annehmen, daß die Abfassung der zweiten Redaction der Geschichte Friedrichs III nicht vor der zweiten Hälfte des wahres 1454 begonnen haben kann. Beachten wir aber dann noch Folgendes: Drei Monate nach dem Regensburger Reichstag, also im August oder September 1454, schrieb Aeneas, wie wir aus seinen eigenen Äußerungen23 wissen, die Geschichte dieses Tages. Während des Monats October und auch noch einen Theil des November hindurch war er auf dem Frankfurter Tage thätig.24 Daß er hier an seiner Geschichte Friedrichs III gearbeitet habe, möchten wir ernstlich in Zweifel ziehen. Dagegen schreibt er Ende November 1454 aus Neustadt an Procop von Rabstein:25 »... Der Haufen von Geschäften, der mich in Frankfurt fast erdrückte, wird hier andere in Anspruch nehmen. Jetzt, wo wir freier aufathmen können, wollen wir wieder einmal unsere Bücher ... aufschlagen.« So werden wir für die Abfassung der zweiten Redaction, soweit sie in Deutschland erfolgte, immer mehr auf das Jahr 1455 hingeführt und kommen dem Termin der Abreise des Aeneas nach Italien, Mai 1455, um so näher, als dieser nach Bayer (S. 33) in der Einleitung zu seiner neuen Bearbeitung mit Kollar 25 plötzlich abgebrochen und die Niederschrift von Kollar 168–386 begonnen hat, wahrscheinlich doch, um noch die Aktenstücke der kaiserlichen Kanzlei für seine Zwecke möglichst vollständig benutzen zu können. Kollar 25–112 und 386–405 resp. bis 476 hat dann Aeneas, wie bereits bemerkt wurde, 1457, theilweise wohl auch erst 1458 zur Zeit seines Cardinalates in Italien hinzugefügt.26
Aber damit ist hier seine Thätigkeit an diesem Geschichtswerk noch nicht abgeschlossen. Aeneas hatte Ende Mai 1455 Deutschland verlassen, sofort wohl mit dem im Stillen gefaßten Vorsatz, nicht wieder an den Hof Kaiser Friedrichs III zurückzukehren. Zwar traf er zunächst noch als kaiserlicher Bevollmächtigter an der Curie ein, aber als er sich der Aufträge seines bisherigen Herrn entledigt hatte, da nahm er allerhand Vorwände, um in Rom zurückzubleiben und seine eignen Geschäfte, seine Erhebung zum Cardinal zu betreiben. Daher fühlte er sich auch mit seinen Interessen dem Neustädter Hofe offenbar ferner gerückt. War ihm während seines Aufenthaltes daselbst der Gedanke gekommen, seinem Werke über österreichische Geschichte durch die Widmung an den Kaiser eine vielversprechende Empfehlung auszuwirken und zugleich den Dank seines Herrn in irgend einer Form direct herauszufordern, jetzt in seiner neuen Stellung verzichtet er auf einmal darauf, sei es, daß er guten Grund hatte, an der Erkenntlichkeit Friedrichs III zu zweifeln, sei es, daß ihm Bedenken aufgestiegen waren, der Inhalt seiner Geschichte und die Art und Weise der Behandlung des Gegenstandes möchten doch nicht die Billigung des Kaisers erhalten. Kurz und gut, er hat in Italien seinem Werke abermals eine neue Form gegeben, in der zunächst eine Vorrede ganz fehlt und damit auch die Widmung an den Kaiser vollständig fortgefallen ist. Diese Neubearbeitung liegt uns vor in dem Coder. Chisianus J. VII 248.27 Die Handschrift stammt aus der Zeit des Aeneas, wie denn auch der mit den Wappen der Rovere und Chigi verzierte, später aufgebesserte Einband dem 15. Jahrhundert angehört. Sie umsaßt 202 Blätter, von denen 67 b, 68 und 69 unbeschrieben sind. Auf dem ersten Blatt ist auf der Vorderseite unter der Schrift innerhalb einer den linken Rand theilweise ausfüllenden Verzierung das Wappen der Piccolomini, überhöht von der päpstlichen Tiara, angebracht. Auf der Rückseite findet sich dasselbe Wappen, hier jedoch ins Viereck gesetzt mit den Wappen von Castilien, Aragon u.a., und mit der Unterschrift: Ja. Pic. De Castella, Aragoniaque. Ex Beneficentia Posuit.28 Über die Person dieses Ja. Pic., wahrscheinlich des Schreibers oder Wappenmalers, vermag ich keinen Aufschluß zu geben. Beachtenswerth aber erscheint es mir, daß Aeneas Familienwappen an zwei Stellen angebracht ist. Sollte die Darstellung, bei der die Tiara hinzugefügt ist, später eingetragen sein, so wäre das ein stricter Beweis dafür, daß die Handschrift zu der Zeit geschrieben, als Aeneas den päpstlichen Stuhl noch nicht bestiegen hatte. Die Überschrift lautet: Aeneae Silvii Piccolomini Senensis sancte Sabinae cardinalis Australis Historia; liber primus incipit. Also das Werk ist von ihm als Cardinal geschrieben. Nach der Überschrift beginnt der Codex unter Weglassung auch der Stelle Kollar S. 6. Friderici tertii Romanorum imperatoris, qui fuit Ernesti ... filius bis magis aperta reddatur sofort mit den Worten: Austria non ut plerique arbitrantur, idcirco dicta est ... und es folgt eine Beschreibung Österreichs, seiner Lage und Grenzen, die sehr wesentlich von der bei Kollar S. 6–7 gegebenen abweicht. Von Kollar S. 7 ab: ut cuique libitum fuerit, ita sentiat. Austria vero nostro tempore ab orienti sole habet Hungariam ... bis Kollar 112 tritt mehr wörtliche Übereinstimmung ein, nur bisweilen sollen auch sachliche Verschiedenheiten sich zeigen. Es fehlt dann der aus der ersten Redaction von Kollar 112–168 herübergenommene Abschnitt, doch sind nach den Worten nunc ad ipsos Australes redeundum auf Fol. 67 a die Seiten bez. Blätter 67 b, 68 und 69 frei gebliebem Fol. 70 bis 202 enthält das, was bei Kollar 168–405 gedruckt ist, und zwar endigt die Handschrift mit den Worten Kollar 405: sit locum ejus occupaturus. Eingetheilt ist das Ganze in sieben Bücher und diese wieder mit Ausnahme des ersten in Capitel.29 Vom siebenten Buch, das Kollar 404 His apud Viennamgestis anfängt, ist nur der Anfang bis Kollar 405 sit locum ejus occupaturus in der Handschrift vorhanden. Gerade so weit reicht nun aber auch der Cod. M. S. Nr. 785 des K. K. Staatsarchives in Wien,30 der aus dem Besitz Hinderbachs stammt, und von diesem zum Theil mit Noten versehen ist. Ferner stimmt der Eingang unserer Handschrift: Austria non ut plerique arbitrantur, idcirco ... mit den im Cod. M. S. Nr. 3366 der Wiener Hofbibliothek erhaltenen Fragmenten überein, in denen Bayer (S. 25) vorbereitende Notizen von Aeneas' eigner Hand für die zweite Redaction erkennen wollte. Sie würden vielmehr, vorausgesetzt, daß sich noch weitere Übereinstimmung feststellen ließe, als solche für die von uns vermuthete dritte Redaction anzusehen sein. Eine genaue Vergleichung der Handschriften kann allein hier zu sicheren Resultaten führen. Soviel aber scheint mir jetzt schon sicher, daß wir in dem Codex Chisianus die letzte von dem Autor selbst besorgte Redaction vor uns haben. Daß die Einrichtung dieser Handschrift, sei es direct, sei es indirect, auf Aeneas selbst zurückgeht, dafür spricht vor allem die auf Fol. 67 a hinter den Worten Nunc ad ipsos Australes redeundum gelassene Lücke. Offenbar wollte doch Aeneas hier einen Abschnitt wahrscheinlich wohl zum Theil aus der ersten Redaction einschalten, um die Überleitung zur Geschichte Friedrichs III zu bewerkstelligen. Ein fremder Schreiber konnte ja gewiß auch erkennen, daß hier eine Lücke in dem Werke sei, aber das Nächstliegende ist doch die Annahme, daß sie auf Aeneas eigene Angabe hin gekennzeichnet wurde. Von ihm rühren die starken Textänderungen her, von ihm stammt demnach wenigstens für diese Bearbeitung der Titel: »Österreichische Geschichte«.31 Danach ist nun auch die Stelle im Eingang des 16. Cap. der Europa wörtlich zu nehmen.32 Es läßt sich aber weiter daraus folgern, daß diese Redaction der Commentarien des Aeneas aus seiner deutschen Aufenthaltszeit vor der Abfassung der Europa (März 1458) vollendet gewesen sein muß. Wie es gekommen sein mag, daß die Handschrift unvollständig geblieben ist, darüber lassen sich verschiedene Vermuthungen aufstellen. Was man bei Kollar 405 resp. 404–476 findet, entspricht ungefähr dem Umfang eines Buches; also lag vielleicht bei Niederschrift des Codex Chisianus das bis zum Tode des Königs Ladislaus (1457 November 23.) geführte Concept schon vor.
Wir besitzen nun aber noch eine frühere Schrift unseres Autors, in welcher die Geschichte Friedrichs III im Brouillon ebenfalls schon vorliegt, nämlich die »Rede gegen die Österreicher«.33 Bereits Voigt (II, 43 Note 2) hat darauf hingewiesen, daß die Rede, welche Aeneas Friedrich III, als in Rom im März 1452 dem Papst gegenüber gehalten, in den Mund legt (Kollar 282–286), auch in der Rede gegen die Österreicher zu finden ist. Diese giebt eine kurze Geschichte des Ursprungs und Verlaufs des österreichischen Aufstandes, woran sich eine Erörterung über das Testament Albrechts II und die Zeit der Vormundschaft Friedrichs über den jungen Ladislaus, resp. dessen Regentschaft in Österreich, anschließt.34 Mansi 213 ff. erzählt Aeneas die Vorgeschichte Friedrichs III vor der Kaiserkrönung, erwähnt dessen Zug nach Jerusalem, die Königswahl und die Verhandlungen behufs Aufgabe der kirchlichen Neutralität. Dann ergeht er sich in Lobsprüchen über den glänzenden Erfolg des Römerzuges, über die Huldigungen, welche dem Kaiser auf seiner Krönungsfahrt von den italienischen Städten dargebracht seien.
Eine kurze Disposition der Rede und Erörterungen über die Veranlassung zu derselben bringt Voigt (II, 83 ff.). Aeneas hatte sie ausgearbeitet, Um sie während der Verhandlungen, welche in Wien über den Ausgleich zwischen dem Kaiser und den Aufständischen nach den vergeblichen Versuchen im vorhergehenden Jahre im Januar 1453 wieder aufgenommen waren, zu halten. Aber die Österreicher ließen ihn zu seinem Glück nicht zu Worte kommen. Denn als er die Rede im April 1453 dem Cardinal von S. Angelo zur Begutachtung schickte, gab ihm dieser den Rath, sie überhaupt nicht zu veröffentlichen, so lange er in Deutschland weile. Er hielt sie denn auch, wie wir aus einem Briefe35 an den Cardinal Peter von Augsburg erfahren, zurück. Da kam ihm offenbar der Gedanke, den Gegenstand in einem größeren historischen Werke ausführlich zu behandeln, und so entstand die erste Redaction der Geschichte Friedrichs III. Ob er auch sie wieder zum Theil deshalb bei Seite legte, weil sie wegen ihres leidenschaftlichen Tones, den er bisweilen darin angeschlagen, sich nicht zur Herausgabe zu eignen schien? Doch die Vorrede zur zweiten Redaction, in welcher er den ausdrücklichen Wunsch des Kaisers, die Geschichte des österreichischen Aufruhrs dargestellt zu sehen, vorbringt, kann genügen, die Neubearbeitung des Gegenstandes erklärlich zu finden.
Nach einer besonderen Veranlassung zur Abfassung des Werkes, insbesondere der ersten Redaction, brauchte man auch eigentlich bei einem schreibseligen Manne, wie Aeneas einer war, kaum zu suchen. Und Bayer (S. 38) läßt daher dessen Entstehung in dem freien Entschlusse unseres Autors liegen. Fand er doch Gelegenheit, darin seine persönlichen Verdienste gebührend hervorzuheben. Überdies lag der Beweggrund, seinen kaiserlichen Herrn in dessen Verhalten gegen die Aufständischen zu rechtfertigen, besonders nahe, und ist schon in der Rede gegen die Österreicher zum Ausdruck gebracht. Aber Aeneas war nicht dazu gelangt, sie zur allgemeinen Kenntniß zu bringen. Sollte er nicht doch auch ein rein persönliches Interesse daran gehabt haben, seinen Antheil an gewissen Vorgängen, welche mit dem österreichischen Aufruhr in unmittelbarem Zusammenhange gestanden, klar zu legen, oder vielmehr deren erfolgreiche Bedeutung nachdrücklich zu betonen, um sich, wenn auch nur indirect, gegen Vorwürfe zu vertheidigen, die ihm wahrscheinlich gemacht worden waren? Denn es ist doch auffällig, daß er zu wiederholten Malen einen Anlauf dazu nimmt, den für die Darstellung nicht unverfänglichen Gegenstand zu behandeln. Hat man es ihm speciell zur Last gelegt, daß er Friedrich III in seinem Eigensinn bestärkt hat, den Römerzug zu einer Zeit auszuführen, wie sie Ungünstiger kaum gewählt werden konnte? Bei Thomas Ebendorffer von Haselbach36 lesen wir bezüglich des letzteren Punktes: Et licet omnium sensatorum de patria etiam secretariorum sibi (Friderico) fidorum concors haberet sententia et digestum concilium, quod praefatum iter nulla ratione arripiendum foret, nisi Austriae de suorum consensu opportuna provisio major quam usque facta dinoscitur quantocyus praecederet, praevaluit tamen praefati regis intentio. Damit vergleiche man nun die Darstellung der Vorbereitungen zum Empfang der Kaiserkrone bei Aeneas. Das Ausschreiben des Königs zum Zuge nach Italien habe zwar bei Manchem Zweifel an der Ausführung desselben hervorgerufen, weil der Termin zu demselben schon zweimal verschoben; immerhin hätten viele ihre Dienste angeboten, da ja Böhmen beruhigt, Ungarn durch einen Waffenstillstand gebunden sei und Österreich in tiefem Frieden sich befände. Ganz unvermuthet sei dann eine Sturmwolke am Horizont aufgezogen, die das Unwetter, welches die Ursache alles späteren Unglücks geworden, herbeigeführt habe (Kollar 183). Ganz so überraschend kam nun die aufständische Bewegung für die davon Betroffenen sicher nicht.37 Zwar erwähnt Aeneas, daß, als im December 1451 in Graz immer ungünstiger lautende Nachrichten aus Österreich eintrafen, als auch Heinrich von Senftleben aus Rom erschien, um im Namen des Papstes den Aufschub des Zuges anzurathen, da die Mehrzahl der Räthe dafür gewesen wäre, zunächst den Aufruhr in Österreich nieder zu werfen. Ersticke man ihn nicht im Keime, so sei es für Friedrich um das Land geschehen. Dieser aber habe auf seinem Vorsatz bestanden und sollte es zu seinem eignen größten Nachtheil sein. Daneben nun halte man, wie sich Aeneas rühmt, durch sein Schreiben an Papst Nicolaus V (Kollar 189 ff.) dessen Bedenken gegen die sofortige Reise des Königs nach Italien beseitigt zu haben. Und auch an Friedrich III will er die Mahnung gerichtet haben (Kollar 193), er solle sich überzeugt halten, daß wenn er im bevorstehenden Winter den Zug nicht noch unternähme, er auf lange Zeit hinaus nicht dazu kommen werde. Und weiter, mit welchem Nachdruck betont Aeneas schon in der Rede gegen die Österreicher die Nothwendigkeit und die praktischen Vortheile des Römerzuges. In noch auffälligerer Weise thut er das in dem offenbar von ihm fabrizirten berüchtigten Briefe Eizingers an Johann Ungnad (Kollar 357 ff.), indem er diesem von ersterem den Vorhalt machen läßt, daß alle politischen Geschäfte der letzten Jahre, bei denen er seine Hand im Spiele gehabt habe, fehlgeschlagen seien. Aber wenn der Kaiser »der Kirche den Frieden wiedergegeben, wenn er eine erlauchte Gattin heimgeführt hat, wenn er in Rom glücklich gekrönt worden ist, wenn er einen Herzog von Modena ernannt hat, wenn er in Italien mit Ehrenbezeugungen überhäuft worden ist, so sind diese Angelegenheiten deshalb gut abgelaufen, weil sie nicht nach Deinem (Johann Ungnad's) Rathe geführt werden konnten«, sondern – so dürfen wir mit gutem Grunde den Gedankengang vervollständigen – nach dem des Aeneas Silvius. Schon der Umstand, daß unser Autor in die Versuchung gekommen ist, einen solchen Schmähbrief, wenngleich aus Kosten eines anderen, gegen seinen Collegen im kaiserlichen Rathe zu schmieden, beweist, daß er mit diesem nicht gerade im besten Einvernehmen gestanden haben kann, und seine dem Schreiben vorangehenden Äußerungen (Kollar 354) über die drei bevorzugteren Räthe, die beiden Johann Ungnad und Neiperg und Walther Zebinger, lassen darüber gar keinen Zweifel. Durch die Meinungsverschiedenheit bezüglich des Römerzuges mag der Gegensatz zwischen den deutschen Räthen und dem italienischen noch mehr verschärft sein. Denn soviel darf man doch wohl nach den eignen Ausführungen des Aeneas als sicher annehmen, daß er zu den wenigen Räthen gehört hat, daß er höchst wahrscheinlich der einzige gewesen ist, der den Kaiser in seiner Absicht, sich gerade damals die Kaiserkrone in Rom auf das Haupt setzen zu lassen, befestigt hat. Welche Hoffnungen Aeneas für sich an diesen Vorgang knüpfte, daß er ihm für seine Verdienste den Purpur des Cardinalates einbringen sollte, darauf hat Voigt (II 35) bereits hingewiesen. Freilich mit dem zweifelhaften Erfolge des Unternehmens konnte selbst er sich hinterher nicht recht einverstanden erklären. Aber wenn er meint, daß, wenn es dem Kaiser gelungen wäre, Italien den Frieden wiederzugeben, dies ein schönerer Ruhmestitel für ihn geworden sein würde, als ihn ihm der Empfang der Kaiserkrone zu geben vermocht hätte, ja, wenn er den Grafen Cilli über den Römerzug abfällige Äußerungen thun läßt, die wir wohl als seine eigne Meinung ansehen dürfen (Voigt II 61), so zeigt das höchstens, daß seine Erwartungen auch nach anderer Seite hin – der Cardinalshut blieb ja ebenfalls einstweilen aus – getäuscht worden sind. Gewiß wäre es dem Italiener lieber gewesen, wenn er seinen kaiserlichen Herrn zugleich auch als den Friedensbringer Italiens hätte preisen können, wenn dieser das unruhige Mailand mit kräftiger Hand niedergehalten, die lombardischen Staaten untereinander geeinigt und den Besitz des Kirchenstaates in Mittelitalien befestigt und erweitert hätte. Die glänzenden Kriegsthaten, wie sie Otto von Freising von Friedrich I hatte schildern können, mögen ihm zugleich auch in seinem Interesse als ein für seinen gleichnamigen Helden erstrebenswerthes Ziel vorgeschwebt haben, um so mehr, als er der Überzeugung gewesen zu sein scheint, daß Friedrich III darin seinem hochberühmten Vorfahren schon gleichgekommen war, daß er wie dieser zu geeigneter Zeit mit der Kirche seinen Frieden gemacht hatte.
Bayer (S. 42 f.) hat die sehr zu beachtende Vermuthung ausgesprochen, daß dem Aeneas bei der Abfassung seiner Geschichte Friedrichs III – damit ist natürlich an die zweite Redaction zu denken – der Biograph Friedrichs I, Otto von Freising, als Vorbild vor Augen gestanden habe. Otto ist nahezu der einzige Schriftsteller des Mittelalters, den unser Autor der Beachtung für werth hält, den er mit Vorliebe benutzt und citirt. Schon um 1443, als er den Pentalogus schrieb, muß er die Schriften des Freisinger Bischofs gekannt haben.38 Was in späterer Zeit den Aeneas für Otto besonders eingenommen, ist, daß dieser in dem Streite Friedrichs I mit der Curie stets sich eine versöhnliche Haltung zu wahren gewußt hat. Das stellt er in der Charakteristik Ottos (Kollar 29–30) als dessen größten Vorzug hin. In dieser Beziehung vor allem fühlte sich Aeneas Otto gleichgesonnen. Sah er sich doch als den Wiederhersteller des Friedens zwischen Papst Eugen IV und Friedrich III an. Unter solchen Umständen gewinnt es mehr als ein bloß literarisches Interesse, zu sehen wie Aeneas auf Grund der Nachrichten Ottos von Freising den Kirchenstreit zur Zeit Friedrichs I dargestellt hat, eben weil er das Bild des gewaltigen Staufers als historische Persönlichkeit wesentlich von diesem Gesichtspunkt aus, aber zum Theil, wie wir gleich vorausschicken wollen, in einem gewissen Gegensatz zu seiner Vorlage auffaßt.
Über Aeneas Silvius als gelehrten Geschichtsforscher und kritischen Historiker hat ebenfalls Voigt (II 311 ff.) auf seiner eindringenden Kenntniß der Persönlichkeit und der Werke unseres Schriftstellers mit feinfühligem Takte das Urtheil festgestellt. Für den Begründer moderngeschichtlicher Kritik kann man den Aeneas freilich nicht erklären, aber man muß doch anerkennen, daß er sie auf verschiedenen Gebieten geübt hat, wenngleich nicht überall in origineller und ebensowenig in methodischer Weise. Naturgemäß war, daß sie in ihren Anfängen gelegentlich auf Abwege gerathen mußte. Dahin rechnen wir die maßlose Polemik, welche (Kollar 15–26) gegen die sagenhafte Urgeschichte Österreichs von Gregor Hagen,39 deren Bekanntschaft der nicht deutsch verstehende Italiener dem Johann Hinderbach40 verdankte, eingeflochten ist. Sobald Aeneas einem so zulässigen Führer, wie Otto von Freising folgen kann, schließt er sich ihm gern und willig an. Als ihn dieser und dann dessen Fortsetzer Rahewin im Stiche lassen, da nimmt er, was man, soviel ich sehe, bisher noch nicht bemerkt hat, seine Zuflucht zu dem großen compilatorischen Geschichtswerk seines Zeitgenossen, den Dekaden des Flavio Biondo, die er ja später noch zum größten Theile vollständig überarbeitet hat. Otto und Biondo sind für die Zeit vom Beginn des staufischen Geschlechtes bis zu dessen Untergang des Aeneas einzige Quelle. In der Übersetzung sind die correspondirenden Stellen am Rande angezogen, woraus denn zugleich ersichtlich wird, daß Aeneas sowohl die »Chronik«, wie »Die Thaten Friedrichs I« von Otto von Freising für seine Zwecke benutzt hat. Hier mögen daher nur noch einige allgemeine Bemerkungen Platz finden.
Von einem Manne, in welchem der Schriftsteller den Geschichtschreiber so sehr überragt, daß er fast niemals bei Wiederholungen in seinen späteren Geschichtswerken auf seine eigne frühere Fassung zurückgreift, kann man von vornherein voraussetzen, daß er seine Vorlagen nicht wörtlich ausschreibt; er arbeitet das dargebotene Material zu neuer Darstellung um. Und zwar geht er darin so weit, daß er sogar die von Otto von Freising eingefügten Reden und Briefe in eine dem verfeinerten humanistischen Sprachgefühl besser entsprechende Form gießt, wie man aus einer Vergleichung verschiedener Stellen sofort sieht. Zur leichteren Übersicht stellen wir ein paar Abschnitte direct gegenüber. Zunächst die Rede, welche Otto von Freising dem Staufer Friedrich gegenüber Herzog Heinrich von Baiern in den Mund legt:
Otto von Freising. Gesta Friderici41I, 20:
Contra fas, bone dux, fecisti, qui me in pace vocatum, pacis non ferens signa, inimicum te potius quam amicum ostendisti; nec te ab hoc facto propriae famae revocavit honestas nec carnis qua conjungimur affinitas. Ne autem malum pro malo reddere videar, te tamquam amicum fideliter ammoneo, ne fideles meos, quos undique adventare cerno, exspectes.
Aeneas Silvius bei Kollar 45:
Ego tuam, Henrice, secutus fidem huc veni. Tu mihi ex affine hostem te objecisti, neque fas neque bonum sectatus; indignus es, qui claris parentibus nasceris. Haec te dies honore exuit, perjurum deinceps omnis Cermania devitabit. Digna tuis sceleribus reddere praemia poteram, si voluissem. Adest enim miles meus, qui proditionis ex te poenas exigat. Sed potius ab eo servatum te scito, quem dolis captum necare putavisti.
Otto, ohne den Abzug Heinrichs noch ausdrücklich zu erwähnen, knüpft unmittelbar an das Obige folgende Bemerkungen:
Excusatur tamen a quibusdam hoc factum ducis non solum ex hoc, quod eo in tempore inimici fuerunt, juxta illud:Dolus an virtus quis in hoste requirat? sed ex eo, quod pro fidelitate regni et reipublicae quiete principi eum tradere pacemque imperio instaurare volens, hoc fecerit.
Aeneas aber, indem er es für seine Pflicht hält, den Leser darüber aufzuklären, daß nun auch Heinrich wirklich abgezogen, sagt:
Quibus auditis Henricus nil amplius morandum ratus, trepidus a monasterio fugit; inglorius deinde apud Theotones habitus, quamvis nonnulli eum defendere conati sunt, quibus imperii majestas etiam dolis ac fraude retinenda videtur, Virgilianumque illud apprime placet: Dolus an virtus quis in hoste requiret! Sed verius dixerimus etiam hosti servandam fidem.
Was die Benutzung seiner Vorlage im Allgemeinen anlangt, so hält Aeneas an der von Otto gegebenen chronologischen Folge im Ganzen fest, weiß aber seiner Darstellung, wie schon aus der oben gegebenen Probe zu ersehen ist, durch eine engere sachliche Verknüpfung der Begebenheiten und detaillirtere Schilderung ein einheitlicheres und abgerundeteres Gepräge zu geben. Zu diesem Zweck hat er auch den Bericht über das Kirchenschisma aus der politischen und Kriegsgeschichte Friedrichs I herausgehoben und in einem eignen selbstständigen Abschnitt behandelt. Nachdem er nämlich die kriegerischen Großthaten des Staufers bis zur Schlacht von Legnano nach Otto, Rahewin und theilweise noch Flavio Biondo erzählt hat, holt er mit der Vorbemerkung: »Was wir aber nun weiter anfügen, das ist eines so gewaltigen Kaisers unwürdig und des Hasses werth« die Darstellung der Kämpfe Friedrichs I mit der Curie vom Tage von Besançon ab, nach. Wie er diese gestaltet hat, das läßt sich schon aus den das Grundthema anschlagenden Überleitungsworten erkennen. Übrigens hat er diese seine Auffassung sofort bei der Einführung Friedrichs angedeutet, indem er Kollar 56 von ihm sagt: »Nur einer Schuld ist er zu zeihen, daß er der römischen Kirche, seiner Mutter, allzu wenig folgsam gewesen ist.« Zwar war Aeneas auch eine Zeit lang im Gegensatz zu Papst Eugen IV gestanden. Aber nachdem die Baseler Sturm- und Drangperiode überwunden, hatte gerade er am eifrigsten dabei mitgewirkt, die Neutralität der deutschen Fürsten gegenüber Papst und Concil durch allerhand diplomatische Kniffe aufzuheben. Und nun, da sein Haupt endlich der rothe Hut zierte, und er gar die Hoffnung hegen durfte, vielleicht auch noch einmal Petri Stuhl zu besteigen, da setzte er seine ganze Kraft für die Aufrechterhaltung der Autorität des Papstthums ein und verurtheilte natürlich auch jede frühere weltliche Opposition gegen den rechtmäßigen Statthalter Christi. Bemerkenswert ist dabei, daß er Friedrich I dadurch rein zu waschen sucht, daß er die Verantwortung für die Maßnahmen des Kaisers gegenüber Alexander III hauptsächlich auf des ersteren Rathgeber, die schismatischen deutschen und italienischen Kirchenfürsten, abzuwälzen sucht. Aeneas mag sich hierbei den heftigen Widerstand, den Erzbischos Dietrich von Köln und Jacob von Trier einem unvortheilhaften Ausgleich des neutralen Deutschlands mit Eugen IV entgegensetzten und durch den sein Einigungswerk so wesentlich erschwert worden war, lebhaft vergegenwärtigt haben. Daß dann Friedrich I seinen Frieden mit der Curie geschlossen hat, läßt seine Persönlichkeit auch bei Aeneas wieder in hellerem Lichte erscheinen, und er kommt schließlich zu dem Resultat: »Was er Übles gethan hat, geschah auf fremden Rath, bei seinen guten Thaten leitete ihn sein eignes Genie!«
Die Leidenschafts- und Parteilosigkeit, welche Aeneas als den größten Vorzug seines Gewährsmannes gepriesen hat, hat er selbst aber nicht einmal den längst vergangenen Ereignissen gegenüber sich zu wahren gewußt, ja er hat seinen eignen einseitigen Standpunkt seiner Quelle zum Trotz in seine Darstellung hineingetragen. Mit einer kaum abzuweisenden Absichtlichkeit hat er die ruhiger gehaltenen Äußerungen Ottos von Freising in das Gegentheil verkehrt, selbst den Wortlaut der von diesem mitgetheilten Actenstücke verschärft, nur um dadurch die Schuld auf der kaiserlichen Seite höher zu schrauben und die Haltung der Curie von vornherein um so fester und gesicherter erscheinen zu lassen. Man vergleiche beispielsweise Gesta III 10 mit des Aeneas Darstellung (Kollar 71.) Letzterer behauptet, Friedrich habe die päpstlichen Legaten entlassen, »nicht nur ohne ihnen die üblichen Ehren zu erweisen, sondern er habe sie auch noch mit Beleidigungen überhäuft«, wogegen Otto ausdrücklich bemerkt, daß gerade Friedrich die Legaten vor dem Wuthausbruch des Pfalzgrafen Otto von Wittelsbach geschützt habe. An derselben Stelle berichtet Aeneas von dem die Huldigung Lothars dem Papste gegenüber darstellenden Bilde in Rom, daß es von den Anhängern des Kaisers zerstört sei, während es nach Rahewin der Papst war, der freilich auf vorhergegangene Vorstellungen hin die Beseitigung des anstößigen Gemäldes selbst anordnete. Ähnliche Übertreibungen und Entstellungen hat sich Aeneas zu Schulden kommen lassen bei Kollar 73 verglichen mit Otto Gesta IV 18 ff. und an anderen Orten.
Von den Actenstücken, welche Otto von Freising in sein Werk aufgenommen zu haben vorgiebt, bringt Aeneas allein wörtlich eine Stelle aus dem Briefe Hadrians an Friedrich I (Kollar 70 – Otto Gesta III 9. Debes enim gloriosissime fili etc.), hat wenigstens nur kleine stilistische Änderungen – für »et quam« »quamque«, für »alio anno« »superiore anno« – angebracht. In der Regel beschränkt er sich darauf, den Sinn im Allgemeinen wiederzugeben, derart aber, daß er nicht selten die darin zum Ausdruck kommenden Differenzpunkte der beiden Parteien so formulirt, wie man sich gehütet hat, sie zur Zeit auszusprechen. Wir verweisen zum Beleg hierfür aus Otto Gesta IV 34 ff., welcher Abschnitt bei Kollar 74 ff. verarbeitet ist.
Sehr bezeichnend ist noch für Aeneas das Raisonnement, welches er auf Grund von Otto Gesta III 22 (Kollar 72) über das von der römischen Curie Friedrich I gegenüber eingehaltene diplomatische Verfahren anstellt. »Die klugen Männer«, sagt er, »wußten nämlich, daß gegen das stolze Rüstzeug eines so mächtigen Feindes nichts so wirksam sei, als wenn man die Miene demüthiger Unterwürfigkeit aufsetze und den Schein tiefster Herablassung annähme; auch sei der nicht zu tadeln, welcher sich der Zeiten Wechsel gemäß wechselnder Rede bediene.« Wer wollte nicht in diesen mit naiver Offenheit vorgetragenen Anschauungen die Grundsätze des praktisch geschulten italienischen Diplomaten des 15. Jahrhunderts erkennen?
Bei den Abweichungen des Aeneas von seiner Quelle wird man nun freilich öfters auch lediglich seine schriftstellerische Tendenz in Anschlag zu bringen haben. Liebt er es doch, bei jeder Gelegenheit, sein Erzählertalent glänzen zu lassen. Und wie hübsch hat er beispielsweise das von Otto (Gesta I 14 – Kollar 41) nur angedeutete Geschichtchen von den Limburger Mönchen, welche bei der Belagerung anfänglich ihre Vorräthe nicht gutwillig herausgeben wollten, auszugestalten gewußt. Solche inhaltliche Ausschmückungen finden sich noch häufiger, so unter anderen Kollar 42 (zu vergleichen mit Gesta I 17), wo er die Gräuelthaten der im Gefolge der Böhmen kämpfenden Heiden schildert, oder Kollar 43, indem er die Kämpfe zwischen den staufischen Brüdern und dem Erzbischos von Mainz gegenüber dem kurzen Bericht bei Otto (Gesta I 18) lebendiger ausmalt. Bisweilen fließen auch Flüchtigkeitsfehler und Versehen mit unter. Kollar 43 nennt er fälschlich den Vater Heinrichs des Stolzen als denjenigen, welcher Lothar bei der Belagerung von Nürnberg geholfen, während es dieser an der Stelle selbst ist (vergl. Gest. I 19) und Kollar 47 bezeichnet er Frankfurt als den Ort, an welchem die staufisch Gesinnten 1138 vor der Wahl zusammenkamen, während Otto (Chronik VII 22) Coblenz hat.
Aber trotz dieser und ähnlicher Verschiedenheiten bleibt Otto von Freising des Aeneas einzige Quelle für diesen Abschnitt seiner Geschichte. Neue thatsächliche Angaben bringt er nirgends, alle Abweichungen haben ausschließlich ihren Grund entweder in seiner von der Quelle verschiedenen Auffassung von den Vorgängen, oder aber in seiner Schriftstellermanier überhaupt. Wahrscheinlich hat sich Aeneas ein Exemplar von den Schriften des Freisinger Bischofs zu verschaffen gewußt und dessen Chronik und Gesten lagen ihm direct vor, als er sie für seine Geschichte Friedrichs III excerpirte. Dadurch ist er vielleicht auch veranlaßt worden, häufiger, als sonst seine Gewohnheit ist, die von Otto gebrachten Daten aufzunehmen.
Die Fortsetzung der Geschichte Friedrichs I nun ungefähr vom Jahre 1160 bis zum Ausgang des staufischen Geschlechts hat Aeneas, wie bereits angedeutet wurde, den Dekaden des Flavio Biondo42 entnommen, aber ohne auch nur ein einziges Mal seine Quelle anzuführen oder nähere Andeutungen bezüglich derselben fallen zu lassen. Wohl spricht er an einer Stelle (Kollar 78) davon: »Die Gewährsmänner überliefern nicht« in welchem Flusse Friedrich I in Kleinasien ertrunken sei; aber er schöpft auch hier nur aus Biondo, wie eine nachherige Nebeneinanderstellung erkennen läßt. Hinzugethan hat Aeneas, abgesehen von den mehrfach beigesetzten neueren geographischen Bezeichnungen, ganz kurze moralische Betrachtungen ohne jeden neuen thatsächlichen Inhalt. Dann hat er den kleinen Abschnitt über den deutschen Orden (Kollar 86 f.) selbstständig behandelt. Durch Antheilnahme an dem Prozeß desselben wider die preußischen Städte, der anfangs der fünfziger Jahre am kaiserlichen Hofe verhandelt wurde, hatte er Gelegenheit gehabt, verschiedene auf die Geschichte des Ordens bezügliche Urkunden kennen zu lernen, die goldne Bulle Friedrichs II sogar im Original einsehen können. Auch der Passus über den Einfall der Tataren in Österreich, die Erledigung dieses Herzogthums und die mehrjährige vormundschaftliche Regierung Friedrichs II daselbst (Kollar 95) scheint auf eine andere Vorlage, als die Dekaden des Biondo, zurückzugehen; vielleicht, daß hier wieder die specifisch österreichische Quelle zu Worte kam. Endlich habe ich den Schluß der Geschichte der Staufer (Kollar 110 f.) in dieser Weise bei Biondo nicht finden können. Die Weissagung auf das Haus Aragon, welche Conradin auf dem Schaffot aussprechen muß, deutet wohl auf aragonesischen Ursprung.
Daß Biondo die Quelle, und ferner die Art und Weise, wie ihn Aeneas benutzt hat, mag man aus der folgenden Gegenüberstellung einzelner Abschnitte entnehmen, denen wir die Parallelstellen aus des Aeneas Auszug aus den Dekaden des Flavio Biondo43 gleich anschließen, um zu zeigen, daß wir es mit einer doppelten Bearbeitung des Biondo zu thun haben.
Flavio Biondo 263. D.
Fredericus quoque Romanus imperator cum amplissimo exercitu eodem tempore ex Alemannia est profectus undecimque castris per Ungariam Bulgariamque et Thraciam continuato itinere apud Constantinopolim primum desedit. Quem ut Bosphorum quam celerrime transmitteret Isaac imperator eo diligentius juvit, quo magis potentatum illius diu antea formidaverat. Primam vero de Turcis Philomeniam urbem Fredericus cepit ...
Historia Friderici bei Kollar 78.
Compositis in Italia rebus (Fridericus) ... amplissimum exercitum coegit; in Austriamque profectus undecimis castris per Ungariam Bulgariamque et Thraciam continuato itinere apud Constantinopolim primum desedit. Nec diu moratus transacto Bosporo Philomelum Turchorum urbem vi cepit ...
Epitome Biondi 229.
Durante obsidione Acconis Fridericus imperator ex Alemannia cum amplissimo exercitu profectus per Ungariam Thraciamque Constantinopolim petiit, quem Isach imperator quam primum potuit Bosphorum transire hortatus est, ejus potentiam reformidans. Fridericus Philomeniam urbem cepit de Turcis ...
Flavio Biondo 263. D.
... Armeniam inde minorem ingressus, omnia quae sunt adita in suam compulit potestatem, adeo ut nec prius nec post suo unquam exterminio magis timuerit Saladinus. Sed tantam Christianorum spem infelix hora succidit, quum amnem rapidum sudoris lavandi caumatisque mitigandi avidior temere et inexplorato ingressus tantorum exercituum imperator enectus est.
Historia Friderici bei Kollar 78.
... Armeniam deinde minorem ingressus ... omnia quae adiit loca in suam compulit potestatem, tantumque rebus Christianis favorem, tantum Saracenis metum intulit, ut tunc primum timuisse ... suis rebus Saladinum ... memoriae proditum sit. Sed tantam Christianorum spem infoelix hora succidit. Nam rapidum Fridericus amnem dum sudoris lavandi caumatisque mitigandi causa temere et inexplorata ingreditur, tantorum exercituum imperator enectus est ... Non tradunt auctores, quo in fluvio id acciderit.
Epitome Biondi 229.
... Armeniam minorem ingressus omnia in potestatem suam redegit; sed dum lavandi causa rapidum amnem inexplorato ingreditur submersus est.
Ein methodischer Unterschied in der Benutzung der Dekaden des Biondo und in der der Werke Ottos von Freising seitens des Aeneas wird sich schwerlich constatiren lassen. Bald hat er seine Vorlage ziemlich wörtlich ausgeschrieben, bald nur die Gedanken derselben in seine Darstellung angenommen, wie eine Vergleichung verschiedener Stellen an der Hand der von uns zur Übersetzung gegebenen Nachweise sofort lehren wird. In die Versuchung, Kritik zu üben, ist er kaum gekommen, wo er Verbesserungen hat anbringen wollen, ist er unglücklich gewesen. Im Ganzen fand er Biondo gegenüber, da er aus ihm weniger Verhandlungen als Thatsachen entnehmen konnte, nicht so reichliche Gelegenheit sein stilistisches Talent an Reden und Briefen zu üben. Wo es jedoch einigermaßen anging, hat er die indirecte Rede seiner Quelle in die directe verwandelt und selbstverständlich ausgeschmückt, so bezüglich des angeblichen Ausspruches Friedrichs II über den neugewählten Papst Innocenz IV.
Biondo 292.
Is (Fridericus) autem mentis suae conscius fertur ex composito respondisse: bonum se amicum cardinalem in acerrimum hostem Romanum pontificem permutasse.
Kollar 91.
Atqui ego, inquit Fridericus, nihil intelligo, cur laetari possim, cum cardinalis nobis amicissimus eam sit dignitatem adeptus, quae illum hostem acerrimum reddet.
Oder aber wenn er Papst Clemens IV in Viterbo den Untergang des vorbeiziehenden Conradin weissagen läßt:
Biondo 317.
Tradunt ... Clementem pontificem sanctitatis suae divulgatam opinionem eo in Conradini negocio confirmasse; qui spiritu ut videtur prophetico contra ac omnes opinabantur, adolescentem tanto comitatum exercitu praedixit tamquam victimam ad exterminium cedemque deduci.
Kollar 107.
Quem (Conradinum) cum pontifex Clemens ... quadrato agmine incedentem ex palatio suo contemplatus esset, spiritu quodam afflatus prophetico ... Videns, inquit, splendidas acies et juvenem animis fidentem misereor nobili sanguini, quem pro majorum suorum delictis poenas daturum intueor. Hic etenim sicut agnus ad victimam caedemque ducitur.
Höchstens läßt sich das eine sagen, daß er bei der Benutzung des Biondo noch flüchtiger verfahren ist, als bei der Ottos. Des ersteren Sammelwerk war eben bei der Fülle des Materiales, das es bot, schwieriger zu excerpiren als die übersichtlichen, stofflich begrenzten »Thaten Friedrichs«. So läßt Aeneas (Kollar 76) den Gegenpapst Octavian in Pisa sterben, während er Epitome Blondi (S. 222) nach diesem richtig Lucca angiebt. Nach der Ermordung König Philipps wird ein anderer Otto aus der sächsischen Familie« auf den Königsthron gewählt (Kollar 82); es ist ihm entgangen, daß es derselbe Otto (Sohn Herzog Heinrichs von Sachsen) ist, den er kurz zuvor als Gegenkönig Philipps geschildert hat. Derselbe Irrthum findet sich in der Epitome 232. Kollar 82 erzählt Aeneas ferner, Innocenz III habe Friedrich II zum Kaiser gekrönt, noch ehe dieser die deutsche Königskrone empfangen hätte; Biondo hingegen berichtet, daß Friedrich II ein derartiges Ansinnen an den Papst zwar gestellt habe, damit jedoch abgewiesen sei, wie denn auch unser Autor nachher in der Epitome 233 den Sachverhalt darstellt. Ihm zufolge (Kollar 83–84) wäre Innocenz III auf Honorius III, auf Innocenz Gregor IX gefolgt, wohingegen die richtige Reihenfolge Innocenz, Honorius, Gregor ist. Auch diese Ungenauigkeit beruht nur auf oberflächlicher Einsichtnahme seiner Quelle. Heillos geradezu ist die Verwirrung, welche Aeneas unter den Frauen und Söhnen Friedrichs II angerichtet hat. Kollar 84 bezeichnet er als die erste Gemahlin, – er spricht gleich nachher von der zweiten – die Tochter des Königs von Jerusalem und als deren Sohn Friedrich, welchen er zum König von Tuscien designirt werden, aber zehnjährig sterben läßt. (Kollar 104). Heinrich wird (Kollar 84) als Sohn der zweiten Gemahlin aufgeführt und Kollar 97 und 104 als seine Mutter richtig Constanze von Castilien angegeben. Aber indem Aeneas (Kollar 87) den Tod der Jole (Jolanthe) von Jerusalem nach Biondo erzählt, dieser aber Friedrich II sich nunmehr mit der Schwester des Königs von England vermählen läßt, glaubt er diesen berichtigen zu müssen und setzt statt jener ein, Constanze, die Schwester des Königs von Castilien, die in Wirklichkeit die erste Gemahlin Friedrichs gewesen ist.
Doch dies mag genügen, die flüchtige Manier des Aeneas kurz zu skizzieren. Erwähnt sei nur noch, daß sich der entschieden päpstliche Parteistandpunkt des Aeneas in seiner Darstellung selbst gegenüber den Äußerungen des doch ebenfalls streng kirchlich gesinnten Biondo hier und da bemerkbar macht. Das auffallendste in dieser ganzen Benutzungsfrage bleibt für uns das gänzliche Stillschweigen des Aeneas über seine Quelle. Nach der Ansicht der Humanisten machte offenbar hauptsächlich die Darstellung einer Geschichte, nicht die Gruppirung, Sichtung und kritische Verarbeitung des derselben zu Grunde liegenden Materials das geistige Eigenthum des Autors aus.44
Untersuchen wir nun des Aeneas Geschichte seiner Zeit, durch welche er sich ja in erster Linie das Anrecht auf Berücksichtigung erworben hat, auf ihre Grundlagen, so lehrt ein flüchtiger Blick, daß die Fülle der persönlichen Erlebnisse der reichste Schatz ist, aus welchem er seine Darstellung geschöpft hat. In allen seinen Geschichtswerken nimmt die Schilderung der Ereignisse, bei denen der Autor selbst eine Rolle gespielt hat, den breitesten Raum ein. Daher verschweigt Aeneas nicht selten einen Vorgang, der zum vollen Verständniß der Sachlage nothwendig ist, eben weil derselbe seiner persönlichen Anteilnahme entrückt war, andere freilich noch aus schwerer wiegenden Rücksichten und Motiven. Hier eine fortgesetzt Controlle eintreten zu lassen, ist ganz besonders schwierig, um so schwieriger, als Aeneas vielfach für den Hergang unsere einzige Quelle bleibt.
Wir erwähnten schon, wie gern er in Briefen an Freunde und Bekannte von seinen Erlebnissen berichtet. Von diesen Briefen behielt er in der Regel das Concept oder eine Abschrift zurück. Er mochte sie nachher gelegentlich wieder hervorholen, um seinem Gedächtniß zu Hülfe zu kommen. Seinerseits empfing Aeneas wieder briefliche Nachrichten von seinen Freunden, die verwerthet wurden; auch nahm er aus mündlichen Erzählungen Anderer, wie er selbst angiebt,45 Mancherlei in seine Darstellung auf. Voigt (II 316) läßt ihn Einzelheiten alsbald auf lose Blätter niederschreiben und diese dann in seine Sammlungen einordnen, ja er meint, Aeneas habe offenbar ein Tagebuch geführt, »wenn denkwürdige Dinge sich zu entwickeln schienen«. Diesen Gedanken Voigts nun auf die Geschichte Friedrichs III anwendend, spricht sich Lorenz46 über deren Niederschrift folgendermaßen aus:
