Die globalisierte Welt - Vincent Houben - E-Book

Die globalisierte Welt E-Book

Vincent Houben

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Beschreibung

Das Lehrbuch bietet eine aktuelle Einführung in das Studium der gegenwärtigen multizentrischen Welt. Es vermittelt einen Überblick über die wichtigsten Tendenzen der Globalisierung sowie Einblicke in die einzelnen Weltregionen. Im Zentrum stehen dabei die soziokulturellen Konfigurationen in den unterschiedlichen Regionen, ihre Genese und ihr globaler Zusammenhang. Die vergleichende Perspektive ermöglicht es, die allgemeinen Debatten um die Globalisierung, die in vielen Bereichen einen Konsens erzielt haben, zu differenzieren und stärker zu kontextualisieren. Die Studie basiert auf der Interpretation empirischer Literatur und eigener Feldforschung in allen behandelten Regionen. Der interdisziplinäre Ansatz macht das Buch in vielen Studienfächern und Kontexten einsetzbar.

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EPUB

Seitenzahl: 535

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Vincent Houben / Boike Rehbein

Die globalisierte Welt

Genese, Struktur und Zusammenhänge

UVK Verlag · München

Umschlagabbildung: © istockphoto, MimaCZ

 

© UVK Verlag 2022

- ein Unternehmen der Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG

Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen

 

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Internet: www.narr.deeMail: [email protected]

 

 

Einbandgestaltung: Atelier Reichert, Stuttgart

 

utb-Nr. 5802

ISBN 978-3-8252-5802-3 (Print)

ISBN 978-3-8463-5802-3 (ePub)

Inhalt

EinleitungGlobaler KapitalismusSoziokulturenSkalenMultizentrische Welt1 Globale Soziokulturen1.1 GlobalgeschichteGeschichte der WeltgeschichtsschreibungDarstellungen der historischen multizentrischen WeltEin multizentrischer, soziokultureller AnsatzFazit1.2 KolonialismusKolonialismusKolonialgeschichteKolonialismus und OrientalismusKolonialismus und RassismusPostkolonialismusKolonialismus als globale Soziokultur1.3 Die nationalstaatliche OrdnungDer NationalstaatNation und NationalismusDemokratieEntwicklung als Praxis und DiskursDie Idee der EntwicklungModernisierungDer EntwicklungsstaatFazit1.4 Globaler KapitalismusDefinitionVorgeschichteGlobaler Kapitalismus und TransformationFazit2 Regionen2.1 EuropaKolonialismus und AbsolutismusLiberalismus, Industrialisierung und NationalstaatNeoliberalismus und FinanzkapitalFallstudie Deutschland2.2 SüdostasienDie RegionVorkoloniale SoziokulturenKoloniale SoziokulturenPostkoloniale SoziokulturenFallstudie Thailand2.3 SüdasienVorkoloniale SoziokulturenKoloniale SoziokulturenPostkoloniale SoziokulturenFallstudie Indien2.4 OstasienVorkoloniale SoziokulturenSemi-koloniale Soziokulturen und NationalstaatsbildungPostkoloniale SoziokulturenFallstudie China2.5 ZentralasienVorkoloniale SoziokulturenKoloniale SoziokulturenPostkoloniale SoziokulturenFallstudie Kasachstan2.6 AfrikaDie Außen- und Binnenwahrnehmung AfrikasGeografische Merkmale des afrikanischen KontinentsVorkoloniale SoziokulturenKoloniale SoziokulturenPostkoloniale SoziokulturenFallstudie Südafrika2.7 AmerikaKoloniale SoziokulturenDas postkoloniale LateinamerikaDie kapitalistische Gesellschaft der USAFallstudie BrasilienFazit3 Globale Zusammenhänge3.1 WeltwirtschaftZentren der Welt und NetzwerkeKapitalismen und multizentrische WeltGlobale InstitutionenStaatenTransnationale UnternehmenFinanzkapitalFazit3.2 Globale InstitutionenInstitutionen und GlobalisierungImperienInternationale OrganisationenGlobale SozialbewegungenFazit3.3 Kulturelle GlobalisierungDer westliche Kulturbegriff und dessen KritikGenealogie der globalen ModerneHomogenisierung oder Heterogenisierung von KulturenProduktion von WeltkulturDiasporakulturenFazit3.4 Globale UngleichheitÖkonomische KlassenSoziale KlassenDie Produktion sozialer KlassenSoziokulturen und soziale KlassenGlobale StrukturenFazitFazit: Wissenschaft aus dem globalen SüdenAbkürzungsverzeichnisLiteraturSach-RegisterPersonen-Register

Einleitung

Es ist nicht zu leugnen: Die Welt ist nach dem Ende des Kalten Krieges stärker zusammengewachsen als je zuvor. Nicht länger bezweifelbar ist außerdem, dass sich die Integration sehr ungleich und heterogen gestaltet. Dieses Buch versucht, die ungleiche Integration historisch nachzuzeichnen sowie die Struktur der gegenwärtigen Welt zu verstehen und zu erklären. Die zentrale Argumentation des Buches verknüpft vier Thesen, die jeweils um einen Kernbegriff kreisen. In der Einleitung wollen wir die Thesen und die Kernbegriffe kurz erläutern, um die Lektüre des Buches zu erleichtern.

Erstens deuten wir die Globalisierung als einen rund fünf Jahrhunderte währenden singulären Prozess, der in der Verbindung des Kapitalismus mit einem Kolonialismus und der Instrumentalisierung eines Staatsapparats wurzelt. Vor diesem Hintergrund interpretieren wir die gegenwärtige Welt als globalen Kapitalismus. Zweitens beinhaltet die Integration aller Weltregionen eine Transformation früherer Strukturen, die teilweise die späteren Strukturen begründen und teilweise fortbestehen. Wir bezeichnen die früheren Strukturen als Soziokulturen. Drittens analysieren wir die Strukturen vom Lokalen bis zum Globalen in Ebenen, die voneinander abhängig sind. Die Soziokulturen bestehen nicht nur auf nationalstaatlicher Ebene fort, sondern auch auf allen anderen Ebenen. Wir sprechen von den Ebenen als Skalen. In die folgende Untersuchung werden alle Ebenen vom Dorf bis zur Welt einbezogen. Viertens wuSkala (Raum)rzelt der globale KapitalismusKapitalismus, globaler (Soziokultur) zwar in der Expansion Europas, aber die europäische Weltherrschaft dauerte nur ein Jahrhundert, gefolgt von einer ebenso kurzen Weltherrschaft der USA. Zuvor und heute haben wir es mit einer multizentrischen WeltMultizentrische Welt zu tun.

Die Thesen basieren auf der Beobachtung, dass in der Wissenschaft, auf Grund der gewachsenen akademischen Fächerstruktur, mehrere Fehlentwicklungen stattgefunden haben, welche die Sicht auf die Beschaffenheit der Welt verdecken und somit ein angemessenes Weltwissen verhindern. Die Sozialwissenschaften verfolgen überwiegend ein eurozentrisches UniversalisierungsparadigmaEurozentrismus. Das bedeutet, dass die Erklärung von globalen Phänomenen sich noch immer primär an der westlichen Erfahrung orientiert und den daraus abgeleiteten Bewertungsmaßstäben globale Gültigkeit zuschreibt, ohne die Perspektiven aus den anderen Regionen zu berücksichtigen. Mittlerweile ist dieses so genannte westliche, liberaleLiberalismus Skript zwar von vielen Seiten einer Kritik unterzogen worden, aber die Theorien und Methoden der eurozentrischen SozialwissenschaftEurozentrismus bilden bis heute den Maßstab für die Wissenschaftlichkeit einer Gesellschaftsanalyse. Damit argumentieren wir nicht, dass die Ideen von westlichen Sozialtheoretikern zu ignorieren seien, aber sie müssen kontextualisiert und bezüglich ihrer Aussagekraft für andere Regionen überprüft und modifiziert werden.

Das Buch besteht aus drei Teilen. Im ersten Teil zeichnen wir die Genese der globalisierten Welt nach. Wir erläutern zunächst die Vorgeschichte der Globalisierung und unseren historischen Ansatz. Dann betrachten wir die drei Soziokulturen der gegenwärtigen Welt. Kolonialismus und nationalstaatliches System sind die grundlegenden globalen Soziokulturen, die durch den globalen Kapitalismus überlagert werden, aber nicht verschwinden. Der Kapitalismus war zwar bereits der wesentliche Motor von Kolonialismus und Nationalstaat, wurde aber erst global, als die koloniale Ausbeutung und nationale Sonderwege einer umfassenden Dominanz des Kapitals wichen.

Der zweite Teil des Buches verfolgt die Genese der regionalen, nationalen und lokalen Soziokulturen in den Weltregionen nach. Wir verknüpfen sie mit den globalen Soziokulturen, argumentieren aber, dass überall historische Besonderheiten globale Tendenzen modifizieren. Im Zentrum stehen dabei die Formen von Gesellschaft, insbesondere Herrschaftsstrukturen. Wir argumentieren, dass Kolonialismus, nationalstaatliches System und globaler KapitalismusKapitalismus, globaler (Soziokultur) als weltumspannende Herrschaftsstrukturen zu interpretieren sind, die jeweils die regionalen, nationalen und globalen Herrschaftsstrukturen transformieren. Unsere Untersuchung verknüpft historische Forschung mit empirischen Fallstudien, die wir in allen Weltregionen außer Ozeanien und der arabischen Welt durchgeführt haben. Daher finden diese beiden Regionen im Buch nur eine untergeordnete Berücksichtigung.

Im letzten Teil bemühen wir uns, einen Überblick über die Tendenzen und Strukturen des globalen Kapitalismus in den Bereichen Wirtschaft, Gesellschaft, Politik und Kultur zu liefern. Auch wenn wir hierbei teilweise auf eigene Forschung zurückgreifen, handelt es sich bei den Kapiteln großenteils um eine Aufarbeitung der einschlägigen Literatur. Im Mittelpunkt steht das Verhältnis zwischen dem vereinheitlichenden Kapitalismus auf der einen und den Soziokulturen des Kolonialismus und des nationalstaatlichen Systems auf der anderen Seite. Die Spannung zwischen ihnen halten wir für die zentrale Bruchlinie der gegenwärtigen Welt.

Globaler Kapitalismus

Der erste Soziologie-Professor der Welt, Émile DurkheimDurkheim, Émile (1986), stellte das „Gesetz der gesellschaftlichen Gravitation“ auf, das für alle Gesellschaften gelten sollte. Es besagte, dass Größe und Dichte der Gesellschaft im Laufe der Zeit zunähmen. Für die Menschheitsgeschichte lässt sich zwar eher eine Fluktuation beobachten, aber für die Geschichte der Globalisierung gilt das Gesetz ganz eindeutig. Wir halten Durkheims These jedoch nicht für ein Gesetz und die Globalisierung für einen singulären Prozess, der vermutlich in eine erneute Abnahme von Größe und Dichte münden wird. Wir erklären den Prozess durch die einzigartige Kombination von Kolonialismus und Kapitalismus, die den Apparat des Nationalstaats für ihre weltweite Expansion nutzten.

Mit dieser Interpretation weichen wir von zwei intellektuellen Hauptströmungen der historischen Forschung ab und lehnen uns dabei an den Soziologen Max WeberWeber, Max an. Erstens leugnen wir eine Determination der Geschichte durch ökonomische Faktoren und eine damit verbundene Höherentwicklung der Gesellschaft. Der Marxismus, die Wirtschaftswissenschaften und die ModernisierungstheorienModernisierungstheorie gehen von einer zwangsläufigen Entwicklung durch die Verbesserung der wirtschaftlichen Reproduktion der Menschheit aus. Wir argumentieren hingegen, dass die Entwicklung von vielen Faktoren bestimmt wird und keine bestimmte Richtung hat. Zweitens verfolgen wir die These, dass die Entwicklung auch nicht durch kulturelle oder zivilisatorische Eigenschaften erklärt werden kann. Im Gegensatz zu den Ansätzen der historischen Schule, der Postmoderne und des PostkolonialismusPostkolonialismus (Theorie) halten wir an der Zentralität des Kapitalismus für die Genese der gegenwärtigen Welt fest – den wir allerdings nicht als ökonomisches System interpretieren, sondern als Vermittlung einer bestimmten Herrschaftsform.

Damit lautet der Ausgangspunkt unserer Argumentation, dass die Entstehung des Kapitalismus in Europa zwar nur einer von mehreren Faktoren der Globalisierung ist, aber der wichtigste. Es gibt unserer Auffassung nach kein Gesetz, das seine Weltherrschaft determiniert hätte. Vielmehr war das nur aufgrund weiterer Faktoren möglich, die zusammen eine historisch singuläre Konfiguration gestalteten. Zunächst bildete sich dieser Kapitalismus im Kontext einer expandierenden Region heraus, die durch die Kreuzzüge bestimmt war. Auf dieser Grundlage verbanden sich Handel, Raub und die Errichtung von Kolonien mit dem Kapitalismus. Entscheidend für den Durchbruch des Kapitalismus war die spezifische Verknüpfung von Staat und Gesellschaft. Während Kapitalisten in allen anderen Gesellschaften eine untergeordnete soziale Position bekleideten, erlangten sie, insbesondere durch die Finanzierung von StaatsschuldenStaatsschulden, in Europa eine beherrschende Position. Gleichzeitig gewannen sie einen immer größeren Einfluss auf den Staat, der sich aus einer feudalen Privatangelegenheit des Fürsten in einen integrierten, unpersönlichen und institutionalisierten Nationalstaat transformierte.

Die Kapitalisten übernahmen mit dem Kolonialismus ab dem 16. Jahrhundert die Herrschaft über immer größere Teile der außereuropäischen Welt und stiegen dabei in die herrschenden Schichten ihrer Heimatstaaten auf. In dieser Kombination wich Europa vom Rest der Welt ab. Durch Kriege, Revolutionen und Reformen in Europa wurde dann der Nationalstaat als Institution ab dem 17. Jahrhundert nach und nach verallgemeinert. Gleichzeitig wich der Kolonialismus der Kapitalisten dem ImperialismusImperialismus der Nationalstaaten. Im Ergebnis etablierte sich während des 20. Jahrhunderts das nationalstaatliche System. Das System gerät nun unter Druck. Die immer exklusiver und mächtiger werdende Gruppe der Kapitalisten tendiert dazu, die Weltherrschaft zu ergreifen.

In atemberaubender Geschwindigkeit ist ein globaler KapitalismusKapitalismus, globaler (Soziokultur) entstanden, der winzigen dominanten Klassen dient und jetzt eine spezifische politische Konfiguration geschaffen hat, die immer mehr Staaten erfasst: Vertreter der dominanten Klasse, oft Milliardäre, ergreifen selbst die politische Macht, indem sie die Ängste der Mittelschichten vor der Bedrohung durch Fremde und Unterklassen populistisch ausnutzen. Eine so starke Homologie zwischen den politischen Konfigurationen der Staaten hat es noch nie gegeben. Eine größere Vermögenskonzentration hat es noch nie gegeben. Eine deutlichere Machtkonzentration in der dominanten Klasse hat es noch nie gegeben. Und es hat vielleicht noch nie eine schwächere Opposition gegeben.

Soziokulturen

Kolonialismus, nationalstaatliches System und globaler KapitalismusKapitalismus, globaler (Soziokultur) sind als Strukturen zu verstehen, die zu unterschiedlichen Zeiten entstanden sind, aber heute noch fortwirken. Strukturen von Herrschaft gehen aus Transformationen älterer Strukturen hervor, die teilweise verändert werden und teilweise fortbestehen. Diese früheren Strukturen bezeichnen wir als Soziokulturen. Es handelt sich um die älteren Strukturen, die für das Verständnis der gegenwärtigen Strukturen von Bedeutung sind, also beispielsweise Gilden in Deutschland, die zwar der MarktwirtschaftMarktwirtschaft widersprechen, aber trotzdem existieren, beispielsweise für Anwälte und Schornsteinfeger. In der Erforschung von Soziokulturen geht es nicht vorrangig um eine genaue, in allen Details korrekte Analyse der Vergangenheit oder eine vollständige Erfassung aller früheren Strukturen, sondern um eine historisch orientierte Untersuchung der Gegenwart. Der Begriff der Soziokultur impliziert im Übrigen keine ModernisierungstheorieModernisierungstheorie, sondern nur die Annahme, dass Gegenwärtiges aus Früherem hervorgegangen ist. Die gegenwärtigen gesellschaftlichen Strukturen basieren auf älteren Formen, so dass eine Überlagerung, Brechung und Durchdringung von sozialen Strukturen entsteht, ähnlich dem Prozess der Sedimentierung an der Erdoberfläche. Aus diesem Grund hat jede Gesellschaft, auch jede Region und jeder Ort, eine eigene Struktur. Alle Formen werden nur im Zusammenspiel und in ihrer historischen Entstehung verständlich.

Fast alle Gegenwartsgesellschaften haben die Institutionen des Kapitalismus mehr oder weniger adaptiert, sie sind kapitalistische Gesellschaften – vielleicht sogar alle, wenn man Nordkorea einschließen will. Wir sprechen von der kapitalistischen Transformation, die neben der kolonialen Transformation und der Unabhängigkeit, also der postkolonialen Transformation, in allen außereuropäischen Gesellschaften einen zentralen Bruch in den Soziokulturen darstellt. Die vorkapitalistischen Hierarchien bilden jedoch die Grundlage von Herrschaftsstrukturen in kapitalistischen Gesellschaften.

Die typischen Momentaufnahmen der Sozialwissenschaften verfahren, als sei die heutige Gesellschaft vollkommen unabhängig von vorkapitalistischen Strukturen. Mit der kapitalistischen Transformation wären alle Menschen auf einen Schlag freie und gleiche Individuen geworden, die unter gleichen Voraussetzungen miteinander konkurrierten. Ältere Ungleichheiten wurden jedoch nur langsam abgeschafft und nie kompensiert. Sklaven erhielten im 19. und 20. Jahrhundert die Freiheit, aber kein Geld, keine Bildung und keine Netzwerke. Frauen bekamen im 20. Jahrhundert Rechte der politischen und ökonomischen Partizipation, aber alle Führungspositionen waren bereits von Männern besetzt. Arme und Arbeiter erhielten im 20. Jahrhundert politische Rechte, aber kein Kapital.

Die früheren Soziokulturen sind in den Menschen und den Institutionen inkorporiert. Wir alle tragen die Vergangenheit mit uns herum, weil wir unsere Denk- und Handlungsformen unter Bedingungen erworben haben, die so heute nicht mehr existieren. Die Denk- und Handlungsformen bezeichnen wir im Anschluss an den französischen Soziologen Pierre BourdieuBourdieu, Pierre (1982) als „Habitus“. Wir lernen unser Verhalten in einer bestimmten sozialen Umgebung, vor allem während der Kindheit. Auf diese Weise erwerben wir stabile Verhaltensmuster, die an die Umgebung angepasst sind, zumeist an die Umgebung der Eltern. Wir haben mehr mit den Menschen gemeinsam, die in einer ähnlichen Umgebung aufgewachsen sind, als mit anderen Menschen. Ob man lieber Fußball oder Golf, lieber Bier oder Rotwein, lieber körperliche Arbeit oder Investmentbanking mag, hängt großenteils von der sozialen Umgebung ab, in der man aufgewachsen ist und die sich im Habitus verfestigt. Je früher im Lebenslauf die Handlungsmuster erworben und je öfter sie wiederholt werden, desto tiefer prägen sie sich ein. Ein Beispiel dafür ist die Beherrschung eines Musikinstruments, die eine lange Übung mit ständigen Korrekturen und Verfeinerungen voraussetzt, aber dann eine lebenslange Fähigkeit begründet. Da die soziale Umgebung und die Position des Menschen sich nicht ständig fundamental ändern, weisen die Handlungsmuster eine zeitliche Kontinuität und eine Einheitlichkeit auf, die den Habitus auszeichnen.

In der kapitalistischen Gesellschaft verfestigen sich gesellschaftliche Hierarchien in Gestalt sozialer Klassen. Eine soziale Klasse definiert sich durch den Habitus und ökonomisches Kapital, aber auch durch andere Faktoren wie Bildung, Kulturgüter, Umgangsformen und Sprache, die Bourdieu Bourdieu, Pierre unter dem Begriff kulturelles Kapital zusammengefasst hat, sowie durch wertvolle Beziehungen, das soziale Kapital (Bourdieu 1982: 184ff). All diese Faktoren wirken zusammen. Alle Faktoren gemeinsam dienen dazu, die jeweils unteren sozialen Klassen von den Privilegien der eigenen Klasse auszuschließen.

Die sozialen Klassen sind Transformationen der Hierarchien früherer Soziokulturen. Sie reproduzieren die Ungleichheiten der vorkapitalistischen Gesellschaft und modifizieren sie zugleich, indem Habitus und Ressourcen von einer Generation an die nächste weitergegeben werden. Im Anschluss an Edward P. ThompsonThompson, Edward P. (1963) sprechen wir von Traditionslinien, die im Habitus verankert sind. Man erwirbt Handlungs- und Denkmuster, die für eine soziale Klasse charakteristisch sind, vor allem von den Erziehungspersonen, die ihren Habitus meist ebenfalls im Rahmen dieser sozialen Umgebung ausgebildet haben. Auf diese Weise bestehen vorkapitalistische Hierarchien auch nach der kapitalistischen Transformation fort und werden soziale Klassen reproduziert.

Skalen

Wir untersuchen im Folgenden soziale Klassen und Soziokulturen innerhalb von Nationalstaaten. Dabei zeigt sich, dass vorkapitalistische Soziokulturen zumeist Großregionen umfassen, während viele Lokalitäten eigene Strukturen ausgebildet haben, die bis heute von Bedeutung sind. Daher gehen wir im zweiten Teil des Buches von den Soziokulturen der Regionen aus und differenzieren dann in Nationalstaaten und, wenn auch nur ansatzweise, in Lokalitäten. Wir sehen allerdings, dass alle neueren Strukturen durch die drei globalen Soziokulturen beeinflusst oder gar bestimmt werden.

Derzeit scheint eine beschleunigte Globalisierung eine immer stärkere Vereinheitlichung zu bewirken. Es besteht jedoch eine Spannung zwischen globalem Finanzkapital, internationalen Organisationen, Multikulturalismus und transnationaler KommunikationTransnationalität auf der einen Seite und nationalen Kapitalisten, Regierungen, Nationalismus und nationalen Strukturen auf der anderen Seite – oder zwischen Globalisierung und Nationalismus. Wir argumentieren, dass diese Spannung in allen Bereichen auch noch in den kommenden Jahren unsere Welt prägen wird, die Gegenüberstellung aber zu einfach ist. Das Globale und das Nationale sind miteinander verwoben und beinhalten selbst unterschiedliche Zentrifugalkräfte, beispielsweise Regionen, ethnische SeparatismenEthnizität, Großunternehmen und transnationale soziale BewegungenTransnationalität. Auf die Vielfalt der Ebenen und Verflechtungen bezieht sich der Begriff der SkalenSkala (Raum).

Mit dem Begriff der Globalisierung assoziiert man eine Vereinheitlichung der Welt. Überall scheint die Welt zunehmend dem westlichen Modell zu entsprechen: westlicher Kapitalismus, westliche Konsumgüter und -muster, westliche Staatsformen und Institutionen breiten sich über den gesamten Erdball aus. Tatsächlich wird die Welt in diesen Dimensionen einheitlicher. Aber in anderer Hinsicht bleibt sie heterogen und wird teilweise noch stärker fragmentiert.

Der Begriff der Globalisierung wurde vor Ende der 1980er Jahre kaum verwendet. Dass Globalisierung Vereinheitlichung bedeutet, ist in der Wissenschaft kein Konsens. Aber man ist sich einig, dass Globalisierung eine zunehmende „interconnectedness“ beinhaltet, eine Vernetzung, die durch verschiedene Faktoren bedingt wurde: politisch – das Ende des Kalten Krieges beendete das Zweiblocksystem und ermöglichte einen Prozess der globalen Integration; technisch – das Internet wurde Anfang der 1990er Jahre eingeführt, das Mobiltelefon etwas später, nun sind beide miteinander verschmolzen und ermöglichen einen weltweiten, entlokalisierten Informationsaustausch, solange man online ist; ökonomisch – ein weltweiter Warenverkehr und globale Wertschöpfungsketten.

Wir argumentieren nun, dass Globalisierung nicht mit Verwestlichung gleichzusetzen ist. Die Impulse zur weltweiten Vernetzung und Interaktion gehen nicht nur vom Westen aus, sondern sind selber global geworden. Ferner ist Globalisierung nicht allein positiv zu bewerten. Sie verschärft grenzüberschreitende Probleme wie ökologische Degradierung und macht die Weltwirtschaft anfälliger für Krisen. Die Welt ist heute nicht nur enger gestrickt, sondern auch die Anfälligkeit für und die Komplexität der Probleme scheint gestiegen zu sein. Schließlich ist Globalisierung nur eine Seite der Medaille, da die entgegengesetzten Kräfte der Lokalisierung ebenso erstarkt zu sein scheinen.

Globalisierung und Lokalisierung greifen ineinander, so dass man auch von Glokalisierung spricht. James RosenauRosenau, James (2003) verwarf Globalisierung als Konzept und entwickelte den Begriff „fragmegration“, um damit anzudeuten, dass die globalisierenden, zentralisierenden, integrierenden Dynamiken interaktiv und ursachlich mit lokalisierenden, fragmentierenden sowie dezentralisierenden Dynamiken verbunden sind. In Wahrheit gehe es um „interaktive Polaritäten“, die sich gegenseitig durchdringen und sich vermischen. Dies führe dazu, dass gegenwärtige Transformationen (im Sinne von tiefgreifenden, strukturellen Veränderungen) nicht mehr linearer Natur sind. Ursache und Wirkung seien nicht voneinander zu unterscheiden, Entwicklungen seien vorübergehend und umkehrbar.

Die immer noch nicht überwundene globale Wirtschaftskrise hat die Unsicherheiten noch verstärkt. Die Allgegenwärtigkeit der Krise hat Kontingenz, Unordnung, Angst und Unsicherheit – statt Wachstum, Freiheit und Fortschritt – zu tagtäglichen Begleitern gemacht, wobei der Topos vom Eigenen und Anderen eine besonders stärke Ausprägung erlangt hat. Bedrohungen kann nicht mehr mit herkömmlichen Mitteln begegnet werden. Sozialstaat, Demokratie, sogar die Menschenrechte – und damit die zentralen Elemente der über Jahrhunderte gewachsenen liberal-bürgerlichen Kultur des Westens – stehen auf dem Prüfstand.

Das Zusammenspiel zwischen den Kräften der Globalisierung und Lokalisierung lässt sich am besten, so meinen wir, über eine mittlere Raumebene (die „Region“ in den Regionalwissenschaften oder die „area“ in den area studies) erschließen. Heute müssen wir „Raum“ neu denken, wobei Größenverhältnisse (SkalenSkala (Raum)) sowie relative Distanzen eine mindestens ebenso wichtige Rolle einzunehmen scheinen wie die territorialen Grenzen von Nationalstaaten. Transnationale StrömeTransnationalität und Verflechtungen aller Art prägen globale bis lokale Prozesse viel stärker als statische und inflexible Raumstrukturen.

Auch das Regionenverständnis ist mittlerweile kritisiert worden. Die Einteilung der Welt in Europa, die beiden Amerikas, Afrika und asiatische Regionen geht auf das geopolitische Arrangement des Kalten Krieges in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zurück und ist so nicht mehr gültig. Die Unterteilung der Welt in eine bloße Reihung von Nationalstaaten ist ebenfalls unbefriedigend, um globale Zusammenhänge zu verstehen. Eine Lösung ist der Versuch, die starre Abgrenzung zwischen Weltregionen aufzulösen, indem man die Mobilität von Gütern, Menschen und Ideen über Grenzen hinweg verstärkt ins Blickfeld rückt. Somit werden Regionalstudien von so genannten transregionalen Studien ersetzt. Ein Nachteil ist allerdings, dass alles, was sich nicht räumlich bewegt, und alles, was die Mobilität zwischen Regionen übersteigt, aus dem Blickfeld gerät. Aus diesem Grund unterscheiden wir in dieser Studie noch immer zwischen den klassischen Weltregionen und innerhalb ihrer zwischen Nationalstaaten, aber essentialisieren diese nicht, sondern versuchen sie sowohl in ihrer Eigenheit wie auch in ihrer Position in der multizentrischen Welt zu verstehen. Somit verfolgen wir ein relatives Verständnis von Region, nehmen aber die jeweiligen Eigenheiten ernst.

Multizentrische WeltMultizentrische Welt

In der Schule lernt man in vielen Weltregionen bis heute das eurozentrische NarrativEurozentrismus der Geschichte. Dort heißt es, die geschichtliche Entwicklung habe mit den alten Hochkulturen begonnen. Von Mesopotamien und Ägypten sei die Flamme der Zivilisation an Griechenland und Rom weitergegeben worden. Im dunklen Mittelalter habe kurzzeitig der IslamIslam auf der Basis griechischer Wissenschaft dominiert, bevor sich Europa über die Welt ausbreitete. Europa wird als Höhepunkt und Erfüllung einer Evolution mit dem Ziel in der Gegenwart interpretiert, entartet oder perfektioniert in Nordamerika.

Europa und Nordamerika sollen die höchste Stufe der Geschichte verkörpern. Faktisch haben Westeuropa und die USA die Welt im 19. und 20. Jahrhundert beherrscht. Daher lag es nahe, dass man sie als „entwickelt“ und andere Weltregionen als „unterentwickelt“ betrachtet hat. In dieser Periode entstanden die Sozialwissenschaften, die sich ebenso selbstverständlich an den entwickelten Gesellschaften orientiert haben. Noch heute meinen wir, dass Kapitalismus und Demokratie die Welt erobern und es nur eine Frage der Zeit ist, bis die ganze Welt dem westlichen Vorbild entspricht.

Faktisch ist die Herrschaft des Westens jedoch schon wieder vorüber. Und sie war von kurzer Dauer. Bis 1750 hatte China ein höheres Pro-Kopf-Einkommen als England, bis 1850 ein größeres Bruttosozialprodukt und bis 1860 einen größeren Anteil an der Weltproduktion (Hobson 2004). Aber auch Indien und Südostasien hatten bis ins 17. Jahrhundert etwa die wirtschaftliche Bedeutung, die sie heute zurückgewinnen. Indien und China bezogen ihre RohstoffeRohstoffe zu einem großen Teil aus Südostasien, das für die Märkte in Übersee produzierte. Die Europäer stiegen erst spät in den multizentrischen Handel ein. Sie konnten sich den Bedarf Asiens nach Silber zunutze machen, das sie aus Süd- und Mittelamerika nach Asien brachten, um es dort gegen Waren einzutauschen. Der dann folgende Aufstieg des europäischen Handels, der in Südostasien eine Monopolstellung errang, korrespondierte mit einer relativen Schwäche Asiens. Europa rückte nun ins Zentrum der Welt, aus dem es bereits im 20. Jahrhundert wieder zu verschwinden begann. Seit dem Aufstieg der Tiger und sodann Chinas und Indiens ist die westliche Herrschaft brüchig geworden.

Es ist klar, dass die Vereinigten Staaten die Welt heute nicht mehr vollkommen beherrschen und dass Europa nur noch eine geringe weltpolitische Bedeutung hat. Wir stehen allerdings auch nicht an der Schwelle zu einer von China beherrschten Welt. Vielmehr sind wir zur Welt vor dem europäischen Aufstieg zurückgekehrt. Wie André Gunder FrankFrank, André Gunder (1998) für das 21. Jahrhundert zu zeigen versucht hat, argumentierte Janet Abu-LughodAbu-Lughod, Janet (1989), dass vor dem 16. Jahrhundert eine multizentrische WeltMultizentrische Welt existierte, in der Asien das größte Gravitationszentrum bildete.

Allerdings kehren wir in einer weiteren Hinsicht zur multizentrischen Welt der Vergangenheit zurück. Zentren sind heutzutage nicht mehr ausschließlich Nationalstaaten, also China oder die USA, sondern auch Städte, soziale Gruppen, transnationale VerbindungenTransnationalität oder virtuelle Räume. Die Zentren der heutigen Welt sind im Sinne des vorangehenden Abschnitts skalarSkala (Raum) zu bestimmen. Sie unterscheiden sich von der Welt vor dem europäischen Aufstieg durch die Integration in den globalen Kapitalismus. Die Geschichte der einzelnen Zentren von heute kann man nicht mehr als Vergleich oder „Entanglement“ erzählen, sondern man muss sie in den Kontext der Globalisierung einordnen. Das wollen wir im Folgenden tun.

Dieses Buch basiert auf einer Vorlesungsreihe, welche die beiden Autoren seit 2009 an der Humboldt-Universität zu Berlin für Studierende im ersten Semester der Regionalwissenschaften sowie der Sozialwissenschaften abgehalten haben. Es ist ein Versuch, Erkenntnisse der Globalisierungsstudien und der Regionalwissenschaften sowie der Sozial- und Geschichtswissenschaften aufeinander zu beziehen und somit ein integrales Grundverständnis der Beschaffenheit der heutigen multizentrischen WeltMultizentrische Welt zu konstruieren. Damit wollen wir die Trennung der Disziplinen überwinden, indem den Weltregionen sowohl in ihrer Besonderheit als auch in ihrer Durchdringung durch globale Strukturen Rechnung getragen wird. Gleichzeitig wird die globale Struktur der Welt neu synthetisiert und auf die Regionen übertragen.

Wir verwenden dort gendersensitive Ausdrücke, wo uns der Einbezug mehrerer Geschlechter wichtig erscheint, nicht aber bei allgemeinen Aufzählungen oder Sammelbegriffen. Ferner versuchen wir, regionale und lokale Begriffe zu verwenden, um die jeweiligen Perspektiven zu verdeutlichen, ohne allerdings die Lektüre zu unübersichtlich und schwierig zu gestalten. Unsere Verwendung der Begriffe „Westen“, „globaler Norden“ und „Europa“ ist nicht eindeutig und scharf. Sie überlappen sich teilweise und sind, wie im Abschnitt zu Skalen erläutert, als variabel und vielschichtig zu verstehen.

Für Unterstützung bei der Recherche, den Abbildungen und dem Lektorat danken wir Merle Groß, Saskia Lange, Jona Pomerance und Petra Sugita-Andrée. Für die kritische Lektüre einzelner Teile des Manuskripts möchten wir Ingeborg Baldauf, Sarah Eaton, Surinder Jodhka und Jessé Souza danken.

1Globale Soziokulturen

1.2Kolonialismus

Im vorangehenden Kapitel wurde erläutert, dass die Welt vor der Zeit der europäischen Dominanz multizentrischMultizentrische Welt war, was bedeutet, dass verschiedene Vergesellschaftungsformen – Zivilisationen, Imperien, Kleinstaaten, Städte und Dorfgemeinschaften – nebeneinander existierten und miteinander im fortwährenden Austausch waren. Diese multizentrische Struktur wurde im Zeitalter des Kolonialismus für eine gewisse Zeitspanne durchbrochen, weil der Westen im Stande war, die außereuropäische Welt weitgehend zu unterwerfen und zu beherrschen. Die Folgen der westlichen Kolonialzeit sind bis heute überall bemerkbar, so dass viele Beobachter die Zeit nach der Dekolonisierung als „postkolonial“ bezeichnen.

Kolonialismus ist eine für die heutige Welt grundlegende Soziokultur. Einerseits sind immer noch rund zehn Prozent aller Staaten Kolonien. Andererseits sind sowohl die ehemaligen Zentren als auch die ehemaligen Kolonien durch die Struktur des Kolonialismus geprägt; sie weist ihnen gleichsam den Platz im Weltsystem zu. Der Kolonialismus hat alle Weltteile in ein ungleiches System integriert. Die Struktur dieser Ungleichheit wirkt bis heute fort. Kolonialismus und westlicher Kapitalismus bilden zwei Seiten derselben Medaille (Mignolo 2007). Allerdings ist der Kolonialismus überall auf unterschiedliche Bedingungen getroffen. Ferner hat er die Weltteile, Staaten und Völker zu unterschiedlichen Zeiten und auf unterschiedliche Weise integriert.

Im Folgenden erläutern wir zunächst den Begriff des Kolonialismus. Der zweite Abschnitt skizziert sehr knapp die Geschichte des europäischen Kolonialismus, der zu einer grundlegenden Soziokultur der heutigen Welt wurde. Sodann widmen wir zwei Abschnitte dem kolonialistischen Diskurs, der nicht nur eine bestimmte intellektuelle Haltung kennzeichnet, sondern für die Strukturen der Welt von großer Bedeutung ist. Es folgt ein Abschnitt zur Kritik am Kolonialismus. Im letzten Abschnitt charakterisieren wir kurz den Kolonialismus als globale Soziokultur.

Kolonialismus

Unter Kolonialismus verstehen wir einen historischen Prozess, durch den der Westen große Teile der nicht-westlichen Welt in der Neuzeit unter seine Kontrolle oder Herrschaft gebracht hat. Über die Definition der Begriffe Kolonialismus und ImperialismusImperialismus besteht eine umfangreiche Debatte, wobei unterschiedliche und teilweise überlappende Umschreibungen nebeneinanderstehen. Dabei unterscheidet sich das eher distanzierte, historisch-beschreibende Verständnis einer bestimmten Epoche in der Menschheitsgeschichte von stärker politisierten Definitionen, die die Ungerechtigkeit des Kolonialverhältnisses in den Mittelpunkt stellen. Kolonialismus und ImperialismusImperialismus sind globale historische Phänomene und nicht auf den Westen beschränkt. So gab es in der Geschichte viele imperiale Formationen, beispielsweise das Römische Imperium oder auch das Persische, Chinesische und Mongolische Reich. Der westliche Kolonialismus der Neuzeit war zweifellos die bedeutsamste, weil er, so meinen wir, zur ersten globalen Soziokultur geführt hat, nämlich zur Integration fast des gesamten Globus in eine ungleiche, imperiale Weltordnung.

Kolonisierung oder Kolonisation, klein oder groß, ging immer mit Landnahme, d. h. dem einseitigen Erwerb eines Stückes Land jenseits der eigenen Grenzen, einher. So entstand eine Kolonie, eine Siedlung auf fremdem Terrain. Wenn dieses Gebiet bereits bewohnt war, wurde dabei im Regelfall die bestehende Bevölkerung unterworfen. In der Folge entstand Kolonialismus als eine Form der Fremdherrschaft über das Land und die lokalen Bewohner. ImperialismusImperialismus ist dahingegen ein viel größerer Begriff und deutet nicht nur auf Fremdherrschaft hin, sondern auf ein globales System von strukturellen Abhängigkeitsverhältnissen – politisch und ökonomisch – welche meistens durch die Kolonialherrschaft geschaffen wurden und nach dem Ende der Kolonialzeit fortdauerten. Imperialismus ist an erster Stelle verbunden mit Herrschaftsbestrebungen in der Metropole oder dem imperialen Zentrum, während Kolonialismus sich an erster Stelle „vor Ort“, d. h. in konkreten Regionen außerhalb des Westens, abspielte (Loomba 2015). Während Kolonialismus auch auf Grund privater Initiative entstehen konnte, war ImperialismusImperialismus immer mit staatlichem Handeln verbunden.

Historisch gesehen gab es viele Formen der Kolonisation, die variierten zwischen der Migration von ganzen Völkern, überseeischen Ansiedlungen, Eroberungskriegen als Instrument der Imperiumsbildung und indirekten Formen der Kolonisierung, bei denen lokale Herrscher nominell souverän blieben, sich aber in Wirklichkeit den Forderungen von Fremdherrschern beugen mussten. Im Kern aber ging es, so der Historiker OsterhammelOsterhammel, Jürgen, bei einer Kolonie um ein politisches Gebilde, welches durch fremde Herrschaftsträger als Eigenbesitz betrachtet wurde und sich dem „Mutterland“ derer dienstbar machen musste (Osterhammel 1995). Neben dem Aspekt der Fremdherrschaft spielte, zumindest im 19. und 20. Jahrhundert, kulturelle Fremdheit eine Rolle, weil im modernen Kolonialismus den Kolonisierten eine Anpassung an die westliche Zivilisation abverlangt wurde, ohne dass die Vertreter des Westens bereit waren, sich auf die lokalen kulturellen Begebenheiten einzulassen. Kolonialismus war demzufolge auch stark kulturell aufgeladen, mit der „Zivilisierung der Wilden“ als einem Muster des westlichen ethnozentrischen Hochmuts. Die Kolonialmächte waren zahlenmäßig schwach, aber gut organisiert, zielstrebig und skrupellos. Sie hielten ihre Herrschaft durch Gewaltandrohung, Ausnutzung existierender Herrschaftsstrukturen, Kommunikationskontrolle, Kollaborateure und das Prinzip „Teile und Herrsche“ aufrecht (Osterhammel 2017).

Kolonialgeschichte

Die Geschichte und Struktur des europäischen Kolonialismus, von 1492 bis etwa 1918, kann hier nur in Umrissen dargestellt werden. Man kann die Wurzeln des europäischen Kolonialismus zu den Kreuzzügen und zum oberitalienischen Handel zurückverfolgen. Zur mächtigsten Handelsstadt entwickelte sich ab etwa 1000 u.Z. Venedig. Der Stadtstaat kontrollierte den Handel im östlichen Mittelmeer, in dem Konstantinopel den Austausch mit Asien vermittelte. 1204 gelang Venedig der Durchbruch, indem es Konstantinopel eroberte und dadurch den Handel zwischen Europa und Asien weitgehend unter seine Kontrolle brachte. Auch Genua spielte im maritimen Handel des Mittelmeerraumes eine wichtige Rolle. Durch die Ausdehnung des Osmanischen ReichesOsmanisches Reich, insbesondere nach der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen im Jahr 1453, verlagerte sich der Schwerpunkt des Überseehandels nach Spanien und Portugal und anschließend zu anderen europäischen Atlantikanrainern. Die Expansion der Südwest-Europäer entlang der afrikanischen Küste bis in den Indischen Ozean und Richtung Amerika war teils ökonomisch (Gold und Sklaven) und teils religiös und politisch motiviert, denn es sollten islamisierte LänderIslam zurückerobert werden (Reconquista).

Die iberische Expansion ging einerseits in Richtung Süden (Afrika) und anschließend Osten (Asien), und andererseits in Richtung Westen, was zur „Entdeckung“ der Amerikas durch Christoph KolumbusKolumbus, Christoph führte, indem er 1492 die Insel San Salvador am östlichen Rand der Karibik erreichte. Zwei Jahre später, 1494, schlossen Spanien und Portugal in Tordesillas einen Vertrag, worin die Welt entlang einer Linie östlich der Kapverdischen Inseln in zwei Hoheitsgebiete eingeteilt wurde. 1621 erreichte Ferdinand MagellanMagellan, Ferdinand nach Überquerung des Pazifiks die Philippinen. Die Spanier breiteten sich von Mittel- über Südamerika bis zu den Philippinen aus. Die Portugiesen waren auf Asien ausgerichtet, ließen sich aber auch im späteren Brasilien nieder. Zwischen den iberischen Mächten und den nordwesteuropäischen Staaten (England, Frankreich, Niederlande) entstanden bewaffnete Handelskonflikte, die sich über den Atlantik und den Indischen Ozean erstreckten (Furber 1976; Winius 1977). Bis Mitte des 17. Jahrhunderts war der Atlantikraum, wegen des Transports afrikanischer Sklaven nach Amerika, des Exports von Gold und Elfenbein aus Afrika und des Imports von Silber aus Bolivien, wichtiger als Asien, danach kehrte sich das Verhältnis um. Grund dafür war die große europäische Nachfrage nach Gewürzen sowie die rege Teilnahme von Europäern am lukrativen innerasiatischen Handel.

Das Format der europäischen Kolonialpräsenz war bis zum 19. Jahrhundert das der Kolonialgesellschaften in Form von Handelskompanien. Sie transformierten nach und nach eine gesetzlose Situation, in der Handel mit Piraterie vermischt war. Stellvertretend für diese Entwicklung steht Francis DrakeDrake, Francis, der im 16. Jahrhundert in der Karibik Piraterie betrieb, um dem spanischen Sklavenhandel Konkurrenz zu machen, dann durch die englische Krone angeworben wurde und die Welt umsegelte (Kneifel 2005). Handelskompanien, wie die britische East India Company (Barrow 2017) und die niederländische West- und Ostindien Kompanie (Menkman 1947; Gaastra 2012), erhielten vom Staat das Handelsmonopol für eine bestimmte Region. Im jeweiligen Gebiet übten sie darüber hinaus staatliche Rechte aus, indem sie Verträge abschließen konnten, Kriege führten und Recht sprachen. Die Handelskompanien wurden von Vertretern des Staates und von Kaufleuten geführt, während Aktionäre Kapital einbrachten und auf diese Weise sehr hohe Gewinne erzielten. Zwischen 1600 und 1800 versuchten westliche Handelskompanien, in Europa stark nachgefragte asiatische Produkte wie Gewürze, Tee oder Kaffee direkt in den Produktionsgebieten in Asien zu erwerben und zu rauben, und sie wendeten dabei systematisch Gewalt an. Darüber hinaus errichteten sie ein Netzwerk von maritimen Stützpunkten, welche den Startpunkt späterer Landnahmen bildeten. Um 1800 beherrschten die Europäer rund 35 Prozent der Landmasse der Welt, 1914 waren etwa 85 Prozent unter westlicher Herrschaft (Nederveen Pieterse 1989: 179).