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Crans-Montana in den 1960ern. Jahr für Jahr treffen sich in dem mondänen Urlaubsort drei betörende junge Frauen: Chris, Charlie und Claudia. Ein paar Jungen sind den sirenenhaften Erscheinungen hoffnungslos verfallen. Dazu verdammt, die »drei Cs« aus der Ferne – auf der Skipiste, am Pool, im Nachtclub – zu beobachten, bedeuten für die Jungen bereits die unscheinbarsten Gesten die Welt. Und dann gibt es da auch noch ihre unbezwingbaren Konkurrenten: »die Italiener«. Die Jahre verstreichen, es werden exzentrische Feste gefeiert, Ehen geschlossen, und noch immer streben Chris, Charlie, Claudia und ihre ehemaligen Verehrer nach dem vielleicht Unerreichbaren: Leichtigkeit, Liebe, Wahrhaftigkeit.
Die goldenen Tage erzählt vom Aufstieg und Fall einer jeunesse dorée, von ihren unschuldigen ersten Verliebtheiten und späteren abgründigen Obsessionen. Eine atemberaubende Gratwanderung zwischen Unbeschwertheit, Glamour und Tragik – und eine Lektüre, die Sehnsüchte heraufbeschwört, die man längst für vergessen hielt.
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Seitenzahl: 220
Veröffentlichungsjahr: 2016
Crans-Montana in den 1960ern. Jahr für Jahr treffen sich in dem mondänen Urlaubsort drei betörende junge Frauen: Chris, Charlie und Claudia. Ein paar Jungen sind den sirenenhaften Erscheinungen hoffnungslos verfallen. Dazu verdammt, die »drei Cs« aus der Ferne – auf der Skipiste, am Pool, im Nachtclub – zu beobachten, bedeuten für die Jungen bereits die unscheinbarsten Gesten die Welt. Und dann gibt es da auch noch ihre unbezwingbaren Konkurrenten: »die Italiener«. Die Jahre verstreichen, es werden exzentrische Feste gefeiert, Ehen geschlossen, und noch immer streben Chris, Charlie, Claudia und ihre ehemaligen Verehrer nach dem vielleicht Unerreichbaren: Leichtigkeit, Liebe und Wahrhaftigkeit.
Monica Sabolo war Redakteurin der Kulturzeitschrift Grazia. Heute widmet sich die französische Bestsellerautorin ausschließlich dem Schreiben. Für ihren Roman Das hat alles nichts mit mir zu tun hat sie 2013 den renommierten Prix de Flore erhalten.
Christian Kolb, geboren 1970, studierte französische Literatur und Filmwissenschaft in Berlin und Paris. Er übersetzte die Romane von David Foenkinos, daneben u. a. auch Nicolas Fargues Die Rolle meines Lebens. Kolb lebt in Berlin.
Zuletzt ist von Monica Sabolo im suhrkamp taschenbuch erschienen: Das hat alles nichts mit mir zu tun. Eine Liebesinventur (st 4547).
MONICA SABOLO
DIE GOLDENEN TAGE
Roman
Aus dem Französischen von Christian Kolb
Suhrkamp
Die Originalausgabe erschien 2015 unter dem Titel
Crans-Montana
bei Éditions Jean-Claude Lattès.
Die Arbeit des Übersetzers am vorliegenden Text wurde durch ein Elmar-Tophoven-Stipendium der DVA-Stiftung und des Deutschen Übersetzerfonds gefördert.
eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2016
Der vorliegende Text folgt der 1. Auflage der Ausgabe des suhrkamp taschenbuchs4721
Deutsche Erstausgabe
© Suhrkamp Verlag Berlin 2016
© 2015 by Éditions Jean-Claude Lattès
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Umschlaggestaltung: hißmann, heilmann, hamburg
Umschlagfoto: René Burri / Magnum Photos / Agentur Focus
eISBN 978-3-518-74838-1
www.suhrkamp.de
Zu der Zeit in Crans-Montana war jeder von uns verliebt. In alle drei gleichzeitig, oder erst in die eine und dann in die andere, oder auch nur in die eine; unsere Leidenschaft entflammte in der Eissporthalle, vor der Bäckerei oder an der Kabinenseilbahn, sie trug einen Strickpullover oder einen Biberpelzmantel, sie lächelte uns zu und zermalmte unsere Herzen von fern.
Wir kannten ihre Kleidung und ihre Parfums. Das Lächeln, die Grübchen, die Muttermale an Schultern und Unterarmen und die prallen Konturen ihrer Hintern, die in den Levi’s ihrer Brüder steckten. Wir kannten die Chalets, in denen sie wohnten, wir kannten ihre Eltern, ihren Schmuck, die Broschen, ihre mit Halbedelsteinen besetzten Ohrringe, die Korallenarmbänder, ihre bunten Strümpfe, die bis über die Schenkel reichten. Wir kannten ihre Adressen in Paris oder Mailand, wir wussten, wann sie Geburtstag hatten, welches Collège im 16. Arrondissement oder welches Pensionat in Lausanne sie besuchten.
Wir kannten sie so, wie Kriminalkommissare die Verdächtigen kennen, die sie beschatten, während sie sich bei steckendem Zündschlüssel in einem grauen Wagen verschanzen. Wir sammelten Indizien: Menthol-Zigaretten, Hollywood-Kaugummis mit Zitronengeschmack, Veilchenbonbons und einen echten Onyx-Ring mit Totenkopf darauf, der auf einem Waschbeckenrand vergessen worden und hektisch in eine Hosentasche geglitten war. Noch am selben Abend ging er im Golfclub von Hand zu Hand und wurde schweigend von jedem von uns unter die Lupe genommen, als glanzvolles Beweisstück für die Existenz des weiblichen Mysteriums.
Wenn wir wieder zurück waren in unserem bürgerlichen Zuhause und unsere Ferienerinnerungen wie einen Diaabend an uns vorüberziehen ließen, erschienen sie uns im Traum, lichtdurchtränkt, und hauchten uns in einer Geheimsprache süße Worte zu. Sie waren für uns die erste Liebe, alle späteren Frauen in unserem Leben wurden an ihnen gemessen, keine konnte uns diese Geister je austreiben. Sie waren wirklicher als unsere Ehefrauen, unsere Liebhaberinnen, wirklicher als die Mütter unserer Kinder.
Die drei Cs, Chris, Charlie und Claudia. Zwei Pariserinnen und eine Italienerin. Sie waren eine Clique, immer zusammen unterwegs, sie gingen Arm in Arm oder saßen nonchalant auf einer Bank und schlugen die Beine übereinander; die drei waren ganz unterschiedlich, und doch stellten sie eine vollkommene Einheit, eine Art Sternbild dar. Claudia, blondes Haar, blasse Gesichtsfarbe, schmale Hüften, verführerisches Lächeln. Chris, braune Locken, matter Teint, aufreizende Lippen, Nägel lang wie Krallen. Charlie, schwarzes Haar bis zum Hintern, kleine Brüste, lange Beine, undurchdringliches Gesicht. Sie hatten ganz offensichtlich ihren Spaß, die Welt um sie herum kümmerte sie einen Dreck. Sie tranken Cola mit dem Strohhalm, fassten sich beim Eislaufen an den Händen, während ihre Haare über die Schultern fielen, und wir spürten jedes Mal, wie unser Puls verrücktspielte und unsere Wangen glühten, einer von uns täuschte dabei regelmäßig vor, gleich sterben zu müssen, er griff sich plötzlich ans Herz oder legte eine imaginäre Pistole an seiner Schläfe an.
Wann haben wir sie zum ersten Mal gesehen? Im Winter 1965? Oder im Frühjahr 66? Das erste Mal seien sie, in Pareos gewickelt, zur polynesischen Silvesterfeier 1965 erschienen, und zwar im Quatre cents coups, behauptete Roberto Alazraki, ein Italiener aus Tripolis, der sich mit achtzehn die Nase operieren ließ. Der Pariser Serge Chubowska, der selbst beim Bowling Krawatte trug, versicherte dagegen, zum ersten Mal hätten sie in der Disko unter dem Steakhaus getanzt, das sei in den Osterferien 1966 gewesen, und reichlich »Feuer unterm Arsch« hätten sie gehabt, doch auf die Aussagen von Serge Chubowska war nun wahrlich kein Verlass.
Wir verbrachten die Ferien, Sommer wie Winter, immer oder so gut wie immer in der Schweiz, in Crans-Montana oder Montana-Crans, wie es früher hieß. Vor ihren Freundinnen gebärdeten sich unsere Mütter wie Angestellte eines Reisebüros, sie rühmten die Schönheit der Berge, die gute Luft, die innere Ruhe, die sie dort überkam, all die Dinge, die uns egal waren und vor Augen hielten, dass unsere Eltern uns nie verstehen würden. Für uns war Crans-Montana nie ein Zufluchtsort, auch in der Zeit vor den drei Cs nicht. Das Licht war grell, der Himmel unerbittlich, der Wald finster und furchteinflößend. Wenn wir die Abfahrten hinunterrauschten oder uns in unsere Baumwolldecken kuschelten, fühlten wir uns schmerzvoll lebendig, zu wild schlugen unsere Herzen. In Paris führten wir ein gewöhnliches Leben, doch in Crans-Montana war alles maßlos, die Freiheit beängstigend. Wir, allesamt Söhne aus guten Familien, aus jüdischen Familien zumeist – andererseits waren wir eine Clique, insofern spielte das keine Rolle –, wir machten gemeinsame Skikurse, trafen uns an der Crêperie und später in den Nachtclubs, und unser Atem ging immer schneller, die Erregung und die drohenden Gefahren schnürten uns die Brust zusammen.
In Wahrheit waren die drei Cs immer da gewesen. Sie trippelten durch die Grand-Place, den modernen Supermarkt im Zentrum von Crans-Montana, wo unsere Eltern absurde Mengen an Käse und Schokolade einkauften. Sie lutschten hinter den Rücken ihrer strengen Brüder Sugus, Schweizer Kaubonbons mit Glukosesirup. Sie waren wohlerzogene, zurückhaltende kleine Mädchen, in dunkle Wollmäntel gesteckt, die aussahen wie aus Pappe. Sie bekamen Golfstunden, sie nahmen an den Skikursen teil, sie gingen ins Schwimmbad, flitzten im Golfclub über die Terrasse, wo sie die orangefarbenen Plastikstängel zum Umrühren der Cocktails klauten, wie wir. Doch wir hatten sie nicht bemerkt. Wir lebten in einer Parallelwelt, süß und weich wie Schnee im Frühling. Es gibt keine Erinnerungen an diese Zeit, von der uns nur die Parfums unserer Mütter im Gedächtnis geblieben sind, die uns küssten am Abend, in Schale geworfen und geschminkt, und uns zurückließen mit einem vagen Gefühl der Besorgnis und dem Bewusstsein der totalen Sinnlosigkeit unserer Existenz.
Eines Sommers – oder eines Winters? – hatten die drei Cs dann plötzlich eine sagenhafte physiognomische Verwandlung erfahren, sie hatten mit einem Mal Brüste bekommen, die Haare waren lang, die Schenkel unter den karierten Faltenröcken kräftig, sie trugen Halsketten und Armbänder.
Wie hatten sie sich eigentlich kennengelernt? Niemand wird es je erfahren.
Verzückung und Verblüffung hielten einander wohl die Waage, als sie derart verändert in Erscheinung traten. Die Welt geriet ins Wanken, ein siegesgewisses Lächeln verkündete die Revolution. Schrecklich und fabelhaft würde das Leben von nun an sein, einsam und voller nächtlicher Erregung, die in uns rauschte wie ein unterirdischer See.
Sie waren da, aber wir hatten sie nicht bemerkt. Franco Rossetti, dessen Eltern in Montana einen Tante-Emma-Laden betrieben, erzählte uns, wie alles angefangen hatte, in jener dunklen Zeit, in der wir noch blind waren.
Franco war höchstens zwei Jahre älter als wir, galt jedoch schon als richtiger Mann, im Gegensatz zu uns, die wir klein und schmächtig waren. Unter den verblichenen T-Shirts ließ er seine Muskeln spielen, die so etwas wie ein eigenes Dasein zu führen schienen. Wir rissen Witze über seinen »Lümmel«. Und während sich durch seine Jeans ein faszinierender Körperbau abzeichnete, trugen wir Cordhosen im Winter und Bermudashorts im Sommer. Der blanke Horror.
Richteten unsere Eltern das Wort an ihn, dann so, als wäre er einer von ihnen. Sie hatten Respekt vor ihm. Uns verboten unsere Väter, bei Tisch zu sprechen, sie schlossen sich in ihren Arbeitszimmern ein, weil unsere Anwesenheit ihnen lästig war, aber sie liebten es, mit Franco ein Schwätzchen zu halten. Sie schlugen einen komplizenhaften Ton an, einen Ton, den wir überhaupt nicht von ihnen kannten. Sie bestellten Bündnerfleisch, Champagner und Raclettekäse, und Franco verpackte die Waren mit äußerstem Feingefühl in Kartons.
Daniel Vidal, dessen Vater mit einem Hammer, der die Inschrift Il capo sono io, Ich bin hier der Boss, trug, auf den Tisch zu hauen pflegte, erzählte uns folgende Szene, er erzählte sie ein ums andere Mal, immer mit vor Zorn funkelnden Augen: »Da lag eine Zeitschrift mit einem Foto von Marilyn Monroe auf der Ladentheke, und auf einmal hat mein Vater zu Franco gesagt: ›Mit so dicken Glocken konnte das ja nicht gut gehen, oder?‹ Wisst ihr, was er gemeint hat? Ihre Titten! Er meinte ihre Titten!« Jedes Mal, wenn Daniel Vidal sich daran erinnerte, ging sein Blick erst ins Leere, bevor er schließlich ein schmerzvolles Grinsen aufsetzte.
Unsere Mütter waren in Francos Gegenwart nicht mehr sie selbst. Auf dem Weg zum Laden zogen sie sich den Lippenstift nach, strichen sich durchs Haar und sprachen mit süßlicher Stimme zu Francos Vater, einem kleinen, untersetzten Wesen mit eingefallenen Wangen, frei von jeglicher Ausstrahlung – erstaunlich, wie hatte ein derartiges Individuum einen so prächtigen Nachkommen hervorbringen können? Es war deutlich zu spüren, dass unsere Mütter sich eigentlich gar nicht an dieses Männchen wandten, das energisch auf seine Registrierkasse eintippte, sondern unter ihren geschminkten Augenlidern immer wieder flüchtig zur Seite blickten. Ihr geschmeidiges Vogelgezwitscher galt dem Knaben, der kaum älter als ihre Söhne war und ihre Besorgungen in Papiertüten verpackte. Édouard de Montaigne, der nie irgendwelches Taschengeld bekam und dem man immer seine Ovomaltine bezahlen musste, verriet, seine Mutter habe Franco mit einem dreisten Lachen zwanzig Schweizer Franken in die hintere Jeanstasche geschoben. »Zwanzig Schweizer Franken, verdammte Scheiße!«, murmelte er und schüttelte den Kopf.
Franco Rossetti schien sich seiner Andersartigkeit nicht bewusst zu sein, er stand jeden Morgen um fünf auf, um die Lieferungen entgegenzunehmen, während wir uns in unsere Decken kuschelten und unter Flaumfedern wie kleine Mädchen schliefen. Seit seinem dreizehnten Lebensjahr fuhr er den Lieferwagen seines Vaters, und niemand echauffierte sich deswegen, denn für Franco besaßen die Menschengesetze keine Gültigkeit, er genoss eine Sonderstellung. Er hatte einen ungezwungenen Charme, versprühte eine wilde Eleganz, und wir mochten ihn gern. Im Grunde wollten wir alle sein wie er. Wenn unsere sorgenvoll faszinierten Blicke sich auf seinen glorreichen, schweißbedeckten Oberkörper richteten, zwinkerte oder lächelte er uns zu. Und wir waren ihm dankbar dafür, dass er so tat, als wären wir vom gleichen Schlag wie er.
Jahre später, als halluzinogene Pilze einen Teil seines Gehirns aufgezehrt hatten, er türkisfarbene Armbänder und Cowboyhemden trug, betrachteten wir ihn noch immer mit einer Mischung aus Bewunderung und Neid. Es ging so etwas Animalisches von ihm aus, und er sprach Walliser Dialekt, was seinem Sex-Appeal seltsamerweise keinen Abbruch tat. Wir trugen maßgeschneiderte Anzüge, rauchten Zigaretten ohne Filter, unsere Manteltaschen quollen über von Geldbündeln, doch seine Gegenwart holte uns zurück in die grausame Realität: Irgendwie waren wir doch die kleinen Jungs von damals geblieben.
Franco Rossetti hatte die drei Cs bereits gekannt, als sie noch keine Clique waren. In dem Schuppen hinter dem Tante-Emma-Laden, wo wir ihn nach dem Skikurs immer besuchten, erzählte er uns von ihrem früheren Leben.
Charlie (die einst Charlotte hieß) und Chris (die nur von ihrer Mutter Christine genannt wurde) kannte er schon sehr lange. Es fiel ihm schwer, sich an Einzelheiten und genaue Daten zu erinnern, was uns ziemlich nervös machte, insbesondere Serge Chubowska, der später dann Tiefbauingenieur werden sollte und sämtliche Details über Chris mit manischer Sorgfalt in ein großes schwarzes Heft eintrug. Franco belieferte die auf einer Anhöhe am Waldrand gelegene Luxusvilla Palma, in der die Familie von Chris Breitman wohnte, mit Lebensmitteln. Die modernen Häuser dort oben sahen alle gleich aus und gehörten großteils vornehmen, wohlhabenden jüdischen Familien aus Paris. Charlies Vater Boria Tbilissi dagegen hatte sich in Bluche, einem nicht ganz so angesagten Dorf, ein Chalet mit Hanglage errichten lassen, das den schönen Namen Les Herbes Folles, die wild wuchernden Gräser, trug. Wie schmerzlich klangvoll allein der Name war! Das Chalet befand sich nur wenige Kilometer von dem Hospital entfernt, das ihn, den Juden aus Wladiwostok, 1942 aufgenommen hatte, nachdem er mit erfrorenen Händen und Zehen die Grenze passiert hatte.
Mit wissenschaftlicher Präzision zählte Franco die einstigen Bestellungen auf: Wodka, Kichererbsencreme und Maggi-Suppenwürfel für die Familie Tbilissi, Bollinger-Champagner (zehn Flaschen die Woche Minimum!) für die Breitmans, Fonduekäse, Milchbrötchen, Trockenfleisch, Cacolac (Charlies Bruder Gilles trank anscheinend gewaltige Mengen davon, und zwar zu jeder Tages- und Nachtzeit). Francos Erinnerung schwand, sobald es nicht um Konsumgüter ging, seine Gehirnaktivität beschränkte sich offenbar auf die Funktionen einer Registrierkasse. Charlie und Chris waren für ihn nicht mehr als schüchterne kleine Mädchen mit dunklen Haaren und undeutlichen Zügen, viel aufregender fand er ihre Brüder in exotischen Tweed-Anzügen, die ihm die Hand schüttelten und die Schultern durchkneteten. Doch seine eigentlichen Ansprechpartner, das spürte man deutlich, waren die Eltern, an sie wandte er sich mit der Nonchalance und Selbstsicherheit, die ihn auszeichneten, seitdem sich ihm die Geschäftswelt aufgetan hatte, und die hatte sich ihm aufgetan, als er noch nicht einmal schreiben konnte. Boria und Salomé Tbilissi umarmten ihn zur Begrüßung, Maurice und Mara Breitman ebenso, sie schoben ihm Fünffrankenstücke in die Anoraktasche und sahen ihn mit einer Wertschätzung an, wie man sie nur einem freien Mann entgegenbringt.
Franco erwähnte, dass im Hause Tbilissi der Verbrauch von Vania-Monatsbinden im Jahr 1962 (oder 1963? oder 1965?) beträchtlich zunahm, was uns einigermaßen in Aufregung versetzte, wohingegen dieser Artikel bei den Breitmans auf keiner einzigen Liste auftauchte – diese Anomalie ließ sich jedoch womöglich damit erklären, dass die Bestellungen für die Breitmans ausschließlich von Maurice Breitman per Telefon durchgegeben wurden. Dann war da noch der bitter schmeckende Nagellack für Charlie, den Franco aus Genf beordern musste, denn Charlie kaute Fingernägel, was die Ägypterin Salomé Tbilissi unerträglich fand. »Ihr Haar glänzte wie Otterfell«, hauchte Franco mit heiserer Stimme, als handelte es sich dabei um eine erotische Besonderheit. Die Vorstellung löste in unseren Bermudas schmerzhafte Zuckungen aus.
»Die Leute müssen ja denken, dass das Kind Nägel kaut, weil es nichts zu essen bekommt«, sagte Salomé Tbilissi des Öfteren in gereiztem Ton. Für uns war der Gedanke, dass Charlie unter irgendwelchen Zwängen leiden könnte, sehr verstörend. Wir hatten das Bild ihrer zartrosa lackierten Nägel vor Augen, wir kannten ihr undurchdringliches Lächeln und ihre niemals blinzelnden Augen, als entstammte ihr Herz einer anderen erdgeschichtlichen Periode.
War es möglich, dass sie über ein Nervensystem verfügte? Dass finstere Gedanken sie quälten?
Jahre später – es war der Abend, an dem er verkündete, er werde sich scheiden lassen – eröffnete uns Patrick Saincère, der Kräftigste und Heißblütigste von uns, der sich damals in der Disko regelmäßig mit den Italienern prügelte, die in einem Augenblick der Schwäche seiner Freundin zugelächelt oder sie gar auf einen Drink eingeladen hatten, er habe den berühmten, bitter schmeckenden Nagellack aus Genf zusammen mit einigen Erotikmagazinen, für die er seine ganzen Ersparnisse opfern musste, einmal heimlich bestellt. Mit einer Diskretion, die seinem Ehrenkodex entsprach, habe Franco ihm die Ware nebst einer Schachtel Pralinen in einer Kraftpapiertüte überreicht. Zu Hause angekommen, streichelte Patrick Saincère, der schon mit elf Jahren sechzig Kilo gewogen hatte und im Rugbyclub von Neuilly Zweite-Reihe-Stürmer war, mit seinen riesigen Händen das winzige Fläschchen. Behutsam schraubte er den Deckel auf, der Geruch erinnerte ihn an die Apotheke oder das Leichenschauhaus, und er spürte, wie sich alles drehte in seinem Kopf, wie er in eine verbotene Welt vordrang.
An jenem Abend in Paris, an dem er Magnumflaschen Champagner bestellte und vor den leeren Augen der Bedienungen unwirsch Fünfhundertfrancscheine schwenkte, gestand er uns, das maßgeschneiderte Hemd schweißgetränkt, dass die Erinnerung an diesen Geruch ihn in all den Jahren nicht losgelassen hat. »Diesen Geruch nach Metall oder Krankheit, den vergisst du nie. Er ist da, er ist immer da«, rief er die ganze Zeit und klatschte sich mit der Handfläche auf die Stirn. »Ich habe alles vergessen, wie ich meine Frau kennengelernt habe, unsere Hochzeit, unsere Urlaube, die Wochenenden, ich habe keine Erinnerung daran. Aber dieser Geruch ist immer noch da! Er ist ein verdammter Dämon.«
Chris und Charlie waren Franco Rossetti egal. Genauer gesagt hatte er für sie jene zärtlich angehauchte Gleichgültigkeit übrig, die man für kleine Schwestern empfindet, für Wesen, die einem so vertraut sind, dass sie dadurch fast bedeutungslos werden oder zumindest kein Geheimnis mehr bergen. Später, als sie diese blendenden Schönheiten geworden waren, lächelte er sie großmütig an, wenn sie sich ihm an den Hals warfen und unschuldig ihre Brüste an seinen Oberkörper schmiegten, während wir, versteinerte Beobachter der Szene, die Augen schlossen und uns die feine, weiche Wolle auf unserer Haut vorstellten – indes sich ein glühender Ozean in unsere Lungen ergoss.
Aber da war ja auch noch Claudia. Franco ging das Leben besonnen und pragmatisch an, hatte stets gute Laune und verstand nicht, wenn wir uns wegen Chris und Charlie wie ein Haufen dämlicher Kriminalbeamter das Hirn zermarterten, doch er hatte eine geheime Schwachstelle, einen kalten Dorn im Herzen stecken: Claudia. Er war sich dessen wahrscheinlich gar nicht bewusst, aber sobald sie auftauchte, sandte sein Körper Verzweiflungssignale aus, er begann zu zittern oder sank in sich zusammen, als wäre er von einem Schneeball getroffen worden.
Franco erinnerte sich noch gut an den dunkelgrünen Maserati, der im Dezember 1962 bedächtig schnurrend vor dem Tante-Emma-Laden gehalten hatte. Der Tag war grau, und das Auto wirkte in dem schmutzigen Schnee so deplatziert wie ein Pfau im Moorland. Alberta und Paolo Maggiore glitten elegant aus dem Fahrzeug. Er trug einen hellen Anzug, sie Pumps und Smaragde, die angesichts der Höhenlage etwas unpassend erschienen. Hinter ihnen her lief ein wunderschönes, groß gewachsenes Mädchen mit glänzenden braunen, zur Seite gekämmten Haaren. Ihre jüngere Schwester machte dagegen einen seltsam farblosen Eindruck, wie ein Schatten auf einer Fotografie. Sie hatte einen Topfschnitt, trug einen Mantel mit Bubikragen und verzog den Mund, als hätte sie Bauchweh oder als finge sie gleich an zu weinen. Das war Claudia. Franco erinnerte sich, dass ein Schwall Mitleid in ihm aufgestiegen war, als er die Augenringe auf ihrer blassen Haut und den erloschenen Blick unter dem fast strohblonden Pony bemerkte. Alberta Maggiore war auch blond, aber sie war honigblond und hatte eine Frisur wie ein Filmstar; die Locken, die das Gesicht umrahmten, saßen perfekt, das Werk eines Profis. Ihr sinnlicher, blutrot geschminkter Mund – ihr Sohn hatte übrigens den gleichen – vermittelte den Anschein, dass sie bestimmt kein gewöhnliches Leben führte, sondern pausenlos für erotische Aufnahmen posierte oder in einem Casino auftrat.
Unsere Mütter unterhielten zu ihr ein zwiespältiges Verhältnis. Begegneten sie ihr auf der Straße oder in der Einkaufspassage von Montana, der makellos schönen Alberta Maggiore, gehüllt in einen Kamelhaarmantel aus Mailand, grüßten sie übertrieben freundlich. Sie blieben stehen, um sich mit ihr zu unterhalten, wozu sie sich sonst nur herabließen, wenn eine ihrer Pariser Freundinnen aufkreuzte, die ihnen mit ihren verblüffenden Anekdoten, ihrem Haarknoten, ihren mittelhohen Absätzen und dem blass gepuderten Teint das Wasser reichen konnte. Sie machten ihr Komplimente, wie fabelhaft sie aussah, wie schön ihre Frisur war, während sie sich sämtliche Details an ihr einprägten und auf ihren Netzhäuten festhielten wie Fotos, die sie wiederum in die Alben in ihren Köpfen einordneten. Den Bräunegrad ihrer Haut, die funkelnden Smaragde, die so gut zu ihren Augen passten, zu ihren »schlangengrünen Augen«, wie die Mutter von Édouard de Montaigne einmal gesagt hatte, ihre Hüte, ihre Lederhandschuhe, die fleischigen Lippen, den scharfen Kontrast zwischen ihrem äußerst eleganten Auftreten und ihren lasziven Rundungen.
Über Alberta Maggiore kursierten aufregende und widersprüchliche Gerüchte. Wir hörten, wie unsere Mütter – niemals die Väter – am Telefon oder bei einer Tasse heißer Schokolade im Salon über sie sprachen, unter ausgestopften Gämsenköpfen, die wie versteinerte Faune an den Wänden prangten. Sie schlugen vornehm die Beine übereinander, rauchten, flüsterten und reckten die Hälse.
Sie habe im Krieg in einem von der Wehrmacht beschlagnahmten Schloss im norditalienischen Colorno als Dolmetscherin für die Deutschen gearbeitet. Sie habe einer antifaschistischen, patriotischen Vereinigung angehört und, mit dem Karabiner bewaffnet, in Mailand an Guerilla-Aktionen teilgenommen. Man habe sie mit Herrn Baumgartner, dem Automechaniker aus Siders, Deutsch sprechen hören. Sie habe sich in Mar del Plata, Provinz Buenos Aires, wohin sie nach 1945 ausgewandert war, als Animierdame verdingt. Sie würde Diamanten verkaufen, ihr Mann würde sie schleifen, und niemand wisse, woher die Edelsteine stammten. Partisanen haben nach dem Krieg den Bauernhof ihrer Eltern angezündet. Sie sei die Geliebte von Mussolini gewesen. Habe in einem Hollywood-Film mitgespielt. Und für den amerikanischen Geheimdienst gearbeitet.
Es war spannend, diese Unterhaltungen, die vor Erregung zitternden Stimmen unserer Mütter, dieser feinsinnigen Wesen, denen sonst nie irgendeine Gemütsbewegung anzumerken war, zu belauschen. Vor allem aber drehten diese Unterhaltungen sich um eine Zeit, von der für gewöhnlich nie die Rede war, als ob sie in einen dicken Wintermantel gehüllt wäre.
Wir wussten, dass die Eltern von Domino Sontag, einer blonden Schönheit mit Beinen, so schlank wie die eines Vogels, deportiert worden und umgekommen waren, und Domino, die gern in die Disko ging, ein Adoptivkind war. Wir wussten, dass Salomon Weber Tag und Nacht eine Pistole am Leib trug. Wir wussten, dass unsere Eltern »viel durchgemacht« hatten. Es gab Onkel, Tanten, Großeltern, Freunde der Familie, die wir nie kennengelernt hatten und von denen nie gesprochen wurde. Zu Hause in unseren Bibliotheken hingen Fotos und unsere Eltern trugen Aufnahmen von lächelnden jungen Menschen im Portemonnaie, von Frauen mit gekräuseltem Haar, von frisch vermählten Paaren, über die wir nichts wussten, und es fiel uns nicht einmal auf – diese Bilder waren ausgestellt in kunstvoll gearbeiteten Rahmen, sie waren uns vertraut, doch sie dienten nur der Zierde, wie das Porzellanservice oder die aus Holz geschnitzten Enten, die unsere Eltern sammelten. Manchmal spürten wir, wie ein Schleier sich über ihren Blick legte, als wäre durch einen Traumfilter ein verborgenes Bild auf ihren Schirm gelangt. Doch keiner von uns hätte je gewagt, dies anzusprechen. Es kam uns auch gar nicht in den Sinn. Wir wussten, die meisten von uns waren Juden, aber das hatte für uns keinerlei Bedeutung, oder höchstens eine vage, folkloristische. Wir aßen kein koscheres Fleisch, gingen nicht in die Synagoge und bedauerten das Schicksal von Ariel Kattan, der sich an die Sabbatgebote zu halten hatte und samstags nicht Ski laufen durfte, was für uns eine unbegreifliche Strafe darstellte.
Franco mochte Alberta nicht, ihm missfielen ihre gummiballartigen Brüste, ihre Snob-Attitüde und ihr »grausamer« Blick – wir konnten in ihrem Blick zwar keine Grausamkeit feststellen, aber man muss wohl dazusagen, dass wir ihr auch nicht in die Augen schauten. Der zarte, einfühlsame Franco kannte die Schwachstellen der Frauen besser als wir: Von Madame Lambert wurde er mit bis zum Bauchnabel aufgeknöpfter Bluse empfangen; Jacky Barras roch schon nach dem Frühstück nach Gin. Die langhalsige Jungfer Haas ertappte er dabei, wie sie im Alter von achtzig Jahren ihrem Haushälter in die Hose fasste. All das hat Franco uns Jahre später anvertraut, in seiner Stimme lag eine traurige Sanftmut, aber vielleicht war er einfach nur high, wie er es damals nahezu immer war, auch wenn er dadurch seltsamerweise etwas Melancholisches und Weises ausstrahlte.
Wenn er Claudia ansah, zog sein Herz sich wie ein kleiner Vogel in der hohlen Hand zusammen. Lag es an ihrem fürchterlichen Haarschnitt, den hellen, fast grauen Sommersprossen, den Wollhandschuhen, an denen sie ununterbrochen nervös herumnestelte? Geradezu unvorstellbar, aber anscheinend gab es eine Zeit, in der Claudia wahnsinnig schüchtern gewesen war. Für uns war sie die Italienerin, die die kürzesten Shorts trug, die wir je gesehen hatten (Anna Saincère behauptete, dass Claudia sie selbst mit der Nagelschere abschnitt).
Franco und Claudia schlugen beide aus der Art ihrer Familien. Francos braune Locken, der wohlgeformte Körper und die natürliche Ungezwungenheit waren eigentlich wie geschaffen für ein müßiges Dasein irgendwo in Brasilien oder Kalifornien, wo die Haut vor Sonnencreme glänzt und er sich am Rande eines mit Spitzbögen versehenen Swimmingpools rekeln konnte. Claudia hingegen glich einem Gespenst, man sah unter ihrer durchscheinenden Haut fast das Herz pochen, ihre tadellosen Kleider und Mäntel gaben ihr immer den Anschein, als hätte sie sich für die Erstkommunion zurechtgemacht. Sie wirkte innerhalb ihrer Familie, die zu viel Glamour versprühte, um wahr zu sein, wie der Inbegriff des Makels. »Sie hatte eine Menge Leid zu ertragen, das konnte man spüren«, erklärte Franco mit vor Wut oder Aufregung funkelnden Augen, »und sie haben nichts dagegen unternommen. Gar nichts. Ich hätte sie dafür umbringen können. Ich wollte sie umbringen.«
Als abends auf dem Nachhauseweg unter unseren federnden Schritten der Schnee knirschte, die reifbedeckten Tannen auf einmal bedrohlich wirkten und unsere Finger vor Kälte steif wurden, kam uns der sanfte Boden unter unseren Füßen so trügerisch vor, als könnte der Winter uns einzingeln und unsere Herzen gefrieren lassen.
Wir mochten die Italiener nicht leiden. Sie waren arrogant, trugen ägyptische Baumwollhemden und traten stets in Gruppen auf. Ihre Eleganz hatte etwas Unerträgliches, ihr guter Geschmack etwas Versehentliches. Ihre Haare waren zerzaust, die Hosen zerknittert, doch das schien sie nicht weiter zu kümmern, sie sahen ja trotzdem blendend aus. Ihre geflochtenen Armbänder aus Elefantenleder waren in unseren Augen lächerlich, das Geld verjubelten sie, als ob es ohnehin bedeutungslos wäre. »Sie sind dermaßen ordinär
