Die Gräfin von New York - Günther Dilger - E-Book

Die Gräfin von New York E-Book

Günther Dilger

0,0

Beschreibung

Erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die hoch angesehene New Yorker Familie Freyman - um ihren Patriarchen, den Stararchitekten Joseph Freyman - und seiner Gattin Eleonora, geborene Alvariz de Córdoba, gerät tief in den Strudel morbider Liaisonen. John Freyman, erster Sohn der Familie, entgeht einer Strafe für eine im Affekt begangene Tat nur durch die Flucht aus der Stadt. Ein verschlafenes Nest in West-Virginia wird sein langfristiges, aber todbringendes Refugium. Johns viel jüngeren Bruder Dorian verfolgen die Eskapaden des Clans auch noch, als er sich um das Amt des US-Präsidenten bewirbt. Nicht einmal er selber kann schlüssig erklären, wer er in Wahrheit ist. Gregory Delano, enger Freund des Hauses Freyman, verstrickt sich der Familie gegenüber in tiefe Schuld. Er wird sie auf eine ebenso angenehme wie demütigende Weise begleichen. Eleonora Freyman, genannt "Die Gräfin", klärt während einer familiären Zusammenkunft, wer Dorian Freyman wirklich ist. Sie zeigt sich mit ihrem Bekenntnis als eine Frau, die bereit ist, auch letzte konventionelle Grenzen zu übertreten - ohne die geringste Neigung, dabei ihre Selbstachtung aufzugeben.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 624

Veröffentlichungsjahr: 2017

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Die Gräfin von New York

Titel SeiteCapitol Hill, Washington D.C. - USA, 18. Juni 1976Rätselhafter Mord in HendersonvilleGerade nochmal gut gegangenRose will es wissenJohn und der „Rote Halbaffe“ - New York 1910Ricardas Enttäuschung - New York, 1913Die NymphenköniginDie heiratswillige Miss CunninghamEleonoras Geheimnis - New York, 1917Die Nacht des jungen GregoryDer besondere Muttertag - 8. Mai 1921„La Dolce Rita“Johns FluchtDas Kentucky-DerbyTräumen bei Tiffany’sDer doppelte SonnenaufgangSein letzter WegDie Suche nach der WahrheitDer letzte Zug nach New YorkDas Blatt wendet sichDas GeständnisAddendumZum Autor

Erste Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Die hoch angesehene New Yorker Familie Freyman - um ihren Patriarchen, den Stararchitekten Joseph Freyman - und seiner Gattin Eleonora, geborene Alvariz de Córdoba, gerät tief in den Strudel morbider Liaisonen.

John Freyman, erster Sohn der Familie, entgeht einer Strafe für eine im Affekt begangene Tat nur durch die Flucht aus der Stadt. Ein verschlafenes Nest in West-Virginia wird sein langfristiges, aber todbringendes Refugium.

Johns viel jüngeren Bruder Dorian verfolgen die Eskapaden des Clans auch noch, als er sich um das Amt des US-Präsidenten bewirbt. Nicht einmal er selber kann schlüssig erklären, wer er in Wahrheit ist.

Gregory Delano, enger Freund des Hauses Freyman, verstrickt sich der Familie gegenüber in tiefe Schuld. Er wird sie auf eine ebenso angenehme wie demütigende Weise begleichen.

Eleonora Freyman, genannt "Die Gräfin", klärt während einer familiären Zusammenkunft, wer Dorian Freyman wirklich ist. Sie zeigt sich mit ihrem Bekenntnis als eine Frau, die bereit ist, auch letzte konventionelle Grenzen zu übertreten - ohne die geringste Neigung, dabei ihre Selbstachtung aufzugeben.

Impressum:[email protected] Günther Dilger 90455 Nürnberg

Umschlaggestaltung: Günther Dilger, Nürnberg

Die Gräfin von New York

Roman

Günther Dilger

Capitol Hill, Washington D.C. - USA, 18. Juni 1976

Es war genau dreizehn Uhr zweiundvierzig, als der Senator von Massachusetts, Dr. Dorian J. Freyman, einen epileptischen Anfall erlitt. Sein Pech war, dass er in eben diesem Moment die erste Stufe der Westtreppe des Capitols hinab betreten wollte. Er rutschte an der Kante aus, stürzte, und rollte die Stufen hinunter - bis fast ans Ende der Treppe. Beinahe wäre er schon auf einem der ersten Absätze zum Liegen gekommen, aber durch seine heftigen und unkontrollierten Bewegungen stieß er sich selber immer weiter in die Tiefe. „Herr Senator… Jerry, um Himmels willen!“ Verzweifelt rief seine junge Sekretärin ihm diese Worte hinterher. Hören konnte er sie aber nicht mehr. Die völlig entgeisterte Frau stand wie versteinert am oberen Rand der Treppe und musste hilflos mitansehen, wie ihr Arbeitgeber, der noch etwas mehr war als ihr Arbeitgeber, über sämtliche Stufen hinunterkullerte. Von weitem sah es fast so aus, als würde er aus reinem Übermut fröhlich Purzelbäume schlagen. Aber es waren keine - jedenfalls keine freiwilligen. Und fröhlich? Das war es gleich zweimal nicht.

Zu dieser Zeit, um Mittag herum, war nur eine sehr geringe Anzahl von Menschen auf dem breiten Aufgang zum Capitol hinauf unterwegs. Keine dieser Personen befand sich jedoch annähernd in einer Position mit auch nur geringster Aussicht darauf, den Stürzenden aufhalten zu können. In einer anderen, für den erfolgreichen Politiker etwas günstigeren Situation, hätte man vielleicht auch gesagt, er hatte ‚freie Bahn‘. Die wenigen Passanten rund um das Geschehen nahmen den Sturz ohnehin eher teilnahmslos zur Kenntnis. Sie waren mit ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigt. Seine junge Mitarbeiterin aber war außer sich. „Hilfe! Hilfe! Kann ihm denn niemand helfen? Lieber Gott, dann hilf ihm du!“ Der auf diese Weise angeflehte, und der einzige, welcher ihm jetzt noch hätte helfen können, der machte bedauerlicherweise keinerlei Anstalten dazu.

Auf der allerletzten Stufe blieb der studierte Jurist endgültig liegen. Auf dem Rücken. Der helle Sommeranzug, den er trug, war reichlich ramponiert, an einigen Stellen aufgerissen. Den rechten Schuh hatte der Unglückliche verloren; der musste irgendwo auf der Treppe liegen. Zu sehen war er auf einen ersten Blick aber nirgends. Beide Hosenbeine waren aufgerissen und hochgeschoben. Der Sockenhalter an dem Bein, an dem der Schuh fehlte, war von der Wade bis zum Knöchel hinabgerutscht. Ein schön in schwarzem Leder gebundenes Notizbuch, es gehörte offenbar dem Gestürzten, lag etwa zehn Stufen weiter oben. Auch auf dem Rücken. Die Deckel des Buches waren aufgeklappt. Eine leichte Sommerbrise spielte mit den dünnen, dicht beschriebenen Seiten, als ob jemand gedankenverloren darin blättern würde. Tat aber niemand. Der linke Augapfel des Senators hing seitlich an seiner Schläfe herab, gerade noch so festgehalten durch einige intakte Zentralgefäße und den Sehnerv. Das rechte Auge war noch irgendwie als Einheit erkennbar - mit etwas Fantasie.

An seinem entstellten Gesicht konnte man nicht mehr erkennen, wer der Verunglückte war. Zum Glück war er in Begleitung seiner Sekretärin gewesen, die ihn noch am Unglücksort für die inzwischen herbeigeeilten Sicherheitsbeamten identifizieren konnte. Die exakte Zeitangabe für den Sturz war ihr deswegen möglich, weil sie beide auf dem Weg zu einem offiziellen Empfang schon reichlich knapp dran waren, und der Senator sie noch unmittelbar vor seinem fatalen Fehltritt nach der Uhrzeit gefragt hatte. Ihren Blick hatte sie noch immer auf das Ziffernblatt geheftet, als sie das erstmalige Aufschlagen seines Schädels auf einer der steinharten Stufen hörte. Die zweiundzwanzigjährige Liz Hutton, die noch immer unter Schock zu stehen schien, war seit fünf Jahren nicht nur Sekretärin, sondern enge Vertraute des Senators gewesen. Der hatte ein Faible für brünette Mitarbeiterinnen weit unter dreißig. Das war allgemein bekannt. Aber er hatte sich nie etwas zuschulden kommen lassen, was diese Arbeitsverhältnisse mit jungen Damen betraf. Böse Zungen dagegen behaupteten, er habe sich nur nicht dabei erwischen lassen. Manche seiner politischen Gegner versuchten immer wieder, ihm mit dieser Neigung zur weiblichen Jugend am Zeug zu flicken. Ohne Erfolg. Anschuldigungen dieser Art waren und blieben aber ohnehin nur immer Nebenkriegsschauplätze im harten Kampf um die Wähler. Denn es gab ja auch noch das, was im Gerichtswesen bei bestimmten Verfahren als ‚Hauptsache‘ bezeichnet wird: das nach wie vor ungelüftete Geheimnis um die Herkunft des Senators.

Es war das alles überschattende Rätsel, das ihn seine ganze Karriere hindurch begleitete. Seine hartnäckigsten Widersacher im Politgeschäft schlachteten diese schwelende Ungewissheit um seine Herkunft bei jeder sich bietenden Gelegenheit aus. Noch verstärkt seit seiner Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten der Demokratischen Partei. Allzu gerne hätte er sich dieses Problems ein für alle Mal entledigt. Mit einem eindeutigen Statement, das Freund und Feind endlich überzeugen und zufrieden stellen könnte. Aber wie sollte er? Er war sich ja nicht einmal selber sicher, wer er in Wahrheit war.

Während sie mit den inzwischen eingetroffenen Beamten des Police Departments sprach, kramte Miss Hutton fortwährend in ihrer Handtasche herum, ohne zu wissen, was sie dort drin überhaupt suchte. „Es war so schrecklich. Wir kamen gerade aus einer informellen Sitzung zur Vorbereitung der Feierlichkeiten zum zweihundertsten Jahrestag der Unabhängigkeit. Und jetzt, jetzt kann er das Bicentennial nicht einmal selber miterleben. Der arme Jerry – ich meine, der arme Senator. Ja, wo ist es denn? Ich kann es einfach nicht finden.“ Sie nahm nur kurz ihre Hand aus der Tasche und schaute erwartungsvoll auf die Beamten, ob die ihr vielleicht die Frage beantworten könnten, wo sich dieses Etwas in ihrer Handtasche befindet, nach dem sie so unablässig suchte. Gleich darauf steckte sie ihre Finger wieder in die elegante Ledertasche und suchte weiter darin herum. Nach was, das wusste sie nach wie vor nicht. „Es ist so schrecklich. Ja, es ist ganz sicher der Senator, der Senator Dorian Freyman. Habe ich doch schon gesagt. Ich kann es beschwören, bei Gott. Ich habe den Sturz doch selber mit ansehen müssen. Schauen Sie nur auf seine linke Hand, der kleine Finger ist etwas verkrümmt; das stammt von einer früheren Verletzung her. Es steht in seiner Krankenakte. Der eindeutige Beweis dafür, dass er es ist - für Sie, nicht für mich. Ich selbst brauche keinen zusätzlichen Beweis, ich war doch bis zur letzten Sekunde bei ihm. Mein Gott, der arme Mensch. Und was wird jetzt aus mir? Mein Vertrag läuft doch noch ein ganzes Jahr. Bleibt der denn gültig, jetzt, wo der Senator tot ist?“ Die Worte sprudelten nur so aus ihr heraus. Der Sergeant, dem gegenüber sie ihre Aussagen machte, der hatte Mühe, mit seinen Notizen hinterherzukommen.

Bald hatte sich eine größere Menschenmenge um den am Boden liegenden Politiker und die mittlerweile ringsum abgestellten Polizeifahrzeuge versammelt. Beamte waren dabei, die Unglücksstelle weiträumig abzusperren. Ein Officer beugte sich in einen der Einsatzwagen und zog die Sprecheinheit des Funkgerätes aus der Halterung. Er hielt sich die Sprechmuschel direkt an den Mund, um die Geräusche um ihn herum abzuschirmen. Seine Augen wanderten aufmerksam in die Runde, während er seine Meldung in das Mikrophon sprach. „Zentrale, hallo Zentrale, kommen, hört ihr mich? Hier Wagen 37 am Capitol Hill, der angeforderte Krankenwagen kann wieder zurück zum Hospital. Wir brauchen hier einen Leichenwagen. Ende.“ „Roger“, kam es von der anderen Seite lapidar zurück. Nach einem paarmaligen Knacken in der Leitung des Empfangsgerätes krächzte es aus dem Lautsprecher: „Wer ist es denn, Jack?“ „Noch nicht eindeutig identifiziert, wird auch gar nicht so leicht sein bei dem erbärmlichen Zustand - aber laut Zeugenaussage, sie sagt, sie sei seine Sekretärin, scheint es der Senator Freyman von den Demokraten zu sein.“ „Was? Der? Okay, ich sag dann mal denen in der Gerichtsmedizin, dass Kundschaft vorbeikommt.“ Schnell verbreitete sich die Nachricht unter den immer zahlreicher werdenden Umstehenden am Fuß der Treppe, dass es sich bei dem Unfallopfer mit aller Wahrscheinlichkeit um den geheimnisumwitterten Dorian Freyman handeln müsse. Um den ‚Sohn der Gräfin‘, wie ihn einige respektvoll, die anderen dagegen eher abschätzig nannten. Während diese Meldung die Runde machte, ging ein vernehmliches Raunen durch die Menge, aus dem man, von größtem Bedauern bis zu klammheimlicher Schadenfreude, das ganze Register verschiedenster Gefühlsregungen heraushören konnte. Oben, über den Kopf der Treppe hinweg, ergoss sich plötzlich ein Pulk von Journalisten, die allesamt im Capitol akkreditiert waren. Mitten in ihre Mittagspause hinein hatten sie von dem Vorfall draußen Wind bekommen und kurzerhand alles liegen und stehen lassen. Ungestüm hetzten sie im schnellen Laufschritt die Stufen herunter. Manche nahmen zwei oder drei Treppen auf einmal. Manche noch mehr. Einige stolperten. Mit wehenden Sakkos und Krawatten stürmten sie nach unten, als ob es etwas zu gewinnen gäbe. Jeder von ihnen wollte als Erster einen Interviewpartner ergattern, als erster seine Redaktion anrufen. Nicht wenige hatten noch ihr angebrochenes Lunchpaket in der Hand, andere stopften sich hastig den Rest eines Hot Dogs in den Mund. „Leute, geht doch endlich auseinander! Hört ihr? Macht Platz. Wir wollen hier in Ruhe arbeiten. Geht nach Hause. Lasst dem Mann jetzt seinen Frieden!“ Die Stimme des Sergeants klang sehr ruhig, gemessen an dem sorgenvollen Blick, den er auf die anstürmende Meute der Reporter richtete. Die könnten ihn und seine Kollegen gleich noch weit mehr bedrängen, als es die neugierigen Gaffer bisher getan hatten.

Der Mann, der in Frieden gelassen werden sollte, das war noch wenige Momente davor der immer sympathisch wirkende und allseits beliebte Präsidentschaftskandidat der Demokratischen Partei, Dorian Freyman. Er war zuletzt in allen Umfragen - trotz aller Gerüchte, die sich um ihn rankten - klarer Favorit gegen den derzeit amtierenden Präsidenten Gerald Ford, obgleich Freyman vom politischen Gegner mit allen möglichen Mitteln aufs schärfste bekämpft wurde. Mit sauberen Mitteln bekämpft und mit unsauberen. Vor allem mit unsauberen.

Dr. Dorian Jeremias Freyman, von seinen engeren Freunden auch Jerry genannt, entstammte einer hoch angesehenen New Yorker Familie. Seit Jahrzehnten schon hatte sie der Stadt umfangreiche finanzielle Unterstützung für Museen, Denkmäler und soziale Einrichtungen zukommen lassen. Dorian Freymans Vater war der für seine hervorragende künstlerische Arbeit in aller Welt bekannte Architekt und Immobilienmogul Joseph Freyman gewesen. Der war leider schon ein Jahr nach der Geburt seines Sohnes Dorian gestorben. Oder aber schon etwa vier Jahre vor dessen Geburt. Und genau das war es, was die Medien und die gesamte Öffentlichkeit ständig beschäftigte. Seine nach wie vor im Dunkeln liegende Herkunft, seine ungeklärte Identität.

Zeitlebens haftete dem Senator dieser Makel an und brachte ihn immer wieder in Bedrängnis. Weil er auch selber nie eine schlüssige Erklärung vorbringen konnte, was es mit diesem im Dunkel liegenden Umstand auf sich hatte. Seine Mutter, Eleonora Freyman, war vor knapp zehn Jahren verstorben. Sie hatte zu ihren Lebzeiten den recht üppigen, der Stadt zugedachten Zuwendungen der Familie Freyman in der Öffentlichkeit jeweils publikumswirksam ihr schönes Gesicht gegeben. Die Unklarheiten in den Geburtsdaten des Sohnes konnte sie allein mit ihrem attraktiven Aussehen aber auch nicht beiseite räumen. Auf Nachfragen erklärte sie die Unsicherheit darüber lapidar mit Nachlässigkeiten der seinerzeit zuständigen Kirchenschreiber. Man könnte auch sagen, sie hatte das Thema für sich mit solchen Erklärungen abgetan. Selbstherrlich, und ohne einen Widerspruch zu dulden. Schließlich war sie die Gräfin von New York. Jedenfalls nannte sie sich so. Und viele in der New Yorker Gesellschaft taten das ebenfalls. Sie jedenfalls glaubte, dank ihrer Autorität die Leute mit dieser expliziten Schuldzuweisung überzeugen zu können. Die breite Öffentlichkeit konnte sie jedoch mit dieser dürftigen und immer spröde vorgetragenen Erklärung zur Identität ihres Sohnes nicht zufriedenstellen.

Die Geschwister von Dorian Freyman waren in der Gesellschaft weit weniger präsent, als seine Eltern und er selber es waren. Sieht man einmal von dem guten Namen ab, den sich sein älterer Bruder, der 1933 verstorbene John Freyman in der Welt der Pferdezucht erworben hatte. Politisch aber waren die beiden Schwestern und der Bruder des Senators bisher nie besonders in Erscheinung getreten. Auch sie hatten nichts zur Aufklärung der Ungereimtheiten über die Umstände der Geburt ihres viel jüngeren Bruders beitragen können, oder wollen. Natürlich wussten die Geschwister, dass Dorian aus dem Waisenhaus zu ihnen ins Haus gekommen war. Aber sie respektierten zu jenem Zeitpunkt den Wunsch ihrer Mutter, den Jungen als echtes Familienmitglied anzuerkennen und ihn als Sohn von Joseph Freyman auszugeben. Sie wurden gewahr, wie sehr sie ihn vergötterte und stimmten schließlich einhellig der für sie unbedeutenden Korrektur seines Lebenslaufes zu. Es schadete ja auch niemandem. Daher schlossen sie sich auch bei sporadischen Anfragen der Presse zu dem ungeliebten Thema solidarisch der Erklärung der Gräfin an: vermutlich Schludrigkeiten bei den pastoralen Schreibkräften.

Der Hauptangriffspunkt seiner politischen Kontrahenten war und blieb darum auch immer das Geheimnis um Dorian Freymans tatsächliches Alter und die damit zwangsläufig verbundene Unklarheit über seine wahre Abstammung. Denn an ein medizinisches Wunder glaubte niemand. Tote können keine Kinder zeugen. Eine Geburt ohne physische Zeugung? So etwas glaubten selbst die Katholiken im Lande nicht, obwohl ihre Religion maßgebend auf solch Abwegigkeit aufbaut. Und wenn er wirklich erst vier Jahre nach dem Tode seines Vaters auf die Welt gekommen war? Dann war dieser Vater eben nicht sein Vater. Punkt. So einfach war das. Aber wenn es so war, wer war er dann? Wer war dieser Dorian Freyman? Das war die alles entscheidende Frage. Alles andere, außer dieser nebulösen Angelegenheit, geriet in seinem politischen Leben mehr oder weniger zur Nebensache.

Zum Beispiel die Tatsache, dass Dorian Freyman privat an seinem Hauptwohnsitz in Boston relativ selten anzutreffen war. Außerdienstlich hielt er sich die meiste Zeit in New York in seinem Elternhaus auf. Dort hatte er auch sein großzügiges Büro und dort gab er auch häufig Interviews. Man warf ihm daher vor, er habe aus diesem Grund gar keine Berechtigung, als Senator von Massachusetts zu fungieren. Damit sei auch seine Kandidatur zum Präsidenten null und nichtig. Oder seine angeblich so guten Kontakte in den Kreml, die einen Landesverrat nahelegten, wie es von einigen der Hardliner bei den Republikanern kolportiert wurde. Diese Vorhaltungen wurden schnell entkräftigt. Die von seinen Gegnern so genannten ‚guten Kontakte zu den Kommunisten‘ waren schon bald als die üblichen politischen Konsultationen zwischen den beiden verfeindeten Staaten entlarvt. Auch Mitglieder der Republikaner hatten an diesen Treffen teilgenommen. Gedacht waren sie einzig dazu, den Kalten Krieg nicht zu einem heißen werden zu lassen. Seine Kontrahenten ließen jedoch nie locker und fanden schnell einen weiteren Angriffspunkt. Nämlich Freymans Meinung zum Vietnamkrieg, die der landläufigen widersprach. Sie wurde von der Gegenseite als völlig unpatriotisch, ja gar als feige bezeichnet. Ein Aufruf zum Aufgeben sei sie, Anstiftung zur Kapitulation. So bellten sie es in die Mikrophone der Radios und Übertragungsanlagen. Die Böswilligsten scheuten sich nicht, von Hochverrat zu sprechen und ihn selbst als gemeinen Landesverräter zu beschimpfen. Freyman plädierte tatsächlich dafür, den schon so lange andauernden und erfolglos geführten Krieg in Südostasien so schnell wie möglich zu beenden. Allerdings kippte die Stimmung zu diesem Gemetzel in der Bevölkerung gerade ebenfalls. Von der anfänglichen Begeisterung und Unterstützung für diesen Krieg tendierte die Stimmung im Volk immer mehr zu Verdrossenheit und Unverständnis für dessen Fortsetzung. Und Freymans Meinung wurde auf diese Weise immer mehr zur allgemeinen Meinung im Land. So verkehrten sich die gegen seine Apelle gerichteten Angriffe der Konkurrenten in ihr Gegenteil. So schnell aber manche der Vorwürfe gegen ihn aus dem Weg geräumt werden konnten, oder sich durch einen gravierenden politischen Stimmungsumbruch wie von selbst verflüchtigten - einer blieb immer aktuell, weil immer noch nicht ansatzweise geklärt: Die eklatante Unstimmigkeit zwischen der Eintragung im Kirchenbuch der ‚Basilica of St. Patrick’s Old Cathedral‘ und den Aufzeichnungen des ‚Home of the Lord for Children‘ einerseits, sowie andererseits die offiziell beeideten Angaben in der amtlichen Geburtsurkunde, ausgefertigt von der New Yorker Kommune. Diese Ungereimtheit gab ständig neue Nahrung für die wildesten Gerüchte. Darauf ließen sich mühelos unterschiedlichste Verschwörungstheorien aufbauen, die darin gipfelten, dass eine ganze Reihe von Abgeordneten der Republikaner behauptete, Dorian Freyman sei gar kein Amerikaner. Inzwischen gab es auch nur noch wenige Länder, deren Nationalität ihm von gehässigen Gegenspielern nicht angedichtet worden war.

Der Kirchensprengel im Bezirk sah sich veranlasst, eigens zu diesem Thema eine Pressekonferenz anzuberaumen. Auf dieser erklärte der zum Zeitpunkt der Geburt Dorian Freymans zuständige Priester in der Basilica of St. Patrick’s Old Cathedral den anwesenden Journalisten wörtlich: „Ich kann bestätigen, dass Dorian Jeremias Freyman der leibliche Sohn des Mr. Joseph Freyman und dessen Gattin, der Mrs. Eleonora Freyman ist. Das steht fest. Wie es zu den unstimmigen Einträgen in unserem Kirchenbuch kam, kann ich mir beim besten Willen nicht erklären. Die Angaben darin sind unrichtig. Es müssten die nämlichen Daten enthalten sein, wie in dem behördlichen Dokument, also der Geburtsurkunde des Dr. Freyman.“

Das wurde von einigen der anwesenden Journalisten hingenommen - von anderen wiederum nicht. „Haben Sie diese Angaben damals eigentlich selber in das Register eingetragen? Wenn nicht, wissen Sie dann, wer dafür verantwortlich war? Und wenn Sie das wissen, haben Sie Zugriff auf diese Person?“, fragte ihn recht forsch ein jüngerer Korrespondent der New York Times, der sich offenbar seine ersten Sporen verdienen wollte. „Nein, zu dieser Zeit hatten wir für diese Aufgaben einen Vikar aus Oregon, der inzwischen leider verstorben ist. Er wäre der einzige, der dieses Rätsel heute zu unser aller Zufriedenheit lösen könnte. Aber Gott hat es gefallen, ihn frühzeitig zu sich zu nehmen.“ „Sie wissen also genau so viel, besser gesagt, genau so wenig, wie auch wir. Und worauf stützen Sie dann ihre Behauptung, Dorian Freyman wäre der leibliche Sohn der beiden Freymans? “, hakte derselbe Fragesteller nach. „Es gab und gibt keinerlei Grund für einen noch so kleinen Zweifel, da zur Zeit der Geburt der Vater des Kindes noch am Leben war und die Eheleute Freyman einen absolut untadeligen Lebenswandel führten. So wie das auch der Rest der Familie tat. Und so wie es die heute noch lebenden Angehörigen auch noch tun.“ Das war reichlich dünn. Aber die ausschlaggebende Behauptung für die öffentlichen Mutmaßungen zum Sachverhalt war ja, dass Dorians Vater bei der Geburt seines angeblichen Sohnes bereits seit vier Jahren tot gewesen sein sollte. Und wenn ein Priester nun das Gegenteil bestätigte. Ein Priester! Ein Mann mit höchster Reputation. Um den Aussagen des Geistlichen noch zusätzlich an Gewicht zu verleihen, flankierten ihn am Pressetisch zwei ältere Bischöfe. Die zwei nickten jeweils nur ernst mit ihren Köpfen bei den Aussagen ihres Untergebenen; was so viel heißen sollte, dass dem Gesagten nicht zu widersprechen sei. Den verdrossenen Publizisten blieb nur, die vorgebrachten Bekundungen des blasierten Priesters zu schlucken. Wie könnten sie auch ernsthafte Zweifel an dem Wort eines Gottesmannes anmelden!

*****

Die Demokratische Partei glaubte, den tragischen Tod ihres zwar umstrittenen, aber populären Mitglieds umgehend ausschlachten zu müssen. Keine gute Idee. Eine politische Partei muss zu derartigem Treiben immerhin keine ethischen Grundsätze über Bord werfen. Diese Art von Ballast ist in solchen Organisationen völlig unbekannt. Dem Exkandidaten nützte es zwar nicht mehr, dem Ersatzkandidaten aber sollte es gleich für den Einstieg Stimmen bringen. Ein Vorgehen nach dem Motto: der Kandidat ist tot, es lebe der Kandidat.

Schon bald nach dem tragischen Unglück am Capitol traten Vertreter der Demokraten also mit einer haarsträubenden Hypothese an die Öffentlichkeit: Die junge, unbedarfte Sekretärin ihres Kandidaten sei von seinen republikanischen Gegnern durch eine an sie adressierte größere Geldzuwendung dazu angestiftet worden, ihn hinterrücks die Treppe hinabzustoßen. Das stand jetzt so im Raum. Die bedauernswerte Dame wurde daraufhin stundenlang und tagelang von Beamten verhört. Ein Staatsanwalt, natürlich ein Mitglied der Demokraten, sicherte Liz Hutton völlige Straffreiheit und einen Job in der parteieigenen Administration zu, wenn sie im Gegenzug zu der Aussage bereit wäre, dass sie ein Republikaner, oder ein Unbekannter, das durfte sie sich aussuchen, zu dieser Tat angestiftet oder gar erpresst habe. Zuerst war es nur ein Vorschlag, den er ihr machte. Als sie sich nicht darauf einlassen wollte, wurde er rabiater und versuchte es unverhohlen mit Drohung. Die junge Frau wusste bald nicht mehr, wo ihr der Kopf stand. „Geben Sie doch endlich zu. Wir wissen über alles Bescheid. Mit Ausflüchten bringen Sie sich nur weiter in die Bredouille. Ausreden helfen Ihnen jetzt nicht mehr weiter. Nur noch bedingungslose Kooperation mit uns kann Ihre Lage verbessern! Wie ich schon einmal sagte, wir sind bereit, auf eine Anklage gegen Sie zu verzichten, wenn Sie endlich ein Geständnis ablegen.“ Bedingungslose Kooperation klang mehr als verdächtig nach bedingungsloser Kapitulation.

Miss Hutton blieb jedoch weiter standhaft; wurde schließlich vom Staatsanwalt und dessen Vernehmungsbeamten weiter so lange mit Fragen und Anschuldigungen malträtiert, bis sie kollabierte und mit einem Nervenzusammenbruch in der Psychiatrie landete. Herausgekommen war bei den Vernehmungen noch weniger als gar nichts. Nicht einmal von der Spur eines Beweises für die krude These eines Attentats konnte die Rede sein. Der Presse war das völlig gleichgültig. Die Zeitungen berichteten genüsslich und täglich über die haltlosen Anschuldigungen, die gegenüber Freymans Sekretärin vorgebracht wurden und gaben ihren vom Verleger vorgegebenen Senf zum jeweils aktuellen Stand der Dinge.

Aufgrund dieser penetranten Berichterstattung meldeten sich drei Zeugen, die unter Eid aussagten, sie hätten mit eigenen Augen gesehen, wie Liz Hutton kurz vor der Treppe stehengeblieben war, um auf die Uhr zu sehen. Dadurch sei sie mindestens zwei Armlängen hinter dem Senator geblieben, als dieser zu Sturz kam. Es war ihr also schon vom Abstand her überhaupt nicht möglich gewesen, irgendetwas zum Stolpern ihres Vorgesetzten beizutragen, nicht einmal aus Versehen. Mit geheucheltem Bedauern, wie im politischen Geschäft üblich, mussten die Lügenbeutel um den Staatsanwalt zugeben, dass sie sich wohl geirrt hätten. Einer der selbsternannten Ankläger, aus der zweiten Reihe, hatte genug Anstand, zurückzutreten. Nicht genug aber, um sich nicht noch am selben Tag in den vorzeitigen Ruhestand versetzen zu lassen. Er war begeisterter Fliegenfischer und sah die große Chance, bei guten Ruhestandsbezügen sich ganz auf sein entspannendes Hobby konzentrieren zu können. Die anderen Beteiligten an der Schmutzkampagne dachten nicht einmal im Traum an Rücktritt – ebenso wenig an irgendeine Form der Entschuldigung. Nur kurz konnte dieses an den Haaren herbeigezogene Thema die Schlagzeilen bestimmen. Zum Leidwesen vieler Mitglieder der Demokratischen Partei. Die falschen Anschuldigungen wurden von den Medien immerhin schnell unter den Teppich gekehrt. Fortan drängten sich erneut die nach wie vor offenen Widersprüche in den Geburtsdaten des Präsidentschaftskandidaten in den Vordergrund.

Fest stand nachweislich, dass im Kirchenbuch als Geburtsdatum des Dorian Freyman der 13. Januar 1922 verzeichnet war. Die Namen der Eltern waren nicht aufgeführt. Seltsamerweise aber fehlte in den beiden entsprechenden Zeilen der Vermerk ‚nicht bekannt‘, so wie es bei allen anderen Fällen eingetragen war, in denen die Namen von Vater und Mutter ebenfalls fehlten. In der offiziellen Geburtsurkunde hingegen war als Geburtsdatum der 13. Januar 1917 angegeben; als Eltern waren dort Eleonora Freyman und Joseph Freyman eingetragen. Es konnte sich bei so offensichtlicher Abweichung kaum um einen Zahlendreher oder um einen Schreibfehler handeln. Auch nicht um eine um ein paar Tage verspätete Registrierung, bei der aus Versehen das Datum des Bearbeitungstages statt des tatsächlichen Tages der Geburt angegeben wurde. Ganze fünf Jahre Unterschied; das gab allen an der Sache Interessierten zu denken. Da musste einfach bewusst getäuscht worden sein. Hier, oder dort. Ein Versehen oder eine Nachlässigkeit konnte man bei Lage der Dinge wohl sicher ausschließen. Es roch zu sehr nach einer bewussten Manipulation. Mysteriös war auch ein anderer Vorgang, der erst einige Zeit später zur Überraschung aller zutage gefördert wurde. Für den entsprechenden Tag, also dem 13. Januar im Jahr 1922, war in den Unterlagen des ‚Home of the Lord for Children‘ für die späten Abendstunden ein Neuzugang vermerkt, ohne Nennung irgendwelcher Angehöriger, nur mit dem Zusatz versehen: ‚little Dorian J. F.‘

Herausgefunden hatte dies das Journalistenduo Woodward und Bernstein von der Washington Post. Die zwei witterten nach dem Watergate-Skandal jetzt um Dorian Freyman ihren nächsten großen Fall. Wie Spürhunde nahmen sie die Fährte auf und hatten sich, nachdem sie damit schon bei Präsident Richard Nixon erfolgreich waren, nun in den aller Voraussicht nach zukünftigen Präsidenten, Dorian Freyman, verbissen. Tagelang waren sie in dem betreffenden Heim gewesen und hatten sich von der Heimleiterin alle verfügbaren Unterlagen um den betreffenden Zeitpunkt zeigen lassen. Sie hatten so lange darin herumgeschnüffelt, bis sie auf den besagten Vermerk gestoßen waren. Als sie nach dem Studium der verstaubten Akten wieder draußen in ihrem Wagen Platz genommen hatten, kurbelten sie zuallererst die Seitenfenster herab. Nach ein paar tiefen Atemzügen analysierten sie, welche Bedeutung der entdeckte handschriftliche Eintrag haben mochte. Welche Bedeutung für sie selber in Bezug auf eine Veröffentlichung und welche für die Aufklärung dieses Falles.

Carl Bernstein war sich ziemlich sicher: „Bob, hier liegt der Schlüssel zur Klärung des Falles. Das ist der endgültige Beweis. Hier muss etwas gedreht worden sein, und das war in jedem Falle oberfaul.“ Woodward war nicht weniger überzeugt. Er öffnete das Handschuhfach, um sein Notizbuch hineinzuschieben, in das er alles aufgeschrieben hatte, was ihm wichtig schien. Dann lehnte er sich in die Rückenpolster zurück und drehte den Kopf zu seinem Kollegen hinüber. „Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich Dorian Freyman heiß…, ja, ja, ich sehe es genauso. Da ist in aller Stille und unter Einhaltung größter Verschwiegenheit etwas unter der Hand gelaufen. Ich glaube zwar an Zufälle, aber nicht an eine endlose Aneinanderreihung von Zufällen. Es ist schon frappierend, wie eindeutig die Kürzel zum Namen passen. Das Datum stimmt auch perfekt überein.“ Carl Bernstein bedauerte, dass es nicht mehr möglich war, Information aus erster Hand zu bekommen. „Weißt du was, Bob? Jammerschade, dass wir die damalige Heimleiterin nicht mehr befragen können. Das hätte uns sicher einen großen Schritt weiter gebracht. Vielleicht sogar bis ins Ziel.“ „Lebte sie noch, könnte sie uns bestimmt zeigen, wo der Schlüssel zur Lösung liegt. Und wenn wir es mit einigen Tricks aus ihr rauskitzeln müssten. Aber nun gut, das geht leider nicht mehr. Tote geben keine Geheimnisse mehr preis. Carl, machen wir uns wieder an die Arbeit - nutzen wir die Möglichkeiten, die wir haben.“ Bernstein legte achselzuckend den Ganghebel ein und lenkte den Wagen aus der Parklücke.

Im Fall des ‚Waisenhausmysteriums‘, wie sie selbst es in ihren viel gelesenen Kolumnen nannten, hatten sie in einer Sache zweifellos Recht. Und die Leser der Berichte fragten in ihren Zuschriften ebenfalls fast immer nur nach diesem einen rätselhaften Punkt. Warum eigentlich sollte der Sohn einer wohlhabenden Familie nach seiner Geburt zuerst einmal in ein Waisenhaus verbracht werden, wenn es um seine Herkunft nichts zu verbergen gab? Niemand konnte oder wollte zu dieser Sachlage eine ausreichende Erklärung geben. Das war das eine.

Andererseits konnte es aber ebenso möglich sein, dass dieses Kürzel ‚Dorian J. F.‘ in keinerlei Zusammenhang mit jenem Dorian Jeremias Freyman stand, um den es hier ging. Der Name Dorian war zwar nicht allzu geläufig im Land, aber es gab zu dieser Zeit auch genug männliche Nachkommen, die von ihren Eltern mit diesem Namen bedacht wurden. Und sogar an Mädchen wurde der Name vergeben, wenngleich auch sehr selten. Und ‚J.‘ war der Anfangsbuchstabe von Vornamen, die im Lande auch nicht gerade selten waren. Auch das ‚F.‘ konnte für alle möglichen Familiennamen stehen: Franklin, Freeman, Finder, Foreman, Field, Ford, Ferrer, Floyd - und weiß Gott wie viele andere mehr. Freyman musste es nicht zwangsläufig bedeuten. Ihr gutes Gespür für Ungereimtheiten und ihren Drang zu ebenso sauberer wie hartnäckiger Recherche hatten die zwei Zeitungsleute bereits dadurch nachgewiesen, dass sie den vorherigen Präsidenten, den von jedermann Tricky Dicky genannten Richard Nixon, zu Fall gebracht hatten. Trotzdem knabberten sie an der Causa Freyman, die ja offiziell eigentlich noch gar keine war, nun schon seit über zehn Jahren. Gerüchte, Verdächtigungen, Spekulationen, viel mehr war bisher nicht bekannt. Theorien dazu hatten sie mittlerweile einige, aber keine einzige davon war so richtig belastbar. Und noch viel weniger, beziehungsweise gar nichts, konnte bisher von ihnen eindeutig nachgewiesen werden. Schon in den Anfangsjahren der politischen Karriere des Dorian Freyman war die Unstimmigkeit über seine Geburt zum ersten Mal publik geworden. Damals konnte sie vor regionalen Wahlen noch immer so leidlich unter den Teppich gekehrt werden, da er als nicht sehr bedeutender Lokalpolitiker entsprechend weniger im direkten Rampenlicht stand. Und nach den jeweiligen Abstimmungen verlor sich jeder Verdacht ohnehin schon sehr bald wieder im politischen Alltagsgeschäft. Jetzt aber, da Freyman allerbeste Chancen dazu hatte, der neununddreißigste Präsident der Vereinigten Staaten zu werden, da war die Sachlage eine ganz andere.

Vor zehn Jahren noch hatte Dorian Freymans Mutter gelebt. Ihr zweiter Sohn erfüllte schon als Heranwachsender all ihre Wünsche, die ihr älterer Sohn John nicht einzulösen bereit war. Sie hatte es von diesem allerdings auch nie explizit verlangt. Wohlgemeinte Ratschläge hat sie ihm gegeben, die ihn auf die von ihr gewünschte Spur bringen sollte. Sie alle hatten nichts genutzt. Er ging seinen eigenen Weg. Sie nahm daher die Schuld daran auch ganz alleine auf sich. John war eben zum Sunnyboy geboren, man konnte nie böse mit ihm sein. Am allerwenigsten konnte sie es selbst. Aber John war John, und Dorian war eben einfach anders. Sie musste dem Jüngeren nicht einmal vorschlagen, was er tun sollte. Er tat es schon aus purem Eigeninteresse. Dass es seiner Mutter gefiel, war für ihn eine schöne Zugabe. Da standen unter anderem zu Buche das Jurastudium im elitären Harvard - statt Ökonomie an der weniger renommierten Columbia University; eine zurückhaltende Lebensführung, die ihrer gehobenen Stellung in der Gesellschaft bestens angepasst war - statt sich wiederholender erotischer Eskapaden; zukunftsorientierte Karriereplanung - statt die Dinge einfach auf sich zukommen zu lassen. Das alles gefiel ihr. Und dann, last not least, der politische Höhenflug. Die Freymans waren mit den Kennedys sehr gut befreundet. Nie ließ sich Dorians Mutter auf deren Partys anmerken, wie sie die glamouröse Familie darum beneidete, dass sie bereits einen Präsidenten im Stammbaum führte. Dass aber Dorian eines Tages auch einmal Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika sein wird, das war für Mrs. Freyman so sicher wie das Amen in der Kirche. Zur Feier seiner Promotion ließ sie ein rauschendes Fest arrangieren, als wäre er es gerade geworden.

Und es gab auch später noch Anlässe genug, ihren Sohn ausgiebig feiern zu lassen. Zum Beispiel als er hochdekoriert aus dem Krieg in Korea nach Hause kam. Er war bekannt als einer der besten Piloten der Air Force. Mehrfach hatte er durch seinen heldenhaften Einsatz Kameraden aus Lebensgefahr gerettet. Vor seiner endgültigen Rückkehr in die Vereinigten Staaten wurde der First Lieutenant Dorian Freyman noch für ein halbes Jahr nach Deutschland, in die oberbayerische Stadt Erding, abkommandiert. Es war im Sommer 1946, da hielt der Bürgermeister dieser Stadt die Laudatio, als die dort gerade in Gründung befindliche Wasserwacht Dorian Freyman zu ihrem Ehrenmitglied ernannte und er von der Stadt noch zusätzlich eine schmucke Ehrenmedaille überreicht bekam.

Zugesprochen wurde ihm beides, weil er, ohne Rücksicht auf die eigene große Gefahr, eine Gruppe von vier zwölf- bis dreizehnjährigen Schülern im Stadtpark aus dem Fluss gerettet hatte, ehe sie von dem heimtückischen Strudel vor einem Wehr in die Tiefe gezogen werden konnten. Besucher des Parks hatten ihm in buchstäblich letzter Minute ein Seil zugeworfen, kurz bevor der Sog ihn zusammen mit dem einzig noch nicht geretteten Schüler beinahe noch selber bis zum Grund hinabgezogen hätte. „Mister Freyman, es ist eine große Ehre für mich, Ihnen diese Medaille zu überreichen. Möge sie Ihnen als Erinnerung dienen für unseren Dank, so wie wir uns auch immer an Sie erinnern werden wegen Ihres tapferen und selbstlosen Handelns. Und wir bedanken uns darüber hinaus auch dafür, dass Sie die Ehrenmitgliedschaft unserer zukünftigen Wasserwacht angenommen haben. Ihre Mitgliedschaft wird deren Aufbau vorantreiben, weil der Stolz auf ein solches Beispiel an Mut und Entschlossenheit viele unserer jungen Burschen dazu ermutigen wird, in Ihre Fußstapfen zu treten.” Der Bürgermeister schüttelte dem Lebensretter unter dem Applaus der Bürger dankbar die Hand. Dorian Freyman war nur First Lieutenant, weil er eine militärische Karriere nie angestrebt hatte. Er war auch in der Air Force längst schon mehr Politiker als Soldat. Seine Antwort geriet auch entsprechend der des Bürgermeisters: schöne Worte ohne jegliche Verbindlichkeit. „Thank you so much for your warm words and the great honor. I will carry both of them to my country and hand them over to the people of the United States. God bless you, God bless my country, God bless America!”

Mrs. Freyman hatte durch ihren Einfluss dafür gesorgt, dass die Ehrung samt der emotionalen Rede durch fast alle Rundfunkstationen von der Ostküste bis hinüber zur Westküste übertragen wurde. Nur eine Woche später stiftete sie ihrerseits eine nationale Lebensrettungsmedaille. Die sollte an verdiente Mitglieder der Bay Watch und der Fire Rescue für besondere Leistungen vergeben werden: die ‚Dorian Freyman Medal of Honor‘. Bei allen weiteren finanziellen Stiftungen, bei denen sie selber im Rampenlicht stand, vergaß sie nie hervorzuheben, dass sie nur die Überbringerin sei, tatsächlich aber jetzt ihr Sohn Dorian Freyman hinter den Spenden stünde.

Alle Bemühungen, die Presse, das Volk, und vor allem den politischen Gegner, durch die Präsentation einer ehrenvollen und geradlinigen Vita davon abzubringen, sich weiter um die Widersprüchlichkeit bei Dorian Freymans Geburt zu kümmern, waren letztendlich vergebens. Dass er Mitglied einer Freimaurerloge sein sollte, das war nicht gesichert. Aber das war George Washington auch gewesen. Und so machte man auch kein großes Aufheben um diese unbewiesene Tatsache, die er selber niemals bestritt. Was dem ersten Präsidenten der USA billig war, das konnte auch einem zukünftigen recht sein. Man nahm es eher respektvoll, fast ehrfürchtig, zur Kenntnis. Es blieb die große Frage, ob er nun fünf Jahre jünger war oder älter. Ob er ein Freyman war - oder nicht. Ein Amerikaner - oder nicht. Und das fragten sich neben den interessierten Wählern in der Bevölkerung namentlich auch immer wieder die beiden Journalisten Bob Woodward und Carl Bernstein, die bei der Washington Post schon einmal mit der Aufklärung eines brisanten Falles für Furore gesorgt hatten. Eleonora Freyman, die sich nach dem unvermuteten Ableben ihres Mannes mit Gräfin ansprechen ließ, wurde von Woodward noch im Jahr ihres Todes mehrmals aufgesucht, zuletzt auf ihrem Alterssitz auf Long Island, um ihr das Geheimnis um die abweichenden Eintragungen zur Geburt ihres Sohnes zu entlocken. Kurz vor Ende des letzten Gespräches mit ihr, wollte er sie mit einem Coup zu einer Aussage provozieren. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass er mit dieser Taktik Erfolg gehabt hätte. Er glaubte, er könne sie überrumpeln und sie damit zu einem Fehler verleiten während ihrer Antwort. Sie könnte dadurch unbeabsichtigt etwas preisgeben. Damit rechnete er, als er ihr frech ins Gesicht sagte: „Wissen Sie was, verehrte Gräfin, Sie haben die amtlichen Daten in der Geburtsurkunde schlicht und einfach fälschen lassen. Mit Ihrer Autorität war Ihnen das leicht möglich. Ich weiß zwar noch nicht, warum Sie das getan haben, aber ich werde es noch herausfinden.“ Diesem unverblümten Vorwurf seinerseits folgte allerdings umgehend der Rauswurf ihrerseits. „Sie wissen wohl nicht, wen Sie vor sich haben? Solch eine impertinente, weil falsche Anschuldigung steht Ihnen keinesfalls zu. Wer sind Sie denn? Ich sage Ihnen nur eines: es käme Sie teuer zu stehen, wenn es nicht unter meiner Würde wäre, gegen einen Niemanden wie Sie vorzugehen. Verlassen Sie sofort mein Haus und wagen Sie nicht, es je wieder zu betreten, mein Herr!“ Damit war die Audienz auch schon beendet. Und immer, wenn sie jemanden mit ‚mein Herr’ betitelte, dann bedeutete das für den auf diese Weise ‚geehrten‘ nichts Gutes. Das war inzwischen allgemein bekannt. Ihre noch schnell nachgeschobene, unverhohlene Drohung, den unliebsamen Fragesteller durch einflussreiche Dritte gesellschaftlich ‚vernichten‘ zu lassen, falls er sie künftig nicht endlich in Ruhe ließe, nahm dieser so ernst, wie es angeraten war.

Woodward wusste sehr wohl, dass der Herausgeber der ‚Washington Post‘, Philip Graham, bis zu seinem Suizid in 1963, fast jeden Donnerstag sich mit seiner Gattin bei Mrs. Freyman zum gemeinsamen Kaffee getroffen hatte. Und dass diese Treffen zum gegenseitigen Austausch, nach seinem freiwilligen Tod, mit seiner Witwe, Katherine Graham, weitergeführt wurden. Wenn auch nicht mehr ganz so häufig, da Mrs. Graham jetzt nicht mehr so viel Zeit hatte. Ihr war die alleinige Führung des Verlages übertragen worden und sie war gut beschäftigt damit, das Unternehmen zu einem immer größer werdenden Medienimperium auszubauen. Schon eine Frau alleine kann einem Mann so zusetzen, dass er seines Lebens nicht mehr froh wird. Aber diesen zwei Damen mit ihrer Machtfülle ausgesetzt zu sein - da war Vernichtung eindeutig das Wort der Wahl. Auch Mr. Woodward war das klar. Und auch Carl Bernstein stimmte mit ihm darin überein, als Woodward ihm über seinen kalkulierten Fauxpas und dessen nicht erwartete Auswirkungen berichtete. Sie beide vermieden von da ab strikt, sich bei Aufenthalten in Long Island weiter als bis auf einen Straßenzug an das Haus der Gräfin am Bay Drive anzunähern. Und mit dem Freyman Building in New York hielten sie es vorsichtshalber auf die gleiche Weise. Feigheit konnte man das sicher nicht nennen, was sie dazu veranlasste. Es war ganz einfach der gesellschaftliche Selbsterhaltungstrieb; der völlig verständliche Wunsch, ihre Stellung in der Öffentlichkeit nicht zu verlieren. Gegen einen so übermächtigen Gegner. Mrs. Freyman jedenfalls blieb von den zwei Journalisten die letzten Monate, Wochen und Tage ihres Lebens unbehelligt. Und von all den wenigen Personen, die Kenntnis hatten zu den Umständen um Dorian Freymans Geburt, nahm sie ihr Geheimnis als erste mit ins Grab.

Schon die Jahre zuvor hatten die beiden Zeitungsleute im Rahmen ihrer Nachforschungen auch immer wieder versucht, Heiminsassen ausfindig zu machen, die um die Zeit der besagten Eintragung dort gemeldet waren. Vielleicht konnte sich ja einer von denen daran erinnern, was in jener Nacht im Heim vor sich gegangen war. Wer da zu später Stunde gebracht wurde und Mitbewohner wurde. Dass er gar Zimmernachbar für jemanden geworden sei, das war eher unwahrscheinlich. Denn Kleinkinder waren in einem eigenen Flügel des Hauses untergebracht. Schon allein die Suche nach diesen Personen, die vor so langer Zeit in dem Waisenhaus untergebracht waren, hatte sich äußerst schwierig gestaltet. Von den weiblichen Aspiranten hatten wohl die meisten geheiratet und trugen inzwischen andere Namen; sie waren daher unter ihrem ursprünglichen Mädchennamen her nicht mehr auffindbar. Und wenn sie endlich eine dieser Frauen gefunden hatten, deren Name auf der Belegungsliste angegeben war, und von der sie glaubten, sie müsste dort auch einige Zeit verbracht haben, dann kannte die oft nicht einmal das Home of the Children. In dem sollten sie als Jugendliche aber angeblich gewesen sein - und nach dem wurden sie nun von den zwei Zeitungsleuten nach so langer Zeit gefragt. Nicht eine einzige der Befragten konnte sich an eine Jugendzeit in einem Waisenhaus erinnern.

Das Aufstöbern von männlichen Heiminsassen jener Zeit war dagegen etwas leichter. Aber deshalb noch lange nicht ergiebiger. Die undurchsichtige Geschichte lag schließlich auch schon Jahrzehnte zurück. Klar, wenn tagsüber ein Heranwachsender ins Heim gebracht wurde, dann war man schon mal neugierig und betrachtete ihn oder sie genauer, wenn sich die Gelegenheit dazu ergab. Weil es um einen neuen Spielkameraden oder eine Spielkameradin ging, auf die man einfach gespannt war. Aber für neu ankommende Babys interessierte sich eigentlich kaum jemand. Vor allem aber machte der Zeitpunkt der Ankunft dieses Babys, nach dem gefragt wurde, jegliche Erinnerung unmöglich. Zu dieser weit vorgerückten Stunde mussten alle Heimbewohner, die nicht zum Personal gehörten, bereits in ihren Betten liegen. Ob Mädchen oder Junge. Die Jagd nach Informationen im Umfeld des Waisenhauses wäre durch die Befragung der damaligen Heimleiterin sicher am erfolgreichsten gewesen. Aber die Dame war leider schon seit langem verstorben.

„Bob, wir kommen nicht weiter auf dieser Schiene. Die paar Leutchen, die wir ausfindig gemacht haben, wissen einfach nichts mehr darüber. Ich habe nicht den Eindruck, als ob auch nur ein einziger von ihnen sich an irgendeine signifikante Begebenheit erinnern hätte können, geschweige denn, bewusst eine Erinnerung zurückbehalten hätte.“ „Du hast Recht, Carl, diese Schiene führt auf ein Abstellgleis“, erwiderte Woodward lapidar. Damit war zu der Suche nach ehemaligen Heimbewohnern alles Nötige gesagt. In dieser Richtung war die Suche nach Klarheit im Sande verlaufen und wurde daher von den beiden nach dieser Unterhaltung auch vollständig fallen gelassen. Locker lassen im ‚Waisenhausmysterium‘, oder gar ganz aufgeben, das wollten sie dennoch auf gar keinen Fall. „Wer zum Teufel ist dieser Mann, der sich Dorin Freyman nennt, Bob? Und warum war er, verdammt nochmal, in diesem Haus für Waisenkinder? Als Sohn der Freymans! Oder ist er doch gar nie dort gewesen?“ „Wir werden es herausfinden, Carl - und wenn wir dafür die ganze Stadt auf den Kopf stellen müssen.“ „Die ganze Stadt auf den Kopf stellen? Na ja, du meinst sicher, außer Long Island Bay Drive und außer einem gewissen Karree an der Pearl Street…“ Bob Woodward knurrte wie ein Hund, dem man unter der Schnauze den Fressnapf wegzieht. Dann bezeichnete er Mrs. Freyman mit einem Ausdruck, den die Gräfin sicher als höchst ungebührlich zurückgewiesen hätte. Die zwei Aufklärer wandten sich in der Folge wieder anderen Aspekten der Affäre zu. Die vielen Einzelteile, die sie beharrlich ansammelten, gedachten sie irgendwann zu einem aussagekräftigen Bild zusammenzusetzen.

Noch einen weiteren beachtenswerten Punkt gab es neben der Sache mit dem Waisenhaus. Für die beiden rastlosen Reporter war auch die Tatsache hoch interessant, dass Elenora Freyman sich im Alter von über sechzig Jahren einen dreißig Jahre jüngeren Mann ins Haus geholt hatte. Der galt offiziell als Erzieher für den zu dieser Zeit vierzehnjährigen Dorian, als Ersatz für dessen verstorbenen Vater. Es wurde aber schon zu jener Zeit gemunkelt, als diese Liaison erstmals bekannt wurde, dass dieser attraktive Herr für die nach wie vor lebenslustige Witwe wohl auch für die einem Gatten entsprechende Funktion zuständig sei. Den Gedanken daran, dass er als Vater für Dorian Freyman in Frage käme, verwarfen die beiden Journalisten nie völlig, obwohl es ihnen manches Mal doch mehr als unwahrscheinlich schien. Vage Hinweise gab es. Sehr vage. Verdächtig kam ihnen in diesem Zusammenhang vor, dass genau diesem ehemaligen Ziehvater vor einigen Jahren eine bestens dotierte Stelle im Justizministerium zugesprochen wurde. Und zwar just während der Zeit, in der Dorian Freyman das Amt des Justizministers innehatte. Dem eigenen Vater ließe man über seine Beziehungen ganz gewiss eine solche Stelle zukommen. Aber mehr als eine Überlegung war auch das nicht. Denn dieser ehemalige Mentor an Vaters Stelle, den der Minister Freyman ins Amt berief, kam aus dem Polizeidienst, den er von der Pike auf gelernt hatte. Für seine spezielle Aufgabe im Ministerium war er qualifiziert wie kaum ein anderer. Und auch diesen Mann auf ihrer umfangreichen Liste hatten sie mehrfach befragt, waren bei ihm jedoch ebenfalls auf nichts als Ablehnung und Schweigen gestoßen. Wie sie es auch anstellten. Nur ein einziges Mal hatte er ihnen zwischen Tür und Angel unwirsch geantwortet und gesagt, er habe mit dieser Angelegenheit nichts zu tun und sei auch keinesfalls der leibliche Vater von Dorian Freyman. „Mister, wollen Sie in ihrem Alter nicht reinen Tisch machen und uns sagen, was Sie über die Angelegenheit wissen? Glauben Sie nicht, es ihnen selber schuldig zu sein?“ Ein forscher Appell an die Ehre, den Carl Bernstein an den distinguierten Herrn im eleganten Hausmantel richtete. Ebenso forsch wie dieser Appell war, so kaltschnäuzig und frech war er auch. Denn sie konnten dem unbescholtenen Mann ja nicht einmal das Geringste vorwerfen. Der Fragesteller hatte seinen Fuß in der Tür, der andere, Woodward, setzte sein unschuldigstes Gesicht auf. Es sollte Absolution versprechen für jeden möglichen Frevel, den der Befragte in der Vergangenheit begangen haben könnte und jetzt endlich eingestehen sollte. Eine mögliche Absolution, die durch nichts anderes autorisiert war, als durch die Arroganz der Journalisten. „Meine Herren, es gibt nichts in meinem Leben, was ich mir vorzuwerfen hätte. Vor allem nicht die von ihnen unterstellte Vaterschaft - und damit basta“, murrte der Mann, der sie erst gar nicht in seine Wohnung gelassen hatte. Carl Bernstein nahm schnell seinen Fuß aus der Tür, als sie von dem auf gut Glück beschuldigten Privatier energisch zugedrückt wurde. Pech gehabt.

Es klang ihnen hinreichend glaubhaft, zumal was die Kindszeugung betraf. Trotz der Existenz einiger Hinweise, die auch dafür sprachen. Doch gerade alle diesbezüglichen Indizien waren und blieben mit großen Fragezeichen versehen. Fragezeichen sogar mit Ausrufezeichen kombiniert, wenn es so ein Doppelzeichen denn überhaupt gäbe. Aber dass der inzwischen über sechzig Jahre alte Mann ihnen über die undurchsichtige Angelegenheit um seinen ehemaligen Zögling, den Senator Freyman, viel mehr hätte berichten können, als er es wollte und es auch tat, davon ließen sie sich nicht abbringen. Von nichts und niemandem. Und so beschlossen sie, so lange in dem vermeintlichen Morast weiter zu stochern, bis sie eine plausible Erklärung für alles gefunden hätten. Bis sie, durch stichhaltige Beweise abgesichert, diese Fragen definitiv beantworten könnten: Wurde bei der Geburt des Senators, der als Dorian Freyman bekannt war, etwas verschleiert? Und wenn ja, warum wurde es getan und wem nützte es? Wer war dieser Mann also wirklich?

*****

Rätselhafter Mord in Hendersonville

Hier konnte man nichts mehr machen. Gar nichts mehr. Bereits auf den ersten Blick war ihm das klar geworden. Dazu brauchte man auch gewiss keine besonderen medizinischen Kenntnisse. Schon der Anblick war so entsetzlich und erschütternd, dass Gregory Delano urplötzlich das scheußliche Gefühl hatte, sein Magen drehe sich gerade um. Während ihn im gleichen Moment ein heftiger Würgereiz plagte. Der in New York ausgebildete Cop, jetzt Sheriff in Hendersonville, hatte in seinem Leben schon viele Abscheulichkeiten gesehen. Aber was Gregory Delano hier zu Gesicht bekam, das raubte ihm schier die Fassung. Es schien nicht nur das Ergebnis brutaler Gewalt; es konnte nur der finale Akt einer rasenden Blutrunst gewesen sein. Die Tat eines barbarischen Sadisten, einer wahren Ausgeburt der Hölle. In diesem ersten, so verstörenden Augenblick ahnte der junge Polizist nicht ansatzweise, in welchem Ausmaß dieses scheußliche Verbrechen bald sein eigenes Leben beeinflussen und durcheinanderwirbeln sollte.

Gregory Delano hatte im Jahr 1926 mit seinen erst einundzwanzig Jahren auf eine vielversprechende Karriere im New Yorker Police Department verzichtet. Stattdessen hatte er, aus ganz persönlichen Gründen, den Posten des Sheriffs in dem kleinen Örtchen Hendersonville in West Virginia übernommen. Im Lauf der Jahre hatte er die Stadt zu einem schon fast beschaulichen Hort der Sicherheit gemacht. Noch nie seit seinem Dienstantritt hatte es eine Bluttat in dieser grausigen Brutalität gegeben. Jetzt schwor er angesichts des grausigen Anblicks beim Leben seiner Mutter - und gleich auch noch beim Leben seiner Großmutter - den Täter unter allen Umständen schnell zu fassen und zur Rechenschaft zu ziehen. Das war er seiner Ehre schuldig. Schließlich war er italienischer Abstammung und hatte den Stolz schon mit der Muttermilch eingesogen. Ich krieg dich - tot oder lebendig! – dieser in leidenschaftlicher Entschlossenheit gefasste Vorsatz war nicht nur ein banaler Schwur, es bedeutete für ihn nichts weniger als ein heiliges Gelübde. ‚Tot oder lebendig‘. In der Aufgebrachtheit des Moments war der zweite Teil der Formel ‚…oder lebendig‘ eine rein theoretische Möglichkeit, die er erst gar nicht ernsthaft in Erwägung zog.

Diesen Eid leistete der sonst eher besonnen und kühl agierende Sheriff nicht nur wegen der verübten Grausamkeit gegenüber dem vor ihm liegenden Opfer. Er tat es vor allem deswegen, weil der Leidtragende kein Unbekannter für ihn war. Der Tote, der so unfassbar barbarisch und schändlich zugerichtet vor ihm lag, war sein langjähriger guter Freund. Es war John Freyman. Der ältere Junior, wie ihn manche in Anspielung auf seinen viel jüngeren Bruder Dorian nannten, von dem man nicht so genau wusste, ob er tatsächlich sein Bruder war. Schon seit ihren frühesten gemeinsamen Kindertagen in New York waren John und er besonders enge Kumpels gewesen. Das hatte seine Gründe. Vertraute, Verbündete waren sie - ungeachtet der Tatsache, dass John zehn Jahre älter war als er. John war sein allerbester Freund gewesen, schon mehr so etwas wie sein eigener Bruder. Der bohrende Schmerz über den unersetzlichen Verlust eines so nahestehenden Menschen fachte seinen Zorn auf den Mörder an, so wie Sturm einen Steppenbrand.

John Freyman war über all die Jahre seiner Ansässigkeit in Hendersonville zum großzügigen Gönner dieser beschaulichen Stadt geworden. Durch ein ganz besonderes und einzigartiges Zusammenspiel zwischen Topologie und Fauna auf seinem hiesigen ausgedehnten Besitztum hatte er, der schon von Haus aus wohlsituiert war, noch zusätzlich ein gewaltiges Vermögen gemacht. Gregory Delano wiederum hatte wegen ihm seine aussichtsreiche Zukunft im New Yorker Polizeiapparat aufgegeben und gegen den vakanten Sheriffsposten in Hendersonville eingetauscht. Nur um in der Nähe seines Jugendfreundes John leben zu können. Jetzt lag dieser Freund, in Rückenlage und in erbärmlich zugerichteten Zustand, vor dem Sheriff auf seinem Bett: mausetot, starr, und bettelarm. All sein bisheriges Eigentum gehörte bereits seinen Erben. Und das einzige, was ein Toter noch besitzen kann, seine Würde - derer hatte man ihn auch noch beraubt. An den beiden Handgelenken war John Freyman, mit weit ausgestreckten Armen, an die zwei oberen Bettpfosten gefesselt. Die Fußknöchel waren festgebunden an den zwei unteren. Die abgeschürfte, blutunterlaufene Haut an den Stellen, an denen die dünnen Lederriemen angelegt waren, zeugte von verzweifelten Versuchen, sich zu befreien. Sein wachsgraues Antlitz war versteinert zu einer schmerzverzerrten Totenmaske.

Der Anblick eines solchen Gesichtes, das in der Sekunde des Todes die letzte Pein widerspiegelt, war nicht wirklich neu für den Sheriff. Der Grund für die unendliche Abscheu, die er für den abartigen Mörder empfand, das war der erbarmungswürdige Zustand des Leibes von John Freyman. Mit einem langen glatten Schnitt hatte ihm der Täter ab dem letzten Rippenbogen die Bauchdecke aufgeschlitzt, bis hinunter zum Schambein. Sein Penis samt Hoden lag, in Blut getränkt, wie in jähem Zorn hingeschleudert, am Boden, auf dem Bettvorleger. Auf der weißen Marmorplatte des Nachttisches befand sich ein blutverschmiertes, übergroßes Messer. Bei einem Pferdemetzger hatte der Sheriff eines in ähnlicher Größe vor einiger Zeit schon einmal gesehen. Offenbar mit einem in das Blut des Opfers getauchten Finger waren auf die milchig schimmernde Steinplatte undeutlich drei einzelne Worte hingeschmiert. Erst bei genauerem Hinsehen konnte Sheriff Delano sie schließlich unzweideutig erkennen: ‚tit for tat‘, Zug um Zug.

Das Gedärm und andere Eingeweide waren teilweise aus der gewaltsam gezogenen Körperöffnung herausgequollen. Und mit dem blutverschmierten Messer auf dem Nachtkasten waren sie allem Anschein nach freigelegt worden. An einigen Stellen sah es so aus, als ob in dem offenliegenden Bauchinhalt herumgewühlt worden sei. Als ob man darin etwas gesucht hätte - oder die Innereien einfach mit kruder Lust durcheinander bringen wollte. Eindeutig war das nicht erkennbar; hier war dann doch medizinischer Sachverstand vonnöten. Der Arzt, der den Totenschein ausstellt, musste darüber befinden. Der sollte jetzt ganz schnell kommen, am besten gleich zusammen mit dem Bestatter. Schon krochen im warmen Licht der Morgensonne die ersten, schillernd glänzenden Fliegen im halbgetrockneten Blut auf den Innereien herum. Gregory wandte sich angeekelt ab. Er hielt sich die Hand vor den Mund und drückte mit Daumen und Zeigefinger die Nasenflügel gegeneinander. Der penetrante Geruch beginnender Verwesung war nur schwer zu ertragen. Dennoch trat er rasch noch einmal an seinen verstümmelten Freund heran und drückte ihm als letztmöglichen Freundesdienst die Lider über die weit aufgerissenen Augen. Gregory schämte sich kein bisschen darüber, dass seine Hände dabei leicht zitterten. Warum sollte er auch? Es war der sichtbare Ausdruck seines tiefen Mitgefühls für John. Ausdruck auch des Leids, das ihm selber durch den Tod des besten Freundes zugefügt worden war. Mit einem letzten kurzen Kopfnicken nahm er Abschied vom so eng vertrauten Freund. Seine Kehle fühlte sich an wie zugeschnürt. Mit dem schlechten Gefühl, seinen Gefährten jetzt für immer alleine zu lassen, wandte er sich ab und begab sich hinüber zur anderen Seite des Bettes. Dort lag, gleich daneben auf dem Boden, die Gattin seines Freundes. Sie hatte der Mörder immerhin nicht so grausig verstümmelt.

Erst den Tag davor hatte John sie geehelicht. Es war keine gewöhnliche Hochzeit, ein rauschendes Fest war es gewesen. Nicht einmal die Feier zur Aufhebung der Prohibition eine Woche zuvor hatte da mithalten können. Vor der Trauung hatte Mrs. Freyman noch Sandra Brown geheißen; und alle unverheirateten Männer in Hendersonville hatten sich bis zu diesem amtlich besiegelten Zeitpunkt noch immer Hoffnung auf die Gunst dieser so attraktiven jungen Frau gemacht.

Und nicht nur die unverheirateten, auch eine bemerkenswerte Anzahl der verheirateten Männer in der Stadt spielte mit dem Gedanken, sie für sich zu gewinnen. So manch einer von ihnen hätte für die schöne Sandra ohne Bedenken seine Frau verlassen – und einige auch trotz ihrer Bedenken. In Gedanken waren viele Ehemänner in der Stadt ihren angeheirateten Damen wegen Sandra schon längst untreu geworden. Und diese Ausflüge in ihre amourösen Luftschlösser waren auch nicht ganz unverständlich. Sandra Brown war eine junge Frau, bei deren Anblick man unwillkürlich innehielt. Und das ging nicht nur Männern so, aber denen natürlich ganz besonders. Und Sandra machte das sogenannte starke Geschlecht, was das Verhältnis zu ihr betraf, im Handumdrehen zum schwachen. Sie verdrehte ihnen völlig den Kopf. Auch die Frauen verfielen ihr insgeheim, versuchten, ihr nachzueifern. Sie fingen an, das Haar so zu tragen wie sie, ihren Kleidungsstil zu imitieren oder gar ihre Sprechweise nachzuahmen. Vor allem bei jenen Damen, die von der Natur bezüglich ihres Aussehens eher stiefmütterlich bedacht waren, wirkte solch Nachäfferei geradezu peinlich. Sandra Brown war eine außergewöhnlich attraktive Erscheinung, zu der es in ganz Hendersonville keinerlei Entsprechung gab. Und sicher auch keine, hätte man ein weitaus größeres Umfeld zu solchen Vergleichen mit einbezogen. Und sei es gleich das ganze County.

Ein schönes, ebenmäßiges Gesicht, als hätte es ein Maler nach seinen Idealvorstellungen auf Leinwand gebannt. Kindliche Züge im heranreifenden Antlitz, die in jedem Mann sofort den Beschützerinstinkt wachriefen. Augen in einem strahlenden Grün, die geheimnisvoll aufzuflammen schienen, wenn sie jemanden ansah. Augen, die den Eindruck vermittelten, sie könne einem damit direkt in die Seele schauen - und die einem gleichzeitig vorgaukelten, Einblick in ihre eigene zu geben. Eine wohlgeformte Nase, die Haut wie Alabaster. Das engelhafte Angesicht eingerahmt in schulterlanges, ganz leicht gelocktes, hellblondes Haar; mit natürlich eingewebten, fast weißen Strähnen. Im Licht der Sonne loderte diese Haarpracht in einem eigentümlichen Glanz. Manche ihrer bekennenden Verehrer versicherten in heillosem Überschwang: „Man muss erst in persönlichem Kontakt mit ihr treten und dabei ihre liebenswürdige Natur und ihre menschliche Wesensart kennenlernen, um sie nicht einer ganz anderen Welt zuzuordnen.“ „Ja, da ist schon ein bisschen was dran, trotzdem muss man nicht gleich so übertreiben“, sagten kopfschüttelnd die eher nüchtern denkenden Menschen dazu.

Die von so vielen begehrte vormalige Sandra Brown, mit dem vielgerühmten Engelsgesicht, lag jetzt völlig reglos vor Gregory Delano, halb auf die Seite gedreht; auf dem blutbesudelten Bettvorleger neben ihrer zerwühlten Schlafstatt. Ihre Augen waren geschlossen. Mit einem Strick um Beine und Bauch war sie an den Fuß an der Stirnseite des Bettes gebunden. Nichts an ihr glich mehr einem überirdischen Wesen aus einer anderen Welt. Blutverschmiertes Haar hing ihr strähnig und glanzlos ins Gesicht. Nichts darin loderte mehr. Ihr Nachthemd, halb hochgezogen, über und über beschmutzt durch bräunliche und rötliche Flecken von getrocknetem und halb getrockneten Blut. Offene, an den Rändern teilweise bereits schwarz-rot verkrustete Wunden an rechtem Arm und Oberschenkel. Kein schöner Anblick. Gregory Delano, auch einer dieser bis gestern noch hoffnungsvollen Unverheirateten, sah, dass die Frau eine bedrohliche Menge an Blut verloren haben musste. Auf einen ersten Blick aber konnte er nur am rechten Arm und am rechten Oberschenkel längere Schnittwunden erkennen. Er kniete sich nieder, beugte sich über sie und legte seinen Handrücken auf ihre Halsschlagader. Es schien noch Leben in ihrem Körper zu sein. Der Puls ging langsam. Er war so flach, dass Delano ihn kaum noch zu spüren vermochte. Vielleicht konnte ihr noch geholfen werden. Fachkundige Hilfe müsste ihr aber binnen kürzester Zeit zuteilwerden, wenn die Erhaltung dieses Lebens halbwegs Aussicht auf Erfolg haben sollte. Davon war der erfahrene Polizeimann überzeugt. Der flauschige Vorleger, auf dem Mrs. Freyman ausgestreckt lag, war in seiner ganzen Länge blutdurchtränkt.

Hastig richtete sich der Sheriff auf und drehte sich um. Jetzt ging es um Minuten. In der Tür zum Schlafgemach stand immer noch Paco, der Hausverwalter und Diener, der ihn am frühen Morgen aus der Stadt geholt hatte. Der war es auch gewesen, der seine Herrschaften beim Versuch, ihnen das Frühstück ans Bett zu bringen, im jetzigen Zustand vorgefunden hatte. Ein ziemlich zeitiges Frühstück für den Morgen nach einer Hochzeitsnacht. Aber die Freymans wollten nicht allzu spät aufstehen. Es war eine längere Hochzeitsreise quer durch Europa geplant. Für einen der beiden, für John Freyman, war die geplante Reise schon beendet, bevor sie überhaupt begonnen hatte. Er hatte bereits seine allerletzte Reise angetreten, ohne Begleitung. Für die andere, für Sandra Freyman, stand das Ende der Reise noch nicht unumstößlich fest. Noch war das Schicksal dabei, den Fahrplan auszuarbeiten.

„Paco, subito, mach ganz schnell, sag deiner Frau, sie soll rasch einen der Pickups direkt vor die Tür fahren; nein, nicht irgendeinen, sie soll den Chevy nehmen, der hat die größte Ladefläche von allen; und du kommst dann sofort zurück, um mir hier zu helfen. Wir müssen die Lady so schnell wie nur irgend möglich in die Stadt bringen.“ „Sí, Señor Sheriff, ya voy“, murmelte Paco eilfertig, drehte sich auf dem Absatz herum und hastete in einem Tempo die Treppe hinunter, dass seine Sporen nur so schepperten. Paco trug die versilberten Messingsterne selbstverständlich nur aus Tradition - als Schmuck. John Freyman hätte niemals geduldet, dass er mit diesen stacheligen Dingern eines der Pferde auch nur berührte. Bald hörte man Paco, wie er die Anweisung des Sheriffs wortreich an seine Frau Carmen weitergab; in seinem schnell und nuschlig herausgequirlten Kastilisch, bei dem nur seine Ehefrau auf Anhieb jedes Wort verstand, weil sie es von ihm seit jeher nicht anders gewöhnt war. „Pero rápido! Y no lo olvidas: el Chevy!“, rief er ihr noch nach, ehe er selber wieder die breite geschwungene Treppe hochrannte. Wieder erklang der klirrende Wirbel seiner Sporen. An ihrem stakkatoartigen Rhythmus konnte man erkennen, dass auch er es drängend eilig hatte. Ihm lag sehr am Leben Sandra Freymans. Das Überleben seiner Herrin konnte ihm seinen Job sichern, ihr Ableben aber vielleicht dessen Verlust bescheren. Neben diesen existenziellen Angelegenheiten bekümmerte den Angestellten zusätzlich eine Frage, und zwar bezüglich einer Beobachtung am Abend zuvor. In Zusammenhang mit dem jetzigen Zustand seiner Arbeitgeber erachtete er sie selber alles in allem für möglicherweise sehr wichtig. Aber er war sich wiederum nicht sicher, ob er seine Wahrnehmung vom Abend zuvor dem Sheriff anvertrauen, oder sie lieber für sich behalten solle.

Gregory Delano hatte inzwischen Sandra Freyman, die gestern noch Sandra Brown hieß, vom Fuß des Bettes losgebunden. Er fasste sie an den Schultern vorsichtig unter die Arme, während er Paco mit einer Kopfbewegung bedeutete, sie an den Füßen hoch zu nehmen. Dann trugen die zwei Männer, so vorsichtig wie möglich, den Körper der bewusstlosen Frau Stufe für Stufe die Treppe hinunter; hinüber zur offen stehenden Eingangstür bis hin an den bereitstehenden Lieferwagen. Begierig atmete der Sheriff die frische Luft des jungen Morgens in seine Lungen. Nach dem Aufenthalt im Zimmer mit John Freymans Leichnam wirkte der Sauerstoff auf ihn wie ein belebendes Elixier. Der Motor des Chevrolets tuckerte bereits brummelnd im Leerlauf und Pacos Frau wartete breitbeinig auf der Ladefläche stehend, um den zwei Männern beim Hochhieven ihrer Herrin zu helfen. Bevor sie den Wagen dicht vor die Türe rangiert hatte, musste sie noch schnell mehrere Arme voll Heu auf die hölzerne Pritsche geworfen haben, damit man die Verletzte für den Transport so schonend wie möglich betten konnte. Gregory Delano nickte ihr anerkennend zu, als er es bemerkte. Carmen errötete vor Stolz. Nachdem der Oberkörper von Sandra Freyman auf den Wagen gebettet war, schwang sich auch der Sheriff hinauf. Mit größter Vorsicht zog er, zusammen mit Carmen, die Bewusstlose so tief auf die Ladefläche hinein, dass Paco die hintere Bordwand schließen konnte.

Der schwarzgraue Dienstwagen des Sheriffs und die alte viertürige Ford Limousine, mit der Paco in die Stadt gefahren war, um Delano zu benachrichtigen, standen immer noch mitten auf dem Weg. Hastig und achtlos hatte man sie stehengelassen, zwischen dem Haupthaus, den Pferdeställen und dem weit offen stehenden Haupttor. Ohne dass man ihn dazu auffordern musste, sprang Paco nach vorne, riss die Tür des Pickup auf und schwang sich auf den Fahrersitz. Noch bevor er das Kupplungspedal ganz durchgetreten hatte, stieß er den Ganghebel nach vorne. Krachend schoben sich die Zahnräder ins Getriebe. Der Motor heulte auf, als Paco Mendez das Gaspedal bis zum Anschlag durchdrückte und auf das große, offen stehende Portal zusteuerte. Im scharfen Slalom, nur knapp zwischen den beiden anderen Wagen hindurch. Vorbei an den alten Eichenbäumen auf den schmalen, ungeteerten Weg hinaus, der entlang des Flusses zur Stadt führte. Maria Vargas, die chilenische Köchin, saß - schon seit sie die niederschmetternde Nachricht vom Tod ihres Lieblings bekommen hatte - tief gebeugt neben dem Tor auf dem Brunnenrand und lamentierte unablässig vor sich hin. Die zwei polnischen Stallknechte standen belämmert in ihrer Nähe herum und konnten kaum fassen, was sie ihnen gerade vorher erzählt hatte. Dem Hausmädchen hatte man bisher noch nichts gesagt.

„Yah, vamos, yah, ho, ho, ho…” Paco gebärdete sich, als säße er auf einem Kutschbock und müsse die vorgespannten Pferde zu höherem Tempo anfeuern. Als ginge es nicht um die schwer verletzte Frau hinten auf dem Wagen, sondern um sein eigenes Leben. Gregory Delano hatte inzwischen Mrs. Freyman schützend in seinen rechten Arm genommen, um sie notdürftig festzuhalten; mit dem anderen klammerte er sich selber an der Seitenwand fest. Durch Pacos rasante Fahrt und das damit einhergehende heftige Schaukeln des Wagens rutschten die Beine der drei Mitfahrer auf der Ladefläche immer wieder von einer Seite zur anderen. Carmen hielt sich mit einer Hand an der Bordwand hinter der Fahrerkabine fest, während sie mit der anderen versuchte, wegdriftende Heubüschel wieder unter die Verletzte zu stopfen.

„Adónde vamos?“, schrie Paco mit einem schnellen Blick durch das Rückfenster, als sie in die Nähe der Abzweigung an der Brücke kamen, über die man von Hendersonville nach Charleston gelangte, der Hauptstadt des Staates West Virginia. Nur, um sich zu vergewissern - oder auch nur, um etwas gesagt zu haben. „Zu Doktor Smirnow, in die Stadt - vor der Poststation!“, rief Gregory Delano kopfschüttelnd nach vorne ins Fahrerhaus hinein, „wohin denn sonst?“ „Bueno, esta claro“, erwiderte Paco, ohne nochmals den Kopf nach hinten zu wenden. Er ärgerte sich, überhaupt gefragt zu haben. Aber es hätte ja auch sein können, dass der Sheriff mit der verletzten Frau in das weiter entfernte Bluefield wollte, wo es mehr als einen Arzt gab und sogar ein richtiges Krankenhaus. Oder gleich weiter in die Hauptstadt des Countys, nach Charleston. Dort wäre die Versorgung seiner Herrin sicher die allerbeste gewesen. In diesem Fall hätte er dann an der alten Holzbrücke erst einmal nach links, Richtung Princeton, abbiegen müssen, statt nach rechts, wo die Straße nach Hendersonville hinein führte. Und dann hätte er einmal auf dem neuen State Highway mal den Wagen so richtig laufen lassen können. Was schon immer sein Wunsch gewesen war, der sich auch heute nicht erfüllen sollte.

Na gut, in diesen anderen Fällen wäre der Weg schon erheblich weiter gewesen, vor allem nach Charleston. Der Sheriff wusste sicher genau, was das Beste für seine schwer verletzte Arbeitgeberin war. Und wenn er die heftige Rumpelei auf seinem weich gepolsterten Sitz in Betracht zog, dann konnte er sich umso besser vorstellen, wie übel es hinten auf der harten Ladefläche für seine Mitfahrer zugehen mochte. Das war kaum zumutbar für eine längere Fahrt. Ja, nach Hendersonville, zu dem russischen Arzt, das war wohl wirklich die vielversprechendste Adresse für das Überleben seiner Herrin. Der Sheriff hatte wohl Recht.

Es war Pacos Art, die Entscheidungen anderer auch zu seinen eigenen zu machen. Damit war er immer gut gefahren, es vereinfachte sein Leben immens. Klarer Widerspruch, oder sonst eine eigene Meinung zu haben, war ihm qua Geburt als Mexikaner in diesem Land der weißen Herren ohnehin verwehrt. Diese Erfahrung hatte er gemacht. In diesem Land gemacht, das sich als ‚Erfinder der Menschenrechte‘ sieht, wie er es öfter bei Treffen unter Gleichgesinnten vorbrachte. ‚Sie sagen Menschen, meinen aber nur vermögende Gringos‘, warf er in solchen Diskussionen schon mal abschätzig ein. Opportunismus mag für einen freien, unabhängigen Menschen eine abzulehnende Charaktereigenschaft sein. Einem in die Abhängigkeit hineingeborenen Menschen muss man sie aber als oft einzig mögliches Mittel zur Verbesserung seiner Lebensumstände zugestehen.

Die wilde Fahrt ging weiter. Pacos rechter Fuß verharrte bleiern auf dem Gaspedal. Der Wagen schaukelte hin und her, schleuderte hin und wieder ganz leicht. Aber Paco hielt ihn mit beachtlichem Geschick in der Spur. Gregory Delano war inzwischen hin und hergerissen zwischen dem Gedanken an die zügige Aufklärung des Falles, dem Gesetz zur Genüge, zur eigenen Ehre und zu Ehren des Freundes einerseits. Und andererseits dem Gedanken an eine Möglichkeit, die sich gerade vor ihm auftat. Ein Gedanke, der sich gerade verschämt in sein Gehirn einnistete. Nämlich die durch den überraschenden Mord jetzt verwitwete Sandra Freyman zu ehelichen - nach einer gewissen Anstands- oder Schamfrist natürlich, und vorausgesetzt, sie würde ihre Verletzungen überleben. Diese Dame war plötzlich von der vorher lediglich wunderschönen und jungen Frau jetzt noch zusätzlich um ein riesiges Vermögen aufgewertet worden. Und genau dieses Wesen lag jetzt hilflos und völlig unerwartet in seinem Arm, auf seine Fürsorge angewiesen.