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Das Jahr 1989 hat Europa völlig verändert und beeinflusst die Entwicklung auf dem Kontinent bis heute maßgeblich. Damals fiel der Eiserne Vorhang, Deutschland wurde wiedervereinigt, die Grenzen öffneten sich - und das alles, ohne dass ein Schuss fiel. Joachim Jauer traf als Journalist die Wegbereiter der Wende in der DDR, Polen, der Tschechoslowakei oder Ungarn und beobachtete hautnah die dramatischen Umbrüche der ersten Monate und Jahre. In diesem Buch lässt er die Vorgeschichte und den Verlauf der Wende lebendig werden und zieht spannende Linien bis zu den aktuellen politischen Entwicklungen in Ostdeutschland, aber auch in den Staaten Ostmitteleuropas. Ein Standardwerk zur Wende und eine scharfe Kritik an der Okkupation des Erbes von 1989/90 durch populistische Kräfte. Mit Beiträgen u.a. von Basil Kerski, Václav Malý, Richard Schröder, Frank Richter, Wolfgang Thierse.
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Seitenzahl: 440
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Joachim Jauer
Die halbe Revolution
1989 und die Folgen
© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2019
Alle Rechte vorbehalten
www.herder.de
Umschlaggestaltung: Gestaltungssaal, Rosenheim
Umschlagmotiv: © AP Images/dpa Picture-Alliance
E-Book-Konvertierung: Carsten Klein, Torgau
ISBN E-Book: 978-3-451-81671-0
ISBN Print: 978-3-451-06845-4
Das Buch ist meiner Frau Christa gewidmet.
Besonderer Dank gilt der Lektorin Miriam Eisleb
für Umsicht und freundliche Zusammenarbeit.
1989
Solidarność und Papst
Wie Karol Wojtyła die freie Gewerkschaft Solidarność unterstützt hat
Papstattentat und Kriegsrecht
Wie die Solidarność und ihr Fürsprecher bekämpft wurden
Friedensgemeinde und Friedensstaat
Wie die evangelische Kirche in der DDR zum Freiraum für Regimekritiker wurde
Glasnost und Perestroika
Wie Gorbatschow eine Lektion in Demokratie erteilt hat
Budapester Frühling
Wie Ungarn die historische Wahrheit über die Diktatur erkämpft und deren Opfer noch einmal begraben hat
Die Geschichtsstunde von Hegyeshalom
Wie Ungarn den Stacheldraht zerschnitten und damit den ersten Stein aus der Berliner Mauer gebrochen hat
Der Runde Tisch
Wie die Solidarność an die Macht kam
Csillas Heilige Familie
Wie die Malteserfrau Csilla von Boeselager das erste Flüchtlingslager für DDR-Bürger in Ungarn errichtet hat
Fluchtort Zugliget
Wie aus dem Malteserlager für DDR-Flüchtlinge in Budapest viele andere Auffanglager in Ungarn geworden sind
Der Exodus
Wie in Budapest der Aufbruch in Richtung deutsche Einheit begonnen hat
Prager Botschaft
Wie die bundesdeutsche Botschaft den Landsleuten aus der DDR Asyl geboten hat
Montagsgebet und Montagsdemonstration
Wie die Daheimgebliebenen gewaltlos der Gewalt getrotzt haben
Grenzgänger
Wie das Wunder der Wende geschah
Ein Platz auf der Tonne
Wie aus einem brutalen Polizeieinsatz die Samtene Revolution geworden ist
Staatspräsident und Weihbischof
Wie Havel, Dubček und Malý die Diktatur überstanden und die Gesellschaft verändert haben
2019
Die 89er
Gewinner und Verlierer der Wende?
Wolfgang Thierse
Wer beherrscht den Osten?
Richard Schröder
Warum tickt der Osten anders?
Frank Richter
Tschechien: Die Menschen hörten auf, die Freiheit zu schätzen
Václav Malý
Ungarn: Zurück zum Einparteienstaat?
Stephan Löwenstein
Polen: Ein Land der Kontraste
Basil Kerski
Zeittafel
Quellen- und Literaturverzeichnis
Die Autoren
1989: Was für ein Jahr! Es kann mit seinen historischen Veränderungen dem Revolutionsjahr 1789 gleichgesetzt werden. Ein freundlicher Fingerzeig der Geschichte. Der französische Politiker und Historiker Charles Alexis de Tocqueville schrieb über 1789, es habe niemals ein Ereignis gegeben, das von langer Hand besser vorbereitet, aber von den Herrschenden weniger vorhergesehen worden sei. Exakt zweihundert Jahre später hätte Tocqueville über 1989 ein ähnliches Urteil fällen können. Damals, Mitte des 18. Jahrhunderts hätte der Monarchie und den Feudalherren dämmern müssen, dass ihre Ausbeuterherrschaft zu Ende ging. Warnungen gab es genug. Französische Schriftsteller hatten die Revolution geradezu herbeigeschrieben. Zweihundert Jahre später, 1989, hatten die grenzüberschreitenden Medien des elektronischen Zeitalters den Wandel geradezu herbeigesendet. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Warnungen gab es genug. Doch die alt gewordenen Politbürokraten und Mitglieder von Zentralkomitees, die Parteisekretäre und Propagandachefs waren Gefangene ihrer eigenen Ideologie und glaubten unerschütterlich an das Marx’sche Gesetz, dass sich der Sozialismus in dialektischen Sprüngen zur klassenlosen Gesellschaft im Kommunismus entwickeln würde. Die Herrschenden in den sozialistischen Staaten wollten 1989 nicht erkennen, dass ihre Zeit abgelaufen war. Westdeutsche hatten keinen besseren Weitblick. Kaum jemand in Bonn und Umgebung glaubte an das, was in Sonntagsreden »Verbindend-Verbindliches« den Brüdern und Schwestern in der DDR-Zone gesagt worden war. »Deutsche Einheit«, so hieß in den siebziger Jahren eine gute Zigarrenmarke, das Stück einsfuffzig. Eine Wiedervereinigung mit »denen da drüben«, mit den Kommunisten, galt an den westdeutschen Stammtischen eben als blauer Dunst. Schon das gängige Doppel im Adjektiv »deutsch-deutsch« offenbarte die Dialektik. Es drückte irgendwie Gemeinsamkeit und Trennung zugleich aus. Der Kabarettist Wolfgang Neuss sprach von »Doppeldeutschlands Antidenkschablonen«. Das einst bedeutende Kuratorium Unteilbares Deutschland, das überall in der Bundesrepublik Schilder mit der Parole »Dreigeteilt – niemals« aufgestellt hatte, war eingeschlafen. Deutschlands Teil drei, die ehemaligen Gebiete jenseits von Oder und Neiße, war ohnehin als Folge der Hitlerei verloren. Das Gesamtdeutsche Ministerium war in Innerdeutsches Ministerium umbenannt worden, wurde jedoch wegen seines Namens von Ost-Berlin ebenfalls als unerträgliche »Einmischung in die inneren Angelegenheiten der souveränen Deutschen Demokratischen Republik« betrachtet.
Bonn hat der SED nie den Gefallen getan, deren Teilstaat als Ausland anzuerkennen. Kontakte oder gar Verhandlungen vom Auswärtigen Amt in Bonn mit dem Außenministerium der DDR in Ost-Berlin waren tabu. Gespräche und Beziehungen ja, Anerkennung als normaler Staat, als Ausland nein. Alles lief nach den Gesetzen der schönen diplomatischen salvatorischen Klausel, die schlicht besagt: »Wir sind uns darüber einig, dass wir uns in bestimmten Punkten nicht einig sind.« Der kleinste gemeinsame Nenner oder auch der Eiertanz von feindlichen Geschwistern, die, weil sie nebeneinander zu leben gezwungen sind, nicht voneinander lassen können. Die gewaltsame Spaltung Deutschlands ging mitten durch Familien. Je länger sie andauerte, desto mehr wurden Verwandte Ost und West bis zur Sprachlosigkeit voneinander getrennt. Zwei ideologisch gefärbte Landessprachen in der einen Muttersprache.
Auf keinem Gebiet waren die »Meinungsverschiedenheiten« zwischen Bonn und Ost-Berlin so unüberwindlich groß wie beim sogenannten Westreiseverbot. Denn Bonn verlangte immer wieder Reisefreiheit für DDR-Bürger. Die Bundesrepublik sah sich laut Grundgesetz in der Verantwortung für die Ostdeutschen, die sich mit der Mauer und dem Westreiseverbot einfach nicht abfinden wollten. Für das Menschenrecht der Reisefreiheit hatten Tausende sogar gesellschaftliche Ächtung in der DDR und Gefängnis in Kauf genommen. Und Hunderte hatten den Versuch, die Mauer zu überwinden, mit dem Leben bezahlt.
Das alles war »deutsch-deutscher« Alltag. Die Menschen auf beiden Seiten der Mauer versuchten das Elend der Spaltung, so gut es eben ging, zu verdrängen. Die im Osten hatten sich zwischen Pritzwalk und Pasewalk eingerichtet, die im Westen hatten sich in Richtung Mallorca oder New York orientiert. Die Bonner Parteien, die politische Klasse Westdeutschlands und eine Mehrheit der Bürger zwischen Flensburg und Bodensee hatten sich wohl mit der Zweistaatlichkeit abgefunden. Dass da zu Lebzeiten etwas geändert würde, wagte bis kurz vor Toresschluss des SED-Regimes niemand zu glauben. Doch die meisten DDR-Bürger hatten nach wie vor Sehnsucht nach dem Westen. In Weimar konnte ich noch zu DDR-Zeiten silber- oder goldfarbene Ginkgoblätter als sentimentales Symbol für die deutsche Einheit kaufen. Das fächerartige Ginkgoblatt hat in der Mitte einen tiefen Spalt. Goethe hatte es in seinem »Westöstlichen Divan« in Versen beschrieben:
»Dieses Baum’s Blatt, der von Osten meinem Garten anvertraut,
gibt geheimen Sinn zu kosten, wie’s den Wissenden erbaut.
Ist es ein lebendig Wesen, das sich in sich selbst getrennt,
sind es zwei, die sich erlesen, dass man sie als eins erkennt?
Solche Fragen zu erwidern, fand ich oft den rechten Sinn,
fühlst Du nicht in meinen Liedern, dass ich eins und doppelt bin?«
Feine Dialektik, Deutschland als »ein lebendig Wesen, das sich in sich selbst getrennt« und »eins und doppelt« war. Doch dies war Lyrik. Die Prosa des doppeldeutschen Alltags hatte sogar dazu geführt, dass sich auch die Goethe-Gesellschaft in der DDR von den westdeutschen Jüngern des Meisters trennen musste. Mit Fleiß arbeiteten nun die Germanisten mit dem SED-Parteiabzeichen daran, Goethe als »nationales Kulturerbe der DDR« in Weimar zu vereinnahmen. Die Goethe-Liebhaber West pflegten den Olympier in Frankfurt am Main. Und wenn sich Germanisten Ost und West – nunmehr angeblich »international« – begegneten, so sprachen sie trotz alledem noch miteinander deutsch. Als »Trost« kursierte in der DDR unter der Hand auch Goethes Satz, der auch nur doppeldeutig zu verkaufen war, weil man mit der Ausrede, es werde irgendwann einmal eine Einheit unter sozialistischem Dach geben, hausieren ging:
»Mir ist nicht bange, dass Deutschland nicht eins werde … Es sei eins, dass der deutsche Thaler und Groschen im ganzen Reiche gleichen Wert habe. Eins, dass mein Reisekoffer durch alle 36 Staaten ungeöffnet passieren könne.«
Jetzt waren es nur zwei deutsche Staaten, doch das Reisen über die eine Grenze war wohl noch beschwerlicher als zu Zeiten der deutschen Kleinstaaterei. Verglichen mit der Zahl von gut sechzig Millionen Einwohnern der westdeutschen Republik hielten nur wenige Bundesbürger den Kontakt zu den »Landsleuten« in der Ostrepublik aufrecht. Sie schickten Briefe und folgten dem Aufruf »Dein Päckchen nach drüben«, dessen Wert – höchst erfreulich für den Absender – von der Steuer abgesetzt werden konnte. Manchem mag die Paketaktion zur Weihnachtszeit – mit Kaffee, Schokolade oder Kosmetik – auch das schlechte »nationale« Gewissen beruhigt haben. Eine Zeitlang hatten die Westbürger sogar demonstrativ im »Gedenken an die Brüder und Schwestern im Osten« Kerzen ins Fenster gestellt. Gut gemeinte Zeichen einer politischen Hilflosigkeit. Auch Ostdeutsche schickten fleißig Päckchen als Dankeschön, meist mit Kunsthandwerklichem oder einem Buch mit dem Imprimatur der DDR. Bei der Deutschen Post der DDR wurden die Paketsendungen in großen Fabrikhallen von Stasikontrolleuren untersucht, nach Waffen oder Sprengstoff, wie es hieß. Gefunden wurden allenfalls Zeitschriften oder in der DDR verbotene Bücher, die für die SED gefährlicher als Waffen waren. Und manches Pfund Westkaffee verschwand bei der Schnüffelei und wurde von den Kontrolleuren dann unter der Hand verkauft.
In den Wohnzimmern der DDR vor den Schrankwänden mit dem Fernsehapparat bildete sich allabendlich eine Parallelgesellschaft zur »sozialistischen Menschengemeinschaft«, wie die SED es gern gehabt hätte. Im Vergleich mit der westlichen »Gegenwelt«, die auf den Bildschirmen als Realität in den Nachrichten oder als Fiktion eines schöneren Lebens erschien, hatten die Kommunisten auf Dauer keine Chance. Jeden Abend, pünktlich zur Nachrichtenzeit, kam der Klassenfeind per Bildschirm ins Haus. Für DDR-Bürger war das Bild der Bundesrepublik Deutschland nur viereckig, schwarz-weiß, ohne räumliche Dimension, ohne erlebten Hintergrund. Es fehlte der Vergleich mit der Wirklichkeit, und so blieb vieles von dem, was sie aus der westlichen Welt zu sehen bekamen, für sie schwer vorstellbar. Dennoch waren die Deutschen in Ost und West sehr oft vor den Bildschirmen vereint, sicher bei heute und Tagesschau und in Massen bei Hans Rosenthal im ZDF oder Rudi Carrell in der ARD. Und es gab das Magazin Kennzeichen D im ZDF, das mit den Deutschen aus Ost und West einen Dialog führen wollte und via Fernsehen wie ein Dolmetscher fungierte. Die durch Mauer und Stacheldraht und verschiedene Ideologien getrennten Deutschen begannen wie Nachbarn einander in die Fenster zu schauen, obwohl die Gardine beim DDR-Nachbarn meist zugezogen war. Erst spät begannen Politiker in Ost und West zu begreifen, welche immense Wirkung die Bilder aus der westlichen Welt im Osten hatten. Die DDR versuchte das Westfernsehen zu bekämpfen. In groß angelegten Aktionen zogen Trupps der Freien Deutschen Jugend (FDJ) aus, stiegen auf die Dächer und brachen die nach Westen ausgerichteten Fernsehantennen ab. Mit gezielten Kampagnen der SED-gesteuerten Medien sollte das Westfernsehen der Lüge überführt werden.
Merkwürdig genug und wohl einmalig auf der Welt war, dass Zuschauer in der DDR über das Westfernsehen aber auch Einblicke in Ereignisse ihres Staates erhielten, die von den parteigelenkten ostdeutschen Medien verschwiegen wurden. Da hat eine kirchliche Friedensgruppe in Rostock erst durch Westfernsehen von den Aktivitäten einer gleichgesinnten Gruppe in Dresden erfahren. Über Kritiker des real existierenden Sozialismus wie Rudolf Bahro oder Querdenker in Kunst und Literatur wie Hans Joachim Schädlich, Stefan Heym und Reiner Kunze wurden DDR-Bürger nur durch Westmedien informiert. Brachte das DDR-Fernsehen in Interviews systemkonforme oder sogar parteilich mobilisierende Antworten, so sprachen DDR-Bürger vor Westkameras und -mikrofonen zuweilen ungewohnten Klartext, selbst wenn »zwischen den Zeilen« formuliert wurde. DDR-Bürger wussten eben ganz genau, dass die eigenen »Landsleute« in großer Zahl ARD und ZDF einschalteten.
Bis 1972 fuhren die Deutschen in Ost und West noch mit dem einheitlichen Auto-Kennzeichen D. Die SED-Führung hat dieses D dann abgeschafft und den Wartburg- und Trabantfahrern ein voluminöses Kennzeichen DDR verordnet. Der eine Buchstabe D war als Symbol für das ganze Deutschland den auf strikte Eigenstaatlichkeit erpichten deutschen Kommunisten zu viel. Wir im ZDF hatten im September 1971 mit dem Magazin Kennzeichen D begonnen, nahmen dann in den Vorspann der Sendung neben anderen Autokennzeichen auch das der DDR auf, blieben aber bei dem politischen Anspruch des einen Kennzeichens D. Dann verbot die SED sogar, die eigene DDR-Nationalhymne des Dichters Johannes R. Becher zu singen, deren Text auch das vereinte Vaterland heute schmücken würde:
»Auferstanden aus Ruinen
und der Zukunft zugewandt,
lass uns dir zum Guten dienen,
Deutschland, einig Vaterland.
Alte Not gilt es zu zwingen,
und wir zwingen sie vereint,
denn es muss uns doch gelingen,
dass die Sonne schön wie nie
über Deutschland scheint.«
Wer unter den Genossen an »Deutschland, einig Vaterland« dachte, und sei es unter roter Fahne vereint, musste summen statt singen. Nach dem Sturz der SED hätte die Becher-Hymne wieder gesungen werden dürfen, doch die Melodie galt als DDR-belastet, und nun wird sie nicht einmal mehr gesummt.
In vielen Jahren als ZDF-Korrespondent in der DDR habe ich »die Leute« über die Lage im Lande meckern hören. Schon 1967, bei meiner ersten Reportage aus Oberwiesenthal im Erzgebirge, kursierte im vertraulichen Gespräch mit DDR-Bürgern für all die Mängel und Beschwernisse des Alltags der Ausdruck »typisch Zone«. Doch als »Dissidenten« wurden nur wenige Prominente bekannt. Der Kommunist Robert Havemann, Haftgefährte von Erich Honecker im Zuchthaus Brandenburg während der Nazizeit, war zunächst überzeugter SED-Genosse und kooperierte sogar mit der Staatssicherheit. Mitte der sechziger Jahre kritisierte er in philosophischen Vorlesungen an der Ost-Berliner Humboldt-Universität den real existierenden Sozialismus, wurde aus der Partei ausgeschlossen, lebte von der SED zur Unperson gestempelt im bewachten Hausarrest und wurde zur Symbolfigur der Opposition. Geächtet wie er war sein Freund, der Liedermacher Wolf Biermann, der elf Jahre Auftrittsverbot hatte und nur in seiner Wohnung singen durfte. Nach einem erstmals vom Staat genehmigten Konzert in Köln wurde der Protestsänger aus der DDR ausgebürgert. Wie er verließen wichtige Schriftsteller und Künstler unfreiwillig die DDR. Andere Prominente wie der systemkritische Schriftsteller Stefan Heym blieben und warteten auf »bessere Zeiten«.
Ungezählte Unbekannte leisteten einsam Widerstand, landeten im Stasiknast, viele erlitten monatelange Einzelhaft. Ein mit Nachdruck gestellter Ausreiseantrag in den Westen war Staatsverbrechen genug. Familien wurden auseinandergerissen, kleine Kinder in staatliche Heime gesteckt, Eheleute in Verhören gegeneinander ausgespielt. Das Anpinseln der Inschrift »Solidarität mit Biermann« nach dessen Ausbürgerung aus der DDR brachte dem 18-jährigen »Täter« Andreas Schmidt aus der sächsischen Kleinstadt Crimmitschau dreieinhalb Jahre Haft. Das mehrfach verschärfte politische Strafrecht gab dem SED-Regime die Handhabe, gegen »Staatsfeinde« aller Art vorzugehen. Bonn hat in 25 Jahren bis zum Fall der Mauer 33 755 Häftlinge aus DDR-Gefängnissen freigekauft.
Ausgerechnet die DDR-Führung, die missliebige Bürger für bis zu 100 000 DM an die Bundesrepublik verschacherte, nannte die Massenflucht ihrer jungen Generation im Spätsommer 1989 einen »von Bonn organisierten Menschenhandel«. 1962, zu Beginn der Freikäufe, wurde noch Bargeld im Koffer nach Ost-Berlin transportiert. Später hat man das geheime Geschäft durch Warenlieferungen an die DDR in Höhe von 3,5 Milliarden DM abgewickelt. Es ist immer ein fragwürdiges Geschäft, dem Erpresser Geld zu zahlen. Doch Solidarität mit den Verfolgten gebot dem Westen diese menschliche Handlungsweise, die kein Menschenhandel war.
Die älteren »gelernten« DDR-Bürger hatten sich in die vom Regime geduldeten privaten »Nischen« zurückgezogen und achteten darauf, dass ihr bescheidener Lebensstandard, der höher lag als in den meisten »Bruderstaaten«, nicht geschmälert wurde. Sie lebten zwischen staatlicher Fürsorge und Diktatur der Partei. Sie wollten, wie es der Schriftsteller Edzard Schaper ausdrückte, »der Suppenkelle sicher sein, die immer kam, der Stock nur bisweilen«. Dreißig Jahre nach dem Ende des SED-Regimes hat so mancher den »Stock« verdrängt und erinnert sich nur noch an die »Suppenkelle«.
Eine organisierte Opposition gab es nicht, sosehr das mancher im Westen vermisste und so eifrig die Staatssicherheit auch danach suchte. Erst in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre machten sich oppositionelle Gruppen auch öffentlich bemerkbar, fast ausschließlich unter dem Dach der Kirche. Die selbsternannte »Diktatur der Arbeiterklasse« hatte vier Jahrzehnte lang mit einem über das ganze Land ausgebreiteten Unterdrückungsapparat das Entstehen oppositioneller Gruppen, auch die Fraktionsbildung kritischer Genossen innerhalb der SED verhindert. Die Partei hatte es sogar geschafft, dass Bewegungen wie die polnische Solidarność mit ihren politischen Dauerstreiks von zahlreichen DDR-Bürgern skeptisch bis verärgert beobachtet wurden. Sie fürchteten in erster Linie eine Destabilisierung des eigenen Lebensstandards. Und einen Vorkämpfer wie den regimekritischen Schriftsteller Václav Havel in der Tschechoslowakei, der mit seiner Charta 77 grundsätzlich Demokratie und Menschenrechte durchsetzen wollte, gab es in der DDR nicht, weder eine solche Leitfigur noch ein solches Programm.
Die kleinen Gruppen von Andersdenkenden, die sich in ostdeutschen Kirchen trafen, hatten zunächst andere Anliegen. Ihnen ging es um Frieden, Abrüstung und den Schutz der Umwelt. Die Innenpolitik der SED, die Verweigerung elementarer Bürgerrechte war erst gegen Ende der DDR zum wichtigsten Thema geworden. Lange Zeit waren auch die Systemkritiker bemüht, nicht das SED-Regime direkt anzugreifen, man plädierte für Reformen in der Überzeugung, dass dieser Sozialismus reformierbar sei. Man wollte eine bessere DDR, die nicht westlichen Kapitalismus einführte, aber Menschenrechte und bürgerliche Freiheiten gewährte. Weil man auf eine irgendwie geartete Kombination von Sozialismus und Demokratie hoffte, übersah man offenbar, dass die Zulassung demokratischer Freiheiten das Ende der kommunistischen Herrschaft bedeuten würde. Die reformorientierten Kritiker blieben bewusst in der DDR. Wer den Glauben an eine Änderung der Verhältnisse verloren hatte, versuchte dem Sozialismus à la SED per Ausreise den Rücken zu kehren.
Aber erst diese Ausreisebewegung, die Flucht der Jungen vor einem »Sozialismus ohne Zukunft« machte deutlich, dass das Regime Schwäche zeigte und seinerseits dem Druck nachgeben musste. Dieses Erlebnis von Ohnmacht der SED gegenüber den Zehntausenden, die wegliefen, gab den Daheimgebliebenen Mut, ebenfalls Forderungen zu stellen. Gleichzeitig waren viele Menschen verärgert oder gar empört darüber, dass die SED hartnäckig die Reformansätze von Glasnost und Perestroika des bislang hochgelobten »großen Bruders« ablehnte, deren Publikation verbot und deren Sympathisanten verfolgte. Die Losung »Von der Sowjetunion lernen heißt siegen lernen« wurde zum Leitsatz der Bewunderer von Gorbatschows Glasnost-und-Perestroika-Reform. Jahrzehntelang hatte die Partei dieses Motto gepredigt, jetzt machte sich jeder verdächtig, der »von der Sowjetunion siegen lernen« wollte.
Der vergleichsweise junge Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, Michail Gorbatschow, hatte einsehen müssen, dass das Projekt Leninismus-Stalinismus in seinem Riesenreich gescheitert war, doch – und das war wohl sein großer Irrtum – auch er hielt es immer noch für erneuerbar. Die ungarischen Kommunisten witterten, dass sie von Gorbatschow keinen Widerstand zu erwarten hätten, wenn sie aus der Diktatur der Arbeiterklasse sowjetischer Prägung eine Demokratie nach westlichem Muster formen würden. Eifersüchtig schauten sie nach Polen, wo eine breite Volksbewegung nach wochenlangen Streiks mit Hilfe der katholischen Kirche und des Fürsprechers aus Rom, Papst Johannes Paul II., die erste freie Gewerkschaft im sozialistischen Machtbereich durchgesetzt hatte. Es war die Zeit, als in der Deutschen Demokratischen Republik noch über die »Polacken« geschimpft wurde. Der von der SED-Propaganda gestreute Vorwurf war, dass die Polen streikten statt zu arbeiten. Deshalb seien sie auf Lebensmittellieferungen aus der DDR angewiesen, die in den HO-Geschäften und den Konsumläden der DDR dann fehlten. Mit solcher Hetze gegen den »Sündenbock« Polen konnte man bequem Mängel bei der eigenen Versorgung erklären. Viele Menschen drückten aber auch persönlich ihre Solidarität mit der freien Gewerkschaft Solidarność in Lebensmittelpaketen nach Polen aus. Die Kirchen haben das organisiert.
In Prag forderte die Charta 77 Bürger- und Menschenrechte, in Ost-Berlin und Leipzig sammelten sich Unzufriedene in den evangelischen Kirchen. Nach zwanzig Jahren, in denen ich mit längeren Unterbrechungen aus der DDR berichtet hatte, nach der Arbeit für »drüben« und Kennzeichen D war ich als Korrespondent für ganz Osteuropa in Wien gelandet, rechtzeitig, um die Auswirkungen von Gorbatschows Programm Glasnost und Perestroika in den Ländern des Warschauer Pakts zu beobachten. Alles, was ich über den real existierenden Sozialismus wusste, hatte ich in der DDR gelernt. Vier Jahre habe ich als Korrespondent in Ost-Berlin gewohnt. Zwar konnte ich mit meinem Arbeitsvisum und einer sogenannten Grenzempfehlung jederzeit und vergleichsweise vereinfacht von Ost- nach West-Berlin fahren, um dort meine Filme zu schneiden und zu texten, auch konnte ich, wann immer es nötig war, in West-Berlin einkaufen, doch über Monate habe ich mich ausschließlich aus den Lebensmittelregalen der »Kaufhalle« gegenüber meiner Wohnung in der Ost-Berliner Leipziger Straße versorgt, um zu erfahren, ob und wie man mit dem täglichen Warenangebot leben konnte. Ich habe von der tief sitzenden Angst der Bürger vor Spitzeln und Bütteln der Stasi erfahren und selbst die ständige Begleitung und Beobachtung durch Mielkes Agenten als Operativer Vorgang (OV) »Fabulant« erlebt. Meine Wohnung und mein Büro in Ost-Berlin waren verwanzt. Ich habe über die Sehnsucht der Menschen nach westlichem Lebensstandard ebenso berichtet wie über meist kleine Erfolge und eher große Misserfolge in Landwirtschaft und Industrie. Aber insgesamt war das Land DDR »still«, wie der kritische Liedermacher Wolf Biermann damals sang.
Aufbruchsstimmung gab es jedoch Ende der achtziger Jahre in Budapest und Warschau, Eiszeit dagegen in Prag oder Bukarest. Alles das habe ich mit meinen Erfahrungen in der DDR verglichen und gelernt, dass es Länder gab, die wirtschaftlich noch ärmer dran waren als Ostdeutschland, und andere, die weniger dogmatisch, polizeistaatlich und muffig waren als der deutsche SED-Staat. In Budapest konnte man schon in den achtziger Jahren westliche Presse vom Tage frei kaufen, westdeutsche Zeitungen von Bild bis FAZ. Auch in Prag waren westdeutsche Zeitungen zu haben, jedoch mit Tagen Verspätung. In DDR-Kulturzentren dieser Länder waren sogar Bücher von zensierten DDR-Schriftstellern zu haben, die in Ost-Berlin nur unter der Hand kursierten.
Ostdeutsche Kommunisten wurden in Polen, Ungarn oder der Tschechoslowakei als penetrante Oberlehrer empfunden, die SED sah die polnischen, ungarischen und sogar die tschechischen Genossen als unsichere Kantonisten an. Die Dogmatiker aller Länder beäugten sich gegenseitig voller Argwohn, aber alle Dogmatiker gemeinsam misstrauten den Abweichlern aller Länder, denn die begannen unter dem ideologischen Schutzmantel Gorbatschows Netzwerke untereinander zu knüpfen. Das Ministerium für Staatssicherheit der DDR wusste über all diese für das Regime bedrohlichen Entwicklungen in der DDR und den »Bruderstaaten« Bescheid, fand aber mit seinen Analysen und Warnungen im greisen SED-Politbüro offenbar nicht ausreichend Gehör.
So wurden Honecker, Husák, Ceauşescu, Schiwkow und Co. von den Ereignissen überrollt. Sie hatten wohl auch den geradezu prophetischen Appell des Polen auf dem Papstthron, Karol Wojtyła, nicht ernst genommen. Bei seiner Amtseinführung hatte Johannes Paul II. ausgerufen: »Habt keine Angst! Öffnet, reißt die Tore auf für Christus. Öffnet die Grenzen der Staaten, die wirtschaftlichen und politischen Systeme für seine rettende Macht!« Angesichts von Nachrüstung mit SS-20-Raketen Ost und Pershing-II-Raketen West hat ihn damals so mancher als weltfremden Fantasten aus dem Osten betrachtet. Die Sprengkraft der Freiheitsbotschaft des Papstes, die den Widerstand der ganz überwiegend kirchentreuen polnischen Katholiken angeleitet hat, haben wohl alle in Ost und West damals unterschätzt.
Der damalige polnische Ministerpräsident Mieczysław Rakowski, Kommunist und Chefredakteur des Wochenmagazins Polityka, bestätigte vor unserer Kamera den entscheidenden Beitrag von Karol Wojtyła beim Zusammenbruch des kommunistischen Systems in Polen:
»Selbstverständlich war es der Papst, der das Volk von den Knien aufgehoben hat, der das Volk ermutigt hat. Und dass es deshalb zur Entstehung der Solidarność kommen konnte, natürlich auch, weil das alte System die Bedürfnisse der Menschen nicht befriedigt hat.«
Dass die Menschen dieses alte System satthatten, haben als Erste wohl die Reformer der Ungarischen Sozialistischen Arbeiterpartei zur Kenntnis genommen und als einzige herrschende Kommunisten daraus Konsequenzen gezogen. Ihr einsamer Entschluss, auf eigenes Risiko und gegen den Rest der »Bruderstaaten« den Eisernen Vorhang niederzureißen, hat im Sinne des Wortes den Menschen einen Ausweg gezeigt. Der Exodus der hinter Mauer und Stacheldraht Eingesperrten begann. Alle diese Ereignisse habe ich aus nächster Nähe beobachtet. Es waren Schritte unserer Nachbarn im Osten, die das Ende der deutschen Teilung und schließlich die Einheit Europas brachten.
Auch Mauer und Eiserner Vorhang konnten nicht verhindern, dass freie Informationen aus westlichen Rundfunk- und Fernsehprogrammen den revolutionären Prozess noch beschleunigten. Zwar haben die Herrschenden in Ost-Berlin die Arbeit westdeutscher Korrespondenten durch Stasimanöver in vielfältiger Weise zu kontrollieren versucht. Auf die Arbeitsergebnisse, auf die Berichte für die Zuschauer in West und Ost hatten sie keinen Einfluss. Die SED konnte auf Dauer nicht verhindern, dass die Menschen die Behauptungen der kommunistischen Propaganda auf den Prüfstand westlicher Nachrichten stellten. Was heute das Internet möglich macht, erreichte damals das Medium Fernsehen, grenzüberschreitend und unkontrollierbar.
Die Vorkämpfer des unglaublichen Wandels waren die Polen mit ihrer ersten freien Gewerkschaft Solidarność, die den Segen des polnischen Papstes erhielt. Das war in der Tschechoslowakei der Theaterschriftsteller und Philosoph Václav Havel, der für die Menschenrechte jahrelang ins Gefängnis gegangen war. Das waren die Ungarn, die auf eigenes Risiko gegen den »Rest der kommunistischen Welt« den Eisernen Vorhang öffneten. Das war die deutsch-ungarische Malteserfrau Csilla von Boeselager, die mutig und selbstlos den »DDR-Ausreisern« in Budapest ein erstes Flüchtlingslager baute. Das waren weit über hunderttausend meist junge DDR-Bürger, die mit ihrer Massenflucht Mauer und Stacheldraht ad absurdum führten. Und das war nicht zuletzt der sowjetische Reformer Michail Gorbatschow, der alle diese Freiheitskämpfer gewähren ließ.
Das waren, wie in der Leipziger Nikolaikirche oder Ost-Berlins Gethsemanekirche, schließlich »ein paar hundert Schmuddelkinder aus den Kellern der Gemeindehäuser und ein gutes Dutzend evangelischer Pastoren, die die waffenstarrende Diktatur überwunden« haben, so der Historiker Stefan Wolle.
Es waren drei Papiere, auf denen der Zerfall der kommunistischen Diktaturen markiert wurde: die Unterschrift der polnischen Partei unter den Gründungsakt der Solidarność, der ersten freien Gewerkschaft im kommunistischen Machtbereich. Das ungarische Staatsbudget, in dem der Reformer Miklós Németh mit einem Strich seines Rotstifts die Beseitigung des Eisernen Vorhangs anordnete. Und der Zettel zu einem reformierten Reisegesetz, mit dem der SED-Politbürokrat Günter Schabowski am Abend des 9. November 1989 die Berliner Mauer versehentlich aufschloss.
Voraussehen konnte diese stürmische Umwälzung wohl niemand, vielleicht der mit visionärer Hoffnung begabte Pole Karol Wojtyła. So ist ein Nachdenken über 1989 keine verklärende Rückschau, sondern noch immer Staunen über diesen einmaligen Gang der Geschichte.
Die Freiheit – eine fortwährende Eroberung.
Sie kann nicht einfach Besitz sein!
Sie kommt als ein Geschenk,
doch bewahrt wird sie durch den Kampf.
Die Freiheit bezahlst du mit deinem ganzen Selbst –
darum wirst du Freiheit nennen,
was dir, während du zahlst, erlaubt,
immer neu dich selbst zu besitzen.
Um diesen Preis gehen wir in die Geschichte ein,
rühren an ihre Epochen.
Johannes Paul II.: Gedanken über ›Vaterland‹
Zu Fackelzügen, Freundschaftstreffen, Großdemonstrationen und »nicht enden wollender Begeisterung« – so die SED-Parteizeitung Neues Deutschland – waren zu Pfingsten 1979 über eine halbe Million Jugendliche aus allen Bezirken der DDR nach Ost-Berlin bestellt worden. Beim Nationalen Jugendfestival sollten die jungen Leute »ihrer Republik« schon Anfang Juni vorab zum dreißigsten Geburtstag gratulieren. Der stand erst im Oktober an, aber die SED feierte sich monatelang selbst. Der Zentralrat des Staatsjugendverbands der DDR nannte das Pfingsttreffen der Freien Deutschen Jugend (FDJ) »ein Ereignis von wahrhaft historischer Bedeutung«. Ich selbst habe am Pfingstsonnabend nahe beim Alexanderplatz ein Schlagerkonzert von DDR-Künstlern für ein paar tausend »Blauhemden« mit meinem Kamerateam beobachtet. Gesendet haben wir dann den sehr melancholischen Song, der großen Beifall erhielt. Sein Text spiegelte eher die unerfüllten Sehnsüchte einer jungen Generation ohne Reisefreiheit als eine »nicht enden wollende Begeisterung« für die Parolen der SED:
»Lasst mir meine Träume, ach, ich brauche sie.
Ohne Träume leben kann man nie.«
Am selben Tag warteten fünfhundert Kilometer weiter östlich in der »Partnerstadt Berlins« eine halbe Million Menschen auf ungewöhnlichen Besuch. In Warschau war die Menge freiwillig, ohne Kommando der Partei zusammengekommen, im Zentrum der polnischen Hauptstadt, auf dem Siegesplatz, den die deutschen Nazibesatzer Adolf-Hitler-Platz genannt hatten. Und es gab wirklich etwas zu feiern. Der Pole Karol Wojtyła, zuletzt Kardinal und Erzbischof von Krakau, war nur ein halbes Jahr nach seiner Wahl zum ersten slawischen Papst als Johannes Paul II. in seine Heimat zurückgekehrt. Der Besuch wurde zu einem historischen Ereignis, in dessen Folge der Machtblock des sowjetischen Imperiums erschüttert werden sollte. Bis zuletzt hatte die herrschende Polnische Vereinigte Arbeiterpartei (PVAP) versucht, diesen Besuch zu verhindern.
Bischof Alojzy Orszulik, damals Sekretär der polnischen Bischofskonferenz, erinnerte sich später im Gespräch mit mir:
»Sein Reiseplan traf auf heftigen Widerstand bei den Kommunisten. Sie suchten nach Argumenten, warum der Papst nicht nach Krakau, nach Polen, in seine Heimat kommen darf. Und schon gar nicht im Monat Mai. Da nämlich feierten wir das Fest des heiligen Stanislaus, der als polnischer Märtyrer ein Symbol für Widerstand gegen den Staat ist. Darum hatten sie Angst, wenn er kommt.«
So kam Johannes Paul ein paar Wochen später im Juni und erinnerte feierlich an das 900. Todesjahr des Nationalheiligen. Die Kommunisten wussten sehr genau, welche Bedeutung der Patron Polens hatte, der Märtyrer Stanislaus, der als Bischof von Krakau ein früher Vorgänger Wojtyłas war. Stanislaus hatte in Opposition zum König Bolesław II. gestanden und wurde während eines Gottesdienstes in der Kirche auf dessen Befehl ermordet. Seitdem wird Stanislaus in Polen als Vorbild für den Kampf um die Freiheit verehrt.
Der Papst kniete nieder am Mahnmal des Unbekannten Soldaten, vor den Resten der Kolonnade, die von den deutschen Truppen 1944 zerstört worden war. Der Mann, der als Student den Terror der Nazis und später als Priester und Bischof die Diktatur der Kommunisten erlebt hatte, gedachte der Opfer seiner Nation von Auschwitz bis Katyn, vierzig Jahre nach Hitlerdeutschlands Überfall auf Polen, fünfunddreißig Jahre nach Gründung der Volksrepublik. Auf dem Siegesplatz, sonst Ort befohlener Aufmärsche der Partei, stand für die Eucharistiefeier mit dem Papst ein Altar. Statt kommunistischer Propagandatransparente war nun ein unübersehbares Kreuz der Mittelpunkt. Die Machthaber fanden gegen den ersten Slawen auf dem Stuhl Petri kein Rezept. Auf den Polen Wojtyła waren sie stolz, der Papst als Gegner des Regimes machte ihnen Angst.
Nach langem Zögern hatten sie die Einreise für Johannes Paul II. genehmigt und hofften, dass die Sicherheitsorgane die Zahl seiner Anhänger unter Kontrolle halten könnten. Wojciech Jaruzelski, damals Politbüromitglied und für Sicherheit verantwortlich, später Staats- und Parteichef Polens, hat mir 2004 erklärt, dass das Regime gegen diesen Mann praktisch keine Chance hatte:
»Ein polnischer Papst, das bedeutete viel für Polens Prestige, für den Ruhm Polens in der Welt. Denn wir Polen haben einen historisch bedingten Minderwertigkeitskomplex. Andererseits war da aber auch die Furcht, dass die katholische Kirche bei uns ungemein gestärkt wurde. Und das in einer Zeit, wo die Beziehungen Staat–Kirche – vorsichtig ausgedrückt – nicht gerade ideal waren. Und dass das alles durch diesen Papst noch schlimmer werden würde.«
Es kam dann doch so schlimm, wie die Partei es befürchtet hatte. Sie hatte eine »Pilgerreise« des populären Kirchenführers nicht verhindern können. Denn bei einer Absage des Besuches hätte das Regime einen Proteststurm von großen Teilen der Bevölkerung riskiert. Johannes Paul II. machte bereits auf dem Warschauer Siegesplatz klar, dass er als Pilger und Prediger des Evangeliums, aber auch als Pole mit der Erfahrung von zwei Diktaturen gekommen war.
»Man kann Christus nirgendwo auf Erden aus der Geschichte des Menschen ausschließen, gleich, um welchen Längen- oder Breitengrad es sich handelt. Der Ausschluss Christi aus der Geschichte des Menschen ist ein gegen den Menschen selbst gerichteter Akt. Ohne Christus kann man auch nicht die Geschichte Polens begreifen. … Wir befinden uns hier am Grab des Unbekannten Soldaten. In der Geschichte Polens – der alten wie der neueren – hat dieses Grab eine besondere Bestätigung gefunden. An wie vielen Orten der Heimat ist dieser Soldat gefallen! An wie vielen Orten Europas und der Welt hat er durch seinen Tod bezeugt, dass es ohne ein unabhängiges Polen auf der Karte Europas kein gerechtes Europa geben kann!«
Ohne ein unabhängiges Polen kein gerechtes Europa. Mit der Forderung nach Unabhängigkeit für Polen traf Johannes Paul II. den empfindlichsten Nerv der Partei. Denn jeder Pole, auch jeder polnische Kommunist, wusste, dass die Heimat nach Jahrhunderten der Unterdrückung, nach Hitler und Stalin auch weiterhin nicht frei war, sondern ein Satellit der Sowjetunion. Und dann sagte er am Sonnabend vor dem Fest der Aussendung des Geistes Gottes geradezu beschwörend, wie dieses unabhängige Polen in einem gerechten Europa aussehen sollte:
»Ich, ein Sohn polnischer Erde und zugleich Papst Johannes Paul II., ich rufe aus der ganzen Tiefe dieses Jahrhunderts, ich rufe am Vorabend des Pfingstfestes: Sende aus deinen Geist! Sende aus deinen Geist! (odnów oblicze ziemi, tej ziemi) Und erneuere das Angesicht der Erde! Dieser Erde!«
Mit erhobener Stimme markierte er für alle unmissverständlich, welche Erde er meinte, wobei das polnische Wort »ziemia« nicht nur Erde, sondern auch Land bedeutet. Also: »Der Geist des Pfingstfestes erneuere das Angesicht dieses Landes!« Bereits mit dieser Geste wurde sichtbar: Hier trat der oberste Repräsentant einer weltweiten Institution, die den Anspruch, allein seligmachend zu sein, erhob, gegen ein weltweit mächtiges System an, in dem der Grundsatz galt, dass »die Partei immer recht« habe.
Und niemand ahnte damals, dass nur ein Jahr später durch die Solidarność, mit der Fürsprache dieses Papstes, die Veränderung dieses Landes und schließlich ganz Europas begann. Am nächsten Tag fügte der Wojtyła-Papst seiner christlichen Mission noch eine polnisch-nationale Komponente hinzu. In Gniezno/Gnesen stimmte der Pole Karol Wojtyła die kämpferische Nationalhymne an. Er sang die erste Strophe allein …
»Noch ist Polen nicht verloren, solange wir leben. Das, was fremde Übermacht uns raubte, werden wir mit dem Schwert wiedergewinnen.«
… und Zehntausende junge Leute stimmten ein. Die Hymne, der Mazurek Dambrowskiego, erinnert an Polens bittere Geschichte. Nach dem Wiener Kongress waren alle Hoffnungen auf ein souveränes Polen zerschlagen. Galizien kam zu Österreich, Preußen erhielt die Provinz Posen, und Russland nahm sich die Oberherrschaft über den Rest, das kleine »Königreich Polen«. Auch General Dambrowski, den die Hymne zu Hilfe rief – Refrain der Hymne: »Marsch, Marsch Dambrowski« –, konnte die neue Teilung des Vaterlandes nicht verhindern. Aber natürlich war der Gesang des Papstes kein Ausflug in die Vergangenheit, sondern hatte harten Bezug zur Gegenwart. Er verkündete nicht allein die christliche Botschaft, er appellierte an den Katholizismus mit polnischer Tradition. Anders als in vielen anderen europäischen Ländern stand die katholische Kirche Polens in den Jahrhunderten der Teilung und Unterdrückung immer auf der Seite des Volkes, gegen Preußen und Habsburg, gegen das zaristische Russland, gegen Stalin und Hitler und ganz aktuell gegen die kommunistische Diktatur, also stets gegen die Obrigkeit. Nach der Wende änderte sie ihre Haltung, wollte nun selbst Sieger und Obrigkeit sein und politisch mitmischen. Der Vertraute von Johannes Paul II., der Priesterphilosoph Józef Tischner, war Prediger der Solidarność. Er empfahl Gewaltfreiheit und Dialog, hielt aber stets kritische Distanz zu den Herrschenden. Nun kritisierte Tischner diesen Wandel der polnischen Kirche scharf:
»Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus verfielen wir in einen neuen Wahnsinn: Früher musste wegen der Partei alles kommunistisch sein, heute muss durch die Kirche alles christlich sein.«
Zu Problemen der Erziehung und Familie, zu Fragen von Gesellschaft und Medien ginge nichts mehr ohne Erlaubnis der Kirche.
Selbst in den Zeiten der Alleinherrschaft der Kommunisten, die den Atheismus propagierten, blieben weit über neunzig Prozent der Polen katholisch und die Mehrheit von ihnen kirchlich aktiv. Offenbar hatte Johannes Paul II. für die Hymne mit Bedacht Gnesen, das älteste polnische Bistum, ausgewählt. Indem der Papst eine tausendjährige Einheit von Christentum und polnischer Nation postulierte, erklärte er unausgesprochen den Kommunismus zu einem importierten Fremdkörper. Das alles in einem Land, in dem auch Worte der Bischöfe der Zensur unterlagen.
»So war beispielsweise das Wort ›Nation‹ nicht erlaubt«, erinnert sich Wojtyłas langjähriger Privatsekretär Stanisław Dziwisz, »… gar nicht zu reden von irgendeiner Kritik am kommunistischen System oder einer positiven Würdigung des Handelns der Kirche. Nichts, nichts ging durch«, beschreibt Dziwisz die Lage. »Es waren nicht enden wollende Kämpfe zu führen, damit Texte wie die Dokumente des Heiligen Stuhls ohne Kürzungen veröffentlicht werden konnten. Es gab sogar Versuche, die Schriften der Päpste zu zensieren.«
Der Pole Johannes Paul II. aber trat am 4. Juni 1979 gegenüber den Vertretern des kommunistischen Regimes als Souverän des Vatikanstaates auf, behauptete so etwas wie eine »doppelte Staatsbürgerschaft« und zog dann daraus seine politische Konsequenz:
»Gestatten Sie mir, meine Herren, das Wohl Polens auch weiterhin als das meine zu betrachten und zutiefst daran Anteil zu nehmen, ganz so, als ob ich noch in diesem Lande lebte und Bürger dieses Staates wäre.«
Das war Einmischung in die inneren Angelegenheiten Polens durch die Hintertür. Und das gegenüber einem Staat, für den wie in der ganzen sozialistischen Welt »die Nichteinmischung« das wichtigste Argument der Kommunisten gegen allzu viel westliche Entspannungspolitik war. Ungezählte Gläubige pilgerten zu den Gottesdiensten des Papstes, Polen voller Nationalstolz und Katholiken von tiefer Frömmigkeit. Besonders viele kamen in den Blonie-Park nach Krakau, wo sich mehr als eine Million Menschen versammelten. Auch einer der Mächtigen war dabei, allerdings inkognito. Ministerpräsident Mieczysław Rakowski, vor seinem Regierungsamt renommierter Journalist und Herausgeber der Wochenzeitschrift Polityka, wollte, wie er mir später erzählte, unbemerkt das Phänomen Johannes Paul beobachten.
»Beim ersten Papstbesuch in Polen war ich in Krakau. Die Messe war auf den Krakauer Wiesen. Ich hatte ein Hotelzimmer, da konnte ich alles genau sehen. Vom Fenster aus habe ich die Kraft dieses Menschen gespürt. Der riesige Platz war voll von Menschen, und mächtiger Gesang kam an mein Fenster.«
Vernon Walters, Sonderbotschafter des amerikanischen Präsidenten, erkannte damals eine völlig neue Lage in einem Land des Sowjetblocks.
»Das gab es noch nie in der Geschichte des Kommunismus, dass sich Millionen versammelten, die nicht der Partei angehörten. Eine Million kann man nicht unter Kontrolle halten, auch nicht mit Maschinengewehren. Von da an wussten wir, dass Polen nicht länger kommunistisch war.«
Immer wieder beschwor der Papst die Menschenrechte und rief den Massen zu: »Habt keine Angst!« Bei seiner Antrittsrede in Rom, ein halbes Jahr zuvor, hatte er hinzugefügt: »Öffnet die Grenzen der Staaten und Gesellschaftsordnungen für Christus und seine rettende Macht!«
Da die Partei kaum etwas unternahm, den Besuch des Papstes organisatorisch zu unterstützen, liefen »ihrem Fürsprecher aus Rom« Millionen von Menschen zu Fuß entgegen. Sie zogen in großen Gruppen betend und singend über die Landstraßen, ein Kreuz voran, den Rosenkranz in der Hand, eine Konterrevolution mit Kruzifix. Es wurden nur wenige Sonderzüge eingesetzt, und bei Berichten im parteilichen Fernsehen wurde nur der Papst, nicht aber die jubelnden Massen gezeigt. Polnische Kameramänner erzählten später, sie seien wochenlang geschult worden, den Papst nur von der Seite oder von hinten zu zeigen. Keinesfalls sollten die ungezählten Gläubigen, nur »alte Mütterchen und Nonnen«, auf den polnischen Bildschirmen erscheinen. Denn die Genossen zählten entsetzt in den neun Tagen der Pastoralreise an die zehn Millionen Gläubige, die »ihren Papst« sehen wollten, zehn von vierzig Millionen Bürgern Polens. Die aber wurden selbstbewusster, weil sie erlebten, »wie viele sie waren«. Auch Gläubige aus den Nachbarländern waren nach Polen gefahren, natürlich auf eigene Faust. Organisierte Pilgerreisen gab es für DDR-Katholiken nicht. Kardinal Georg Sterzinsky, damals Pfarrer im thüringischen Jena, erinnerte sich vor meiner Kamera:
»Viele aus der Gemeinde in Jena sagten, koste es, was es wolle, wir fahren rüber. Manche erzählten hinterher, dass sie Schwierigkeiten an der Grenze gehabt hatten. Aber alle waren ganz begeistert und erzählten, was sie gesehen hatten. Das war wie ein Siegeszug, als ob einer als Befreier heimkehrt. Unsere Katholiken aus Jena konnten ja kein Polnisch. Sie haben ja fast nichts verstanden von dem, was er gesagt hat, aber er hat den Leuten Mut gemacht, die Leute kehrten ermutigt wieder heim.«
Und der Prager Kardinal Milošlav Vlk berichtete, tschechische und slowakische Katholiken hätten bei einer dieser Wallfahrten nach Krakau bei der Predigt des Papstes ein Transparent gezeigt, »um den Papst zu begrüßen und zu zeigen, dass die Tschechen auch da sind. Und sie haben den Papst aufgefordert, die Tschechen nicht zu vergessen.«
Der Pole Johannes Paul hat das für die Menschen hinter dem Eisernen Vorhang unerreichbare Rom ganz einfach nach Krakau verlegt. Niemand weiß, ob das Intuition oder strategischer Plan war. Und so nannte der »erste slawische Papst« bei seiner Pilgerreise in das »Reich des Bösen«, wie US-Präsident Reagan das Sowjetimperium nannte, alle slawischen Völker beim Namen: Tschechen, Mähren, Slowaken, Slowenen, Kroaten, Serben und Bulgaren. Damit markierte er überdeutlich einen Schwerpunkt seines Pontifikats. Denn in seiner ersten Enzyklika »Redemptor Hominis« hatte Johannes Paul II. eine Art Regierungsprogramm für sein Pontifikat formuliert. Es behandelte nahezu ausschließlich den Vorrang der Menschenrechte und traf damit präzise die politischen Ziele, für die Solidarność und KOR, das Komitee zur Verteidigung der Arbeiter, in Polen und Charta 77 in der Tschechoslowakei kämpften. Diese Dissidentengruppen und oppositionellen Bürgerbewegungen hatten in Polen den Boden für die Botschaft des Karol Wojtyła bereitet. Der Papst konnte in seinen Predigten Themen aufgreifen, die zuvor aus der öffentlichen Debatte ausgeschlossen waren: Freiheit, Menschenwürde, individuelle Bürgerrechte und Meinungsvielfalt. Was bislang nur in Familien und in der Öffentlichkeit allenfalls hinter vorgehaltener Hand gesagt werden konnte, wurde nun durch Lautsprecher an ein Millionenpublikum übertragen. Etwa zehn Millionen Menschen, damals jeder vierte Pole, so die erschrockene Bilanz der Partei, hatten den Papst auf seiner ersten Pilgerreise gesehen, und wohl die ganze Nation hatte ihn zumindest in zensierten Berichten des Fernsehens erlebt.
Dass der kommunistische Sowjetblock nur zehn Jahre später implodieren würde, hat der Papst natürlich nicht im Voraus gewusst.
Die Sprengkraft aber, die sein erster Polenbesuch auslösen sollte, suchten die kommunistischen Parteien zwischen Moskau und Ost-Berlin, so gut es ging, zu entschärfen. Ihr probates Mittel als Herren der Medien waren stets entstellende Berichterstattung oder Schweigen über diese Ereignisse in Presse, Funk und Fernsehen. Der Publizist Jan Roß meint, es sei Karol Wojtyła ebenso wie dem tschechischen Schriftsteller Václav Havel um den »Versuch, in der Wahrheit zu leben«, gegangen:
»Es ging nicht um den Sturz des Kommunismus; der stand einstweilen in den Sternen oder lag in Gottes Hand. Es ging darum, sich von der machtgestützten Lüge nicht anstecken, sich nicht vergiften zu lassen – und durch diese Selbstbehauptung wenigstens den absoluten Herrschaftsanspruch des Regimes zu brechen, seinen Anspruch auf Herrschaft sogar über die Seelen.«
In den katholischen Gemeinden behielt der Papstbesuch nachhaltige Wirkung. Jeder einzelne Teilnehmer an den Open-Air-Messen des Papstes hatte staunend selbst erlebt, »wie viele sie waren«. So formierte sich unter dem Dach der Kirche auch politischer Widerstand, zumal der miserable Alltag mit seinen chronischen Versorgungsmängeln ausreichend sozialen Sprengstoff lieferte.
Ein Jahr nach dem Besuch des Papstes kam es daher in ganz Polen zu Protesten der Arbeiter. Auslöser waren massive Verteuerungen von Lebensmitteln, insbesondere der Fleischpreise. Auf der Leninwerft in Danzig hatte der Ausstand am 14. August 1980 begonnen. Die Arbeiterin Anna Walentynowicz, die wegen ihrer nur 1,53 Meter Körpergröße als die kleinste Kranführerin galt, war nach dreißig Jahren fristlos entlassen worden. Sie hatte von der Werksleitung eine tägliche warme Mahlzeit und bessere Arbeitsbedingungen verlangt. Da übten ihre Kollegen Solidarität – Solidarność – und streikten für Annas Wiedereinstellung. Der Streik breitete sich aus, und bald wurde die Auseinandersetzung mit der Werksleitung durch die Forderung nach höheren Löhnen grundsätzlich. Achzigtausend Arbeiter in dreihundert Betrieben entlang der Ostseeküste schlossen sich dem Streik an. Vom 14. August an legten die Werftarbeiter den Betrieb lahm. Nun forderten sie auch die Wiedereinstellung des bereits ausgesperrten Elektrikers Lech Wałęsa, der sich außerhalb des Betriebsgeländes befand. Wałęsa setzte mit einem – inzwischen legendären – Sprung über das Werkstor, erklärte die Werft für besetzt und wurde zur Symbolfigur des Ausstands.
Die Übertragung der Streikführung an Wałęsa oder die Übernahme der Leitung des Ausstands durch Wałęsa führte später zu heftigem Streit zwischen einer Minderheit, den Anhängern von Anna Walentynowicz, und der Mehrheit der Arbeiter, die zu Lech Wałęsa hielt. Bis heute trennt diese Gruppen unversöhnlicher Hass. Wałęsa sah sich seit dem Frühsommer 2008 sogar einer von PiS-Parteichef Jarosław Kaczyński unterstützten Kampagne ausgesetzt, in der ihm vorgeworfen wurde, Anfang der siebziger Jahre ein Agent der polnischen Staatssicherheit gewesen zu sein. Ein Vorwurf, der unhaltbar erscheint, selbst wenn es dunkle Stunden in den frühen Jahren des späteren Friedensnobelpreisträgers gegeben hat. Wałęsa hat eingeräumt, als junger Arbeiter nach Polizeiverhören unter Druck ein Papier unterschrieben zu haben, jedoch keine Verpflichtungserklärung für die Stasi. Denn wäre Wałęsa tatsächlich in Diensten der polnischen Geheimpolizei gewesen, dann hätte die Stasi durch ihn die Solidarność mit bis zu zehn Millionen Mitgliedern geführt, die erste freie Gewerkschaft im sozialistischen Machtbereich durchgesetzt und schließlich sogar den Kommunismus in Polen gestürzt und sich damit selbst abgeschafft.
Streik: Das war unerhört, widersprach total der kommunistischen Doktrin. Ein freies, nicht von »oben« organisiertes Arbeiterbündnis trat gegen ein Regime an, in dem seit Lenin angeblich ebendiese Arbeiter an der Macht waren. Es ging um höhere Löhne, bessere Versorgung mit Lebensmitteln und besonders auch um die Freiheit. Die katholische Kirche war bei den Streikenden. Der Pfarrer der Danziger Gemeinde Sankt Birgitta, Henryk Jankowski, feierte am 17. August eine heilige Messe in der Leninwerft. Die Arbeiter beichteten in aller Öffentlichkeit, einzeln neben einem Priester kniend. Unfassbar für das herrschende Regime und die Beobachter aus den sozialistischen »Bruderländern«: Die Arbeiterklasse, eine riesige Gemeinde im Blaumann, feierte vor den Toren der Leninwerft eine heilige Messe. Unüberhörbar der Gesang von Tausenden, das war Bittgottesdienst und Protestdemonstration zugleich. »Zur Kommunion kamen unübersehbare Menschenscharen, wir aber hatten nur zweitausend Hostien. Also mussten wir sie in zwei Hälften, dann in vier, schließlich in kleine Krümel zerbrechen, damit sie für alle reichten«, berichtete Pfarrer Hilary Jastak.
An das Tor der Leninwerft hatten die Arbeiter neben 21 Forderungen ein Bild der Madonna von Tschenstochau und ein Porträt ihres Papstes gehängt. Dieser Ausstand wurde sehr schnell zu einem politischen Streik. Zum ersten Mal wurden die Zulassung freier, von der Partei unabhängiger Gewerkschaften und ein garantiertes Streikrecht verlangt. Mit dem Streik sollten auch die Freilassung aller politischen Gefangenen und die Aufhebung der Pressezensur für die Solidarność erreicht werden.
»Brich aus den Mauern die Zähne der Gitter, reiß die Handschellen auseinander – und die Mauern werden fallen und unter sich die alte Welt begraben«, so ein Song von Jacek Kaczmarski, der zu einem der Kampflieder der Solidarność werden sollte.
Ein prophetischer Text, denn zehn Jahre später fiel die Mauer von Berlin.
Die Nachricht vom Arbeiterprotest im Nachbarland Polen machte auch an der Grenze zur DDR nicht halt. Im Sommer 1981 wurde mir in Ost-Berlin eine Karikatur zugespielt, die ein Arbeiter illegal für Wandzeitungen in DDR-Betrieben gezeichnet hatte. Das Bild mit dem Titel »Dornröschen 1981« zeigte einen kleinen polnischen Arbeiter, der eine dicke schlafende DDR-Werktätige wachzuküssen versuchte. Doch ein mit Ritterrüstung gepanzerter Sowjetmensch verhinderte das: »No Kiss« stand über der Szene. Weil ich dieses Bild im ZDF gezeigt hatte, wurde ich vom Außenministerium der DDR »ein letztes Mal verwarnt«, weil ich mich in »unverschämter Weise in die inneren Angelegenheiten der DDR eingemischt« hätte. Überflüssig zu erwähnen, dass jede Art von Journalismus »Einmischung« in irgendwelche Angelegenheiten ist. Jedenfalls bewies die harsche Reaktion, wie groß die Angst der SED-Funktionäre vor dem Solidarność-Bazillus war. Zahlreiche Ost-Berliner Stimmen zeigten jedoch wenig Solidarität mit der Solidarność. Aus der Bevölkerung hörte ich meist Unverständnis für die Dauerstreiks der Polen: »Die Polacken sollen arbeiten gehen und nicht auf unser aller Kosten faul rumsitzen! Wir müssen die dann noch mit unseren knappen Lebensmitteln unterstützen.«
Evangelische und katholische Kirchengemeinden in West- und Ostdeutschland schickten dagegen reichlich Pakete nach Polen, um die darbende Bevölkerung zu unterstützen. Die DDR-Medien aber waren voll von Drohungen gegen Polen. Die Nachrichtensendung des DDR-Fernsehens Aktuelle Kamera zitierte am 28. August 1980, also drei Tage vor der Danziger Erklärung, einen vom Zentralkomitee (ZK) der SED autorisierten Bericht der Ost-Berliner Agentur ADN:
»Ein Ausbau der Position antisozialistischer Kräfte darf nicht zugelassen werden. Streiks sind kein geeignetes Mittel, den Problemen zu begegnen. Wenn die Versuche nicht aufgegeben werden, auf anarchistische Weise Forderungen durchzusetzen, muss das zu bösen Folgen für Polen führen.«
In einer ersten Krisensitzung der führenden Genossen Polens nach Beginn des Ausstands fragte Parteichef Edward Gierek besorgt, wo denn die Parteimitglieder geblieben seien. »Denen fehlt die Kraft zum Gegensteuern«, hieß es. Sie seien von den Streikenden »überrollt worden«. Wörtlich: »Die Gefahr, dass unsere Ordnung ins Wanken gerät, ist real.« Daher habe der Sicherheitschef Stanisław Kania Alarmbereitschaft angeordnet, Ordnungskräfte und auch Militär rings um Danzig zusammengezogen. Die Opposition musste fürchten, dass Moskau wie 1953 in Ost-Berlin, 1956 in Budapest und 1968 in Prag Panzer der Roten Armee schicken würde. Die »Bruderstaaten« waren in heller Aufregung. Doch überraschend beugte sich die kommunistische Partei drei Tage später, am 31. August 1980, dieser »außerparlamentarischen Opposition«.
Am 17. September wurde die »Solidarność« als erste freie und unabhängige Gewerkschaft im kommunistischen Lager gegründet und von der Regierung anerkannt. Alle Forderungen der Arbeiter wurden widerwillig akzeptiert. Die kommunistische Weltsicht wurde ad absurdum geführt. Denn der neue echte Arbeiterführer Lech Wałęsa, ein »Werktätiger« wie aus dem marxistischen Lehrbuch, unterzeichnete die Danziger Erklärung neben dem stellvertretenden Regierungschef Mieczysław Jagielski, der angeblich die »Arbeiterklasse« vertrat. Lech Wałęsa bedankte sich förmlich dafür, dass die Regierung Gewalt nicht zugelassen hatte. Und dann erklärte er den Streik für beendet:
»Wir nehmen am 1. September unsere Arbeit wieder auf. Haben wir alles erreicht, was wir wollten, was wir uns wünschen, wovon wir träumten? Ich sage ja immer frisch von der Leber weg … nicht alles! Den Rest erreichen wir auch noch, weil wir das Wichtigste haben – unsere unabhängigen Gewerkschaften.«
Zum Rest gehörte auch ein Denkmal. Bereits 1970 hatte es in Danzig Proteste der Arbeiter gegen die Arbeiterpartei gegeben. Die Kommunisten befahlen der Miliz, auf die Streikenden zu schießen. Es gab 47 Tote. Lech Wałęsa hat in den Verhandlungen über die Zulassung der Solidarność der Partei ein Mahnmal für die ermordeten Arbeiter abgetrotzt. Die Werftarbeiter haben es selbst 1980 errichtet: drei 42 Meter hohe Stahlkreuze, zu ihren Füßen die Namen der Getöteten und Worte aus dem Psalm 29, in dem es heißt »Der Herr gebe seinem Volk den Frieden.«
Diese Demütigung der Arbeiterpartei, die für die Erschießung von Arbeitern verantwortlich war, wird in ihrem Ausmaß erst deutlich, wenn es eine Parallelaktion in der DDR gegeben hätte. Unvorstellbar, dass Streikende Erich Honecker gezwungen hätten, in Berlin Unter den Linden ein Denkmal für die Toten an der Mauer errichten zu lassen.
Zum ersten Mal in der Geschichte des Kommunismus, seit es die sogenannten Volksdemokratien gab, hatten sich Arbeiter – wie in bürgerlich-demokratischen Staaten – das Streikrecht erkämpft. Wałęsa zeigte seinen staunenden Kollegen triumphal den überdimensionierten Kugelschreiber, mit dem er unterschrieben hatte. In dessen Halterung konnte die Menge das Porträt von Papst Johannes Paul II. erkennen, der auf diese Weise indirekt mitunterzeichnet hatte. Der damalige polnische Regierungschef Mieczysław Rakowski erklärte mir später:
»Selbstverständlich war es der Papst, der das Volk von den Knien aufgehoben hat, der das Volk ermutigt hat. Und dass es deshalb zur Entstehung der Solidarność kommen konnte, natürlich auch, weil das alte System die Bedürfnisse der Menschen nicht befriedigt hat.«
Die freie Gewerkschaft Solidarność erstarkte und wurde zur mächtigen Opposition der herrschenden Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei. Bis zu zehn Millionen Menschen traten ihr freiwillig bei. Die Kommunistische Partei geriet in die Minderheit. Rakowski erkannte in dem Fürsprecher aus Rom, dass die Arbeiter nun jemanden hatten, der ihre Sprache sprach.
»Ich begriff plötzlich, wie sehr diese Millionen Hunger nach einer neuen Sprache hatten. Bis dahin gab es ja nur Parteijargon. Die Parolen kannten sie auswendig. Die waren oft ohne jeden Bezug zum Alltag der Menschen. Und plötzlich erscheint da einer, der eine völlig andere Sprache gebraucht, ohne leere Parolen. Was er sagt, bedeutet Hoffnung auf ein besseres sicheres Leben.«
Am 13. Mai 1981 versuchte der Türke Mehmet Ali Ağca während einer Pilgeraudienz auf dem Petersplatz in Rom den Papst mit drei gezielten Schüssen zu töten. Bis heute ist ungeklärt, ob der bulgarische Geheimdienst Auftraggeber des professionellen Killers Ağca war. Der Verdacht, das Attentat gegen Johannes Paul II. sei vom sowjetischen Parteichef Breschnew angeordnet und vom KGB, dem sowjetischen Geheimdienst, in Moskau dem bulgarischen Geheimdienst zur Durchführung übertragen worden, tauchte schon bald nach Ağcas Mordversuch auf. Der langjährige Sekretär des Papstes, Stanisław Dziwisz, ist überzeugt, »es ist objektiv unmöglich, dass Ali Ağca ein Einzeltäter war, dass er alles allein gemacht hat«. Akten belegen, dass der Staatssicherheitsdienst der DDR die Aufgabe übernommen hat, das bulgarische »Bruderorgan« propagandistisch von einem Mordvorwurf zu entlasten, doch Geständnisse oder ein sicherer Beweis für ein von den Kommunisten angezetteltes Komplott fehlen.
Bis heute sind die Hintergründe des Attentats nicht aufgeklärt. Sicher ist, dass das sowjetische Politbüro mehrfach darüber beraten hat, wie das »Problem polnischer Papst erledigt« werden könnte. Der amerikanische Buchautor John O. Koehler behauptet, ein Papier zu kennen, das vom November 1979 stamme und mit den Unterschriften von den Mitgliedern des damaligen sowjetischen Politbüros, auch Gorbatschows, unterzeichnet sei. Gorbatschow war im November 1979 ZK-Sekretär, aber nicht Mitglied des Politbüros. Das Schriftstück aus einem Moskauer Archiv habe folgenden Wortlaut:
»Es sind alle möglichen Mittel zu nutzen, um eine Neuausrichtung der Politik zu vermeiden, die vom polnischen Papst begonnen wurde, und wenn es notwendig ist, nach Mitteln zu greifen, die weiter reichen als Desinformation und Diskreditierung.«
Hinter dieser Formulierung verberge sich der Auftrag, den Papst zu töten, so interpretierte Koehler das Dokument. Gorbatschow streitet nicht grundsätzlich ab, dass eine Geheimsitzung des ZK am 13. November 1979 stattgefunden habe, wehrt sich aber gegen die Behauptung, dass überhaupt über Aktionen gegen die Person des polnischen Papstes gesprochen worden sei. Dem ehemaligen ZDF-Journalisten und Vatikan-Experten Werner Kaltefleiter schrieb Gorbatschow auf Anfrage:
»Was die Schüsse auf dem Petersplatz betrifft, so habe ich generell keine Auskunft über die Mitwirkung des KGB an dieser verbrecherischen Tat« – allerdings – »Wenn es sich um Ereignisse des Jahres 1980 in Polen handelt, kann ich sagen, dass wir natürlich politischen Druck auf die Staatsführung ausübten.«
Sicher gab es im Moskauer Politbüro schon früh Überlegungen, wie dem unerwarteten Erfolg des Papstes in Polen und über die polnischen Grenzen hinaus zu begegnen sei, möglicherweise wurde eine Intervention der Sowjetunion und sogar des Warschauer Pakts in Polen geplant. Einen Moskauer Mordauftrag hat Gorbatschow jedenfalls immer heftig dementiert.
Der schwer verletzte Papst hat das Attentat wie durch ein Wunder überlebt. Seine zuvor stabile Gesundheit war auf Dauer durch schmerzhafte Spätfolgen des Attentats stark beeinträchtigt. Johannes Paul II. hat den Attentäter in dessen Gefängniszelle am 23. Dezember 1983 besucht und ihm verziehen. Der Sekretär des Papstes, Stanisław Dziwisz, berichtet, bei diesem Gespräch habe Mehmet Ali Ağca nur eine Frage ständig wiederholt:
»Warum sind Sie nicht gestorben? – Ich weiß, dass ich richtig gezielt habe. Ich weiß, dass es ein zerstörerisches todbringendes Geschoss war. Warum sind Sie denn nicht gestorben?«
