Die heimliche Freiheit - Ulrike Keding - E-Book

Die heimliche Freiheit E-Book

Ulrike Keding

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Beschreibung

40 Jahre nach seiner Gründung wirkt der diktatorische Gottesstaat in Iran sehr stabil. Die islamistische Ideologie scheint alle Bereiche des Lebens zu prägen. Außenpolitisch setzt Iran seine geostrategischen Interessen in Jemen, Syrien und im Irak durch. Keine Hoffnung auf Veränderung hin zu Frieden und Freiheit? Ulrike Keding macht sich auf die Suche nach dem anderen Iran. Vor allem die Frauen, die sie kennenlernt, geben ihr Hoffnung. Sie gehen mutig und selbstbewusst ihren eigenen Weg und setzen sich von der männlich geprägten Staatsdoktrin ab. Sie repräsentieren eine junge Generation westlich orientierter Iranerinnen und streben nach Freiheit. Ulrike Kedings mitreißende Porträts machen deutlich, dass wir Iran und seine Menschen nicht aufgeben dürfen.

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Seitenzahl: 285

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Ulrike Keding

Die heimliche Freiheit

Eine Reise zu Irans starken Frauen

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2020

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

Umschlagkonzeption: Verlag Herder

Umschlagmotiv: © Ulrike Keding, Wiesbaden

Karte: Peter Palm, Berlin

E-Book-Konvertierung: Daniel Förster, Belgern

ISBN E-Book 978-3-451-81944-5

ISBN Print 978-3-451-38569-8

Meinen Gastgeberinnen gewidmet

Mein Buch ist Alina, Aurelia, Dina, Elham, Farzane, Fatima, ­Kimia, Malihe, Mehrdokht, Melika, Nasrin, Sharzad, Shahin, Rahil, ­Rashida, Raya, Yara, Yasaman sowie Abdulrahman, Farid, Kambiz, Karim, Masoud, Mohsen, Vahid und Saaed gewidmet.

Ihre Namen sind zumeist geändert. Sie alle haben mir ein Dach über dem Kopf beschert und mir ihr Land gezeigt. Wir sind zu Freundinnen und Freunden geworden. Sie haben mich in ihre Lebensgeschichten eingeweiht. Ich danke ihnen für ihr Vertrauen.

Dieses Buch ist allen jungen Menschen von Iran gewidmet, die im Aufbruch sind und das Gesicht dieses Landes prägen werden.

Inhalt

Mein Blick hinter den Schleier

Monolog einer jungen Iranerin

Zwischen Courage und Selbstzweifel

Hinter dem Schleier

Die heimliche Freiheit: Aufbruch nach westlichen Werten

Die Rebellin vom Weißen Mittwoch

Die Tochter der Sonne

Die Chirurgin und ihr Hausmann

Starke Frauen – erfolgreich im Beruf

Ein Clan zwischen Tradition und Moderne

Der Traum von Europa

Die heimliche Freiheit

Zu Gast bei großstädtischen Paaren

Die andere Freiheit: Tschadorträgerinnen

In der Moschee

Als Spionin in Iran?

Khomeini hängt über ihrem Bett

Kurdinnen: Freiheitskampf in Iran

Malihe – die kurdische Rebellin

Schwarzer Tanz: »Wir müssen die Revolution auslösen«

Schmuggler – Auf Grenzgang zwischen Leben und Tod

Die Narrenfreiheit der Nomadinnen

Die Fee von Persien

Die Nomadin auf Wanderschaft

Reiterspiele der Schahsevan-Nomadinnen

Die Zukunft Irans

Kommt eine neue Revolution?

Karte

Danksagung

Über die Autorin

Mein Blick hinter den Schleier

Monolog einer jungen Iranerin

In der Oase Fahrazad. April 2019, mitten in der Wüste Dascht-e ­Kavir: Abends sitzen wir ums Feuer. Mit einer Iranerin komme ich ins Gespräch. Im Mittelpunkt steht der Arabische Frühling, die Serie von Protesten gegen Diktaturen in der islamischen Welt. In Iran begann die Grüne Revolution im Jahr 2009 schon ein Jahr zuvor.

Die junge Iranerin war dabei, als die größten Massenproteste in ihrer Heimat seit der Islamischen Revolution 1979 ausbrachen. Rund zwei Millionen Menschen warfen ihrem amtierenden Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad Wahlbetrug vor. Er war als Sieger gegen den prominenten Oppositionsführer und Reformer Hussein Mussawi aus den Präsidentschaftswahlen hervorgegangen. Internationale Wahlbeobachter waren nicht zugelassen.

Die Iranerinnen standen in den vordersten Reihen bei den Demonstrationen gegen die gefälschten Wahlergebnisse. Meine Gesprächspartnerin war mit zum Azadi Square in Teheran gezogen, dem Platz der Freiheit: »Wir Frauen sind die Mutigsten gewesen.« Ihr Protest wurde niedergeschlagen, nicht aber ihr rebellischer Geist. »Frühling« sei es immer noch in Iran, meint die dreißigjährige Reiseleiterin:

»Manchmal kann ich nicht glauben, was die Ausländer über uns Iraner denken. Als ich einen Amerikaner vom Flugplatz abholte, wartete er ernsthaft auf ein Kamel, das ihn ins Hotel bringen sollte. Er konnte nicht fassen, dass wir schon Autos oder gar Smartphones besitzen. Dann fragte er nach dem Chauffeur. Ich sagte ihm, ich, eine Frau, würde ihn durch ganz Iran fahren. Das konnte er sich ebenso wenig vorstellen.

Als ich eine Touristin am Flughafen begrüßte, wollte sie als Erstes ein Gewehr kaufen. Es denken erschreckend viele Menschen, in Iran wären nur Terroristen und sie könnten gleich erschossen werden. Es ist unglaublich, welch negativen Einfluss die Massenmedien auf die Menschen im Westen haben. Alle Touristen, die mit Vorurteilen über Iran angereist kamen, sind mit einem völlig veränderten, positiven Bild über mein Heimatland zurückgekehrt.

Ich habe eine italienische Feministin durch ganz Iran geführt. Sie interviewte einen Geistlichen zum Kopftuchgebot. Die Italienerin trieb ihn so in die Ecke, dass er keine Begründung mehr dafür wusste, warum wir Frauen das Kopftuch tragen müssen. Ich habe das Interview gefilmt, konnte es ihr jedoch nicht herausgeben. Wenn sie es auf YouTube gesetzt hätte, wäre ich im Gefängnis gelandet. Sie wäre in den Westen geflogen und in die Freiheit. Wir müssen hierbleiben. Warum kümmert sie sich nicht um die Frauenrechte in ihrem Land?

Früher haben auch die Christinnen ihre Haare bedeckt. Habt ihr jemals die Heilige Jungfrau Maria ohne Schleier gesehen? Hat sich jemals jemand beklagt, dass die Heilige Jungfrau Maria Kopftuch trägt?!

Das Kopftuch in Iran: Wir sind es gewöhnt, wir müssen es tragen, obwohl wir es nicht wollen. Wir müssen es ertragen. Wenn die Feministin mich in einem Interview für den Rundfunk gefragt hätte, ob ich gegen das Kopftuch bin, hätte ich ihr aber gesagt: ›Ich trage das Kopftuch gerne. Denn ich lege lieber den Schleier an als im Gefängnis zu landen‹.

Es gibt zwei Gruppen von Frauen in Iran. Diejenigen, die das Kopftuch aus Überzeugung tragen, und diejenigen, die es tragen müssen. Wir sind im Volksmund die ›Schlechten Kopftuchträgerinnen‹. Dazu gehören besonders die Demonstrantinnen unserer Frauenbewegung Weißer Mittwoch. Statt ihren Kopf zu verhüllen, nageln sie ihren Schleier provokativ an Stäbe und tragen ihn als wehende Fahne durch die Straßen von Teheran. Sie haben alle Pro­bleme mit der Moralpolizei bekommen. Es wird Jahrzehnte dauern, bis unsere Regierung das ändert.

Unsere Eltern und Großeltern haben in der Islamischen Revolution für die Freiheit gekämpft. Viele von ihnen mussten mit ihrem Leben bezahlen, aber sie sind betrogen worden. Weil der anfangs verehrte Imam Khomeini eine neue, ins Gegenteil verkehrte Diktatur über uns verhängt hat, die den geschönten Namen Islamische Republik trägt.

Wir, die Töchter und Söhne der Islamischen Revolution, sind aber zugleich die Internet-Generation. Wir wissen genau, was in der Welt ›drüben‹ im Westen passiert. Auch die Regierung weiß es. Sie lässt uns eine gewisse Freiheit.

Viele von uns wollen in den Westen. Natürlich denken sie, es sei das Paradies. Sie wissen nicht, wie es wirklich ist. Ich habe fünf Jahre in Deutschland gelebt. Mein Vater ist in Hamburg berufstätig gewesen. Ich habe viele einsame Menschen dort gesehen. Die Kehrseite im Westen ist die soziale Isolation. Bei uns sind Familie und Freunde noch Werte.

Alle Gäste, die ich durch mein Heimatland begleitet habe, tragen eine Friedensbotschaft für Iran in die Welt hinaus. Denn sie erzählen, wie warmherzig und offen die Iraner sie empfangen haben.

Iran hat die große Fähigkeit, Frieden zu stiften. Es tut uns Iranern in der Seele weh, dass unser Land das Image hat, die Achse des Bösen zu sein. Ich bin glücklich, als Reiseleiterin dieses Vorurteil umkehren zu können. Denn unsere Kultur lehrt uns das Gegenteil: die Liebe, die Gastfreundschaft und den Frieden.«

Zwischen Courage und Selbstzweifel

Nach Iran bin ich mit großer Unbefangenheit gefahren. Der Geheimdienst der Islamischen Republik ist einer der stärksten der Welt. Die bange Frage von Freunden und Familie, ob mir im Mittleren Osten als allein reisender Journalistin nicht etwas geschehen könnte, habe ich mir nicht im Geringsten gestellt. Auch vor einer Terrorattacke hatte ich keine Angst. Mein Abenteuergeist hat mich gegen den Strom der Vorurteile schwimmen lassen.

Während ich meine Koffer packe und berichte, wohin die Reise geht, stelle ich erstaunt fest, dass Iran vor allem bei den deutschen Frauen auf die Kopftuchdebatte reduziert wird: »Wenn ich ein Kopftuch anziehen muss, reise ich da nicht hin.«

»Warum müssen Ausländerinnen in Iran Kopftuch tragen, während Musliminnen bei uns den Hidschab anbehalten dürfen?«, hallt es von einer anderen Frau vorwurfsvoll zurück. Dauernd begegnen mir im deutschen Alltag Vorurteile. Ob ich keine Angst hätte? Eine diffuse Vorstellung von »Verhaftung als Journalistin« oder »Erschossen-Werden« bei Terrorattacken kursiert.

Die westliche Stimmung gegen muslimische Gesellschaften hat sich angesichts islamistischer Terrorakte zugespitzt. Kaum eine Region ist so oft in den Medien wie der Mittlere Osten: In Syrien, Afghanistan und dem Jemen herrscht Krieg – im Gegensatz zu Iran. Damit ist es eines der wenigen Länder im Mittleren Osten, das ich überhaupt noch bereisen kann. Der Islamische Staat (IS) ist mit dem Irak und Syrien bis März 2019 in jahrelangem Krieg gewesen, aber Iran konnten sie nicht angreifen.

Der IS hat sich an Irans starke, gut bewaffnete Revolutionsgarde nicht herangetraut. Die iranische Armee bekämpft Daesh überall. So nennen die Iraner die Dschihadisten, die Kämpfer des »Heiligen Krieges«. Obwohl Iran den IS in Syrien an der Seite Präsident Baschar al-Assads bekämpft hat, gab es kaum Terroranschläge im eigenen Land. Die Grenzen Irans sind unter starker Kontrolle. Der strenge Geheimdienst macht es den rund um den Globus agierenden Dschihadisten unmöglich, ins Land einzudringen. Genau dieser Geheimdienst hätte sich auch gegen mich wenden können. Als Journalistin bin ich undercover durchs Land getourt, ohne Presse­visum. Ansonsten hätte ich dieses Buch nicht schreiben können. Ich hätte ständig unter Beobachtung gestanden. Mein Mikro lasse ich zu Hause. Zu verdächtig ist es. Zu groß die Gefahr, dass es am Flughafen entdeckt werden könnte. Stattdessen nutze ich mein integriertes Aufnahmegerät im Smartphone und eine Menge Notizbücher.

Zum ersten Mal sehe ich mich mit der iranischen Staatsmacht schon auf deutschem Boden konfrontiert. Beim Visumsantrag verschweige ich die Adressen meiner Gastgeberinnen, die ich nur aus dem Netz kenne. Couchsurfing ist in Iran illegal. Auf keinen Fall will ich sie in die Bredouille bringen.

Der Konsulatsbeamte in Frankfurt am Main schaut mir tief in die Augen: »Wie merkwürdig, dass Sie in sechs Wochen nur in zwei Hotels wohnen«, wundert er sich. »Ich habe die anderen Unterkünfte noch nicht buchen können«, fällt mir in der Schrecksekunde ein. Er winkt mich durch. Ein Stein fällt mir vom Herzen. Er hat wohl keinen Verdacht geschöpft. Eine strikte Überwachung sieht jedenfalls anders aus. Der Beamte hätte eine lückenlose Liste mit vorgebuchten Unterkünften von mir verlangen können. Das Iranische Ministerium für Staatssicherheit hätte die Einhaltung dieser Angaben leicht kontrollieren können.

Vor meiner Abreise habe ich mich entsprechend eingekleidet, nachdem ich mich in Sachen passender Garderobe bei einem iranischen Teppichhändler zu Hause hatte beraten lassen. Bei einer türkischen Schneiderin ließ ich mir einen bodenlangen Baumwollrock nähen. Im türkischen Viertel in meiner Heimatstadt kaufte ich einen blauseidenen, cremeweißen und grünen Schal und drei lange Blusen bis zu den Knien. Der Ladenbesitzer aus Istanbul strahlte von einem Ohr zum anderen und begrüßte mich als seinen »Stammgast«. In seiner muslimischen Mode ziehe ich durch den Orient, schlendere über Straßen, Moscheen, Höfe und Basare und besuche Iranerinnen und Iraner, die Fremden ihre Türen öffnen.

Journalistin hinter Gittern?

Aschura ist ein landesweiter Volkstrauertag. Die Schiiten feiern Imam Husseins Todestag weitaus größer als seinen Geburtstag. In Ardabil sind die Straßen gesperrt. Zehntausende von Menschen säumen den Trauerzug, der sich durchs Zentrum bewegt. Schluchzende Musliminnen sitzen an den Straßenrändern. Sie trauern über ihren vor über 1300 Jahren verstorbenen Märtyrer.

Ausgerechnet mitten in diesem Menschengewühl nimmt mich die iranische Staatsgewalt unter schärfste Beobachtung. Als ich die Trauerzeremonie fotografiere, stoppt mich ein Polizist. Aus ist es nun mit den Bildern von Reitern in Kettenhemden. Sie stellen die Ermordung des Prophetenenkels Hussein in der Schlacht von Kerbela im Jahr 680 nach.

Der Polizist will meinen Pass sehen. Ich habe ihn nicht dabei. Ihn nicht mitzunehmen war keine gute Idee. Jetzt verfolgt der Beamte meine Gastgeberin Aurelia und mich auf Schritt und Tritt. Wir versprechen, ihm den Pass vorzulegen. Er notiert sich Aurelias Handynummer. Über Couchsurfing verlieren wir kein Wort. Dreimal telefoniert er ihr nach. Aurelia macht sich Sorgen. Es könnte herauskommen, dass sie Ausländer übers Internet einlädt. Was, wenn sie ihre Stelle verliert?

Was, wenn der Polizist meine Notizbücher kontrolliert – und mich inhaftiert? Plötzlich wird es mir unheimlich. Wir holen meinen Pass und zeigen ihn dem Polizisten. Er studiert ihn ausführlich. Mit einem Lächeln lässt er mich ziehen. Laut höre ich die Musliminnen weinen. Wie hypnotisiert stiere ich auf den Trauerzug.

Angst, von den iranischen Behörden verhaftet zu werden, hatte ich nie. Nur bei einer Busdurchsuchung an der Grenze zu Kurdistan geriet ich in eine brenzlige Situation. Ich bin die Einzige unter dreißig Passagieren, die ein Polizist kontrolliert. Er verschwindet mit meinen Papieren. Plötzlich fühle ich alle Aufmerksamkeit der Bus­insassen auf mich gerichtet. Erstmals steigen sorgenvolle Gedanken in mir auf. Hat der Geheimdienst mich doch überwacht?

Der Polizist lässt auf sich warten. Die Minuten zerrinnen nur langsam. Meine Nerven liegen blank. Was, wenn ich hinter Gittern lande? Nach einer halben Ewigkeit erscheint er wieder. Gnädig gibt er mir meinen Pass zurück. Hätte er meinen Laptop gecheckt und mein Manuskript entdeckt, wäre ich dran gewesen. Meine Aufzeichnungen liegen ungeschützt und leicht zu finden auf der Festplatte.

Das Nuklearabkommen

In Iran bin ich Zeugin der Ära vor und nach Amerikas Ausstieg aus dem Nuklearabkommen. Der Atomvertrag wurde 2015 zwischen Iran und den E3+3-Staaten, nämlich den europäischen Nationen Deutschland, Frankreich und Großbritannien sowie Russland, China und den USA abgeschlossen. Er sah den Abbau der Wirtschaftssanktionen des Westens vor. Im Gegenzug unterschrieb Iran, nicht atomar aufzurüsten. Der historische Vertrag hatte in Iran die Wende gebracht. Er war einer der wichtigsten Meilensteine zur Öffnung der islamischen Gesellschaft. Das Nuklearabkommen ließ Annäherung zwischen dem Westen und Iran erwarten. Ziel war es, die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Iran, Europa und den USA auszubauen.

Bereits im November 2016 bin ich durch das Land gereist, als das Atomabkommen gerade ein knappes Jahr in Kraft ist. Die Hoffnung der Menschen ist groß. Der Tourismus boomt. Die Hotels in Teheran sind ausgebucht. Der Abschluss des Atomabkommens hatte einen Reiseboom in den im Dornröschenschlaf versunkenen Iran ausgelöst. 2017 bereisten nach einer iranischen Statistik noch 5,2 Millionen Touristen das Land am Persischen Golf. Kurz nach Trumps Ausstieg im Mai 2018 sank die Zahl bereits um rund eine Million Reisende. Vor allem die Europäer blieben aus.

Iran wollte bis 2025 rund 20 Millionen westliche Touristen ins Land locken. 1600 Hotelkomplexe mit der Unterstützung westlicher Investoren waren geplant. Das waren die ehrgeizigen Ziele der politischen Führung. Amerika hat ihnen einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Im Mai 2018 kündigt US-Präsident Trump das Nuklearabkommen auf, gerade als ich für eine deutsche Zeitung in Teheran berichte. Die Enttäuschung der Iraner sitzt tief. Durch die von Amerika auferlegten Sanktionen wird die Bevölkerung in eine schwere Wirtschaftskrise gestürzt. Ein Jahr später stehen die Hotels in der Hauptstadt bereits nahezu leer. Der Touristenstrom bleibt aus. Die westlichen Geschäftsleute haben das Land verlassen.

Bei meiner ersten Reise nach Iran im Jahr 2016 spürte ich diese Aufbruchsstimmung der Iraner. Sie bauten auf ihren Aufschwung, nachdem über ein Jahrzehnt zwischen den Weltmächten verhandelt worden war. Dagegen kommt in allen Gesprächen nach Amerikas Ausstieg ihre Sorge zum Ausdruck, dass die iranische Wirtschaft nach unten driftet und sie nun erst recht keine Arbeit mehr finden. Für die Akademiker, die ihre Stellen verloren haben, ist die Krise ein zusätzlicher Grund, auszuwandern. Sie fürchten die unsichere Situation in ihrer Heimat. Viele Frauen wagen auch alleine den Sprung ins Ausland.

Zurück in Deutschland. Der Vertrag vom Verlag liegt auf dem Tisch. Nun heißt es, sich erneut auf wochenlange Reisen quer durch das Land zu begeben. Bei allem anfänglichen Elan – plötzlich befallen mich zermürbende Selbstzweifel. Wie wird das alles werden in dem riesigen Land, das mehr als dreimal so groß ist wie Deutschland? Ganz alleine in der Wüste, auf den Straßen, in den Bussen und Zügen? Wie komme ich an? Wer holt mich ab? Abends sitze ich alleine im Hotel. Wer bringt mich morgens zum Busbahnhof? Ich »couchsurfe« wieder, entscheide ich mich spontan. »Meine Gastgeberinnen kümmern sich um mich«, denke ich pragmatisch.

Entschlossen schiebe ich meine Zweifel beiseite. Die Menschen in Iran sind mein Ziel, in den Städten, auf dem Land, in der Wüste oder in den Bergen. Nicht ihren Sehenswürdigkeiten gilt mein eigentliches Interesse, sondern ihrer Lebensart, ihrer Einstellungen, ihrem Seelenleben. »Du wirst nicht einsam bleiben«, spreche ich mir selbst Mut zu: »Eher bleibst du in Deutschland alleine als in Iran.« Wer würde mich bei mir zu Hause im Bus spontan zu sich einladen? Niemand. In Iran, da bin ich mir sicher, wird es mir gewiss wieder glücken.

Die Gastfreundschaft ist in Iran eine jahrtausendealte Sitte. Der Gast gilt als Geschenk und Freund Gottes. Indem der Gast geehrt wird, wird auch Gott geehrt. Von Hospitality Club über Couchsurfing bis Homestay: Durch die unzähligen Internet-Plattformen lebt die internationale Gastfreundschaft in einer Weise auf, wie es zuvor niemals möglich war.

Couchsurfing bei den Nomaden

Eine besondere Herausforderung ist meine Reise zu den Nomaden. Wie soll ich zu ihnen Zugang finden? Die wandernden Völker leben im Zelt. Couchsurfing via Internet ist nicht möglich. Hier hilft mir ein glücklicher Zufall: Ich finde Farzane im Netz. Die Südiranerin aus der Millionenstadt Schiraz mit nomadischem Blut in den Adern nimmt mich zu ihrer Qaschqai-Familie in den Bergen mit. Ich werde bei Nomaden im Zelt wohnen: »Kann es nicht erwarten, dich zu treffen. Sei willkommen in unserem ›Land der Gastfreundschaft‹.« Ihre Einladung verleiht mir Sicherheit. Als ich am nächsten Morgen aufwache, sind zum ersten Mal nach drei Wochen meine Ängste vor der Reise ins Ungewisse verschwunden.

Ein weiterer Lichtblick: Hossein aus der Wüste hat geschrieben. Per WhatsApp hat er geantwortet, nach einer Woche. Ich bin überrascht, wie gut die Iraner digital vernetzt sind – bis in die letzte Oase. Schlagartig schwinden meine Selbstzweifel. Meine Angst, verlassen in der Wüste zu stehen, mutterseelenalleine quer durch Iran zu reisen, nimmt mit jeder WhatsApp-Nachricht ab, die ich aus dem »Land der Gastfreundschaft« erhalte.

Wie komme ich in die Dascht-e Kavir? Die Safari durch die Wüste muss ich von der Großstadt Yazd aus anpeilen. Wieder befällt mich Beklommenheit. Wie wird das werden? Zu Hause in Deutschland langes Warten auf ein Echo meiner angemailten Gastgeberinnen. Aus Isfahan und Hamedan meldet sich kein Mensch. Von meiner anfänglichen Devise, nur zwei Frauen pro Stadt anzuschreiben, muss ich abkommen und kontakte an einem Tag fünf bis acht Irane­rinnen pro Metropole. Als ich am nächsten Morgen mindestens fünfzehn Antworten aus dem Mittleren Osten in meinem E-Mail-Account vorfinde, habe ich das Gefühl, als läge mir die Welt zu Füßen. Aus meiner Not der Selbstzweifel wird eine Tugend. Überrascht studiere ich die interessanten Profile der jungen »Frauen von Welt«, die ihre Couch zum Übernachten anbieten.

Es gibt kaum eine Bühne, auf der sich die junge iranische Generation besser darstellt als auf den Couchsurfing-Plattformen. Auf Selbstporträts, Hochzeits-, Familien- und Reisefotos präsentieren sich die jungen Iranerinnen ihren Gästen aus der ganzen Welt. Mit wenigen Zeilen schreiben sie, was ihnen wichtig ist, offenbaren Facetten ihres Charakters und werden zu Autorinnen ihrer eigenen Biografie.

Hinter dem Schleier

Mein Blick hinter den Schleier führt ein gänzlich neues Bild der modernen Frau in Iran vor Augen: Es widerspricht dem westlichen Klischee der Muslimin mit Kopftuch am Kochtopf. Ausbruch aus der Enge, Aufbruch nach Europa, Loslösung vom traditionellen Familienbild und Karriereorientierung bestimmen die Einstellung der modernen Iranerin. Trotz islamischer Doktrin: Die Iranerinnen verstehen es, sich ihre Freiheiten zu nehmen.

Mutig, unabhängig, gebildet und stark: Mit einem Lächeln setzt die Iranerin sich über die starren Regeln der muslimischen Gesellschaft hinweg und geht unbeirrt ihren Weg. Sie darf nicht singen – und nimmt dennoch im Keller Chansons auf. In Frankreich lässt sie davon CDs produzieren. Sie darf nicht ohne die Erlaubnis des Ehemanns reisen, also zieht sie es vor, gar nicht erst zu heiraten.

Mullah-Diktat, unterdrückte Frauen, Journalisten hinter Gittern: Kaum ein Land ist im Westen von solch düsteren Vorurteilen überladen wie Iran. Und gerade das reizt mich. Gerade in diesen Teil des Orients will ich ziehen und erfahren, wie es wirklich ist.

Ich habe mich auf die Reise begeben, die Menschen dieses Landes in ihren vier Wänden kennenzulernen. Ich will herausfinden, wie sie fühlen, denken, lachen und trauern. Frei von jeglichen Vorbehalten gegenüber Kopftuch, Frauenrolle oder Islam-Doktrin wohne ich zu Hause bei iranischen Familien. Dabei entwickeln sich besonders vertrauliche Gespräche von Frau zu Frau. Barfuß auf dem Perserteppich: Mit verschleierten und nicht verschleierten Frauen trinke ich Tee, übernachte auf kunstvollen Teppichen der Nomadinnen oder tausche mich mit überzeugten Regimekritikerinnen aus. Zu ihrem Schutz habe ich ihre Namen geändert. Mein Buch bietet einen Einblick in die Mentalität und Lebensweise der Iranerinnen und ihrer Ehemänner, Söhne, Väter, Brüder und Freunde.

Wir im Westen haben das Gefühl, ganz Iran verberge sich hinter einem großen Schleier, einem Riesentschador, geheimnisvoll und nicht zu durchschauen. Wir sehen in Iran ein archaisches Patriarchat, das die Iranerin unter das Kopftuch zwingt. Doch sind es gerade die Frauen, die sich den Verboten der herrschenden Männerriege geschickt entziehen.

Dies gilt besonders für das gebildete städtische Milieu der Mittel- und Oberschicht. Fast siebzig Prozent der Studierenden in Iran sind Frauen. Der Anteil der Professorinnen liegt weit höher als in Deutschland. Frauen stellen ein Drittel aller Arbeitskräfte. Sie müssen sich ihre gesetzliche Gleichberechtigung noch erkämpfen, die wir Europäerinnen längst haben. Sie ziehen daraus Konsequenzen: Die offene Rebellion gegen den Staat – mit allen Risiken, die damit verbunden sind. Die stille Rebellion im Alltag, nicht provokativ, aber dennoch mit Überzeugung. Die Auswanderung. Ihre Freiheiten nehmen sich die Frauen zumeist im Geheimen – aus Selbstschutz. Ihr Traum von einem Leben in Europa ist groß. Diese Iranerinnen machen zunehmend kein Geheimnis mehr daraus, dass sie das Kopftuchgebot nur äußerlich annehmen, ohne es innerlich zu ­akzeptieren.

Ihnen stehen regimetreue Musliminnen gegenüber, die leidenschaftlich um ihren Schleier ringen. Warum verteidigen sie ihren »Schutzumhang« aufs Äußerste? Die Tschador-Trägerinnen, mit denen ich auf dem Perserteppich sitze, kämpfen darum, ihre Identität in einer Welt zu bewahren, die sie vom Westen dominiert sehen. »Für viele Musliminnen spielt die Religion eine entscheidende Rolle zur Bewahrung ihrer persönlichen und nationalen Identität.«1

Iran ist ein Vielvölkerstaat. Um diesem Umstand gerecht zu werden, hatte Schah Reza Pahlavi 1935 Persien in Iran, »Land der Arier«, umgetauft. Die iranischen Arier sind die Vorfahren der mehr als elf Völker in Iran. Die Perser sind die größte Ethnie. Persisch sprechen aber nur 41 Millionen Iraner als Muttersprache, das ist etwas mehr als die Hälfte der Bevölkerung. »Farsi« ist zwar die Nationalsprache, die von nahezu allen Landsleuten gelernt wird. Aber vierzig Millionen Iraner unterhalten sich zu Hause auf Aseri-Türkisch, Kurdisch oder Arabisch sowie in weiteren Regionalsprachen.

Meine Reisen haben mich zu vielen Perserinnen, aber auch zu den Familien der Kurdinnen, Aserbaidschanerinnen, Armenierinnen und zu den Qaschqai-, Chalabian- und Schahsevan-Nomaden geführt. Die Minderheiten mit ihren ausgeprägten Kulturen leben seit Ayatollah Khomeinis Machtergreifung im Jahr 1979 mit dem Regime in Konflikt. Sie wollen sich der von oben diktierten islamischen Vereinheitlichung bis heute nicht ergeben, sondern ihre Traditionen und Sprachen erhalten.

Generell gibt es ein großes Stadt-Land-Gefälle, was Bildung, Wohlstand, Hygiene, elektrische und sanitäre Einrichtungen betrifft. Dies ist ein Grund, warum das an Bodenschätzen, vor allem an Erdöl und Gas, so reiche Iran immer noch als Schwellenland gilt. Bei den Dorfbewohnern kommt der Reichtum oft nicht an. Sie leben teilweise noch ohne moderne Kanalisation und ausreichendes Stromnetz.

Nach Präsident Trumps Aufkündigung des Nuklearabkommens steht über der fortschreitenden Modernisierung Irans ein großes Fragezeichen. Aufgrund der Sanktionen, die Amerika über Iran verhängt hat, haben viele westliche Investoren das Land verlassen. Zudem hat Trumps Ausstieg das anwachsende gegenseitige Vertrauen erschüttert. Es droht der Rückfall in die überkommene westliche Anschauung, Iran könnte ein gefährlicher Staat sein, der atomar rüstet und den Persischen Golf blockiert.

Keine Frage: Die Islamische Republik entspricht nicht unseren Vorstellungen von Freiheit und Demokratie. Iran verteidigt seine Interessen in den Nachbarländern mit militärischen Mitteln. Die Medien prägen unsere Vorstellung vom iranischen Staat durch die aktuelle Berichterstattung. Hintergründe über die iranische Gesellschaft kommen zu kurz. Negativ und voller Vorbehalte ist unsere Haltung gegenüber dieser von uns als fremd empfundenen Welt. Zu Unrecht. Wenn Sie sich in diesem Buch mit mir zusammen auf Reisen quer durch das Land begeben, erfahren Sie, wie nah uns die Iranerinnen und Iraner sind. Und wie tief sich der Graben zwischen der prowestlichen Bevölkerung und ihrem islamischen Regime spaltet.

Kommen Sie mit auf meine Reise und lassen Sie sich verblüffen: Vieles von dem, was die Iranerinnen sich vorstellen, unterscheidet sich wenig von uns Frauen in Europa.

1 John Esposito: »Von Kopftuch bis Scharia: Was man über den Islam wissen sollte«, Reclam, Leipzig 2004.

Die heimliche Freiheit: Aufbruch nach westlichen Werten

Die Rebellin vom Weißen Mittwoch

Sie sind clever. Sie sind dynamisch. Sie haben Humor und einen umwerfenden Charme. Ihr Geist ist vom Widerstand geprägt. Sie erregen Aufruhr im Straßenbild von Iran: die jungen Rebellinnen. Sie bestimmen nicht die Politik. Noch nicht.

Sie tritt ins Remington ein. Sie zeigt mehr Haar als Schleier. Der beliebte Hauptstadt-Coffeeshop in Teheran-City ist nach der amerikanischen Schreibmaschinenmarke Remington benannt. Kaum schnappt die Tür hinter uns zu, fühlt es sich an, als sei die europä­ische Moderne über uns hereingebrochen. Es könnte in Berlin oder London sein – wenn nur der Schleier nicht wäre. Im Remington in der Iranshar Street trifft sich die liberale Szene von Teheran.

Sie ist Rebellin. Leise. Still. Und umso radikaler. Ihre dunklen Augen blitzen. Fällt in der U-Bahn ihr Schal vom Haar, lässt sie ihn auf ihren Schultern ruhen. Schreibt ihr ein Passagier vor, dass sie ihn wieder hochziehen muss, reagiert sie nicht: »Ich schweige. Das ist meine Art von Protest.«

Die 23-jährige Studentin hat sich dem Weißen Mittwoch angeschlossen, der landesweiten Oppositionsbewegung der Irane­rinnen: »Wir schreien nicht. Wir demonstrieren nicht lautstark in der Öffentlichkeit in einer Menschentraube. Wir Frauen lassen auf den Straßen Irans schweigend unseren Schal fallen. Das ist unsere Stärke.« Die im Exil lebende Journalistin Masih Alinejad löste die Bewegung mit ihrer Online-Kampagne »My Stealthy Freedom« aus: »Meine Heimliche Freiheit«. Im Mai 2014 stellte sie ein Foto von sich auf Facebook. Mit fliegendem Haar ging sie durch London.

Der Auftakt für den Weißen Mittwoch in Iran: Im Dezember 2017 stellte sich die erste Frau unverschleiert auf die Enghelab Street in Teheran, die Revolutionsstraße. Damit war der Bann des bis dahin geheimen Widerstands gebrochen. Seitdem zeigen sich mutige Rebellinnen mitten in den Städten dem Anblick der Öffentlichkeit – und zwar ohne Kopftuch. Demonstrativ stellen sie sich auf Verteilerkästen und lassen ihren weißen Schleier vor sich am Stab baumeln. Ein deutliches Signal der Opposition. Damit riskieren sie ihre Freiheit. Sich kopftuchlos zeigen ist eine Straftat. Eine Verhaftung der Moralpolizei ist ihnen gewiss. Die Dauer des Freiheitsentzugs bleibt ungewiss.

Die Rebellinnen aber setzen noch eins drauf. Sie stellen ihr Por­trät ohne Schleier – wie ihr Vorbild Alinejad – auf Facebook und protestieren so vor der Weltöffentlichkeit.

Die Plattform »Meine Heimliche Freiheit« wird von der Journalistin inzwischen aus New York gesteuert. Sie hat mehr als eine Million Follower rund um den Erdball. Dazu gehören auch männliche Anhänger. Das iranische Regime, das Presse, TV und seine Staatsbürger im Alltag kontrolliert, ist machtlos. »Wir Frauen aus Iran haben Facebook, Instagram, Twitter und Telegram – das sind unsere Waffen«, sagt Alinejad.1

Der Schleier ist das repräsentative Symbol, an dem sich der gesamte Protest gegen die Islamische Republik entzündet. Es herrscht eine hohe Arbeitslosigkeit, welche die Regierung nicht in den Griff bekommt. Ungefähr ein Drittel der Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze. Dies ist seit den Sanktionen noch dramatischer geworden. Der armen Bevölkerung steht eine regimetreue und sich zusehends durch Korruption bereichernde Oberschicht gegenüber. Die Menschen begehren dagegen auf. Sie sind im Aufbruch begriffen, allen voran die Frauen.

Wie die Iranerin ihren Schleier trägt, ist variantenreich. Ihr Stil verrät, ob sie ihn gerne oder gegen ihren Willen überzieht. Der Hi­dschab, das traditionelle Kopftuch, umschlingt enganliegend Haupt, Hals und Schultern. Der Tschador – auf Deutsch: Zelt – ist ein schwarzer Umhang, der die Frau von Kopf bis Fuß verhüllt.

Sharzad dagegen hat eine lose Bahn Stoff am Hinterkopf übers Haar gezogen. Sie trägt einen Hauch von Schleier. Die Rebellin gehört zu den »Schlechten Kopftuchträgerinnen«. Zwei schwarze Zöpfe, in Schnecken ums Ohr gekringelt, lugen frech hervor. Der Weiße Mittwoch ist die einzige bedeutende, über soziale Medien organisierte Oppositionsbewegung in Iran: »Die Frauen wagen es, zu rebellieren. Sie sind stärker als die Männer. Unser Land wird wiederkommen.«

Sharzads Vater hatte Devisen deponiert. Als der Kurswert des Euros gestiegen sei, habe die Bank ihm sein Geld nicht zurückgegeben: »Es waren die Demonstrantinnen des Weißen Mittwoch, die gegen die Sperrung der Konten protestiert haben. Die Männer haben es nicht gewagt.«

»Die Frauen sind derzeit die lautesten Stimmen, die eine Veränderung fordern«, bestätigt Alinejad: »Das macht Hoffnung!«2

Durch die Sanktionen hat die Bevölkerung einen harten Existenzkampf zu überstehen: »Es ist schlimm. Fleisch ist so teuer geworden. Meine Mutter kann es kaum noch kaufen. In den Restaurants wird zum Teil sogar Hundefleisch gekocht«, berichtet die Studentin Sharzad aus ihrem Alltag in Teheran: »Die Inflation ist für uns ein Albtraum. Du schläfst eine Nacht. Dann wachst du auf – wieder sind die Preise höher.«

Die Lebenshaltungskosten sind bis zu hundert Prozent teurer geworden: von U-Bahn bis Wohnung. Iran ist ein Importland. Viele amerikanische Produkte sind auf dem Markt: »Iraner schaffen sich Handys von Apple an, nur um zu zeigen, dass sie Geld haben«, sagt Sharzad. Auch deutsche Industrieprodukte sind begehrt. Wer es sich leisten kann, kauft Autos aus der Bundesrepublik. BMW und Mercedes gelten als Statussymbol. Nur noch wenige können sich diese Limousinen leisten: »Wenn wir 50 000 Rial gespart haben, verlieren sie über Nacht an Wert und sind nur noch die Hälfte wert. Es ist ein Schock.«

Sharzad studiert an der Universität Teheran, der Elitehochschule des Landes. Sie war Augenzeugin einer Protestaktion auf dem Campus von Frauen und Männern gegen die schlechten Verhältnisse und den Hidschab. Sie selbst hat nicht an der Demonstration teilgenommen: »Ehrlich gesagt, ich habe den Mut nicht. Ich habe Angst. Viele Studenten sind verhaftet worden. Es ist zu gefährlich.«

Was die »stille Rebellin« in ihrer Umwelt erlebt: Die meisten ihrer Mitmenschen sind gegen den Hidschab, aber noch lange nicht alle Iranerinnen: »Es sind die Frauen, die mich anschreien, wenn ich meinen Schleier in der U-Bahn fallen lasse, nicht die Männer.«

Es handele sich nicht um einen absoluten Kampf gegen den Hidschab, erklärt Masih Alinejad. Es gehe vielmehr darum, selbst wählen zu dürfen, ob man ein Kopftuch trägt oder nicht. Ihre Mutter wolle den Schleier tragen, sie hingegen will das nicht. Iran sollte für beide da sein. Laut einer Statistik aus dem Büro von Staatspräsident Hassan Rohani aus dem Jahr 2014 sind 49,8 Prozent der Iraner gegen den Hidschabzwang. Es ist davon auszugehen, dass die Zahlen inzwischen deutlich höher liegen. Doch die iranischen Frauen müssen gewaltige Mauern einreißen.

Nichts symbolisiert den islamischen Charakter des Systems so sehr wie der Schleier. Es war ausgerechnet der als Reformer bekannte Rohani, der als junger Politiker 1980 auf Geheiß von Ayatollah Khomeini das Bekleidungsgebot der Frau wieder einführte.

Die islamische Revolution von 1979 wurde von Männern angeführt. »Sie war nicht erfolgreich. Jetzt sind die Frauen dran«, meint Sharzad: »Alle sind dafür, dass die Frauen ihre Rechte bekommen, auch die Männer. Wir Iraner sind alle unter Druck, aber die Frauen am meisten.«

Rebelliert die Frau, steht für sie mehr auf dem Spiel als für den Mann. Ihre Zeugenaussage vor Gericht gilt nur die Hälfte. Sie kann sich nicht auf rechtsstaatliche Grundlagen stützen. Den Demonstrantinnen mit dem weißen Schleier geht es daher besonders um ihre juristische Benachteiligung und nicht nur um eine Bahn Stoff. Wenn sie den Schleier am Stab wedeln lassen, protestieren sie gegen die mangelnde Wertschätzung des Staates.

»Die Frau ist offiziell die Hälfte wert. Wenn du mit dem Auto eine Frau umfährst, musst du weniger Strafe zahlen als wenn du einen Mann tötest«, sagt Sharzad.

»Du hast selbst einen Bruder. Wie empfindest du es, dass du eines Tages nur die Hälfte erben wirst?«

»Es ist schon ein komisches Gefühl.«

»Per Gesetz besteht keine Gleichberechtigung. Bedeutet das auch, dass du dich im Alltag benachteiligt fühlst?«

»Nein, nicht besonders. Die meisten Studenten sind liberal und aufgeschlossen.«

Teheran sei nicht nur die Hochburg des Weißen Mittwoch, sondern auch der Weißen Hochzeit, auf Deutsch: der wilden Ehe. Natürlich alles inkognito, keiner wisse es. Sie ziehe offiziell alleine ein. Er wohne heimlich mit.

Sharzad wohnt in der Eigentumswohnung ihres Vaters. Dies beschere ihr Freiheit, sagt sie mit einem Lächeln. Sie stünde nicht unter Beobachtung ihrer Eltern, die außerhalb leben.

»Wir treffen uns im Netz«

Trotz der strengen islamischen Regeln gibt es überraschend viele Parallelen zwischen der urbanen iranischen und westlichen Gesellschaft: »Wir denken ähnlich wie die Jugendlichen in Deutschland und anderen westlichen Ländern«, sagt Sharzad.

Die junge Iranerin spricht fließend Deutsch. Gerade erst ist sie aus Berlin von einem zweimonatigen Sprachkurs zurückgekehrt: »Durchs Internet haben wir Iraner die westliche Kultur verstehen gelernt.« Dies sei ein Wandel gegenüber der Generation ihrer Mutter und Großmutter, die noch streng mit ihrer traditionellen Kultur verhaftet wären: »Es liegt vor allem daran, dass wir jungen Leute ständig in den sozialen Netzwerken chatten.«

Sharzad bestellt eine Portion Makkaroni. Im Remington ist Italian Food angesagt. Auch kulinarisch ist alles auf Europa getrimmt.

Plob. Eine Mail geht auf Sharzads Smartphone ein. Sie checkt schnell, wer ihr geschrieben hat: eine Antwort aus Deutschland über die weltweite Sprach-App italki. Auf der Plattform hat die Studentin viele internationale Kontakte mit Deutschen sowie Sprachschülern aus der ganzen Welt aufgebaut: »Wir treffen uns im Netz. So verbessere ich mein Deutsch. Wir chatten über alles Mögliche. Manchmal telefonieren wir auch über Skype miteinander.«

Das Internet spielt die entscheidende Rolle für den Aufbruch der iranischen Jugend. Die freiheitliche Bewegung ist unaufhaltsam. Sie ist am Westen orientiert. Sie lässt sich von der Staatsideologie nicht beeinflussen.

Die jungen Leute im Remington tippen emsig in ihre Laptops, einen Cappuccino neben sich, das Symbol westlicher Lebensart, im Teeland Iran etwas Besonderes. Flippig gestylt, sitzen sie an einer langen Tischreihe, die Männer hip, mit Pferdeschwanz oder Reif im Haar, die Frauen ihren Schleier hinters Ohr geklemmt oder weit nach hinten geschoben.

Das Remington erinnert an ein modernes Großraumbüro. Eine nostalgische Schreibmaschine steht in der Mitte. Ein wandgroßes Schwarz-Weiß-Foto mit Sekretärinnen in toupierten Frisuren aus der New Yorker »Remington Company« dominiert den Kaffeehaussaal. Ein junger Mann mit Schieberkäppi sitzt unter diesem Bild. Kopfhörer tragend, checkt er sein Smartphone.

Sehnsucht nach Freiheit

Sharzad, die junge Iranerin mit dem rebellischen Geist, will ihren Bachelor in Deutschland abschließen. Das ist typisch für die moderne Studentin: »Als zukünftige Künstlerin kann ich in Iran nichts erreichen. Ich wollte neulich eine Skulptur ausstellen, auf dem eine Frau nur die Schultern zeigte, sonst nichts. Der Dozent hat mir nicht erlaubt, das Kunstwerk aufzustellen. Bei uns ist es wie früher in der DDR. Nur dass Iran keine Mauern baut.«

Ihre Sehnsucht nach Freiheit ist groß. Ein Studium in Deutschland ist ihr Traum. Ob er sich erfüllt, ist ungewiss. Seit Trumps Aufkündigung des Atomabkommens sind die Einreisebestimmungen deutlich härter geworden. Derzeit bekommt sie noch nicht einmal einen Termin bei der Deutschen Botschaft, um einen Ausreiseantrag zu stellen. Sie wartet bereits wochenlang darauf. »Bei uns funktioniert alles nur mit Vitamin B und über den Schwarzmarkt«, verrät sie mit einem Lächeln.

Den Wunsch nach Freiheit bringen die Iraner überall zum Ausdruck. Doch ihre Möglichkeiten sind begrenzt – vor allem aus finanziellen Gründen. Wohlhabende haben es leichter, in den Westen auszuwandern: »Meine Freundin hat ein Visum bekommen. Ihr Vater ist steinreich. Er hat Beziehungen in internationalen Kreisen. Mit Bakschisch kommst du bei uns überallhin. Es ist den Regierungsbeamten egal, dass wir alle Iran verlassen wollen. Hauptsache, sie bekommen Geld.«