Beschreibung

Die Braut, die sich doppelt traut

Als Milly zum ersten Mal ihr Jawort gibt, ist sie achtzehn, übermütig und entschlossen, etwas Gutes zu tun. Die Ehe soll nämlich einem sympathischen Amerikaner die Aufenthaltsgenehmigung in England sichern. Die Sache ist auch schnell vergessen, nachdem der Kontakt zu ihrem Gatten bald nach der Trauung abbricht. Doch zehn Jahre später steht Milly vor einem Problem: Sie hat mit Simon Pinnacle ihren Traummann gefunden, und in wenigen Tagen soll geheiratet werden. Was weder der überglückliche Simon noch sonst jemand weiß: Die Braut ist noch immer verheiratet. Mitten in den Vorbereitungen zur Traumhochzeit platzt die Bombe ...

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 446


Buch

Als Milly mit achtzehn in Oxford das College besucht, genießt sie ihre Freiheit und stürzt sich ohne groß nachzudenken mitten ins Leben. Und sie genießt ihre Freundschaft zu Rupert und seinem amerikanischen Liebhaber Allan. Als Rupert ihr vorschlägt, sie solle Allan heiraten, damit er eine Aufenthaltsgenehmigung erhält, tut sie den beiden gern den Gefallen. Was ist schon dabei?

Mittlerweile sind zehn Jahre vergangen, und Milly hat die aufregende Zeit in Oxford längst hinter sich gelassen. Sie ist mit dem wunderbaren Simon Pinnacle verlobt, einem jungen Mann aus bester Familie, der sehr in Milly verliebt ist. In wenigen Tagen wird Hochzeit gefeiert, und alles scheint perfekt: Milly bekommt ihren Traummann, ihre Mutter das lang ersehnte gesellschaftliche Großereignis und Simons Vater eine wunderbare Schwiegertochter. Es gibt nur ein Problem: Milly ist ja bereits verheiratet …

Autorin

Sophie Kinsella ist Schriftstellerin und ehemalige Wirtschaftsjournalistin. Ihre Schnäppchenjägerin-Romane um die liebenswerte Chaotin Rebecca Bloomwood, von denen mittlerweile sechs vorliegen, werden von einem Millionenpublikum verschlungen. Die Bestsellerlisten eroberte Sophie Kinsella aber auch mit ihren Romanen »Sag’s nicht weiter, Liebling«, »Göttin in Gummistiefeln«, »Kennen wir uns nicht?« oder »Charleston Girl« im Sturm.

Mehr Informationen zur Autorin und zu ihren Romanen unter

www.sophie-kinsella.de

Die Romane mit Schnäppchenjägerin Rebecca Bloomwood in chronologischer Reihenfolge:

Die Schnäppchenjägerin (45286) · Fast geschenkt (45403) · Hochzeit zu verschenken (45507) · Vom Umtausch ausgeschlossen (45690) · Prada, Pumps und Babypuder (46449) · Mini Shopaholic (Klappenbroschur, 54646)

Außerdem lieferbar:

Sag’s nicht weiter, Liebling. Roman (45632) · Göttin in Gummistiefeln. Roman (46087) · Kennen wir uns nicht? Roman (46655) · Charleston Girl (47399)

Sophie Kinsella

Die Heiratsschwindlerin

Roman

Aus dem Englischen

von Heidi Lichtblau

Die Originalausgabe erschien 1999 unter dem Titel

»The Wedding Girl« bei Black Swan Books,

Transworld Publishers Ltd., London.

Dieser Roman erschien 1999 erstmals auf Deutsch

unter dem Autorennamen Madeleine Wickham.

»Sophie Kinsella« ist das Pseudonym der Autorin.

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1. Auflage

Neuveröffentlichung September 2011

Copyright © der Originalausgabe 1999

by Madeleine Wickham

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2000, 2011

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München

Umschlagfoto: Getty Images/Frank Rothe; © Getty Images/

C. Squared Studios; © Getty Images/Alex Cao; © FinePic

AB · Herstellung: Str.

Satz: omnisatz GmbH, Berlin

ISBN: 978-3-641-06988-9V003

www.goldmann-verlag.de

Für Hugo,

der mittendrin erschien.

Prolog

Eine Touristengruppe war stehen geblieben, um Milly anzustarren, in ihrem Brautkleid auf den Treppen des Standesamtes. Sie verstopften den Gehsteig gegenüber, was die Oxforder Einheimischen jedoch – an den jährlichen Ansturm gewöhnt – mit stoischer Ruhe hinnahmen. Ein paar warfen einen Blick die Treppe hinauf, um den Grund des Auflaufs zu erfahren, und gaben stillschweigend zu, dass die beiden dort oben wirklich ein umwerfendes Paar abgaben.

Der eine oder andere Tourist hatte sogar seine Kamera gezückt, und Milly, die die Aufmerksamkeit genoss, strahlte ihnen freudig entgegen und versuchte, sich das Bild vorzustellen, das sie und Allan boten. Ihre weißblonde Igelfrisur glühte in der Nachmittagssonne; der geliehene Schleier kratzte an ihrem Hals, die Nylonspitze ihres Kleides klebte feucht auf ihrer Haut. Und wann immer sie zu Allan – ihrem Ehemann – aufblickte, erfasste sie eine prickelnde Euphorie, die alle anderen Empfindungen auslöschte.

Erst drei Wochen zuvor war sie in Oxford eingetroffen. Die Schule war im Juli vorbei gewesen – und während all ihre Freundinnen sich nach Ibiza, Spanien und Amsterdam aufmachten, steckte man Milly in ein Sekretärinnencollege in Oxford. »Viel sinnvoller als irgend so ein alberner Urlaub«, hatte ihre Mutter energisch verkündet. »Und denk doch nur, was du dann den anderen gegenüber bei der Stellensuche für Vorteile hast.« Aber Milly wollte gar keine Vorteile vor den anderen. Sie wollte braun werden und einen Freund haben, sonst gar nichts.

Und so machte sie sich am zweiten Tag ihres Tippkurses nach dem Lunch aus dem Staub. Sie entdeckte einen billigen Friseur und ließ sich von ihm aus einer Laune heraus das Haar kurz schneiden und bleichen. Dann bummelte sie beschwingt und glücklich durch die sonnigen Straßen Oxfords, schaute hie und da in kühle Klöster und Kapellen, lugte in Innenhöfe und überlegte, wo sie sonnenbaden könnte. Es war purer Zufall, dass sie sich schließlich für eine Rasenfläche des Corpus Christi College entschied, dass Ruperts Räume direkt gegenüberlagen, dass er und Allan beschlossen hatten, sich diesen Nachmittag faul ins Gras zu legen und Pimm’s zu trinken.

Verstohlen hatte sie die beiden beobachtet, wie sie auf den Rasen schlenderten, mit ihren Gläsern anstießen, und starrte genauer hin, als einer von ihnen das Shirt auszog und einen gebräunten Oberkörper enthüllte. Sie hatte den Unterhaltungsfetzen gelauscht, die zu ihr herübergetragen wurden, und sich unvermittelt gewünscht, diese lässigen, gut aussehenden Männer zu kennen. Als der ältere der beiden sie ansprach, tat ihr Herz vor Aufregung einen Sprung.

»Haben Sie Feuer?« Eine gelassene Stimme, belustigt, amerikanisch.

»Ja«, stotterte sie und griff in ihre Hosentasche. »Ja, habe ich.«

»Wir sind leider furchtbar faul.« Der jüngere Mann erwiderte ihren Blick: schüchterner, zurückhaltender. »Ich habe ein Feuerzeug, gleich hinter diesem Fenster da.« Er deutete nach oben. »Aber bei der Hitze ist jeder Schritt zu viel.«

»Als Dank bekommen Sie ein Glas Pimm’s«, meinte der Amerikaner. Er streckte die Hand aus. »Allan.«

»Rupert.«

Den restlichen Nachmittag lümmelte sie mit ihnen auf dem Gras, tankte Sonne und Alkohol, flirtete und kicherte und brachte die beiden mit ihren Beschreibungen der Kolleginnen auf dem Sekretärinnencollege zum Lachen. In ihrer Magengrube spürte sie ein Kribbeln, das im Laufe des Nachmittags stärker wurde: ein sexueller Schauer, den das attraktive Äußere der beiden noch erhöhte. Rupert war geschmeidig und golden wie ein junger Löwe; sein Haar ein glänzend blonder Heiligenschein; die Zähne in dem glatten braunen Gesicht strahlend weiß. Allan hatte schon Fältchen, und das Haar an den Schläfen war ergraut, aber seine graugrünen Augen ließen ihr Herz höher schlagen, und seine Stimme liebkoste ihre Ohren wie Seide.

Als Rupert sich auf den Rücken rollte und zum Himmel fragte: »Sollen wir heute Abend essen gehen?«, dachte sie, er wolle mit ihr ausgehen. Sofort ergriff eine ungläubige Freude von ihr Besitz, auch wenn es ihr, wie sie sofort feststellte, lieber gewesen wäre, Allan hätte sie gefragt.

Gleich darauf rollte auch er sich auf den Rücken und sagte: »Unbedingt.« Und dann beugte er sich hinüber und küsste Rupert ungeniert auf den Mund.

Das Seltsame war, dass es Milly nach dem ersten Schock eigentlich nichts ausmachte. Es war fast besser so: Auf diese Weise hatte sie die beiden für sich. An jenem Abend ging sie mit ihnen ins San Antonio und weidete sich an den eifersüchtigen Blicken zweier anderer Sekretärinnen. Am nächsten Abend spielten sie auf einem alten Grammofon Jazzmusik und tranken Whisky mit Eis und frischer Minze. Die beiden zeigten ihr, wie man Joints drehte. Binnen einer Woche waren sie ein regelrechtes Dreiergespann.

Und dann hatte Allan sie gefragt, ob sie ihn heiraten wolle.

Ohne nachzudenken, hatte sie unverzüglich ja gesagt. In der Annahme, es sei ein Scherz, hatte er gelacht und zu einer längeren Erklärung über seine missliche Lage ausgeholt. Er sprach über Visa, von Schikanen des Innenministeriums, von überholten Systemen und Diskriminierungen gegen Schwule. Die ganze Zeit sah er sie dabei flehentlich an, als müsse sie für die Idee erst noch gewonnen werden. Aber Milly war schon gewonnen, erschauerte bereits erregt bei dem Gedanken, ein Brautkleid zu tragen, ein Blumenbouquet zu halten, etwas Aufregenderes zu tun als je zuvor in ihrem Leben. Erst als Allan stirnrunzelnd meinte: »Ich kann kaum glauben, dass ich jemanden bitte, für mich das Gesetz zu brechen!«, ging ihr die ganze Bedeutung seiner Bitte auf. Aber die kleinen Bedenken, die sie überkamen, waren nichts gegen die Hochstimmung, die sie erfüllte, als Allan den Arm um sie legte und ihr ins Ohr flüsterte: »Du bist ein Engel.« Milly hatte atemlos zurückgelächelt und gesagt: »Da ist doch nichts dabei«, und sie hatte es wirklich so gemeint.

Und nun waren sie verheiratet. Sie hatten das Ehegelübde heruntergerasselt: Allan in trockenem, überraschend ernstem Ton; Milly mit zittriger Stimme, nahe dran loszukichern. Dann hatten sie sich ins Register eingetragen. Allan zuerst, zügig und geübt; dann Milly, die für diese Gelegenheit eine Erwachsenenunterschrift versuchte. Und dann, überraschend schnell, war alles vorbei, und sie waren Mann und Frau. Allan hatte Milly ein kleines Lächeln geschenkt und sie wieder geküsst. Ihr Mund prickelte noch immer leicht von der Berührung; der vergoldete Ehering an ihrem Finger fühlte sich noch fremd an.

»Es reicht jetzt mit den Fotos«, meinte Allan plötzlich. »Wir wollen nicht zu viel Aufmerksamkeit erregen.«

»Nur noch ein paar«, wandte Milly rasch ein. Es hatte sie viel Mühe gekostet, Allan und Rupert so weit zu bringen, dass sie sich für den Anlass ein Brautkleid ausleihen durfte; nun, da sie es trug, wollte sie den Augenblick möglichst lange auskosten. Sie rückte etwas näher an Allan heran, klammerte sich an seinen Arm, spürte seinen rauen Anzug an ihrer bloßen Haut. Unvermittelt zog ein sommerlicher Windstoß an ihrem Schleier und kühlte ihren Nacken. Ein altes Theaterprogramm wurde den trockenen, leeren Rinnstein entlanggeblasen; auf der anderen Straßenseite löste sich die Gruppe der Schaulustigen allmählich auf.

»Rupert!«, rief Allan. »Jetzt reicht’s mit der Knipserei!«

»Warte!«, bat Milly verzweifelt. »Was ist mit dem Konfetti?«

»Na, okay«, erwiderte Allan nachsichtig. »Ich schätze, um Millys Konfetti kommen wir nicht herum.«

Er langte in seine Tasche und warf eine bunte Handvoll in die Luft. Gleichzeitig wurde Millys Schleier wieder vom Wind erfasst, von der kleinen Plastiktiara in ihrem Haar gerissen und wie eine Rauchfahne in die Luft gewirbelt. Der Schleier landete auf dem Bürgersteig, zu Füßen eines dunkelhaarigen Jungen von ungefähr sechzehn Jahren, der sich bückte und ihn aufhob. Als hielte er irgendein seltsames Artefakt in den Händen, beäugte er den Schleier eingehend.

»He!«, rief Milly sofort. »Das ist meiner!« Und sie lief die Treppe hinunter auf ihn zu, eine Konfettispur im Schlepptau. »Der gehört mir«, wiederholte sie noch einmal deutlich, als sie sich dem Jungen näherte, weil sie dachte, er sei vielleicht ein ausländischer Student mit schlechten Englischkenntnissen.

»Ja«, erwiderte der Junge trocken. »Das dachte ich mir schon.«

Er reichte ihr den Schleier, und Milly lächelte ihn unsicher an, bereit, ein bisschen zu schäkern. Aber die Miene des Jungen veränderte sich nicht; in seinem Blick hinter der Nickelbrille erkannte sie so etwas wie Verachtung. Mit einem Mal kam sie sich in ihrem schlecht sitzenden Brautkleid aus Nylon und mit bloßem Kopf ein bisschen albern vor.

»Danke«, sagte sie und nahm den Schleier. Der Junge zuckte mit den Achseln.

»Nichts zu danken.«

Er beobachtete, wie sie, verunsichert von seinem Starren, den Schleier wieder befestigte.

»Gratulation«, setzte er hinzu.

»Wozu?«, fragte Milly, ohne nachzudenken.

»Eine glückliche Ehe!«, sagte der Junge mit unbewegter Stimme. Er nickte ihr zu und ging davon, bevor Milly noch etwas erwidern konnte.

»Wer war das?«, erkundigte sich Allan, der plötzlich neben ihr auftauchte.

»Keine Ahnung«, sagte Milly. »Er hat uns eine glückliche Ehe gewünscht.«

»Eine glückliche Scheidung wohl eher«, meinte Rupert, der Allans Hand umklammerte. Milly sah ihn an. Sein Gesicht leuchtete; er wirkte schöner denn je.

»Milly. Ich bin dir sehr dankbar«, sagte Allan. »Wir beide sind es.«

»Keine Ursache«, sagte Milly. »Es hat Spaß gemacht, ehrlich!«

»Na, trotzdem. Wir haben hier eine Kleinigkeit für dich.« Nach einem Blick zu Rupert griff Allan in seine Tasche und reichte Milly eine kleine Schachtel. »Süßwasserperlen«, erklärte er, während sie die Schachtel öffnete. »Wir hoffen, sie gefallen dir.«

»Oh, und wie!« Milly blickte strahlend von einem zum anderen. »Das wäre aber doch nicht nötig gewesen!«

»Wir wollten es aber«, erwiderte Allan ernst. »Als Dank dafür, dass du eine tolle Freundin bist – und eine perfekte Braut.« Er befestigte die Kette um Millys Hals, und sie errötete vor Freude. »Du siehst schön aus«, sagte er leise. »Die schönste Ehefrau, die sich ein Mann erhoffen kann.«

»Tja«, sagte Rupert, »und wie wär’s jetzt mit etwas Champagner?«

Den Rest des Tages verbrachten sie damit, auf dem Cherwell Stechkahn zu fahren, erlesenen Champagner zu trinken und extravagante Trinksprüche aufeinander auszubringen. In den folgenden Tagen verbrachte Milly jede freie Minute mit Rupert und Allan. An den Wochenenden fuhren sie aufs Land und veranstalteten verschwenderische Picknicks auf karierten Decken. Sie besuchten den Blenheim Palace, und Milly bestand darauf, im Gästebuch mit Mr. und Mrs. Allan Kepinski zu unterschreiben. Drei Wochen später, als ihre Zeit im Sekretärinnencollege um war, reservierten Allan und Rupert im Randolph einen Tisch und ließen Milly drei Gänge bestellen, ohne dass sie sich die Preise anschauen durfte.

Am nächsten Tag brachte Allan sie zum Bahnhof, half ihr beim Verstauen des Gepäcks und trocknete ihre Tränen mit einem seidenen Taschentuch. Er küsste sie zum Abschied, versprach zu schreiben und sagte, sie würden sich bald in London treffen.

Milly sah ihn niemals wieder.

1. Kapitel

Zehn Jahre später

Das Zimmer war groß und luftig, und man blickte über die Straßen von Bath, die eine feine Schicht Januarschnee bedeckte. Vor ein paar Jahren war der Raum in traditionellem Stil mit gestreiften Tapeten und ein paar guten georgianischen Möbelstücken neu eingerichtet worden. Augenblicklich verschwanden diese allerdings unter einem Meer bunter Kleidungsstücke, CDs, Zeitschriften und Make-up. Den schönen Mahagonischrank in einer Ecke verdeckte fast völlig ein riesiger weißer Kleidersack aus Baumwolle; auf dem Sekretär stand eine Hutschachtel; auf dem Boden beim Bett lag ein Koffer, halb gefüllt mit Kleidungsstücken für Flitterwochen in warmen Regionen.

Milly, die einige Zeit vorher zum Fertigpacken hochgekommen war, lehnte sich gemütlich auf ihrem Schlafzimmerstuhl zurück, sah auf die Uhr und biss in einen kandierten Apfel. Auf ihrem Schoß hielt sie Hochglanzmagazine, geöffnet bei den Ratgeberseiten, deren erste mit »Liebe Anne« begann. »Ich habe ein Geheimnis vor meinem Mann.« Milly verdrehte die Augen. Sie brauchte den Rat nicht einmal zu lesen. Der lautete nämlich immer gleich. Sag die Wahrheit. Sei ehrlich. Wie eine Art weltlicher Katechismus, den man, einmal auswendig gelernt, ohne nachzudenken herbeten konnte.

Ihre Augen wanderten zum zweiten Problem. »Liebe Anne, ich verdiene viel mehr Geld als mein Freund.« Milly nagte geringschätzig an ihrem kandierten Apfel. Die hatte Probleme! Sie blätterte zu den Homestyle-Seiten weiter und erspähte eine Auswahl teurer Papierkörbe. So etwas fehlte eigentlich noch auf ihrer Hochzeitsliste. Vielleicht war es noch nicht zu spät.

Unten klingelte es an der Tür, doch sie rührte sich nicht. Simon konnte es nicht sein, noch nicht; wahrscheinlich einer der Pensionsgäste. Träge hob Milly den Blick von ihrer Zeitschrift und sah sich in ihrem Zimmer um. Seit zweiundzwanzig Jahren wohnte sie hier, und zwar, seitdem die Familie Havill in die Bertram Street gezogen war und sie mit der Verzweiflung einer Sechsjährigen erfolglos gebettelt hatte, man möge ihr Zimmer babyrosa streichen. Seitdem war sie im Internat gewesen, im College, sogar kurz nach London gezogen – und jedes Mal war sie zurückgekehrt, zurück in dieses Zimmer. Aber am Samstag würde sie fortgehen und nie mehr zurückkommen. Sie würde ein eigenes Heim gründen. Einen Neuanfang machen. Als eine erwachsene, verheiratete Frau.

»Milly?« Die Stimme ihrer Mutter riss sie aus ihren Gedanken. »Simon ist da!«

»Was?« Milly warf einen Blick in den Spiegel und zuckte angesichts ihres zerzausten Erscheinungsbildes zusammen. »Bloß nicht!«

»Soll ich ihn raufschicken?« Ihre Mutter steckte den Kopf herein und musterte das Zimmer. »Milly! Du solltest dieses Durcheinander aufräumen!«

»Lass ihn ja nicht hochkommen!«, bat Milly und betrachtete den kandierten Apfel in ihrer Hand. Sie schlug die Zeitschrift zu und legte sie auf den Boden, dann überlegte sie es sich anders und kickte sie unter das Bett. Hastig pellte sie sich aus der jeansblauen Leggings und öffnete ihren Kleiderschrank. Auf der einen Seite hingen eine gut geschnittene schwarze Hose, ein anthrazitfarbener klassischer Rock, ein brauner Hosenanzug und eine Reihe adretter weißer Hemdblusen. Auf der anderen Seite befanden sich all die Kleidungsstücke, die sie trug, wenn sie nicht mit Simon zusammen war: zerfetzte Jeans, uralte Pullis, enge, knallige Miniröcke. All die Kleidungsstücke, die sie noch vor Samstag würde ausmustern müssen.

Sie zog die schwarze Hose und eine der weißen Hemdblusen an und griff nach dem Kaschmirpullover, den Simon ihr zu Weihnachten geschenkt hatte. Sie betrachtete sich eingehend im Spiegel, bürstete ihr Haar – nun honigblond und schulterlang – und schlüpfte in ein Paar teurer schwarzer Halbschuhe. Sie und Simon hatten einander oft versichert, dass man am falschen Ende sparte, wenn man sich billige Schuhe zulegte; soweit Simon wusste, besaß sie nur die schwarzen Halbschuhe, ein Paar braune Stiefel und ein Paar marineblaue Guccislipper, die er ihr selbst gekauft hatte. Seufzend schloss Milly die Schranktür, stieg über einen Unterwäschehaufen auf dem Boden hinweg und ergriff ihre Tasche. Sie besprühte sich mit Parfüm, schloss fest die Zimmertür und schickte sich an, die Treppe hinunterzugehen.

»Milly!«, zischte ihre Mutter ihr zu, als sie an deren Zimmer vorbeiging. »Komm her!«

Gehorsam betrat Milly das Zimmer. Olivia Havill stand an einer Kommode, vor sich ihre geöffnete Schmuckschatulle.

»Schatz«, sagte sie fröhlich, »sag mal, magst du dir heute Nachmittag nicht meine Perlen ausleihen?« Sie hielt ein doppelreihiges Perlenkropfband mit einem Diamantverschluss in die Höhe. »Sähe toll aus zu diesem Pullover!«

»Mummy, wir gehen doch bloß zum Pfarrer«, entgegnete Milly. »Das ist doch nicht wichtig. Wozu brauch ich da eine Perlenkette!«

»Natürlich ist es wichtig!«, versetzte Olivia. »Du musst das ernst nehmen, Milly. Schließlich gibt man sein Ehegelübde nur einmal ab!« Sie hielt inne. »Und außerdem tragen alle Bräute aus der Oberschicht Perlen.« Sie hielt die Kette an Millys Hals. »Echte Perlen. Nicht diese albernen Dingerchen da.«

»Ich mag meine Süßwasserperlen«, verteidigte sich Milly. »Und ich komme nicht aus der Oberschicht.«

»Schatz, in Kürze bist du Mrs. Simon Pinnacle.«

»Simon kommt auch nicht aus der Oberschicht!«

»Sei nicht albern«, meinte Olivia scharf. »Natürlich tut er das. Sein Vater ist Multimillionär.« Milly verdrehte die Augen.

»Ich muss gehen!«

»Na gut.« Mit Bedauern legte Olivia die Perlen zurück in ihre Schmuckschatulle. »Wie du willst. Und, Schatz, denk doch bitte dran, Pfarrer Lytton wegen der Rosenblätter zu fragen.«

»Mach ich«, versprach Milly. »Bis später!«

Sie eilte die Treppe hinab in die Diele und schnappte sich von der Garderobe ihren Mantel.

»Hi!«, rief sie ins Wohnzimmer, und als Simon in die Diele trat, warf sie hastig einen Blick auf das Titelblatt des Daily Telegraph und versuchte, sich so viele Schlagzeilen wie möglich einzuprägen.

»Milly!«, sagte Simon grinsend. »Du siehst hinreißend aus.« Milly sah auf und lächelte.

»Du auch.« Simon war fürs Büro gekleidet, er trug einen dunklen Anzug, der wie angegossen an seinem drahtigen Körper saß, ein blaues Hemd und eine dezente Seidenkrawatte. Das dunkle Haar stand widerspenstig von seiner breiten Stirn ab, und er duftete diskret nach Aftershave.

»So«, meinte er, öffnete die Haustür und geleitete sie in die frische Nachmittagsluft hinaus. »Na, dann wollen wir uns doch mal eine Lektion über das Eheleben anhören.«

»Tja«, sagte Milly. »Seltsam, nicht?«

»Die totale Zeitverschwendung«, meinte Simon. »Was kann uns ein hinfälliger alter Pfarrer schon darüber erzählen? Er ist ja nicht mal selbst verheiratet!«

»Tja«, meinte Milly vage. »Ich schätze, es gehört sich halt so.«

»Wehe, er fängt an, uns von oben herab zu behandeln. Da werde ich stocksauer.«

Milly warf ihm einen Blick zu. Sein Nacken war angespannt, der Blick entschlossen nach vorn gerichtet. Er erinnerte sie an eine junge, kampflustige Bulldogge.

»Ich weiß, was ich mir von der Ehe erwarte«, sagte er und runzelte die Stirn. »Das wissen wir beide. Völlig unnötig, dass sich da ein Fremder einmischt.«

»Wir hören einfach bloß zu und nicken«, schlug Milly vor. »Und dann gehen wir wieder.« Sie fühlte in ihrer Hosentasche nach ihren Handschuhen. »Außerdem weiß ich ohnehin schon, was er sagen wird.«

»Was?«

»Seid lieb zueinander und schlaft nicht mit anderen Leuten.«

Simon überlegte einen Augenblick. »Ich schätze, den ersten Teil könnte ich hinbekommen.«

Milly gab ihm einen Knuff, und er zog sie lachend an sich und küsste sie auf das glänzende Haar. Als sie sich seinem Wagen näherten, griff er in seine Hosentasche und piepste mit der Fernbedienung sein Auto auf.

»Fast hätte ich keinen Parkplatz gefunden«, sagte er und ließ den Motor an. »Die Straßen sind völlig zugeparkt.« Er zog die Stirn kraus. »Ob dieses neue Gesetz wirklich etwas bringt …«

»Das Umweltgesetz?«, parierte Milly sofort.

»Genau«, sagte Simon. »Hast du davon gelesen?«

»O ja.« Milly rief sich rasch den Telegraph in Erinnerung. »Meinst du, dass sie auch wirklich die richtigen Prioritäten setzen?«

Und als Simon zu sprechen anfing, blickte sie aus dem Fenster, nickte gelegentlich und fragte sich dabei träge, ob sie sich für die Flitterwochen noch einen dritten Bikini anschaffen sollte.

Pfarrer Lyttons Raum war groß, zugig und voller Bücher. Bücher säumten die Wände, Bücher bedeckten jede Oberfläche, und Bücher erhoben sich in staubigen, schwankenden Stapeln auf dem Boden. Die Teekanne hatte die Form eines Buches, der Funkenschutz des Kamins war mit Büchern dekoriert; selbst die Pfefferkuchenstücke auf dem Teetablett ähnelten einer Reihe Lexika.

Pfarrer Lytton selbst erinnerte an ein altes Stück Papier. Seine dünne, spröde Haut schien in Gefahr, jeden Moment zu zerreißen; wann immer er lachte oder die Stirn runzelte, legte sich sein Gesicht in tausend Falten. Augenblicklich – wie schon während der ganzen Sitzung – tat er es auch. Seine buschigen weißen Augenbrauen waren miteinander verwachsen, seine Augen vor Konzentration verengt, und seine knochige Hand, die eine noch volle Tasse Tee umklammerte, fuhr gefährlich durch die Luft.

»Das Geheimnis einer erfolgreichen Ehe«, deklamierte er, »ist Vertrauen. Vertrauen ist der Schlüssel. Vertrauen ist der Fels.«

»Genau«, sagte Milly, wie sie es in der vergangenen Stunde alle drei Minuten getan hatte. Sie warf Simon einen Blick zu. Er hatte sich nach vorn gebeugt, so, als wolle er einhaken. Aber Pfarrer Lytton duldete keine Unterbrechungen. Jedes Mal, wenn Simon zu einer Erwiderung ansetzte, hob der Geistliche seine Stimme und wandte sich ab, sodass Simon den Mund frustriert wieder schließen musste. Dabei war Simon anzumerken, dass er so einigen Äußerungen Lyttons liebend gern widersprochen hätte. Was sie selbst anbelangte, so hatte sie kein Wort mitbekommen.

Ihr Blick glitt schläfrig auf die Bücherschränke zu ihrer Linken. Da war sie, gespiegelt in deren Glasscheiben. Elegant, gepflegt und erwachsen. Ihr Erscheinungsbild gefiel ihr. Nicht, dass Pfarrer Lytton es zu würdigen gewusst hätte. Wahrscheinlich hielt er es für sündhaft, Geld für Kleidung auszugeben. Er würde sagen, dass sie es stattdessen den Armen hätte geben sollen.

Sie veränderte ihre Lage auf dem Sofa etwas, unterdrückte ein Gähnen und blickte auf. Da bemerkte sie zu ihrem Entsetzen, dass Pfarrer Lytton sie beobachtete. Seine Augen verengten sich, und er brach mitten im Satz ab.

»Es tut mir leid, wenn ich Sie langweile, meine Liebe«, versetzte er sarkastisch. »Vielleicht ist Ihnen dieses Zitat schon bekannt?«

Milly spürte, wie sie errötete.

»Nein«, erwiderte sie. »Ist es nicht. Ich bin bloß … ähm …« Sie blickte rasch zu Simon, der ihr grinsend zublinzelte. »Ich bin bloß ein bisschen müde«, führte sie ihren Satz lahm zu Ende.

»Die Hochzeitsvorbereitungen machen der armen Milly schwer zu schaffen«, fügte Simon hinzu. »Was es da nicht alles zu organisieren gibt! Der Champagner, der Kuchen …«

»In der Tat«, meinte der Geistliche streng. »Aber dürfte ich Sie daran erinnern, dass es bei einer Hochzeit weder um den Champagner noch um den Kuchen geht! Und im Übrigen auch nicht um die Geschenke, die Sie zweifellos erhalten werden.« Sein Blick glitt durch sein Zimmer, als vergliche er seine schäbigen Habseligkeiten mit den Unmengen prachtvoller und aufwendiger Geschenke für Milly und Simon, und sein Gesicht verdüsterte sich noch mehr. »Es betrübt mich«, fuhr er fort und stolzierte zum Fenster, »wie salopp viele junge Paare ihre Trauung angehen. Man sollte das Sakrament der Ehe nicht als reine Formalität betrachten.«

»Natürlich nicht«, gab Milly ihm recht.

»Wie Sie beim Trauungsgottesdienst noch hören werden, sollte man die Ehe nicht sorglos, leichthin oder aus selbstsüchtigen Gründen eingehen, sondern …«

»Und so ist es bei uns auch nicht«, fiel Simon ihm ungeduldig ins Wort; er beugte sich auf seinem Stuhl vor. »Pfarrer Lytton, ich weiß, Sie haben es vermutlich tagtäglich mit Leuten zu tun, die aus den verkehrten Gründen heiraten. Aber bei uns ist das nicht der Fall, okay? Wir lieben uns, und wir wollen den Rest unseres Lebens miteinander verbringen. Und für uns ist das was Ernstes. Der Kuchen und der Champagner haben damit nichts zu tun.«

Er hielt inne, und einen Augenblick lang herrschte Schweigen. Milly nahm Simons Hand und drückte sie.

»Aha«, meinte Lytton schließlich. »Nun, das höre ich gern.« Er setzte sich, trank einen Schluck kalten Tees und zuckte zusammen. »Ich wollte Ihnen hier keine Moralpredigt halten.« Er stellte seine Tasse ab. »Aber Sie haben ja keine Ahnung, wie viele ungeeignete Paare zu mir kommen, die heiraten wollen. Gedankenlose junge Leute, die einander kaum fünf Minuten kennen. Alberne Mädchen, die bloß hinter einer Ausrede her sind, um sich ein hübsches Kleid kaufen zu können …« Er schüttelte den Kopf.

»Das kann ich mir lebhaft vorstellen«, meinte Simon. »Aber Milly und ich – das ist das Wahre. Wir werden es ernst nehmen. Es richtig machen. Wir kennen uns, und wir lieben uns, und wir werden sehr glücklich sein.« Er beugte sich zu Milly, küsste sie zart und warf dem Priester einen herausfordernden Blick zu.

»Ja«, nickte Lytton. »Nun. Vielleicht habe ich genug gesagt. Sie scheinen auf dem richtigen Weg zu sein.« Er nahm seine Aktenmappe auf und begann, darin zu blättern. »Da wären noch ein paar Punkte zu klären …«

»Das war schön«, flüsterte Milly Simon zu.

»Es ist wahr«, flüsterte er zurück und berührte sanft ihren Mundwinkel.

»Ah, ja.« Pfarrer Lytton sah auf. »Ich hätte das schon vorher erwähnen sollen. Wie Ihnen bekannt sein dürfte, hat Reverend Harries es versäumt, letzten Sonntag Ihr Aufgebot zu verlesen.«

»So?«, fragte Simon.

»Das ist Ihnen doch sicher aufgefallen?« Er sah Simon durchdringend an. »Ich nehme doch an, Sie haben den Gottesdienst besucht?«

»O ja«, erwiderte Simon nach einer Pause. »Natürlich. Nun, da Sie es erwähnen, ich habe mir schon gedacht, dass da etwas nicht stimmte.«

»Er hat sich vielmals entschuldigt – das tun sie immer.« Lytton stieß einen gereizten Seufzer aus. »Aber der Schaden ist angerichtet. Infolgedessen werden Sie mit einer Sondergenehmigung getraut werden müssen.«

»Oh«, sagte Milly. »Und was heißt das?«

»Unter anderem heißt das«, meinte er, »dass ich Sie bitten muss, einen Eid zu schwören.«

»Das klingt nicht gut!«, sagte Milly.

»Wie bitte?« Er blickte sie verwirrt an.

»Nichts«, sagte sie. »Fahren Sie fort.«

»Sie müssen einen Eid schwören, dass alle Informationen, die Sie mir gegeben haben, der Wahrheit entsprechen.« Pfarrer Lytton hielt Milly eine Bibel hin und reichte ihr dann ein Blatt. »Gehen Sie es einfach mal schnell durch, schauen Sie, ob alles stimmt, und lesen Sie den Eid dann laut vor.«

Milly starrte ein paar Sekunden auf das Papier und sah mit einem strahlenden Lächeln hoch.

»Alles bestens«, sagte sie.

»Melissa Grace Havill«, sagte Simon, der über ihre Schulter auf das Schriftstück schaute. »Ehelos.« Er zog eine Grimasse. »Ehelos!«

»Okay!«, meinte Milly scharf. »Lass mich jetzt einfach den Eid lesen.«

»Genau«, sagte Lytton. Er strahlte sie an. »Und dann hat alles, wie es so schön heißt, seine Richtigkeit.«

Als sie das Pfarrhaus wieder verließen, war es kalt, und es dämmerte. Es hatte abermals zu schneien begonnen; die Straßenlampen leuchteten schon. In einem Fenster auf der anderen Straßenseite glitzerte noch eine weihnachtliche Lichterkette. Milly holte tief Luft, lockerte die vom langen Stillsitzen steif gewordenen Beine und blickte zu Simon. Aber noch ehe sie etwas sagen konnte, ertönte von der anderen Straßenseite eine triumphierende Stimme.

»Aha! Hab ich euch erwischt!«

»Mummy!«, rief Milly. »Was für eine nette Überraschung!«

Olivia überquerte die Straße und strahlte sie beide an. Ihren flott geschnittenen blonden Haarschopf und die Schultern ihres grünen Kaschmirmantels benetzte eine feine Schneeschicht. Nahezu alle Kleidungsstücke Olivias hatten die Farben von Edelsteinen – saphirblau, rubinrot, amethystlila – und wurden durch eine glänzende Goldschnalle, leuchtende Knöpfe und Schuhe mit goldenem Besatz betont. Insgeheim hatte sie einst mit dem Gedanken an türkisfarbene Kontaktlinsen gespielt, war sich jedoch nicht sicher gewesen, ob man sich hinter ihrem Rücken nicht darüber lustig machen würde. Und so machte sie stattdessen das Beste aus ihrem natürlichen Blauton, indem sie goldenen Lidschatten auflegte und einmal im Monat eine Kosmetikerin besuchte, die ihr die Wimpern schwarz färbte.

Nun richteten sich ihre Augen zärtlich auf Milly.

»Ich nehme an, du hast vergessen, Pfarrer Lytton nach den Rosenblüten zu fragen?«, sagte sie.

»Oh!«, sagte Milly. »Ja, das hab ich tatsächlich.«

»Wusste ich’s doch!«, rief Olivia aus. »Deshalb bin ich lieber gleich selbst hergekommen!« Sie lächelte Simon an. »Was ist meine Kleine doch für ein Schussel!«

»Das würde ich nicht sagen«, erwiderte Simon mit gepresster Stimme.

»Natürlich nicht! Du bist ja schließlich in sie verliebt!« Olivia lächelte ihn fröhlich an und zerzauste ihm das Haar. In Stöckelschuhen war sie ein kleines bisschen größer als Simon, und ihm war aufgefallen – wenn auch sonst niemandem –, dass sie seit Millys und seiner Verlobung immer öfter welche trug.

»Ich gehe jetzt besser«, sagte er. »Muss zurück ins Büro. Im Augenblick sind wir ziemlich in Hektik.«

»Wer ist das nicht!«, rief Olivia. »Schließlich sind es nur noch vier Tage, weißt du? Vier Tage, bis ihr zum Altar schreitet! Und ich habe noch tausend Sachen zu erledigen!« Sie wandte sich an Milly. »Und du, Schatz? Bist du auch in Eile?«

»Nein«, meinte Milly. »Ich habe mir den Nachmittag freigenommen.«

»Na, was hältst du dann davon, wenn wir zusammen zurück in die Stadt gehen? Vielleicht könnten wir …«

»Bei Mario’s eine heiße Schokolade trinken?«, beendete Milly den Satz.

»Genau.« Olivia lächelte Simon triumphierend an. »Siehst du, ich kann Millys Gedanken lesen!«

»Privatbriefe auch!«, versetzte Simon. Eine kurze, angespannte Pause entstand.

»Nun, dann«, sagte Olivia schließlich. »Ich brauche nicht lange. Bis heute Abend, Simon.« Sie öffnete das Gartentor des Pfarrhauses und ging rasch den verschneiten Weg entlang.

»Das hättest du nicht sagen dürfen«, rügte Milly Simon, sobald Olivia außer Hörweite war. »Das mit dem Brief. Ich musste ihr versprechen, dir nichts davon zu erzählen.«

»Tja, tut mir leid«, sagte Simon. »Aber sie hat’s verdient. Woher nimmt sie sich das Recht, einen privaten Brief von mir an dich zu lesen?« Milly zuckte die Achseln.

»Sie meinte, es sei ein Versehen gewesen.«

»Ein Versehen?«, rief Simon. »Milly, du machst wohl Witze. Er war an dich adressiert, und er lag in deinem Zimmer!«

»Was soll’s«, meinte Milly gutmütig. »Ist doch eigentlich egal.« Unvermittelt kicherte sie. »Gott sei Dank hast du nichts Unhöfliches über sie geschrieben.«

»Das nächste Mal mache ich das aber«, drohte Simon. Er warf einen Blick auf die Uhr. »Hör mal, ich muss jetzt wirklich los!«

Er ergriff ihre kalten Finger, küsste sie nacheinander zart und zog Milly an sich. Sein Mund auf ihrem war weich und warm; er zog sie noch näher, und Milly schloss die Augen. Dann ließ er sie jäh los, und ein Schwall kalter Luft traf sie im Gesicht.

»Ich muss mich beeilen. Bis später!«

»Ja«, sagte Milly. »Bis dann!«

Lächelnd beobachtete sie, wie er die Tür seines Wagens mit der Fernbedienung öffnete, einstieg und ohne Umschweife davondüste. Simon war grundsätzlich in Eile. Immer hetzte er davon, um etwas zu erledigen, zu erreichen. Er musste jeden Tag draußen sein, etwas Konstruktives tun oder sich entschlossen amüsieren. Zeitverschwendung war ihm ein Gräuel; er verstand nicht, wie Milly einen Tag glücklich mit Nichtstun verbringen oder einem Wochenende planlos entgegensehen konnte. Mitunter ließ er sich zu einem gemeinsamen Tag des süßen Nichtstuns hinreißen und wiederholte mehrmals, wie schön es sei, sich mal richtig entspannen zu können. Aber schon nach kurzer Zeit sprang er auf und verkündete, er ginge joggen.

Das erste Mal, als sie ihn in der Küche bei Bekannten gesehen hatte, führte er gleichzeitig ein Gespräch auf seinem Handy, stopfte sich Chips in den Mund und zappte sich mit der Fernbedienung durch die Teletext-Schlagzeilen. Als Milly sich ein Glas Wein einschenkte, hielt er ihr sein Glas auch hin, lächelte sie in einer Gesprächspause an und bedankte sich.

»Übrigens, die Party findet nebenan statt«, hatte Milly ihn aufgeklärt.

»Schon klar«, hatte Simon erwidert, die Augen wieder auf den Fernseher gerichtet. »Ich komme gleich!« Und Milly hatte die Augen verdreht und ihm den Rücken gekehrt, ohne sich nach seinem Namen zu erkundigen. Aber später an diesem Abend, als er sich wieder zu der Party gesellte, wandte er sich ihr zu, stellte sich charmant vor und entschuldigte sich für sein Verhalten in der Küche.

»Es ging da bloß um geschäftliche Nachrichten, die für mich von besonderem Interesse sind.«

»Gute Nachrichten oder schlechte?«, fragte Milly, nippte an ihrem Wein und registrierte, dass sie reichlich angesäuselt war.

»Kommt darauf an, wer man ist.«

»Aber ist das nicht immer so? Jede gute Nachricht ist für jemand anderen eine schlechte. Sogar …« Sie hatte ihr Glas vage in der Luft herumgeschwenkt. »Sogar der Weltfrieden. Schlechte Nachrichten für die Waffenhersteller.«

»Ja«, hatte Simon bedächtig erwidert. »Schätzungsweise schon. Von der Warte habe ich das noch nie betrachtet.«

»Tja, wir können nicht alle große Denker sein«, hatte Milly versetzt und ein Kichern unterdrückt.

»Kann ich Ihnen etwas zu trinken besorgen?«, hatte er gefragt.

»Nein danke. Aber wenn Sie wollen, können Sie mir eine Zigarette anzünden.«

Er neigte sich zu ihr und schützte die Flamme dabei sorgfältig mit einer Hand, und ihr fielen seine kräftigen Finger und seine glatte, gebräunte Haut auf, und dass er ein angenehmes Aftershave benutzte. Dann, als sie an der Zigarette zog, hatte er ihr tief in die Augen geschaut, und zu ihrer Überraschung rann ihr ein Schauer über den Rücken, und sie hatte sein Lächeln zögernd erwidert.

Später, als man nicht länger plaudernd herumstand, sondern in Grüppchen auf dem Boden saß und Joints rauchte, war das Gesprächsthema auf Vivisektion gekommen. Milly, die in der Woche zuvor zufällig ein Blue Peter Special, die Sondersendung eines Kinderprogramms, über Vivisektion gesehen hatte, während sie zu Hause eine Erkältung auskurierte, konnte mit mehr harten Fakten und fundierten Argumenten aufwarten als jeder sonst, und Simon starrte sie bewundernd an.

Ein paar Tage darauf lud er sie zum Dinner ein und sprach viel über Business und Politik. Milly, in beiden Gebieten völlig unbewandert, hatte gelächelt, genickt und ihm zugestimmt; am Ende des Abends, kurz bevor er sie zum ersten Mal küsste, sagte Simon ihr, sie sei außergewöhnlich scharfsinnig und gescheit. Als sie, ein bisschen später, zu einer Erklärung ansetzte, dass sie von Politik – wie überhaupt von den meisten Themen – schmerzlich wenig Ahnung hatte, schalt er sie der Bescheidenheit. »Ich habe doch mitbekommen«, sagte er, »wie du die infantilen Argumente dieses Typen niedergeschmettert hast. Ehrlich gesagt«, fügte er mit finsterem Blick hinzu, »hat mich das ziemlich angemacht.« Und Milly, die gerade ihre Informationsquelle bekanntgeben wollte, näherte sich ihm stattdessen zu einem weiteren Kuss.

Simons anfänglicher Eindruck von ihr war nie korrigiert worden. Noch immer warf er ihr zu große Bescheidenheit vor, glaubte noch immer, ihr gefielen die gleichen hochkarätigen Kunstausstellungen wie ihm, fragte noch immer nach ihrer Meinung über Themen wie die amerikanische Präsidentschaftswahl und lauschte gespannt, was sie dazu zu sagen hatte. Er dachte, sie möge Sushi, nahm an, sie läse Sartre. Ohne ihn einerseits irreführen und andererseits enttäuschen zu wollen, hatte sie ihn ein Bild von sich schaffen lassen, das – wenn sie ehrlich war – nicht ganz der Wahrheit entsprach.

Wie das weitergehen sollte, wenn sie erst zusammenlebten, wusste sie nicht. Mitunter erschreckte es sie, in welch falschem Licht sie gesehen wurde, war sich sicher, als Betrügerin entlarvt zu werden, sobald er sie das erste Mal dabei ertappte, wie sie über einem Schundroman in Tränen ausbrach.

Ein anderes Mal redete sie sich ein, so verkehrt sei sein Bild von ihr gar nicht. Zwar war sie vielleicht nicht ganz die hochgeistige Frau, für die er sie hielt – aber sie konnte es sein. Sie würde es sein. Das war schlicht eine Frage der richtigen Kleidung, des einen oder anderen intelligenten Kommentars und des diskreten Schweigens in der restlichen Zeit.

Einmal, zu Anfang ihrer Beziehung, als sie in Pinnacle Hall zusammen auf Simons riesigem Doppelbett lagen, hatte Simon ihr gesagt, er habe gewusst, dass sie etwas Besonderes sei, als sie ihn nicht über seinen Vater ausfragte. »Die meisten Mädchen«, gestand er verbittert, »wollen bloß wissen, wie es ist, Harry Pinnacles Sohn zu sein. Oder sie wollen, dass ich ihnen ein Vorstellungsgespräch vermittle oder so was. Aber du … du hast ihn mit keinem Wort erwähnt.«

Er hatte sie verwundert angestarrt, und Milly hatte süß gelächelt und eine undeutliche, schläfrige Erwiderung gemurmelt. Schließlich konnte sie schlecht zugeben, dass Harry Pinnacle allein deshalb unerwähnt geblieben war, weil sie noch nie von ihm gehört hatte.

»Tja – heute Abend also Dinner bei Harry Pinnacle! Das wird bestimmt ein Spaß!« Die Stimme ihrer Mutter riss Milly aus ihren Gedanken, und sie blickte auf.

»Ja«, sagte sie. »Ich denk schon.«

»Hat er immer noch diesen wunderbaren österreichischen Küchenchef?«

»Keine Ahnung.« Milly fiel auf, dass sie dazu übergegangen war, Simons entmutigenden Ton anzuschlagen, sobald von Harry Pinnacle die Rede war. Simon hielt Gespräche über seinen Vater immer so kurz wie möglich; wenn jemand zu hartnäckig dabei blieb, wechselte er abrupt das Thema oder ging sogar fort. Schon oft war er vor seiner zukünftigen Schwiegermutter geflüchtet, wenn sie ihn drängte, Einzelheiten oder Anekdoten über den großen Mann preiszugeben. Bislang schien ihr das nie aufgefallen zu sein.

»Das wirklich Bezaubernde an Harry ist«, sinnierte Olivia, »dass er so normal ist.« Sie hatte sich gemütlich bei Milly untergehakt, und sie gingen die verschneite Straße entlang. »Und genau das sage ich auch jedem. Wenn man ihn kennenlernt, hält man ihn gar nicht für einen Multimillionär. Man glaubt nicht, dass er der Gründer einer riesigen landesweiten Kette ist. Man denkt einfach, was für ein charmanter Mann! Und mit Simon ergeht es einem ebenso.«

»Simon ist kein Multimillionär«, wandte Milly ein. »Er ist ein ganz gewöhnlicher Werbevertreter.«

»Gewöhnlich ja wohl kaum, Schatz!«

»Mummy …«

»Ich weiß, du magst es nicht, wenn ich so was sage. Aber Tatsache ist, dass Simon eines Tages reich sein wird.« Olivias Griff um Millys Arm wurde etwas fester. »Und du ebenfalls.« Milly zuckte mit den Achseln.

»Kann sein.«

»Es bringt doch nichts, etwas anderes vorzugeben. Und wenn’s mal so weit ist, dann wird es dein Leben verändern.«

»Gerade eben noch«, machte Milly sie aufmerksam, »hast du gesagt, wie normal Harry sei. Er lebt schließlich auch nicht anders, oder?«

»Alles ist relativ, Schatz.«

Sie näherten sich einigen teuren Boutiquen; als sie zu dem ersten schwach beleuchteten Schaufenster kamen, blieben beide stehen. Das Schaufenster präsentierte eine einzelne Puppe, die in auserlesene weiße Seide gekleidet war.

»Wie schön«, murmelte Milly.

»Nicht so schön wie deines«, sagte Olivia auf der Stelle. »Ich habe noch nie ein schöneres Brautkleid gesehen als deines.«

»Nein«, meinte Milly bedächtig. »Meines ist schön, nicht?«

»Könnte nicht schöner sein, Schatz.«

Sie verweilten ein bisschen vor dem Fenster, sogen den rosigen Schimmer des Ladens auf, die Wolken von Seide, Satin und Tüll, die die Wände säumten, die getrockneten Blumensträuße und winzigen bestickten Brautjungfernschuhe. Schließlich seufzte Olivia auf.

»Die Hochzeitsvorbereitungen haben Spaß gemacht. Schade, wenn alles vorbei ist.«

»Mhm«, sagte Milly. Eine kleine Pause entstand, dann sagte Olivia, als wolle sie das Thema wechseln: »Hat Isobel eigentlich augenblicklich einen Freund?«

Milly riss den Kopf hoch.

»Mummy! Du versuchst doch nicht etwa, Isobel auch unter die Haube zu bringen!«

»Natürlich nicht! Ich bin nur neugierig. Sie erzählt mir ja nie was. Ich habe sie gefragt, ob sie jemanden zur Hochzeitsfeier mitbringen möchte …«

»Und was hat sie geantwortet?«

»Sie hat Nein gesagt«, meinte Olivia bedauernd.

»Na dann.«

»Aber das beweist noch lange nichts.«

»Mummy«, sagte Milly. »Wenn du wissen willst, ob Isobel einen Freund hat, warum fragst du sie dann nicht einfach?«

»Vielleicht«, sagte Olivia mit abwesender Stimme, als sei sie daran nicht mehr wirklich interessiert. »Ja, vielleicht mach ich das.«

Eine Stunde darauf tauchten sie wieder aus Mario’s Coffee House auf und machten sich auf den Heimweg. Bei ihrer Rückkehr würde sich die Küche mit Pensionsgästen füllen, deren Füße vom vielen Sightseeing wund gelaufen waren. Das Haus der Havills in der Bertram Street war eines der beliebtesten Bed-and-Breakfast-Häuser in Bath: Die Touristen liebten das wunderbar eingerichtete georgianische Stadthaus, seine Nähe zur Stadtmitte, Olivias charmante, gesprächige Art und ihre Fähigkeit, jedes Beisammensein in eine Party zu verwandeln.

Zur Teestunde herrschte im Haus immer am meisten Trubel; Olivia genoss es, ihre Gäste bei Earl Grey und Bath Buns um den Tisch zu versammeln. Sie stellte sie einander vor, ließ sich berichten, wie sie den Tag verbracht hatten, empfahl Zerstreuungen für den Abend und erzählte ihnen den neuesten Tratsch über Leute, denen ihre Gäste noch nie begegnet waren. Wenn einer von ihnen den Wunsch äußerte, sich auf sein Zimmer zu seinem Mini-Wasserkessel zurückzuziehen, erhielt er einen missbilligenden Blick und in der Früh kaltes Toastbrot. Olivia Havill verachtete Mini-Wasserkessel und Teebeutel auf Tabletts; sie stellte sie lediglich zur Verfügung, um sich im Heritage City Bed and Breakfast Guide für vier Rosetten zu qualifizieren. Mit ähnlicher Verachtung stellte sie Kabelfernsehen, vegetarische Würstchen und einen Ständer mit Prospekten über örtliche Freizeitparks und Familienattraktionen bereit – der zu ihrer Freude nur selten neu bestückt werden musste.

»Ach, das habe ich dir ja noch gar nicht erzählt«, meinte Olivia, als sie in die Bertram Street einbogen. »Während du fort warst, ist der Fotograf angekommen. Ein ziemlich junger Typ.« Sie kramte in ihrer Handtasche nach dem Hausschlüssel.

»Ich dachte, er käme morgen.«

»Dachte ich auch!«, sagte Olivia. »Glücklicherweise hatten diese netten Australier einen Todesfall in der Familie, ansonsten hätten wir kein Zimmer freigehabt. Und wenn wir schon von Australiern sprechen … schau dir das an!« Sie drehte den Schlüssel und schwang die Haustür auf.

»Blumen!«, rief Milly aus. Auf dem Garderobenständer prangte ein riesiges cremig weißes Bukett, das mit einer dunkelgrünen Seidenschleife zusammengebunden war. »Für mich? Von wem sind die?«

»Na, schau doch auf die Karte«, meinte Olivia. Milly nahm den Strauß und griff in das knisternde Zellophan hinein.

»Für die liebe kleine Milly«, las sie bedächtig. »Wir sind so stolz auf dich und wünschten nur, wir könnten bei deiner Hochzeit dabei sein. Wir werden aber auf jeden Fall an dich denken. Alles Liebe von Beth, Scott und Adrian.« Verwundert sah sie auf.

»Ist das nicht lieb von ihnen? Aus Sydney! Von so weit her! Wie nett.«

»Sie freuen sich für dich, Schatz«, sagte Olivia. »Alle freuen sich für dich. Was wird das für eine wunderschöne Hochzeit werden!«

»Oh, sind die aber schön!«, ertönte eine angenehme Stimme von oben. Einer der Gäste, eine Frau mittleren Alters in blauen Hosen und Freizeitschuhen, kam die Treppe herunter. »Blumen für die Braut?«

»Bloß die ersten«, lachte Olivia.

»Was haben Sie für ein Glück«, sagte die Frau zu Milly.

»Ich weiß.« Über Millys Gesicht breitete sich ein freudiges Lächeln aus. »Ich stell die bloß mal schnell in eine Vase.«

Die Blumen noch immer in der Hand, drückte Milly die Küchentür auf und hielt überrascht inne.

Am Tisch saß ein junger Mann in einer schäbigen Jeansjacke. Er hatte dunkelbraunes Haar, trug eine Nickelbrille und las den Guardian.

»Hallo«, grüßte sie höflich. »Sie müssen der Fotograf sein!«

»Hi!«, sagte der junge Mann und faltete die Zeitung zusammen. »Sind Sie Milly?«

Er blickte auf, und als sie sein Gesicht sah, stutzte sie. Diesen Typen hatte sie doch sicher schon mal gesehen?

»Ich bin Alexander Gilbert«, sagte er in trockenem Ton und streckte ihr die Hand entgegen. Milly schüttelte sie.

»Nette Blumen«, sagte er mit einem Blick zum Strauß.

»Ja.« Milly starrte ihn neugierig an. Wo war sie ihm bloß schon mal begegnet? Warum hatte sie das Gefühl, als sei sein Gesicht unauslöschlich in ihr Gedächtnis eingebrannt?

»Der Brautstrauß ist das aber nicht, oder?«

»Nein.« Milly roch an den duftenden Blumen. »Die haben mir Freunde aus Australien geschickt. Wirklich aufmerksam von ihnen, wenn man bedenkt …«

Unvermittelt verstummte sie, und ihr Herz schlug plötzlich schneller.

»Wenn man was bedenkt?«, fragte Alexander.

»Nichts.«

Sie bewegte sich zur Tür, ihre schweißnassen Handflächen klebten an dem knisternden Zellophan. Sie wusste, wo sie ihn schon mal gesehen hatte. Sie wusste es ganz genau. Bei dem Gedanken rutschte ihr das Herz in die Hose, sie presste die Lippen zusammen und zwang sich zur Ruhe. Es ist alles okay, sagte sie sich, während sie nach der Türklinke griff. Es ist alles okay. Solange er mich nicht erkennt …

»Warten Sie«, ertönte seine Stimme, als könne er Gedanken lesen. Mit einem plötzlichen Gefühl der Übelkeit wandte sie sich um; er sah sie mit leicht gefurchter Stirn an.

»Kenne ich Sie nicht von irgendwoher?«

2. Kapitel

Während er an diesem Abend auf dem Heimweg in einem Stau festsaß und den endlosen Schneefall und das Hin und Her der Scheibenwischer beobachtete, langte Simon nach seinem Telefon, um Milly anzurufen. Er gab die ersten beiden Nummern ein, besann sich dann eines anderen und schaltete das Telefon wieder aus. Er hatte nur ihre Stimme hören, sie zum Lachen bringen wollen. Doch sie könnte beschäftigt sein oder es lächerlich finden, dass er sie einfach aus einer Laune heraus und ohne eigentlichen Grund anrief. Und wenn sie noch immer unterwegs war, dann musste er sich am Ende noch mit Mrs. Havill unterhalten.

Ihre Mutter war das Einzige an Milly, das Simon, wenn möglich, geändert hätte. Gut, sie war noch immer attraktiv, charmant und amüsant; er verstand, warum sie bei gesellschaftlichen Anlässen so beliebt war. Aber es machte ihn rasend, wie sie Milly behandelte. Sie schien sie immer noch für eine Sechsjährige zu halten – erteilte ihr Ratschläge bei der Auswahl ihrer Kleider, sagte ihr, wie sie den Schal zu tragen habe, wollte genau wissen, was sie tat, und das jede Minute jedes Tages! Und das Schlimmste daran war, fand Simon, dass es Milly anscheinend nichts ausmachte! Sie ließ es zu, dass ihre Mutter ihr das Haar glättete und »braves, kleines Mädchen« sagte. Sie rief pflichtbewusst an, wenn sie zu spät nach Hause kam. Im Unterschied zu ihrer älteren Schwester Isobel, die sich schon vor langer Zeit eine eigene Wohnung gekauft hatte und ausgezogen war, schien Milly gar nicht den Wunsch zu haben, sich abzunabeln.

Infolgedessen behandelte ihre Mutter sie weiterhin wie ein Kind statt wie eine reife Erwachsene, die sie doch in Wirklichkeit war. Und Millys Vater und ihre Schwester Isobel verhielten sich keinen Deut besser. Sie lachten, wenn Milly etwas zu aktuellen Themen sagte, sie machten sich über ihre Berufswahl lustig, diskutierten wichtige Angelegenheiten, ohne sie zu Rate zu ziehen. Sie weigerten sich, die intelligente, leidenschaftliche Frau in ihr zu sehen, die er in ihr sah, weigerten sich, ihr einen Erwachsenenstatus einzuräumen.

Simon hatte versucht, mit Milly darüber zu sprechen, versucht, ihr klarzumachen, wie herablassend sie von ihrer Familie behandelt wurde. Aber sie hatte bloß mit den Achseln gezuckt und gesagt, so schlimm sei es auch wieder nicht, und war, als er deutlicher wurde, sogar wütend geworden. Sie war zu gutmütig und ihrer Familie zu sehr zugetan, als dass sie ihre Fehler gesehen hätte, dachte Simon, während er von der Ausfallstraße in Richtung Pinnacle Hall abbog. Und dafür liebte er sie. Aber nach ihrer Heirat, wenn sie ihren eigenen Haushalt gründeten, würde sich das ändern müssen. Milly würde ihre Schwerpunkte anders setzen müssen, und das hatte ihre Familie zu respektieren. Sie würde Ehefrau sein, eines Tages vielleicht Mutter. Und die Havills würden einsehen müssen, dass sie nicht länger ihr kleines Mädchen war.

Vor den Toren von Pinnacle Hall tippte er den Sicherheitscode auf seine Infrarot-Fernbedienung und wartete darauf, dass die Tore aufschwangen – schwere Eisentore, in die der Familienname geschmiedet war. Jedes Fenster des Hauses war hell erleuchtet; auf den ausgewiesenen Plätzen parkten Wagen, und im Bürotrakt herrschte noch immer reger Betrieb. Der rote Mercedes seines Vaters stand geradewegs vor dem Haus – ein großer, glänzender, arroganter Wagen. Simon verabscheute ihn.

Er parkte seinen Golf an einer unauffälligen Stelle und ging mit knirschenden Schritten über den schneebedeckten Kies Richtung Pinnacle Hall. Es war ein großes Gebäude aus dem achtzehnten Jahrhundert, das in den achtziger Jahren ein Luxushotel mitsamt einem Freizeitpark und einen Anbau zusätzlicher Schlafzimmer beherbergt hatte. Als die Eigentümer Pleite gemacht hatten, erstand es Harry Pinnacle und baute es in ein Privathaus um, in dessen zusätzlichem Trakt seine Firmenzentrale untergebracht wurde. Ihm gefiel es, erzählte er Reportern, die ihn besuchten, außerhalb Londons zu wohnen. Schließlich wurde er alt und brauchte den ganzen Stadtrummel nicht mehr. Auf diese Worte trat immer kurze Zeit Stille ein – und dann lachten alle; und Harry grinste und drückte auf den Klingelknopf, um frischen Kaffee zu bestellen.

Die getäfelte Halle war leer und roch nach Bienenwachs. Unter der Tür des Arbeitszimmers seines Vaters drang Licht heraus; dahinter konnte Simon seine Stimme hören, dann leises Gelächter. Sofort richteten sich seine Nackenhaare auf, und seine Hände ballten sich in den Hosentaschen zur Faust.

Seit er sich erinnern konnte, hatte Simon seinen Vater gehasst. Harry Pinnacle hatte die Familie verlassen, als Simon drei war, und seine Frau den Sohn alleine großziehen lassen. Simons Mutter hatte sich nie genauer über die Gründe des Scheiterns ihrer Ehe geäußert, aber Simon wusste, es musste an seinem Vater gelegen haben. An seinem herrischen, arroganten, unausstehlichen Vater. Seinem getriebenen, kreativen, unglaublich erfolgreichen Vater. Der Erfolg war es, den Simon am meisten hasste.

Die Story war wohlbekannt. In dem Jahr, als Simon sieben geworden war, hatte Harry Pinnacle eine kleine Saftbar namens Fruit’n Smooth eröffnet. An Chromtresen konnte man dort gesunde Säfte kaufen, und die Bar war auf Anhieb ein Hit. Im Jahr darauf eröffnete er eine weitere, und eines darauf noch eine. Ein Jahr später lief das Ganze bereits auf Franchise-Basis. Mitte der achtziger Jahre gab es in jeder Stadt ein Fruit’n Smooth, und Harry Pinnacle war Multimillionär.

Während sein Vater seinen Reichtum ebenso mehrte wie seinen Umfang und den Sprung von den Innenseiten der Fachzeitschriften auf die Titelseiten schaffte, hatte der junge Simon seinen Erfolg mit Wut beobachtet. Allmonatlich trafen Schecks ein, und seine Mutter war stets ganz erstaunt über Harrys Großzügigkeit. Aber nie erschien Harry persönlich; und dafür hasste Simon ihn. Und dann, als Simon neunzehn wurde, starb seine Mutter, und Harry Pinnacle trat erneut in sein Leben.

Simon runzelte die Stirn und spürte, wie sich seine Fingernägel in seine Handflächen gruben, wenn er sich an den Augenblick vor zehn Jahren erinnerte, als er seinen Vater zum ersten Mal gesehen hatte. Er war vor dem Krankenhauszimmer seiner Mutter müde auf und ab gegangen, außer sich vor Verzweiflung und Wut. Plötzlich hörte er jemanden seinen Namen rufen, und er sah ein Gesicht, das ihm von tausenden Zeitschriftenfotos vertraut war. Vertraut – und doch fremd. Während er seinen Vater in stummer Erschütterung anstarrte, wurde ihm zum ersten Mal klar, dass er im Gesicht des älteren Mannes die eigenen Züge wiedererkannte. Und unwillkürlich spürte er, wie sich emotionale Tentakel ausstreckten, instinktive Fühler wie die eines Babys. Es wäre so einfach gewesen, seinem Vater um den Hals zu fallen, die Last zu teilen, auf seine Annäherungsversuche einzugehen und sich mit ihm anzufreunden. Doch diesem Impuls hatte er mit aller Macht widerstanden. Harry Pinnacle verdiente seine Liebe nicht; und er würde sie nie bekommen.

Nach der Beerdigung hatte Harry Simon zu sich geholt. Er hatte sein eigenes Zimmer bekommen, sein eigenes Auto; Harry machte teure Urlaube mit ihm. Simon akzeptierte alles höflich. Doch wenn Harry hoffte, er könne die Zuneigung seines Sohnes durch teure Geschenke erkaufen, dann hatte er sich geirrt. Zwar legte sich Simons pubertäre Wut bald, aber dafür reifte der Wunsch in ihm, seinem Vater in jeder Hinsicht den Rang abzulaufen. Er würde ein erfolgreiches Geschäft leiten und Geld machen – aber anders als sein Vater würde er auch glücklich verheiratet sein, Kinder großziehen, die ihn liebten, und die Galionsfigur einer zufriedenen, stabilen Familie sein. Er würde das Leben führen, das sein Vater nie hatte – und sein Vater würde ihn beneiden und ihn dafür hassen.

Also hatte er seinen eigenen kleinen Verlag gegründet. Er fing mit drei Infobroschüren für Spezialisten an, einem akzeptablen Profit und hohen Erwartungen. Doch die hatten sich nie erfüllt. Nach drei mühsamen Jahren warf der Verlag keinen Profit mehr ab. Am Ende des vierten liquidierte er.

Noch immer erfüllte ihn tiefe Demütigung, wenn er sich an den Tag erinnerte, an dem er seinem Vater gestehen musste, dass er Pleite gemacht hatte, an den Tag, an dem er das väterliche Angebot hatte annehmen müssen, seine Wohnung zu verkaufen und nach Pinnacle zurückzuziehen. Sein Vater hatte ihm ein großes Glas Whisky eingeschenkt, Klischees über das Auf und Ab des Lebens von sich gegeben, ihm einen Job bei Pinnacle Enterprises angeboten. Simon hatte das unverzüglich mit ein paar gemurmelten Worten abgelehnt. Er konnte seinem Vater kaum in die Augen schauen, konnte überhaupt kaum jemandem in die Augen sehen. An diesem Tiefpunkt verachtete er sich selbst fast so sehr wie seinen Vater. Seine Enttäuschung über sich war grenzenlos.

Schließlich fand er einen Job als Werbevertreter bei einer kleinen, wenig profilierten Fachzeitschrift. Er war zusammengezuckt, als Harry ihm gratulierte, zusammengezuckt, als er beobachtete, wie sein Vater durch die reizlose kleine Veröffentlichung blätterte und nach Worten des Lobes suchte. »Es ist kein großartiger Job«, hatte Simon eingeräumt. »Aber zumindest habe ich Arbeit.« Zumindest hatte er Arbeit, zumindest hatte er zu tun, zumindest konnte er anfangen, seine Schulden abzuzahlen.