Beschreibung

Eine bezaubernde Betrügerin auf Männerfang kann alle täuschen – nur nicht ihr Herz

Fleur Daxeny ist schön, skrupellos und verfügt über eine ansehnliche Sammlung schwarzer Designer-Outfits. Mit Hilfe von Todesanzeigen in der Times sucht sie nach Beerdigungsfeiern mit Teilnehmern aus besseren Kreisen, um dort nach reichen, einsamen Männern Ausschau zu halten. Mit ihrem unwiderstehlichen Charme erschleicht sich Fleur Zugang zu deren Herz und Kreditkarten. Hat sie genug, sucht sie sich ein neues Opfer. Als Richard Favour, ein scheinbar langweiliger, aber erfolgreicher Geschäftsmann, die hinreißende Fleur bei der Beerdigung seiner Frau kennenlernt, ist er wie vom Blitz getroffen. Und Fleur bezaubert nach und nach nicht nur ihn, sondern auch seine Familie. Eigentlich läuft alles nach Plan – nur die Trennung von Richard zögert Fleur immer wieder hinaus ...

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 434

oder

Sophie Kinsella

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Reizende Gäste

Roman

Aus dem Englischen vonHeidi Lichtblau

Die Originalausgabe erschien 1998 unter dem Titel

»The Gatecrasher«

bei Black Swan Books, Transworld Publishers Ltd., London

Dieser Roman erschien 1999 erstmals auf Deutsch

unter dem Autorennamen Madeleine Wickham.

»Sophie Kinsella« ist das Pseudonym der Autorin.

1. AuflageNeuveröffentlichung September 2012Copyright © der Originalausgabe 1998 byMadeleine WickhamCopyright © der deutschsprachigen Ausgabe 1999, 2012by Wilhelm Goldmann Verlag, München,in der Verlagsgruppe Random House GmbHUmschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München,Umschlagfoto: Getty Images/Vast Photography; Trunk Archive/Gemma BoothAB · Herstellung: scISBN: 978-3-641-08013-6

www.goldmann-verlag.de

Buch

Fleur Daxeny ist wunderschön, skrupellos und hat einen ganzen Kleiderschrank voller schwarzer Designer-Kleider. Regelmäßig durchsucht sie die Todesanzeigen der Times nach Ankündigungen von Beerdigungen oder Gedenkgottesdiensten aus dem Umfeld der Reichen und Mächtigen. Denn Fleur Daxeny ist auf der Jagd nach begüterten, einsamen Männern, in deren Herz sie sich einschmeichelt und die sie, wenn sie genug von ihrer Zuneigung und ihren Kreditkarten hat, ebenso schnell wieder verlässt. Als Richard Favour, ein unauffälliger und außerordentlich gutsituierter Londoner Geschäftsmann, Fleur beim Begräbnis seiner Ehefrau trifft, ist er wie vom Blitz getroffen. Bald wohnt Fleur in Richards Landhaus, schockiert seine Verwandtschaft und wird zum skandalumwitterten Gesprächsstoff seines Golfclubs. Aber lange können auch Richards verstaubte Verwandtschaft und seine versnobten Bekannten Fleurs Charme nicht widerstehen. Fleur selbst muss sich eingestehen, dass ihr Interesse am Leben der Familie immer weiter zunimmt und ihre Anteilnahme an deren Problemen wächst. Und da wäre ja auch noch Richard …

Autorin

Sophie Kinsella ist Schriftstellerin und ehemalige Wirtschaftsjournalistin. Ihre Schnäppchenjägerin-Romane um die liebenswerte Chaotin Rebecca Bloomwood, von denen mittlerweile sechs vorliegen, werden von einem Millionenpublikum verschlungen. Die Bestsellerlisten eroberte Sophie Kinsella aber auch mit ihren Romanen »Sag’s nicht weiter, Liebling«, »Göttin in Gummistiefeln«, »Kennen wir uns nicht?« oder »Charleston Girl« im Sturm.

Mehr Informationen zur Autorin und zu ihren Romanen unter www.sophie-kinsella.de

Die Romane mit Schnäppchenjägerin Rebecca Bloomwood in chronologischer Reihenfolge:

Die Schnäppchenjägerin (45286) • Fast geschenkt (45403) • Hochzeit zu verschenken (45507) • Vom Umtausch ausgeschlossen (45690) • Prada, Pumps und Babypuder (46449) • Mini Shopaholic (46770)

Außerdem lieferbar:

Sag’s nicht weiter, Liebling. Roman (45632) • Göttin in Gummistiefeln. Roman (46087) • Kennen wir uns nicht? Roman (46655) • Charleston Girl (47399) • Die Heiratsschwindlerin (47548)

1

Fleur Daxeny zog die Nase kraus. Sie biß sich auf die Lippen, neigte den Kopf zur Seite und betrachtete sich eine Weile schweigend im Spiegel. Dann lachte sie hell auf.

»Mir fällt die Wahl so schwer!« rief sie. »Sie sind alle umwerfend!«

Die Verkäuferin von »Take Hat!« tauschte müde Blicke mit dem nervösen jungen Haarstylisten aus, der in der Ecke auf einem vergoldeten Schemel saß. Vor einer halben Stunde war der Friseur in Fleurs Hotelsuite eingetroffen und hatte seitdem darauf gewartet, mit seiner Arbeit beginnen zu können. Die Verkäuferin fragte sich unterdessen, ob sie ihre Zeit hier nicht vollends vergeudete.

»Der mit dem Schleier gefällt mir«, meinte Fleur unvermittelt und griff nach einer kleinen Kreation aus schwarzem Satin und zartem Tüll. »Ist der nicht elegant?«

»Sehr elegant«, bestätigte die Verkäuferin und konnte gerade noch rechtzeitig herbeieilen, um einen schwarzen Seidenhut, den Fleur achtlos auf den Boden werfen wollte, auffangen zu können.

»Sehr!« echote der Haarstylist in der Ecke. Heimlich spähte er auf seine Uhr. In vierzig Minuten mußte er wieder unten im Salon sein. Trevor wäre gar nicht entzückt. Vielleicht sollte er unten anrufen und die Situation erklären. Vielleicht …

»Gut!« sagte Fleur. »Ich habe meine Wahl getroffen.« Sie schob den Schleier hoch und strahlte in die Runde. »Heute trage ich diesen hier.«

»Eine sehr kluge Entscheidung.« Die Verkäuferin klang erleichtert. »Der Hut ist bezaubernd.«

»Wenn Sie die anderen fünf also bitte für mich verpacken könnten …« Fleur lächelte ihr Spiegelbild geheimnisvoll an und zog den dunklen Seidenschleier wieder vor das Gesicht. Die Frau von »Take Hat!« starrte sie mit offenem Mund an.

»Sie wollen alle kaufen?«

»Aber natürlich. Ich kann mich zwischen ihnen nicht entscheiden. Sie sind einfach alle zu schön!« Fleur drehte sich zu dem Haarstylisten. »Nun, mein Lieber. Haben Sie eine Idee, welche Frisur gut zu diesem Hut passen würde?« Der junge Mann erwiderte ihren Blick und spürte, wie er langsam rot anlief.

»Oh! Ja! Ich denke schon. Ich meine …« Aber Fleur hatte sich schon abgewandt.

»Wenn Sie es bitte auf meine Hotelrechnung setzen könnten. Das geht doch, oder?«

»Aber natürlich, Madam«, erwiderte die Verkäuferin beflissen. »Als Hotelgast stehen Ihnen auf alle unsere Preise fünfzehn Prozent Ermäßigung zu.«

»Was immer.« Fleur gähnte verhalten. »Hauptsache, es kann alles auf die Rechnung gesetzt werden.«

»Ich werde das sofort für Sie erledigen.«

»Gut.« Während die Verkäuferin aus dem Raum eilte, wandte Fleur sich um und schenkte dem jungen Haarstylisten ein hinreißendes Lächeln. »Jetzt gehöre ich ganz Ihnen!«

Ihre tiefe, melodiöse Stimme klang merkwürdig akzentfrei. Der Friseur vermeinte, auch einen leichten Spott herauszuhören, und er errötete zart, als er zu ihr herüberkam. Er stellte sich hinter sie, faßte ihr Haar mit einer Hand zusammen und ließ es in einer schweren, rotgoldenen Bewegung wieder fallen.

»Ihr Haar ist in einem sehr guten Zustand«, meinte er unbeholfen.

»Ja, nicht wahr?« erwiderte Fleur selbstgefällig. »Ich hatte immer gutes Haar. Und eine gute Haut natürlich.« Sie schob ihren Hotelbademantel leicht zur Seite und rieb die Wange zärtlich an der blassen, samtigen Haut ihrer Schulter. »Für wie alt würden Sie mich schätzen?« fügte sie unvermittelt hinzu.

»Ich möchte nicht … ich würde nicht …«, verhaspelte sich der junge Mann.

»Ich bin vierzig«, sagte Fleur träge. Sie schloß die Augen. »Vierzig«, wiederholte sie, als würde sie meditieren. »Da kommt man ins Grübeln, finden Sie nicht?«

»Sie sehen nicht …«, begann der Haarstylist mit linkischer Höflichkeit. Fleur öffnete ein funkelndes, katzengrünes Auge.

»Ich sehe nicht wie vierzig aus? Wie alt denn dann?«

Verlegen erwiderte der Haarstylist ihren Blick. Er öffnete den Mund, schloß ihn dann aber wieder. In Wahrheit, dachte er plötzlich, konnte man diese Frau gar keinem Alter zuordnen. Sie wirkte alterslos, klassenlos, unbestimmbar. Als sich ihre Blicke trafen, erfüllte ihn ein freudiger Schauer; eine jähe Gewißheit, daß dieser Augenblick irgendwie bedeutsam war. Seine Hände zitterten leicht, er ergriff ihr flammendrotes Haar und ließ es durch die Finger gleiten.

»Sie sehen so alt aus, wie Sie aussehen«, flüsterte er heiser. »Zahlen kommen da nicht ins Spiel.«

»Süß!« meinte Fleur darauf nur. »Und nun, Schätzchen, wie wär’s, wenn Sie mir ein Glas Champagner bestellen würden, bevor Sie mit dem Frisieren beginnen?«

Etwas enttäuscht ließ der Stylist die Hände sinken und ging gehorsam zum Telefon. Während er wählte, ging die Tür auf, und die Frau von »Take Hat!« trat mit einem Stapel Hutschachteln wieder ein. »So, da wären wir«, rief sie atemlos aus. »Wenn Sie hier bitte einfach nur unterschreiben würden …«

»Ein Glas Champagner, bitte«, sagte der Stylist. »Zimmer 301.«

»Ich habe mich gefragt«, wandte sich die Verkäuferin vorsichtig an Fleur, »ob Sie wirklich alle sechs Hüte in Schwarz wollen? Momentan sind einige tolle Farben aktuell.« Sie tippte sich nachdenklich gegen die Zähne. »Es gibt da ein bezauberndes Smaragdgrün, das zu ihrem Haar einfach umwerfend aussehen müßte …«

»Schwarz«, erwiderte Fleur entschieden. »Ich bin nur an Schwarz interessiert.«

Eine Stunde darauf betrachtete Fleur sich im Spiegel, lächelte und nickte. Sie war mit einem schlichten schwarzen Kostüm angetan, das maßgeschneidert war. An ihren Beinen schimmerten hauchdünne schwarze Strümpfe; die Füße steckten in diskreten schwarzen Schuhen. Das Haar war zu einem beispielhaften Nackenknoten zusammengefaßt, zu dem der kleine schwarze Hut vortrefflich paßte.

Die lachsfarbene Seide unter ihrer Kostümjacke bildete den einzigen Farbtupfer. Fleur trug aus Prinzip stets etwas Farbe, egal wie düster die Bekleidung oder der Anlaß waren. Unter lauter trübseligen schwarzen Kostümen würde ein winziger lachsfarbener Sprenkel den Blick unbewußt auf sie lenken. Die Leute würden sie bemerken, ohne den Grund dafür genau zu kennen. Und genauso sollte es sein.

Noch immer in ihr Spiegelbild vertieft, zog Fleur den Tüllschleier über das Gesicht. Der selbstgefällige Ausdruck wich einer tiefen, unergründlichen Trauer. Eine Weile starrte sie sich wortlos an. Sie nahm ihre schwarze, lederne Ospreytasche und hielt sie unauffällig an ihre Seite. Einige Male nickte sie und beobachtete, wie der Schleier geheimnisvolle Schatten auf ihr blasses Gesicht warf.

Dann klingelte plötzlich das Telefon und holte Fleur in die Wirklichkeit zurück.

»Hallo?«

»Fleur, wo hast du gesteckt? Ich habe versucht, dich anzurufen.« Die tiefe griechische Stimme war unverkennbar. Fleur runzelte irritiert die Stirn.

»Sakis! Liebling, ich bin ein bißchen in Eile …«

»Wo willst du denn hin?«

»Nirgends Bestimmtes. Nur zum Shopping.«

»Warum denn das? Ich habe dir doch in Paris Kleider gekauft.«

»Das weiß ich, Schatz. Aber ich wollte dich heute abend mit etwas Neuem überraschen«, gurrte sie mit überzeugender Zärtlichkeit in das Telefon. »Etwas Elegantes, Aufreizendes …« Mit einem Mal hatte sie eine Eingebung. »Und weißt du, Sakis«, fügte sie behutsam hinzu, »ich habe mich gefragt, ob es nicht eine gute Idee wäre, in bar zu bezahlen, damit ich einen guten Preis bekomme. Ich kann vom Hotel aus doch Geld abheben, oder? Von deinem Konto?«

»Einen gewissen Betrag schon. Ich glaube, bis zu zehntausend Pfund.«

»Ich brauche nicht annähernd soviel!« lachte sie amüsiert. »Ich brauche nur genug für ein Ensemble! Also maximal fünfhundert.«

»Und wenn du es gekauft hast, kehrst du geradewegs ins Hotel zurück!«

»Aber natürlich, Schatz.«

»Dein ›natürlich‹ kenne ich schon. Aber diesmal darfst du nicht zu spät kommen, Fleur. Hast du verstanden? Keine Verspätung!« bellte er in militärischem Befehlston heraus, und Fleur fuhr in stummer Verärgerung zusammen. »Es ist alles schon geregelt. Leonidas wird dich um drei Uhr abholen. Der Helikopter fliegt um vier Uhr los. Unsere Gäste kommen um sieben. Du mußt fertig sein, um sie zu begrüßen. Ich möchte nicht, daß du wieder zu spät bist wie das letzte Mal. Das war … das war ungehörig. Hörst du überhaupt zu? Fleur?«

»Aber natürlich höre ich zu! Oh, da klopft jemand. Ich schaue mal schnell, wer es ist …« Sie wartete ein paar Sekunden und legte dann entschlossen den Hörer auf. Eine Minute später hob sie ihn wieder ab.

»Hallo? Könnten Sie bitte jemanden für mein Gepäck raufschicken?«

Unten im Hotelfoyer ging es ruhig zu. Die Frau von »Take Hat!« sah Fleur an der Boutique vorbeigehen und winkte ihr zu, aber Fleur bemerkte sie gar nicht.

»Ich würde gern auschecken«, sagte sie, sobald sie die Rezeption erreicht hatte. »Und Geld abheben. Das Konto läuft unter dem Namen von Sakis Papandreous.«

»Ah ja.« Die schicke, blonde Empfangsdame blickte kurz auf ihren Computer und lächelte Fleur dann freundlich an. »Wieviel hätten Sie denn gern?« Fleur strahlte zurück.

»Zehntausend Pfund. Und könnten Sie mir bitte zwei Taxis bestellen?« Die Frau schaute überrascht auf.

»Zwei?«

»Eines für mich, eines für mein Gepäck. Mein Gepäck geht nach Chelsea.« Unter ihrem Tüllschleier senkte sie den Blick. »Ich muß zu einem Gedenkgottesdienst.«

»O je, das tut mir leid.« Die Frau reichte Fleur die Hotelrechnung, die mehrere Seiten umfaßte. »Jemand Nahestehendes?«

»Noch nicht.« Fleur unterschrieb die Rechnung, ohne sich die Mühe zu machen, sie nachzuprüfen. Sie sah zu, wie die Kassiererin dicke Geldbündel abzählte und dann in zwei Briefumschläge steckte. Sie nahm sie geradezu zärtlich entgegen, verstaute sie in ihrer Ospreytasche und verschloß diese wieder. »Aber man weiß ja nie.«

Richard Favour saß mit geschlossenen Augen in der ersten Bankreihe der St. Anselmkirche und lauschte den Geräuschen der Menschen, die allmählich die Kirche füllten – gedämpftes Flüstern und Schlurfen, das Klacken von Absätzen auf dem Fliesenboden und »Jesu, Joy of Man’s Desiring«, das leise auf der Orgel gespielt wurde.

Er hatte »Jesu, Joy of Man’s Desiring« immer gehaßt; der Organist hatte es bei ihrem Treffen vor drei Wochen vorgeschlagen, nachdem offensichtlich geworden war, daß Richard sich nicht an ein einziges Orgelstück erinnern konnte, das Emily besonders gefallen hatte. Es hatte betretenes Schweigen geherrscht, während Richard sich vergebens das Hirn zermartert hatte, bevor der Organist taktvoll gemurmelt hatte: »›Jesu, Joy of Man’s Desiring‹ ist immer sehr beliebt …«, und Richard erleichert zugestimmt hatte.

Nun runzelte er unzufrieden die Stirn. Gewiß hätte er sich etwas Persönlicheres ausdenken können als diese schwülstige, allzu beliebte Melodie. Als ausgesprochene Musikliebhaberin war Emily immer gern in Konzerte gegangen, sofern es ihr Gesundheitszustand zuließ. Hatte sie sich denn nie einmal mit leuchtenden Augen zu ihm gewandt und gesagt: »Ich liebe dieses Stück, du nicht auch?« Er kniff die Augen zusammen und versuchte sich zu erinnern. Aber das einzige Bild, das vor seinem inneren Auge erschien, war das von Emily, wie sie mit trübem Blick im Bett lag, fahl, schwach und geduldig. Schuldgefühle überkamen ihn. Wieso hatte er seine Frau nie nach ihrer Lieblingsmusik gefragt? In dreiunddreißig Ehejahren hatte er sich nie danach erkundigt. Und nun war es zu spät. Er würde es nie mehr erfahren.

Müde rieb er sich die Stirn und sah auf das Gottesdienstprogramm auf seinem Schoß nieder. Dort prangten die Worte: Gedenkgottesdienst und Dankgebet für das Leben von Emily Milicent Favour. Einfache schwarze Beschriftung, schlichte weiße Karte. Er hatte sich allen Versuchen von seiten der Drucker widersetzt, Karten mit so beliebten Dingen wie Silberumrandung oder geprägten Engeln zu verwenden. Dem hätte Emily, dachte er, zugestimmt. Zumindest … hoffte er das.

Richard hatte mehrere Ehejahre dazu gebraucht zu begreifen, daß er seine Frau nicht sehr gut kannte, und etliche mehr, bis ihm kam, daß das nie der Fall sein würde. Anfangs war ihre heitere Entrücktheit etwas gewesen, das ihn zusammen mit dem blassen hübschen Gesicht und der adretten, knabenhaften Figur, die sie so entschlossen verborgen hielt wie ihre innersten Gedanken, angezogen hatte. Je geheimnisvoller sie sich gegeben hatte, desto unwiderstehlicher hatte sie auf Richard gewirkt; dem Hochzeitstag hatte er mit einer Sehnsucht entgegengefiebert, die an Verzweiflung grenzte. Endlich, hatte er gedacht, würden er und Emily einander offenbaren können. Er hatte sich danach verzehrt, nicht nur ihren Körper, sondern auch ihre Gedankenwelt zu erforschen, ihre Person; ihre intimsten Ängste und Träume zu ergründen; ihr lebenslanger Seelengefährte zu werden.

Ihre Hochzeit fand an einem strahlenden, stürmischenTag in einem kleinen Dorf in Kent statt. Emily hatte die ganze Zeit gelassen und heiter gewirkt; Richard war davon ausgegangen, daß sie ihre freudige Erregung, die in ihr bestimmt genauso loderte wie in ihm, einfach besser verbergen konnte – eine Erregung, die beim ihm stärker geworden war, als der Tag voranschritt und ihr Leben zu zweit näher rückte.

Nun schloß er die Augen und erinnerte sich an die ersten prickelnden Sekunden, als sich die Tür hinter dem Träger geschlossen hatte und er zum erstenmal mit seiner Frau in der Hotelsuite in dem Eastbourner Hotel allein war. Er starrte sie an, während sie mit den üblichen glatten, präzisen Bewegungen ihren Hut abnahm. Halb sehnte er sich, daß sie das dumme Ding hinunterwerfen und in seine Arme eilen würde, und halb, daß dieses köstliche, ungewisse Warten nie enden möge. Es hatte den Eindruck gemacht, als würde Emily den Augenblick ihres Zusammenkommens absichtlich verzögern und ihn mit ihrer kühlen, geistesabwesenden Art necken, als würde sie genau wissen, was ihm durch den Kopf ging.

Dann, endlich, hatte sie sich umgewandt und seinen Blick erwidert. Er hatte tief Luft geholt, unsicher, wo er am besten begann; welche seiner angestauten Gedanken er zuerst loswerden sollte. Und sie hatte ihn mit ihren entrückten blauen Augen direkt angesehen und gefragt: »Wann gibt es Abendessen?«

Selbst da hatte er noch geglaubt, sie würde ihn foppen. Er dachte, sie würde absichtlich das Gefühl der Vorfreude verlängern, mit Bedacht ihre Empfindungen zurückhalten, bis sie nicht mehr länger beherrschbar waren, bis sie seinen in einem riesigen Strom entgegenfluten würden. So hatte er geduldig und angesichts ihrer augenscheinlichen Selbstkontrolle ehrfürchtig gewartet. Auf den Strom gewartet; den Einbruch des Wassers; die Tränen und die Hingabe.

Aber dazu war es nie gekommen. Emilys Liebe zu ihm hatte sich nie in mehr als einem bedächtigen Tröpfeln einer nachsichtigen Zuneigung offenbart; auf jede Zärtlichkeit, jede seiner vertraulichen Mitteilungen hatte sie mit dem gleichen lauwarmen Interesse reagiert. Seinen Versuchen, eine kräftige Reaktion in ihr hervorzurufen, war zunächst mit Unverständnis, dann, als er heftiger wurde, mit einem fast ängstlichen Widerstand begegnet worden.

Schließlich hatte er es aufgegeben. Und allmählich, fast unmerklich, hatte sich seine Liebe zu ihr zu wandeln begonnen. Mit den Jahren hatten seine Gefühle aufgehört, wie eine heiße, nasse Flutwelle auf der Oberfläche seiner Seele zu branden, und waren zu etwas Festem, Trockenem und Vernünftigem erstarrt. Auch Richard hatte sich gewandelt. Er hatte gelernt, seine Meinung für sich zu behalten und seine Gedanken leidenschaftslos zu sammeln. Er hatte gelernt zu lächeln, wenn er eigentlich strahlen wollte, mit der Zunge zu schnalzen, wenn er vor Frustration am liebsten geschrien hätte; sich und seine törichten Gedanken so weit es ging in Schranken zu halten.

Nun, als er auf den Beginn des Gedenkgottesdienstes wartete, pries er Emily für diese Lektionen in Selbstbeherrschung. Denn ohne sie wären ihm unkontrolliert die Tränen über die Wangen geströmt, und er hätte das Gesicht in den Händen, die jetzt ruhig das Programm hielten, vergraben und wäre von seiner Verzweiflung überwältigt worden.

Bei Fleurs Ankunft war die Kirche fast voll. Sie blieb einige Augenblicke hinten stehen und nahm die Gesichter, Bekleidungen und Stimmen vor ihr in sich auf; taxierte die Quali-tät der Blumenarrangements; überblickte die Kirchenbänke nach jemandem, der aufsehen und sie erkennen könnte.

Doch die Leute waren ihr samt und sonders unbekannt. Männer in langweiligen Anzügen; Damen mit einfallslosen Hüten. Leise Zweifel beschlichen Fleur. Hatte Johnny da möglicherweise den falschen Riecher gehabt? War bei dieser farblosen Menschenmenge wirklich Geld im Spiel?

»Hätten Sie gern ein Programm?« Sie blickte auf und sah, wie ein langbeiniger Mann über den Marmorboden auf sie zukam. »Es geht gleich los«, fügte er mit einem Stirnrunzeln hinzu.

»Natürlich«, murmelte Fleur. Sie hielt ihm ihre blasse, parfümierte Hand entgegen. »Fleur Daxeny. Freut mich … Tut mir leid, ich habe Ihren Namen vergessen …«

»Lambert.«

»Lambert. Ja, natürlich. Jetzt erinnere ich mich.« Sie hielt inne und blickte ihm ins Gesicht, auf dem noch das arrogante Stirnrunzeln zu sehen war. »Sie sind der Gescheite.«

»So könnte man’s wohl ausdrücken«, erwiderte Lambert achselzuckend.

Gescheit oder sexy, dachte Fleur. Eins davon wollen die Männer immer sein – oder beides. Wieder musterte sie Lambert. Seine Gesichtszüge wirkten feist und schwammig, so daß er selbst in entspanntem Zustand eine Grimasse zu schneiden schien. Belassen wir es besser bei gescheit, dachte sie bei sich.

»Tja, dann setze ich mich wohl besser«, meinte sie. »Sicher sehen wir uns später noch.«

»Hier hinten ist jede Menge Platz«, rief Lambert ihr nach. Doch Fleur schien ihn nicht zu hören. Mit feierlicher Miene und ganz in das Gottesdienstprogramm vertieft, bahnte sie sich rasch den Weg nach vorn.

»Verzeihen Sie.« Bei der drittvordersten Reihe blieb sie stehen. »Ist hier noch ein Platz frei? Hinten geht’s etwas eng zu.«

Gelassen stand sie da, während die zehn Leute auf der Kirchenbank zusammenrückten, und nahm mit einer eleganten Bewegung Platz. Einen Augenblick senkte sie den Kopf und blickte dann mit einem strengen, tapferen Ausdruck wieder auf.

»Arme Emily«, sagte sie. »Arme, liebe Emily.«

»Wer war das?« flüsterte Philippa Chester ihrem Mann zu, als er sich wieder neben sie setzte.

»Keine Ahnung«, meinte Lambert. »Eine Freundin deiner Mutter, nehme ich an. Sie schien alles über mich zu wissen.«

»Ich kann mich gar nicht an sie erinnern. Wie heißt sie?«

»Fleur. Fleur Irgendwas.«

»Fleur? Noch nie gehört.«

»Vielleicht sind sie zusammen auf die Schule gegangen oder so.«

»O ja«, erwiderte Philippa. »Das könnte sein. Wie diese andere. Joan. Erinnerst du dich? Die, die uns aus heiterem Himmel besuchen kam?«

»Nein.«

»Doch, tust du. Joan. Sie hat Mummy diese scheußliche Glasschüssel geschenkt.« Philippa schielte wieder zu Fleur hinüber. »Bloß, daß die da zu jung aussieht. Ihr Hut gefällt mir. Ich wünschte, ich könnte auch solche kleinen Hüte tragen. Aber mein Kopf ist zu groß. Oder mein Haar paßt nicht. Oder sonst irgendwas.«

Sie verstummte. Lambert starrte auf ein Blatt Papier und murmelte etwas. Philippa schaute sich wieder in der Kirche um. So viele Menschen. Alle wegen ihrer Mummy. Um ein Haar wäre sie in Tränen ausgebrochen.

»Sieht mein Hut gut aus?« fragte sie unvermittelt.

»Ja, großartig«, erwiderte Lambert, ohne aufzusehen.

»Er hat ein Heidengeld gekostet. Ich konnte den Preis gar nicht fassen. Aber dann, als ich den Hut heute morgen aufsetzte, da dachte ich …«

»Philippa!« zischte Lambert. »Kannst du bitte still sein? Ich muß an meine Rede denken!«

»O ja, ja natürlich mußt du das.«

Gedemütigt senkte Philippa die Lider. Wieder einmal ging ihr ein Stich durchs Herz. Sie hatte niemand gebeten, eine Rede zu halten. Lambert hielt eine und ihr kleine Bruder Antony auch, aber sie mußte mit ihrem Hut nur ruhig dasitzen. Und selbst das konnte sie nicht sonderlich gut.

»Wenn ich sterbe«, sagte sie unvermittelt, »dann möchte ich, daß bei meinem Gedenkgottesdienst jeder eine Rede hält. Du, Antony, Gillian und alle unsere Kinder …«

»Falls wir welche haben«, versetzte Lambert, ohne aufzublicken.

»Falls wir welche haben«, echote Philippa grämlich. Sie starrte auf das Meer schwarzer Hüte. »Möglicherweise sterbe ich, bevor wir Kinder haben, das könnte doch sein? Ich meine, wir wissen ja nicht, wann wir sterben, oder? Morgen könnte ich tot sein.« Überwältigt von der Vorstellung, wie sie, umgeben von weinenden Trauernden, blaß, wächsern und romantisch im Sarg lag, hielt sie inne, den Tränen nahe. »Morgen könnte ich tot sein. Und dann wäre es …«

»Jetzt halt den Mund!« Lambert legte das Schriftstück beiseite. Unauffällig griff er nach Philippas fleischiger Wade. »Du redest Unsinn!« murmelte er. »Was tust du?«

Philippa schwieg. Lamberts Griff wurde allmählich fester, und plötzlich zwickte er sie so boshaft, daß sie nach Luft schnappte.

»Ich rede Unsinn«, erklärte sie mit schneller, leiser Stimme.

»Braves Mädchen.« Lambert ließ sie los. »So, jetzt setz dich gerade hin und reiß dich zusammen.«

»Es tut mir leid«, meinte Philippa atemlos. »Es ist nur alles ein bißchen … überwältigend. Diese vielen Leute. Ich wußte gar nicht, daß Mummy so viele Freunde hatte.«

»Deine Mutter war eine sehr beliebte Dame. Alle haben sie gemocht.«

Und mich mag niemand, hätte Philippa am liebsten erwidert. Aber statt dessen fummelte sie hilflos an ihrem Hut und zog ein paar dünne Haarlocken unter dem strengen schwarzen Hutrand hervor, so daß sie, als sie sich zum ersten Kirchenlied erhob, noch schlimmer aussah als zuvor.

2

»The day thou gavest, Lord, is ended«, sang Fleur. Sie zwang sich dazu, in das Gesangbuch hinabzusehen und vorzugeben, daß sie die Worte las. Als ob sie sie nicht im Schlaf beherrschen würde; als ob sie sie nicht bei unzähligen Begräbnissen und Gedenkgottesdiensten gesungen hätte. Warum suchten die Leute für Trauerfeiern immer dieselben langweiligen Lieder aus? War ihnen denn nicht klar, wie öde das die Dinge für jemanden machte, der regelmäßig ungebeten in Beerdigungen hereinplatzte?

In die erste Beerdigung war Fleur rein zufällig hereingeschneit. Eines trüben Morgens war sie eine kleinere Seitenstraße in Kensington entlanggeschlendert und hatte überlegt, ob sie vielleicht einen Job in einer teuren Kunstgalerie bekommen könnte, als sie eine Gesellschaft eleganter Leute auf dem Bürgersteig vor einer kleinen, aber bedeutenden Kirche herumstehen sah. Als sie sie erreicht hatte, hatte sie aus reiner Neugier den Schritt verlangsamt und war dann stehengeblieben. Sie hatte dagestanden, nicht ganz in der Gruppe, aber auch nicht ganz außerhalb, und so vielen Gesprächen wie möglich gelauscht. Als sie hörte, daß von Treuhandvermögen, Familiendiamanten und schottischen Inseln die Rede war, war ihr allmählich klar geworden, daß diese Leute Geld hatten. Und wie!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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