Sag's nicht weiter, Liebling - Sophie Kinsella - E-Book
oder
Beschreibung

Emma Corrigan scheint vom Pech verfolgt. Alles in ihrem Leben geht schief, und jetzt auch noch das: Sie sitzt in einem von Turbulenzen geschüttelten Flugzeug und sieht ihr letztes Stündlein gekommen. In Panik legt Emma eine dramatische Lebensbeichte ab: Jedes Geheimnis, jede jemals geäußerte Lüge bricht aus ihr heraus. Zu dumm, dass sich Emmas Sitznachbar ausgerechnet als ihr oberster - und zudem äußerst attraktiver - Chef entpuppt ...



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EPUB
MOBI

Seitenzahl:530


Inhaltsverzeichnis
 
Buch
Autorin
Von Sophie Kinsella bereits erschienen:
Widmung
 
Kapitel 1
Emma Corrigan, Marketing Executive. Emma Corrigan, Stellv. Geschäftsführerin (Marketing).
 
Kapitel 2
 
Kapitel 3
 
Copyright
Buch
Die Welt scheint sich gegen Emma Corrigan verschworen zu haben. Erst versagt sie bei einem wichtigen Kunden, mit dem ihre Firma eine Kooperation entwickeln sollte, und dann gerät ihr Flugzeug auf dem Heimflug nach London in so heftige Turbulenzen, dass Emma ihr letztes Stündlein gekommen sieht. Aber vor ihrem vermeintlichen Ableben macht sie noch reinen Tisch: Jedes Geheimnis, jede kleine Notlüge, jede Heimlichkeit, derer sie sich schuldig fühlt, bricht aus ihr heraus. Wenn sich je eine Seele komplett offenbarte, dann Emmas. Unfreiwilliger Adressat dieser Lebensbeichte ist ein äußerst attraktiver junger Mann, doch Emma ist viel zu angespannt, um ihn sich genauer anzusehen. Sie ist bei der Landung nur froh, dass sie ihrem Beichtvater nach diesem peinlichen Auftritt nie wieder begegnen wird. Verständlich, aber leider ein Irrtum …
Autorin
Sophie Kinsella ist Schriftstellerin und ehemalige Wirtschaftsjournalistin. Mit ihren Romanen um die liebenswerte Chaotin und Schnäppchenjägerin Rebecca Bloomwood wurde sie zur gefeierten Bestsellerautorin, und auch ihr neuestes Werk, »Sag’s nicht weiter, Liebling«, eroberte auf Anhieb die englischen Bestsellerlisten. Weitere Titel der Autorin sind bei Goldmann in Vorbereitung. Sophie Kinsella lebt in London.
Von Sophie Kinsella bereits erschienen:
Die Schnäppchenjägerin. Roman (45286) Fast geschenkt. Roman (45403) Hochzeit zu verschenken. Roman (45507)
Für H., vor dem ich keine Geheimnisse habe. Nun ja, jedenfalls nicht viele.
1
Natürlich habe ich Geheimnisse.
Klar. Hat doch jeder. Ist doch ganz normal. Ich habe bestimmt nicht mehr als andere auch.
Ich meine ja keine großen, weltbewegenden Geheimnisse. Nicht die von der Sorte Der-Präsident-will-Japan-bombardieren-und-nur-Will-Smith-kann-die-Welt-retten. Nur ganz normale, kleine Alltagsgeheimnisse.
Ganz spontan fallen mir zum Beispiel diese hier ein:
1. Meine Kate-Spade-Tasche ist nicht echt.
2. Ich liebe süßen Sherry, das uncoolste Getränk der Welt.
3. Ich habe keine Ahnung, wofür die Abkürzung NATO steht. Oder was das überhaupt ist.
4. Ich wiege 59 Kilo. Nicht 53, wie mein Freund Connor glaubt. (Zu meiner Verteidigung muss ich allerdings sagen, dass ich eine Diät anfangen wollte, als ich das behauptet habe. Und außerdem war ja nur die zweite Ziffer ein bisschen geflunkert.)
5. Ich finde, Connor sieht ein bisschen aus wie Barbies Ken.
6. Manchmal würde ich, wenn wir gerade so richtig leidenschaftlichen Sex haben, plötzlich gerne lachen.
7. Ich bin von Danny Nussbaum im Gästezimmer entjungfert worden, als Mum und Dad unten saßen und Ben Hur guckten.
8. Ich habe den Wein, von dem Dad gesagt hat, ich soll ihn zwanzig Jahre liegen lassen, schon längst getrunken.
9. Der Goldfisch Sammy bei meinen Eltern ist nicht der Goldfisch, den Mum und Dad bei mir in Pflege gegeben haben, als sie nach Ägypten fuhren.
10. Wenn meine Kollegin Artemis mir so richtig auf die Nerven geht, gieße ich ihre Pflanze mit Orangensaft. (Also so ziemlich täglich.)
11. Ich hatte mal einen komischen lesbischen Traum über meine Mitbewohnerin Lissy.
12. Mein Stringtanga zwickt.
13. Ganz tief in mir drin war ich schon immer davon überzeugt, dass ich anders bin als andere und dass schon hinter der nächsten Ecke ein unglaublich aufregendes neues Leben auf mich wartet.
14. Ich habe keinen Schimmer, wovon der Typ im grauen Anzug spricht.
15. Und seinen Namen habe ich auch schon wieder vergessen.
Dabei habe ich ihn erst vor zehn Minuten kennen gelernt.
»Wir halten viel von logistischen Allianzen«, leiert er mit näselnder Stimme, »auch über die eigene Branche hinaus.«
»Unbedingt!«, antworte ich strahlend, als ob ich sagen wollte: »Das tun wir doch alle.«
Logistisch. Was heißt das noch mal?
O Gott. Hoffentlich fragen sie mich das nicht.
Krieg dich wieder ein, Emma. Sie werden wohl kaum plötzlich fragen: »Was heißt eigentlich logistisch?« Ich bin schließlich auch Marketing-Profi. Natürlich kenne ich mich mit diesen Dingen aus.
Wenn sie wieder davon anfangen, wechsle ich einfach das Thema. Oder ich sage, ich bin postlogistisch oder so.
Vor allem muss ich mich weiterhin selbstsicher und souverän geben. Das kann ich. Das hier ist schließlich meine große Chance, und die werde ich nicht ungenutzt verstreichen lassen.
Ich sitze in einem Büro der Zentrale von Glen Oil in Glasgow, und wenn ich mein Spiegelbild so im Fenster betrachte, sehe ich doch wirklich aus wie eine Top-Businessfrau. Meine Haare sind glattgeföhnt, ich trage dezente Ohrringe, wie es in den So-bekommen-Sie-Ihren-Traumjob-Artikeln immer geraten wird, und das raffinierte neue Jigsaw-Kostüm. (Jedenfalls ist es fast neu. Ich habe es aus dem Second-Hand-Laden der Krebshilfe und musste nur einen fehlenden Knopf ersetzen, fällt fast gar nicht auf.)
Ich vertrete die Panther Corporation, bei der ich angestellt bin. Bei dem Treffen soll eine gemeinsame Marketing-Aktion zwischen dem neuen Panther Prime Sportdrink mit Preiselbeergeschmack und Glen Oil zum Abschluss gebracht werden, und dafür bin ich heute Morgen extra aus London hierher geflogen. (Hat alles die Firma bezahlt!)
Als ich ankam, legten die Marketing-Typen von Glen Oil gleich mit einer langatmigen Wer-ist-am-weitesten-gereist-Angeberei los, über Flugmeilen und Transatlantikf lüge - ich glaube, ich habe ganz überzeugend geblufft. (Außer als ich sagte, ich sei mit der Concorde nach Ottawa geflogen, und sich herausstellte, dass die Concorde gar nicht nach Ottawa f liegt.) Ehrlich gesagt bin ich jetzt überhaupt zum ersten Mal geschäftlich irgendwohin gereist.
Okay. Wenn ich ganz ehrlich sein soll: Dies ist mein erster Geschäftstermin überhaupt, Punkt. Ich bin seit elf Monaten als Marketing-Assistentin bei der Panther Corporation, und bisher durfte ich nur tippen und kopieren, die Meetings anderer Leute organisieren, Sandwiches besorgen und dem Chef die Kleider aus der Reinigung holen.
Das hier ist also der Durchbruch. Und insgeheim hoffe ich, dass ich vielleicht befördert werde, wenn es gut läuft. In der Stellenanzeige stand damals »Beförderung nach einem Jahr möglich«. Am Montag findet das jährliche Beurteilungsgespräch mit meinem Chef Paul statt. Ich habe »Beurteilungsgespräch« im Personalhandbuch nachgeschlagen, und dort steht, das sei »die ideale Gelegenheit, über die nächsten Karriereschritte zu sprechen«.
Karriere! Bei dem Gedanken spüre ich gleich wieder dieses stechende Verlangen in der Brust. Dann würde Dad endlich mal sehen, dass ich keine Totalversagerin bin. Und Mum. Und Kerry. Ich könnte nach Hause fahren und beiläufig erwähnen, »ach, übrigens, ich bin zum Marketing Executive befördert worden«.

Emma Corrigan, Marketing Executive. Emma Corrigan, Stellv. Geschäftsführerin (Marketing).

Wenn das heute bloß gut geht. Paul sagte, der Deal sei längst unter Dach und Fach, ich müsse nur noch nicken und ein paar Hände schütteln, und das könne selbst ich hinkriegen. Und ich würde sagen, bis jetzt läuft es richtig gut.
Na gut, neunzig Prozent von dem, was die reden, verstehe ich nicht. Aber in der mündlichen Französischprüfung habe ich damals auch nicht viel verstanden und trotzdem eine Zwei bekommen.
»Rebranding … Analyse … Rentabilität …«
Der Mann im grauen Anzug schwafelt immer noch irgendwas. So unauffällig wie möglich ziehe ich seine Visitenkarte zu mir herüber, um sie lesen zu können.
Doug Hamilton. Ach ja, richtig. Okay, das kann ich mir merken. Doug klingt wie Dog, das ist einfach. Ich merke mir einen Hund. Mit Ham, einem Schinken. Das … passt irgendwie nicht zusammen …
Na gut, vergessen wir das. Ich schreibe es mir einfach auf.
Ich notiere mir »Rebranding« und »Doug Hamilton« und rutsche unbehaglich herum, weil es so zwickt. Herrgott, mein Slip ist vielleicht unbequem. Ich meine, selbst der tollste String ist nicht bequem, finde ich, aber dieser ist besonders schlimm. Was daran liegen könnte, dass er zwei Nummern zu klein ist.
Was möglicherweise daran liegen könnte, dass Connor ihn mir gekauft und der Wäscheverkäuferin erzählt hat, ich würde 53 Kilo wiegen. Weshalb sie ihm Größe sechsunddreißig verkauft hat. Größe sechsunddreißig!
(Ehrlich gesagt glaube ich, die Frau war einfach gemein. Sie muss doch gewusst haben, dass das geschwindelt war.)
Also packe ich bei der Bescherung an Heiligabend dieses entzückende zartrosa Seidenhöschen aus. Größe sechsunddreißig. Und habe nur zwei Möglichkeiten:
A: Beichten: »Ehrlich gesagt, das ist zu klein, ich brauche eher vierzig, und übrigens wiege ich auch nicht 53 Kilo, wenn wir schon mal dabei sind.« Oder …
B: Mich hineinzwängen.
Eigentlich ging es. Man konnte die roten Striemen auf der Haut nachher kaum sehen. Und außerdem brauchte ich dann nur noch schnell sämtliche Etiketten aus meiner Kleidung zu schneiden, damit Connor nichts merkt.
Seither habe ich dieses Wäschestück kaum je getragen, ist ja klar. Aber gelegentlich, wenn ich es da so hübsch und teuer in der Schublade liegen sehe, denke ich, ach, was soll’s, so eng wird’s schon nicht sein, und quetsche mich irgendwie hinein. So auch heute Morgen. Ich dachte sogar, ich hätte wohl abgenommen, weil es sich gar nicht so schlimm anfühlte.
Vollkommen idiotische Selbsttäuschung.
»… leider, wegen unseres Rebrandings noch mal gründlich überdenken … müssen alternative Synergien erwägen …«
Bislang saß ich nur da und nickte und fand so einen Geschäftstermin ziemlich locker. Aber jetzt dringt Doug Hamiltons Stimme plötzlich in mein Bewusstsein durch. Was redet der da?
»… zwei divergierende Produkte … nicht mehr kompatibel …«
Wie, nicht mehr kompatibel? Wieso noch mal gründlich überdenken? Plötzlich bin ich alarmiert. Möglicherweise ist das doch nicht nur Geschwätz. Möglicherweise sagt er tatsächlich etwas. Hör mal besser zu.
»Wir haben die effektive und synergetische Zusammenarbeit zwischen Panther und Glen Oil stets sehr zu schätzen gewusst«, sagt Doug Hamilton. »Aber Sie sehen ja selbst, dass wir unterschiedliche Richtungen einschlagen.«
Unterschiedliche Richtungen?
Darüber redet er die ganze Zeit?
Mir dreht sich der Magen um.
Er kann doch nicht …
Will er den Deal platzen lassen? »Entschuldigen Sie, Doug«, sage ich so lässig wie möglich. »Ich habe Ihnen natürlich sehr genau zugehört.« Ich schenke ihm ein irrsinnig professionelles Lächeln. »Aber können Sie das vielleicht noch mal … äh, für uns alle zusammenfassen …«
Und zwar in einfachen Worten, bitte ich still.
Doug Hamilton und der andere Typ werfen sich Blicke zu.
»Wir sind nicht ganz glücklich mit Ihren Brand Values«, sagt Doug Hamilton.
»Meinen Brand Values?« Langsam werde ich panisch.
»Den Brand Values des Produkts«, sagt er und sieht mich komisch an. »Wie ich bereits erklärt habe, stecken wir hier bei Glen Oil gerade mitten im Rebranding. Unser neues Image ist das eines fürsorglichen Brennstoffs, wie man am neuen Logo mit der Narzisse sehen kann. Und da finden wir Panther Prime, mit dem Schwerpunkt auf Sport und Wettbewerb, einfach zu aggressiv.«
»Aggressiv?« Völlig verwirrt starre ich ihn an. »Aber … wir reden hier von Fruchtsaft!«
Was soll das denn? Glen Oil ist qualmendes, umweltzerstörendes Benzin. Panther Prime ist ein harmloses Getränk mit Preiselbeergeschmack. Wie kann das zu aggressiv sein?
»Es geht um die Werte, die damit vermittelt werden.« Er zeigt auf die Werbebroschüren auf dem Tisch. »Panther ist dynamisch. Elitär. Maskulin. Schon der Slogan ›Don’t Pause‹ zeigt das deutlich. Ehrlich gesagt, das ist doch überholt.« Er zuckt mit den Schultern. »Wir erachten eine gemeinsame Aktion einfach nicht mehr für sinnvoll.«
Nein. Nein. Das kann doch wohl nicht wahr sein. Der kann doch jetzt keinen Rückzieher machen.
Im Büro werden alle glauben, es wäre meine Schuld. Sie werden glauben, dass ich es vermasselt habe und total bescheuert bin.
Mein Herz hämmert. Mein Gesicht brennt. Das darf ich nicht zulassen. Aber was soll ich sagen? Ich bin überhaupt nicht vorbereitet. Paul hat schließlich gesagt, es sei alles geklärt und ich müsse denen bloß noch die Hände schütteln.
»Natürlich müssen wir noch mal darüber sprechen, bevor wir das endgültig entscheiden«, sagt Doug und lächelt mich kurz an. »Und wie gesagt würden wir die Zusammenarbeit mit der Panther Corporation gerne fortsetzen, sodass dieses Meeting auf jeden Fall seinen Zweck …«
Er schiebt seinen Stuhl zurück.
Das kann ich doch nicht so stehen lassen! Ich muss sie noch überzeugen. Ich muss versuchen, den Deal doch noch abzuschießen.
Abzuschließen. Das meine ich natürlich.
»Moment«, höre ich mich sagen. »Nur noch … einen Moment! Ich hätte dazu noch ein paar Anmerkungen zu machen.«
Was rede ich da eigentlich? Ich habe überhaupt keine Anmerkungen zu machen.
Auf dem Tisch steht eine Dose Panther Prime, nach der ich in der Hoffnung auf Inspiration greife. Um Zeit zu gewinnen, stehe ich auf, gehe in die Mitte des Raums und halte die Dose hoch, sodass alle sie sehen können.
»Panther Prime ist … ein Sportdrink.«
Ich breche ab. Höfliches Schweigen. Mein Gesicht kribbelt.
»Er … ähm … er ist sehr …«
O Gott. Was mache ich hier eigentlich?
Los, Emma. Denk nach. Denk an Panther Prime … denk an Panther Cola … denk an … denk nach …
Ja! Natürlich!
Okay, noch mal von vorne.
»Seit wir Ende der achtziger Jahre Panther Cola auf den Markt gebracht haben, stehen die Panther-Drinks für Power, Dynamik und Qualität«, bringe ich flüssig heraus.
Gott sei Dank. Das ist der Standardspruch aus dem Panther-Cola-Marketing. Ich habe ihn zig Millionen Mal getippt und hätte ihn im Schlaf herbeten können.
»Die Panther-Drinks sind ein Marketing-Phänomen«, fahre ich fort. »Der Panther ist weltweit eins der bekanntesten Logos, der Slogan ›Don’t Pause‹ steht bereits in Wörterbüchern. Wir bieten Glen Oil nun exklusiv die Möglichkeit, mit dieser weltbekannten Qualitätsmarke zusammenzuarbeiten.«
Mein Selbstvertrauen wächst, ich laufe in dem Konferenzraum herum und gestikuliere mit der Dose in der Hand.
»Mit dem Erwerb eines Panther-Gesundheitsdrinks demonstriert der Kunde, dass für ihn nur das Beste gut genug ist.« Ich schlage mit der anderen Hand auf die Dose. »Er erwartet das Beste von seinem Energydrink, er erwartet das Beste von seinem Benzin, er erwartet das Beste von sich selbst.«
Ich kann fliegen! Ich bin fantastisch! Wenn Paul mich jetzt sehen könnte, er würde mich vom Fleck weg befördern!
Ich gehe wieder zum Tisch und schaue Doug Hamilton in die Augen. »Wenn der Panther-Kunde die Dose öffnet, trifft er eine bewusste Entscheidung. Er zeigt allen, wer er ist. Und Glen Oil kann jetzt dasselbe tun.«
Dann setze ich die Dose schwungvoll mitten auf den Tisch und ziehe mit überlegenem Lächeln an dem Ring.
Ein Vulkan bricht aus.
Preiselbeerlimonade spritzt laut zischend aus der Dose und platscht auf den Tisch, ertränkt Papiere und Schreibunterlagen in knallroter Flüssigkeit … und, nein, bitte nicht … landet auf Doug Hamiltons Hemd.
»Scheiße!«, japse ich, »ich meine, tut mir wirklich Leid …«
»Herr im Himmel«, flucht Doug Hamilton gereizt, steht auf und zieht ein Taschentuch heraus. »Geht das Zeug wieder raus?«
»Äh …«, ich greife hilflos nach der Dose. »Ich weiß nicht.«
»Ich hole mal einen Lappen«, sagt der andere und springt auf.
Die Tür schließt sich hinter ihm, und es ist still, nur das langsame Tröpfeln des Preiselbeerdrinks auf den Boden ist zu hören.
Ich starre Doug Hamilton an, mein Gesicht glüht, und in den Ohren rauscht mir das Blut.
»Bitte …«, sage ich und muss mich erst mal räuspern, »erzählen Sie das nicht meinem Chef.«
 
Jetzt habe ich es doch noch vermasselt.
Ich lungere in der Wartehalle des Glasgower Flughafens herum und bin völlig niedergeschlagen. Doug Hamilton war dann eigentlich noch ganz süß. Er sagte, der Fleck würde bestimmt rausgehen, und er hat versprochen, dass er es Paul nicht erzählt. Aber seine Meinung über den Deal hat er trotzdem nicht mehr geändert.
Mein erstes wichtiges Meeting. Meine erste große Chance - und dann so was. Am liebsten würde ich gleich alles hinschmeißen. Am liebsten würde ich im Büro anrufen und sagen: »Das war’s, ich komme nicht mehr, und übrigens war ich das damals mit dem Papierstau im Kopierer.«
Geht aber nicht. Das ist meine dritte Stelle in vier Jahren. Diesmal muss es funktionieren. Schon für mein Selbstwertgefühl. Für mein Selbstbewusstsein. Und außerdem, weil ich meinem Dad viertausend Pfund schulde.
»Was darf’s denn sein?«, fragt ein Australier, und ich schaue benommen zu ihm auf. Ich war eine Stunde zu früh am Flughafen und habe schnurstracks die Bar angesteuert.
»Ähm …«, mein Kopf ist ganz leer. »Äh … ein Weißwein. Oder halt, einen Wodka-Tonic, bitte.«
Als er geht, sacke ich wieder auf dem Barhocker zusammen. Zwei Plätze weiter setzt sich eine Stewardess mit Mozartzopf. Sie lächelt mich an, und ich lächle schwach zurück.
Ich habe keine Ahnung, wie andere Leute ihr Berufsleben auf die Reihe kriegen, echt nicht. Zum Beispiel meine alte Freundin Lissy. Sie wollte schon immer Rechtsanwältin werden - und jetzt, ta-daah! ist sie Fachanwältin für Betrugsangelegenheiten. Ich hatte nach der Schule keine Ahnung, was ich werden wollte. Zuerst habe ich bei einem Immobilienmakler gearbeitet. Aber nur, weil ich schon immer gerne Häuser angeguckt habe, und außerdem hatte ich auf einer Jobbörse eine Frau mit rot lackierten Fingernägeln kennen gelernt, die mir erzählte, dass sie so viel Geld verdient, dass sie sich mit vierzig zur Ruhe setzen könnte.
Aber dann fand ich es vom ersten Moment an schrecklich. Es war furchtbar, solche Floskeln zu benutzen wie »in reizvoller Lage«. Und es war furchtbar, dass wir, wenn jemand nach eigenen Angaben 300.000 Pfund zahlen konnte, ihm Häuser ab 400.000 Pfund vorstellen und ihn schräg angucken sollten, wie um zu sagen: »Sie haben nur 300.000? Ach Gott, wie armselig.«
Also habe ich nach sechs Monaten verkündet, dass ich lieber Fotografin werden wollte. Das war so ein toller Moment, wie im Film oder so. Mein Dad lieh mir das Geld für den Kurs und die Kamera, und ich schlug diesen großartigen neuen, kreativen Weg ein, der der Beginn eines neuen Lebens werden sollte …
Nur hat das nicht ganz geklappt.
Ich meine, haben Sie eine Ahnung, was man als Foto-Assistentin so verdient?
Nichts. Echt nichts.
Was mir sogar egal gewesen wäre, wenn man mir nur eine Stelle als Foto-Assistentin angeboten hätte.
Ich seufze tief und starre mein trauriges Spiegelbild hinter der Bar an. Zu allem Überf luss ist mein Haar, das ich heute Morgen so sorgsam glatt gegelt habe, ganz kraus. Typisch.
Wenigstens war ich nicht die Einzige, aus der nichts geworden ist. Von den acht Leuten aus meinem Kurs hatte eine sofort Erfolg und macht jetzt Fotos für Vogue und so, einer knipst auf Hochzeiten, eine hatte ein Verhältnis mit dem Kursleiter, eine ist auf Reisen gegangen, eine hat ein Baby bekommen, einer arbeitet bei Snappy Snaps und einer bei Morgan Stanley.
Ich habe mich im Laufe der Zeit immer mehr verschuldet, habe Zeitarbeit gemacht und mich auf Stellen beworben, die einfach nur bezahlt wurden. Und vor elf Monaten habe ich schließlich als Marketing-Assistentin bei der Panther Corporation angefangen.
Der Barkeeper stellt mir den Wodka-Tonic hin und sieht mich fragend an. »Kopf hoch«, sagt er, »so schlimm kann es doch gar nicht sein.«
»Danke«, sage ich aufatmend und trinke einen Schluck. Fühlt sich schon besser an. Beim zweiten Schluck klingelt mein Handy.
Mein Magen macht einen nervösen Hüpfer. Wenn es das Büro ist, tue ich einfach so, als hätte ich es nicht gehört.
Ist es aber nicht, das Display zeigt unsere eigene Nummer.
»Hi«, sage ich, als ich auf den grünen Knopf drücke.
»Hallo!«, ruft Lissys Stimme. »Ich bin’s nur. Und, wie war’s?«
Lissy ist meine Mitbewohnerin und meine älteste Freundin. Sie hat wuscheliges dunkles Haar und einen IQ von ungefähr 600 und ist der süßeste Mensch, den ich kenne.
»Es war die Hölle«, jammere ich.
»Was ist denn passiert? Ist der Deal geplatzt?«
»Der Deal ist nicht nur geplatzt, sondern ich habe außerdem noch den Marketingchef von Glen Oil in Johannisbeerlimo ertränkt.«
Die Stewardess an der Bar unterdrückt ein Lächeln, und ich merke, wie ich rot werde. Na toll. Dann weiß es ja jetzt die ganze Welt.
»Du Arme.« Ich kann förmlich spüren, wie Lissy nach einem positiven Aspekt daran sucht. »Na, dann hast du ja wenigstens Aufsehen erregt«, sagt sie schließlich. »Jedenfalls werden sie dich nicht so schnell vergessen.«
»Wohl kaum«, sagte ich mürrisch. »Und, irgendwelche Nachrichten für mich?«
»Oh! Ähm … nein. Na ja, dein Vater hat angerufen, aber … also … es war nicht …«, windet sie sich.
»Lissy. Was wollte er?«
»Anscheinend hat deine Cousine irgend so einen Wirtschaftspreis gewonnen«, sagt sie entschuldigend. »Das wollen sie am Samstag feiern, zusammen mit dem Geburtstag deiner Mutter.«
»Oh. Toll.«
Ich sacke noch tiefer zusammen. Das hat mir gerade noch gefehlt. Meine Cousine Kerry, die mit einem silbernen Bestes-Reisebüro-der-Welt-oder-besser-des-Universums-Pokal triumphiert.
»Und Connor hat auch angerufen, er wollte wissen, wie es war«, fügt Lissy schnell hinzu. »Er war echt süß, er wollte dich nicht während des Meetings auf dem Handy anrufen, um dich nicht zu stören.«
»Ehrlich?«
Zum ersten Mal heute hebt sich meine Laune.
Connor. Mein Freund. Mein wunderbarer, rücksichtsvoller Freund.
»Er ist wirklich ein Schatz!«, sagt Lissy. »Er sagt, er steckt noch den ganzen Nachmittag in einem wichtigen Meeting, aber er hat sein Squash-Spiel heute Abend extra abgesagt und fragt, ob du mit ihm ausgehen willst.«
»Oh«, sage ich freudig erregt. »Oh, ja, das wäre schön. Danke, Lissy.«
Ich lege auf, trinke noch einen Schluck Wodka und fühle mich schon deutlich besser.
Mein Freund.
Es ist, wie Julie Andrews singt: When the dog bites, when the bee stings … dann muss ich nur dran denken, dass ich einen Freund habe - und schon ist alles nicht mehr ganz so beschissen.
Oder so ähnlich jedenfalls.
Und nicht einfach irgendeinen Freund. Einen großen, gut aussehenden, intelligenten Freund, über den die Marketing Week schrieb: »Einer der klügsten Köpfe in der heutigen Marktforschung.«
Ich sitze hier mit meinem Wodka und lasse mich von den Gedanken an Connor trösten. Wie sein blondes Haar im Sonnenlicht glänzt und wie er immer lächelt. Und wie er neulich die ganze Software auf meinem Computer aktualisiert hat, ohne dass ich ihn darum gebeten hatte, und wie er … er …
Mir fällt nichts mehr ein. Das ist ja lachhaft. Ich meine, an Connor ist so vieles wunderbar, angefangen mit seinen … seinen langen Beinen. Genau. Und seinen breiten Schultern. Und wie er sich um mich gekümmert hat, als ich die Grippe hatte. Welcher Mann tut, das schon? Eben.
Ich bin so glücklich, wirklich.
Ich lege das Telefon beiseite, streiche mir durchs Haar und gucke auf die Uhr hinter der Bar. Noch vierzig Minuten bis zum Abf lug. Nicht mehr lange. Meine Nerven fangen an zu prickeln, als würden lauter kleine Insekten über mich krabbeln, und ich leere mein Glas mit einem großen Schluck.
Wird schon gehen, sage ich mir zum tausendsten Mal. Wird schon gut gehen.
Ich habe doch keine Angst. Ich habe nur … ich habe nur …
Okay. Ich habe Angst.
 
16. Ich habe Flugangst.
 
Ich habe noch nie jemandem erzählt, dass ich Flugangst habe. Das klingt einfach zu blöd. Und ich habe ja schließlich keine Phobie oder so was. Es ist nicht so, dass ich nicht in Flugzeuge einsteigen könnte. Es ist nur … wenn ich die Wahl hätte, würde ich lieber am Boden bleiben.
Früher hatte ich keine Angst. Aber in den letzten Jahren bin ich immer nervöser geworden. Ich weiß, dass das total unlogisch ist. Ich weiß, dass täglich Tausende von Leuten fliegen und dass es fast sicherer ist, als im Bett zu liegen. Mit dem Flugzeug abzustürzen ist weniger wahrscheinlich, als … als in London einen Mann zu finden oder so.
Trotzdem. Ich mag es einfach nicht.
Vielleicht trinke ich einfach schnell noch einen Wodka.
 
Als mein Flug aufgerufen wird, habe ich noch zwei Wodkas getrunken und bin schon viel besser drauf. Lissy hat schließlich Recht. Immerhin habe ich Eindruck gemacht, oder? Sie werden sich auf jeden Fall an mich erinnern. Auf dem Weg zum Gate klammere ich mich an meiner Aktentasche fest und fühle mich fast schon wieder wie eine souveräne Businessfrau. Ein paar Leute lächeln mich an, als sie an mir vorübergehen, und ich lächle voller Herzlichkeit und Freundlichkeit zurück. Na also. Die Welt ist doch gar nicht so schlecht. Man muss nur positiv denken. Schließlich kann ja im Leben alles Mögliche passieren. Man weiß nie, was einen hinter der nächsten Ecke erwartet.
Am Eingang zum Flugzeug steht die Stewardess mit dem Mozartzopf, die vorhin an der Bar saß, und kontrolliert die Boarding Passes.
»Ach, hallo«, sage ich und lächle, »was für ein Zufall!«
Die Stewardess starrt mich an. »Hi. Ähm …«
»Ja?«
Warum guckt sie so betreten?
»Verzeihung. Es ist nur … wissen Sie, dass …« Sie deutet hilflos auf meine Seidenbluse.
»Was denn?«, frage ich freundlich, schaue an mir herunter und erstarre vor Schreck.
Irgendwie sind mir unterwegs Knöpfe aufgegangen. Drei Knöpfe stehen offen, und die Bluse klafft vorne auseinander.
Mein BH guckt heraus. Mein rosa Spitzen-BH. Der, der in der Wäsche ein bisschen scheckig geworden ist.
Deswegen haben die Leute mich angegrinst. Nicht weil die Welt so schön ist, sondern weil ich die Rosa-Flecken-BH-Frau bin.
»Danke«, murmle ich und knöpfe mir mit zitternden Fingern und vor Scham brennendem Gesicht die Bluse zu.
»Es war nicht Ihr Tag heute, oder?«, fragt die Stewardess mitfühlend und nimmt mir den Boarding Pass ab. »Tut mir Leid, ich habe das vorhin zufällig mitgehört.«
»Ist schon okay.« Ich versuche ein Lächeln zustande zu bringen. »Nein, es war nicht gerade der beste Tag in meinem Leben.« Sie schweigt kurz, als sie meinen Boarding Pass überprüft.
»Wissen Sie was?«, sagt sie dann leise. »Soll ich Sie nicht eine Klasse hochstufen?«
»Bitte?« Ich bin ganz perplex.
»Das täte Ihnen doch heute sicher gut.«
»Echt? Aber … können Sie mich denn so einfach umsetzen?«
»Wenn Plätze frei sind, schon. Wir machen das ganz diskret. Und es ist ja nur ein kurzer Flug.« Sie lächelt mich verschwörerisch an. »Aber erzählen Sie es nicht weiter, ja?«
Sie führt mich in den vorderen Teil des Flugzeugs und zeigt auf einen großen, breiten, bequemen Sitz. Ich bin noch nie hochgestuft worden! Ich kann es noch gar nicht glauben, dass sie das wirklich für mich tut.
»Ist das die erste Klasse?«, flüstere ich und lasse die gedämpfte, luxuriöse Atmosphäre auf mich wirken. Rechts klappert ein Mann im eleganten Anzug auf einem Laptop, und in der Ecke stöpseln zwei ältere Damen Kopfhörer ein.
»Business Class. Auf diesem Flug gibt es keine erste Klasse.« Sie spricht in normaler Lautstärke weiter. »Ist alles zu Ihrer Zufriedenheit?«
»Es ist perfekt. Vielen Dank.«
»Gern geschehen.« Sie lächelt mich an und geht weg, und ich schiebe meine Aktentasche unter den Vordersitz.
Wow. Das ist wirklich herrlich. Große, breite Sitze und Fußstützen und all so was. Das wird von Anfang bis Ende eine höchst angenehme Erfahrung, sage ich mir fest. Ich greife nach dem Gurt, schnalle mich lässig an und versuche, das besorgte Flattern meines Magens zu ignorieren.
»Möchten Sie ein Glas Champagner?«
Meine Freundin, die Stewardess, strahlt mich an.
»Das wäre wunderbar«, sage ich. »Danke!«
Champagner!
»Und Sie, Sir? Champagner?«
Der Mann neben mir hat bisher nicht einmal aufgesehen. Er trägt Jeans und ein altes Sweatshirt und guckt aus dem Fenster. Als er sich umdreht, um zu antworten, sehe ich kurz dunkle Augen, Bartstoppeln und tiefe Sorgenfalten auf seiner Stirn.
»Nein, danke. Nur einen Brandy. Danke.«
Seine Stimme ist trocken, und er hat einen amerikanischen Akzent. Fast hätte ich ihn höf lich gefragt, wo er herkommt, aber er wendet sich sofort wieder ab und starrt weiter aus dem Fenster.
Was völlig in Ordnung ist, denn ehrlich gesagt ist mir auch nicht gerade nach Konversation zumute.
2
Okay. In Wirklichkeit gefällt mir das hier alles nicht.
Ich weiß, das ist die Business Class, ich weiß, es ist der reinste Luxus. Aber mein Magen ist immer noch ein einziger Angstklumpen.
Beim Abheben habe ich mit geschlossenen Augen ganz langsam gezählt, was auch irgendwie funktioniert hat, aber ungefähr bei dreihundertfünfzig konnte ich nicht mehr. Also sitze ich jetzt einfach hier, nippe Champagner und lese einen Artikel über »30 Dinge, die man tun muss, bevor man 30 wird« in der Cosmopolitan. Ich gebe mir mächtig Mühe, wie eine entspannte Business-Class-Top-Marketing-Managerin auszusehen. Aber du lieber Gott. Jedes kleinste Geräusch erschreckt mich; bei jedem Rattern schnappe ich nach Luft.
Betont unbeteiligt nehme ich mir die laminierten Sicherheitshinweise und lasse meinen Blick darüberwandern. Notausgänge. Sitzposition bei Notlandung. Wenn Schwimmwesten benötigt werden, helfen Sie bitte zunächst älteren Menschen und Kindern. O Gott.
Warum sehe ich mir das überhaupt an? Was habe ich davon, mir kleine Strichmännchen anzugucken, die ins Meer springen, während hinter ihnen das Flugzeug explodiert? Schnell stopfe ich die Sicherheitshinweise wieder in die Tasche und trinke noch einen Schluck Champagner.
»Entschuldigen Sie bitte.« Eine Stewardess mit roten Locken ist neben mir aufgetaucht. »Reisen Sie geschäftlich?«
»Ja«, sage ich und streiche mir mit einem stolzen Prickeln das Haar glatt. »Ja, das tue ich.«
Sie reicht mir eine Broschüre mit dem Titel »Executive Facilities«, mit einem Foto von Geschäftsleuten darauf, die sich vor einem Kurvendiagramm auf einem Flipchart angeregt unterhalten.
»Ich habe hier einige Informationen über unsere neue Business Class Lounge in Gatwick. Sie können dort im Bedarfsfall modernste Telefonkonferenztechnik sowie unsere Tagungsräume nutzen. Wäre das für Sie von Interesse?«
Okay. Ich bin eine Top-Businessfrau. Ich bin eine ehrgeizige Top-Business-Managerin.
»Ja, möglicherweise«, sage ich und schaue mir herablassend die Broschüre an. »Ja, so einen Raum könnte ich brauchen, um … mein Team zu briefen. Mein Team ist ziemlich groß und muss natürlich häufig gebrieft werden. Geschäftlich.« Ich räuspere mich. »Es geht da hauptsächlich um … Logistik.«
»Möchten Sie gleich etwas buchen?«, bietet die Stewardess hilfsbereit an.
»Ähm, nein danke«, sage ich nach einer Pause. »Mein Team ist im Moment … zu Hause. Ich habe ihnen heute frei gegeben.«
»Ach so.« Die Stewardess wirkt erstaunt.
»Ein anderes Mal vielleicht«, sage ich schnell. »Aber wo Sie gerade da sind - ich meine ja nur. Ist das Geräusch normal?«
»Welches Geräusch?« Die Stewardess lauscht.
»Dieses Geräusch. Dieses Jaulen, da am Flügel?«
»Ich höre nichts.« Sie sieht mich mitfühlend an. »Haben Sie Flugangst?«
»Nein!«, platze ich heraus und lache ein bisschen. »Nein, ich habe keine Angst. Ich habe … mich nur gefragt. Einfach so aus Interesse.«
»Ich frage mal für Sie nach«, sagt sie freundlich. »Bitte sehr, Sir. Informationen über unsere Executive Facilities in Gatwick.«
Der Amerikaner nimmt seine Broschüre wortlos in Empfang und legt sie beiseite, ohne auch nur einen Blick darauf zu werfen. Die Stewardess geht weiter und stolpert ein bisschen, als das Flugzeug ruckelt.
Warum ruckelt das Flugzeug so?
O Gott. Völlig unvorbereitet überkommt mich plötzlich die Angst. Das ist doch Wahnsinn. Wahnsinn! In diesem großen, schweren Ding zu sitzen, ohne jede Fluchtmöglichkeit, Tausende und Abertausende von Metern über der Erde …
Das kann ich nicht alleine. Ich habe das überwältigende Bedürfnis, mit jemandem zu sprechen. Jemand Beruhigendem. Jemand Sicherem.
Connor.
Instinktiv angle ich nach meinem Handy, aber sofort stürzt die Stewardess auf mich zu.
»Tut mir Leid, aber das dürfen Sie an Bord nicht benutzen«, sagt sie mit breitem Lächeln. »Wenn Sie es bitte ausschalten würden?«
»Oh. Äh … Entschuldigung.«
Natürlich kann ich das Handy nicht benutzen. Das haben sie ja nur ungefähr fünfundfünfzig Milliarden Mal gesagt. Ich bin echt eine Dumpfbacke. Na ja, auch egal. Macht ja nichts. Mir geht’s gut. Ich stecke das Handy in die Tasche und versuche, mich auf eine alte Folge von Fawlty Towers zu konzentrieren, die auf den Monitoren gezeigt wird.
Vielleicht sollte ich einfach wieder zählen. Dreihundertneunundvierzig. Dreihundertfünfzig. Dreihundert …
Scheiße. Mein Kopf ruckt hoch. Was war das für ein Stoß? Sind wir getroffen worden?
Okay, keine Panik. Es war nur ein Ruckeln. Es ist bestimmt alles in Ordnung. Wahrscheinlich sind wir nur gegen eine Taube geflogen oder so. Wo war ich?
Dreihunderteinundfünfzig. Dreihundertzweiundfünfzig. Dreihundertdrei …
Und das war’s.
Es ist so weit.
Alles scheint zu bersten.
Fast noch bevor ich merke, was geschieht, höre ich die Schreie über meinem Kopf zusammenschlagen.
O Gott. O Gott o Gott o Gott o … O … NEIN. NEIN. NEIN.
Wir stürzen ab. O Gott, wir stürzen ab.
Wir fallen in die Tiefe. Das Flugzeug plumpst durch die Luft wie ein Stein. Da drüben ist ein Mann von seinem Sitz hochgef logen und hat sich den Kopf an der Decke gestoßen. Er blutet. Ich schnappe nach Luft, kralle mich am Sitz fest, damit mir das nicht auch passiert, aber ich spüre, wie ich hochgerissen werde, als wenn jemand an mir zieht oder die Schwerkraft plötzlich in die andere Richtung wirkt. Ich habe keine Zeit zum Nachdenken. Mein Gehirn kann gar nicht … Taschen fliegen herum, Getränke spritzen durch die Gegend, eine Stewardess ist hingefallen und klammert sich an einem Sitz fest …
O Gott. O Gott. Okay, es beruhigt sich. Es … es geht wieder.
Scheiße. Ich kann … ich kann nicht … ich …
Ich sehe den Amerikaner an, er klammert sich ebenso fest wie ich.
Mir ist schlecht. Ich glaube, ich muss mich übergeben. O Gott.
Okay. Es ist … es ist irgendwie … alles wieder normal.
»Sehr geehrte Fluggäste«, dringt eine Stimme aus dem Lautsprecher, und alle heben den Kopf, »hier spricht der Kapitän.«
Mir hämmert das Herz in der Brust. Ich kann nicht zuhören. Ich kann nicht denken.
»Wir erleben soeben Clear-Air-Turbulenzen, möglicherweise bleibt es weiterhin etwas unruhig. Wir haben die ›Anschnallen‹-Schilder wieder angeschaltet und bitten Sie, sich schnellstmöglich zu Ihren Sitzen zu …«
Es ruckelt wieder ganz schrecklich, und seine Stimme geht im allgemeinen Schreien und Stöhnen unter.
Das ist wie ein Alptraum. Ein Achterbahn-Alptraum.
Die Stewardessen schnallen sich ebenfalls auf ihren Sitzen an. Eine wischt sich Blut vom Gesicht. Noch vor einer Minute haben sie fröhlich Erdnüsse verteilt.
So etwas passiert doch nur anderen Leuten in anderen Flugzeugen. Den Leuten auf den Sicherheitsvideos. Aber mir doch nicht.
»Bitte bewahren Sie Ruhe«, lässt sich der Kapitän vernehmen. »Sobald wir über weitere Informationen verfügen …«
Ruhe bewahren? Ich kann nicht mal atmen, geschweige denn Ruhe bewahren. Was sollen wir tun? Etwa einfach stillsitzen, wenn das Flugzeug buckelt wie ein widerspenstiges Pferd?
Hinter mir höre ich jemanden »Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade …«, aufsagen, und eine neue Welle von Panik schnürt mir die Kehle zu. Die Leute beten. Das hier ist ernst.
Wir sterben.
Wir sterben.
»Wie bitte?« Der Amerikaner im Sitz neben mir sieht mich mit verkrampftem, weißem Gesicht an.
Habe ich das gerade laut gesagt?
»Wir sterben.« Ich starre ihn an. Dies könnte der letzte Mensch sein, den ich lebend sehe. Ich bemerke die Fältchen um seine dunklen Augen, den kräftigen Kiefer und die Bartstoppeln darauf.
Plötzlich sackt das Flugzeug schon wieder ab, und ich schreie unwillkürlich auf.
»Ich glaube nicht, dass wir sterben«, sagt er. Aber er klammert sich auch an den Armlehnen fest. »Sie haben doch gesagt, dass es nur Turbulenzen sind …«
»Natürlich sagen die das!« Meine Stimme klingt hysterisch. »Sie werden ja nicht gerade sagen: ›Okay, Leute, das war’s, ihr habt die längste Zeit gelebt.‹« Das Flugzeug sackt schon wieder ab, und ich greife in Panik nach der Hand des Mannes. »Das schaffen wir nicht. Ich weiß es. Das war’s. Ich bin erst fünfundzwanzig, verdammter Mist. Ich bin noch nicht bereit. Ich habe überhaupt noch nichts erreicht. Ich habe keine Kinder, ich habe noch niemandem das Leben gerettet …« Mein Blick fällt auf den Artikel »30 Dinge, die man tun muss, bevor man 30 wird«. »Ich habe noch keinen Berg bestiegen, ich bin nicht tätowiert, ich weiß nicht mal, ob ich einen G-Punkt habe …«
»Wie bitte?«, sagt der Mann, etwas erstaunt, aber ich höre ihn kaum.
»Meine Karriere ist ein Witz. Ich bin überhaupt keine tolle Businessfrau.« Mit Tränen in den Augen zeige ich auf mein Kostüm. »Ich habe überhaupt kein Team! Ich bin bloß eine blöde Assistentin, und ich hatte gerade mein allererstes wichtiges Meeting, und es war die totale Katastrophe. Die meiste Zeit habe ich überhaupt keine Ahnung, wovon die Leute reden, ich weiß nicht, was logistisch heißt, ich werde bestimmt nie befördert, und ich schulde meinem Dad viertausend Pfund, und ich war noch nie so richtig verliebt …«
Schlagartig reiße ich mich zusammen. »Tut mir Leid«, sage ich und atme scharf aus. »Das interessiert Sie natürlich überhaupt nicht.«
»Ist schon in Ordnung«, sagt der Mann.
Herrgott. Ich habe mich überhaupt nicht mehr unter Kontrolle.
Und überhaupt, was ich da gerade gesagt habe, stimmt ja gar nicht. Weil ich in Connor verliebt bin. Muss wohl die Höhe sein oder so, die mich ganz wirr macht.
Völlig durcheinander streiche ich mir das Haar aus dem Gesicht und versuche, mich wieder in den Griff zu bekommen. Okay, dann versuche ich es einfach noch einmal mit Zählen. Dreihundert … sechsundfünfzig. Dreihundert...
O Gott. O Gott. Nein. Bitte. Das Flugzeug schlingert schon wieder. Wir stürzen ab.
»Ich habe noch nie etwas getan, das meine Eltern stolz auf mich gemacht hätte.« Die Worte purzeln einfach aus meinem Mund, ich kann sie nicht aufhalten. »Nichts.«
»Das kann doch gar nicht sein«, sagt der Mann freundlich.
»Ist aber so. Vielleicht waren sie früher mal stolz auf mich. Aber dann ist meine Cousine Kerry zu uns gezogen und plötzlich hatten meine Eltern gar keine Augen mehr für mich. Sie haben nur noch sie gesehen. Sie war vierzehn, als sie zu uns kam, und ich war zehn und habe mich richtig auf sie gefreut. Als wenn ich plötzlich eine große Schwester hätte. Aber dann war alles ganz anders …«
 
Ich kann nicht aufhören zu reden. Ich kann einfach nicht mehr aufhören.
Jedes Mal, wenn das Flugzeug einen Hüpfer macht oder schlingert, platzt wieder ein Redeschwall aus mir heraus wie ein Wasserfall.
Ich kann nur reden oder schreien.
 
»… sie war Schwimm-Meisterin und Alles-Meisterin, und ich war nur … nichts, im Vergleich …«
»… Fotokurs, und ich habe wirklich gedacht, das würde mein ganzes Leben umkrempeln …«
»… 53 Kilo, aber ich wollte sowieso abnehmen …«
»Ich habe mich auf jede einzelne Stelle auf der ganzen Welt beworben. Ich war so verzweifelt, dass ich mich sogar bei …«
»… schreckliche Kollegin Artemis. Neulich wurde ein neuer Schreibtisch geliefert, und sie hat ihn sich sofort unter den Nagel gerissen, obwohl ich so einen schäbigen kleinen Tisch …«
»… manchmal gieße ich ihre blöde Grünlilie mit Orangensaft, das hat sie dann davon …«
»… eine ganz Süße, Katie, aus der Personalabteilung. Wir haben eine Art Geheimcode, wenn sie reinkommt und fragt, ob sie ein paar Zahlen mit mir durchgehen kann, bedeutet das, ob ich kurz mit ihr zu Starbucks gehe …«
»… grauenhafte Geschenke, und dann muss ich so tun, als ob sie mir gefallen …«
»… Kaffee auf der Arbeit ist das Ekelhafteste, was ich je getrunken habe, das reinste Gift …«
»… habe ›Abschlussnote Mathematik: 1‹ auf meinen Lebenslauf geschrieben, dabei hatte ich eine Drei. Klar war das unaufrichtig. Ich weiß, dass ich das nicht hätte tun dürfen, aber ich wollte die Stelle unbedingt …«
 
Was ist denn mit mir los? Normalerweise gibt es da doch eine Art Filter, der mich davon abhält, alles auszuposaunen, was mir gerade durchs Hirn schießt; der mich in Schach hält.
Aber der Filter ist außer Funktion. In einem unaufhaltsamen Strom fließt alles aus mir heraus, und ich kann nichts dagegen tun.
 
»Manchmal denke ich, ich glaube an Gott, denn wieso wären wir sonst alle hier? Aber dann denke ich, was ist mit Krieg und so …«
»… Stringtangas trage, weil sich da der Slip nicht abzeichnet, aber die Dinger sind dermaßen unbequem …«
»… Größe sechsunddreißig, und ich wusste nicht, wie ich reagieren soll, und da hab ich einfach gesagt, ›wow, ist der schön …‹«
»… gebratene Paprika, mein absolutes Lieblingsessen …«
»… in einen Lesekreis gegangen, aber ich bin durch Dickens’ Große Erwartungen einfach nicht durchgekommen. Also habe ich nur den Klappentext überf logen und so getan, als hätte ich es gelesen …«
»… ihm das ganze Goldfischfutter gegeben, ich weiß wirklich nicht, was da passiert ist …«
»… muss ›Close to you‹ von den Carpenters nur hören, dann fange ich schon an zu heulen …«
»… wünsche ich mir wirklich größere Brüste. Also nicht so riesige, blöde, aber einfach ein bisschen größer. Nur, um zu wissen, wie das ist …«
»… perfektes Date würde mit Champagner anfangen, der wie von Zauberhand einfach auf dem Tisch auftaucht …«
»… einfach versagt, ich hatte heimlich eine Riesenpackung Häagen-Dazs gekauft, und habe alles ganz alleine verputzt und es Lissy nicht erzählt …«
 
Ich nehme meine Umgebung überhaupt nicht mehr wahr. Die Welt besteht nur noch aus mir und diesem Fremden und meinem Mund, der all meine intimsten Gedanken und Geheimnisse ausplaudert.
Ich merke kaum noch, was ich da rede. Ich merke nur, dass es sich gut anfühlt.
So muss es beim Psychiater sein.
 
»… hieß Danny Nussbaum. Mum und Dad haben unten Ben Hur geguckt, und ich weiß noch genau, dass ich gedacht habe, wenn es das ist, worüber sich alle Welt so aufregt, dann ist die Welt wohl verrückt …«
»… auf der Seite liegen, weil dann das Dekolleté größer wirkt …«
»… arbeitet in der Marktforschung. Ich weiß noch, als ich ihn das erste Mal sah, dachte ich gleich, wow, sieht der gut aus. Er ist sehr groß und blond, weil er Halbschwede ist, und hat wunderschöne blaue Augen. Er hat also gefragt, ob ich mit ihm ausgehe …«
»… trinke vor einem Date immer ein Glas süßen Sherry, das beruhigt die Nerven …«
»Er ist toll. Connor ist wirklich toll. Ich habe wirklich ein Riesenglück. Alle sagen, wie wunderbar er ist. Er ist süß, und er ist lieb und erfolgreich, und alle sagen, wir sind ein Traumpaar …«
»… würde ich in tausend Jahren keinem erzählen. Aber manchmal finde ich, er sieht fast zu gut aus. Wie diese Puppen! Wie Ken. Wie ein blonder Ken.«
Und wo ich gerade bei Connor bin, erzähle ich plötzlich Dinge, die ich noch niemandem gesagt habe. Dinge, von denen ich nicht mal wusste, dass sie in meinem Kopf sind.
 
»… ihm zu Weihnachten so eine schöne Uhr mit Lederarmband geschenkt, aber er trägt immer diese orange Digitaluhr, weil die auch die Temperatur in Polen anzeigt oder so einen Quatsch …«
»… mich zu lauter Jazz-Konzerten geschleppt, und ich habe aus Höflichkeit so getan, als ob mir das gefällt, und jetzt denkt er, ich mag Jazz …«
»… jeden einzelnen Woody-Allen-Film auswendig und spricht jede Zeile mit, kurz bevor sie dran ist, das macht mich ganz verrückt …«
»… guckt mich dann nur an, als ob ich Chinesisch rede …«
»… unbedingt meinen G-Punkt finden, also haben wir es das ganze Wochenende über in allen möglichen Stellungen probiert, und am Ende war ich total fertig und wollte nur noch eine Pizza essen und Friends gucken …«
»… immer wieder gefragt, wie war’s, wie war’s? Also habe ich mir am Ende einfach was ausgedacht, habe gesagt, dass es einfach sensationell war und dass es sich angefühlt hat, als ob mein ganzer Körper sich öffnet wie eine Blume, und er fragte, was für eine Blume, und da habe ich gesagt, eine Begonie …«
»… kann ja nicht erwarten, dass es so leidenschaftlich bleibt. Aber woher soll man denn wissen, ob es gut ist, wenn man zusammen bleibt. Oder ob man sich lieber trennen sollte, weil man einfach nicht mehr auf den anderen steht?«
»… Ritter in schimmernder Rüstung ist ja nun nicht realistisch. Aber ein Teil von mir wünscht sich eine große, sensationelle Liebesgeschichte. Ich will Leidenschaft. Es soll mich richtig vom Hocker hauen. Ich will ein Erdbeben oder ein … ich weiß nicht, einen Wirbelsturm … was Aufregendes. Manchmal habe ich das Gefühl, dass irgendwo da draußen ein spannendes, neues Leben auf mich wartet, ich müsste nur …«
»Entschuldigen Sie bitte.«
»Was?« Ich blicke verwirrt hoch. »Was ist denn?« Die Stewardess mit dem Mozartzopf lächelt auf mich herab.
»Wir sind gelandet.« Ich starre sie an.
»Wir sind gelandet?«
Das kann ja nun nicht sein. Wie sollen wir denn gelandet sein? Ich schaue mich um, und tatsächlich, das Flugzeug steht still. Wir sind auf dem Boden.
Ich fühle mich wie Dorothy. Vor einer Sekunde bin ich noch durch Oz gewirbelt, aber jetzt habe ich die Hacken zusammengeschlagen, und alles ist wieder eben und ruhig und normal.
»Es ruckelt ja gar nicht mehr«, sage ich blöd.
»Es ruckelt schon eine ganze Weile nicht mehr«, sagt der Amerikaner.
»Wir … wir sterben doch nicht.«
»Nein, wir sterben nicht«, stimmt er mir zu.
Ich sehe ihn an, als sähe ich ihn zum ersten Mal - und mich trifft der Schlag. Ich habe eine Stunde lang ohne Pause auf einen völlig Fremden eingequasselt. Weiß der Geier, was ich ihm alles erzählt habe.
Ich glaube, ich sollte jetzt ganz schnell aus diesem Flugzeug aussteigen.
»Es tut mir Leid«, presse ich heraus, »Sie hätten mich bremsen sollen.«
»Das wäre schwierig gewesen.« Er lächelt ein bisschen. »Sie waren ja wie im Rausch.«
»Wie peinlich!« Ich versuche zu lächeln, aber ich kann ihm nicht einmal in die Augen schauen. Immerhin habe ich ihm alles über meine Unterwäsche erzählt. Ich habe ihm von meinem G-Punkt erzählt.
»Machen Sie sich keine Gedanken. Wir haben doch alle Stress. Das war aber auch ein Flug!«
Er greift nach seinem Rucksack und steht auf - dann schaut er mich wieder an. »Wissen Sie, wie Sie nach Hause kommen?«
»Ja, ist alles geregelt. Danke. Schönen Aufenthalt noch!«, rufe ich ihm hinterher, aber ich glaube, das hört er schon gar nicht mehr.
 
Gemächlich suche ich meine Sachen zusammen und begebe mich aus dem Flugzeug. Ich bin verschwitzt, mein Haar ist wirr, und mir dröhnt der Kopf.
Der Flughafen ist so hell und ruhig und friedlich nach der angespannten Atmosphäre im Flugzeug. Der Boden kommt mir so unerschütterlich vor. Ich setze mich für eine Weile still auf einen Plastikstuhl und versuche, mich zu sammeln, aber als ich schließlich wieder aufstehe, bin ich immer noch benommen. Alles verschwimmt ein bisschen, ich kann kaum glauben, dass ich hier bin. Ich lebe. Ich habe wirklich nicht daran geglaubt, dass ich heil wieder auf dem Boden landen würde.
»Emma!«, höre ich jemanden rufen, als ich durch die »Ankunft«-Tür komme, aber ich sehe nicht einmal auf. Es gibt so viele Emmas auf der Welt.
»Emma! Hier bin ich!«
Ungläubig hebe ich den Kopf. Ist das …
Nein. Das kann doch nicht sein, das kann nicht …
Es ist Connor.
Er sieht herzergreifend gut aus. Seine Haut hat diesen skandinavischen Braunton, seine Augen sind blauer denn je, und er kommt auf mich zu. Ich verstehe das nicht. Was macht er hier? Als wir einander erreichen, zieht er mich ganz fest an sich.
»Gott sei Dank«, sagt er heiser. »Gott sei Dank. Ist alles in Ordnung?«
»Connor, was - was machst du denn hier?«
»Ich habe am Flughafen angerufen, um zu fragen, wann ihr landet, und sie haben mir gesagt, dass ihr schreckliche Turbulenzen hattet. Da musste ich einfach herkommen.« Er sieht mich an. »Emma, ich habe das Flugzeug landen sehen. Sie haben sofort einen Rettungswagen hingeschickt. Und dann bist du nicht aufgetaucht. Ich dachte …« Er schluckt. »Ich weiß nicht genau, was ich dachte.«
»Mir geht’s gut. Ich musste mich … nur erst mal sammeln. O Gott, Connor, es war furchtbar.« Plötzlich zittert meine Stimme, was lächerlich ist, denn jetzt bin ich ja in Sicherheit. »Zwischendurch habe ich wirklich geglaubt, ich müsste sterben.«
»Als du nicht durch die Tür gekommen bist …« Connor unterbricht sich und starrt mich ein paar Sekunden lang an. »Ich glaube, ich habe jetzt erst begriffen, was du mir bedeutest.«
»Ehrlich?«, stammle ich.
Ich bekomme Herzklopfen. Ich glaube, ich kippe jeden Moment um.
»Emma, ich finde, wir sollten …«
Heiraten? Mein Herz hat vor Angst einen Aussetzer. Ach du lieber Gott. Er fragt mich mitten auf dem Flughafen, ob ich ihn heiraten will. Was soll ich antworten? Ich will noch nicht heiraten. Aber wenn ich nein sage, wird er beleidigt abziehen. Scheiße. Okay, ich sage einfach, herrje, Connor, ich brauche etwas Zeit zum …
»… zusammenziehen«, beendet er den Satz.
Ich bin so eine bescheuerte Kuh. Er wollte überhaupt nicht fragen, ob ich ihn heirate.
»Was meinst du?« Er streichelt mir sanft übers Haar.
»Ähm …« Ich reibe mir das Gesicht, schinde Zeit, ich kann nicht klar denken. Mit Connor zusammenziehen. Bietet sich ja irgendwie an. Warum auch nicht? Ich bin total durcheinander. Irgendwas rüttelt an meinem Gehirn und versucht, mir etwas mitzuteilen …
Ein paar Dinge, die ich im Flugzeug gesagt habe, fallen mir wieder ein. Darüber, dass ich noch nie richtig verliebt gewesen sei. Darüber, dass Connor mich gar nicht richtig versteht.
Andererseits … das war ja nur so dahingesagt, oder? Ich meine, immerhin dachte ich, ich müsste sterben. Ja, du liebe Güte, ich war ja überhaupt nicht klar im Kopf.
»Connor, was ist mit deinem Meeting?«, fällt mir plötzlich ein.
»Habe ich abgesagt.«
»Abgesagt?« Ich starre ihn an. »Meinetwegen?«
Ich bin jetzt ganz wackelig. Meine Beine tragen mich kaum noch. Ich weiß noch nicht mal, ob das eine Nachwirkung des Flugs ist oder die Liebe.
O Gott, guck ihn doch nur mal an. Er ist groß, er sieht gut aus, er hat ein wichtiges Meeting abgesagt, und er ist mich retten gekommen.
Es ist Liebe. Es muss Liebe sein.
»Es wäre toll, wenn wir zusammenziehen, Connor«, flüstere ich und breche zu meinem Erstaunen in Tränen aus.
3
Als ich am nächsten Morgen aufwache, kitzelt die Sonne mich an den Lidern, und es duftet herrlich nach Kaffee.
»Morgen!«, ertönt Connors Stimme über mir.
»Morgen«, murmele ich, ohne die Augen zu öffnen.
»Willst du einen Kaffee?«
»Au ja, bitte.«
Ich drehe mich um und vergrabe das Gesicht im Kissen, um noch ein paar Minuten weiterzuschlafen. Was mir normalerweise ausgesprochen leicht fällt. Aber heute nagt etwas an mir. Habe ich irgendwas vergessen?
Ich höre mit halbem Ohr Connor in der Küche mit Geschirr klappern und im Hintergrund den Fernseher dudeln, und mein Gehirn tastet verschlafen nach Anhaltspunkten. Es ist Samstagmorgen. Ich liege in Connors Bett. Wir waren essen - o Gott, dieser schreckliche Flug … er war am Flughafen, und er hat gesagt …
Wir ziehen zusammen!
Ich setze mich gerade auf, als Connor mit zwei großen Bechern und der Kaffeekanne hereinkommt. Er trägt einen weißen Waffelpikee-Bademantel und sieht umwerfend aus. Ich spüre ein stolzes Prickeln und ziehe ihn zu mir heran, um ihn zu küssen.
»Hi«, sagt er und lacht, »Vorsicht.« Er reicht mir einen Kaffee. »Wie fühlst du dich?«
»Geht schon.« Ich streiche mir das Haar zurück. »Ein bisschen kaputt.«
»Kein Wunder.« Connor zieht die Augenbrauen hoch. »Nach so einem Tag.«
»Allerdings«, nicke ich und trinke einen Schluck Kaffee. »Tja. Dann … ziehen wir wohl zusammen!«
»Wenn du immer noch willst?«
»Natürlich! Klar will ich!« Ich lächle breit.
Und das stimmt. Ich will. Ich habe das Gefühl, ich bin über Nacht erwachsen geworden. Ich ziehe mit meinem Freund zusammen. Endlich läuft mein Leben so, wie es soll!
»Ich muss Andrew Bescheid sagen …« Connor zeigt auf die Wand, auf deren anderer Seite sein Mitbewohner wohnt.
»Und ich muss es Lissy und Jemima sagen.«
»Und wir müssen eine schöne Wohnung finden. Und du musst versprechen, sie immer ordentlich zu halten.« Er grinst mich frech an.
Die Originalausgabe erschien 2003 unter dem Titel »Can You Keep a Secret« bei Black Swan, London
 
Umwelthinweis:Alle bedruckten Materialien dieses Taschenbuches sind chlorfrei und umweltschonend.
 
1. Auflage Deutsche Erstausgabe Februar 2004
Copyright © der Originalausgabe 2003
by Sophie Kinsella Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2004 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH Umschlagfoto: Corbis Titelnummer: 45632 Redaktion: Martina Klüver AB · Herstellung: Sebastian Strohmaier
eISBN : 978-3-641-03212-8
www.goldmann-verlag.de
 
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