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Der kanadische Philosoph Alain Deneault stellt sich der wohl bedrohlichsten aller Bedrohungen: der Mittelmäßigkeit. Die Mittelmäßigkeit schmückt sich selber zwar mit Bildern der Macht, hat aber nicht mehr zu bieten als Konformismus, das Bedienen von Software oder die Einhaltung von Grundsatzwerten. Wir leben in einer Welt, in der eine mediokre Ordnung zum Modell für die gesamte Gesellschaft erhoben wurde und in der Denkfaulheit belohnt wird. Dabei wird nicht etwa Spitzenleistungen und Elitenbildung das Wort gesprochen. Vielmehr geht es in dieser scharfen Analyse um die Ermutigung zum Gebrauch des eigenen Verstandes.
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Seitenzahl: 262
Veröffentlichungsjahr: 2021
Ebook Edition
Alain Deneault
Die Herrschaft der extremen Mitte
Aus dem Französischen von Christian Driesen
Original title: La médiocratie © Lux Éditeur, Montréal, 2015 www.luxediteur.com © Alain Deneault, 2015
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ISBN 978-3-86489-795-5
© Westend Verlag GmbH, Frankfurt/Main 2021,
Umschlaggestaltung: Buchgut, Berlin
Satz und Datenkonvertierung: Publikations Atelier, Dreieich
Kein anderer Staat als Deutschland eignet sich unter den westlichen Ländern besser dazu, den Begriff der »extremen Mitte« zu veranschaulichen. Hier besteht die politische Macht seit 2005, und dies offiziell, zumeist aus einem Bündnis der beiden herrschenden Kräfte, die als Mitte-links- und Mitte-rechts-Parteien bekannt sind. Der Sozialdemokratischen Partei auf der einen Seite und dem Zusammenschluss aus Christlich-Demokratischer und Christlich-Sozialer Union auf der anderen Seite ist es gelungen, den Anschein zu erwecken, dass das Land von der Mitte aus regiert wird, ganz im Geiste des Kompromisses, der die individuellen Freiheiten garantiert, die sozialen Errungenschaften schützt und den industriellen und finanziellen Kapitalismus einhegt.
In Wahrheit verfolgen dieser Diskurs und die Politik, die von ihm verteidigt wird, weniger die Absicht, vielfältige Positionen in eine Form kreativer Zusammenarbeit zu bringen, als vielmehr eine extreme, gewalttätige und ungerechte Doktrin als notwendige und alternativlose Entscheidung zu verherrlichen, vor der keine historische Wirklichkeit die Augen verschließen kann. Alle anderen Positionen, so an den Rand gedrängt, werden schließlich als sekundär, idealistisch oder extremistisch angesehen.
Mehr als an anderen Orten lässt sich in Deutschland beobachten, dass sich die extreme Mitte im klassischen Links-rechts-Spektrum nicht verorten lässt, sondern dessen Abschaffung zugunsten einer extremistischen Ideologie vorantreibt, der es auf diese Weise gelingt, sich als notwendig, rational, ausgewogen und daher allein möglich darzustellen.
Politisches Handeln in der extremen Mitte besitzt drei Aspekte.
Zunächst gilt es, sich einem ideologischen Programm zu verschreiben, das in folgenden Punkten besteht: Förderung von Gewinnmaximierung großer Unternehmen; Zahlung von Dividenden an Großaktionäre; Zugang zu Steueroasen im Ausland; Senkung von Steuern, Zöllen und Abgaben im Inland; Umwandlung ökologischer Standards zu bloßen Lippenbekenntnissen; Rückbau des Sozialstaats; Minimierung der Rechte zum Schutz der Arbeitnehmer. Es spielt überhaupt keine Rolle, ob man sich dann als sozialdemokratisch, sozialliberal, neoliberal oder christdemokratisch bezeichnet, solang derlei Orthodoxie unangetastet bleibt. Diese verschiedenen Hüllen aus Parteibezeichnungen lenken die Menschen von der Tatsache ab, dass die Politik der extremen Mitte insofern extremistisch agiert, als sie zerstörerisch ist, was die Ökologie betrifft, ungerecht, was die soziale Gerechtigkeit anbelangt, und imperialistisch, was die bevorzugten Wirkmaßnahmen angeht. Mittextremistische Regime stehen für globale Erwärmung und massives Artensterben, sie vergrößern die Kluft zwischen den sehr Armen und den sehr Reichen und propagieren ihr Verhältnis zur Welt als das einzig maßgebliche unter den verschiedenen Kulturen und Glaubenssystemen.
Die Parteien der extremen Mitte sind schließlich auf private und öffentliche Medien angewiesen, die über ausreichend Wirkmacht verfügen, um im Verbund eine Reihe von Labels zu verbreiten, die den öffentlichen Akteuren anhaften. Die Anhänger der herrschenden Ideologie werden immerfort als vernünftige, besonnene, normale, verantwortungsbewusste, gerechteVertreter der Mitte ausgewiesen, während über all jene, die es wagen, diese Ordnung zu kritisieren oder von ihr abzuweichen, der Bann ausgesprochen wird, sie seien unverantwortliche, anarchistische, paranoide, verschwörerische, idealistische, verrückte oder extremistische Elemente. In Frankreich stach dieses Vorgehen regelrecht ins Auge. Der Präsidentschaftskandidat François Hollande wurde 2012 unter der Bezeichnung »normaler Kandidat« gewählt, und zwar mit einem derartigen Erfolg, dass sein Nachfolger ganz offen der Mitte angehören konnte und im Namen eines notwendigen Zusammenschlusses über die traditionellen Parteigrenzen hinausging. So erschien Emmanuel Macron eher wie eine treibende Kraft der Geschichte denn als Verfechter einer missbräuchlichen und rückschrittlichen politischen Haltung.
Zuletzt untermauern die ausgewiesenen Experten, die von den Medien tagtäglich herbeizitiert und in ihren Sendungen und Kolumnen wie auf einem Tablett herumgereicht werden, diese Arbeit der Etikettierung und erklären sie zur schlichten Tatsache. Geradeso, als ob eine Kraft der Geschichte über die Regierungen käme, um sie dazu zu bringen, sich in eine Richtung zu entwickeln, die ihnen zutiefst eigen wäre, so als würde es sich dabei um ihr Schicksal handeln. Ganz gleich ob links oder rechts, Klarheit und Realismus müssten die Oberhand gewinnen, denn es sei an der Zeit, sich mit der Härte der ökonomischen Wirklichkeit und den Zwängen der Geschichte zu messen.
So spricht man mit uns.
Natürlich scheitert dieses Vorhaben. Statt der Abschaffung des Links-rechts-Spektrums zugunsten einer aus mehreren Parteien bestehenden extremen Mitte, die das immer gleiche Produkt anbietet, das die Wähler nur aufgrund unterschiedlicher Verpackungen zu akzeptieren vermögen, entsteht ein neues Spektrum. Die extreme Mitte bildet nunmehr den Gegenpol zur extremen Rechten. Aber auch hier muss betont werden: Abgesehen von erheblichen Unterschieden in Stil und Ausrichtung zu Fragen der Integration und Anerkennung von Minderheiten gibt es kaum Unterschiede zwischen diesen beiden Strömungen. Der Staat setzt sich auch weiterhin mit aller Macht für die Verteidigung der Interessen des Kapitals ein, nur tut er dies im ersten Fall mit einem Lächeln und im zweiten Fall mit einem Stirnrunzeln. Die extreme Mitte zeigt ihre Stärke mit einem Lächeln, behauptet, inklusiv und integrativ zu sein, passt ihr Regime an die am wenigsten kompromittierenden Klagen ihrer historischen Opfer (Frauen, Landbevölkerung, Arbeiter, Ausländer …) an und bezieht sie als Akteure in den unvermeidlichen Gang, der sie durch die Geschichte führt, ein. Das ist die Kunst der Governance, des Regierens, eine Form der Verwaltung des öffentlichen Lebens, die sich direkt auf Theorien privatwirtschaftlicher Organisation stützt. Die extreme Rechte indes träumt davon, den Staat seiner verschiedenen Kleider zu entledigen, um ihn in seiner rohen und ursprünglichen Gewalt zu zeigen, das Kapital zu unterstützen und einem Sozialdarwinismus zu frönen, damit alle Benachteiligten als Bedrohung ferngehalten werden können. In Frankreich wiederum hat sich ein Emmanuel Macron, der sich zum Bollwerk gegen die extreme Rechte aufgeschwungen hat, bis zum heutigen Tage seiner Amtszeit als Vertreter eher handfester Ansätze behauptet, sofern er gegenüber den kleinen Leuten eine offen martialische und verächtliche Rhetorik anstimmt, während seine Polizei bei rechtmäßigen politischen Demonstrationen eine erschreckende Gewalttätigkeit an den Tag legt.
In Deutschland ist das Aufkommen der extremen Rechten, die sich nun als Widerpart der extremen Mitte präsentiert, besonders erschütternd. Es lässt sich durch die Verwirrung erklären, die von den Parteien der extremen Mitte in dem Maße erzeugt wurde, wie sie die entscheidenden politischen Bezüge des 20. Jahrhunderts zunehmend ausgehöhlt und schließlich vollkommen desavouiert haben. Ebenso kann es durch die Verunsicherung und Verzweiflung einer Vielzahl von Bürgern gegenüber der technokratischen Entwicklung Europas und einer globalisierten Wirtschaftswelt erklärt werden, die weder politische Eindeutigkeit noch Einflussmöglichkeit mehr zulässt. Radikale Linke und Umweltbewegung erscheinen wie Relikte vergangener Hoffnungen angesichts einer Welt, in der Unverständnis das Denken aus der Bahn wirft, um nur noch niederträchtigen Leidenschaften Platz zu lassen, aus denen die extreme Rechte mit wenig Aufwand einiges Kapital schlägt.
Es ist wichtig, diesen Politiken der extremen Mitte, dieser sinnlosen Technokratie des Regierens sowie den herrschenden mittelmäßigen Formen in unserem System Diskurse, Vorschläge, anregende und nachahmenswerte Wege entgegenzustellen, die der extremen Rechten angesichts des freien Falls, in der die Welt sich befindet, die Plattform entziehen.
Räumt die komplizierten Werke weg, Bilanzbücher tun’s auch. Seid nicht stolz, nicht witzig, nicht einmal locker, denn ihr könntet arrogant wirken. Zügelt eure Leidenschaften, sie machen bloß Angst. Habt vor allem keine »gute Idee«, der Reißwolf ist voll davon. Diesen stechenden, rastlosen Blick, sänftigt ihn und entspannt eure Lippen – das Denken muss weich sein, und ihr müsst es zeigen. Man muss so von seinem Ich sprechen, dass es fast vollständig zusammenschrumpft: Man muss euch einordnen können. Die Zeiten haben sich geändert. Es hat keinerlei Sturm auf die Bastille gegeben, der Reichstag nicht gebrannt und die Aurora noch kein einziges Mal gefeuert. Dennoch, einen Angriff hat es sehr wohl gegeben, und der war von Erfolg gekrönt: Die Mittelmäßigen haben die Macht übernommen.
Was kann ein Mittelmäßiger am besten? Einen anderen Mittelmäßigen erkennen. Sie tun sich zusammen, kraulen sich gegenseitig das Fell und danken es mit einer Gegenleistung, um einem wachsenden Klan den Rücken zu stärken, denn schon bald werden sie andere Mittelmäßige anziehen. Wichtig dabei ist nicht so sehr, Dummheit zu vermeiden, als sie mit Bildern der Macht zu schmücken. »Wenn die Dummheit nicht dem Fortschritt, dem Talent, der Hoffnung oder der Verbesserung zum Verwechseln ähnlich sähe«, schrieb Robert Musil, »würde niemand dumm sein wollen«.1 Es gilt, seine Unzulänglichkeiten dadurch zu verbergen, dass man sich normal gibt, sein Handeln pragmatisch zu nennen, doch niemals müde zu werden, alles zu perfektionieren, denn die Mediokratie duldet weder die Unfähigen noch die Inkompetenten. Man muss imstande sein, die Software zu bedienen, ohne Murren das Formular auszufüllen, ganz natürlich eine Formulierung wie »hohe Qualitätsstandards in Unternehmungsführung unter Beachtung der Grundsatzwerte« zu verwenden und im richtigen Augenblick den richtigen Personen »Guten Tag« zu sagen. Jedoch vor allem: mehr nicht.
Das Substantiv »Mittelmäßigkeit« (Mediokrität) benennt, was Mittelmaß, Durchschnitt ist, so wie sich »Überlegenheit« und »Unterlegenheit« auf das beziehen, was darüber oder darunter liegt. »Mittelheit« hingegen gibt es nicht. Doch Mittelmaß bezeichnet eher das aktive Mittel als den abstrakten Durchschnitt. Folglich ist die Mediokratie dieses zur Herrschaft gelangte Mittelstadium. Sie begründet eine Ordnung, in der der Durchschnitt keine abstrakte Größe mehr ist, durch die eine konkrete Sachlage mathematisch zusammengefasst werden kann, sondern eine zwingende Norm, die es zu verinnerlichen gilt. Sich innerhalb eines solchen Regimes als frei zu bezeichnen, ist dann nur eine Form, seine Wirksamkeit zu unterstreichen.
Die Teilung und die Industrialisierung der – manuellen wie intellektuellen – Arbeit haben großen Anteil an der Übernahme der mittelmäßigen Macht. Die Perfektionierung jedes einzelnen Arbeitsschritts zugunsten eines Ganzen, das niemand zu fassen bekommt, hat dazu beigetragen, aus Dummköpfen »Experten« zu machen, die just in time über Teilgebiete der Wahrheit schwadronieren, und den Arbeiter auf den Status eines bloß Ausführenden zu reduzieren, dessen »Lebenstätigkeit für ihn also nur Mittel ist, um existieren zu können.«2 Karl Marx hatte 1849 festgestellt, dass das Kapital den Arbeitern das Gefühl für ihre eigene Arbeit nimmt, indem es sie zunächst auf eine Kraft, dann auf eine abstrakte Maßeinheit und schließlich auf ihre Kosten reduziert hat (der Lohn als Äquivalent dessen, was es braucht, damit der Arbeiter wieder zu Kräften kommt). Berufe gehen zunehmend verloren. Man kann Gerichte am Fließband zusammenstellen und zugleich außerstande sein, bei sich zu Hause etwas zu kochen; man kann Klienten am Telefon Anweisungen erteilen, die man selbst überhaupt nicht versteht; man kann Bücher und Zeitungen verkaufen, die man selbst nie liest … Der Stolz, gute Arbeit geleistet zu haben, verschwindet zwangsläufig. In den Grundrissen der Kritik der politischen Ökonomie von 1857/58 präzisiert Marx, dass »die Gleichgültigkeit gegen die bestimmte Arbeit einer Gesellschaftsform entspricht, worin die Individuen mit Leichtigkeit aus einer Arbeit in die andre übergehn und die bestimmte Art der Arbeit ihnen zufällig, daher gleichgültig ist. Die Arbeit ist hier nicht nur in der Kategorie, sondern in der Wirklichkeit als Mittel zum Schaffen des Reichtums überhaupt geworden«.3 Dieses »Mittel«, das sich das Kapital für sein Wachstum gegeben hat, ist jene leblose Arbeit, die auch in den Augen des Arbeiters als das »einzige Mittel zum Lebensunterhalt« existiert. Unternehmer und Arbeiter sind sich zumindest in diesem Punkt einig: Aus dem Beruf ist eine Beschäftigung geworden, die einhellig als »Mittel« angesehen wird. Es handelt sich hier weder um ein Wortspiel noch um einen einfachen lexikalischen Zufall, wenn die Arbeit ausgerechnet in dem Moment zu einem bloßen »Mittel« avanciert, als sie die Gestalt eines strikt »mittleren«, eines durchschnittlichen Beitrags erhält. Die Übereinstimmung einer Tätigkeit mit ihrem mittleren Maß schlägt, wenn aufgezwungen und verallgemeinert, eine ganze Gesellschaft mit Trivialität. Etymologisch verweist das Mittel auf die Mitte und das Milieu im Sinne eines sozialen Gefüges, hier insbesondere das Arbeitsmilieu als Ort des Kompromisses, des faulen Kompromisses sogar, wo im Grunde keine Arbeit stattfindet. Das erweist sich insofern als heimtückisch, als der Mittelmäßige nicht untätig herumsitzt, sondern hart zu arbeiten versteht. Es bedarf sehr wohl der Anstrengung, eine groß angelegte Fernsehsendung zu produzieren, einen Antrag auf Drittmittel für Forschungen bei Förderinstitutionen zu erarbeiten, kleine aerodynamisch aussehende Joghurtbecher zu entwerfen oder den ritualisierten Ablauf eines Ministertreffens mit einer Delegation von Amtskollegen zu organisieren. Nicht jeder hat die Mittel dazu. Die perfekte Beherrschung der Abläufe ist sogar notwendig, um die unbeschreibliche geistige Faulheit zu kaschieren, die in so vielen konformistischen Glaubensbekenntnissen am Werk ist. Und der mühevolle Einsatz für eine Arbeit, die niemals die eigene, für ein Denken, das immer schon vorgegeben ist, führt schließlich dazu, dass man deren Mickrigkeit aus den Augen verliert.
In dieser Sache ist kein Ende abzusehen. Einst befand sich der Mittelmäßige in der Unterzahl. Jean de La Bruyère beschrieb ihn vor allem als ein niederträchtiges Wesen, das sich dank seiner Kenntnisse über Gerüchte und Intrigen der Mächtigen geschickt aus der Affäre zog. »Celsius ist mittelmäßig, aber einige Große dulden ihn: Er ist nicht gelehrt, er steht in Beziehungen zu Gelehrten; er hat wenig Verdienst, aber kennt Leute, die viel haben; er ist nicht geschickt, aber mit seiner Zunge kann er Dolmetsch werden und mit seinen Füßen von einer Stelle zur anderen laufen.«4 Einmal die Herrschaft übernommen, werden die Celsius dieser Welt nur noch sich selbst nacheifern. Schritt für Schritt und ohne, dass sie selbst davon Kenntnis hätten, gelangen sie an die Macht. Durch Überwachung, ungerechtfertigte Vergünstigungen, Gefälligkeiten und Kungeleien kontrollieren sie die Institutionen. Schon immer gab es Kritik an diesem Phänomen, sobald es um sich zu greifen begann, wie die Tagebücher des Dichters Louis Bouilhet bezeugen, die von seinem Freund Gustave Flaubert zitiert werden: »Oh stinkende Macht des Mittelmaßes, Gebrauchsdichtung, Bauernliteratur, Kunstgeschwätz, Wirtschaftsgeschwafel, skrofulöse Produkte einer ausgelaugten Nation, mit meiner ganzen Geisteskraft verabscheue ich euch! Ihr seid nicht das Krebsgeschwür, ihr seid der Schwund! Ihr seid nicht die rote, heiße Phlegmone fiebriger Zeiten, sondern der kalte Abszess mit bleichen Rändern, der von weit hinabreichender Karies, wie von einer Quelle, abstammt!«5 Aber hier werden nur Hochstapelei und Selbstgefälligkeit ins Visier genommen, ein zu wahrer Größe unfähiger Geist demaskiert, jedoch noch kein System, das sich mit dem Mäßigen begnügt und derlei Genügsamkeit strikt vorschreibt.
Laurence J. Peter und Raymond Hull haben als eine der ersten von einem solchen Mittelmäßigwerden eines ganzen Systems berichtet. Ihre in den Nachkriegsjahren entwickelte These lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: Die systeminternen Prozesse begünstigen die Besetzung von Machtpositionen mit durchschnittlich begabten Akteuren und drängen sowohl die »Hochbegabten« als auch die vollkommen Unbegabten an den Rand. Hier ein schlagendes Beispiel: In einer Lehranstalt will man niemanden arbeiten sehen, der unpünktlich ist und von der Sache nichts versteht, doch ebenso wenig wird die Rebellin geduldet, die die Struktur der Lehre grundlegend verändern will, um die Klasse mit benachteiligten Schülern zu einer der besten der gesamten Schule zu machen. Die Autoren des Buchs Das Peter-Prinzip oder Die Hierarchie der Unfähigen geben an, dass der Hauptvorwurf, der einer derart engagierten Person gemacht werden wird, gewiss darin besteht, den formalen Kriterien der Lehre zuwider zu handeln, doch vor allem, dass sie »dem Lehrer, der nun im nächsten Jahr mit den Kindern arbeiten müsse, die ihr Pensum längst beherrschten, große Sorgen bereitet«6. Einem Ausdruck Hans Magnus Enzensbergers zufolge sind es »sekundäre Analphabeten«, die die Lehr- und Forschungsinstitutionen massenweise produzieren. Dieses neue, maßgeschneiderte Subjekt wird mit nutzbaren Kenntnissen ausgerüstet, ist aber gleichwohl nicht in der Lage, deren ideologische Grundlagen zu hinterfragen. »Er hält sich für wohlinformiert, kann Gebrauchsanweisungen, Piktogramme und Schecks entziffern und bewegt sich in einer Umwelt, die ihn hermetisch gegen jede Anfechtung seines Bewusstseins abschottet«, fasst der deutsche Schriftsteller in einem Vortrag von 1985 mit dem Titel Lob des Analphabetentums zusammen.7 Der mittelmäßige Gelehrte denkt niemals selbst, er delegiert sein Denkvermögen an Instanzen, die ihm Strategien zum Zweck seines beruflichen Fortkommens diktieren. Selbstzensur ist hier insofern zwingend, als er es versteht, sie als einen Beweis seiner Gerissenheit zu verkaufen.
Seitdem lässt sich die Tendenz, Nicht-Mittelmäßige außen vor zu lassen, überall beobachten, doch mit dem Unterschied, dass heutzutage Partei für die Mittelmäßigkeit ergriffen wird. Psychologen, die es sich in den Wirtschaftsschulen bequem gemacht haben, kehren die Wertverhältnisse um, indem sie individuelle Begabungen als einen Mehraufwand an »Selbstbeherrschung« fassen. Christy Zhou Koval von der Fuqua School of Business der Duke University, hauptverantwortlich für den Aufsatz »The Burden of Responsibility: Interpersonal Costs of High Self Control«, begreift die Arbeiterinnen und Arbeiter, die hohe Anforderungen an sich selbst stellen, als Subjekte, die, sollten sie Ausbeutung erfahren, gewissermaßen selbst dafür verantwortlich sind. Ihnen wird geraten, ihre Aktivitäten auf ein gesundes Maß zu beschränken. Die Neigung, ihre Arbeit gut zu machen und in einem umfassenden Sinn verantwortlich zu agieren, gilt nunmehr als Problem, denn sie handeln ihren »persönlichen« Zielen zuwider, sprich, ihrer Karriere, so wie sie von ihrem Arbeitgeber geplant wird.
Die Mediokratie bezeichnet also die zum Modell erhobene mediokre Ordnung. In diesem Sinne hat der russische Logiker Alexander Sinowjew allgemeine Aspekte des sowjetischen Regimes mit Begriffen beschrieben, die es in die Nähe unserer liberalen Demokratie rücken. »Das Mittelmaß des Mittelmaßes überlebt« und »Durchschnittlichkeit hat größere Erfolgschancen« konstatiert der Mitläufer in Gähnende Höhen, einer Satire in Romanform, die er 1976 klandestin veröffentlicht hatte: »Ich spreche von Durchschnittlichkeit als Durchschnitt. Und nicht über Erfolg bei irgendeiner Arbeit, sondern über sozialen Erfolg. Das alles sind verschiedene Dinge. […] Wenn eine Institution anfängt, merklich besser zu arbeiten als andere, wird man auf sie aufmerksam werden. Ist sie dann solchermaßen anerkannt, wird sie sich bald schon in ein Trugbild oder ein Musterbild verwandeln, das mit der Zeit ebenfalls zu einem mittelmäßigen Trugbild degeneriert.«8 Als nächstes wird sich der Anschein von Arbeit gegeben, was wiederum einen Anschein von Ergebnissen erzeugt. Die Täuschung wird zu einem Wert an sich. So bringt die Mediokratie jeden dazu, alle Überlegungen willkürlich festgelegten Modellen, die von Autoritäten vorgegeben werden, unterzuordnen. Die Symptome heutzutage sind: irgendein Politiker, der seinen Wählern erklärt, sie mögen sich den Aktionären der Wall Street unterwerfen; irgendeine Professorin, die die Arbeit eines Studenten, der in seiner Power-Point-Präsentation über die bloßen Grundlagen eines Themas hinausgegangen ist, als »zu theoretisch und zu wissenschaftlich« beurteilt; irgendeine Filmproduzentin, die darauf besteht, dass eine Berühmtheit in einem Dokumentarfilm zu sehen ist, obwohl sie darin überhaupt keine Rolle spielt; oder auch irgendein Experte, der über das unvernünftige Wirtschaftswachstum schwadroniert, um sich dann auf die Seite der »Vernunft« zu schlagen. Bereits zu seiner Zeit sah Sinowjew darin eine den menschlichen Geist zurichtende Psychomacht: »Scheinarbeit bedarf nur eines Scheinresultates, genauer, nur der Möglichkeit, über die verbrachte Zeit Rechenschaft abzulegen; die Überprüfung und Bewertung der Resultate wird von Personen vorgenommen, die an der Scheinarbeit beteiligt sind, mit ihr in Verbindung stehen und an ihrer Aufrechterhaltung Interesse haben.«9
Jene, die an solcher Macht teilhaben, stellen ein komplizenhaftes Grinsen zur Schau. In dem Glauben, am schlauesten zu sein, geben sie sich mit Lebensweisheiten folgender Art zufrieden: Man muss das Spiel mitspielen. Das Spiel – ein selten schwammiger Begriff und damit für das mediokre Denken bestens geeignet – verlangt hier einmal, sich etablierten Regeln devot zu unterwerfen zu dem alleinigen Zweck, eine ausgesuchte Position auf dem gesellschaftlichen Spielbrett einzunehmen, andermal, mit diesen Regeln in vielfältigen Kungeleien, die den reibungslosen Verlauf eines Prozesses unter Aufrechterhaltung des Anscheins, alles ginge seinen Gang, zunichtemachen, bereitwillig sein Spiel zu treiben. Dieser naive Satz salbt das gute Gewissen betrügerischer Akteure. Im Zeichen dieser Parole, die die Augen leuchten lässt, versichern die Pharmaunternehmen, dass Prostatakrebs unter großem Kostenaufwand geheilt werden kann, obgleich er doch erst problematisch zu werden droht, wenn die Betroffenen ein Alter von etwa 130 Jahren erreicht haben. Unter dem Deckmantel von »das Spiel mitspielen« nehmen Mediziner in ihrem Bereich Eingriffe an Patienten vor, die diese nicht benötigen, denn jede Leistung zieht schließlich die den Vorschriften gemäße Bezahlung nach sich. Desgleichen werden sich Kontrolleure des Finanzamts, die zur Bekämpfung großer Wirtschaftsbetrügereien mit weitreichenden Mitteln ausgestattet sind, augenzwinkernd lieber an der Kellnerin festbeißen, die ihre Trinkgelder nicht versteuert hat; werden Polizisten Untersuchungen unterbinden, sobald Nachforschungen ins Umfeld des Premierministers führen; werden Journalisten tendenziöse Ausdrücke aus Pressemitteilungen der Mächtigen übernehmen, um gegenüber historischen Prozessen, mit denen sie nichts am Hut haben wollen, die Augen zu verschließen. Unterzieht man etwa den Anwärter auf einen Lehrstuhl erniedrigenden Initiationsriten, werden Logiken des Marktes und ihr Vorherrschen höher bewertet als Grundprinzipien öffentlicher Institutionen, die es schlicht und ergreifend zu umgehen gilt. Spiel bedeutet, die Beantragung staatlicher Gelder für die Kinderbetreuung zu Hause zu einem echten Geschäftsmodell zu machen, das dem Kindeswohl keine Beachtung schenkt. Es bedeutet, dass in einem Unternehmen alle neuen Mitarbeiter einen Workshop besuchen müssen, in dem sie gemeinsam beigebracht bekommen, wie sie sich in ihren informellen Beziehungen hintergehen können. Es bedeutet, auf die inneren Beweggründe eines Beschäftigten einzuwirken, indem man ihm sagt: »Ihre Identität ist Kapital und dieses Kapital gehört uns.« Gemeinsam »das Spiel mitspielen« wie russisch Roulette spielen, alles auf eine Karte, sein Leben aufs Spiel setzen, als wäre nichts dabei. Das alles hat was Verspieltes, das ist lustig, das ist nicht echt, wir spielen doch bloß, das ist alles nur eine riesige Show, die uns in ihrem perversen Gelächter verschlingt. Dieses Spiel, das mitgespielt werden soll, erscheint schlaglichtartig wie ein Zirkus, der zwar ein wenig kritisiert wird, in dessen Obhut man sich aber dauernd begibt. Gleichwohl hütet man sich davor, seine Grundregeln zu erklären, denn diese Regeln sind, den jeweiligen Umständen entsprechend, immerzu mit spezifischen, zumeist individuellen und willkürlichen, um nicht zu sagen missbräuchlichen Strategien verknüpft. Es herrschen Verlogenheit und Betrug, zum stillschweigenden Spiel desjenigen erkoren, der geschickt damit umzugehen weiß, zum Nachteil derjenigen, die er zu Dummköpfen abstempelt. Entgegen dem, woran der Ausdruck zunächst denken lässt – dass man sich noch besser selbst ausbeutet –, besteht »das Spiel mitspielen« darin, sich einzig und allein dem Gesetz der Habgier zu unterwerfen. Es handelt sich hierbei um eine Vorstellung, die das Verhältnis zum Opportunismus umkehrt, indem sie ihn als eine unbewusste gesellschaftliche Notwendigkeit hinstellt. Der »Experte«, worunter heutzutage die Mehrheit der Akademiker zählt, gilt selbstredend als zentrale Gestalt der Mediokratie. Sein Denken ist niemals ganz das seine, sondern Teil einer Denkordnung, die, obwohl durch ihn verkörpert, durch Eigeninteressen motiviert wird. So macht sich der Experte daran, ihre ideologischen Aussagen und Scheinargumente zu vermeintlich reinen Wissensobjekten umzugestalten – eben dies bezeichnet seine Funktion. Deshalb können wir von ihm keine starke oder originelle Aussage erwarten. Doch vor allem, und das wirft ihm Edward Saïd 1993 in seinen Reith Lectures für die BBC in erster Linie vor, ist der zeitgenössische Sophist, der dafür bezahlt wird, in einer bestimmten Art und Weise zu denken, von keinerlei naiver Wissbegier getrieben – mit anderen Worten, er mag nicht, wovon er spricht, sondern agiert innerhalb eines streng funktionalistischen Rahmens. »Was den Intellektuellen von heute, sowohl im Westen als auch im Rest der Welt, am meisten bedroht, ist weder die Universität noch die Entstehung von Randgebieten noch die erschreckend kommerzielle Gesinnung in Journalismus und Verlagswesen, sondern eher ein ganz eigenes Selbstverständnis, das ich Professionalismus nennen würde.« Die Professionalisierung stellt sich auf gesellschaftlicher Ebene in Form eines stillschweigenden Vertrags zwischen unterschiedlichen Produzenten von Wissen und Diskurs auf der einen Seite und den Kapitaleignern auf der anderen Seite dar. Erstere liefern und formatieren ohne eigenes Interesse an den Inhalten die praktischen oder theoretischen Daten, die letztere wiederum für ihre Legitimation benötigen. Daher macht Saïd beim Experten jene Züge aus, die alle Mittelmäßigen kennzeichnen: »›gebührend‹, entsprechend den Regeln korrekten Verhaltens handeln – ohne viel Aufhebens, im Rahmen verbindlicher Grenzen, indem man ›marktfähig‹ und vor allem ›salonfähig‹, unpolitisch, unauffällig und ›objektiv‹ wird.«10 Von diesem Zeitpunkt an avanciert der Mittelmäßige für die Macht zu einem Mittel-Wesen, mittels dessen sie ihre Befehle zu übermitteln und ihre Ordnung noch stärker durchzusetzen vermag.
Diese soziale Tatsache führt das öffentliche Denken an einen Punkt von Konformismus, der sich ohne Überraschung als die Mitte, als Zentrum herausstellt, das zum politischen Programm erklärte Mittlere, das Durchschnittsmoment. Es wird zum Gegenstand von Wahlkampfveranstaltungen einer alle Lager umspannenden Partei, die der Öffentlichkeit nur einen Haufen unterschiedlicher Fetische anbieten kann, die Freud als »kleine Differenzen« beschrieben hat. In diesem Anschein von Uneinigkeit stehen weniger Grundsätze als Symbole infrage. Man muss herausfinden, wie in den Milieus der Macht, etwa den Parlamenten, den Gerichten, den Finanzämtern, den Ministerien, den Presseräumen oder Laboren, Ausdrücke wie »ausgewogene Maßnahmen«, »die goldene Mitte« oder »Kompromiss« zu derartig fetischisierten Begriffen werden konnten, dass nicht mehr unmittelbar einsichtig ist, ob es überhaupt noch einen Ort gibt, der nicht zur Mitte, zum Zentrum gehört, von dem aus man an dieser sprichwörtlichen Gleichgewichtung letztlich auch mitwirken kann. Gesellschaftlich betrachtet gibt es damit Denken nur noch in einem Zustand von Vorgleichgewicht. Wird es bereits in seinem Entstehungsprozess durch Parameter des Durchschnitts eingehegt, dann weil der Geist strukturell durch eine Reihe gemäßigter Ausdrücke neutralisiert wird, wobei jener der »Governance«, wahrlich der nichtssagendste unter allen, zum Markenzeichen avanciert ist. Denn in Wirklichkeit ist dieses Regime knallhart und tödlich. Doch sein Extremismus bleibt hinter der moderaten Fassade verborgen, sodass gemeinhin vergessen wird, dass Radikalität weniger etwas mit den Rändern des politischen Spektrums auf linker und rechter Seite zu tun hat als mit der Intoleranz, die überall dort zum Vorschein kommt, wo man nicht »bei sich« ist. Bürgerrechte besitzen so nur das Abgeschmackte, das Graue, das schlechthin Offenkundige, das Normative und die Reproduktion. Unter den Auspizien der Mediokratie ziehen sich Dichter in ihre engen vier Wände zurück, passionierte Wissenschaftler entwickeln Antworten auf Fragen, die niemand stellt, herausragende Ingenieure entwerfen Fantasiegebilde, während große Politiker in Kirchenkellern Selbstgespräche führen. Das ist die politische Ordnung der extremen Mitte, des Mittextremismus. Seine Politik lässt sich nicht so sehr mit einem bestimmten Ort im klassischen Links-rechts-Spektrum identifizieren als mit der Aufhebung dieses Spektrums zugunsten einer einzigen Art und Weise des Zugangs zum Wahren und zur logischen Notwendigkeit. Anschließend wird das Manöver mit Worthülsen eingekleidet – oder schlimmer noch: Die Macht wird Begriffe verwenden, die genau das verraten, wovor ihr eigentlich graut: Innovation, Partizipation, Verdienst und Engagement. Schließlich werden jene Geister, die das verlogene Spiel nicht mitspielen, vertrieben, und zwar, das versteht sich von selbst, in mittelmäßiger Manier per Ablehnung, Verleugnung und Ressentiment. Derartige symbolische Gewalt ist ein probates Mittel.
Die Mediokratie hält uns allerorten an, das Denken ruhen zu lassen, als unvermeidlich anzusehen, was sich als inakzeptabel, und als notwendig, was sich als empörend erweist. Sie idiotisiert uns. Dass wir die Welt mithilfe mittlerer Variablen denken, ist vollkommen verständlich, dass Menschen in jedem Aspekt dem Durchschnitt ähneln können, versteht sich auch von selbst, dass es eine geheime Anordnung gibt, der zufolge alle diesen Durchschnittstypus auf identische Weise verkörpern sollen, ist indes ein Sache, der niemand beizupflichten vermag. Der Ausdruck »Mediokratie« hat seine Bedeutung von damals, als er die Macht der Mittelklasse bezeichnete, verloren. Doch heute bezeichnet er nicht so sehr die Herrschaft der Mittelmäßigen als einen Zustand von Herrschaft, die durch Mittelmäßigkeiten als solche ausgeübt wird – was sie zur Währung für Sinngebung und bisweilen sogar zum Schlüssel fürs Überleben macht. Dabei geht sie soweit, dass sie diejenigen ihren hohlen Worten unterwirft, die nach Besserem streben und es wagen, Eigensinn zu beanspruchen.
Der US-amerikanische Journalist Christ Hedges sagt es frei heraus: Die Akademiker sind verantwortlich für unsere Leiden in der Vergangenheit. Zwar stehen die meisten von ihnen der Welt fremd gegenüber – Spezialisten in klitzekleinen Bereichen, die zu keinem kritischen Bewusstsein mehr in der Lage, ganz von ihren Karrierestrategien eingenommen und in einer kollegialen, einer Art »Stammes«-Zugehörigkeit gefangen sind –, doch zeigt sich ihr Wirken eben dann, wenn man nach den Gründen für die uns alle betreffenden Gefahren fragt. Die sich ausweitende Umweltkrise etwa, die Einkommensungleichheiten, die zu Exklusionen auf nationaler und globaler Ebene führen, die Abhängigkeit von fossilen Energien, der Überkonsum und die geplante Obsoleszenz der Massenware, die Verkehrung der Kultur in eine Unterhaltungsindustrie, die Versklavung des Geistes durch die Werbung, die Vorherrschaft des internationalen Finanzsystems über die Wirtschaft sowie die Instabilität desselben – all das sind Probleme, die in Forschungen und durch universitäre Institutionen entwickelten Ideen gründen. Labore, Fakultäten und Institute von Universitäten bilden die fragliche »Elite« aus. Sind es nicht Personen in Entscheidungspositionen und Spitzenleute, die kraft ihres an der Universität erworbenen, erprobten und anerkannten Wissens die Welt, in der wir leben, gestalten und modellieren?
Wir haben allen Grund, uns darüber Sorgen zu machen, insistiert Chris Hedges in The Empire of Illusions, denn »die Eliteuniversitäten haben jeder Selbstkritik abgeschworen. Sie weigern sich, ein System infrage zu stellen, dessen einziger Daseinsgrund sein Erhalt ist. In diesen Institutionen sind allein Organisation, Technologie, Beförderung und Informationssysteme von Bedeutung.« Aus der Universität ist eine Komponente des heutigen industriellen, finanzwirtschaftlichen und ideologischen Dispositivs geworden, nicht mehr und nicht weniger. In diesem Sinne reklamiert sie eine »Wissensökonomie« für sich, an der mitzuwirken sie sich brüstet. So liefert die Universität den Unternehmen Expertenwissen sowie entsprechend benötigtes Personal, bezahlt aus öffentlichen Mitteln. Für 500 Millionen Dollar verkauft das Energy Biosciences Institute der Universität Berkeley die Arbeit ihrer Forscher und die Ausrüstung an das Ölunternehmen British Petroleum (BP). »British Petroleum kann also eines seiner eigenen Forschungszentren schließen und von den durch die öffentliche Hand finanzierten Laboren profitieren«, muss Hedges schlussfolgern. In den Vereinigten Staaten und Kanada – bis man dies auch in Europa für eine gute Idee hält – gibt sich hier eine Universität den Namen Rockefeller, ziert dort ein Gebäude der Name Desmarais, wird hier ein Lehrstuhl von GoldCorp gestiftet, verliert dort ein Unterrichtsraum seine Nummer zugunsten der Bezeichnung PriceWaterhouseCoopers, ist hier ein Stipendium durch den untilgbar mit seinem Namen verbundenen Stifter Bosch auf ganz selbstverständliche Weise bekannt.
Die Universität hat zu ihren Kunden, welche die von ihr in Serie produzierten hellen Köpfe kaufen, ein Verhältnis von solcher Abhängigkeit entwickelt, dass selbst Max Weber sich verwundert die Augen gerieben hätte. Obwohl er bereits vor einhundert Jahren die »Mittelmäßigkeit« anprangerte, in der die Universität versank, indem sie ihre Organisation der allerorten grassierenden Kommerzialisierung opferte. Seinerzeit wurde der Inhalt der Kurse zur Ware, zugunsten von Kunden, die, wie sich herausstellte, die Studenten waren. Lehrende und Professoren blamierten sich, um Studenten für sich zu gewinnen, die von der Konkurrenz der Institutionen untereinander geplagt wurden. Das hat das Verhältnis zur Forschung dermaßen verdorben, dass in den Augen von Weber Entscheidungen und Auswahlprozesse, die Institutionen treffen, nur mehr dem reinen »Zufall« unterliegen. Der Forscher, getrieben durch unstillbare Leidenschaften, mächtige Ahnungen, eine selbstständige Einbildungskraft und den Sinn für Arbeit, konnte also den Wunsch, in seiner Arbeit erfolgreich zu sein, nur hegen, wenn er zu alldem noch ganz andere Gaben mitbringen würde, die es ihm ermöglichten, in den institutionellen Arkana zu Werke zu gehen. Indem sie derlei »äußere Bedingungen des Gelehrtenberufs« unumgänglich machte, wie Weber 1919 in seinem Aufsatz Wissenschaft als Beruf
