Die Herrscherin von Rom - Santiago Posteguillo - E-Book
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Die Herrscherin von Rom E-Book

Santiago Posteguillo

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Beschreibung

Ein riesiges Imperium. Ein blutiger Machtkampf. Und eine Frau, die über alle triumphiert.

192 n. C.: Das Römische Reich leidet unter der Herrschaft von Kaiser Commodus, der als grausam und wahnsinnig gilt. Als er einer tödlichen Intrige zum Opfer fällt, kämpfen die mächtigsten Männer Roms um die Herrschaft. Unterdessen schmiedet Julia Domna, Gattin des Statthalters Septimius Severus, eigene ehrgeizige Pläne: Sie will eine neue Dynastie begründen. Kaum jemand ahnt, dass die bildschöne Julia die Mechanismen der Macht besser durchschaut als all ihre Rivalen. Und so kämpft Julia, bis sie über ihre Feinde triumphiert und an der Seite ihres Gatten auf dem Thron sitzt …

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Seitenzahl: 791

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Buch

192 n. Chr.: Das Römische Reich leidet unter der Herrschaft von Kaiser Commodus, der als grausam und wahnsinnig gilt. Als er einer tödlichen Intrige zum Opfer fällt, kämpfen die mächtigsten Männer Roms um die Herrschaft. Unterdessen schmiedet Julia Domna, Gattin des Statthalters Septimius Severus, eigene ehrgeizige Pläne: Sie will eine neue Dynastie begründen. Kaum jemand ahnt, dass die bildschöne Julia die Mechanismen der Macht besser durchschaut als all ihre Rivalen. Und so kämpft Julia, bis sie über ihre Feinde triumphiert und an der Seite ihres Gatten auf dem Thron sitzt …

Autor

Santiago Posteguillo, geboren 1967 in Valencia, hat in den USA und Großbritannien studiert. Er ist Professor für englische Literatur an der Universität Castellón (Region Valencia) und Autor von zahlreichen historischen Romanen, für die er mit mehreren Preisen ausgezeichnet wurde.

Santiago Posteguillo

Die Herrscherin von Rom

Historischer Roman

Aus dem Spanischen von Lisa Grüneisen

Die spanische Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel »Yo, Julia« bei Editorial Planeta, S. A., Barcelona.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Deutsche Erstveröffentlichung Juli 2023 Copyright © 2018 by Santiago Posteguillo Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2023 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München Covergestaltung: UNO Werbeagentur, München Covermotive: Arcangel Images / Ilina Simeonova; FinePic®, München Karte Römisches Reich: © GradualMap Abbildung Münzen: © Leo Flores Redaktion: Susanne KiesowLS · Herstellung: ik Satz- und E-Book-Konvertierung: GGP Media GmbH, Pößneck ISBN 978-3-641-29408-3V002

www.goldmann-verlag.de

Für Lisa und Elsa, für alles.

She speaks always in her own voice

Even to strangers; but those other women

Exercise their borrowed, or false, voices

Even on sons and daughters.

She can walk invisibly at noon

Along the high road; but those other women

Gleam phosporescent – broad hips and gross fingers –

Down every lampless alley.

She is wild and innocent, pledged to love

Through all disaster; but those other women

Decry her for a witch or a common drab

And glare back when she greets them.

Here is her portrait, gazing sidelong at me,

The hair in disarray, the young eyes pleading:

»And you, love? As unlike those other men

As I those other women?«

Robert Graves, The Portrait

Sie spricht stets mit ihrer eigenen Stimme

Selbst Fremden gegenüber; die anderen Frauen indes

Benutzen ihre geliehenen oder falschen Stimmen

Selbst bei ihren Söhnen und Töchtern.

Sie kann am helllichten Tag völlig unsichtbar

Die Landstraße entlanggehen; die anderen Frauen indes

schimmern phosphoreszierend – breite Hüften und grobe Finger –

In jeder unbeleuchteten Gasse.

Sie ist wild und unschuldig, der Liebe verpflichtet

Durch alle Katastrophen; die anderen Frauen indes

Nennen sie eine Hexe oder eine gewöhnliche Hure

Und starren nur zurück, wenn sie grüßt.

Dies ist ihr Porträt, das mich von der Seite anblickt,

Das Haar in Unordnung, die jungen Augen flehend:

»Und du, Liebster? Bist du den anderen Männern so unähnlich

Wie ich den anderen Frauen?«

Robert Graves, Das Porträt

Dramatis Personae

Julias Familie

Julia Domna, Ehefrau von Septimius Severus

Septimius Severus, Statthalter von Oberpannonien

Bassianus, ältester Sohn von Julia und Severus

Geta, jüngerer Sohn von Julia und Severus

Maesa, Julias Schwester

Alexianus, Maesas Mann

Sohaemias, älteste Tochter von Maesa und Alexianus

Avita Mamaea, jüngere Tochter von Maesa und Alexianus

Julias Feinde

Commodus, römischer Kaiser

Pertinax, Senator

Didius Julianus, Senator

Pescennius Niger, Statthalter von Syrien

Clodius Albinus, Statthalter von Britannien

Römische Frauen

Marcia, Konkubine des Commodus

Titiana, Ehefrau von Pertinax

Scantilla, Ehefrau von Didius Julianus

Merulla, Ehefrau von Pescennius Niger

Salinatrix, Ehefrau von Clodius Albinus

Prätorianer

Quintus Aemilius, Präfekt der Prätorianer unter den Kaisern Commodus und Pertinax

Marcellus, Centurio der Garde des Commodus

Tullius Crispinus, Präfekt der Prätorianer unter Julianus

Flavius Genialis, Präfekt der Prätorianer unter Julianus

Tausius, tungrischer Prätorianer

Flavius Juvenalis, Präfekt der Prätorianer unter Septimius Severus

Veturius Macrinus, Präfekt der Prätorianer unter Septimius Severus

Senatoren und hohe Würdenträger des Römischen Imperiums

Eclectus, Kämmerer des Commodus

Lucius Cassius Dio, Senator

Titus Flavius Claudius Sulpicianus, Senator

Titus Flavius Sulpicianus, Senator, Sohn des Vorherigen

Helvius (Pertinax), Senator und Sohn des Pertinax

Claudius Pompeianus, Senator

Aurelius Pompeianus, Senator und Sohn des Vorherigen

Lentulus, Legat

Aemilianus, Legat

Virius Lupos, Statthalter von Niedergermanien

Novius Rufus, Statthalter von Hispanien

Vertraute des Septimius Severus

Plautian, Kindheitsfreund von Severus

Fabius Cilo, Legat

Julius Laetus, Legat

Candidus, Legat

Anullinus, Legat

Valeranius, Kommandant der VII. Legion in Mösien

Quintus Aemilius, Tribun

Parthische Adlige

Vologaeses V., König von Parthien

Vologaeses VI., Erstgeborener des Vologaeses V.

Artabanos IV., zweiter Sohn des Vologaeses V.

Osroes, dritter Sohn des Vologaeses V.

Weitere Personen

Aelius Galen, griechischer Leibarzt der Kaiserfamilie

Philistion, Bibliothekar in Pergamon

Opelius, Grenzsoldat

Calidius, Haussklave der Severer

Lucia, Tochter von Grenzsiedlern

Narcissus, Athlet

Turditanus, Sklavenhändler

Aquilius Felix, Leiter der Frumentarii, der Geheimpolizei von Rom

Proömium

Geheimes Tagebuch des Aelius Galen

Bemerkungen über Kaiserin Julia und die geheime Natur dieser Seiten

Rom, im Jahre 197 n. Chr.

Mein Name ist Aelius Galen, erzogen und aufgewachsen in Pergamon und Alexandria. Ich war viele Jahre lang Leibarzt der römischen Kaiserfamilie und wurde im Laufe meines langen Lebens Zeuge zahlreicher bemerkenswerter Ereignisse. So kann ich behaupten, beim Aufstieg eines Herrschergeschlechts und dem Niedergang eines anderen zugegen gewesen zu sein. Ich begleitete Roms Legionen auf mehreren Feldzügen gegen die Barbaren nördlich von Rhein und Donau und in die entlegenen Regionen des Fernen Orients. Ich sah zwei grausame Bürgerkriege und Ströme von Blut, die in den Amphitheatern der halben Welt und auf unendlich vielen Schlachtfeldern vergossen wurden. Das Schrecklichste jedoch, dessen Zeuge ich wurde, waren die verheerenden Folgen der Pest. Viele große Ereignisse habe ich im Laufe meines Lebens miterlebt. Ich gehe davon aus, dass die offiziellen Geschichtsschreiber des Reiches diesen Vorkommnissen die nötige Aufmerksamkeit widmen werden, um sie für die Nachwelt zu bewahren. Doch immer stellt sich mir eine Frage: Und Julia? Wird sich jemand an ihre Geschichte erinnern? Binnen zehn Jahren wurde aus einem unbekannten Mädchen aus dem syrischen Emesa 1 die Augusta, die herrschaftliche Kaiserin Roms. Ein wahrlich beeindruckender Aufstieg.

Aus Dankbarkeit und um der Gerechtigkeit willen habe ich mich einer noch nie dagewesenen Aufgabe angenommen und beschlossen, Julias Geschichte von Anfang an zu erzählen, zumindest ab dem Zeitpunkt, da sie nach Rom kam. Doch ich verfüge weder über das Sprachgefühl noch die Wortgewalt eines Dichters oder berühmten Theaterautors. Zwar habe ich viele Schriften verfasst, jedoch waren dies stets Abhandlungen über Medizin, Pflanzen und Heiltränke, Anatomie, Krankheiten und Behandlungsmethoden. Zugegebenermaßen stellte mich das vor ein Problem, über das ich nie zuvor nachgedacht hatte: Wie erzählt man die Lebensgeschichte eines Menschen? In welcher Reihenfolge? Chronologisch den Ereignissen folgend oder indem man diese thematisch ordnet?

Das alles ist Neuland für mich, und ich gestehe, dass ich über Monate hinweg ratlos war, was diesen Punkt betrifft.

Es ist gar nicht so einfach zu entscheiden, wie man eine Geschichte erzählt. Deshalb habe ich viel Zeit und Mühe auf die Frage verwendet, wie sich die Geschichte der Julia Domna, der mächtigsten Kaiserin Roms, am besten nacherzählen lässt.

Ich habe überlegt, welche Elemente und Wesenszüge eine Person ausmachen. Manche sagen, es sei der Charakter, der eng mit dem Temperament und der Gesundheit verbunden ist, doch diese Fakten interessieren vor allem uns Ärzte. Ich schreibe diese Geschichte nicht für andere Chirurgen. Ihnen hinterlasse ich meine umfangreichen Handbücher und detaillierten Abhandlungen über die Kunst des Asklepios, die zugleich begrenzt bleiben. Nur ich weiß, wie sehr mich das schmerzt. Aber darauf werde ich später zurückkommen: die Grenzen, die meiner Medizin gesetzt waren, die Verblendung, in der zu arbeiten man mich gezwungen hat.

Doch zurück zu Julia.

Was macht einen Menschen neben seinem Charakter und seinem Wesen aus? Freunde. Jene Menschen, die man für wert erachtet, dass man ihnen sein Vertrauen schenkt. Im Licht der Freundschaften, mit denen sich eine Person im Laufe ihres Lebens umgibt, lässt sich deutlich erkennen, was für ein Mensch derjenige ist, der sich im Zentrum dieses Geflechts befindet. Das wusste bereits Aristoteles, aber er erklärte auch, dass Freundschaften, die auf Eigennutz beruhen, in Wahrheit keine seien, denn in diesem Fall suche man die Nähe des anderen nur, um etwas zu bekommen, im Allgemeinen einen Vorteil. Wenn eine so mächtige Herrscherin wie Kaiserin Julia von einem Dunstkreis enger Freunde umgeben ist, zu denen auch ich mich zähle, muss man sich fragen, wer die Nähe der Kaiserin tatsächlich nur aus Freundschaft sucht, ohne im Gegenzug ein Privileg, ein Geschenk oder Unterstützung zu erhalten. Auch ich suchte anfänglich ihre Gunst, um in den Genuss gewisser Vorteile zu kommen. Später lernte ich, ihr Achtung und auch Bewunderung entgegenzubringen, aber ist eine solche Beziehung Freundschaft?

Die Herrscherin und die Macht. Das war letztendlich der Schlüssel, der meine Erzählung in Fluss brachte und mir dabei half, meine Gedanken angemessen zu Papier zu bringen. Die wahren Freunde einer mächtigen Person zu erkennen ist sehr schwer. Hingegen ist es wesentlich einfacher – und ich wage zu behaupten, auch objektiver –, jene zu benennen, die ihre Feinde waren. Es ist unstrittig, dass Kaiserin Julia Domna fürchtenswerte Gegner hatte. Todfeinde. Diese Menschen sagen viel über die Person aus, der sie übelwollen. Angesichts der Unfähigkeit, die wahren Freunde der Kaiserin ausfindig zu machen, habe ich beschlossen, die Geschichte ihres Lebens in fünf Bücher zu unterteilen, die ihren fünf großen Feinden gewidmet sind. Fünf Kapitel, benannt nach fünf römischen Kaisern. Eine beeindruckende Liste, die, so finde ich, Julias wahre Bedeutung zeigt. Die Kaiserin hat sich niemals von irgendwem einschüchtern lassen.

Das habe ich immer an ihr bewundert.

Aber fangen wir von vorne an.

Erstes Buch

Commodus

M COMMODVSANTONINVSPIVSFELIXBRIT Marcus Commodus Antoninus Pius Felix Britannicus

I Geheimes Tagebuch des Aelius Galen

Aufzeichnungen über Julias Herkunft und den Wahnsinn von Kaiser Commodus

Seit ihrer Ankunft in Rom befand sich Julia in einem ständigen Überlebenskampf, war doch ihr erster Feind ebenso fürchtenswert wie brutal. Unzählige Menschen verloren in den letzten Jahren des Imperator Caesar Markus Commodus Pius Felix Augustus Britannicus ihr Leben – um nur einen Teil seiner offiziellen Namen zu nennen. Dabei sind nicht einmal die Kriegs- und Ehrennamen berücksichtigt, die er selbst sich im Laufe seiner Herrschaft gab oder die ihm verliehen wurden. Der Einfachheit halber werde ich im weiteren Verlauf von Commodus sprechen.

Julias Geschick, in der schlechtesten aller Welten zu überleben, zeigte sich deutlich angesichts der dunklen Machenschaften des Commodus, letzter Kaiser der Antoninischen Dynastie, die mit Nerva und Trajan begonnen hatte und mit Antoninus Pius und Mark Aurel endete.

Doch neben dieser thematischen Gliederung nach den Feinden Julias wollen wir zunächst der Chronologie folgen und am Anfang der Geschichte beginnen.

Julia Domna wurde in Emesa in der orientalischen Provinz Syrien als Tochter des Oberpriesters des Sonnengottes Elagabal geboren. Als junges Mädchen vermählte sie sich mit Septimius Severus, einem vielversprechenden Legaten des Römischen Reiches. Die Hochzeit wurde in Lugdunum 2 abgehalten, wo Septimius damals Statthalter war. Die Braut war blutjung, gerade einmal sechzehn oder siebzehn Jahre alt, er ein kinderloser Witwer in den Vierzigern. Dennoch verstand sich das Paar gut. Julia war bildschön und zudem von außergewöhnlicher Intelligenz, auch wenn das gerne übersehen wurde. Sie wusste diese Gabe hinter ihrem strahlend schönen Gesicht und dem zarten Körper zu verbergen, von dem Septimius Severus augenblicklich eingenommen war, anscheinend bereits, als beide sich Jahre zuvor schon einmal begegneten. Severus war damals Legat im Orient und sie fast noch ein Kind. Doch ich werde später auf diese erste Begegnung zurückkommen.

Knapp neun Monate nach der Eheschließung mit Severus war Julia schwanger, was sowohl die Leidenschaft ihres Mannes als auch Julias Fruchtbarkeit beweist. Der Erstgeborene des Paares kam in Lugdunum zur Welt und erhielt zu Ehren von Julias Vater den Namen Bassianus. Ein Detail, das zeigt, was viele nicht zu sehen vermochten: Septimius Severus wollte seiner Frau eine Freude machen, weil er verrückt nach ihr war. Sehr verständlich aus der Warte eines Mannes im besten Alter.

Ich selbst war bereits über sechzig, als ich Julia kennenlernte. Dennoch erinnere ich mich gut daran, dass ihre Schönheit fleischliche Gelüste in mir weckte, die ich nicht nur schlummernd, sondern tot und begraben geglaubt hatte. Ich will damit keinesfalls behaupten, dass Julia Domna mir schöne Augen gemacht oder mich durch ihr Verhalten oder ihre Kleidung herausgefordert hätte. Ihr Betragen war stets angemessen, zu Hause ebenso wie in der Öffentlichkeit. Ich unterstelle ihr ebenso wenig, ein ausschweifendes Leben geführt zu haben, wie dies viele ihrer Feinde taten, die in weiten Teilen des Imperiums ein falsches Bild von ihr verbreiteten. Soll dies das Bild sein, das von ihr bleibt? Ein Bild, das auf Gerüchten und übler Nachrede beruht?

Julias Fähigkeit, die Männer zu verzaubern, beruhte weder auf frivolem Benehmen noch auf billiger Eitelkeit. Es gibt einfach Frauen, die so schön sind, dass etwas Betörendes von ihnen ausgeht, ganz gleich, wie sie sich herausputzen und welche Kleider sie tragen. Julia wusste diese Gabe bei ihrem Mann stets zu nutzen, auch wenn das einen erbitterten Bürgerkrieg zur Folge hatte. Vielleicht blieb ihr gar keine Wahl. Ich glaube, dass sie immer nur versuchte, sich selbst zu schützen, und für Julia war Angriff die beste Verteidigung.

Wer im Dunstkreis der Mächtigen von Rom nicht zuerst angreift, wird von seinen Feinden vernichtet – im wahrsten Sinne des Wortes. Julia lernte das schnell. Ihre Kritiker wollen nicht wahrhaben, dass sie nur eine gelehrige Schülerin der brutalen Methoden beim Machtkampf um Rom war. Aber kehren wir zu den letzten Jahren des Commodus und damit zum eigentlichen Anfang unserer Geschichte zurück.

Nachdem Septimius Severus sich in Gallien bewährt hatte, wurde er zum Konsul von Sizilien ernannt. Julia und der kleine Bassianus begleiteten ihn. Dort, in Sizilien, kam der zweite Sohn des Paares zur Welt. Er wurde Geta genannt, diesmal zu Ehren von Septimius’ Bruder. Julia wusste ihrem Mann zu gefallen, und das nicht nur im Bett. Es folgte die für Septimius entscheidende Ernennung zum Statthalter der Provinz Oberpannonien, dem drei Legionen unterstanden.

Julia und Septimius führten eine glückliche Ehe. Alles hätte in ruhigen Bahnen verlaufen können, wäre nicht Commodus gewesen.

Die Ereignisse überstürzten sich, und mit dem Wahnsinn von Kaiser Commodus nahm das Unglück seinen Lauf. An jenem Tag verlor ich alles. Doch darum geht es hier nicht. Dies ist nicht meine Geschichte, sondern die von Julia Domna.

II Die impulsive Julia

Sechs Jahre zuvor Residenz der Severer, Rom Ende des Jahres 191 n. Chr.

Julia wandte ihre großen, dunklen Augen von dem Pergament mit Ovids Gedichten ab und sah sich um. Ihre Schwester Maesa leistete ihr im Atrium Gesellschaft. Still saß sie da, ebenfalls in die Lektüre eines Codex vertieft. Julia stand auf und schnupperte.

»Riechst du das?«, fragte sie.

Maesa ließ das Pergament sinken und sah sie fragend an. »Was?«

Julia schien ihr gar nicht zuzuhören. Sie lief im Atrium auf und ab und sog tief die Luft ein, während sie zum Himmel aufschaute. »Die Sterne sind nicht zu sehen.«

»Es wird bewölkt sein«, suchte Maesa eine Erklärung.

Ihre Schwester schüttelte den Kopf. Ihr schönes Gesicht mit den orientalischen Zügen war angespannt. Ein Gesicht, in das sich der Legat aus Rom und spätere Statthalter auf der Stelle verliebt hatte.

»Riechst du das wirklich nicht?«, fragte Julia noch einmal. Als sie sah, dass ihre Schwester nur mit den Schultern zuckte, hob sie die Stimme und rief nach dem Atriense, dem altgedienten Obersklaven der Familie. »Calidius! Calidius!«

Ein großer, muskulöser, etwa dreißigjähriger Sklave erschien im Atrium.

»Ja, Herrin?«

»Lauf und sieh dich in der Stadt um.« Julia sah prüfend in den Himmel. »Geh zum Forum des göttlichen Trajan und zum Kaiserpalast. Dann komm rasch zurück und berichte mir, ob du etwas Auffälliges bemerkt hast.«

Calidius nickte und machte widerspruchslos kehrt. Er rief einige weitere Sklaven herbei und wies sie an, Stöcke, Messer und Fackeln zu holen. Dann ging er los und tat, wie die Hausherrin ihn geheißen, ohne nach dem Grund ihres Auftrags zu fragen. Mit blindem Gehorsam hatte er es auf seinem Posten weit gebracht.

»Ist die römische Nacht so gefährlich, dass sie diese ganzen Dinge brauchen?«, fragte Maesa.

Aber Julia sorgte sich in diesem Moment nicht um die nächtliche Gewalt in der Hauptstadt des Imperiums.

»Es riecht nach Rauch, Schwester«, sagte sie. »Ich glaube, es brennt irgendwo. Aber ich weiß nicht, wie groß die Gefahr ist.«

Kaiserlicher Palast, Rom

Die Flammen breiteten sich unaufhaltsam in den Räumen des Palastes aus. Quintus Aemilius, der Kommandant der Prätorianergarde von Kaiser Commodus, gab der Wache Befehle.

»Bringt den Augustus zum Vorplatz des Circus! Schnell, schnell!«

Das Leben des Kaisers zu retten hatte oberste Priorität. Alles andere konnte warten.

In diesem Moment erdreistete sich jemand, Quintus Aemilius an der Schulter zu fassen. Er fuhr wütend herum und packte den Knauf seines Schwerts. Dann erkannte er den alten Arzt, der ihn aus schreckgeweiteten Augen ansah.

»Du musst mir Männer geben«, sagte Galen.

Quintus Aemilius spuckte aus. »Du hast vergessen, mich als Vir eminentissimus anzusprechen«, lautete seine einzige Antwort. Ihn ärgerte das Auftreten dieses Quacksalbers, in den zuerst Kaiser Mark Aurel und nun auch sein Sohn Commodus solches Vertrauen setzten. »Ich kann dir jetzt keine Männer geben. Ich habe Wichtigeres zu tun. Das Leben des Kaisers, seiner Geliebten, seiner Sklaven ist zu schützen …«

»Aber die Palastbibliothek brennt!«, rief der Arzt.

»Der gesamte Palast brennt. Und das Forum!«, gab Quintus Aemilius zurück, nun nicht mehr verärgert, sondern verächtlich. »Ich habe keine Männer für solche Launen übrig! Bitte die Vigiles um Hilfe. Feuer zu löschen ist ihre Aufgabe, nicht meine!«

»Die Vigiles sind vollauf damit beschäftigt, den Vestatempel und den Friedenstempel zu retten. Die Bibliothek gehört zum Palast, und der Palast fällt in deine Zuständigkeit!«

Aber Quintus Aemilius schüttelte den Kopf und machte dann kehrt, um den Prätorianern zu folgen, die sich vom Feuer entfernten, in ihrer Mitte der in eine purpurrote Toga gewandete Kaiser. Sie hatten ihn nach dem letzten seiner unzähligen Gelage aus seinem Rausch wecken müssen.

Galen eilte in die entgegengesetzte Richtung davon.

Als Quintus Aemilius kurz zurückblickte, stellte er fest, dass der Arzt in seinem Wahnsinn direkt ins Feuer lief, anstatt zu fliehen.

»Du und du!«, wandte er sich an zwei seiner Prätorianer. »Folgt ihm, nehmt ihn in Gewahrsam und bringt ihn zum Circus!«

Der Alte ging ihm auf die Nerven, aber er war der Leibarzt des Kaisers, und dem Präfekten der Prätorianer war klar, dass es keine gute Idee war, diesen Dummkopf in den Flammen umkommen zu lassen. Commodus würde ihn dafür verantwortlich machen, und Quintus Aemilius wollte nicht den bitteren Geschmack seines Zorns zu spüren bekommen. Er hatte gesehen, wie es war, wenn der Kaiser tobte. Wen die kaiserliche Wut traf, der lebte nicht mehr lange.

Die beiden Männer nickten, salutierten vor Quintus Aemilius und rannten hinter dem Alten her, der eine erstaunliche Geschwindigkeit an den Tag legte.

»Er läuft zur Bibliothek«, rief einer der beiden.

»Dort wütet das Feuer noch stärker«, ergänzte der andere.

Galen hatte keinen Blick für die Wache, während er sich dem Eingang der Palastbibliothek näherte. Er musste hinein und retten, was zu retten war. Die Tür war verriegelt, dunkler Rauch quoll durch die Ritzen der beiden Türflügel aus Bronze. Er trat dagegen, bewirkte aber nichts. In diesem Moment wurde er von hinten gepackt.

»Lasst mich los, ihr verdammten Kerle! Lasst mich!«, schrie Galen wütend, während er versuchte, sich aus der Umklammerung der kaiserlichen Wachen zu befreien. Aber er war ein hochbetagter Greis und sie kräftige Männer aus der Rheinprovinz, die Mark Aurel für die kaiserliche Garde rekrutiert hatte.

Die Prätorianer schleiften ihn weg.

»Lasst mich los!«, zeterte Galen weiter und begann zu weinen, während sie ihn zu dem Geheimgang führten, der den Kaiserpalast mit dem Circus Maximus verband. »Ihr versteht das nicht. Dort drinnen befinden sich meine gesamten Schriften der letzten dreißig Jahre. Alles, was ich weiß, alles, was ich gelernt habe, geht gerade in Flammen auf … Möge Asklepios euch mit Krankheit schlagen, einen wie den anderen!«

Eine Einheit von Vigiles, deren Aufgabe es war, die Brände in Rom zu löschen, kam dem Arzt und seinen Häschern entgegen. Galen sah, dass sie mit Teer abgedichtete Eimer aus Espartogras benutzten, um rascher Wasser zu den Bränden zu bringen, denn diese Eimer wogen viel weniger als solche aus Holz. Doch trotz aller Bemühungen schlugen die Flammen immer höher und spuckten glühende Kohle und brennende Papyrusfetzen aus, die in die Dunkelheit eines gleichgültigen Himmels aufstiegen.

Residenz der Severer, Rom

Schwitzend kehrte Calidius mit den übrigen Sklaven ins Atrium des Septimius Severus zurück, sehnsüchtig erwartet von Julia und von Maesa, die beunruhigt neben ihr stand. Inzwischen roch auch sie den Rauch, den ihre Schwester bemerkt hatte.

»Es gibt eine große Feuersbrunst, Herrin«, rief der Atriense und rang nach Luft.

»Beim Elagabal!«, rief Maesa den Sonnengott ihrer Heimatstadt um seinen Schutz an.

Julia hatte in diesem Moment keine Zeit für Religion. Sie kam direkt zur Sache. »Wo? Breitet sie sich aus?«

»Ich bin nicht sicher, Herrin. Ich bin nur bis zur Trajanssäule gekommen. Ab dort herrscht heilloses Chaos. Man sieht Flammen in der Nähe des Flaviustheaters. Der Himmel ist orange …«

Julia und Maesa blickten nach oben. Der Widerschein der Flammen tauchte alles in einen beängstigenden schwefelgelben Widerschein. Julia konzentrierte sich darauf, einen Plan zu schmieden.

»Weckt die Kinder«, befahl sie.

»Alexianus!«, rief Maesa plötzlich, als ihr einfiel, dass ihr Mann nicht im Haus war.

»Er ist zum Hafen gegangen, und der liegt in entgegengesetzter Richtung des Feuers«, beruhigte Julia sie. Sie sorgte sich nicht um ihren Schwager und auch nicht um ihren Mann. Septimius war weit weg, in der fernen Provinz Oberpannonien, deren Statthalter er war. Sie hätte ihn gerne begleitet, aber …

Sie wurde aus ihren Gedanken gerissen, als es am Tor klopfte.

»Macht auf! So öffnet doch endlich!«

»Das ist Alexianus!«, rief Maesa.

Das Tor wurde geöffnet. Der Mann stürzte herein, und seine Frau fiel ihm in die Arme.

»Es gibt eine gewaltige Feuersbrunst!«, sagte Alexianus und legte beruhigend die Arme um Maesa.

»Wir sollten fliehen«, schlug Julia vor. Ihre Stimme war ganz leise, nur ein Hauch.

»Wohin?«

Julia sah ihn fest an. Alexianus war ein guter Mensch. Er war ihrer Schwester ein liebevoller Ehemann und der kleinen Sohaemias ein guter Vater. Während Septimius’ Abwesenheit fungierte er gemeinsam mit dem allgegenwärtigen Plautian, einem langjährigen Freund ihres Mannes, als Pater familias.

»Lass uns auf Plautian warten«, entschied Alexianus. »Er war mit mir am Hafen und wollte in Erfahrung bringen, ob wir in diesem Teil der Stadt gefährdet sind. Du weiß ja, Rom zu verlassen ist …«

Julia fiel ihm ins Wort. »Er ist kein Familienmitglied«, sagte sie, immer noch leise. Sie wusste, dass sie sich auf gefährlichem Terrain bewegte, und wollte Alexianus nicht gegen sich aufbringen.

»Aber Septimius vertraut ihm. Und ich auch«, stellte ihr Schwager klar.

Julia schwieg.

Es war ausgeschlossen, die Autorität infrage zu stellen, die ihr abwesender Gatte Plautian verliehen hatte.

Fürs Erste jedenfalls.

Circus Maximus, Rom

In der großen Arena des Circus, dort, wo an Wettkampftagen die Wagenrennen stattfanden, lief Kaiser Commodus zwischen den leeren Rängen auf und ab. Er trug die purpurrote kaiserliche Toga und war von Dutzenden bewaffneter Prätorianer umgeben.

Er hielt inne und blickte in den Himmel. Dann atmete er tief ein und wieder aus. »Der Wind weht in südliche Richtung.«

»Ja, Augustus«, bestätigte Quintus Aemilius und blickte ebenfalls nach oben.

Der Kaiser lief weiter auf und ab. Er wirkte sehr ernst. Angespannt.

»Was ist verloren?«, fragte er.

»Das kann man noch nicht mit Gewissheit sagen, Augustus«, erklärte der Kommandant der Prätorianergarde. »Aber es sieht so aus, als wäre der Friedenstempel niedergebrannt, und mit ihm sämtliche Archive Roms sowie ein Teil des Forums. Auch der Vestatempel steht in Flammen.«

»Das ist ein Zeichen.« Commodus hielt inne und sah Quintus Aemilius an. »Begreifst du?«

Der Präfekt blieb gleichfalls stehen und schluckte. Er wusste nicht, was er sagen sollte. Er begann zu schwitzen, während der Kaiser ihn ansah und auf eine Antwort wartete.

»Nein, du begreifst nicht«, schloss Commodus angesichts des Schweigens seines Gegenübers. Dann lächelte er, sehr zur Erleichterung des Präfekten. »Du und niemand sonst begreift das, nur ich. Ihr begreift alle so wenig …«

Er warf den Kopf in den Nacken und brach in schallendes Gelächter aus, das von den leeren Rängen widerhallte.

Auf Befehl des Kaisers blieben die Tore des Circus Maximus geschlossen. Dies war sein Zufluchtsort für die Nacht. Sollte sich das gemeine Volk einen anderen Platz suchen, um die Flammen zu überstehen. Das gewaltige Bauwerk, das unter Trajan mit Marmor verkleidet worden war, würde so schnell nicht brennen. Und solange der Wind den Rauch nach Süden trieb, gab es kein Problem. Kein Problem für ihn. Und das war das einzig Entscheidende. Er.

»Es ist ein Zeichen, das mir die Götter schicken«, verkündete Commodus, diesmal an niemand Bestimmtes gewandt. Sein Blick wanderte über die eindrucksvollen Ränge, als hielte er eine Rede vor einer geisterhaften Menschenmenge, die für alle anderen unsichtbar war. »Ich werde Rom wieder aufbauen. Aus der Asche wird eine neue Stadt erstehen, ein neues Imperium, eine neue Ordnung …«

Er verstummte. Dann runzelte er die Stirn und wandte sich seinem Prätorianerchef zu.

»Hast du Wachen an den Toren postiert?«, fragte er.

»Ja, Augustus. Niemand kommt in den Circus Maximus hinein, nicht einmal …« Quintus Aemilius konnte den Satz nicht beenden.

»Nein, du Hohlkopf! Diese Tore meine ich nicht! Beim Herkules, so viel Unfähigkeit, so viel Blindheit! Die Stadttore machen mir Sorge. Stehen Wachen an den Zugängen zur Stadt?«

»Nein … Das Feuer … Das Leben des Kaisers zu retten war mein erstes Ziel«, stammelte Quintus Aemilius entschuldigend. Aber nun kamen ihm Zweifel.

»Dann stell Wachen auf, du Hohlkopf. Vor allem darf keiner hinaus. Du weißt schon, wen ich meine. Keine der Frauen darf Rom verlassen. Unter keinen Umständen.«

Nun begriff Quintus Aemilius, dass der Kaiser Grund hatte, besorgt zu sein. Trotz seines fortschreitenden Wahnsinns hatte Commodus durchaus lichte Momente.

»Ich werde mich persönlich darum kümmern.«

»Das hoffe ich zu deinem eigenen Besten. Ich werde dich zur Verantwortung ziehen, wenn eine von ihnen entkommt.«

Quintus Aemilius nickte. Kalter Schweiß stand ihm auf der Stirn. Er ließ einen in sich gekehrten Kaiser zurück, der auf die leeren Ränge des Circus Maximus starrte, und machte sich auf den Weg zu den Stadttoren Roms, während ihm Commodus’ Drohung noch in den Ohren klang.

Es war das erste Mal, dass der Kaiser ihm direkt gedroht hatte.

Und das gefiel ihm ganz und gar nicht.

Residenz der Severer, Rom

Der Rauch wurde dichter. Das Atmen fiel zunehmend schwer. Zwischen nervösem Stimmengewirr und dem einen oder anderen Hustenanfall verschaffte sich Alexianus Gehör.

»Einverstanden. Wir machen es so, wie Julia vorgeschlagen hat. Wir verlassen das Haus.«

Er selbst führte zusammen mit mehreren bewaffneten Sklaven den langen Zug an. Hinter Alexianus ging Julia, den vierjährigen Bassianus und den dreijährigen Geta fest an der Hand, dann folgte Maesa mit der erst wenige Monate alten Sohaemias auf dem Arm. Eine weitere Gruppe bewaffneter Sklaven, angeführt von Calidius, bildete den Schluss des Zuges.

Auf ihrem Weg herrschten helle Aufregung, Verwirrung und Geschrei. Viele flohen in die entgegengesetzte Richtung. Mehrere Gruppen von Vigiles mit Eimern, Leitern und Äxten kamen ihnen entgegen.

Sie hasteten zum Fluss und erreichten schon bald die Porta Trigemina, die unweit des alten Forum Boarium zum Hafen führte.

»Halt, bleibt stehen!«, rief Alexianus.

Die ganze Gruppe erstarrte. Die kleine Sohaemias auf Maesas Arm begann zu weinen. Offenbar spürte sie die Anspannung ihrer Mutter. Bassianus und Geta hingegen waren stumm vor Angst. Julia spähte über die Schultern der Sklaven vor ihr und sah Dutzende von Prätorianern, die den Weg aus der Stadt versperrten.

Alexianus drehte sich zu ihr um und sah ihr direkt in die Augen. Sie waren ihretwegen hier. Sie hatte darauf gedrängt, die Flucht aus der Stadt zu wagen.

Julia stand reglos, aber fest entschlossen da. Sie fand immer noch, dass die Flucht aus diesem Gefängnis, in das sich die Stadt verwandelt hatte, der einzige Ausweg war. Allerdings hatte sie nicht damit gerechnet, dass die Prätorianer inmitten des Chaos die Stadttore kontrollieren würden. Sie spürte Alexianus’ Blick auf sich ruhen.

»Wir sollten uns nicht zu erkennen geben«, sagte sie.

»Wenn wir uns nicht ausweisen, werden sie uns auf keinen Fall passieren lassen«, entgegnete er.

Julia nickte. Das stimmte. Aber wenn sie sich zu erkennen gaben, hing alles von den Instruktionen ab, die diese Prätorianer von Quintus Aemilius erhalten hatten. Und das wiederum kam ganz darauf an, was der Kaiser persönlich dem Kommandanten der Prätorianer befohlen hatte.

»Was machen wir jetzt, Mutter?«, fragte der kleine Bassianus. Er hatte gemerkt, wie Julia seine Hand noch fester drückte.

Geta war ganz still. Er war den Tränen nah, aber wenn Bassianus nicht weinte, würde er es auch nicht tun. Sie konkurrierten immer miteinander: wer schneller aufaß, schneller rannte, höher sprang, mehr Mut hatte.

»Wir kehren um«, willigte Julia ein und seufzte bedrückt. Sie waren dem Ziel so nahe gewesen …

Alexianus war erleichtert. Er hasste Meinungsverschiedenheiten mit seiner Schwägerin. Julia war eine umgängliche Person, klug, schön und Maesa eine treue Schwester. Manchmal aber war sie zu impulsiv. Wahrscheinlich war es genau das, was Septimius Severus an ihr liebte: ihre schier unerschöpfliche Energie in diesem wunderschönen Körper. Maesa war ebenfalls schön, aber von sanfterem Wesen. Alexianus war beruhigt, nicht länger gegen seine Vernunft handeln zu müssen, die ihm sagte, dass der Versuch, den Wachposten an der Porta Trigemina zu passieren, zu nichts Gutem führen würde.

»Der Rauch lichtet sich«, stellte Maesa fest. »Es scheint, als machten die Vigiles ihre Arbeit gut.«

Alexianus nickte zustimmend. Julia ebenfalls. Die Luft war klarer. Es roch noch immer stark nach Rauch, aber man konnte besser atmen.

In Gedanken war die Gruppe bereits mit dem Rückweg nach Hause beschäftigt, und so bemerkte niemand von ihnen den misstrauischen Blick des befehlshabenden Centurios am Stadttor. Er nahm die kostbaren Kleider der kleinen Schar in Augenschein, die wenige Meter vor dem Wachposten umgekehrt war, und wandte sich dann ernst an einen seiner Männer.

»Folge ihnen unauffällig. Wenn du weißt, wohin sie gegangen sind und wer sie sind, kommst du zurück.«

Auf dem Rückweg mieden Julia, Maesa, Alexianus und die anderen die Bereiche der Stadt, die am stärksten vom Rauch betroffen waren. Sie hielten sich in der Nähe des Hafens, schlugen jedoch einen Bogen um alle weiteren Stadttore, um den Kontrollen aus dem Weg zu gehen. Bei einem Brand war es immer gut, Wasser in der Nähe zu haben, und sei es nur, um Tücher oder Schwämme zu befeuchten, mit denen man beim Atmen das Gesicht bedecken konnte.

Am Tiber wimmelte es von Vigiles, die Wassereimer auf große Karren luden. Sie entdeckten Plautian, der lautstark einen Centurio aufforderte, die Arbeiten zu beschleunigen.

»Was macht ihr hier?«, schnauzte er sie grußlos an. »Ihr solltet zu Hause sein, wo euch die bewaffneten Sklaven beschützen können. In der Stadt herrscht heilloses Chaos.«

»Der Rauch nimmt einem die Luft zum Atmen«, erklärte Alexianus, aber Plautian spürte, dass das nicht der Grund war.

»Es war Julias Idee, stimmt’s?«, fragte er leise und sah zu Septimius’ Frau hinüber, die ihre Arme um die Kinder geschlungen hatte.

Alexianus nickte wortlos.

»Das war Irrsinn«, urteilte Plautian, immer noch flüsternd. »Bei ihr überrascht mich das nicht, aber von dir hätte ich mehr Vernunft erwartet. Septimius wird nicht erfreut sein, wenn er davon erfährt, verlass dich drauf.«

»Du weiß doch, wie Julia ist …«, versuchte Alexianus, sich zu verteidigen.

Und ob Plautian das wusste: klug, dickköpfig und schön. Dass sie klug war, hatte er erst spät bemerkt, Monate nachdem sie seinen Freund Septimius geheiratet hatte. Für die meisten war Julia lediglich die schöne, exotische Gemahlin des Statthalters der wichtigsten Donauprovinz. Plautian jedoch hatte mit der Zeit erkannt, dass sie viel mehr als das war. Aber jetzt hatte sie einen Fehler gemacht, und das kam ihm zugute. Er ging zu ihr.

»Wenn Septimius erfährt, dass du versucht hast, ohne die Erlaubnis des Kaisers Rom zu verlassen, und das mit den Kindern …«

»Die Stadt brennt. Es ist ein Notfall«, verteidigte sie sich.

Plautian war es nicht gewohnt, dass man ihm ins Wort fiel. Er überlegte, was er darauf erwidern sollte. Julia nutzte diesen kurzen Augenblick des Zögerns, um ihrerseits zum Angriff überzugehen.

»Willst du meinem Mann etwa erzählen, was ich heute getan habe?«

Plautian trat noch näher. Der kleine Bassianus und sein Bruder Geta spürten, wie die Hände ihrer Mutter schweißnass wurden.

»Vielleicht sollte Septimius wissen, dass seine Frau derart unvernünftig ist, dass sie sogar ihre Kinder in Gefahr bringt.«

Bassianus sah zu seiner Mutter und dann zu Plautian. Er wollte verstehen, worum es ging, aber das hier waren Erwachsenendinge. Meinungsverschiedenheiten aus Gründen, die er nicht verstand. Seine Mutter war vor dem Feuer geflohen, und das erschien dem Jungen eine gute Idee.

»Mein Mann weiß genau, wen er geheiratet hat. Es war seine freie Entscheidung, erinnerst du dich?«, entgegnete Julia, ohne einen Schritt zurückzuweichen. Maesa hingegen war mit der immer noch weinenden Sohaemias auf dem Arm zurückgetreten.

»Du weißt genau, dass die Frauen und Kinder sämtlicher Statthalter, denen Legionen unterstehen, Rom nicht verlassen dürfen. So will sich Kaiser Commodus ihrer Loyalität versichern«, sagte Plautian. »Dich hat er dabei besonders im Visier. Der wachsame Blick des Kaisers ruht stets auf dir und allen, die dich umgeben«, fuhr Plautian fort und fasste damit in Worte, was Julia, Maesa, Alexianus und alle römischen Patrizier wussten, aber fast niemand auszusprechen wagte. »Wenn die Wachen herausfinden, dass du versucht hast, mit deinen Söhnen aus der Stadt zu fliehen, wird Septimius binnen Stunden als Statthalter von Pannonien abgesetzt. Und ich weiß nicht, was dann aus dir, den Kindern und uns allen würde. Wieder einmal bringt dein unüberlegtes Handeln uns alle in Gefahr. Eines Tages wird es uns das Leben kosten.«

Julia dachte über eine Antwort nach. Insbesondere wegen dem »wieder einmal«. Sie hatte noch nie etwas getan, was Kaiser Commodus gegen ihren Mann hätte verwenden können. Dieses »wieder einmal« war unbegründet, einzig und allein aus den Ängsten Plautians geboren. Er war ein enger Freund ihres Mannes, aber immer darauf bedacht, sie in der Familie zu diskreditieren. Plautian hatte beobachtet, wie sein Einfluss auf Septimius schwand, je größer dessen Liebe zu Julia wurde. Daher der Argwohn, den er gegen sie hegte. Das hatte Julia gut erkannt. Sie runzelte die Stirn. War es nur Eifersucht? Oder hatte Plautians Missgunst eine noch dunklere Seite?

Doch letztendlich schwieg Julia. Es stimmte: Sie hatte einen Fehler begangen, auch wenn dieser in ihren Augen nicht so folgenschwer war. Schließlich hatte man sie an der Porta Trigemina nicht erkannt. Sie hatte gehofft, dass sie in der allgemeinen Konfusion aus der Stadt entkommen könnten. Natürlich wäre sie danach nicht zu ihrem Ehemann gereist, denn das wäre ihr Todesurteil gewesen. Und vielleicht hätte sie tatsächlich ihre ganze Familie in Gefahr gebracht, wie Plautian behauptete.

Aber das Feuer hatte den kaiserlichen Palast eingeschlossen. War der Kaiser in Sicherheit? Oder war Commodus in dieser Nacht ums Leben gekommen? In dem Fall wäre Julia so lange gelaufen, bis sie wieder mit ihrem Mann vereint war. Doch falls der Kaiser bei bester Gesundheit war, hätte sie weiterhin klar und deutlich ihre Loyalität und Unterwürfigkeit gezeigt. Sie war nicht verrückt, und sie handelte auch nicht unüberlegt. Im Gegenteil, sie hatte alles ganz genau durchdacht. Aber was brachte es, Plautian das zu erklären?

Julia machte kehrt und zog die Kinder in Richtung ihres Hauses. Sie hatte es versucht, und es war schiefgegangen. Aber es war nichts verloren. Bei der nächsten Gelegenheit, die sich bot, würde sie es erneut versuchen. Es gefiel ihr nicht, eine Geisel des Kaisers zu sein.

Mehrere Karren, beladen mit Hunderten von Eimern und einigen Pumpen, holperten an ihr vorbei. Der Kampf gegen das Feuer ging weiter.

Aus den flackernden Schatten der Straße heraus beobachtete ein Prätorianer, wie Julia Domna und ihre Familie in der Residenz des Statthalters von Oberpannonien verschwanden. Als sich die Tore schlossen, machte er auf dem Absatz kehrt und eilte davon, um seine Vorgesetzten an der Porta Trigemina zu informieren. Sie würden entscheiden, was sie mit dieser Information anfingen.

III Die Asche von Rom

Marcellustheater, Rom Anfang des Jahres 192 n. Chr.

Senator Pertinax betrat in Begleitung seines Sohnes Helvius sowie weiterer Senatoren das große Marcellustheater. Der Kaiser hatte sie alle in das gewaltige Bauwerk einbestellt, was sehr ungewöhnlich war. Pertinax sah sich nach dem alten Claudius Pompeianus um, entdeckte ihn aber nirgendwo. An seiner Statt war sein Sohn Aurelius Pompeianus gekommen. Dieser bestätigte ihm, dass sein Vater erneut seine schlechte Gesundheit ins Feld geführt hatte, um nicht an der Senatsversammlung teilnehmen zu müssen.

Vor einiger Zeit war Claudius Pompeianus der Beteiligung an einer Verschwörung gegen Commodus bezichtigt worden. Seine Frau Lucilla, eine Schwester des Kaisers, hatte sie angeführt. Am Ende wurde er freigesprochen, denn Commodus hatte nicht vergessen, dass der alte Senator die kaiserliche Toga zurückgewiesen hatte, als Mark Aurel ihm diese angetragen hatte. Die Geste bewies Commodus, einem Sohn Mark Aurels, dass er dem Senator weiterhin vertrauen und von seiner Unschuld ausgehen konnte. Seither hielt Pompeianus sich vom politischen Leben fern. Sein Fehlen war das einzige, das Commodus akzeptierte, wenn er den Senat einberief.

Neben Pompeianus’ Sohn entdeckte Pertinax auch seinen Schwiegervater Titus Flavius Sulpicianus sowie dessen Sohn.

»Weshalb hat er uns hierher bestellt?«, fragte Sulpicianus.

»Er will uns alle versammelt sehen«, antwortete Pertinax, während sie die Ränge des Theaters entlanggingen. »In die Curia am alten Forum würden nicht alle Senatoren hineinpassen. Das Theater des Pompeius behagt Commodus nicht, wie allen Kaisern. Dort wurde schließlich Julius Caesar ermordet. Deshalb hat er sich für diesen Ort entschieden, auch wenn der Bau ein bisschen groß für uns ist. Wir sind siebenhundert Senatoren, und die Ränge des Marcellustheaters bieten Platz für mehr als zehntausend …«

Pertinax beendete den Satz nicht. Als sie den vorderen Bereich des Zuschauerraums betraten, stockte ihnen der Atem: Anders, als Pertinax es sich vorgestellt hatte, waren die Ränge des Marcellustheaters voll besetzt. Der untere Bereich war für die Senatoren reserviert und bereits gut besetzt, wobei die anderen Senatoren genauso überrascht waren wie sie, denn die mittleren Ränge waren keineswegs leer, sondern summten von Tausenden Soldaten der Prätorianergarde. Auch im Bereich ganz oben befanden sich zahlreiche Personen: Vertreter der örtlichen Magistratur, Ritter, angesehene Händler … Jeder, der in Rom Rang und Namen hatte, war an diesem Morgen anwesend, und sie alle wurden von nahezu der gesamten Prätorianergarde bewacht.

»Dein Vater wird heute etwas Großes verpassen, Aurelius«, stellte Pertinax fest. »Aber womöglich war er der Klügste von uns allen. Und der Glücklichste.«

Der junge Aurelius Pompeianus nickte, immer noch staunend. Pertinax, sein Sohn Helvius, Sulpicianus und dessen Sohn Titus nahmen Platz. Auch der alte Cassius Dio gesellte sich zu ihnen. Nach und nach trafen die übrigen Senatoren ein.

Als die Ränge vollständig gefüllt waren, bliesen die Hornbläser aus Leibeskräften in ihre Instrumente, um die Ankunft des Kaisers anzukündigen.

Die Prätorianergarde erhob sich, und die Senatoren und das Publikum auf den oberen Rängen taten es den Soldaten gleich – aus Respekt, aus Vorsicht und für alle Fälle.

Commodus erschien zu Pferde, der purpurrote kaiserliche Umhang bedeckte die Flanken des Tiers. Der Kaiser ritt durch das Halbrund und dann eine große hölzerne Rampe hinauf, die man errichtet hatte, damit das Tier ohne auszurutschen die Tribüne erreichen konnte. Die goldenen Hufeisen, mit denen das Pferd beschlagen war, blitzten in der Sonne.

»Das ist eines der Pferde der grünen Quadriga, die fast jedes Wagenrennen im Circus Maximus gewinnt«, bemerkte der junge Titus. In seiner Stimme schwang angesichts des theatralischen Auftritts eine Mischung aus Angst, Bewunderung und Verachtung mit.

»Ja«, pflichtete Pertinax ihm bei, der wie alle anderen bereits an Commodus’ exzentrisches Gebaren gewöhnt war.

Dieser Auftritt allerdings war derart überzogen, dass er lachhaft gewesen wäre, hätte ihnen nicht die Angst die Kehle zugeschnürt. Was führte der unberechenbare Kaiser mit dieser sonderbaren Versammlung im Schilde, zu der er neben dem Senat alle Mitglieder des Magistrats und sämtliche einflussreichen Männer Roms berufen hatte? Am meisten beunruhigte Pertinax jedoch, dass sich hinter ihm fünftausend bis an die Zähne bewaffnete Prätorianer befanden. Er wandte sich an Cassius Dio.

»Was hältst du von der ganzen Sache, mein Freund?«

»Ich denke an Caligula, der gesagt haben soll, dass er froh wäre, wenn der Senat einen einzigen Hals hätte, damit er alle Senatoren auf einen Streich erledigen könne«, antwortete Cassius Dio leise. »Und nun steht die gesamte Prätorianergarde hinter uns. Sie haben mehr Schwerter, als wir Hälse haben. Das denke ich.«

Pertinax nickte. Diese Einschätzung bestätigte seine schlimmsten Befürchtungen.

Die Trompeten erschallten erneut, während der Kaiser vom Pferd stieg und auf dem großen Thron der Herrscherloge Platz nahm. Der ehrwürdige Commodus bedeutete den Anwesenden mit einer Handbewegung, sich zu setzen. Die Senatoren nahmen auf den Rängen Platz, während die Prätorianer stehen blieben. Auch die Gäste auf den obersten Rängen blieben stehen, um besser sehen zu können. Zudem war unklar, ob die Geste des Kaisers auch ihnen gegolten hatte. Und wenn man sich nicht sicher war, war es bei Commodus immer besser, nichts zu tun. Selbst nicht zu atmen war zuweilen eine gute Idee.

Normalerweise wurde der Kaiser bei einer Senatssitzung von den amtierenden Konsuln flankiert, aber es war kaum noch nachzuvollziehen, wer gerade Konsul war. Commodus nutzte den Handel mit dem Posten des Konsuls als zusätzliche Einkommensquelle für seine Schatullen, um seine kostspieligen Spiele zu finanzieren, seien es Gladiatorenkämpfe, extravagante Jagden oder spektakuläre Wagenrennen. Zu Zeiten des zwielichtigen Prätorianerpräfekten Cleander hatte Commodus den Posten des Konsuls bis zu fünfundzwanzigmal meistbietend verkaufen lassen.

An diesem Morgen jedoch stand nur ein Mann neben dem gewaltigen Thron des Augustus: Quintus Aemilius Laetus.

Commodus wandte sich weder an die Senatoren noch an die übrigen Anwesenden. Er sah lediglich zu Quintus Aemilius und sagte dann ein einziges Wort: »Beginne.«

Es klang wie ein Urteil.

Pertinax und die übrigen Senatoren sahen sich in Panik um. Ihre Blicke richteten sich auf die mittleren Ränge, dorthin, wo sich die bewaffneten Prätorianer befanden. Doch keiner der Soldaten rührte sich oder machte Anstalten, sein Schwert zu ziehen. Die Senatoren blickten wieder zur Kaiserloge. Quintus Aemilius trat einige Schritte vor, entrollte ein Papyrus und begann, seinen Inhalt zu verlesen.

»Der Imperator Caesar Augustus Commodus hat dem Senat, den Vertretern des römischen Volkes und der kaiserlichen Garde etwas Wichtiges zu verkünden. Zunächst erklärt der Imperator Caesar Augustus, dass die schreckliche Feuersbrunst, die unsere geliebte Stadt vor einigen Wochen heimsuchte, kein Fluch war, sondern ein Zeichen der Götter an ihren Stellvertreter hier auf Erden, Kaiser Commodus, in dessen Gestalt Herkules zu uns Sterblichen wiedergekehrt ist. Sie war ein Zeichen, das uns den neuen Weg weist, den Rom nun einschlagen soll. Ein neues Rom wird aus der Asche dieses Brandopfers erstehen, das unser Leben in ein Vorher und Nachher scheidet. Der Brand war ein reinigendes Feuer, um die Stadt von ihrer todbringenden Vergangenheit zu säubern und sie einer Zukunft auf dem göttlichen Olymp entgegenzuführen. Doch für diese Wiedergeburt muss die Stadt sich verändern. Sie muss in anderer Form wiedererstehen, als sie es vor den zehrenden Flammen war. Die erste Verkündigung lautet, dass die Stadt Rom nicht länger unter ihrem alten Namen in der Welt bekannt sein soll, sondern unter dem Namen des großen göttlichen Führers, der sie in ihrer neuen Gestalt regiert. Von nun an soll Rom den Namen Colonia Commodiana tragen.«

Quintus Aemilius hielt kurz inne. Dann fuhr er sich mit dem Handrücken übers Kinn. Er hatte noch viel zu verlesen. Der Papyrus war lang.

Die Senatoren wollten aufbegehren, aber niemand wagte es, auch nur ein Wort zu sagen.

Der Prätorianerpräfekt fuhr fort: »Eine neue Stadt und eine neue Ära benötigen auch eine neue Zeitrechnung. Von nun an werden die Monate nicht länger so heißen wie bisher, sondern jeweils einen der zwölf Namen unseres gottgleichen Kaisers tragen: Amazonius, Invictus, Felix, Pius, Lucius, Aelius, Aurelius, Commodus, Augustus, Herculeus, Romanus, Exsuperatorius.«

An dieser Stelle war erstes Murren zu vernehmen. Pertinax wandte sich zu Cassius Dio um.

»Genau wie Domitian. Auch er benannte seinerzeit die Monate um.«

»Aber er änderte nur einige wenige«, antwortete Cassius Dio leise. »Commodus will alle umbenennen mit Ausnahme des Augusts. Und damit nicht genug, gibt er auch der Stadt einen neuen Namen.«

Kaiser Domitian war am Ende von mehreren Gladiatoren getötet worden. War das der Grund, warum Commodus in den vergangenen Jahren Dutzende, ja Hunderte von Gladiatoren hatte ermorden lassen? Vielleicht war er gar nicht so verrückt, wie alle glaubten, und der scheinbare Irrsinn, Gladiatorenkämpfer töten zu lassen, war nichts anderes als weise Voraussicht.

Quintus Aemilius verlas weiter: »Gleich morgen wird die große Nero-Statue vor dem Amphitheatrum Flavium enthauptet werden und der Kopf durch jenen unseres geliebten göttlichen Kaisers Commodus ersetzt, dem wir so viel zu verdanken haben. Zu Füßen der Statue soll ein Löwe ruhen, um daran zu erinnern, dass der göttliche Commodus ein neuer römischer Herkules ist, ein Führer in unserer Verwirrung und mächtiger Vertreter unserer Bedürfnisse.«

Damit war die Verkündung beendet. Quintus Aemilius atmete tief ein und wieder aus, rollte den Papyrus zusammen und trat ein paar Schritte zurück.

»Die Versammlung ist beendet!«, rief er.

Und so war es. Es gab keine Abstimmung, keinen Wortwechsel und keine Debatte. Commodus erhob sich mit einem zufriedenen Lächeln und trat zu seinem Prätorianerpräfekten, der reglos in der Mitte der Loge stand.

»Du hast gut gelesen, aber ohne Überzeugung«, raunte er ihm zu. »Ich will mehr Nachdruck in deiner Stimme, wenn du so wichtige Entscheidungen verkündest. Verstanden?«

»Ja, Augustus.«

»Enttäusche mich nicht«, schloss Commodus mit missbilligender Miene, in der die versteckte Botschaft einer weiteren Drohung zu liegen schien.

Quintus Aemilius entging dies nicht. Es war bereits das zweite Mal, dass der Kaiser sich in diesem verächtlichen, tadelnden Ton an ihn wandte. Er presste die Lippen aufeinander und beobachtete schweigend, wie Commodus wieder sein stattliches Pferd bestieg. Gefolgt von einer großen Abordnung von Prätorianern, ritt er von der Tribüne. Quintus Aemilius blieb zurück, als wollte er darüber wachen, dass alle geordnet das Theater verließen und niemand es wagte, Protest gegen die verkündeten Beschlüsse zu äußern.

Tatsächlich strömten alle gehorsam aus dem Theater. Eine Gruppe von Senatoren unterhielt sich flüsternd miteinander.

»Wir müssen mit Quintus Aemilius sprechen«, sagte Pertinax.

»Ich werde das nicht tun«, entgegnete Cassius Dio, wie immer äußerst vorsichtig, erst recht in diesen Zeiten, da Commodus in seinem Wahnsinn ebenso unvorhersehbar wie unberechenbar war. »Aber wenn du willst: Da steht er. Wir kommen an ihm vorbei, wenn wir zum Ausgang gehen. Ich weiß nur nicht, was du ihm sagen könntest, um ihn zum Umdenken zu bewegen.«

»Ich habe da eine Idee«, erklärte Pertinax. Er gab seinem Sohn Helvius ein Zeichen, mit den anderen zu gehen, dann machte er sich auf den Weg zur Kaiserloge.

Quintus Aemilius sah, wie sich ein älterer Senator der Loge näherte. Er kannte ihn gut. Der alte Pertinax, Sohn eines Freigelassenen, hatte die Senatorenwürde erhalten, nachdem er sich auf zahlreichen Schlachtfeldern von Britannien bis Syrien bewährt hatte. Auch bei Mark Aurels blutigen Feldzügen gegen die Markomannen war er dabei gewesen. Es war also nicht irgendein reicher Emporkömmling, der da mit ihm reden wollte, sondern ein Mann, der durch Kampfesmut sein Schicksal geschmiedet hatte. Das respektierte Quintus Aemilius. Als er sah, dass Pertinax wartete, bis alle gegangen waren, um fernab von neugierigen Augen und Ohren sprechen zu können, blieb der Präfekt ebenfalls schweigend stehen.

»Ich sehe, dass du mir etwas sagen willst«, sagte Quintus Aemilius schließlich. »Aber wäge deine Worte gut ab. Der Kaiser misstraut allen und jedem, und mein Auftrag ist es, ihn vor möglichen Umstürzen zu warnen, sei es von Seiten der Statthalter in den Grenzregionen oder von Seiten des Senats.«

Pertinax nickte. Er blickte sich um, aber niemand war zu sehen.

»Ich danke dir, dass du mich anhörst. Danke auch für die Warnung. Doch du wirst mir zustimmen, wenn ich sage, dass die Entscheidungen des Kaisers zunehmend … wie soll ich sagen …« Pertinax suchte nach einem Wort, das weder als Anklage noch als Kritik gewertet werden konnte. »Nun ja, die Entscheidungen des Kaisers werden zunehmend unerwartet. Man weiß nie, was am nächsten Tag passiert.«

»Das stimmt«, gab Quintus Aemilius zu und blickte sich ebenfalls um. »Aber ich weiß nicht, worauf du hinauswillst.«

Pertinax atmete tief durch, bevor er sagte, was er zu sagen hatte. Aber irgendjemand musste etwas unternehmen, und Quintus Aemilius war in der besten Position, um Schlimmeres zu verhindern.

»Vir eminentissimus.« Diesmal verwendete Pertinax die respektvolle Anredeformel, die Quintus Aemilius als Prätorianerpräfekt zustand. »Du hast mich gewarnt. Ich erkenne darin die gute Absicht und will sie dir in gleicher Münze vergelten. Ich sehe mich in der Pflicht, dich ebenfalls zu warnen und dir zu erklären, was geschehen ist.«

»Was geschehen ist? Dass der Kaiser die Namen der Stadt und der Monate geändert hat? Ich sehe darin kein allzu großes Problem.«

Pertinax schüttelte den Kopf. »Meinetwegen kann er Rom und die Monate nennen, wie er will. Aber heute ist es das und morgen etwas anderes. Solange wir uns mit dergleichen Nichtigkeiten beschäftigen, sehen wir das Entscheidende nicht. Du selbst erkennst das Entscheidende nicht, was deine Position betrifft.«

»Und was ist das Entscheidende für mich?«, fragte Quintus Aemilius.

»Rufus, Quartus, Regillus, Motilenus, Gratus, Perennus, Aebutianus, Cleander …«

Pertinax zählte eine ganze Reihe von Prätorianerpräfekten auf, die Quintus in den letzten Jahren auf diesem Posten vorausgegangen waren. »Verzeih, wenn ich sie nicht in chronologischer Reihenfolge nenne, aber du musst zugeben, dass es schwierig ist, sich an die Namen aller Präfekten zu erinnern, die in Ungnade gefallen sind. Sie alle sind aus dem öffentlichen Leben verschwunden oder tot, hingerichtet auf Befehl des Kaisers. Muss ich mehr sagen?«

Pertinax wandte sich zum Gehen.

»Was du da gerade gesagt hast … Was du mir da vorschlägst, ist Verrat«, entfuhr es Quintus Aemilius.

Der Senator blieb stehen. »Ich bin sechsundsechzig Jahre alt, Quintus, und am Ende meines Lebens angelangt. Aber du bist noch jung.«

Er ging davon und ließ einen nachdenklichen, bedrückten Prätorianerpräfekten in der Loge des leeren Theaters zurück.

IV Das Amphitheater der Welt

Amphitheatrum Flavium, Rom Im Sommer des Jahres 192 n. Chr.

Sie gingen an der Kolossalstatue vorbei, die gleich neben dem Amphitheatrum Flavium stand. Die neue Inschrift befand sich bereits auf dem Sockel, und Commodus’ Kopf saß riesenhaft auf dem zyklopenhaften Körper. Julia hatte Bassianus und Geta dabei und war von einer Gruppe kräftiger Sklaven umgeben, die sich bemühten, ihr einen Weg durch die Menge zu bahnen. Schließlich erreichten sie einen der über siebzig Eingänge, die ins Innere des gewaltigen Ovals führten. Calidius zeigte das Täfelchen vor, auf dem die Plätze vermerkt waren, von denen aus Julia und ihre Söhne das Schauspiel verfolgen würden. Die Freigelassenen, die den Eingang kontrollierten, nickten, und die kleine Gruppe betrat das Amphitheater durch ein Spalier bewaffneter Prätorianer. Dann begann der lange Aufstieg durch das Gängesystem, das die fünfzigtausend Zuschauer auf die verschiedenen Tribünen des gewaltigen Bauwerks aus Stein, Ziegel und Marmor verteilte.

Julia war zwar mit einem Senator verheiratet, und den Senatoren war die gesamte untere Tribüne gleich an der Arena vorbehalten, aber als Frau musste sie weiter nach oben gehen. Nur die Frauen der kaiserlichen Familie durften die Spiele aus nächster Nähe betrachten und gemeinsam mit dem Kaiser in der eindrucksvollen Herrscherloge Platz nehmen. Ebenso die Vestalinnen, die Priesterinnen des Vestatempels, denen neben einem privilegierten Platz an der Arena auch ein eigener Eingang vorbehalten war. Alle anderen Frauen – ganz gleich, ob sie mit Senatoren, hohen Beamten, Rittern oder reichen Händlern verheiratet waren – mussten über die Treppen nach oben steigen.

Auf der zweiten Ebene trafen Julia und ihr Gefolge auf zahlreiche Equites, die Ritter, deren Stand auf die Patrizier und Senatoren folgte und die sich die Ränge mit den hohen Staatsbeamten teilten. Dann folgten die dritte und vierte Ebene, wo Angehörige der Bürgerschaft je nach ihrem wirtschaftlichen und politischen Einfluss auf nummerierten und mit Linien abgetrennten Sitzen Platz nahmen. Sämtliche Ränge waren mit Marmor verkleidet.

Und überall verteilten sich Hunderte von Prätorianern.

Commodus wollte alles unter absoluter Kontrolle haben. Die Soldaten waren überall, den Blick fest auf die Menge gerichtet und zum Töten entschlossen, falls der Kaiser es befahl.

»Los, los!«, sagte Julia zu den Kindern, die vom Anblick der vielen Prätorianer beeindruckt waren.

Für die Kleinen, die brav neben ihrer Mutter herliefen, war es der erste Besuch im größten Amphitheater der Welt. Sie waren aufgeregt, denn es war nicht üblich, dass so kleine Kinder an Spielen teilnahmen. Aber es stand nirgendwo geschrieben, wie alt man mindestens sein musste, um sich Gladiatorenkämpfe oder eine Hetzjagd mit wilden Tieren anzusehen, wie sie für den heutigen Tag angekündigt war.

»Du solltest die Kinder nicht mitnehmen. Nicht heute«, hatte Maesa ängstlich gefleht, als sie das Haus verließen. Aber Julia ließ sich nicht umstimmen.

»Heute sollte ich mehr denn je im Amphitheater sein, und die Kinder auch. Wenn der Kaiser sieht, dass wir Angst haben, wird sein Verdacht auf mich und die ganze Familie fallen, und dann ist keiner von uns mehr sicher. Auch die Kinder nicht. Das betrifft auch dich, geliebte Schwester, Alexianus und eure kleine Sohaemias.«

Maesa nickte. »Vielleicht sollten wir auch mitkommen«, schlug sie vor, aber es klang nicht sehr überzeugt.

»Nein«, entschied Julia. »Sohaemias ist noch zu klein, und du bist wieder schwanger. Damit bist du entschuldigt. Außerdem ist meine Anwesenheit und die meiner Söhne ein ausreichender Beweis unserer Loyalität dem Kaiser gegenüber. Ich bedaure lediglich, dass du nicht an meiner Seite bist, um ein wenig den Blicken und Bemerkungen dieser Harpyien zu entgehen.«

Die Empörung ihrer Schwester entlockte Maesa ein Lächeln. »Sprichst du von Salinatrix und Merulla?«, fragte sie.

Die Ehefrauen der Statthalter von Britannien und Syrien, Clodius Albinus und Pescennius Niger, schauten genau wie andere Senatorenfrauen auf Julia und ihre Schwester herab, weil sie im Orient geboren und damit in ihren Augen keine Römerinnen, sondern Fremde waren.

»Salinatrix ist die Schlimmste«, zischte Julia. »Sie ist eine falsche Schlange. Wenn sie sich auf die Zunge bisse, würde sie sich mit ihrem eigenen Gift vergiften. Aber egal. Ich werde auf jeden Fall hingehen.«

Und damit war das Gespräch beendet.

Julia und die Jungen erreichten das fünfte Stockwerk des Amphitheaters. Auch der Zugang zum obersten Rang wurde von Prätorianern bewacht. Es waren die Plätze, die am weitesten von der Arena entfernt waren, aber auch die einzigen, die von einem festen Dach geschützt waren, das eine lange Säulenreihe stützte. So waren die Frauen besser vor der Sonne und der Witterung geschützt als die übrigen Besucher, die darauf angewiesen waren, dass das große Sonnensegel zwischen den zweihundertfünfzig Masten aufgespannt wurde. An diesem Tag blieb es jedoch eingerollt.

Calidius blieb mit den übrigen Sklaven im Gang stehen. Der Zutritt zu den Rängen war ihnen nicht gestattet.

Julia atmete tief durch, nahm ihre beiden Söhne an die Hand und ging an den Soldaten vorbei. Sofort trafen sie die durchdringenden, abschätzigen Blicke der Senatorenfrauen. Das einzig Gute daran, dass ihr alle aus dem Weg gingen, war, dass sie schneller an den ihr zugewiesenen Platz gelangte.

»Wovor müssen wir Angst haben?«, fragte Bassianus leise.

Der Junge hatte das Gespräch zwischen seiner Mutter und seiner Tante Maesa beim Verlassen des Hauses noch lebhaft im Ohr. Doch er begriff nicht, wovor die beiden Angst hatten. Soweit er verstanden hatte, fürchteten sie, dass hier, im Amphitheatrum Flavium, etwas passieren könnte. Er schaute nach unten in die Arena. Dort würden die wilden Tiere herauskommen, hatte man ihm erzählt. Aber sie waren weit weg. Bei so viel Abstand konnte nichts Schlimmes geschehen.

Seine Mutter antwortete nicht. Sie drückte nur fest seine Hand, was der Junge als Zeichen interpretierte, lieber still zu sein.

Untergeschoss des Amphitheatrum Flavium, Rom

Kaiser Commodus eilte durch den langen Tunnel, der die Gladiatorenschule mit Roms größtem Amphitheater verband. Der Kommandant der Prätorianer folgte ihm, achtete jedoch darauf, niemals mit Commodus gleichauf zu sein, was der Augustus als mangelnden Respekt interpretiert hätte. Von dort bis zum sicheren Tod war es nur ein kleiner Schritt, den Quintus Aemilius nicht riskieren wollte.

Die kaiserliche Familie hatte einen eigenen Zugang zum Amphitheater, doch Commodus betrat das gewaltige Oval lieber durch das Tor der Gladiatoren. Alles, was mit den Spielen und Kämpfen dieser Männer zu tun hatte, bereitete ihm großes Vergnügen. Oft trat er selbst gegen Gladiatoren an, wobei die Kämpfe stets so ausgelegt waren, dass der Kaiser im Vorteil war. Für diesen Tag hatte er nach der morgendlichen Hetzjagd ein besonderes Spektakel vorbereitet.

Aber alles zu seiner Zeit.

Seine Leidenschaft für die Gladiatorenspiele hatte Gerüchte genährt, dass der Kaiser einer unehelichen Beziehung Faustinas, der Gemahlin Mark Aurels, mit einem schönen Gladiator entstamme. Falls das eine Unwahrheit war, hatte Commodus nichts unternommen, um dagegen vorzugehen.

Sie erreichten das unterirdische Labyrinth, das sich unter der Arena befand. Commodus bewegte sich zielstrebig durch die Gänge; zum einen kannte er diese Tunnel besser als jeder andere, zum anderen war der Weg zur kaiserlichen Loge leicht auszumachen. Er musste nur die lange Reihe von Prätorianern entlangschreiten, die ein schier endloses Spalier bildeten.

Abrupt hielt der Kaiser inne, und seine Miene wurde sehr ernst. Quintus Aemilius blieb ebenfalls stehen, genau wie die Prätorianer, die ihm folgten.

»Hast du es erledigt?«, erkundigte sich Commodus.

»Ja, Augustus«, antwortete der Präfekt.

»Dann zerbrechen sich also alle den Kopf darüber, was ich heute vorhabe?«, fragte Commodus und gewann sein verschlagenes Lächeln zurück.

»So ist es, Augustus. In der Stadt spricht man über nichts anderes«, bestätigte Quintus Aemilius.

»Beim Herkules! Das ist wunderbar!«

Commodus setzte sich wieder in Bewegung, und mit ihm sein Gefolge. Aber der Herrscher von Rom hatte noch eine Frage. Diesmal allerdings blieb er nicht stehen, ja, er drehte sich nicht einmal um.

»Und hast du die Liste?«

Quintus Aemilius hielt einen kleinen, gefalteten Papyrus umklammert, den er mit der linken Hand an den Körper presste. Die Rechte ruhte auf dem Knauf seines Schwerts, wie immer, wenn er den Kaiser eskortierte. Er schluckte, bevor er antwortete.

»Ja, Augustus.«

Fünfte Ebene des Amphitheatrum Flavium, Rom

Julia nahm mit den Kindern die ihnen zugewiesenen Plätze ein. Neugierig betrachtete sie die auffällig rote Fahne, die an der Säule neben ihnen hing. Sie fragte sich gerade, was sie zu bedeuten hatte, als ihr Sohn sie mit einer drängenden Frage aus ihren Gedanken riss.

»Warum starren uns alle so an?«

Der erst dreijährige Geta hatte nur Augen für die Arena, aber Bassianus war sensibler für seine Umgebung und hatte die abschätzigen Blicke bemerkt, mit denen viele der Frauen sie musterten.

Julia drehte sich um und blickte in dieselbe Richtung wie ihr Sohn. Die merkwürdige rote Fahne neben ihr war vergessen, als sie die hochmütigen Blicke von Manlia Scantilla, Ehefrau des Senators Didius Julianus, bemerkte, von Merulla, Ehefrau von Pescennius Niger, und von Salinatrix, Ehefrau von Clodius Albinus.

Aus Vorsicht hatte Bassianus seine Frage leise gestellt, und seine Mutter antwortete genauso leise.

»Sie verachten uns. Vor allem mich.«

Bassianus war verwirrt. Seine Mutter war sehr hübsch, und sie war mit Septimius Severus verheiratet, dem mächtigen Statthalter von Oberpannonien. Womöglich besaß sein Vater nicht so viel Geld wie Didius Julianus, von dem es hieß, er sei nach dem Kaiser der reichste Mann im ganzen Imperium, aber als Statthalter von Oberpannonien befehligte er drei Legionen, genau wie Pescennius Niger oder Clodius Albinus. Mit anderen Worten, er war ihnen ebenbürtig.

»Das verstehe ich nicht, Mama.«

Julia antwortete nicht gleich. Doch ihr Sohn sollte wissen, wie es im Leben wirklich zuging, auch wenn er noch klein war.

»Es ist, weil ich keine gebürtige Römerin bin, sondern Syrerin. Ich stamme aus dem Orient, und in Rom hat man immer schon Frauen misstraut, die von weither kamen. Die Menschen hier denken, dass wir alle wie Kleopatra sind, die Geliebte von Julius Caesar und Marcus Antonius, oder wie Berenike, die Geliebte von Kaiser Titus.«

»Ich finde es nicht richtig, dass sie dich so ansehen, Mama«, beklagte sich der Junge mürrisch, während er ein wenig bedrückt zu Boden starrte.

Seine Mutter bückte sich und hob mit den Fingerspitzen sanft sein Kinn an, damit der Junge ihr in die Augen sah.

»Sie haben Angst, weil wir die Nachfahren einer langen Herrscherdynastie sind, die über Jahrhunderte hinweg in meiner Heimatstadt Emesa regierte. Seit der Zeit von Sampsigeramos, der ein ergebener Freund des Römers Pompeius Magnus war. Dann kam Iamblichos, der die Wertschätzung des göttlichen Julius Caesar zu gewinnen wusste. Darauf folgten Iamblichos II. und Sampsigeramos II. Und nach ihm kam …« Julia wartete, dass ihr Sohn den Satz vervollständigte.

»Sohaemus, der zu Zeiten von Claudius, Nero und Vespasian über Emesa herrschte. Er war der letzte König von Emesa. Ihm zu Ehren trägt meine kleine Cousine den Namen Sohaemias.«