Rom sei verflucht - Santiago Posteguillo - E-Book

Rom sei verflucht E-Book

Santiago Posteguillo

0,0
19,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

»Rom verlangt alles, mein Sohn.« Mare Internum, 75 v. Chr. Auf einem Handelsschiff blickt Julius Cäsar der Insel Rhodos entgegen. Von seinen Feinden ins Exil getrieben, will er bei Apollonius Melon, dem bedeutendsten Rhetroriklehrer der Zeit, seine Redekunst verfeinern, sein nächster Schritt auf dem Weg zur Macht. Für Rom ist er inzwischen eine echte Bedrohung. Wenn auch nicht die einzige: Der Thraker Spartakus wird mit einem Trupp Gladiatoren eine beispiellose Rebellion anführen, die einen der größten Gegenspieler Cäsars noch stärker machen wird: Pompeius, den brillantesten Heerführer der damaligen Zeit … Ein meisterhafter Roman, der uns den Preis der Macht vor Augen führt. Große Schlachten, Piratenüberfälle, Intrigen, Machtkämpfe und Verschwörungen bilden die Kulisse für Posteguillos zweiten Band über Julius Cäsars Leben, der uns den wahren Preis der Macht vor Augen führt: Julius Cäsar muss erfahren, dass Rom ihm alles abverlangt. Sogar sein wertvollstes Gut. Packend, opulent und wahrhaft filmisch erzählt: Posteguillo zeichnet das Porträt des jungen Cäsars so persönlich und unterhaltsam wie nie jemand zuvor. Für alle, die Geschichte nicht nur lesen, sondern wahrhaft miterleben wollen. »Posteguillo ist der Centurio des historischen Romans.« Qué Leer

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 1048

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Über das Buch

Mare Internum, 75 v. Chr.

 

Auf einem Handelsschiff blickt Julius Cäsar der Insel Rhodos entgegen. Von seinen Feinden ins Exil getrieben, ist er auf dem Weg zu Apollonios Molon, dem bedeutendsten Rhetoriklehrer seiner Zeit. Bei ihm will er seine Redekunst verfeinern und sich so für den Einzug in den Senat wappnen, seinen nächsten Schritt auf dem Weg an die Spitze der Republik. Für die Mächtigen in Rom wird der junge, ehrgeizige Patrizier zunehmend zur Bedrohung. Wenn auch nicht die einzige: Schon bald führt ein thrakischer Sklave namens Spartakus mit einem Trupp Gladiatoren eine beispiellose Rebellion an, die einen der größten Kontrahenten Cäsars noch stärker machen wird: den brillanten Heerführer Gnaeus Pompeius Magnus, der über eine unbesiegbare Armee verfügt …

Piratenüberfälle, große Schlachten, Intrigen, Machtkämpfe und Verschwörungen bilden die spannende Kulisse für Posteguillos zweiten Band über Julius Cäsars Leben, der uns den wahren Preis der Macht vor Augen führt: Julius Cäsar muss erfahren, dass Rom ihm alles abverlangt. Sogar sein wertvollstes Gut.

 

Ein Glossar der lateinischen Ausdrücke finden Sie am Ende des Buches.

 

Von Santiago Posteguillo ist bei dtv außerdem erschienen:

Rom bin ich

Santiago Posteguillo

Rom sei verflucht

Roman

Aus dem Spanischen von Lura Haber und Carsten Regling

Für meine Mutter,

requiescat in pace in aeternum

»Der Mensch ist manchmal

seines Schicksals Meister.«

William Shakespeare, ›Julius Cäsar‹

DRAMATIS PERSONAE

Gaius Julius Cäsar: Anwalt, Militärtribun und Senator

 

Julius Cäsars Familie

ACIA: Tochter von Cäsars Schwester Julia der Jüngeren und Marcus Attius Balbus

AURELIA: Julius Cäsars Mutter

CALPURNIA: Cäsars dritte Ehefrau, Tochter von Lucius Calpurnius Piso

CORNELIA: Julius Cäsars erste Ehefrau

AURELIUSCOTTA: Onkel mütterlicherseits von Julius Cäsar

JULIA: Tochter von Julius Cäsar und Cornelia

JULIADIEÄLTERE: Schwester von Julius Cäsar

JULIADIEJÜNGERE: Schwester von Julius Cäsar

POMPEIA: Cäsars zweite Ehefrau, Enkeltochter von Sulla

 

Anführer und Senatoren der Optimaten

BIBULUS (MARCUSCALPURNIUSBIBULUS): Senator, Schwiegersohn von Cato

CATO (MARCUSPORCIUSCATO): Senator, Sohn von Cato dem Älteren, Vertrauter von Cicero, Halbbruder von Servilia Caepionis

CATULUS (QUINTUSLUTATIUSCATULUS): ehemaliger Konsul, bedeutender Senator

CELER (QUINTUSCAECILIUSMETELLUSCELER): Prätor

CICERO (MARCIUSTULLIUSCICERO): Anwalt und Senator, Anführer der Optimaten

GABINIUS (AULUSGABINIUS): Volkstribun, Initiator der Lex Gabinia

LUCIUSCALPURNIUSPISO: Vertrauter von Pompeius, Vater von Calpurnia

MANILIUS (GAIUSMANILIUS): Volkstribun, Initiator der Lex Manilia

METELLUS (QUINTUSCAECILIUSMETELLUSPIUS): ehemaliger Anführer der Optimaten

POMPEIUS (GNAEUSPOMPEIUS): Senator und aufstrebender Anführer der Optimaten

RABIRIUS: Senator, wegen des Todes von Saturninus angeklagt

SILANUS (DECIMUSIUNIUSSILANUS): zweiter Ehemann von Servilia, Stiefvater von Brutus

 

Anführer und Senatoren der Popularen

CRASSUS (MARCUSLICINIUSCRASSUS): erfahrener Senator, reichster Mann Roms

LABIENUS (TITUSLABIENUS): Freund von Julius Cäsar, Militärtribun

SERTORIUS (QUINTUSSERTORIUS): Anführer der Popularen

 

 

Weitere Anführer und Senatoren

AUTRONIUSPAETUS (PUBLIUSAUTRONIUSPAETUS): Senator und Konsul aus dem Kreis um Catilina

CATILINA (LUCIUSSERGIUSCATILINA): Senator, ehemaliger Verbündeter von Sulla

CORNELIUSSULLA (PUBLIUSCORNELIUSSULLA): Neffe des Diktators Sulla, Senator und Konsul aus dem Kreis um Catilina

HYBRIDA (GAIUSSERVILIUSHYBRIDA): ehemaliger Statthalter von Griechenland

ISAURICUS (PUBLIUSSERVILIUSISAURICUS): ehemaliger Konsul, langjähriger konservativer, aber unabhängiger Politiker

LENTULUSSURA (PUBLIUSCORNELIUSLENTULUSSURA): Senator und Konsul, Anhänger von Catilina

MANLIUS (GAIUSMANLIUS): ehemaliger Zenturio von Sulla, Anführer von Catilinas Truppen

 

Militärführer in Hispanien

AFRANIUS (LUCIUSAFRANIUS): Offizier von Pompeius in Valentia

BALBUS (LUCIUSCORNELIUSBALBUS): aus Hispanien stammend, Vermittler während des Bürgerkriegs

GAIUSANTISTIUSVETUS: Proprätor in Hispania ulterior

HERENNIUS: Offizier von Sertorius

HIRTULEIUS: Offizier von Sertorius

MARCUSPERPERNA: Offizier von Sertorius

 

Militärführer in Gallien

AURUNCULEIUSCOTTA (LUCIUSAURUNCULEIUSCOTTA): legatus

DIVICO: Anführer der Helvetier

NAMMEIUS: Vertrauter von Divico

PUBLIUSLICINIUSCRASSUS: Sohn von Crassus und Tertula, Anführer der turmae

SABINUS: legatus

VERUCLOETIUS: Vertrauter von Divico

 

Beteiligte des Sklavenaufstandes

GANNICUS: keltischer Gladiator

CASTUS: keltischer Gladiator

GAIUSCLAUDIUSGLABER: Prätor

CRIXUS: gallischer Gladiator

OENOMAUS: gallischer Gladiator

SPARTACUS: Anführer der Gladiatoren

IDALIA: Sklavin von Batiatus

GNAEUSCORNELIUSLENTULUSBATIATUS: lanista, Gladiatorenmeister der Gladiatorenschule in Capua

 

Personen in Ägypten

ARISTARCHOS: betagter Bibliothekar in Alexandria

ARSINOE: Tochter von Ptolemaios XII., Halbschwester von Kleopatra

BERENIKE: Tochter von Ptolemaios XII., Halbschwester von Kleopatra

KLEOPATRA: Tochter von Ptolemaios XII. und dessen Geliebter Nefertari

PHILOSTRATOS: Tutor von Kleopatra

NEFERTARI: Mutter von Kleopatra

POTHEINOS: Eunuch und wichtigster Berater am Hof von Ptolemaios XII.

PTOLEMAIOSXII.: Pharao, König von Ober- und Unterägypten, Vater von Kleopatra

 

Weitere Personen

APOLLONIOS: griechischer Rhetoriklehrer aus Rhodos

ARTAG: Herrscher des kaukasischen Iberiens

BRUTUS (MARCUSIUNIUSBRUTUS): Neffe von Cato, Sohn von Servilia und ihrem ersten Ehemann Marcus Iunius Brutus

BUREBISTA: dakischer Anführer

CATULL (GAIUSVALERIUSCATULLUS): Dichter

GAIUSVOLCATIUSTULLUS: Zenturio

CLODIUS (PUBLIUSCLODIUSPULCHER): ehemaliger Soldat

DEMETRIUS: Piratenkapitän

PHIDIAS: Arzt der Julischen Familie

PHRAATESIII.: König des Partherreiches

GEMINIUS: Freund von Pompeius und Auftragsmörder in dessen Dienst

HABRA: Sklavin im Julischen Haus

HYRKANOS: König von Judäa

MITHRIDATESVI.: König von Pontos, Erzfeind von Rom im Osten

MUCIATERTIA: dritte Frau von Pompeius

OROEZES: König des kaukasischen Albaniens

SERVILIA: Halbschwester von Cato, Mutter von Brutus, Julius Cäsars Geliebte

 

Des Weiteren: andere Senatoren, Tribune, Sklavinnen, Sklaven, atrienses (Aufseher des Atriums), Legionäre, römische Offiziere, pontische Offiziere, Ärzte, anonyme römische Bürger.

PRINCIPIUM DIE SCHLACHT BEI BIBRACTE

58 v. Chr.

Nahe der Festung von Bibracte, Gallien

Nachhut des römischen Heeres

»Wir müssen uns zurückziehen, Prokonsul!«, schrie der junge Publius Licinius Crassus. »Bei allen Göttern, wir sind umzingelt!«

Cäsar hörte Crassus’ Sohn, und obwohl dieser recht hatte, sträubte sich etwas in ihm, den Rückzugsbefehl zu erteilen. Er hatte zwei Schlachten zu schlagen: die für jeden sichtbare und die, die er in sich heraufziehen spürte. Die ersten Krämpfe kündigten sich an, und er wusste, dass er seinen Körper nur beherrschen konnte, wenn er völlige Ruhe bewahrte, so wie der Arzt es ihm geraten hatte.

Die Schlacht hatte gut begonnen. Die beiden ersten, aus erfahrenen Legionären bestehenden Reihen drängten die Helvetier und deren Verbündete in Richtung des feindlichen Lagers zurück, doch plötzlich waren Truppen anderer Stämme – Boier und Tulinger – herangestürmt und hatten die Legionen auf der rechten Flanke überrannt, um sie einzukesseln, wie der junge Crassus gesagt hatte.

Cäsar sah Titus Labienus den Hügel heraufkommen. Der zweite Befehlshaber brauchte Anweisungen, auf welche Weise sie sich zurückziehen und das Schlachtfeld räumen sollten, das zur tödlichen Falle geworden war.

Crassus trat zur Seite, um Labienus vorbeizulassen. Er hoffte, der erfahrene Legat, der außerdem der beste Freund des Prokonsuls war, könne diesen zur Vernunft bringen.

Auch Labienus hielt einen geordneten Rückzug für die einzig logische Entscheidung, doch er hatte zu viele Jahre an Cäsars Seite verbracht und dabei viele kritische Momente und scheinbar ausweglose Situationen erlebt, um die Pläne seines Freundes infrage zu stellen. Cäsar befahl, und für Labienus kam nichts anderes infrage, als bis zum Ende an seiner Seite zu stehen. Das Problem war, dass dieses Ende, wenn sie sich nicht auf der Stelle zurückzogen, sehr nah war.

»Diese miesen Hunde nehmen uns in die Zange«, sagte Labienus. »Wir müssen uns zurückziehen. Wir können nicht an zwei Fronten gleichzeitig kämpfen.«

Trotz der kritischen Situation gelang es Cäsar, ruhig zu bleiben. Schweigend sah er abwechselnd nach vorne, wo der Großteil der Schlacht tobte, dann wieder zur rechten Flanke. Er verfügte über sechs Legionen: die vier aus Veteranen bestehenden – die VII., VIII., IX. und X. –, die dem Ansturm der Helvetier in der Mitte der Ebene standhielten, und zwei weitere, erst kürzlich rekrutierte, die XI. und die XII., noch ohne jede Kampferfahrung, die er in Reserve hatte. Vielleicht könnte er mit diesen beiden Truppen versuchen, die Boier und Tulinger auf der rechten Seite aufzuhalten. Doch er vertraute ihrer Kampfkraft nicht. Noch nicht. Nicht gegen eine Horde wilder Gallier, denen er seit Tagen zusetzte und die er fast besiegt zu haben glaubte und die jetzt, nachdem sie einen wunden Punkt in seiner Strategie entdeckt hatten, rasend vor Wut zurückschlugen. Gegen so kriegserprobte und hoch motivierte Kelten nähmen sich zwei neu rekrutierte Legionen wie Schafe vor einem Rudel Wölfe aus. Nein, im Moment waren die XI. und XII. nur dazu gut, mehr Stärke vorzutäuschen, als sie tatsächlich besaßen, oder das Gepäck zu bewachen und die Wasserträger zu beschützen, aber nicht dazu, eine Feldschlacht zu führen. Vielleicht später, aber … gäbe es überhaupt ein Später, wenn sie sich nicht auf der Stelle zurückzogen?

Labienus ahnte, was Cäsar durch den Kopf ging.

»Ich glaube nicht, dass die Reservelegionen die Boier und Tulinger aufhalten können.« Er verstummte, um dann erneut einen Rückzug vorzuschlagen.

»Die dritte Reihe der Veteranen ist noch nicht in den Kampf getreten«, brach Cäsar schließlich sein Schweigen.

Labienus und Crassus sahen sich an. Die Legionen kämpften in drei Reihen; die dritte bestand aus den erfahrensten Männern und wurde für den Schluss aufgehoben.

»Ja, sie hat noch nicht gekämpft«, bestätigte Labienus, ohne zu verstehen, worauf sein Freund hinauswollte.

»Und wenn wir, statt uns zurückzuziehen, die erste und zweite Reihe weiter gegen die Helvetier kämpfen lassen, während die dritte die rechte Flanke abdeckt und die Boier und Tulinger aufhält?«, fragte Cäsar.

Crassus hielt das für Wahnsinn.

»Das würde uns zwingen, an zwei Fronten zu kämpfen, ohne dreifache Schlachtreihe«, gab Labienus zu bedenken. »Zwei Reihen gegen die Helvetier und eine einzige gegen die Boier und Tulinger, ohne die Möglichkeit, sie abzulösen.«

»Aber diese eine Reihe besteht aus Veteranen«, merkte Cäsar an. »Sie haben mit mir in Hispanien gekämpft, und ich habe sie zum Sieg geführt. Sie glauben an mich.«

Labienus schwieg lange. Schließlich sagte er mit gerunzelter Stirn, in der Hand das Kurzschwert, an dessen Klinge Blut herunterrann:

»Unsere Legionen haben noch nie an zwei Fronten gleichzeitig gekämpft. Nicht einmal du hast das in Lusitanien getan. In solchen Situationen haben die Befehlshaber immer den Rückzug befohlen.« Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn und betrachtete das Schlachtfeld. »Auch dein Onkel Gaius Marius hat seinerzeit in Aquae Sextiae alles unternommen, um nur eine einzige Front zu haben.« Er holte tief Luft. »Die römischen Legionen haben noch nie an zwei Fronten gleichzeitig gekämpft.«

»Es gibt immer ein erstes Mal«, entgegnete Cäsar.

Crassus wollte etwas sagen, doch Labienus hob die Hand, und der junge Offizier hielt sich zurück.

Cäsar nutzte den Moment, um zu einer leidenschaftlichen Erklärung anzusetzen.

»Die Helvetier und ihre Verbündeten haben neue Kraft geschöpft und kämpfen noch erbitterter, weil sie glauben, dass wir uns nach ihrem Überraschungsangriff auf der rechten Flanke zurückziehen werden. Aber wenn wir das nicht tun, wird sich zeigen, was von ihrer wiedergewonnenen Kampflust übrig bleibt. Wenn wir an zwei Fronten standhalten, werden sie nachlassen, und wir werden siegen.«

Labienus steckte sein Schwert in die Scheide und fasste sich an den Nacken. Crassus starrte kopfschüttelnd zu Boden.

»Bist du an meiner Seite, Titus?«, fragte Cäsar seinen besten Freund, den zweiten Befehlshaber.

Labienus sah ihm fest in die Augen.

»Du bist verrückt.«

Cäsar grinste – sein Freund hatte nicht Nein gesagt.

»Ich und verrückt? Na gut, aber das wusstest du schon lange.«

Labienus ließ ratlos die Arme sinken.

»Wenn die dritte Reihe der Veteranen nicht standhält, werden die Gallier uns abschlachten.«

»Sie werden standhalten«, verkündete Cäsar mit blindem Vertrauen in seine Legionäre, sah zum Schlachtfeld und wiederholte: »Sie werden standhalten. Erst recht, wenn du sie befiehlst, Titus. Nimm alle Männer von der X. mit. Es sind die besten.«

Labienus stand reglos da, den Blick fest auf Cäsar gerichtet. Der nahm das Wort wieder auf.

»Wirst du es schaffen, mit der dritten Reihe der Veteranen die rechte Flanke zu halten, Titus?«

Labienus holte tief Luft, sah zu Boden, stieß einen langen Seufzer aus und antwortete entschieden:

»Wenn du es befiehlst, werde ich standhalten.«

»Auch wenn du glaubst, dass ich falschliege.«

»Auch wenn ich glaube, dass es vernünftig wäre, uns zurückzuziehen«, bekräftigte Labienus. »Ich werde deinen Befehl befolgen, aber wenn sie uns töten, werde ich im Hades auf dich warten, um dir ordentlich den Marsch zu blasen.«

»Wenn sie euch töten, werde ich dir umgehend in die Unterwelt folgen, und dort setzen wir dieses Gespräch fort!«, sagte Cäsar und lachte. Ein lautes Lachen, das die Anspannung löste und gleichzeitig Stärke demonstrierte.

Doch war es die Stärke der Klugheit oder die des Wahnsinns?

»Während du die Boier und Tulinger aufhältst«, kehrte Cäsar zu seinen Anweisungen zurück, »werde ich mit den ersten zwei Reihen die Helvetier zurückdrängen. Der Plan ist gut. Was soll da schiefgehen?«

Labienus nickte und brach wortlos auf, dicht gefolgt von Crassus, um den übrigen Legaten und Militärtribunen die Befehle zu übermitteln.

»Das ist völlig verrückt«, wandte Crassus sich leise an Labienus.

»Ja, das ist es«, stimmte dieser ihm zu, »aber so lautet der Befehl.«

»Wir werden alle vor die Hunde gehen.«

»Da hast du recht«, pflichtete Labienus ihm bei, ohne stehen zu bleiben. »Das werden wir. Oder wie Cäsar vor ein paar Jahren, in Ephesos, einmal sagte: ›Wir gehen alle in den Tod.‹« Er lachte ausgelassen, und Crassus begriff, dass der zweite Befehlshaber der römischen Armee, die es in das Herz Galliens verschlagen hatte, dies ohne zu zögern befolgen würde: Wir gehen alle in den Tod!

Ein Stück entfernt, umgeben von seinen Tribunen, erteilte Cäsar eifrig Befehle, um die Helvetier mit nur zwei Schlachtreihen im Zaum zu halten. Was soll da schiefgehen?, hatte er zu Labienus gesagt. Dann spürte er, wie die Krämpfe zurückkehrten. Stärker, brutaler, unkontrollierter …

PROÖMIUM

76 v. Chr.

Achtzehn Jahre vor der Schlacht von Bibracte

Rom

Rom war in zwei unversöhnliche Parteien gespalten: die Popularen, Verteidiger des Volkes, zu denen Julius Cäsar gehörte, und die Optimaten, deren Senatoren es sich in ihrem Reichtum und ihren Privilegien eingerichtet hatten und die jede Form einer gerechteren Verteilung von Befugnissen, Geld oder Ländereien ablehnten.

Trotz seiner Jugend hatte sich Cäsar mit seinen gerade einmal dreiundzwanzig Jahren beim Volk einen Namen als unermüdlicher Kämpfer für ein gerechteres Rom gemacht. Er hatte es gewagt, keinen Geringeren als Dolabella, einen der korruptesten Senatoren, vor Gericht zu bringen, doch das Urteil hatte zu Unruhen in der ganzen Stadt geführt.

Nach den gewalttätigen Auseinandersetzungen hatte Cäsar mit Gnaeus Pompeius, dem aufstrebenden Anführer der konservativen Partei, und dem Senat vereinbart, Rom zu verlassen und ins Exil zu gehen. Doch zuvor wollte er noch einen wichtigen Prozess anstrengen.

Pompeius wiederum verließ Rom, um gemeinsam mit Metellus, dem neuen Kopf der Optimaten, in Hispania citerior gegen Quintus Sertorius zu kämpfen, der bis zum Tod von Gaius Marius, dieses legendären Anführers der Popularen, dessen zweiter Befehlshaber gewesen war.

Während das senatorische Rom sich rüstete, die hispanische Herausforderung anzunehmen, bestieg Cäsar ein Jahr nach dem Prozess gegen Dolabella ein Schiff, das ihn weit nach Osten bis zur Insel Rhodos bringen sollte – er sah keine andere Lösung, als die Verbannung zu akzeptieren. Tief betrübt entfernte er sich von seiner Geburtsstadt, ließ seine Angehörigen und Freunde zurück und machte sich auf den Weg in die gefährlichen Gewässer eines Meeres, das die Römer zu jener Zeit noch lange nicht beherrschten.

LIBERPRIMUSEIN GESETZLOSES MEER

ICÄSARS EXIL

75 v. Chr.

Kilikische Küste, Mare Internum

Das Handelsschiff hatte in Athen weitere Waren geladen und segelte nun an der Küste von Kilikien entlang, um einen anderen Hafen anzulaufen, Ephesos oder Miletus, bevor es Cäsar und Labienus auf Rhodos zurückließe und weiter Kurs auf Alexandria nähme.

Alles lief gut.

Zu gut.

Cäsar spürte die sanfte Brise im Gesicht, während er noch einmal die letzten Ereignisse in Rom vor seinem Aufbruch Revue passieren ließ: Pompeius war kurz nach dem Ende von Dolabellas Prozess nach Hispanien aufgebrochen, was ihn dazu ermuntert hatte, in einem weiteren Rechtsfall als Anwalt aufzutreten. Diesmal ging es gegen Gaius Antonius, aufgrund seiner Brutalität von allen nur »Hybrida« genannt – halb Mensch, halb wildes Tier – und wie Dolabella ein treuer Offizier des Diktators Sulla. In diesem Fall vertrat Cäsar die Einwohner Griechenlands, die unter Hybridas Herrschaft als römischer Statthalter gelitten hatten.

Einige Monate zuvor

Basilika Sempronia, Rom

»Verstümmelungen«, sagte Cäsar. Er sagte es, ohne die Stimme zu heben, ohne mit den Armen herumzufuchteln, ohne die Schwere des Wortes noch zusätzlich durch eine übertriebene Miene zu betonen. Es war nicht nötig, den Perversionen, von denen er erzählte, noch mehr Nachdruck zu verleihen. »Gaius Antonius befahl, Arme und Beine abzutrennen, Menschen zu zerstückeln, nur weil sie sich seiner brutalen Herrschaft widersetzt hatten. Und nicht genug damit, ließ er Tempel und heilige Stätten plündern, wobei er sich nicht einmal darauf berief, das Geld im Namen des römischen Staates für den Feldzug gegen Mithridates einzutreiben, Roms erbitterten Feind im Osten. Es war pure Lust des reus Gaius Antonius, genannt Hybrida. Die Lust, ein riesiges Vermögen anzuhäufen, ohne dass es ihn auch nur im Geringsten gestört hätte, dass dieser Reichtum auf Gesetzesbruch, Leid und Verbrechen beruht.«

Hybrida sah Cäsar an, wie Dolabella ihn kaum ein Jahr zuvor in demselben Saal angesehen hatte. Mit dem gleichen Hass.

Marcus Terentius Varro Lucullus stand einem Gericht vor, das wieder einmal von Optimaten kontrolliert wurde, die es nicht hinnehmen würden, dass ein Parteigänger der Popularen einen der ihren ins Gefängnis brächte. Erst recht nicht ein junger Anwalt, der längst unterwegs in das mit Pompeius vereinbarte Exil sein sollte, statt als Kläger in einem neuen Prozess aufzutreten. Die Verbrechen spielten keine Rolle, die Gräueltaten waren egal. Wenn sie von einem der ihren, den Optimaten, verübt wurden, waren sie in ihren Augen gerechtfertigt. Tatsächlich hatten Hybridas Anwälte argumentiert, dass die von diesem ausgeübte Gewalt unumgänglich gewesen sei, um ein Griechenland zu kontrollieren, auf das kein Verlass gewesen sei im Kampf zwischen Sulla und Mithridates. Die Durchsetzung von Gesetz und Ordnung sei nötig gewesen, um den Feldzug Roms gegen den König von Pontos nicht zu schwächen.

»Aber bis zu welchem Punkt darf man Gewalt ausüben, um ein Gebiet zu beherrschen?«, entgegnete Cäsar in seinem Schlussplädoyer. »Hat nicht auch Grausamkeit Grenzen?«

Er wollte weiter seine Gedanken darlegen, als er sah, wie mehrere Volkstribune die Basilika betraten, zügig den großen Saal durchquerten und vor dem Gerichtspräsidenten stehen blieben.

Cäsar sah Labienus an, der ratlos die Schultern zuckte. Im selben Moment erhob sich Marcus Antonius Terentius Lucullus von seinem cathedra und wandte sich an den Saal:

»Gaius Antonius« – der Präsident vermied es, den Begriff reus zu benutzen, wenn er sich auf den Angeklagten bezog – »hat sich an die hier anwesenden Volkstribune gewandt, und diese akzeptieren seinen Einspruch und zweifeln die Rechtmäßigkeit dieses Prozesses an.«

Cäsar warf Labienus einen fragenden Blick zu, und der verstand sofort, was er dachte: Aber hat Sulla denn nicht das Einspruchsrecht der Volkstribune abgeschafft?

So war es. Sulla hatte dieses Recht der Volkstribune einer von den Popularen kontrollierten Volksversammlung für nichtig erklärt, doch nach Jahren politischer Säuberung wurde nunmehr auch diese Versammlung mit eiserner Hand von der Partei der Besten kontrolliert, mit Tribunen, die den Anliegen der konservativen Senatoren wohlgesinnt waren und dabei vergaßen, dass die Versammlung ursprünglich die Interessen des römischen Volkes repräsentieren sollte. Diese von den Optimaten gelenkten Volkstribune waren es, die jetzt den Prozess anfochten.

»Heute Vormittag, während wir hier in der Basilika waren«, erklärte der Gerichtspräsident angesichts der erstaunten Gesichter des Anklägers und der anwesenden Bürger, »hat der Senat das Verbot des Einspruchsrechts der Volkstribune aufgehoben. Nicht vollständig, denn gegen ein Gesetz des Senats können sie keinen Einspruch erheben, aber es steht ihnen frei, einen Prozess anzufechten. Einen Prozess wie diesen. Und weil sie ihn anfechten und der Senat diese Möglichkeit ab dem heutigen Tag anerkennt, ist dieser Prozess vorerst beendet.«

Gaius Antonius Hybrida stand lachend auf, während die Mitglieder des Gerichts, alles Senatoren der Optimaten, ihn umringten und ihm herzlich gratulierten.

Cäsar ließ sich langsam auf seinen solium neben Labienus sinken.

»Sie erlauben dir nicht mal, dein Schlussplädoyer zu beenden«, sagte sein Freund zu ihm. »Das ist eine klare Botschaft: Sie dulden nicht, dass du dich in irgendeinen Prozess gegen einen von ihnen einmischst. In dieser Republik gibt es keine Gerechtigkeit. Zumindest im Moment nicht.«

Cäsar nickte.

»Ich muss aus Rom verschwinden«, stimmte er Labienus zu. »Mir bleibt nichts anderes übrig. Morgen früh werde ich ein Schiff mieten und abreisen.«

75 v. Chr.

Südküste Kilikiens, Mare Internum

Plötzlich versetzte etwas am Horizont Cäsar in die Gegenwart und auf das sie umgebende Meer zurück. Der Prozess in der Basilika Sempronia war für den Moment vergessen.

Sie befanden sich auf Höhe der kleinen Insel Pharmacusa, der Tag brach soeben an.

Labienus war noch unter Deck und schlief.

Cäsar sah, wie der Kapitän nervös auf das Meer starrte. Als er seinem Blick folgte, machte er am Horizont, neben der Insel, die sie umfuhren, die Umrisse mehrerer Boote mit wenig Tiefgang aus, Liburnen vielleicht oder irgendein anderer leichter Schiffstyp. Da begriff er, weshalb der Kapitän und die Besatzung so nervös waren und aufgeregt hin und her liefen.

»Was ist los?«

Es war Labienus. Der Lärm der Matrosen hatte ihn geweckt, und er war an Deck gestiegen.

Cäsar antwortete ihm ohne Umschweife. Ein einziges Wort genügte.

»Piraten.«

IIPOMPEIUS’ VORMARSCH

76 v. Chr.

Emporiae, Nordostküste von Hispania citerior

Endlich war Pompeius in Emporiae im Nordosten Hispaniens angekommen.

Er war kurz nach dem Prozess gegen Dolabella mit seiner Armee aufgebrochen, um Sertorius zu suchen, hatte jedoch länger gebraucht als vom Senat vorgesehen. Gallien hatte sich wieder einmal gewaltsam gegen Rom erhoben, und das feindliche Territorium zu durchqueren, war sehr aufwendig gewesen: Zuerst musste eine gepflasterte Straße gebaut werden, um die Alpen zu überqueren und auf diese Weise die Salluvier aus dem Hinterhalt zu überraschen und zu besiegen. Die Salluvier, ein keltisches Volk in der Gegend um Massilia, hatten sich wie andere gallische Stämme zuvor gegen Rom aufgelehnt.

»Dieses Gebiet wird nie erobert werden«, bemerkte Pompeius nach der Schlacht, während er über die Leichen der gallischen Krieger hinwegstieg.

»Spricht der Prokonsul von Gallien?«, hatte Geminius gefragt, ein enger Freund von Pompeius mit dunkler Herkunft und noch dunklerer Begabung für Spionage und, wenn nötig, Mord. Tatsächlich tuschelte man auf den Straßen Roms, dass er es war, der in den schlimmsten Zeiten der Auseinandersetzung zwischen Optimaten und Popularen auf Befehl von Pompeius den Volkstribun Iunius Brutus tötete.

»Ja, ich spreche von Gallien«, bestätigte der Prokonsul. »Es ist zu groß, zu feindselig und zu rebellisch. Gaius Marius, dessen volksnahe Allüren und dessen Hass auf den Senat ich verurteile, dessen militärische Fähigkeiten ich jedoch anerkenne, konnte die Invasionen aus dem Norden nur mit Mühe aufhalten. Damals waren es die Teutonen, Kimbern und Ambronen, jetzt sind es die Salluvier, und morgen kann es jeder andere kriegerische Stamm sein, die Helvetier, die Boier oder sonst wer. Dieses Gebiet beherrschen zu wollen, ist Wahnsinn. Wer es versucht, ist zum Scheitern verurteilt.«

Geminius nickte.

»Die Tulinger scheinen uns genauso feindselig gesinnt zu sein.«

»Da hast du recht«, bestätigte Pompeius. »Zum Glück sind wir dieser gallischen Mausefalle so schnell wie möglich entkommen. Wer sich zu lange dort aufhält, wird am Ende von sämtlichen Stämmen umzingelt und niedergemetzelt. Du wirst sehen, irgendeinem Dummkopf wird das eines Tages passieren«, schloss er warnend.

Pompeius’ Armee war weitergezogen, bis sie das hispanische Emporiae erreichte, weit weg von den feindlichen Stämmen Galliens. Dort, in jener alten, mittlerweile romanisierten griechischen Kolonie, erwartete der Prokonsul mit imperium – der militärischen Befehlsbefugnis, Sertorius’ Aufstand zu unterdrücken – auf Nachrichten aus Rom und Auskünfte über den Befehlshaber in der Region, Metellus Pius, und natürlich auf Neuigkeiten über die aufständischen Truppen.

Geminius, sein persönlicher Spion, hatte Informationen über all das mitgebracht.

Pompeius empfing ihn auf der Terrasse der Villa, die ihm ein Adliger aus Emporiae zur Verfügung gestellt hatte. Der Ort war angenehm, der Tag sonnig, der Wein gut.

»Wo soll ich anfangen, Prokonsul?«, fragte Geminius, während er das Glas Wein nahm, das ein Sklave ihm hinhielt, bevor dieser sich schnell zurückzog, um das vertrauliche Gespräch nicht zu stören.

»Bei Metellus.«

Pompeius wollte mehr über diesen Anführer der Optimaten erfahren, dem es nach mehreren Jahren Krieg gegen Sertorius noch immer nicht gelungen war, den Mann zu bezwingen, der nur zweiter Befehlshaber unter dem legendären Gaius Marius gewesen war. Weder Pompeius noch der Senat noch sonst jemand in Rom begriff, wie Sertorius so lange im abgelegenen Hispanien durchhalten konnte, ohne ökonomische Mittel oder Nachschub aus Rom, die ihm halfen, in dieser entlegenen Weltgegend die Sache der Popularen weiter am Leben zu halten.

»Metellus hält sich im Süden auf, in Hispania ulterior, auch wenn er in Wirklichkeit nur einen Teil von Baetica beherrscht«, begann Geminius. »Der Rest von Hispania ulterior, vor allem Lusitania, wird von Hirtuleius kontrolliert, einem Gefolgsmann von Sertorius.«

Pompeius nickte. Deshalb war er hier. Um ganz Hispanien wieder unter Kontrolle zu bringen.

»Und was wissen wir von Sertorius?«

»Er hält sich im Herzen Celtiberias auf, der genaue Ort ist uns unbekannt. Es sieht so aus, als würde er direkte Auseinandersetzungen im großen Maßstab scheuen und einen Guerillakrieg führen, der Metellus’ Truppen in Atem hält und sie daran hindert, den Rest des Gebiets auf effektive Weise zu kontrollieren.«

»Ich verstehe«, sagte Pompeius. »Trotzdem begreife ich nicht, wie er so erfolgreich allen Heeren trotzen kann, die Rom schickt. Auch wenn Metellus kein militärisches Genie zu sein scheint, ist er beileibe kein Dilettant. Irgendetwas übersehen wir, beim Jupiter! Ich brauche mehr Informationen, Geminius, nicht nur das, was ich bereits wusste, als wir aus Rom aufgebrochen sind.«

Der Angesprochene senkte unterwürfig den Kopf.

Pompeius und Geminius verband eine lange Freundschaft, die ihren Ursprung im gemeinsamen Kampf gegen die Popularen und der Abtretung von Flora an Geminius hatte. Flora war eine der schönsten Konkubinen, an die man sich in Rom erinnerte. Sie hatte ein leidenschaftliches Verhältnis mit Pompeius, eroberte jedoch nie sein Herz, und als Pompeius sah, dass Geminius verrückt nach ihr war, zögerte er keine Sekunde, sie ihm zu überlassen, wie jemand, der ein Rennpferd verschenkt. Natürlich wusste er genau, dass die Leidenschaft seines zwielichtigen Freundes für eine Loyalität ihm gegenüber sorgen würde, wie sie mit Geld allein nur schwer zu erreichen wäre. Und genau so kam es. Seitdem war Geminius ihm stets äußerst nützlich gewesen, auch wenn er ihn bisweilen etwas anspornen musste.

»Ich werde herausfinden, wie Sertorius es geschafft hat, den Angriffen von Metellus’ Legionen so lange standzuhalten«, antwortete Geminius.

»Und was wissen wir aus Rom?«, fragte Pompeius.

Der Senat hatte als letztes Mittel auf ihn zurückgegriffen. Er war bereits mit einem Triumphzug belohnt worden, nachdem er während des Bürgerkriegs zwischen Marius und Sulla die Popularen in Sizilien und Afrika besiegt hatte. In Sizilien hatte er den geflohenen Gnaeus Papirius getötet und in Afrika das Leben von Domitius Ahenobarbus beendet. Marcus Perperna – ein weiterer der aufständischen Popularen, die noch Widerstand leisteten – war ihm dort entkommen. Inzwischen befand er sich in Hispanien und stand wie Hirtuleius unter dem Befehl von Sertorius. Erst als klar wurde, dass Metellus unfähig war, die Popularen in Hispanien zu bezwingen, hatte der Senat einmal mehr zähneknirschend die Gesetze geändert, um ihm ein imperium und eine Armee zu geben, mit der er Sertorius’ Aufstand niederschlagen sollte. Doch Pompeius hatte bemerkt, dass sein militärisches Können und seine Erfolge zunehmend Verdacht beim Senat weckten – den Verdacht, er wolle die gesamte Macht an sich reißen, indem er die Autorität der Senatoren untergrub oder sie vollständig unterwarf, wie es Sulla einst getan hatte. Im Moment begnügte er sich mit der militärischen Befehlsgewalt, rückte weiter vor und ging auf diese Weise Differenzen mit dem Senat aus dem Weg. Alles zu seiner Zeit, sagte er sich. Doch über den neusten Stand in Rom unterrichtet zu sein, war unabdingbar.

»Dort ist alles so wie bei unserem Aufbruch, Prokonsul«, antwortete Geminius. »Sie verfolgen aufmerksam, wie sich die Dinge hier entwickeln. Im Osten scheint Mithridates sich derzeit ruhig zu verhalten. Ach, und Scribonius Curio hat offenbar vor, im nächsten Jahr die Provinz Makedonien zu regieren. Meine Spione haben mir berichtet, der Konsul plane einen Feldzug gegen die Myser und Dardaner. Er will die römische Herrschaft bis zum Danubius ausweiten.«

»Bis zum Danubius?«, fragte Pompeius interessiert. »Das klingt nach einer klugen Idee. In der Region lässt sich Roms Herrschaft leichter durchsetzen als gegen Mithridates oder die Gallier. Das könnte Scibonius tatsächlich gelingen.«

Sie schwiegen einen Moment.

»Und Cäsar? Was wissen wir von ihm?«, fragte Pompeius. »Er hat versprochen, Rom zu verlassen.«

»Na ja …«

»Was?«

»Er ist wieder als Anwalt tätig und führt einen Prozess gegen Hybrida.«

Die Nachrichten aus Rom brauchten einige Wochen, bis sie in Hispanien eintrafen, weshalb Geminius noch nicht wissen konnte, dass der Prozess vertagt worden war und Cäsar sich auf seine Abreise vorbereitete.

Pompeius schüttelte den Kopf.

»Hybrida ist so brutal, wie es Dolabella war. Cäsar fordert sein Schicksal heraus. Jedenfalls hat er mir versprochen zu gehen, und er wird erfüllen müssen, was er mir in jener Nacht in Subura zugesagt hat. Wenn wir nach Rom zurückkehren und er die Stadt noch nicht verlassen hat, werde ich ihn an sein Versprechen erinnern müssen, und das nicht nur mit Worten …«

Er sagte es mit ruhiger Stimme, scheinbar ohne Hass oder Wut, sondern mit einer kühlen Gelassenheit, die in Geminius’ Ohren ebenso schrecklich wie unwiderruflich klang.

»Jeder im Senat denkt, dass Sertorius das Problem ist«, fuhr der Prokonsul leise fort, den Blick zu Boden gerichtet. »Aber manchmal frage ich mich, ob Sulla nicht recht hatte und das wahre Problem nicht Sertorius, sondern Cäsar ist.«

»Er ist sehr jung, ohne große militärische Erfahrung, ohne Armee … Was hat er zu bieten? Etwas Beliebtheit in den ärmsten Vierteln Roms. Das ist alles. Also nichts.«

»Das ist richtig …«, murmelte Pompeius nachdenklich, den Blick weiter nach unten gerichtet, doch seine Intuition sagte ihm etwas anderes.

In diesem Moment tauchte ein Legionär auf der Terrasse auf und meldete einen Boten.

»Das wird einer meiner Informanten sein«, erklärte Geminius, und als Pompeius nickte, wandte er sich an den Legionär: »Er soll kommen.«

Der Bote betrat die Terrasse und reichte Geminius einen gefalteten Papyrus. Geminius schickte den Boten mit einer Geste weg und las die Nachricht. Er grinste.

»Der Prozess gegen Hybrida wurde angefochten, und Cäsar hat Rom verlassen. Er ist auf einem Schiff in Richtung Osten.«

Pompeius lehnte sich zurück.

»Mit ein bisschen Glück verschlingt ihn vielleicht das Meer.«

IIIABSCHIEDE UND EINE GEHEIMSPRACHE

75 v. Chr.

Südküste Kilikiens, Mare Internum

»Piraten?« Labienus schien sich nicht sicher zu sein.

»Piraten«, beharrte Cäsar ernst, eine Hand an der Stirn, um die Augen vor der blendenden Sonne zu schützen.

»Aber es gab doch einen Feldzug gegen die Piraten …«

»Das ist drei Jahre her, und so wie es aussieht, sind sie zurück«, erwiderte Cäsar.

Labienus wollte weiter darüber diskutieren, als der Kapitän sich an sie wandte: »Es sind Seeräuber. Und sie kommen schnell näher, sie haben leichte Schiffe. Es geht kein Wind, und ich habe nicht genug Ruderer, um zu fliehen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie uns einholen.«

Cäsar begriff, dass der Kapitän seinen Rat suchte. Der Kapitän wusste, dass er und Labienus schon einmal in dieser Region gekämpft hatten, und das erfolgreich. Es hatte keinen Tag auf See gedauert, bis Labienus von ihren Heldentaten auf Lesbos erzählte. »So haben sie mehr Respekt vor dir«, hatte er zu Cäsar gesagt, als der ihn kurz nach dem Ablegen im Hafen von Ostia im Gespräch mit dem Kapitän vorfand.

Aber sie waren nicht auf Lesbos. Sie waren irgendwo auf dem Meer und hatten keine Armee bei sich, nicht einmal eine Kohorte oder eine Zenturie.

Cäsar ließ den Blick über das Deck wandern. Ein knappes Dutzend Sklaven, die er mitgenommen hatte, fünfzehn bis zwanzig Matrosen, ein paar griechische Händler, der Kapitän, Labienus und er selbst. Das war alles, worüber er verfügte.

Er sah wieder aufs Meer hinaus. Die Piraten näherten sich schnell. Zuerst waren es nur drei leichte Boote gewesen, doch inzwischen hatte sich diesen ein halbes Dutzend weiterer angeschlossen, die hinter Pharmacusa aufgetaucht waren, und auf jedem der Schiffe befanden sich Dutzende von Piraten. Insgesamt mindestens zweihundert Männer.

»Ein Kampf ist aussichtslos«, wandte Cäsar sich an den Kapitän.

Der erfahrene Seemann schüttelte verzweifelt den Kopf.

»Ja, aber dann werden sie alles rauben, was wir haben, und uns umbringen oder als Sklaven verkaufen.«

Cäsar blickte wieder zu den feindlichen Schiffen.

Der Pessimismus des Kapitäns war berechtigt.

Cäsar war sich bewusst, dass er Cornelia, seine Mutter und seine kleine Tochter wahrscheinlich nie mehr wiedersehen würde.

Die Piraten kamen unaufhaltsam näher.

Und mit ihnen der Tod.

Während er in dieser scheinbar ausweglosen Situation nach einer Lösung suchte, schloss Cäsar die Augen und erinnerte sich an seinen Abschied in Rom.

76 v. Chr.

Domus der julischen Familie, Rom

»Wo willst du hin?«, hatte Cornelia ihn ohne jeden Vorwurf oder Zweifel in der Stimme gefragt. Es gab keinen größeren Kummer für sie als eine erneute Trennung von Cäsar, doch eins stand über allem: die Sicherheit ihres Mannes.

»Rhodos.« Er betrachtete das Bett, auf dem Kleidung, Sandalen, Landkarten, ein Dolch und ein Kurzschwert lagen.

Er fragte sich, was er vergessen hatte. Er würde ein paar Sklaven und vieles andere mit aufs Schiff nehmen, doch jetzt ging es um das Wesentliche, das, was er persönlich bei sich tragen würde.

Cornelia setzte sich auf einen solium in einer Ecke des Zimmers.

»Das ist sehr weit weg. Für mich hört sich das an wie das Ende der Welt«, bemerkte sie.

»Ich weiß, aber es geht nicht anders. Diesmal haben sie mich nicht einmal den Prozess zu Ende führen lassen. Sie wollen, dass ich verschwinde. Die Optimaten, meine ich. Oder tot bin.«

Cornelia unterdrückte die Tränen. Sie wollte ihren Mann nicht zusätzlich beunruhigen.

»Wir schaffen das«, sagte sie schließlich leise und so ruhig wie möglich. »Ich werde mich gut um Julia kümmern. Du wirst stolz auf uns sein. Kümmere dich nur um dich. Die Welt ist so groß und gefährlich. Besonders das Meer …«

Er sah sie an und nickte, bevor er sich wieder zum Bett umdrehte und die Sachen durchging, die er dort hingelegt hatte.

»Reist du allein?«, fragte sie.

»Nein, Labienus begleitet mich. Er hat es mir angeboten.«

»Das ist gut.« Aus irgendeinem Grund glaubte sie, in Begleitung des treuen Labienus wäre ihr Mann etwas sicherer, und doch konnten auf einer so langen Reise so viele schreckliche Dinge geschehen …

In diesem Moment erschien Aurelia auf der Türschwelle des Zimmers.

»Darf ich reinkommen?«, fragte sie und sah abwechselnd ihren Sohn und Cornelia an.

»Natürlich, Mutter«, antwortete Cäsar, und auch Cornelia nickte freundlich.

Sobald ihr Mann gen Osten aufgebrochen wäre, würde ihre Schwiegermutter wieder ihr großer Rückhalt in Rom sein.

»Ich stelle deine Abreise nicht infrage«, begann Aurelia an ihren Sohn gewandt. »Das ist das Klügste nach der Sache mit Dolabella und nach dem, was in dem Prozess gegen diesen miesen Hybrida passiert ist. Außerdem hast du es Pompeius versprochen, und er ist niemand, der etwas vergisst. Aber wo willst du hin?«

Cäsar zögerte und blickte wieder zum Bett.

»Nach Rhodos«, sagte Cornelia.

»Ja, nach Rhodos«, bestätigte Cäsar und sah seine Mutter an.

»Warum Rhodos?«, fragte diese nach.

»Ich möchte meine Redekunst verbessern. Sie ist nicht schlecht, das habe ich bei den Prozessen in der Basilika bewiesen, aber ich muss weiter daran arbeiten. Und wenn ich schon gehen muss, will ich wenigstens nicht den Eindruck erwecken, dass ich fliehe. Alle wissen, dass Apollonios, der beste Rhetoriklehrer, auf Rhodos lebt.«

»Stimmt. Wirst du ein Schiff nehmen?«

»Ja. Eins der Handelsschiffe, die von Ostia nach Alexandria fahren«, erklärte Cäsar. »Von denen, die Getreide aus Ägypten bringen und mit Öl und Wein in den Osten zurückkehren. Ich werde ein paar Sklaven, Lebensmittel und etwas Geld mitnehmen, und Labienus wird mich begleiten.«

Aurelia nickte bei allem, was ihr Sohn aufzählte. Wie Cornelia hielt sie das mit Labienus für eine ausgezeichnete Idee.

»Mutter, ich wäre jetzt gerne ein bisschen allein«, fuhr Cäsar fort. »Ich habe Sorge, etwas zu vergessen. Ich muss mich konzentrieren.«

»Natürlich.«

»Ich komme mit.« Cornelia stand auf und verließ mit ihrer Schwiegermutter das Zimmer, damit ihr Mann seine Reisevorbereitungen abschließen konnte, ohne ständig dabei gestört zu werden.

Als sie im Atrium waren, wandte sie sich an ihre Schwiegermutter und äußerte ihre Besorgnis.

»Rhodos ist sehr weit weg. Ich habe Angst um ihn.«

»Vor ein paar Jahren ist er nach Lesbos gereist und heil zurückgekommen. Mach dir keine Sorgen«, erwiderte Aurelia zuversichtlich. »Die Götter beschützen ihn.«

»Ja, aber damals stand er unter dem Befehl von Lucullus und war umgeben von einem ganzen römischen Heer. Jetzt bricht er allein auf, nur in Begleitung von Labienus, und ja, dafür danke ich Labienus, die Götter wissen, wie sehr ich ihn für seine grenzenlose Treue meinem Mann gegenüber schätze. Aber die beiden werden ohne militärische oder offizielle Unterstützung unterwegs sein. Als privati, als einfache Bürger, und das Meer und der Osten sind voller Gefahren, Kriege und Stürme, und ich habe Angst, dass Gaius diesmal nicht zurückkehrt.«

»Er musste schon einmal fliehen«, entgegnete Aurelia. »Und hat überlebt.«

»Ich weiß, ich weiß«, räumte Cornelia ein, klang aber weiterhin verzweifelt. »Als er sich weigerte, sich von mir scheiden zu lassen, als Sulla das von ihm verlangte. Aber damals war er in Italien auf der Flucht, und selbst da wäre er um ein Haar an Sumpffieber gestorben. Im Osten, mit nur einem einzigen Freund an seiner Seite, lauern Tausende von Gefahren auf ihn.«

»Sei unbesorgt, Cäsar wird zurückkehren«, versuchte Aurelia ihre Schwiegertochter zu beruhigen. »Ich weiß nicht, wie er das anstellen wird und was ihm auf dieser Reise widerfährt, aber die Götter werden über ihn wachen. Und zu deiner Beruhigung werde ich dir etwas sagen, was ich tief im Herzen weiß: Außerhalb Roms ist er in Sicherheit. Außerhalb dieser Stadt müssen andere ihn fürchten. Diese Stadt, diese verdammte Stadt ist es, die mir Sorgen macht. Selbst inmitten des feindseligsten Landes, umgeben von Tausenden von kriegslüsternen Barbaren ist Cäsar tausendmal sicherer als in den Straßen dieses verdammten Roms mit all seinen Verrätern.«

Im tablinum

Cäsar ging in sein Arbeitszimmer. Dort überflog er noch einmal einen Papyrus, auf dem er alles notiert hatte, was er seiner Meinung nach auf seiner Reise in den Osten mitnehmen sollte, als er sich plötzlich, aus reiner Intuition, denn kein Geräusch hatte den Eindringling verraten, umdrehte und sie sah – die kleine, gerade einmal sechsjährige Julia stand hinter ihm und starrte ihn an.

»Gehst du wirklich fort, Vater?«, fragte sie mit ihrer Kinderstimme und feuchten Augen.

Cäsar seufzte.

Das Mädchen hatte heimlich die Gespräche ihrer Eltern belauscht, aber wer war er, ihr das vorzuhalten? Schließlich hatte er in seiner Kindheit und Jugend das Gleiche getan. Statt zu schimpfen, beugte er sich vor und sprach zu ihr mit sanfter Stimme und dem freundlichsten Lächeln, zu dem er in der Lage war.

»Ja, ich muss gehen, Julia, aber ich komme wieder.«

Das Mädchen wirkte nicht zufrieden mit der Antwort. Auch wenn es sich bemühte, nicht zu weinen, traten ihm Tränen in die Augen und rannen über seine kleinen rosigen Wangen.

Cäsar hatte eine Idee. Er nahm seine Tochter und setzte sie auf seinen Schoß, mit dem Gesicht zum Tisch.

»Schau mal«, sagte er. »Ich werde dir ein Geheimnis verraten, aber du musst mir versprechen, niemandem davon zu erzählen.«

Das weckte ihre Aufmerksamkeit, und er hatte sein Ziel erreicht: Seine Tochter hörte auf zu weinen.

»Ich bringe dir eine Geheimsprache bei, eine Sprache, die ich mir selbst ausgedacht habe. Du kannst schon gut lesen und schreiben, stimmt’s?«

»Ja, Vater, sehr gut. Der griechische Lehrer hat es mir beigebracht, und Mama möchte, dass ich es gut mache. Hier, guck mal.«

Die Kleine nahm eine Rohrfeder, tunkte sie in das Gefäß mit atramentum, bis sie sich mit der schwarzen Tinte vollgesogen hatte, und schrieb mit für ihr Alter großer Geschicklichkeit ihren Namen, den ihres Vaters und den ihrer Mutter gut lesbar auf einen Papyrus.

»Sehr schön, Julia«, sagte Cäsar. »Und jetzt hör zu. Du musst gut aufpassen. Es hört sich kompliziert an, ist aber in Wahrheit sehr einfach.«

»Ja, Vater.«

»Pass auf.« Vorsichtig nahm Cäsar dem Mädchen die Rohrfeder aus der Hand, tauchte sie wieder in die Tinte und begann Buchstaben auf dasselbe Blatt Papyrus zu schreiben, auf dem das Mädchen sein Können demonstriert hatte. »Siehst du? Was steht da?«

Sie reckte den Hals, um die Buchstaben zu lesen, während ihr Vater weiterschrieb.

»Das ist das lateinische Alphabet, Vater, mit allen Buchstaben.«

»Sehr gut«, lobte Cäsar sie. »Und jetzt … Was sagen wir zur Begrüßung, Julia?«

»Wir sagen ave, Vater.«

»Genau«, bestätigte er und schrieb das Wort neben das Alphabet. »Aber in meiner Geheimsprache heißt ave nicht ave, sondern schreibt sich so.« Und er schrieb drei Buchstaben hin.

»Eai?«, fragte das Mädchen verwundert. »Aber das macht keinen Sinn, Vater.«

»Doch, für den, der mein Geheimnis kennt«, entgegnete er mit sanfter Stimme. »Hier, schau. Das A von ave ist hier.« Er kreiste es ein. »Aber wenn wir vier nach unten zählen …« Und er zählte laut vom A bis zum vierten Buchstaben darunter – denn er hatte das Alphabet senkrecht hingeschrieben –, dem E. »Siehst du?« Dann wiederholte er den Vorgang mit dem V: drei Stellen nach unten, bis er beim Z war, und noch eine, indem er wieder oben am Anfang des Alphabets begann und gleich das A nahm. »Und schließlich das E. Wir zählen vier Stellen nach unten, immer nach unten, es sei denn, das Alphabet ist zu Ende und wir müssen am Anfang weitermachen, so wie ich es eben getan habe. Vom E aus haben wir das F, das G, das H, und der vierte Buchstabe ist das I, also nehme ich das I für das E. Deshalb wird aus ave eai.«

»Ohhhh.« Julia riss die Augen auf.

»Schauen wir mal, ob du verstanden hast, in Ordnung?«

»Ja, Vater«, antwortete sie fasziniert.

»Ich muss eine Weile von hier fort, meine Kleine. Mit welchem Wort verabschieden wir uns?«

»Mit vale«, sagte das Mädchen.

»Sehr gut. Und wie würde das Wort in unserer Geheimsprache lauten?«

Das Mädchen runzelte die Stirn. Dann nahm sie ihrem Vater die Rohrfeder aus der Hand und begann in dem Alphabet für jeden Buchstaben des Wortes vale vier Stellen nach unten zu zählen.

»Das V ist wieder ein A …«

»Richtig«, bestätigte er, während er ihr aufmerksam zusah.

»Das A ist wieder ein E. Das L ist ein … ein Q.« Sie hielt inne und sah ihren Vater an. Als Cäsar nickte, fuhr sie fort. »Und das E ist wieder ein I. Vale ist … aeqi!«, rief sie triumphierend aus.

»Aeqi, meine Kleine«, wiederholte Cäsar und küsste sie. »Wenn du willst, kannst du mir ab jetzt geheime Nachrichten schreiben, die nur ich verstehe.«

»Ja, Vater.«

»Und denk daran, Julia: Ich werde zurückkommen.«

IVDIE BELAGERUNG VON LAURON

76 v. Chr.

In der Nähe von Saguntum, Ostküste Hispaniens

Das Vorrücken von Pompeius’ Truppen an der hispanischen Küste des Mare Internum war alles andere als eine Parade. Zur Feindseligkeit, die er in den kriegerischen Gebieten Galliens erfahren hatte, kamen jetzt nicht nur der Unwille der hispanischen Ortschaften hinzu, seine Legionen zu verpflegen, sondern auch ständige Angriffe von Gruppen von Sertorius’ Legionären, die ihnen auf jeder Meile auflauerten, die sie auf ihrem Weg nach Süden zurücklegten.

Pompeius wollte nach Tarraco und danach weiter zu anderen bedeutenden Küstenstädten wie Saguntum oder Carthago Nova, um die dortigen Häfen zu kontrollieren und auf diese Weise eine reibungslose Verbindung auf dem Seeweg mit Rom sicherzustellen, doch die allgegenwärtige Abneigung, mit seiner Armee zu kollaborieren, war enorm, und es war schwierig, ohne Gewalt dagegen anzukommen.

»Ich verstehe das nicht«, bemerkte Pompeius eines Tages in seinem praetorium vor Saguntum. Er war auf dem Weg nach Lauron, einem den Optimaten treuen Bollwerk inmitten dieser dem römischen Senat feindlich gesinnten Region. »All diese Gebiete sind seit Jahrzehnten ins römische Reich integriert. Warum hassen sie uns so?«

Geminius räusperte sich. Der Prokonsul kannte diese Marotte gut und wusste, dass sie eine schlechte Nachricht ankündigte.

»Hör auf mit diesem Hüsteln und sag mir, was du herausgefunden hast«, wies er ihn ungeduldig zurecht.

»Ich glaube, ich weiß, warum die Keltiberer und andere hispanische Völker Sertorius so treu sind.«

Pompeius setzte sich und holte tief Luft.

»Ich höre.«

»Sertorius hat einen alternativen Senat ins Leben gerufen. An einem Ort im Landesinneren, in Osca, im Norden, in der Nähe der Berge, die Hispanien von Gallien trennen. In dieser Versammlung hat er alle Vertreter der lokalen hispanischen Aristokratie zugelassen und respektiert die Entscheidungen, die dort getroffen werden.«

»Auf diese Weise vermeidet er, als diktatorischer Machthaber oder als jemand betrachtet zu werden, der sich zum König ernennen will.« Pompeius begann besser zu begreifen, warum sie Sertorius unterstützten und seinen eigenen Truppen so feindselig gesonnen waren: Rom hatte sich nie um die Forderungen aus den Provinzen geschert, während Sertorius ihnen eine Welt bot, in der sie an den Entscheidungen über ihre Gegenwart und Zukunft beteiligt waren.

»Ganz genau, Prokonsul«, fuhr Geminius fort. »Aber das ist nicht alles: Einer der ersten Beschlüsse, die dieser Senat getroffen hat, war eine drastische Steuersenkung, und Sertorius hält sich daran, obwohl das seine finanziellen Mittel einschränkt. Das hat ihn in ganz Hispanien sehr beliebt gemacht, besonders bei den Lusitanern und Keltiberern. Außerdem hat er in Osca eine Akademie gegründet, um die Söhne der lokalen Elite auszubilden. Der Rebell errichtet eine …« Er wagte es nicht auszusprechen. Es war zu besorgniserregend.

»Sertorius errichtet eine neue Republik«, sagte Pompeius. Er stand auf und ging mit hinter dem Rücken verschränkten Händen im Zelt auf und ab. »Ein neuer Senat, eine neue Hauptstadt, neue Gesetze, die Ausbildung neuer Generationen von Rebellen …« Er verstummte und sah Geminius an. »Wir müssen ihn so schnell wie möglich aus dem Weg räumen. Metellus hat Hirtuleius im Süden in die Enge getrieben. Wir dürfen nicht zurückbleiben. Wir brauchen Verpflegung, wir müssen nach Lauron und uns so viele Lebensmittel und andere Dinge wie möglich besorgen, um ins Innere von Hispania citerior vorzudringen, nach Osca, und diesen Schuft beseitigen.«

»Ja, das sollten wir, Prokonsul. Außerdem ist Sertorius uns zuvorgekommen und belagert in diesen Minuten Lauron.«

»Er selbst oder einer seiner legati?«

»Er selbst.«

Das Gespräch war beendet. Geminius hatte auch Neuigkeiten über Cäsar, begriff aber, dass die Sache mit Sertorius dringender war und sie Lauron beistehen mussten, bevor die Stadt in die Hände des Feindes fiel.

Pompeius befahl, noch an diesem Nachmittag in Richtung Lauron aufzubrechen. Vielleicht könnte er den Anführer der Rebellen nicht nur besiegen, sondern ihn gefangen nehmen und in Ketten nach Rom bringen.

Sertorius’ Lager, Lauron

Sertorius’ Legionäre bahnten ihrem Anführer den Weg, ohne dass dieser dafür der lictores bedurft hätte. Als Ausdruck seiner Stellung ließ er sich zwar von einigen dieser Staatsbeamten begleiten, doch es war nicht nötig, dass sie ihm voranschritten. Die bloße Anwesenheit des höchsten militärischen Anführers der Popularen in Hispanien, das Vertrauen, das er bei seinen Männern genoss, reichten aus, damit diese rasch zur Seite traten und ihm den Weg frei machten.

Perperna, sein treuster legatus, begleitete ihn bei der Inspektion der Umgebung von Lauron, einer der wenigen Städte in der Region, die weiter zu den in Rom regierenden Optimaten hielten. Und dort wusste man, dass Pompeius sich mit seiner neuen Armee magnis itineribus, im Eilmarsch, näherte.

Sertorius und Perperna blieben auf einer kleinen Anhöhe stehen, von wo aus sie auf der einen Seite die von einer Mauer umgebene Stadt und auf der anderen einen nahen Hügel sahen, der sich aus militärischer Sicht hervorragend eignete, um von dort aus die Stadt zu belagern. Sertorius hatte beschlossen, Lauron mit allen Mitteln zu bezwingen, um klarzumachen, dass nicht einmal die Ankunft des angeblich unbesiegbaren Pompeius etwas daran ändern konnte, dass er und seine Legionen Hispanien fest in der Hand hatten. Er hatte Nachricht davon erhalten, dass Metellus Hirtuleius besiegt hatte. Sein Mann im Süden befand sich auf dem Rückzug, was hieß, dass die Konfrontation mit Pompeius von entscheidender Bedeutung wäre. Sämtliche Augen der Keltiberer waren auf Lauron gerichtet. Ohne es zu wollen, war die kleine Stadt zu einem Symbol für das jahrelange Kräftemessen zwischen Popularen und Optimaten in Hispanien geworden. Und dieses Kräftemessen wollte Sertorius gewinnen.

»Wir beziehen mit dem Gros der Truppen Stellung auf diesem Hügel«, beschloss er.

Perperna nickte, auch wenn er Vorbehalte hatte.

»Allerdings …«

»Sprich, Perperna.«

»Prokonsul, wenn wir auf diesem Hügel Stellung beziehen, werden wir es auf der einen Seite mit Pompeius’ Truppen und auf der anderen mit den Bewohnern von Lauron zu tun haben, die uns von den Stadtmauern aus mit Bögen und Speeren beschießen werden.«

»Du hast recht«, pflichtete Sertorius ihm zunächst bei. »Und ich weiß, dass Pompeius dich in Afrika …« Er hielt inne und formulierte neu, was er sagen wollte. »Und ich weiß, dass du dabei warst, als Pompeius viele unserer Kohorten in Afrika besiegt hat, doch in Lauron wird das anders sein.«

Perperna widersprach den Plänen seines Vorgesetzten nicht weiter, doch ihm war klar, dass Sertorius, auch wenn dieser nicht ausdrücklich gesagt hatte, dass Pompeius ihn in Afrika besiegt hatte, genau das dachte. Und das schmerzte ihn. Sehr. Und diesen Groll vergaß er nicht.

Fünf Meilen von Lauron entfernt

Pompeius traf mit seinem Heer in der Umgebung der Stadt ein und sah die feindlichen Truppen auf einem Hügel. Die erhöhte Lage schien von Vorteil zu sein, aber das täuschte.

»Wenn wir angreifen und es schaffen, sie zum Rückzug zu zwingen, können sie nicht zurückweichen«, bemerkte Geminius. »Auf der anderen Seite erwarten sie die schwer bewaffneten Verteidiger auf den Stadtmauern von Lauron.«

»Das ist richtig«, stimmte Pompeius ihm zu, während er den Blick über den Horizont schweifen ließ, als suche er etwas. »Ich kann keine weiteren Truppen entdecken, die Sertorius zu Hilfe eilen könnten. Ja, ich denke auch, dass wir den Hügel stürmen sollten. Wir werden Verluste erleiden, aber wenn es uns gelingt, sie zum Rückzug zu zwingen, wie du sagst, werden die Verteidiger von Lauron dafür sorgen, dass dieser Rückzug ein Blutbad für die Popularen wird.« Pompeius benutzte nie das Wort legionario für die Soldaten der Popularen, da sie für ihn keine Legionäre, sondern nur miese Rebellen waren.

Der Prokonsul beobachtete weiter den Horizont. Unterwegs waren sie auf Sertorius’ verlassenes Lager gestoßen, hatten es jedoch nicht geplündert, denn Pompeius wollte keine Zeit verlieren. Später, wenn die feindlichen Truppen besiegt, ihr Anführer gefangen und die Stadt befreit wären, würden sie zu dem Lager zurückkehren und alles mitnehmen, was die Aufständischen dort zurückgelassen hatten.

»Das heißt, wir greifen an, Prokonsul?«

»Schick zuerst Boten nach Lauron, damit sie unsere Absicht kennen und bereit sind, Sertorius und seine Männer zu massakrieren, wenn wir vorrücken. Sobald sie in Lauron Bescheid wissen, greifen wir an.«

Hügel bei Lauron

»Sie schicken Boten nach Lauron«, verkündete Perperna und zeigte in die Richtung, wo mehrere Reiter zu sehen waren. »Wir könnten versuchen, sie abzufangen.«

»Nein«, entgegnete Sertorius. »Wir wissen, welche Botschaft sie überbringen. Wir halten einfach nur die Stellung. Ordne die Truppen in triplex acies an.«

Perperna nickte schweigend, bemerkte aber, dass einige in der Nähe stehende Offiziere seine Besorgnis teilten.

Im Gegensatz dazu wirkten die Legionäre gelassener. Sertorius hatte ihnen etwas Großes in Aussicht gestellt, für das es sich zu kämpfen lohnte. Er hatte sie zu Verbündeten seines Projekts gemacht, das nicht nur in der schlichten Auseinandersetzung mit der Elite der Optimaten bestand, jenen Senatoren in Rom, die nur ihre Privilegien und ihren Reichtum wahren wollten. Sertorius hatte in Hispanien einen neuen Senat ins Leben gerufen und neue Gesetze erlassen, die auch die Keltiberer guthießen. Ja, die Legionäre der Popularen vertrauten Sertorius blind, weil sie sahen, wie er mit ihnen kämpfte, mit ihnen aß, mit ihnen trank. Und weil sie mit ihm stets den Sieg davontrugen, einen nach dem anderen. Und weil sie, auch ohne Plünderungen, regelmäßig ihren Sold erhielten. Deshalb zweifelten sie nicht an ihrem Anführer, als sie Pompeius’ Armee vorrücken sahen und gleichzeitig den Atem der Soldaten aus Lauron im Nacken spürten, im Wissen, dass sie sich nicht zurückziehen könnten, ohne von den Stadtmauern herab massakriert zu werden. Sie würden keinen Schritt zurückweichen. Außerdem waren sie überzeugt, dass Quintus Sertorius sich etwas überlegt hatte. Er hatte immer einen Plan. Nicht umsonst hatte er seit Jahren jedes konsularische Heer aus Rom vernichtet.

Die Legionäre gehorchten, und die Kohorten nahmen in dreifacher Schlachtreihe Aufstellung entlang des Hügels vor Lauron. Wenn Pompeius gegen sie kämpfen wollte, dann sollte er das tun.

In der Ebene

Auch Pompeius ließ seine Legionen in triplex acies aufstellen. Hangaufwärts zu kämpfen, würde hart für seine Männer werden, das wusste er, doch er würde sie motivieren, indem er ihnen erzählte, dass man in Lauron dank seiner Boten auf alles vorbereitet sei und sie einen Hagel aus Pfeilen auf Sertorius’ Truppen niedergehen lassen würden, sobald diese auch nur einen Schritt zurückwichen. Er war überzeugt, dass dieses Argument seine Männer beflügeln würde. Er wollte gerade vor seine Truppen treten, um die Ansprache zu halten, als er hörte, wie Geminius sich hinter ihm räusperte.

»Prokonsul …«

Genervt drehte Pompeius sich um. Er war auf das konzentriert, was er seinen Männern sagen wollte, und konnte keine Unterbrechung gebrauchen, sah aber, dass sein Untergebener zum hinteren Teil seiner Truppen zeigte. Und was er sah, gefiel ihm nicht. Nicht im Geringsten.

Ein paar Minuten zuvor

Nachhut von Pompeius’ Armee

Der Wind strich durch die Reihen der verlassenen Zelte von Sertorius’ Lager. Auf dem Boden lagen Küchenwerkzeuge und sogar einige Speere herum, die bei dem offenbar schnellen Aufbruch zum Hügel vergessen worden waren, und ein paar in aller Eile gelöschte Lagerfeuer rauchten noch.

Es herrschte eine beklemmende, sonderbare Stille. Selbst der Wind wehte fast lautlos.

Plötzlich trat ein bewaffneter Mann aus einem der Zelte.

Er blickte sich um. In der Ferne sah er Pompeius’ Armee, die im Begriff war, gegen die Legionäre auf dem Hügel vor Lauron vorzurücken. Alles lief genau so, wie Sertorius es vorhergesagt hatte.

Octavius Gracinus, der Mann, der die beiden Truppen beobachtete, brüllte:

»Jetzt, beim Herkules!«

Und plötzlich traten aus allen scheinbar leeren Zelten kampfbereite Soldaten heraus.

Unter Gracinus’ Befehl bildeten sie rasch Kohorten und marschierten mit schnellem Schritt auf die Nachhut von Pompeius’ Heer zu.

Es waren mehr als sechstausend Mann.

Eine ganze Legion.

Eine schlagkräftige, entschlossene Streitmacht mit genauen Befehlen.

In der Ebene

Pompeius begriff, dass er Sertorius’ Lager hätte durchsuchen müssen, bevor er weiter in Richtung des Hügels vorrückte, aber es war sinnlos, darüber nachzudenken, was er hätte tun sollen und schlicht und einfach nicht getan hatte.

Unter diesen Umständen konnte er nicht angreifen. Er hatte gedacht, seinen Feind in die Zange genommen zu haben, doch jetzt war er es, der sich zwischen zwei Fronten befand. Mit einem wesentlichen Unterschied: Die Bogenschützen in Lauron konnten die Stadt nicht verlassen, während die Legion, die gegen seine Nachhut vorrückte, eine bewegliche Einheit war.

»Was sollen wir tun?«, fragte Geminius.

Pompeius dachte schnell nach, doch er hatte keinen Plan für diese unerwartete Situation. Er wusste, was er wollte: angreifen. Aber er wusste auch, was er tun sollte: sich zurückziehen. Sich zurückziehen und auf Metellus warten, der sich nach dem Sieg über Hirtuleius bereits Richtung Osten bewegte, um sich ihm anzuschließen. Doch bis dahin würde es noch dauern, sodass Lauron zwischenzeitlich auf sich allein gestellt und seinem Schicksal ausgeliefert wäre. Außerdem – und das beschäftigte ihn am meisten – würde die Vereinigung mit Metellus’ Truppen ihm nicht erlauben, sich den Sieg über Sertorius allein auf die Fahnen zu schreiben, wie er es am Morgen erhofft und geplant hatte.

Er schäumte vor Wut, doch die Klugheit behielt die Oberhand und bestimmte weiterhin sein Handeln, auch wenn er damit eine gesamte Stadt zum Untergang verurteilte.

»Wir ziehen uns zurück«, sagte Pompeius widerwillig. Er sagte es mit leiser Stimme, die Zähne zusammengebissen, aber er sagte es. »Ich kann mein Heer nicht auf ansteigendem Gelände kämpfen lassen, während eine weitere feindliche Legion uns von hinten angreift. Man kann nicht an zwei Fronten gleichzeitig kämpfen. Das gab es noch nie.«

Er drehte sich zum Hügel um und hielt Ausschau nach Sertorius. Dort stand er, umgeben von seinen Offizieren, vor seinen Truppen, die Arme herausfordernd in die Hüften gestemmt.

Pompeius konnte sich das Grinsen im Gesicht dieses verdammten Schuftes gut vorstellen.

Auf dem Hügel

Sertorius sah, wie die feindlichen Legionen sich zurückzogen. Er konnte Pompeius erkennen, der noch immer am Fuß des Hügels stand und zu ihm herüberschaute.

Er sprach laut und deutlich, damit seine Offiziere ihn hörten.

»Heute werde ich Sullas Lehrling zeigen, dass ein legatus nicht nur nach vorne, sondern in alle Richtungen schauen muss.«

Seine Offiziere, die bis vor ein paar Minuten, bis zum Auftauchen der im Lager versteckten Legion, an ihm gezweifelt hatten, entspannten sich und lachten. Nur Perperna blieb ernst.

Sertorius gab mehrere Anweisungen, denn die Lektion, die er Pompeius erteilen wollte, hatte gerade erst begonnen.

»Schickt Boten zu Gracinus. Er soll weiter hinter Pompeius’ Armee bleiben. Das wird den Feind vom Kämpfen abhalten. Und schickt auch Boten in die Stadt. Sagt ihnen, dass ich ihr Leben verschone, wenn sie sich ergeben. Sollten sie jedoch beschließen, gegen uns zu kämpfen, werden wir Lauron dem Erdboden gleichmachen und ausnahmslos jeden töten.«

Pompeius’ Armee

Pompeius erlitt eine Schmach nach der anderen.

Als die Bewohner Laurons sahen, dass der aus Rom gesandte Prokonsul der Optimaten tatenlos blieb und Sertorius nicht angriff aus Angst, selbst an zwei Flanken gleichzeitig attackiert zu werden, beschlossen sie, Sertorius’ Kapitulationsbedingungen zu akzeptieren. Er war ihr Feind, aber in ganz Hispanien – besonders seit der Bildung seines Senats in Osca – hatte sich herumgesprochen, dass dieser Mann zu seinem Wort stand. Also öffnete Lauron seine Tore, und Sertorius ließ die Bewohner herauskommen und verbot seinen Männern, auch nur einem von ihnen ein Haar zu krümmen, weder den bewaffneten Männern noch Zivilisten, Frauen oder Kindern. An dieses Versprechen hielt er sich, doch er befahl seinen Legionären, ihre Wut an der Stadt selbst auszulassen und sie in Brand zu stecken.

Pompeius musste alles mitansehen, reglos, wie ein stummer Zeuge, beschämt wegen seiner Unfähigkeit, den Untergang einer verbündeten Stadt verhindert zu haben.

Er wurde Zeuge, wie die Flammen die Häuser, Straßen und selbst die Stadtmauern verschlangen.

Nur die Tempel wurden verschont. Sertorius kämpfte nicht gegen die Götter, sondern gegen die optimatischen Senatoren in Rom, die sich für Götter hielten.

Pompeius begann zu begreifen, dass nicht nur Cäsar ein Problem für Rom war, wie Sulla immer wieder betont hatte, sondern auch Sertorius, der nicht nur ein geschickter Kommandant, sondern auch ein gefährlicher militärischer und politischer Stratege war. Wenn er musste, stellte er seine Stärke unter Beweis, respektierte jedoch Menschenleben und heilige Tempel. Zudem hatte er durch die Senkung der Abgaben die Gunst der Keltiberer erlangt und in Osca einen Senat eingerichtet, der in Abstimmung mit den Spaniern regierte oder zumindest diesen Eindruck erweckte.

»Tu mir den Gefallen und bring mir irgendeine gute Nachricht«, bat Pompeius. »Etwas, das mir gefällt. Oder schweig einfach.«

»Es gibt Neuigkeiten aus Rom.«

»Über?«

»Über Cäsar«, sagte Geminius, der diese Information bis dahin für sich behalten hatte. »Er ist aus Rom geflohen, aus Angst, von Hybridas Männern ermordet zu werden. Er ist auf einem Handelsschiff in Richtung Osten unterwegs.«

»Das wussten wir bereits«, wies Pompeius ihn genervt zurecht.

»Inzwischen weiß ich, dass er nach Rhodos will.«

»Und was ist daran so wichtig?« Der Prokonsul war kurz davor, die Geduld zu verlieren. Der Tag war nicht gut gelaufen, und sein Vertrauter trug nicht dazu bei, ihn besser enden zu lassen.

»In der Region wurden zahlreiche Piratenschiffe gesichtet. Cäsar steckt in einer tödlichen Falle.«

»Na schön. So wie der Tag bisher gelaufen ist, lasse ich das als gute Nachricht gelten«, akzeptierte Pompeius. »Mal sehen, ob die Götter uns auf dem Meer gewogener sind als in diesem verdammten Hispanien.«

Er spuckte auf den Boden. Anschließend forderte er Wein und Kelche.

»Auf die Piraten!«, rief er aus, und beide leerten die Kelche mit großen Zügen. Nach einer Weile nahm Geminius das Gespräch wieder auf.

»Wir greifen Sertorius also nicht an, solange er diese Legion in unserem Rücken hat?«, wollte er wissen, denn er fragte sich, wie lange Pompeius untätig bleiben wollte.

»Nein. Wir warten.«

»Wenn der Prokonsul mir die Frage erlaubt: Worauf warten wir?«

»Du darfst fragen, Geminius, und ich antworte dir: Wir warten auf Metellus’ Ankunft. Sertorius liebt den langsamen Krieg. Schön, wir zeigen ihm, dass ich ebenfalls geduldig sein kann. Wir warten auf Metellus und seine Armee. Dann wird Sertorius es sein, der zwischen zwei Fronten steht. Mal sehen, was der Rebell dann macht.«

Auf dem Hügel bei Lauron

»Ein großer Sieg dank einer großartigen Strategie«, räumte Perperna ein, als er allein mit dem Anführer der Popularen war und die Zerstörung der Stadt betrachtete, die sich bis vor Kurzem noch so erfolgreich gewehrt hatte. »Aber zwei Dinge bereiten mir Sorgen …«

»Was denn?« Sertorius sah ihn aufmerksam an.