Rom bin ich - Santiago Posteguillo - E-Book
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Rom bin ich E-Book

Santiago Posteguillo

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Beschreibung

Die Anfänge einer bis heute faszinierenden Persönlichkeit, durch die die Welt eine andere wurde. Rom, 77 v. Chr. Dolabella, rechte Hand des einstigen Diktators Sulla, wird von den Makedoniern der Korruption, Erpressung und des Mordes beschuldigt. Der allmächtige Konsul wähnt sich sicher. Die besten Anwälte werden ihn verteidigen. Die 52 Senatoren des Gerichts sind allesamt korrupt und von ihm bestochen. Und zudem weiß er jeden aus dem Weg zu räumen, der sich ihm entgegenstellt. »Posteguillo beweist, wie spannend ein historischer Roman sein kann.« El País In Rom glaubt daher niemand, dass Dolabella verurteilt wird. Bis ein unbekannter Patrizier von gerade einmal 23 Jahren sich bereit erklärt, die Anklage zu übernehmen und der römischen Elite die Stirn zu bieten. Sein Name: Gaius. Als Julius Cäsar wird er in die Geschichte eingehen. M Mitreißendes Historien-Epos und Gerichtsdrama in einem – der große Bestseller aus Spanien.

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Seitenzahl: 772

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Über das Buch

Rom, 77 v. Chr. Korruption, Erpressung und Mord: Wegen all dieser Verbrechen soll Gnaeus Cornelius Dolabella, vormals rechte Hand des Diktators Sulla, vor Gericht gebracht werden. Schon von Beginn an hält ganz Rom diesen Prozess für verloren. Denn der allmächtige Konsul hat die Geschworenen in der Hand. Er hat die beiden besten Anwälte mit seiner Verteidigung beauftragt. Und er ist zudem dafür bekannt, jeden gewaltsam aus dem Weg zu räumen, der sich ihm entgegenstellt. Nur ein Verrückter konnte unter solchen Umständen das Amt des öffentlichen Anklägers übernehmen. Da, zur großen Überraschung aller, betritt ein junger Mann die politische Bühne, von dem bisher kaum jemand Notiz genommen hat. Er entstammt dem altrömischen Patriziergeschlecht der Julier und ist bereit, der römischen Elite die Stirn zu bieten, ist er doch fest davon überzeugt, dass sich die Dinge in Rom ein für alle Mal ändern müssen. Der Name des jungen Anwalts: Gaius. Als Julius Cäsar wird er in die Geschichte eingehen.

Santiago Posteguillo

Rom bin ich

Roman

Aus dem Spanischen von Carsten Regling

 

 

 

Für Elsa,

meine Tochter und mein Ein und Alles

»Der Feige stirbt schon vielmal, eh er stirbt,

die Tapfern kosten einmal nur den Tod.«

William Shakespeare, ›Julius Cäsar‹

Dramatis Personae

Gaius Julius Cäsar: Anwalt und Militärtribun

 

Julius Cäsars Familie

GAIUS JULIUS CÄSAR DER ÄLTERE: Julius Cäsars Vater und Prätor

AURELIA: Julius Cäsars Mutter

CORNELIA: Julius Cäsars Ehefrau und Tochter des Konsuls Lucius Cornelius Cinna

AURELIUS COTTA: Onkel mütterlicherseits von Julius Cäsar

JULIA DIE ÄLTERE: Schwester von Julius Cäsar

JULIA DIE JÜNGERE: Schwester von Julius Cäsar

MARCUS ANTONIUS GNIPHO: Julius Cäsars Tutor

 

Anführer und Senatoren der Optimaten

CICERO (MARCUS TULLIUS CICERO DER JÜNGERE): Anwalt und Senator

CRASSUS (MARCUS LICINIUS CRASSUS): junger Senator

DOLABELLA (GNAEUS CORNELIUS DOLABELLA): Senator und Statthalter Makedoniens

LUCULLUS (LUCIUS LICINIUS LUCULLUS): Proquästor im Orient

METELLUS (QUINTUS CAECILIUS METELLUS PIUS): Anführer der Optimaten

POMPEIUS (GNAEUS POMPEIUS): Richter und Senator

SULLA (LUCIUS CORNELIUS SULLA): römischer Diktator

THERMUS (MINUCIUS THERMUS): Promagistrat auf Lesbos

 

Anführer und Senatoren der Popularen

CINNA (LUCIUS CORNELIUS CINNA): Anführer der Popularen, Senator und Konsul, Cornelias Vater

FIMBRIA (GAIUS FLAVIUS FIMBRIA): Legatus

FLACCUS (VALERIUS FLACCUS): Konsul

GLAUCIA (GAIUS SERVILIUS GLAUCIA): Volkstribun und Prätor

LABIENUS (TITUS LABIENUS): Freund von Julius Cäsar, Militärtribun

MARIUS (GAIUS MARIUS): Anführer der Popularen, siebenmaliger Konsul, Onkel väterlicherseits von Julius Cäsar

SATURNINUS (LUCIUS APPULEIUS SATURNINUS): Volkstribun

SERTORIUS (QUINTUS SERTORIUS): Vertrauensmann von Gaius Marius und Anführer der Popularen

RUFUS (SULPICIUS RUFUS): Volkstribun

 

Makedonische Bürger

AEROPOS: Adliger, Vater von Myrtale

ARCHELAOS: junger Adliger

MYRTALE: junge Adlige, Aeropos’ Tochter

ORESTES: Adliger

PERDIKKAS: junger Adliger, Myrtales Verlobter

 

Militärführer auf Lesbos

ANAXAGORAS: Statthalter von Mytilene

PITAKKOS: zweiter Oberbefehlshaber in Mytilene

THEOPHANES: Anführer der lokalen Aristokratie von Mytilene

 

Weitere Personen

ACILIUS GLABRIO: Sullas Schwiegersohn

ANNIA: Cornelias Mutter

GAIUS VOLCATIUS TULLUS: römischer Zenturio

CLAUDIUS MARCELLUS: hoher römischer Offizier

CORNELIUS FAGITES: römischer Zenturio

EMILIA: Stieftochter von Sulla

HORTENSIUS: Anwalt

MARCUS: römischer Ingenieur

METROBIUS: Schauspieler

MITHRIDATES IV.: König von Pontos, erbitterter Feind von Rom im Osten

MUCIA: Händler von Gewürzen und anderen Substanzen in Rom

SEXTUS: Schiffskapitän

SOREX: Schauspieler

TEUTOBOD: König der Teutonen

VALERIA: Sullas Ehefrau

VETUS: römischer Ingenieur

 

Des Weiteren: praecones (Justizbeamte), Sklaven und Sklavinnen, atrienses (Aufseher des Atriums), Legionäre, römische Offiziere, pontische Offiziere, Wasseruhrensteller und anonyme römische Bürger.

Principium

Während sie ihr Kind sanft wiegte, sprach die Mutter zu ihm:

»Vergiss nie die Geschichte deiner Herkunft, den Ursprung der Julier, der Familie deines Vaters.

Ich, deine Mutter, entstamme dem uralten Geschlecht der Aurelier, dessen Name mit der Sonne verbunden ist. Durch unsere Heirat habe ich mein Blut mit dem deines Vaters vereinigt, dessen Familie, die Gens Iulia, das nobelste und außergewöhnlichste Patriziergeschlecht von ganz Rom ist.

Denn einst legte sich die Göttin Venus, verkleidet als Hirtin, zu dem trojanischen Prinzen Anchises, und aus dieser Verbindung ging Aeneas hervor. Als die Griechen Troja in Brand steckten, half sie ihrem Sohn zu fliehen, und mit ihm entkamen sein Vater, seine Gemahlin Krëusa und Askanios, sein kleiner Sohn. Anchises und Krëusa starben während der langen Irrfahrt, Askanios hingegen, hier in Rom Julus genannt, gelangte mit Aeneas nach Italien, wo er als erwachsener Mann die Stadt Alba Longa gründete. Viele Jahre später sollte eine direkte Nachfahrin unseres Stammesvaters, die wunderschöne Königstochter Rhea Silvia, dann vom Kriegsgott Mars höchstpersönlich besessen werden, woraufhin sie Romulus und Remus gebar, die Gründerväter dieser Stadt.

In unserer Welt, die nun auf deine ersten Schritte wartet, haben etliche Patrizier – vornehmlich Senatoren – in den letzten Jahren, in denen Rom immer weiterwuchs, gewaltige Vermögen angehäuft und halten sich daher für etwas Besonderes, ja geradezu für Erwählte der Götter. Sie glauben, sich alles erlauben zu können und über dem römischen Volk zu stehen, und auch über den socii, unseren italischen Bundesgenossen. Diese schändlichen Senatoren nennen sich selbst optimates, ›die Besten‹, aber, mein Sohn: Nur deine Familie stammt von Julus ab, allein durch deine Adern fließt göttliches Blut! Nur du bist etwas Besonderes, mein Kleiner, nur du.

Darum mögen Venus und Mars dich jeden Tag beschützen und dich leiten, sowohl im Frieden wie im Krieg. Denn du wirst viele Kriege erleben, mein Sohn. Das ist dein Schicksal. Und du wirst dann hoffentlich so stark sein wie Mars und so siegreich wie Venus. Denn vergiss nie, mein Sohn: Rom bist du.«

Wann immer sie allein mit ihm war, flüsterte Aurelia ihrem nur wenige Monate alten Sohn die Geschichte seiner Ahnen ins Ohr, als wäre es ein Gebet, und auf diese Weise drangen ihre Worte immer tiefer in den Verstand des Kleinen und begleiteten ihn fortan sein Leben lang. Aurelias Worte drangen in sein Inneres, blieben in seinem Gedächtnis, wie in Stein gemeißelt, und schmiedeten so das Schicksal von Gaius Julius Cäsar.

Proömium

2. und 1. Jahrhundert v. Chr.

Westlicher Mittelmeerraum

Roms Wachstum kannte keine Grenzen.

Seit dem Untergang des Karthagischen Reiches war Rom zur beherrschenden Macht aufgestiegen, die den gesamten westlichen Mittelmeerraum kontrollierte. Rom bestimmte über das Schicksal Hispaniens, Siziliens, Sardiniens, verschiedener Regionen Nordafrikas und ganz Italiens. Und nicht nur das, es begann auch begehrlich nach Norden zu schauen, nach Gallia Cisalpina, und ebenso nach Osten, nach Griechenland und Makedonien.

Diese immer gewaltigere Ausdehnung des Reiches füllte die Schatzkammern der Römischen Republik, doch die Verteilung von so viel Reichtum verlief nicht gerecht: Eine kleine Gruppe alteingesessener Patrizierfamilien rund um den Senat häufte Jahr für Jahr mehr Besitztümer an, während die überwältigende Mehrheit der Einwohner Roms und die Bauern der umliegenden Ortschaften nicht eingeladen waren zu diesem ungeheuren Bankett aus Reichtum und Macht. Die neuen Ländereien wanderten in die Hände einiger weniger Senatoren und Großgrundbesitzer, so wie auch all das Gold und Silber und die Sklaven.

So viel Ungleichheit löste natürlich innere Konflikte aus: Die Versammlung des römischen Volkes, angeführt von den Volkstribunen, stellte sich gegen den Senat und verlangte eine gerechtere Verteilung von Geld und Macht, Grund und Boden.

Einer dieser kühnen Männer war Tiberius Sempronius Gracchus. Nachdem der Enkel des legendären Scipio Africanus, dem Sieger über Hannibal, zum Volkstribun gewählt worden war, setzte er sich im Jahr 133 v. Chr. für weitreichende Landreformen ein, worauf der Senat gedungene Mörder aufhetzte, die ihn und viele seiner Anhänger am helllichten Tag auf dem Kapitol erschlugen. Seine Leiche warfen sie in den Tiber.

Zwölf Jahre später versuchte sein Bruder, Volkstribun Gaius Sempronius Gracchus, die Ackerreformen, die Tiberius angestoßen hatte, erneut in Gang zu setzen. Daraufhin verhängte der Senat zum ersten Mal einen Senatus consultum ultimum: den Staatsnotstand, mit dem die Senatoren ihre zwei Anführer, die Konsuln von Rom, ermächtigten, Gaius Gracchus verhaften und hinrichten zu lassen. 121 v. Chr. gelang es Gaius Gracchus zunächst zwar, zu fliehen; von Schergen der Konsuln und des Senats erbarmungslos verfolgt, befahl er aber schließlich seinem Sklaven, ihn zu töten, um seinen Feinden nicht in die Hände zu fallen. Und auch die nachfolgenden Volkstribune, die Reformen anstrebten, kamen nicht mit dem Leben davon: Sie alle wurden im Auftrag der machtbesessenen Senatoren ermordet.

Seit dieser Zeit war Rom in zwei unversöhnliche Lager gespalten. Die Befürworter der Gracchischen Reformen im Senat nannten sich populares, während die konservativen Kräfte, die ihre große Macht bewahren wollten, sich den Namen optimates, »die Besten«, gaben, da sie sich ihren Kontrahenten weit überlegen fühlten. Zu diesen zwei verfeindeten Gruppierungen kam bald noch eine dritte hinzu, die socii: die verbündeten italischen Städte und Völker, die sahen, wie Rom ohne ihre Mitsprache Entscheidungen traf, die verheerende Auswirkungen auf ihre Zukunft hatten, weshalb sie das römische Bürgerrecht und, damit verbunden, das Wahlrecht einforderten.

Im ersten Jahrhundert v. Chr. war Rom also nunmehr in drei Lager geteilt: Popularen, Optimaten und Socii. Zu der Zeit tauchte ein junger Römer in der politischen Kampfarena auf, der bemerkte, dass es noch eine vierte Gruppierung gab, die bisher keiner ernst genommen hatte: die Bewohner der neuen Provinzen, die Rom von Hispanien bis Griechenland, von den Alpen bis Afrika annektiert hatte.

Dieser junge Mann – von patrizischer Herkunft, aber offen gegenüber den Forderungen der Popularen und Socii – war fest davon überzeugt, dass sich die Dinge ein für alle Mal ändern mussten. Doch er war gerade einmal dreiundzwanzig Jahre alt, politisch unerfahren und ohne Allianzen. Kaum jemand nahm von ihm Notiz – bis zu einem Prozess im Jahr 77 v. Chr.

Wegen Korruption und Amtsmissbrauch während seiner Zeit als Statthalter wollten die Makedonier den mächtigen Gnaeus Cornelius Dolabella, vormals rechte Hand des grausamen Diktators und obersten Anführers der Optimaten Lucius Cornelius Sulla, unbedingt vor Gericht bringen.

Schon von Beginn an hielt man in Rom so einen Prozess für verloren. Gemäß Sullas Gesetz, das die Trennung zwischen Justiz und Senat aufgehoben hatte, standen dem Gericht zweiundfünfzig Senatoren vor, die von vornherein bereit waren, Dolabella zu entlasten, der zudem die beiden besten Anwälte jener Zeit, Hortensius und Aurelius Cotta, mit seiner Verteidigung beauftragt hatte. Nur ein Verrückter oder ein gänzlich naiver Mensch konnte unter solchen Umständen das Amt des öffentlichen Anklägers übernehmen.

Und so brach Dolabella auch nur in schallendes Gelächter aus, als er hörte, wer dies wagen wollte, und feierte weiterhin üppige Gelage in Erwartung seines Prozesses, den er entspannt und voller Selbstvertrauen bereits für gewonnen hielt.

Und der Name dieses jungen Anwalts?

Gaius Julius Cäsar.

IDER PROZESS PETITIO

Mittels der petitio ersucht ein freier Mann einen Anwalt, die Klage beziehungsweise die Verteidigung in einem Prozess zu übernehmen. Ist er kein Römer, muss er dafür jedoch einen römischen Bürger finden, insbesondere wenn er gegen jemanden einen Prozess anstrengen will, der ebenfalls das römische Bürgerrecht besitzt.

ICäsars Entschluss

77 v. Chr.

Domus der julischen Familie, Stadtviertel Subura, Rom

»Alle, die es versucht haben, sind tot. Du stürzt dich ins Verderben. Du darfst das Ansuchen dieser Gesandten auf keinen Fall annehmen. Das ist Selbstmord!«, erklärte Titus Labienus mit Nachdruck und voller Leidenschaft, um seinen Freund zu überzeugen, nicht den größten Fehler seines Lebens zu begehen. »Man kann diese Welt nicht verändern, Gaius, und um nichts anderes würde es bei diesem Prozess gehen! Muss ich dich an die Namen all derer erinnern, die umgekommen sind, weil sie den Optimaten die Stirn geboten haben? Und diese Senatoren werden ihre Vorherrschaft auch weiterhin verteidigen. Entweder schließt du dich den Mächtigen an, oder du hältst dich von ihnen fern, aber leg dich nie, hörst du, nie mit den Optimaten an! Das wäre dein sicherer Tod, das weißt du, Gaius.«

Cäsar hörte seinem Freund aus Kindertagen aufmerksam zu, denn er wusste, dass er aufrichtig zu ihm war. Während er über Labienus’ Rat nachdachte und grübelte, was er den Makedoniern, die ihn um Hilfe gebeten hatten, antworten sollte, ging er ein ums andere Mal um seine siebzehnjährige Gattin herum, die sich im Atrium zu ihnen gesellt hatte.

Cäsars Schweigen beunruhigte Labienus. Reichten seine mahnenden Worte nicht aus, um ihn zu überzeugen? Als er merkte, wie sein Freund Cornelia ein ums andere Mal umkreiste, ein Symbol dafür, welch zentrale Rolle sie und die Liebe zu ihr in Cäsars Leben spielte, kam ihm eine Idee.

»Cornelia, beim Herkules, du liebst doch deinen Mann! Sag ihm, dass er diesen Wahnsinn dir, deiner Mutter und eurer Familie zuliebe unterlassen soll! Dolabella ist unangreifbar. Gaius hat sein Leben schon riskiert, als er sich vor ein paar Jahren wegen dir Sulla widersetzt hat, aber wenn er sich jetzt mit dessen einst wichtigstem Handlanger anlegt, ist er ein toter Mann. Bei allen Göttern, rede es ihm aus!«

Cornelias Augen flackerten, da plötzlich hörten sie jemanden weinen, und Julia, ihre fünfjährige Tochter, kam ins Atrium gerannt, dicht gefolgt von einer Sklavin.

»Verzeiht, meine Herrin, verzeiht«, keuchte die Sklavin, »sie ist so flink.«

»Mama, Mama!«, rief das Mädchen und umklammerte die Knie ihrer Mutter.

»Ich bin gleich zurück«, erklärte Cornelia, während sie ihre Tochter resolut an die Hand nahm und zusammen mit der Sklavin hinausführte.

Cäsar schaute seiner Frau mit ernster Miene hinterher und nickte.

So stand Labienus wieder allein da mit der Aufgabe, seinen Freund davon abzuhalten, den unheilvollen Auftrag anzunehmen. Aber so schnell würde er sich nicht geschlagen geben, auch wenn die makedonischen Gesandten, die Cäsar als Anwalt beauftragen wollten, noch zugegen waren. Sie hatten sich als Perdikkas, Archelaos und Aeropos vorgestellt, und obwohl sie die Diskussion zwischen den beiden römischen Patriziern nicht zu unterbrechen wagten, sah er ihnen doch an, wie unbehaglich sie sich fühlten angesichts seiner Worte.

»Hör mir gut zu, Gaius«, fuhr Labienus fort. »Wenn du die petitio annimmst, wird man dich zuerst im Prozess fertigmachen und danach in irgendeiner dunklen Gasse, wenn nicht gar am helllichten Tag auf dem Forum ermorden. Es wäre nicht das erste Mal, dass so etwas passiert. Seit dem Tod deines Onkels Gaius Marius und Sullas Triumph gehen die Optimaten immer dreister vor. Sie fühlen sich mächtiger denn je. Sie sind mächtiger denn je. Darum hör, was ich dir sage: Selbst wenn das Unwahrscheinliche geschieht und das Gericht dich als Ankläger zulässt, hättest du es immer noch mit Cotta zu tun, deinem Onkel mütterlicherseits, den Dolabella als Verteidiger beauftragt hat. Willst du das wirklich? Deine Mutter zwingen, sich zwischen ihrem Bruder und ihrem Sohn entscheiden zu müssen?«

Abwehrend hob Cäsar die Hände und brachte seinen Freund damit zum Schweigen, während er nachdenklich das von Rissen durchzogene Bodenmosaik des Atriums betrachtete. Die Julier waren zwar ein altrömisches Patriziergeschlecht, doch seit dem Sturz seines Onkels väterlicherseits, dem großen Anführer der Popularen, war ihr Vermögen erheblich geschrumpft. Zu Zeiten seiner Diktatur hatte Sulla zahlreiche Güter der Julier beschlagnahmt, und so hatten sie jetzt nicht einmal mehr Geld, um dieses rissige Mosaik ausbessern zu lassen. Doch das war jetzt Cäsars geringste Sorge …

»Das ist es!«, rief er plötzlich.

In diesem Moment kehrte Cornelia ins Atrium zurück und nahm leise wieder ihre Position an der Seite ihres Mannes ein. Julia war etwas weinerlich gewesen, hatte sich aber trösten lassen. Cornelia wusste, dass die Kleine die angespannte Stimmung im Haus spürte. Es hieß, Kinder ahnen drohendes Unglück. War das so? Cornelias Gedanken wurden von der ernsten und festen Stimme ihres Mannes unterbrochen.

»Wie geht’s Julia?«

»Es ist alles in Ordnung, du musst dir keine Sorgen machen«, antwortete Cornelia schnell. Es war nicht der Moment, ihn unnötig zu beunruhigen. Es ging gerade um Wichtigeres als die Gefühlslage eines kleinen Mädchens.

»Was meinst du?«, ergriff Labienus energisch das Wort, um wieder auf ihr Gespräch zurückzukommen. Er hatte so viele Argumente vorgebracht, dass er keine Ahnung hatte, was sein Freund damit meinen könnte.

»Meine Mutter, Aurelia …«, antwortete Cäsar langsam, als wollte er so die Autorität betonen, die seine Mutter bei seinen Entscheidungen nach wie vor hatte, »was würde sie wohl für das Beste halten? Dass ich die Anklage in einem Prozess übernehme, in dem mein Onkel Cotta als Verteidiger fungiert, und es deshalb, wie du zu Recht sagst, zu einem ernsthaften Familienstreit kommen kann – oder dass ich mich nicht einmische, obwohl ich innerlich koche? Dolabella war einer von Sullas elenden Verbündeten. Und wenn nur die Hälfte von dem stimmt, was ich vorhin erfahren habe«, fügte er mit einem Nicken in Richtung der Makedonier hinzu, »hat er furchtbare Verbrechen begangen, die umso abscheulicher sind bei einem Senator, der eigentlich ein Vorbild sein sollte. Verbrechen, für die er bezahlen muss! Und Dolabella ist zudem unser entschiedener Feind. Nach all dem, was er uns angetan hat, indem er Sullas Beschlagnahmung unserer Güter unterstützt und davon profitiert hat – soll ich ihn davonkommen lassen, jetzt, wo ich die Chance habe, ihn öffentlich anzuklagen?«

»Du bist nicht beschlagen genug, um Cotta und Hortensius die Stirn zu bieten, dafür sind sie viel zu erfahrene Verteidiger. Und ebenso wenig wirst du es mit den Richtern aufnehmen können, die Dolabella garantiert bestochen hat«, wandte Labienus ein.

Die Bestechung von Richtern war in Rom gang und gäbe, wenn es sich bei dem Angeklagten um einen reichen und mächtigen Senator handelte. Erst recht, seitdem die Gerichte durch Sullas Justizreform ausschließlich mit Senatoren besetzt worden waren. Dolabella war Konsul gewesen, hatte die Thraker besiegt und im Zuge von Sullas Säuberungsaktionen großen Reichtum angehäuft. Und den makedonischen Gesandten zufolge hatte er als Statthalter ihrer Provinz seinen Reichtum noch einmal immens vergrößert, indem er dort öffentliche Gelder veruntreut und zusätzliche Steuern eingeführt hatte. Dolabella war also ein viel zu reicher Senator, als dass es die patres conscripti wagen würden, ihn zu verurteilen. Bei einem Prozess in Rom siegte am Ende immer das Geld. Die Schwere der Verbrechen spielte keine Rolle. Dass er abgesehen von diesem Amtsmissbrauch noch andere Verbrechen begangen hatte, war egal.

»Cornelia, bei allen Göttern, bei allem, was du liebst, hilf mir, deinen Mann davon abzuhalten, diese Verrücktheit zu begehen!«, wandte Labienus sich erneut an Cäsars Frau.

Schweigen trat ein. Diesmal tauchte kein kleines Mädchen auf, das Cornelia davor retten konnte, klar Stellung zu beziehen. Labienus wusste, dass ihre Meinung für Cäsar zählte. Sie betrachtete die Narbe an Labienus’ linker Wade, eine Wunde, die ihn für immer mit ihrem Mann verband und wegen der er ihrem Gatten endlose Treue schuldete. Sie widersprach Labienus nicht gerne, doch Cäsars Ansichten und seine Überzeugungen standen für sie über allem anderen.

»Was Gaius entscheidet …«, setzte sie an, »… was er entscheidet, wird das Richtige sein. Und ich werde ihn dabei wie immer unterstützen.« Sie sah Cäsar in die Augen. »So wie auch er immer zu mir gestanden hat.«

Die beiden Männer wussten, dass Cornelia auf einen Vorfall in der jüngeren Vergangenheit anspielte, bei dem Cäsars Liebe für sie auf grausame und unbarmherzige Weise auf die Probe gestellt worden war. Es war klar, dass sie nach seiner Auseinandersetzung mit Sulla keine weiteren Liebesbeweise von ihm brauchte.

»Du entscheidest, mein Gemahl«, wiederholte sie.

Cäsar nickte ihr dankbar zu. Er liebte Cornelia so sehr, dass sie ihn in die eine oder andere Richtung beeinflussen konnte. Ihre Neutralität gab ihm Handlungsfreiheit. Nur: Was sollte er tun? Die Argumente seines Freundes konnte er nicht einfach so beiseiteschieben: Diese öffentliche Klage zu übernehmen war Selbstmord und würde zu einer heftigen Auseinandersetzung innerhalb der Familie führen … Er stieß einen Seufzer aus.

»Rufen wir deine Mutter«, schlug Labienus vor, als er merkte, dass sein Freund weiter zauderte.

»Nein!«, widersprach Cäsar resolut und nahm unwillkürlich eine aufrechte Körperhaltung ein. »Wenn eines klar ist, dann, dass meine Mutter will, dass ich meine Entscheidungen alleine treffe, egal wie sehr ich sie respektiere und ihre Ratschläge schätze«, erklärte Cäsar. »Meine Mutter hat mich immer gelehrt, unabhängig zu sein. Und so wird es auch jetzt sein.«

Resigniert schüttelte Labienus den Kopf. Insgeheim hatte er gehofft, dass die ehrenwerte Aurelia Cäsar vielleicht noch davon abgebracht hätte, doch im Grunde wusste er, dass sie in diesem Moment genau das gesagt hätte: Cäsar solle selbst entscheiden. Die matrona wollte aus ihrem Sohn von jeher einen geborenen Anführer machen, jemanden, der vor nichts und niemandem den Kopf einzog, was seine junge Ehefrau ebenfalls verinnerlicht zu haben schien. Doch für Labienus konnte das nur in einer Katastrophe enden.

Julius Cäsar sah die Makedonier an.

»Warum ich?«

Die Repräsentanten der östlichen Provinz blickten sich an, bis ihr Ältester, Aeropos, sich zu einer Antwort entschloss.

»Wir wissen, dass der junge Cäsar sowohl dem schrecklichen Diktator Sulla entgegengetreten ist, als die meisten vor dessen Gewalt kapituliert haben, als auch Dolabella, der Makedoniens Gelder veruntreut und sich noch weit niederträchtigerer Schandtaten schuldig gemacht hat …« Aeropos musste schlucken, um nicht wieder daran denken zu müssen, was seiner Tochter Myrtale angetan worden war. »Dolabella war mit dem gefährlichen Sulla befreundet und im Krieg und bei der Unterdrückung seiner Gegner in Rom dessen rechte Hand. Nur jemand, der in der Vergangenheit keine Angst vor Sulla hatte, ist fähig, Dolabella entgegenzutreten. Darum sind wir gekommen, um Cäsar zu bitten, dass er unser Anwalt wird. Dem römischen Gesetz nach kann nur ein römischer Bürger einen anderen römischen Bürger vor Gericht bringen. Und ich glaube nicht, dass wir einen anderen Römer finden werden, der so mutig ist wie er.«

Labienus trat einen Schritt vor, um den makedonischen Gesandten zu unterbrechen.

»Gaius, in einigem stimme ich mit dem Makedonier überein: Dolabella ist grausam und gefährlich. Und ja, du hast Sulla vor ein paar Jahren die Stirn geboten – es hat dich damals aber auch fast das Leben gekostet. Die Götter waren auf deiner Seite, aber ich glaube nicht, dass es klug ist, noch einmal aufs Ganze zu gehen. Ich weiß, du glaubst, dass Venus und Mars dich allzeit beschützen, aber ich flehe dich an, stell sie nicht noch einmal auf die Probe.«

Gespannte Stille breitete sich im Atrium aus.

Keiner rührte sich.

Nach einer Weile hob Cäsar den Kopf, holte tief Luft, sah kurz seinen Freund und dann die makedonischen Gesandten an.

»Ich werde euer Anwalt sein. Ich werde Ankläger in diesem Prozess sein.«

Resigniert schüttelte Labienus den Kopf, während Cornelia schicksalsergeben die Augen schloss und im Stillen die Götter anflehte, ihren Mann zu beschützen.

Die Makedonier verbeugten sich höflich zum Zeichen des Dankes und verabschiedeten sich dann schnell, nachdem sie einen Sack voll Geld als Anzahlung vor Cäsars Füße gestellt hatten. Nicht dass die Gesandten es eilig gehabt hätten, es war eher so, dass sie befürchteten, Cäsar könne es sich noch einmal anders überlegen. Wie alle in der großen Stadt am Tiber hatten auch sie so gut wie keine Hoffnung, den Prozess tatsächlich zu gewinnen, aber falls dem so wäre, gäbe es danach immer noch einen anderen Weg, sich an ihrem ehemaligen Statthalter zu rächen: Dolabella würde auf jeden Fall sterben für das, was er ihnen angetan hatte, egal, wie viele Menschen dabei ums Leben kamen, vielleicht sie alle und auch der junge Anwalt, der sich bereit erklärt hatte, den Prozess anzustrengen. Es war ihnen egal. Die Makedonier würden bis zum Tod kämpfen.

Nachdem sie allein waren, stieß Labienus, der von tiefer Mutlosigkeit erfasst war, einen Seufzer aus.

Julius Cäsar blickte zu Boden. Die Entscheidung war gefallen. Nur: Was würde seine Mutter dazu sagen? Es war das Einzige, was ihn in diesem Augenblick interessierte. Er dachte an das, was seine Mutter ihm einmal von den Ereignissen von vor zweiundzwanzig Jahren erzählt hatte, als er kaum älter als ein paar Monate gewesen war. Würde sich die Geschichte wiederholen, diesmal mit ihm als Opfer des ewigen Streits zwischen Optimaten und Popularen? Würde er genauso enden wie die anderen?

Da spürte er die weichen Arme seiner Frau, die ihn von hinten umarmte.

Cäsar schloss die Augen und überließ sich ganz ihrer Liebkosung.

MEMORIA PRIMAAURELIA

IISenatus consultum ultimum

99 v. Chr.

Domus der julischen Familie, Rom

Es waren Wahlzeiten. Zeiten der Gewalt. Brutalität, Wahnsinn und Tod griffen um sich, als der Moment bevorstand, die Männer zu wählen, die die wichtigsten Ämter der Republik bekleiden sollten: Konsuln, Volkstribune und Prätoren.

Aurelia wiegte ihren nur wenige Monate alten Säugling nervös in den Armen. Der kleine Gaius war den ganzen Nachmittag still gewesen, doch bei dem Geschrei, das aus dem Atrium herüberdrang, war er aufgewacht und hatte zu weinen begonnen. Aurelia war außer sich. Ihr Sohn war ein sehr unruhiges Kind und schlief schlecht, daher brauchte er unbedingt Ruhe, um wieder einschlafen zu können. Sie wusste von den Wahlen und den außer Kontrolle geratenen politischen Spannungen, die Rom in Atem hielten, doch das Einzige, was für Aurelia in diesem Moment zählte, war der Schlaf ihres Jüngsten.

»Nimm ihn«, befahl sie daher der Amme und legte das Kind vorsichtig in deren Arme. »Versuch, ihn zu beruhigen, während ich dafür sorge, dass diese Hitzköpfe Ruhe geben. Oder zumindest nicht mehr so brüllen.«

Entschlossenen Schrittes eilte Aurelia durch die Flure des domus der julischen Familie, die jetzt auch ihre Familie war, seit sie Gaius Julius Cäsar geheiratet hatte. Aufgebracht, wie sie war, wollte sie ins Atrium stürmen und ihren Mann und seine Freunde zur Rede stellen, als sie in dem Lärm die Stimme ihres Schwagers Gaius Marius heraushörte.

Abrupt hielt sie inne und spitzte die Ohren.

Zum ersten Mal, seit sie ihn kannte, klang er äußerst angespannt. Marius war bereits sechsmal zum Konsul gewählt worden, davon fünfmal nacheinander, obwohl die Gesetze das nicht vorsahen. Wenn so jemand, der aus Dutzenden von Schlachten gegen feindliche Barbaren siegreich hervorgegangen war, Angst zeigte, musste etwas Schlimmes passiert sein.

»Saturninus und Glaucia haben den Verstand verloren!«, hörte sie den erfahrenen Konsul jetzt brüllen.

Aurelia presste die Lippen aufeinander. Saturninus und Glaucia waren die derzeitigen Volkstribune. Und Tribune außer Kontrolle … So etwas endete immer in einer tödlichen Auseinandersetzung mit dem Senat, in Aufruhr, Unruhen und Blut auf Roms Straßen.

Sie holte tief Luft und betrat das Atrium.

»Wieso haben Saturninus und Glaucia den Verstand verloren?«

Ohne die Anwesenden angemessen zu begrüßen, schritt sie auf ihren Mann zu und streifte kurz seinen Arm.

»Ihr habt Gaius mit eurem Geschrei aufgeweckt. Ich hoffe, ihr habt einen triftigeren Grund, den Schlaf meines Sohnes zu stören, als eure ständigen politischen Streitgespräche.«

»Das ist keine unserer ständigen Diskussionen, Aurelia, und überhaupt …«, erwiderte Julius Cäsar der Ältere, während er sie vorwurfsvoll ansah, weil sie Marius und ihn nicht mit dem gebotenen Respekt begrüßt hatte.

»Gaius Marius weiß, dass er hier immer ein gern gesehener Gast ist«, unterbrach sie ihn mit erhobenem Haupt. »Und als exzellenter Feldherr, der er ist, weiß er es gewiss zu schätzen, wenn ich direkt zur Sache komme. Ist es nicht so, clarissimus vir?«, bemerkte sie mit einem leichten Lächeln in Richtung ihres Schwagers.

Tatsächlich redete der Konsul von Rom nicht gern um den heißen Brei herum. Dem Sieger über Jugurtha in Afrika und die Kimbern und Teutonen in Germanien gefiel die Frau, die sein Schwager geheiratet hatte. Aurelia war nicht nur attraktiv, sondern auch äußerst intelligent; er war sich sicher, dass aus ihr ein großartiger Legionär geworden wäre, wäre sie keine Frau gewesen.

»Du darfst ihr nicht zürnen, verehrter Schwager. Wir kennen uns doch alle schon lange«, sagte er in freundlichem Ton zu Julius Cäsar und wandte sich dann an Aurelia. »Das heute ist was anderes als unsere üblichen Debatten: Saturninus und Glaucia haben Memmius umbringen lassen, den Statthalter von Makedonien, der für das Amt des Konsuls kandidiert hatte.«

»Deine Verbündeten haben also Gewalt mit Gewalt beantwortet.«

Aurelia ließ sich auf einem Speisesofa nieder und bedeutete Marius und ihrem Gatten, es ihr gleichzutun. Und nachdem es sich die beiden Männer auf den Speisesofas bequem gemacht hatten, befahl sie dem atriensis mit einem Wink, sie mit Wein und Essen zu bewirten. Aurelia vertraute darauf, dass sich die Gemüter der beiden Männer, wenn sie erst einmal aßen und tranken, beruhigen würden und ihr Sohn, sobald sie sich leiser unterhielten, wieder einschlafen konnte.

»Gewalt mit Gewalt, so ist es …« Gaius Marius nickte. »Nur: Wenn es um Gewalt geht, ist der Senat immer in der stärkeren Position.«

»Dann sollten Saturninus und Glaucia sich also ernsthaft Sorgen machen, weil sie für Memmius’ Ermordung verantwortlich sind, nicht wahr?«, sagte Aurelia, bevor sie ihn aufforderte, den Wein zu kosten, den die Sklaven blitzschnell gebracht hatten. Kam man ihren Wünschen nach, war Aurelia eine großzügige domina, doch wenn ein Sklave seine Aufgaben nicht ordentlich erfüllte, konnte sie ihrer Wut in Form von Peitschenhieben freien Lauf lassen, die der Aufseher der Sklaven auszuteilen hatte.

Marius nahm einen großen Schluck Wein und holte tief Luft. Für eine ausführliche Erklärung hatte er heute nicht viel Zeit, denn er musste unverzüglich eine Entscheidung auf Leben und Tod treffen. Andererseits war ein Haus, wo man in Ruhe reden konnte und unterstützt wurde, in Zeiten des permanenten politischen Verrats eine Wohltat, die der Konsul außerordentlich zu schätzen wusste. Er unterhielt sich gern mit Gaius Julius Cäsar und dessen Frau. Sein Bruder – ein zurückhaltender, wenig ehrgeiziger Mann, was in Rom äußerst selten war – konnte gut zuhören, und sein Rat brachte Marius oft weiter.

Er stellte das Glas ab und beschloss, die neuesten Entwicklungen in Rom zusammenzufassen, damit sich auch Aurelia am Gespräch beteiligen konnte.

»Wie ihr wisst, setzte mir der Senat nach meiner Rückkehr aus Germanien schwer zu. Wegen meiner Siege über die Kimbern und Teutonen und zuvor über Jugurtha in Afrika hatten die Senatoren begonnen, mich zu fürchten, weshalb die Optimaten versuchten, mich im Senat zu isolieren. Daher verbündete ich mich mit Lucius Appuleius Saturninus und Gaius Servilius Glaucia aus dem Lager der Popularen, und so konnten wir wichtige Schlüsselpositionen in der Republik besetzen: Glaucia wurde zum Prätor, Saturninus zum Volkstribun und ich zum sechsten Mal zum Konsul gewählt.

Saturninus und Glaucia unterstützten mich dabei, ein Agrargesetz durchzusetzen, wodurch die Veteranen meiner Legionen Land erhielten, einige nördlich des Po, andere in Afrika. Das sorgte zunächst für Unzufriedenheit unter unseren verbündeten Socii, da sie das Land nördlich des Po für sich beanspruchten, weil sie es vor den Invasionen der Kimbern und Teutonen bewohnt hatten. Saturninus, Glaucia und mir gelang es daraufhin, die Italiker zu besänftigen, indem wir ihnen eine Ansiedlung in den neuen Kolonien Sizilien und Makedonien versprachen – was aber wiederum die römischen Bürger nervös machte, da sie die Ansicht vertraten, dass darauf nur Römer Anrecht hatten. Und um die Plebs zu besänftigen, beschlossen Glaucia, Saturninus und ich deshalb, an die römische Bevölkerung Weizen zu einem festgesetzten, niedrigen Preis zu verteilen.

Meine Veteranen, die Rom mit so viel Leidenschaft und Mut vor den Barbaren verteidigt haben, die Plebs und die Italiker: Durch unseren Pakt haben wir ein kompliziertes Gleichgewicht erreicht, bei dem letztlich alle gewonnen haben.«

»Alle … außer den Optimaten«, merkte Aurelia treffend an.

Marius nickte.

»So ist es«, bestätigte er und lächelte zufrieden, weil seine Schwägerin so schnell begriffen hatte. »Den Optimaten ist die Umverteilung des Reichtums ein Dorn im Auge, aber weil das Volk und die Italiker auf unserer Seite sind, haben sie bisher gezögert, offen gegen uns Popularen vorzugehen, wie sie es in der Vergangenheit getan haben – damals, als der Senat sich der Gracchus-Brüder entledigte. Saturninus und Glaucia halten die Zurückhaltung des Senats allerdings irrtümlicherweise für Schwäche, weshalb sie jetzt, wo die Konsulwahlen anstehen, jemanden zur Ermordung von Memmius angestiftet haben …«

»Dem Kandidaten der Optimaten«, sagte Aurelia.

»Ja, dem Kandidaten der Optimaten«, bestätigte Gaius Marius. »Angesichts dieses Mordes hat der Senat sich nun zum Handeln entschlossen, und nicht nur, dass seine Mörderbanden jetzt überall in der Stadt Stellung beziehen, er hat auch einen senatus consultum ultimum verhängt.«

Schweigen trat ein.

»Als der Senat den Mord an Gaius Gracchus anordnete, einem der ersten Volkstribunen, der sich ihnen widersetzte, hatten da die Senatoren nicht auch vorher den Staatsnotstand ausgerufen?«, fragte Aurelia leise.

»So ist es«, bestätigte ihr Mann, während Gaius Marius gesenkten Blickes nach einem Stück Käse griff.

»Das heißt, in diesem Fall«, fuhr Aurelia fort, »geht es darum, Glaucia und Saturninus zu töten?«

Julius Cäsar nickte wortlos.

»Und wenn der Senat einen senatus consultum ultimum verhängt, wen bevollmächtigt er dann mit der Ausführung?«, fragte Aurelia. »Wen hat der Senat zum Vollstrecker bestimmt?«

Diesmal antwortete ihr Mann nicht und beschränkte sich darauf, seinen Bruder anzusehen. Gaius Marius richtete sich auf dem Speisesofa auf.

»Mich, in meiner Eigenschaft als römischer Konsul«, bestätigte er.

»Sie waren deine Verbündeten«, bemerkte Aurelia leise.

»Ja, das waren sie … aber den Mord an Memmius haben sie ohne mich beschlossen«, entgegnete Marius wütend.

»In der Tat«, sagte Aurelia verständnisvoll, »aber wahrscheinlich haben sie es nicht getan, weil sie wussten, dass du höchstwahrscheinlich dagegen gewesen wärst.«

»Ohne jeden Zweifel«, antwortete Marius. »Weil eine solche Machtprobe ein Riesenfehler ist: Saturninus und Glaucia glauben, dass die Optimaten am Ende sind, ich hingegen denke, dass sie nur klug abgewogen haben, wann die Zeit reif ist, um zum Gegenangriff überzugehen. Um die volle Macht wiederzuerlangen, versuchen sie bei den Wahlen Volkstribunen und Prätoren ihres Vertrauens durchzusetzen, die sich nicht für die Neuverteilung von Land, Reichtum oder Bürgerrechten einsetzen, und mich auf diese Weise zu isolieren, bevor man mir den endgültigen Schlag versetzt. Im übertragenen und im wörtlichen Sinn.

In ganz Rom wimmelt es derzeit von Schergen des Senats. Noch kann ich mich frei bewegen, weil ich von meinen Kriegsveteranen eskortiert werde und die Optimaten vermutlich erst mal schauen wollen, ob ich weiterhin zu Saturninus und Glaucia stehe und sie als Konsul beschütze – oder ob ich mich auf die Seite der Optimaten schlage und dem von ihnen verhängten senatus consultum ultimum Folge leiste. Und deshalb bin ich hier. Denn meine Entscheidung wird meine gesamte Familie betreffen. Wenn ich nicht auf den Senat höre, werden seine Häscher hinter mir her sein, womöglich auch hinter meiner Familie und meinen Freunden … und ich habe nicht genug Gefolgsleute, um alle zu beschützen.«

Erneut trat angespannte Stille ein. Mit einem Seufzer erhob Marius sich von seinem Speisesofa und begann, unruhig im Atrium auf und ab zu gehen.

»Sulla …«, murmelte Marius nach einer Weile, als spräche er mit sich selbst. »Ich bin mir sicher, er steckt dahinter. Was für ein geschicktes Manöver … Ich hätte nicht gedacht, dass er so weit geht, aber jetzt begreife ich: Er will sich zum Führer der Optimaten aufschwingen und Quintus Caecilius Metellus und seinen Leuten, die immer auf der Suche nach Senatoren sind, die mir die Stirn bieten, sein Können beweisen.«

»Aber Sulla hat doch unter dir gedient«, warf Aurelia ein. »In Afrika, als Quästor, und danach unter deinem Befehl gegen die Barbaren im Norden.«

Marius blieb stehen und sah sie an.

»Du hast ein gutes Gedächtnis. Sulla war ein guter und schlauer legatus. Danach hat er sich allerdings angemaßt zu behaupten, alle Triumphe wären sein Verdienst. Er benahm sich immer unverschämter gegenüber meinen Vertrauten und mir. Deshalb habe ich ihm meine Unterstützung verweigert, als er Prätor werden wollte, und stattdessen Glaucia ermuntert, sich für das Amt zu bewerben, während ich Konsul wurde und Saturninus Volkstribun. Seitdem wiegelt Sulla den Senat ständig gegen mich auf. Trotzdem hätte ich nie gedacht, dass er dazu fähig wäre, die Optimaten zu einem senatus consultum ultimum anzustacheln.«

»Saturninus’ und Glaucias Tat wird die brutale Seite in ihm geweckt haben«, bemerkte Aurelia. »Gewalt mit Gewalt vergelten: Das Dekret ist die Antwort auf Memmius’ Ermordung.«

»Zweifellos.« Marius runzelte die Stirn. »Aber da muss noch etwas anderes dahinterstecken …«

Er verstummte, um seine Gedanken zu ordnen.

»Beim Jupiter!«, rief er schließlich. »Jetzt wird mir alles klar: Der junge Dolabella ist dafür verantwortlich!«

»Dolabella?«, fragten Aurelia und Julius Cäsar wie aus einem Munde. Der Name sagte ihnen nichts.

Marius hielt kurz inne und nickte dann.

»Ah, stimmt, den kennt ihr natürlich nicht. Gnaeus Cornelius Dolabella hat einen noch ziemlich blassen cursus honorum und sich bisher auch nicht durch sonst irgendeine beachtliche Leistung hervorgetan. Aber der junge Patrizier macht sich gut im Senat; ich habe ihn dort schon häufiger neben Sulla sitzen und ihn zu seinen Schmähreden vor dem Senat anstacheln sehen. Er füttert Sullas Ego und hat ihn dazu ermuntert, den Schritt zu machen, den er sich bisher noch nicht getraut hat: seinen Weg an die Spitze der Optimaten in Angriff zu nehmen. In den letzten Jahren haben die Meteller die Optimaten angeführt, aber sie sind müde, und viele halten sie für unfähig, mir die Stirn zu bieten. Und so hat Sulla den senatus consultum ultimum gegen Saturninus und Glaucia bewirkt, um mich in diese komplizierte Lage zu bringen. Auf die Weise rächt er sich an mir. Ich wusste, dass ich mich früher oder später gegen ihn zur Wehr setzen muss, aber ich hätte nicht gedacht, dass es so schnell dazu kommen würde …«

Marius verstummte. Gaius Julius Cäsar der Ältere blickte stirnrunzelnd zu Boden, weil er nicht wusste, was er ihm raten sollte.

Im Atrium war es totenstill.

»Was … was für eine Entscheidung willst du nun treffen?«, wagte Aurelia schließlich zu fragen, korrigierte sich aber sofort nach einem Blick in die Augen ihres Schwagers. »Du hast sie schon getroffen, deshalb bist du hier. Du bist gekommen, um uns zu warnen.«

»So ist es«, bestätigte Marius. »Ich werde Saturninus und Glaucia verhaften. Der senatus consultum ultimum und die Schwere ihres Verbrechens, die Ermordung eines Kandidaten für das Amt des Konsuls, lassen mir keine andere Wahl. Aber ich werde sie nicht ermorden lassen. Meine Veteranen sollen sie erst mal festsetzen, und dann werde ich versuchen, einen Prozess gegen sie anzustreben. Keine Ahnung, wie das enden wird, aber uns erwarten unruhige Zeiten. Ihr müsst auf euch aufpassen. Und solange ich noch kann, werde ich ein paar Männer vor eurem Haus postieren.«

Der Konsul erhob sich.

»Ich danke dir, Marius«, sagte Gaius Julius Cäsar der Ältere und erhob sich nun ebenfalls. »Im Namen unserer Familie.«

»Seid vorsichtig«, antwortete der Konsul, während seine Gastgeber ihn zur Tür begleiteten. »Ich werde Sulla die Stirn bieten. Das ist meine Pflicht, da seine Popularität unter meinem Befehl zu wachsen begann. Ich werde alles tun, um seinen maßlosen Ehrgeiz zu zügeln. Dieser Dolabella aber, der ihn aufhetzt, der ist aus einer anderen Generation … Ich frage mich, wer ihm entgegentreten wird, wenn eines Tages weder ich noch Sulla mehr unter den Lebenden weilen werden.«

Im selben Augenblick hörten sie ein Weinen aus Aurelias Gemächern.

»Dein Neffe Gaius«, rief Aurelia und wandte sich zum Gehen. »Ich muss mich um ihn kümmern.«

Marius beschränkte sich auf ein Lächeln. In diesem Moment ahnte keiner von ihnen irgendeinen Zusammenhang.

IIIDer Volkstribun

99 v. Chr., in derselben Nacht

Kapitolinischer Hügel, Rom

»Du elender Verräter!«, brüllte Lucius Appuleius Saturninus, während ihn Marius’ Veteranen umringten, um den senatus consultum ultimum zu vollstrecken.

Marius hätte auf die triumviri nocturni, die städtischen Nachtwächter, zurückgreifen können, die ihm als Konsul zu Treue verpflichtet waren, doch in diesen Zeiten der wechselnden Loyalitäten vertraute er nur seinen altgedienten Legionären.

Marius’ erfahrene Soldaten, kampferprobt in Dutzenden von Schlachten gegen die Numider, die Kimbern, die Teutonen und andere kriegerische Völker, hatten schnell den Widerstand von Saturninus’ Gefolgsleuten gebrochen, die rund um den Jupitertempel postiert waren, in den der Volkstribun geflüchtet war. Diese waren zwar gut darin, einen unbewaffneten Mann in einer dunklen Gasse zu Tode zu prügeln, wie sie es mit dem Senator Memmius getan hatten, doch im Kampf gegen ehemalige, an die Grausamkeit des Krieges gewöhnten Legionäre waren sie nicht viel wert.

»Ich bin kein Verräter«, entgegnete Gaius Marius ruhig, während er ihn packte, um ihn aus dem Tempel abzuführen. »Und, bei Castor und Pollux, auch nicht verrückt wie du und Glaucia.«

»Ich habe dir geholfen, das Land für deine Veteranen zu bekommen, die dir überallhin wie Wachhunde folgen … Auf diese Weise zahlst du mir das zurück?«

»Und ich habe dir und Glaucia geholfen, zum Volkstribun und Prätor gewählt zu werden«, erwiderte Marius. »Wir haben alle drei von unserem Bündnis profitiert. Aber einen Senator, einen Kandidaten der Optimaten für das Amt des Konsuls umzubringen geht zu weit! Ein paar Ländereien umzuverteilen, den Italikern mehr Rechte einzuräumen oder in die Staatskasse zu greifen, um günstigen Weizen für die Bürger Roms zu bekommen, ist das eine, aber einen tödlichen Kampf gegen die Senatoren zu entfesseln ist weder klug noch war es Teil unseres Pakts.«

»Du bist also einer von ihnen«, schleuderte Saturninus ihm verächtlich entgegen.

Gaius Marius zuckte nur mit den Schultern. Er war solche Anschuldigungen gewohnt. Da er stets zwischen den Interessen der Popularen und denen der Optimaten lavierte, beschuldigten ihn mal die einen, mal die anderen, für alle Missstände in Rom verantwortlich zu sein. Er zog jedes Schlachtfeld diesen blutigen Machtkämpfen vor, brutalen, von grenzenloser Gewalt geprägten Streitigkeiten, in denen er, mehr Soldat als Politiker, sich noch nie richtig wohlgefühlt hatte.

Die Leichen der Getreuen des Volkstribuns hinter sich lassend, machte er sich mit dem Gefangenen und seinen Männern auf den Weg vom kapitolinischen Hügel zum Forum Romanum hinab, während sie überall die Anwesenheit der Schergen spürten, die im Sold der Optimaten standen: Auftragsmörder, die sie aus den dunkelsten Ecken des nächtlichen, nur spärlich von Fackeln beleuchteten Roms beobachteten, einer Stadt, die Marius gefährlicher erschien als der feindlichste germanische Wald.

»Du begreifst es nicht«, wandte sich Marius mit leiser Stimme an den Tribun, ohne seinen Schritt zu verlangsamen. »Wenn ich dich nicht verhaftet hätte, hätte der Senat jemanden geschickt, der dir weit weniger wohlgesonnen wäre. Ohne mich wärst du durch die Hand eines dieser Schurken, die uns hier überall belauern, ums Leben gekommen. Dank mir wirst du aber einen gerechten Prozess bekommen.«

Saturninus lachte sarkastisch auf.

»Einen gerechten Prozess? In Rom?«

»Du hast recht, beim Herkules«, gab Marius zu. »Das wird schwer. Aber bis dahin gewinnen wir kostbare Zeit und können einen Ausweg verhandeln.«

Saturninus schüttelte den Kopf.

»Selbst wenn du mir wirklich helfen willst: Der Senat verhandelt nicht. Nur du willst das einfach nicht begreifen, weil du keine große Ahnung von Politik hast. Der Senat steckt Niederlagen ein oder er teilt aus. Dazwischen gibt es nichts. Ich lag falsch mit meiner Annahme, die Optimaten seien geschwächt, aber eines war mir von jeher klar: Die Optimaten verhandeln nicht. Entweder vernichtet man sie, oder sie vernichten ihre Gegner, wie sie es seit den Gracchen tun. Glaubst du etwa, du bist außer Gefahr, weil du dich an den senatus consultum ultimatum hältst? Täusch dich da mal nicht: Erst werden sie mich und Glaucia fertigmachen, aber am Ende bist du genauso dran. Sie haben zum Angriff geblasen und streben einen Senat an, der allein aus Optimaten besteht. Sie wollen keine Senatoren mehr, die mit dem Volk oder den Italikern verhandeln, keine Popularen mehr in der Curia. Sie wollen jetzt alles für sich: Sklaven, Land, Macht.«

Saturninus’ Worte ließen Marius verstummen. Ein paar Minuten herrschte angespanntes Schweigen, das ihnen ewig vorkam, nervös, wie sie waren, angesichts eines möglichen Hinterhalts, bevor sie das Forum Romanum erreicht hätten. Beide wussten um die Schlagkraft von Marius’ Veteranen, aber sie wussten auch, wie unbarmherzig und brutal die Schergen der Optimaten waren, unter denen sich ehemalige Gladiatoren und Legionäre befanden, für deren Sold die Meteller oder, wer weiß, Sulla, Dolabella und andere aufkamen.

»Wohin bringst du mich?«, fragte Saturninus schließlich. »Gleich zum Tarpejischen Fels? Oder wirfst du mich ins Tullianum, damit ich dort verhungere und verfaule? Bin ich dein neuer Jugurtha?«

Die Anspielung auf den besiegten König der Numidier in Afrika, den Marius während seines Triumphzugs durch die Straßen Roms schleifen ließ und anschließend in das Gefängnis auf dem Forum sperrte, verriet, wie wenig Saturninus auf das Wort des Konsuls gab, dafür zu kämpfen, dass er den senatus consultum ultimum überlebte.

»Ich setze dich in der Curia Hostilia fest«, antwortete Marius, »nicht im Tullianum.«

»Dem Versammlungsort des Senats … ich muss zugeben, das ist schlau«, erwiderte Saturninus mit einem zögerlichen, leicht traurigen Lächeln, das Ergriffenheit und Traurigkeit erahnen ließ; vielleicht wollte Marius ihm doch helfen. »Aber ich bezweifle, dass sie das aufhält, die stecken auch die Curia in Brand, wenn sie damit den für sie gefährlichsten Volkstribun seit Gaius Gracchus loswerden können.«

»Ich glaube nicht, dass sie das ihren Schergen erlauben«, wandte Marius ein. »Die Curia hat für die Senatoren große symbolische Bedeutung: Den Sitz des Senats niederzubrennen wäre ein schlechtes Vorzeichen, und zudem würde es die Optimaten verzweifelt, schwach und zu allem bereit wirken lassen. Jeden anderen Ort würden sie gewiss in Brand setzen, wahrscheinlich auch Tempel, mit Ausnahme dem der Vesta, denn das wäre ein Sakrileg. Deshalb ist die Curia Hostilia heute Nacht der einzige sichere Ort für dich.«

Sie blieben vor den schweren Bronzetüren stehen. Trotz der Dunkelheit spendeten die Fackeln der Veteranen genug Licht, um das große Gemälde zu erkennen, das das comitium gegenüber der Curia Hostilia zierte. Marius betrachtete es einen Augenblick lang. Das riesige Wandbild am Gebäude der Volksversammlung zeigte Szenen vom Sieg des legendären Valerius Maximus Messalla gegen die Karthager und Hieron II. während des ersten Punischen Krieges auf Sizilien, nach außen hin eine gigantische Zurschaustellung der Macht Roms über andere Völker und Territorien, während sich im Inneren des Reiches die ersten Risse zeigten; wie eine große prächtige Frucht, die von innen heraus verfaulte.

Der Konsul stieß einen Seufzer aus.

»Öffnet die Türen!«, befahl er seinen Getreuen, bevor er sich an Saturninus wandte: »Meine Männer werden dich beschützen. Vertrau mir, ich sorge dafür, dass du einen Prozess bekommst und der senatus consultum ultimum für ungültig erklärt wird.«

»Wie willst du das erreichen? Du hast doch nichts in der Hand«, entgegnete der Volkstribun verzweifelt. »Kämpfen oder sterben, darum geht es, und wenn du …«

»Wir haben Metellus«, unterbrach Marius ihn.

»Metellus?«, schrie Saturninus auf, wütend und voller Hass. »Das niemals, beim Jupiter!«

»Schließt die Türen!«, war Marius’ einzige Antwort, und seine Veteranen drückten die schweren bronzenen Flügel zu.

Fluchend blieb Saturninus im Senatsgebäude zurück. Allein in der nur spärlich von ein paar Fackeln beleuchteten Curia Hostilia dachte der Volkstribun voller Ironie, dass derselbe Ort, an dem sein Todesurteil beschlossen worden war, jetzt die einzige sichere Zufluchtsstätte in ganz Rom für ihn war.

IVEin unmögliches Unterfangen

99 v. Chr., dieselbe Nacht

Domus der julischen Familie, Rom

Im Atrium des Hauses empfingen ihn Julius Cäsar und Aurelia sowie deren junger Bruder Gaius Aurelius Cotta, der die Julier in dieser gewalttätigen Nacht, in der man sich möglichst im Kreis der Familie aufhielt, aufgesucht hatte.

»Was ist passiert?«, fragte Julius Cäsar besorgt, während er Marius einlud, es sich wieder auf einem Speisesofa bequem zu machen.

Marius schüttelte den Kopf.

»Dafür bleibt mir keine Zeit; nicht in dieser Nacht. Ich bin nur gekommen, um euch zu sagen, wie ernst die Lage ist und dass ihr Fenster und Türen verbarrikadieren solltet. Es wird Blut fließen. Ich werde versuchen, dass nicht alles in einem riesengroßen Gemetzel endet, aber ich weiß nicht, ob mir das gelingen wird.«

»Du wirst die Gewalt nicht aufhalten können«, bemerkte Cotta in diesem Ton, den Leute benutzen, die wiederholt vor etwas gewarnt haben und sich im Augenblick der Katastrophe an dem herablassenden Vergnügen der Schadenfreude ergötzen.

Marius ignorierte Cottas anmaßenden Tonfall.

»Ich habe Saturninus in die Curia Hostilia gebracht, wo ich ihn von meinen Getreuen bewachen lasse. Nach Glaucia suchen meine Männer noch. Der Dummkopf scheint sein Versteck für sicherer zu halten als meinen Gewahrsam. Ich werde für beide einen Prozess fordern und so lange verhandeln, bis die ausgesetzte Todesstrafe in Verbannung abgewandelt wird. So gewinnen wir Zeit.«

Als Aurelia bemerkte, dass ihr Bruder Marius etwas entgegenhalten wollte, hielt sie ihn mit einer Handbewegung zurück. Ihr gefiel der Ton nicht, in dem er den sechsmaligen Konsul angegangen hatte. Ein Heerführer, der Roms Grenzen gegen Jugurtha, die Kimbern und Teutonen verteidigt und dafür gesorgt hatte, dass seine Soldaten gerecht entlohnt wurden und das Volk billigen Weizen erhielt, verdiente Respekt, auch wenn er sich mit fragwürdigen Männern wie Saturninus oder Glaucia eingelassen hatte, um seine Ziele zu erreichen.

»Und was willst du den Optimaten anbieten, damit sie sich auf eine Verhandlung einlassen?«, fragte sie daher schnell mit sanfter Stimme, während sie ihrem Schwager ein Glas Wein reichte.

Mit einem dankbaren Lächeln nahm der müde Konsul einen Schluck.

»Ich werde den Optimaten die Rückkehr ihres Anführers Caecilius Metellus Numidicus anbieten. Ich breche jetzt gleich auf, um mit seinem Sohn zu reden. Numidicus’ Rückkehr aus der Verbannung wird er bestimmt zu schätzen wissen.«

 

 

»Er wird nichts erreichen«, sagte Cotta, nachdem Marius davongeeilt war.

»Schon möglich«, räumte seine Schwester ein, »aber ich wäre dir dankbar, wenn du dich im Haus der Julier wie ein Gast benimmst und unsere anderen Gäste nicht vor den Kopf stößt. Ich liebe dich, mein Bruder, und weiß deine klugen Gedanken sehr zu schätzen. Und mir ist wohl bewusst, dass Marius zwar auf dem Schlachtfeld ganz hervorragend agiert, aber nicht immer in der Politik, auch wenn er es versucht. Ja, er versucht es, immer wieder. Und das an sich ist schon ein Verdienst.«

Aurelius Cotta nickte zerknirscht und sah seinen Schwager an.

»Ich hoffe, ich habe dich nicht verärgert, Gaius Julius. Verzeih. Wie meine Schwester sagt, bin ich manchmal etwas zu forsch.«

»Da gibt es nichts zu verzeihen; aber ich teile Aurelias Ansicht, dass wir Marius gegenüber respektvoll sein sollten. Er war immer auf unserer Seite.«

»Und genau das macht mir Sorge«, erklärte Cotta. »Seine Freundschaft kann uns jetzt zum Nachteil gereichen. Ich bin mir sicher, dass die Optimaten die Macht zurückerobern wollen, die sie in den letzten Jahren an Marius, Saturninus, Glaucia und die anderen Popularen verloren haben. Sie haben zum Gegenangriff geblasen und werden jetzt aufs Ganze gehen. Schon lange warten sie auf einen Vorwand, und Memmius’ Ermordung hat ihnen diesen geliefert. Jetzt werden sie vor nichts und niemandem mehr haltmachen. Nicht einmal vor Marius, egal, wie oft er schon Konsul war.«

Aurelia und Julius Cäsar gaben keine Antwort.

Schweigen trat ein.

Unbehaglich.

Angespannt.

»Ich sollte wohl besser nach Hause gehen«, meinte Cotta nach einer Weile und stand auf.

»Auf keinen Fall!« Mit einer energischen Geste bedeutete Aurelia ihrem Bruder, sich wieder auf dem Speisesofa niederzulassen. »Das hier ist deine Familie. Ich habe dich nur gebeten, mehr Respekt vor den anderen Gästen zu haben. Und auch wenn du in fast allem anderer Meinung bist als Marius, musst du zugeben, dass er recht hat, wenn er sagt, die Stadt sei heute Nacht sehr gefährlich. Bleib zumindest bis zum Morgengrauen.«

Julius Cäsar der Ältere nickte.

»Ja, das ist momentan das Sicherste.«

»Dann werde ich jetzt das Essen zubereiten lassen«, sagte Aurelia entschieden. »Jetzt, wo Rom sich gegen sich selbst auflehnt, müssen wir zusammenhalten. Ich dulde keinen Streit in der Familie.«

Im Atrium eines anderen domus in Subura, Rom

Als ihn die Nachricht von der Verabschiedung des senatus consultum ultimum erreicht hatte, war Gaius Servilius Glaucias erster Gedanke gewesen, die Stadt zu verlassen. Doch zu spät, die Straßen wurden bereits von Hunderten von Schergen der Optimaten überwacht, Flucht war unmöglich.

Deshalb hatte sich der Prätor im Haus eines Freundes verschanzt, von dem er dachte, dass es nicht überwacht würde.

Er täuschte sich.

Sein Freund hatte ihm die Tür geöffnet, bevor er selbst und seine Familie das Haus verließen. Kurz darauf verriet er ihn jedoch an die Schergen, um auf diese Weise zu versuchen, der Rache der Senatoren an ihm und den Seinen zu entgehen.

Die dicke Holztür war mit einem stabilen Querbalken verriegelt, doch gegen die Stämme, die den Handlangern des Senats als Rammböcke dienten, half das wenig. Krachend zersplitterten die Türflügel und gaben dem Ansturm der Schergen nach.

»Neeein, ihr Schweine!«, jaulte Glaucia, während sie ihn mit erhobenen Dolchen umzingelten.

Wortlos blickten die Auftragsmörder ihrem Befehlsgeber entgegen, der stolzen Schrittes das Atrium betrat.

Mit einem Blick identifizierte Lucius Cornelius Sulla seine Beute. Die Meteller hatten die nächtliche Jagd aufgeteilt: Sulla sollte sich um Glaucia, den Prätor, kümmern, Dolabella um den Volkstribun Saturninus. Um sein Ansehen zu erhöhen, erledigte Sulla die Aufträge der Optimaten gerne schnell. Nicht nur auf dem Schlachtfeld gegen die Barbaren, wo er bereits Kostproben seines Geschicks geliefert hatte, sondern auch hier, in Rom.

»Tötet ihn«, sagte er leise und unbarmherzig.

»Neeein! Neeein, bei allen Göttern …!«, schrie Glaucia auch dann noch, als sie bereits auf ihn einstachen.

Dutzende Male.

Gewissenhaft.

Wieder und wieder.

Domus von Metellus dem Jüngeren

»Was w-w-willst d-du? W-W-Warum b-b-belästigst du uns?«, stieß Quintus Caecilius Metellus der Jüngere wütend hervor.

Sein Stottern war nicht auf Nervosität zurückzuführen, sondern eine Sprachstörung aus der Kindheit, gegen die er nichts machen konnte und die ihn davon abhielt, große Reden zu halten, was seine Teilhabe am öffentlichen Leben merklich einschränkte. Sohn von Metellus Numidicus zu sein, dem großen, in der Verbannung lebenden Anführer der Optimaten, sicherte ihm trotz seiner unbeholfenen Sprechweise dennoch eine bedeutende Position unter den konservativen Senatoren.

Inmitten dieser dunklen, blutigen Nacht hatte er den Konsul von Rom im Atrium seines Hauses empfangen.

Gaius Marius war mit sechs seiner Getreuen eingetreten. Dass er sie hereingelassen hatte, zeigte, dass Metellus über genügend bewaffnete Männer in seinem Haus verfügte, als dass ein halbes Dutzend Kriegsveteranen eine Gefahr für ihn dargestellt hätte. Marius war sich dessen bewusst. Ohnehin war er nicht zum Kämpfen, sondern zum Verhandeln gekommen. Ein unmögliches Unterfangen, wie er aus Aurelius Cottas Tonfall gedeutet hatte. Sollte Cotta recht behalten? In Kürze würde er es wissen.

»Lass uns unsere Differenzen für einen Augenblick vergessen, Metellus«, begann Marius mit freundlicher Stimme, in dem Versuch, die Rivalität auszublenden, die zwischen ihm und Metellus’ Vater wegen des Oberkommandos im Jugurthinischen Krieg bestanden hatte. Marius hatte damals durch geschicktes Taktieren die Befehlsgewalt über die römischen Truppen übertragen bekommen, sehr zum Leidwesen der Meteller, für die dieser Krieg fast schon eine Art Privatangelegenheit gewesen war, ein nicht übertragbares Familienerbe. Und zudem hatte der Konsul sich danach auch noch einen grandiosen Triumphzug erlaubt, während dem er den afrikanischen König Jugurtha in Ketten vor seinem Wagen durch Roms Straßen trieb: eine Zurschaustellung seiner Macht und seines Siegesstolzes, die die Meteller nie vergessen hatten, da diese in ihren Augen Quintus Caecilius Metellus Numidicus hätte gebühren müssen.

»W-W-Wenn ich an unsere A-A-Auseinandersetzungen der Vergangenheit gedacht hätte, hätte ich dich nicht hereinge-ge-gelassen«, antwortete Metellus der Jüngere mit kühler Gelassenheit.

Marius blickte sich um. Dutzende von bewaffneten Männern im Licht der Fackeln und viele weitere im Schatten, außerhalb des flackernden Lichts.

»Ich weiß, dass Saturninus und Glaucia zu weit gegangen sind, aber lass uns der Gewalt Einhalt gebieten, bevor sich ganz Rom in ein Blutbad verwandelt.«

»Manchmal reinigt B-B-Blut ja auch«, entgegnete Metellus und fügte einen Satz auf Griechisch hinzu, den Marius nicht verstand. Vor allem, wenn es das Blut unserer Feinde ist.

Mehrere der Anwesenden, die Griechisch sprachen, brachen in lautes Lachen aus. Marius verzog keine Miene, obwohl er innerlich kochte. Er war es gewohnt, dass die Meteller über seine mangelnden Griechischkenntnisse spotteten, es ärgerte ihn aber dennoch immer wieder, wenn sie sich auf seine Kosten amüsierten. Die Optimaten hielten ihn für einen einfältigen, ungebildeten und plumpen Soldaten, der auf dem Schlachtfeld pures Glück gehabt hatte. Der erfahrene Konsul wusste jedoch, dass das absurd war, er hatte zu viele Siege errungen, als dass die ihm feindlich gesinnten Senatoren und die Plebs ernsthaft denken konnten, sein Erfolg sei einzig und allein der Göttin Fortuna zuzuschreiben. Seine Stärke war es einfach, zu erkennen, wie man seine Legionen strategisch geschickt auf dem Schlachtfeld in Stellung brachte. Daher beachtete er das anhaltende Gelächter nicht weiter und kam direkt zur Sache.

»Ich biete dir die Rückkehr deines Vaters im Tausch für das Leben von Saturninus und Glaucia.«

Das Lachen der Männer verstummte schlagartig.

Alle sahen Metellus an.

Sein Vater, Quintus Caecilius Metellus Numidicus, war lieber ins Exil gegangen, als einen Schwur auf die von Saturninus vorgebrachten Ackergesetze zu leisten, wie dies gesetzlich von jedem Senator gefordert wurde, was der Volkstribun, Glaucia und weitere Anführer der Popularen nutzten, um seine förmliche Verbannung, den Ausschluss aus dem Senat sowie die Enteignung etlicher seiner Besitztümer durchzusetzen.

»Die Rück-k-k-kehr meines Vaters …«, wiederholte Metellus der Jüngere. »Mitsamt der Rückgabe seines B-B-Besitzes, seiner Wiedereinsetzung im Senat und der Rückgabe seiner Bürgerrechte?«

Marius nickte.

»Mit allen Rechten.«

Stille breitete sich im Atrium aus – und dann brach Metellus in schallendes Gelächter aus.

»Du bist nicht in der P-P-Position, über was auch immer zu verhandeln, K-K-Konsul. Außerdem …«

»Außerdem?«, fragte Marius, vollkommen überrascht, dass Metellus keinerlei Interesse an seinem Angebot zu haben schien.

»Außerdem kommst du zu spät … Du hast dich an den senatus c-c-consultum ultimum zu halten, Konsul: Glaucia und Saturninus sind des Todes. Wenn du d-d-deine Position retten willst, richtest du sie eigenhändig hin, ansonsten werden das unsere Handlanger tun. Und was meinen Vater betrifft: Da b-b-brauche ich dich nicht. Sobald wir Optimaten die K-K-Kontrolle über Rom haben, wird der Senat ihm die Bürgerrechte, seinen Besitz und seinen Sitz in der C-C-Curia zurückgeben. Im Übrigen …« – Metellus streckte den Hals, um über Marius’ Schulter zu sehen – »… müsste Glaucia auch schon tot sein. Ist es nicht so, Lucius?«

Als Marius sich umdrehte, sah er Lucius Cornelius Sulla in einer blutbefleckten Toga das Atrium betreten.

Sulla hatte als Militärtribun unter Marius im Afrikakrieg gedient und ihm geholfen, König Jugurtha zu besiegen. Sein Auftauchen in Metellus’ domus bestätigte den Konsul nun aber in seinem Verdacht, dass sein einstiger Feldherr inzwischen nur noch danach strebte, sich bei den Optimaten beliebt zu machen und sich ganz auf deren Seite zu schlagen.

»In der Tat«, antwortete Sulla, während er Marius einen herausfordernden Blick zuwarf und mit spitzen Fingern so tat, als würde er das Blut von seiner Toga wischen wollen. »Glaucia ist bereits Geschichte.«

»Ich wusste, dass du in der Sache drinsteckst«, sagte Marius verächtlich, »aber ich hätte nicht gedacht, dass du selbst der Vollstrecker bist.«

»Oh, nein, beim Jupiter«, entgegnete Sulla belustigt. »Ich beschmutze meinen Dolch doch nicht mit dem Blut eines Kriechers wie Glaucia. Aber der Prätor hat sich so gewunden, als meine Männer ihn erstachen, dass sein Blut in alle Richtungen gespritzt ist. All die Flecken auf meinem weißen Gewand, wirklich schade. Aber das Spektakel war es wert.«

Marius wollte etwas erwidern, aber Metellus kam ihm zuvor.

»Und Saturninus? Beim Herkules, er ist d-d-der Gefährlichere der beiden. W-W-Was ist mit ihm?«

»Darum kümmert sich Dolabella.«

Marius wusste von Dolabella nicht mehr, als dass er höchst ehrgeizig war. Ansonsten hielt er ihn jedoch zu nichts Großem fähig, weder im Krieg noch auf der politischen Bühne, nichts, was darüber hinausging, Sulla anzustacheln, den Reihen der Popularen abtrünnig zu werden. Deshalb erlaubte es sich der erfahrene Konsul, jetzt seinerseits in schallendes Gelächter auszubrechen, nachdem sich zuvor alle über ihn lustig gemacht hatten.

»Ha, ha, beim Jupiter Optimus Maximus, jetzt bin ich es, der lacht! Ich habe Saturninus längst selbst festgesetzt und halte ihn in der Curia gefangen, bewacht von meinen Veteranen. Dem Volkstribun wird der Prozess gemacht werden, und da wird alles ans Licht kommen: Saturninus’ Exzesse – aber auch die Exzesse und Verbrechen des Senats. Dann werden wir ja sehen, wie das Volk entscheidet und ob ihr genug Gefolgsleute habt, um Rom zu kontrollieren, mit meinen Veteranen und der gesamten Plebs gegen euch. Seid ihr sicher, dass ihr nicht verhandeln wollt?«

Metellus bedachte Sulla mit funkelndem Zorn. Ein öffentlicher Prozess, egal wie sehr die Optimaten ihn manipulieren könnten, lag nicht in ihrem Interesse. Dabei kämen tatsächlich zu viele Dinge ans Licht, die die Plebs aufstacheln könnten, und die Lage würde außer Kontrolle geraten. Nein, Glaucia und Saturninus mussten noch in dieser Nacht beseitigt werden, und Marius hatte auf die eine oder andere Weise daran beteiligt zu sein. Wenn der mächtige Dreierbund aus Volkstribun, Prätor und Konsul zerstört und die Popularen damit führerlos wären, würde es zu keinen nennenswerten Unruhen mehr kommen, und sie, die Optimaten, könnten wieder die absolute Vorherrschaft über den Senat erlangen. Doch wenn sich Saturninus schon in Marius’ sicherem Gewahrsam befand, von dessen schlagkräftigen Veteranen bewacht …

Sulla hatte Metellus’ wütendem Blick standgehalten, ohne mit der Wimper zu zucken, wobei er innerlich grollte. Hier vor ihm stand Marius, sechsmaliger Konsul, während er, Sulla, ohne bedeutende Auszeichnungen und in der letzten Wahl für das Amt des Prätors unterlegen aufgrund von Marius’ Dreierpakts, sah, wie die Jahre verstrichen und sein cursus honorum stagnierte, nein, fortwährend ausgebremst wurde von diesem Konsul, der seinen ehemaligen Feldherrn verachtete. Würde Marius einmal mehr die Oberhand behalten? Das durfte auf keinen Fall geschehen. Diesmal nicht. Der alte Konsul beging einen schweren Fehler: Er unterschätzte Dolabellas angeborene Brillanz im Verbreiten von Angst und Schrecken. Bis jetzt hatte er das nur bei kleineren Intrigen bewiesen, die der Aufmerksamkeit von Konsuln, Tribunen oder Prätoren entgangen waren, Sulla aber die wahrhaft perverse Natur von Dolabellas Wesen gezeigt hatten. Der Feldherr spürte, dass er sich an einem Wendepunkt im Leben befand: In dieser Nacht würde es mit Marius bergab gehen, während sein glorreicher Aufstieg endlich begann.

»Wie ich schon sagte: Dolabella wird das regeln«, erklärte Sulla dem Anführer der Optimaten darum mit fester Stimme, die keinen Platz für Zweifel ließ. »Er ist sehr …«, sorgfältig suchte er nach dem passenden Wort, »… motiviert.«

Befriedigt nickte Metellus, verstand er die Andeutung doch sofort: Dolabellas Vater war nur wenige Monate zuvor bei einer nächtlichen Schlägerei mit Anhängern von Saturninus ums Leben gekommen. Dolabella war also mit Sicherheit mehr als motiviert.

Marius blickte derweil stumm zu Boden. Dolabellas Vater! Wie hatte er das vergessen können. Natürlich würde das Dolabellas Wut schüren. Er musste schnellstens zum Forum Romanum zurück, um Sertorius bei der Verteidigung der Curia Hostilia zur Seite zu stehen …