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Dies ist der 5. Teil der Hauptsadt-Chroniken und der 2. Roman mit dem Protagonisten Andy. Er greift offene Handlungsstränge aus dem 1. Teil auf und verknüpft Andys Leben mit dem weiterer Akteure des Multiversums.
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Seitenzahl: 372
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Inga Kozuruba
Die Hexe und der Schnüffler
Hauptstadt Chroniken V
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Dankessagung
Prolog
Die Rückkehr der Schatten
Die Liebeshexe Arina
Eine mögliche Rettung
Zwischenspiel 1
Die Verfolger im Nacken
Im Griff der Schatten
Zwischenspiel 2
Einer weniger
Die Prüfung endet
Zwischenspiel 3
Tina am Steuer
Kleider entmachten Leute
Atempause und neues Ziel
Der Dschungel der hungrigen Toten
Zwischenspiel 4
Tödlicher Dreier
Die Tricks der Frauen
Zwischenspiel 5
Epilog
Impressum neobooks
Ich danke Harald für seine Geduld und seine Genauigkeit beim Korrekturlesen. Möge dir der Kaffee nie ausgehen!
Ich danke Sandy für ihre Ideen und Ansichten!
Es war zu einfach. Steve stand in den zermalmten Überresten derer, die ihn hatten aufhalten wollen. Seine Hände waren voller Blut, seine Kleidung besudelt – und nichts davon stammte von ihm. Es waren alles ihre Leute. Die Gnadenlose warf ihm ihre Bauern entgegen jedes Mal, wenn sich ihr die Chance dazu bot. Hoffte sie etwa darauf, dass er eines Tages einen Fehler machen würde? Als ob er ihr diesen Gefallen tun würde.
Steve ging auf die Knie und sah sich die Leichen an. Er wusste, was er tun musste, auch wenn er sich noch immer nicht daran gewöhnen konnte. Corry hatte ihm beigebracht, wie die Profis selbst Leichen dazu nutzen konnten, Geheimnisse zu enthüllen. Wer unter Folter nichts preisgab, war als Leiche oftmals hilfreicher – wenn die Leiche noch frisch war. Diese Leichen waren es. Wie ein Rabe pickte Steve ein Auge nach dem anderen heraus, erst das rechte, dann das linke, und schlang sie eines nach dem anderen herunter, ohne sie zu zerbeißen. Hätten seine toten Freunde ihm nicht beigebracht, sich zu beherrschen, er hätte sich schon beim ersten Auge übergeben. Doch er tat es nicht – und er begann zu sehen, was die Toten gesehen hatten, und damit auch zu fühlen, was sie gefühlt hatten, und schließlich zu wissen, was sie gewusst hatten. Was für ein Glück – das waren mehr als nur einfache Schläger. Sie hatten etwas von den Plänen ihrer Herrin mitbekommen, und das ganz ohne ihre Absicht. Sie hatten wohl gehofft, sich damit einen Vorteil zu erkaufen. Nun erkauften sie ihm damit einen Vorteil.
Dass die Gnadenlose ihn tot sehen wollte, das war für ihn kein Geheimnis. Schließlich beruhte das auf Gegenseitigkeit. Dass sie auch allen anderen Überlebenden des von ihr ausgelösten Massakers an den Hauptstädten nur das Schlimmste wünschte, auch das war sonnenklar. Und natürlich hatte sie ein spezielles Plätzchen in ihrem giftigen Herzen für Andy reserviert, der die Schlüsselrolle in der Vereitelung ihres Planes gespielt hatte. Dass ihre ganzen Manöver jedoch nur davon ablenken sollten, ihr Werk zu vollenden, indem sie ausgerechnet Andy tötete, das war neu. Das hätte Steve nie gedacht – und es kränkte ihn ungemein. War er nicht der wahre Auserwählte gewesen? War Andy nicht einfach nur jemand gewesen, der aus Versehen in diesen Zug gestiegen war?
Für einen Moment dachte sich Steve, dass er sich da eigentlich gar nicht einmischen sollte. Die Gnadenlose bildete sich Andys großen Wert sicherlich nur ein. Sollte sie sich doch den armseligen Schnüffler schnappen. Und wenn Andy tot war, würden sich die anderen an ihn wenden, weil ihnen kein anderer Träumer bleiben würde. Der Gedanke war zu verlockend und zu schön, um sich ernsthaft darauf einzulassen. Wenn es ihr Plan war, dann konnte er ihn nicht unterstützen, selbst dann nicht, wenn er davon profitieren würde. Es wäre Verrat an seinen Freunden. Also würde er irgendwie dafür sorgen müssen, dass Andy überlebte.
Steve erhob sich und sah sich um. Um ihn herum befand sich eine Großstadt, eine von vielen in den Myriaden der Möglichkeiten, die Elaine geschaffen hatte. Die Gnadenlose hatte sich mit Absicht weit weg von den Hauptstädten und von Andys und Steves Heimatwelt niedergelassen – damit es ihren Gegnern nicht so leicht fiel, den Zugang zu ihrer Domäne zu finden. Sie hatte sich ein Labyrinth aus Netzwerken aufgebaut und sich hinter tausend Masken verschanzt. Steve glaubte, auf halbem Weg durch dieses Dornengestrüpp zu sein – jetzt umzukehren wäre eine Vergeudung von Zeit. Er musste jemand anderen schicken, der auf Andy achten würde. Jemanden, der ihm noch einen Gefallen schuldig war.
Ohne es zu merken, imitierte Steve Ironys nachdenkliche Geste, indem er seine Augen schloss und mit Daumen und Zeigefinger der rechten Hand den Nasenrücken zu massieren begann. Es gab nicht allzu viele Leute, die ihm derzeit Gefallen schuldig waren, weil er auf der Jagd nach der Gnadenlosen eine Menge davon aufgebraucht hatte. Und diejenigen, die ihm noch blieben, konnte er unmöglich für Andys Rettung vergeuden, dafür waren das zu wertvolle Verbündete. Ihm blieb genau eine Alternative – und auch wenn er sich nicht sicher war, ob diese Person in der Lage war, Andy zu helfen, so konnte er sich keinen anderen Zug erlauben. Also zückte er sein Handy, und zwang es in der Sprache der Tiefe, eine seiner neuen Freundinnen anzurufen.
Das Telefon klingelte überraschend. Andy hatte keinen Anruf erwartet, aber er kannte die Nummer, und er wusste, dass ihn jemand wichtiges anrief. Also hob er den Hörer schnell ab.
„Hi Andy, ich bin's, David. Es ist schon wieder ein junges Mädchen spurlos verschwunden, genauso wie bei dem anderen Fall. Ich dachte, vielleicht kannst du uns bei der Suche behilflich sein. Vielleicht haben wir diesmal mehr Glück.“
David war sein Kontaktmann bei der Polizei und jemand, der einem Freund am nächsten kam. Die beiden Männer trafen sich einmal die Woche abends in ihrer gemeinsamen Lieblingskneipe, sahen sich dort Sportübertragungen an oder spielten die eine oder andere Partie Billard oder Darts. Es war nichts besonderes, aber Andy war sich sicher, dass er diese Abende vermissen würde, wenn... ja, wenn was? Er wusste es nicht mehr. In dieser Woche würden sie sich also häufiger treffen als üblich. Andy griff nach seiner Akte, die er zum Fall Elaine Ellis angelegt hatte, und machte sich auf den Weg.
Er hatte ein mulmiges Gefühl, als er in die U-Bahn stieg, warum auch immer, aber es war wohl nur ein falscher Alarm. Bis auf eine Minute Verspätung passierte nichts während der Fahrt, und das war nichts ungewöhnliches. Auch Andys paranoide Blicke in die dunklen Fenster fanden darin nichts besonderes. Was hatte er eigentlich dort zu sehen erwartet? Er brauchte dringend Urlaub. Allerdings war jetzt nicht die richtige Zeit dafür.
Er fand David in seinem Büro zusammen mit einigen anderen Ermittlern. Diese brüteten offensichtlich über den wenigen Informationen, die ihnen derzeit zur Verfügung standen. Wie Elaine war das Mädchen aus einer abgeschlossenen Wohnung ohne Einbruchspuren verschwunden. Wie bei Elaine waren sowohl die Wertsachen als auch das Geld unangetastet geblieben. Wie bei Elaine fehlte nichts bis auf einen Satz Kleidung und Schuhe. Aus einem unerklärlichen Grund fühlte Andy sich plötzlich betrogen. Er konnte nur nicht sagen warum.
Das verschwundene Mädchen sah Elaine ähnlich, nur waren ihre Haare dunkler und ihre Augen nicht blau, sondern braun. Ihr Name war Tina und sie war ebenfalls eine Studentin, allerdings jobbte sie nicht als Verkäuferin, sondern abends als Kellnerin. Der Name und der Anblick des Mädchens ließen irgendetwas in Andys Hinterkopf klingeln, aber jedes Mal wenn er versuchte, den Faden zu diesem Gedanken zu ergreifen, entwand sich dieser wie eine listige Schlange seinen gedanklichen Händen.
Die Aufnahmen aus dem winzigen Appartement waren nicht wirklich hilfreich. Bei einem Bild blieb Andys Blick jedoch hängen. Der Kleiderschrank im einzigen Zimmer, das Schlaf- und Wohnzimmer zugleich gewesen war, hatte verspiegelte Türen. Die Spiegel waren groß genug, um einer erwachsenen Person als Tür zu dienen. Es waren vier an der Zahl. Vermutlich dienten sie dem Zweck, das kleine Zimmer optisch größer zu gestalten. In Andy weckten sie jedoch ein merkwürdiges Gefühl von Besorgnis und Misstrauen.
„Haben Sie irgendwelche Fingerabdrücke in der Wohnung gefunden, die zu einer fremden Person gehören?“, fragte er einen der Beamten, der ihn mit einem seltsamen Blick ansah, und legte die Aufnahme beiseite.
Der Mann schüttelte den Kopf: „Fehlanzeige. Es ist wie bei Ellis, als hätte sie sich in Luft aufgelöst.“
Warum auch immer Andy plötzlich das Gefühl hatte, jemanden verprügeln zu wollen, er konnte es sich nicht erklären. Er atmete tief durch um sich zu beruhigen. „Kann ich mir die Wohnung ansehen?“
Die Ermittler wechselten die Blicke. David zuckte mit den Schultern: „Unsere Spurensicherung ist fertig, insofern sollte es damit keine Probleme geben. Ich glaube nur nicht, dass da noch etwas zu finden sein wird.“
„Ich versuche einfach mal mein Glück“, sagte Andy ruhig. Sein Gefühl sagte ihm, dass ihm etwas auffallen könnte, das alle anderen übersehen würden. Er war schließlich auch der einzige gewesen, der den Spuren von Elaine hatte folgen können. Irgendwie. Für den Beweis ihres Todes hatte es gereicht.
David nickte: „Gut, dann komme ich mit.“
Als sie in den Wagen gestiegen und losgefahren waren, wandte sich David an ihn: „Und? Was denkst du? Ich hab’ das Gefühl, du hattest vorhin etwas nicht sagen wollen.“
Andy sah aus dem Fenster des Beifahrersitzes auf die vorbeiziehende Stadt: „Ich kann dir nicht sagen, was es ist, aber ich habe so ein Gefühl, als ob an der ganzen Geschichte etwas nicht in Ordnung ist. Sie hätte sich nicht wiederholen sollen. Als ob man mir versprochen hätte, dass sie sich nicht wiederholen würde, verstehst du?“
David schüttelte kurz seinen Kopf: „Nein, das verstehe ich nicht. Aber wenn deine Intuition diesmal genauso richtig ist wie im anderen Fall, dann finden wir sie vielleicht noch rechtzeitig. Denkst du wirklich, dass Elaine bei einem Autounfall gestorben ist, oder haben die Behörden dort nur Ärger vermeiden wollen?“
Andy seufzte: „Ganz ehrlich, ein Autounfall war es nicht – und dann auch wieder doch. Es ist schwer zu erklären. Na ja, Maschinen hatten etwas damit zu tun. Das macht keinen Sinn, oder?“
David schüttelte erneut seinen Kopf: „Nicht wirklich. Hör mal, wenn dir das zu nahe gehen sollte, kannst du jederzeit zurücktreten. Du findest sicher noch andere Fälle, um dich beschäftigt zu halten.“
Andy verengte die Augen: „Das ist es nicht. Ich frage mich nur, welches der beiden Übel mich am Ende erwartet, von denen ich dir keines beim Namen nennen kann, weil mir alles entgleitet. Als ob ich... einer Gehirnwäsche unterzogen wurde oder so was.“
„Glaubst du, dass das eine größere Sache sein könnte? Ansonsten würde sich doch keiner so viel Mühe machen.“
Andy zuckte mit den Schultern: „Im Moment weiß ich nicht, was ich glauben soll. Ich hoffe, dass alles klarer wird, wenn ich das Zimmer sehe.“
David nickte. Den verbleibenden Rest der Fahrt verbrachten sie schweigend und grübelnd. Der Regen ließ nach und hörte schließlich auf, doch der Himmel blieb weiterhin bewölkt. Nach einer glücklicherweise sehr kurzen Parkplatzsuche stiegen sie aus und gingen zu dem hoch aufragenden Plattenbau, in dem sich hauptsächlich von Studenten vermietete Appartements und von Wohngemeinschaften belegte Wohnungen befanden. Andy blieb unvermittelt stehen. Ihm war, als hätte er ein sehr ähnliches Gebäude schon einmal gesehen, in irgendeinem Comicheft. Kein Wunder, dass er sich kaum daran erinnern konnte. Seit seiner Kindheit hatte er keinen Comic mehr angerührt. Wenn er sich nur genauer erinnern könnte!
„Was ist?“, Davids Stimme riss ihn aus seinem fragenden Staunen.
„Ach, nichts. Ich hatte nur so was wie ein Déjà-vu. Gehen wir.“
Die Eingangstür sah geschlossen aus, war aber nur angelehnt. „Hm, wenn man hier so leicht ins Gebäude kommt...“, David schüttelte den Kopf: „Ziemlich leichtsinnig, findest du nicht?“
Andy zuckte mit den Schultern: „Vielleicht ist da nur jemand kurz den Müll rausbringen gegangen?“
„Auch wahr,“ David steuerte zielsicher den Aufzug an.
Andys Gang stockte erneut. Irgend etwas an dieser kleinen Kabine, deren Türen sich gerade gleitend öffneten, war ihm nicht geheuer. Etwas in ihm war der festen Überzeugung, dass es eine Falle war, aus der sie nicht mehr lebend rauskommen würden. David trat seelenruhig ein und sah fragend zu Andy. Dieser schüttelte den Kopf, um diese seltsame Anwandlung loszuwerden, und folgte. In Davids Blick sah er Besorgnis und außerdem eine winzige Spur von Misstrauen. Das traf ihn wie ein Schlag in die Magengrube. Er gab sich jedoch alle Mühe, sich nichts anmerken zu lassen. Hatte er sich auf einmal verdächtig gemacht?
Das versiegelte Appartement lag im siebten Stock. Andy hatte das Gefühl, dass auch diese Tatsache ihm vage bekannt war, ohne sagen zu können, wo das Gegenstück lag. So langsam war es ihm nicht einfach nur unheimlich, sondern auf eine eigenartige Weise auch derart lästig, dass er regelrecht spürte, wie sich Frustration, Ärger, Wut und Abscheu in ihm erhoben wie das Ansteigen des Wassers bei einer Flut. Es war beinahe so, als ob jemand mit ihm spielen würde.
David löste das Polizeisiegel von der Tür und öffnete sie. Dahinter erwartete die beiden Männer ein ganz gewöhnlicher Vorraum mit einem kleinen Schuhschrank, einer Garderobe, einem in der Ecke stehenden Regenschirm und einem kleinen Brett mit Haken dran, an dem ein Schlüsselbund hing. Der eigentümliche Geruch einer Wohnung, die plötzlich verwaist war, ließ einen Kloß in seinem Hals entstehen. Langsam ging er weiter nach vorne.
Es waren vier Spiegel genau gegenüber der Schlafcouch des Mädchens, die aufgeklappt und bezogen war. Die Szene sah so aus, als wäre diejenige, die normalerweise in diesem Bett, auf diesem Laken und unter dieser Decke schlief, mitten in der Nacht aufgestanden. Die Decke war zur Seite geschoben, nichts deutete darauf hin, dass das Mädchen aus dem Bett gezogen worden wäre. Was auch immer mit ihr geschehen war, es schien nicht gegen ihren Willen abgelaufen zu sein. Aber das war bei Elaine auch nicht anders gewesen, dämmerte es Andy.
Tina hatte geschlafen oder sich zumindest zum Schlafen hingelegt. Dann – warum auch immer – war sie aufgestanden. Und dann war sie weg, ohne auch nur eine Spur zu hinterlassen. Die Nachbarn hatten nichts besonderes bemerkt. Bis auf das Bett gab es in dieser Wohnung keinen einzigen Hinweis darauf, was Tina gemacht hatte. Wie konnte er erwarten, dass er noch etwas finden könnte, nachdem die Spurensicherung bereits kapituliert hatte?
Nachdenklich drehte Andy sich vom Bett weg und erstarrte mit vor Schreck aufgerissenen Augen. In den Spiegeln standen vier Gestalten: eine bösartig grinsende Wasserstoff-Blondine, ein gehässig lachender, blonder Hühne, ein süffisant schmunzelnder, schwarzhaariger Schönling und ein sich zu Tode lachender, strohblonder Beinahe-nicht-mehr-Teenager. Die Frau winkte ihm zu. Der Jüngste im Bunde streckte beide Daumen nach oben, als würde er irgend einen drittklassigen TV-Star parodieren. Der Schönling deutete mit dem Zeigefinger seiner rechten Hand nach oben, als würde er ein Ausrufezeichen bilden. Er griff in seine Aktentasche um einen Notizblock und einen Stift herauszuholen. Dann begann er, schwungvoll zu schreiben. Der Hühne sah nach links, dann nach rechts, zuckte mit den Schultern und hauchte das Glas des Spiegels an, um dann mit dem Finger ein paar Worte zu schreiben: „Wir haben sie. Keine Bange. Sie ist OK.“
„Was ist los mit dir?“, Andy wurde durch Davids Stimme von den Spiegeln losgerissen und als er seinen Blick wieder in deren Richtung wandte, war der Spuk vorbei und die Spiegel wieder leer.
Andy fasste sich an den Kopf: „Mir... geht’s nicht gut, glaube ich. Und... ich glaube, ich habe eine Spur... aber ich muss mir das alles noch durch den Kopf gehen lassen. Gehen wir.“ Er machte sich auf den Weg hinaus und hoffte, dass er nicht so sehr schwankte wie er es befürchtete.
„Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen“, kommentierte David trocken.
Andy hoffte nur, dass sein Freund dies nicht zu seinem Nachteil auslegen würde. In seinem Kopf erwuchs langsam die Geschichte von einem merkwürdigen Privatdetektiv, der irgendwann übergeschnappt war und zum Serienkiller junger Studentinnen wurde, weil seine Frau ihn verlassen hatte und er Frauen generell zu hassen angefangen hatte. Das letzte was er wollte war, dass David auf denselben Gedanken kam. Er würde keine Möglichkeit haben, einen solchen Verdacht jemals zu entkräften.
Auf der Straße verabschiedete Andy sich von David mit dem Versprechen, sich sofort zu melden, sobald er sich im Klaren über seine Theorie war. Dann, als er endlich allein war, atmete er erleichtert durch, auch wenn eigentlich nichts überstanden war. Denn auch wenn Andy der festen Überzeugung war, dass die geisterhaften Freunde von Alice mit ihr zusammen im Kampf gegen den Schergen gestorben waren, so hatte er nur bei Alice selbst die Gewissheit gehabt. Wenigstens musste er nicht mehr befürchten, dass die Prinzessinnen ihn hinters Licht geführt hatten und sich hinter seinem Rücken wieder einmal jemanden geholt hatten. Was auch immer die Schatten für ein Motiv hatten, sie arbeiteten ganz sicher auf eigene Rechnung.
Ziellos wanderte Andy durch die Straßen, während es wieder zu nieseln begonnen hatte wie an dem Tag, an dem er durch die Hauptstadt herumgeirrt war und Stück für Stück kehrten die Erinnerungen in sein Bewusstsein zurück. Zuerst waren es nur Bruchstücke, kleine Blitze, die für wenige Augenblicke mit einer beängstigenden Schärfe und Detailgenauigkeit Momentaufnahmen erleuchteten. Später wurden daraus Szenen und schließlich fügte sich alles zusammen. Sogar Elaines Geschichte, auf die er nur einen kurzen Blick erhaschen konnte, hatte er nun wieder in seinem Kopf. Die Leute aus der Hauptstadt waren alle irgendwo da draußen und warteten auf seine Entscheidung. Und als die letzten Sonnenstrahlen dieses Tages vergangen waren und das Licht der Laternen in den winzigen Wassertropfen zu tanzen begann, wurde ihm klar, dass er nicht einfach untätig zusehen konnte. Diesmal waren es zwar die Schatten, die in den Spiegeln lauerten und das Mädchen entführt hatten, aber nächstes Mal würde das Gesetz der Hauptstadt erneut seinen Tribut fordern. So wie nichts auf der Welt für die Ewigkeit war, so wurde auch diese Parallelwelt immer wieder instabil, brauchte einen Träumer, um ein neues Gleichgewicht zu erreichen, und diese Geschichten endeten nicht immer mit einem Happy End. Also würde wieder früher oder später jemand sterben. Der Tod war immer das ultimative Ende einer Geschichte. Es würde sich ständig wiederholen, bis jemand es schaffen würde, dieses ungeschriebene Gesetz zu ändern.
Doch bevor er sich auf den Weg unter die Erde auf der Suche nach dem Tornado begeben würde, musste erst noch etwas anderes in Ordnung gebracht werden. Was auch immer die Schatten mit dem Mädchen vor hatten, es war sicherlich nichts Gutes. Zum ersten Mal wünschte er sich, dass Steve nicht irgendwohin ins Unbekannte aufgebrochen wäre. Jetzt hätte man seine Rachegelüste sicherlich wunderbar in sinnvolle Bahnen lenken können.
Die Lichter einer Bar lockten ihn an wie eine Motte. Vielleicht lag es aber auch nur daran, dass er sich zu nass fühlte, um noch länger im Regen herumzulaufen, wie schwach dieser auch war. Also trat er ein und blieb erst mal mit offenem Mund in der Tür stehen. Denn bestens im Blickwinkel eines jeden in die Bar kommenden Besuchers saß an einem der kleinen Tische eine schöne, rothaarige Frau mit atemberaubenden Kurven, die von ihrem Kleid und dem Lichteinfall im Raum perfekt zur Geltung gebracht wurden.
Im ersten Augenblick dachte Andy, er hatte es mit dem Spiegelbild von Siren zu tun. Dann fiel ihm ein, dass Sirens Spiegelbild tot war. Und dann begann er sich zu fragen, wen er da eigentlich vor sich hatte. Indessen wandte die aufregende Unbekannte ihren Blick zur Tür, sah Andy und da erblühte auf ihrem Gesicht ein strahlendes Lächeln. Andy blinzelte verwirrt. So hat noch nie eine Frau auf ihn reagiert, zumindest keine Frau wie diese. Das schimmernde Satin in Champagnerfarbe umschmeichelte ihre weiblichen Formen mit sanftem Faltenwurf, das perfekt mit ihrer golden gebräunten, hellen Haut harmonierte. Ein dunkelroter Edelstein in Tropfenform an einer filigranen Goldkette lenkte den Blick in den tiefen Ausschnitt. Er gab sich alle Mühe, sie nicht anzustarren. Sie winkte ihn zu sich an den Tisch. Er vergewisserte sich, dass sie tatsächlich ihn und keinen anderen meinte, der zufällig neben oder hinter ihm stand, und schlenderte auf sie zu, so lässig er nur konnte. Vermutlich sah das Ergebnis grauenvoll aus. Er kam sich plötzlich wie ein alberner Teenager vor.
Als er ihr näher kam, bemerkte er mit Erleichterung, dass das schummrige Licht ihn getäuscht haben musste. Er hatte es nicht mit Siren zu tun, auch wenn eine gewisse Ähnlichkeit durchaus vorhanden war. Bei Siren lag die Anziehungskraft jedoch vor allem in ihrer Stimme, während diese Frau eindeutig mit ihrer körperlichen Ausstrahlung bestach. Er musste sich alle Mühe geben, seine Gedanken darauf zu fokussieren, dass er noch wichtige Dinge zu erledigen hatte.
„Hi, ich bin Arina, eine... Freundin von Steve. Er hat mich um einen Gefallen gebeten, weil Sie sich ein paar mächtige Feinde gemacht haben, die Ihnen wohl nach dem Leben trachten, wie man es so schön sagt. Ich weiß zwar nicht, warum er unbedingt der Meinung war, dass ich Ihnen behilflich sein kann, aber nun ja. Wollen Sie einen Drink?“
Das war ganz sicher nicht Siren. Sirens Stimme hatte ein mittelhohes Timbre, war weich und samtig, konnte aber beim Singen in unglaubliche Höhen hinauffahren oder sehr tief sinken und das volle Spektrum an Ausdruck ausschöpfen. Arinas Stimme war dagegen die typische, eher hohe Frauenstimme, die jugendlich klang, von den meisten Männern zweifellos als sexy bezeichnet werden würde, aber mit Sicherheit nicht mit Sirens faszinierender Stimmenmacht mithalten konnte.
Andy nickte wortlos. Arina winkte die Bedienung herbei und bestellte. Dann sah sie wieder zu Andy: „Wie auch immer, ich habe mir gedacht, dass es gar keine so schlechte Idee wäre, Ihnen zu helfen, da sie ja vielleicht der nächste große Held und Retter werden und überhaupt. Und da ich mich mit einigen Leuten auf gar keinen Fall verkrachen will und andere Leute wiederum genauso wenig mag wie zum Beispiel unser gemeinsamer Freund Steve, habe ich einfach mal zugesagt. Ah, die Drinks. Was dagegen, wenn ich sie mit meiner Spezialmischung würze? Ich verspreche ihnen, daneben ist Sex auf Koks eine ziemlich lahme Sache.“
Andy zog eine Augenbraue hoch und schüttelte den Kopf: „Danke, aber ich verzichte lieber“.
Arina zuckte mit den Schultern und holte aus ihrer Handtasche eine kleine Ampulle hervor, die ein leicht golden schimmerndes, rosiges Pulver enthielt. Einen Hauch davon ließ sie in ihr Glas rieseln, dann verschloss sie das Gefäß wieder sehr sorgfältig und ließ es da verschwinden, wo es hergekommen war. Andy staunte einfach nur darüber, dass sie mal nicht wie ein Wasserfall redete. Währenddessen stürzte sie ihren Drink in einem Zug herunter und seufzte wohlig.
„Wissen Sie, sie sehen gar nicht so übel aus, Steve hatte sie wesentlich schlimmer beschrieben. Na ja, eigentlich hatte er sie gar nicht so recht beschrieben, aber in seiner Wortwahl war er selten besonders wohlmeinend. Muss wohl das Testosteron sein“, sie kicherte. „Ach, und wenn wir schon dabei sind – ich bin erst kürzlich hier angekommen und suche noch eine Bleibe. Sie haben nicht zufällig etwas Platz?“
Andy trank ganz langsam seinen Drink leer, bevor er ihr eine Antwort gab. In dieser Zeit wartete sie ganz geduldig und still und wirkte nicht im geringsten genervt oder gereizt. Irgendwie hatte er kein gutes Gefühl bei der Sache, aber andererseits hatte sie eine überzeugende Vorstellung geliefert.
„Ich nehme an, Sie... sind auch etwas... Besonderes?“ Auch wenn sie sehr charmant war, wollte er sich nicht sofort zum Trottel machen und ihrer Bitte nachkommen. Er wollte zumindest wissen, mit wem er es zu tun hatte.
„Ja, aber ich würde meine... Berufsbezeichnung vorerst noch nicht ausbreiten. Die ist nicht für die Ohren dieser Leute hier bestimmt. Sie würden es nicht verstehen. Ach, ich weiß“, sie beugte sich zu ihm vor um in sein Ohr zu flüstern. Gänsehaut raste über seinen Körper, als er ihren warmen Atem an seiner Haut spürte und ihr feminines, würziges Parfum in die Nase bekam. Das war wirklich unfair.
„Vulgäre Zungen würden mich eine Liebeshexe nennen. Für die meisten bin ich eher so was wie eine gute Fee der besonderen Art. Und meine geschätzten Feinde nennen mich einfach nur Schlampe, und aus ihrem Mund ist es eine Auszeichnung. Aber in erster Linie bin ich ein Springer.“ Arina lehnte sich wieder zurück und lächelte verspielt.
Andy seufzte: „Gut, bis auf den letzten Punkt habe ich alles verstanden, aber was bitte ist ein Sp...“
Sie legte ihm einen Zeigefinger mit goldschimmernd lackiertem Fingernagel auf die Lippen: „Nicht aussprechen, bitte. Das Wort zieht Ärger an wie das Licht die Motten, wenn man es laut sagt. Ich bin einer. Steve ist auch einer. Der Spinnenmann und seine Freundin inzwischen auch. Sie könnten auch einer werden, wenn sie lange genug überleben. Und glauben Sie mir, das könnte sich zu einem Kunststück entwickeln, wenn die Gnadenlose sie auf dem Kieker hat. Also, kann ich bei Ihnen übernachten oder nicht?“
Andy seufzte erneut und nickte: „Ich werde es vermutlich bereuen, aber ja, Sie können.“
Sie strahlte: „Wunderbar! Sie sind ein Schatz! Ach, und von mir aus können wir das Siezen bleiben lassen und gleich zum Du übergehen. Ich meine, wir haben ja so was wie gemeinsame Freunde und das alles.“
Andy zuckte mit den Schultern: „Von mir aus. Wie sind... bist du eigentlich hierher gekommen? Auch mit dem Zug?“
Sie schüttelte den Kopf: „Nein, der bedient nicht alle Stationen, um es mal so zu sagen. Ich kann mich recht gut durch die Grenzen mogeln. Weißt du, wenn man ein wenig Chaos im Blut hat... ähm... ich glaube, wenn ich deine Neugier noch weiter befriedigen sollte, sollten wir besser zu dir gehen. Es geht doch nichts über einen abgeschirmten, privaten Bereich.“
Andy war sich nicht sicher, warum seine Gedanken ausgerechnet da zum Hexen-Teil des Wortes Liebeshexe zurückkehrten, aber es war auch nicht wichtig. Viel interessanter war für ihn an diesem Punkt, ob sich ihre Hexerei irgendwie nutzen ließ, um die Schatten davon abzuhalten, ihrem Opfer etwas anzutun. Vielleicht war sie ja so mächtig und konnte gleich alle drei Männer verzaubern oder etwas in der Art. Dann müsste er sich nur noch etwas überlegen, um die Blondine außer Gefecht zu setzen. Womöglich ließen sich sogar ihre bezauberten Kollegen dafür nutzen.
Weiter kam er nicht mit seinen Gedanken, weil Arina aufgestanden war und offensichtlich beschlossen hatte, allein für die Drinks aufzukommen, bevor er sich auch nur zu dem Thema äußern konnte. Fasziniert und missmutig zugleich beobachtete er, wie sie die Angelegenheit mit einem Kuss regelte. Der Blick des Barkeepers, nachdem sie ihre Lippen von seinen löste, erinnerte Andy an einen der zugedröhnten Drogensüchtigen, die er hin und wieder bei der Arbeit zu Gesicht bekam. Das war eine überzeugende Demonstration von Arinas Fähigkeiten und er nahm sich vor, dieser Frau besser nicht zu nahe zu kommen.
Als Andy mit Arina zusammen auf die Straße hinaustrat, schlug ihnen ein kalter Windzug entgegen und peitsche ihnen winzige Wassertropfen ins Gesicht. Er warf einen kurzen Blick in ihre Richtung und war sich nicht sicher, ob sie in ihrem doch eher luftigen Trägerkleid nun fror oder nicht. So oder so war er jedoch zu gut erzogen, also bot er ihr seinen Mantel an. Sie dankte ihm lächelnd und schlüpfte hinein.
„Ich rufe uns mal ein Taxi“, schlug er vor.
Sie lächelte: „Lassen Sie das besser mich machen. Ich würde so etwas ungern dem Zufall überlassen.“
Er hatte zwar keine Ahnung, was sie damit meinte, nickte aber. Sie streckte den Daumen der linken Hand aus und ließ einen durchdringenden, lauten Pfiff auf den Fingern der rechten Hand los. Andy zuckte zusammen; einen solchen Laut hätte er nicht von ihr zu hören erwartet. Er passte eher zu rücksichtslosen, harten Typen, die es gewohnt waren, immer und überall ihren Willen durchzusetzen. Aber ihm blieb nicht allzu viel Zeit, um zu staunen, denn wenige Augenblicke später bog ein Taxi um die Ecke und hielt neben ihnen an. Arina deutete Andy mit dem Blick, er möge auf dem Rücksitz Platz nehmen, während sie selbst den Beifahrersitz wählte. Als sie angekommen waren, wurde ihm auch klar, warum sie unbedingt vorne sitzen wollte. Sie entlohnte den Fahrer auf dieselbe Weise wie den Barkeeper.
Andy merkte, dass seine Hände ein leichtes, nervöses Zittern angenommen hatten, während er die Zugangstür zum Gebäude aufzuschließen versuchte. Zum Glück war es schon dunkel, so dass dieser Umstand ebenso gut dafür herhalten konnte, dass er den Schlüssel nicht sofort ins Schloss bekam. Nach drei Etagen mit dem Aufzug standen sie vor seiner Wohnung und waren wenig später drin. In der ganzen Zeit sagte sie kein Wort und er ebenso wenig. Er für seinen Teil wusste einfach nicht, was er sagen sollte, und außerdem sah sie so aus, als ob sie darauf wartete, anzukommen, bevor sie weitersprach. Sie war zwar eine Quasselstrippe, aber anscheinend wusste sie, wann es besser war, nichts zu sagen.
„Bitte schließe mit mindestens zwei Drehungen ab. Nur zur Sicherheit“, sagte sie leise, als er sie in seine Wohnung gelassen hatte, ihr nachgefolgt war und die Tür hinter sich leise ins Schloss zog. Er war sich nicht sicher, warum er sich so vorsichtig verhielt. Vielleicht war ihr Verhalten ansteckend. Sie hatte sich alle Mühe gegeben, auf ihren Stilettos so leise wie nur irgendwie möglich zu sein. Tatsächlich waren ihre Schritte im Gebäude selbst kaum zu hören gewesen, während sie auf dem Bürgersteig das gewohnte Klacken von Absätzen hervorgebracht hatten.
„Mehr als zwei Drehungen werden auch gar nicht drin sein. Bitteschön“, entgegnete er, als er ihrer Bitte nachkam. Sie schlüpfte inzwischen aus seinem Mantel und hängte ihn vorsichtig an die Garderobe.
„Ich muss mich für das Chaos hier entschuldigen, ich habe nicht mit... Besuch gerechnet“, fügte Andy hinzu, als sie weiter in die Wohnung hineinging.
„Ach, das ist schon in Ordnung. Ohne Vorwarnung perfekt aufgeräumte Junggesellenwohnungen sind mir suspekt. Solche Männer sind nicht ganz dicht im Kopf und entweder fürchterlich langweilig oder extrem gefährlich. Na ja, oder sie sind ständig unterwegs, dann ist das natürlich absolut in Ordnung. Hm, ich finde, die Wohnung hat ihren Charme. Ich hatte schon wesentlich schlimmere Behausungen gesehen. Gegen die meisten ist das hier ein Palast.“
Sie spazierte wie beiläufig geradewegs in sein Wohnzimmer und ließ als erstes die Jalousien vollständig herunter, bevor sie das Licht einschaltete. Dann lächelte sie ihn an: „So, jetzt können wir reden, glaube ich.“ Sie setzte sich sehr dekorativ auf die Couch und sah ihn erwartungsvoll an.
Andy räusperte sich: „Gut... willst du vielleicht einen Kaffee?“
Sie überlegte kurz und schüttelte den Kopf: „Nicht unbedingt, außer du willst auch einen. Ansonsten brauchst du dir keine Mühe machen.“
„Gut, dann also nicht.“ So gern er auch Kaffee trank, inzwischen war es dafür etwas zu spät. Er setzte sich ihr gegenüber hin. „Also, jetzt noch einmal die Geschichte von vorhin, nur ausführlicher bitte.“
Sie nickte: „Die gnadenlose Ruth ist dir noch ein Begriff?“
„Du meinst die Kanzlerin?“
„Genau die. Ich bin ja der Meinung, sie hätte auch keine Gnade verdient, aber es war ja nicht mein Urteil. Ich persönlich hoffe ja darauf, dass Steve sie noch in die Finger bekommt, um ihr endgültig den Gar aus zu machen, aber vermutlich wird da erst einmal nichts daraus werden. Wenn diese Frau etwas kann, dann Macht anzusammeln und auf wundersame Weise jeglichen dabei entstandenen Ärger zu überleben. Jedenfalls, sie hat deine Rolle in dieser Geschichte, wo sie leider nicht Königin geworden ist, nicht vergessen und würde dich gern tot sehen, solange dies noch möglich ist und ihr nicht jemand oder etwas anderes zuvorkommt. Ich schätze, Steve wollte, dass ich dir ein wenig Rückendeckung gebe.“
Andy atmete tief durch: „Was genau ist sie eigentlich? Ich muss gestehen, ich blicke da nicht so ganz durch bei den vielen verschiedenen Bezeichnungen.“
Arina wirkte so, als müsste sie nachdenken. Nach einer Pause begann sie dann wieder zu sprechen: „Es ist auch ziemlich kompliziert. Ich weiß nicht einmal wo ich anfangen soll. Sie ist ein Springer wie Steve und ich, so viel kann ich sagen. Im Gegensatz zu Steve und mir ist sie jedoch dazu verflucht, einer zu sein, deswegen ist alles ein wenig anders. Ich glaube, wenn sie damals Königin geworden wäre, dann wäre sie absolut glücklich und zufrieden gewesen da zu sein wo sie war, und wäre auch in Frieden entschlummert wenn der Tod sie geholt hätte. Dummerweise wäre das eine Katastrophe für alle anderen gewesen, und insofern ist es besser, mit dem Übel der gnadenlosen Ruth zu leben als mit der gnadenlosen Königin Ruth. Wer weiß, was sie in ihrem Größenwahn da noch angestellt hätte. Die armen Avera und Jack hätten das sicher nicht überlebt, auch wenn sie extrem fähige Leute bei sich haben. Avera ist die Schwester von Jack, wenn du mich schon so fragend anschaust, also die Kronprinzessin der Hauptstadt. Man hat sich Namen einfallen lassen müssen, um sie von Dannel und Astasia, ihren königlichen Gegenstücken aus der Spiegel-Hauptstadt, zu unterscheiden. Ach, hättest du vielleicht doch ein Glas Wasser oder Saft für mich? Das ganze Reden trocknet irgendwie den Mund aus.“
Andy nickte und ging in die Küche. „Ist Orangensaft in Ordnung? Ist leider nur aus der Tüte.“
„Hm, ich bevorzuge zwar frisch gepressten, aber ich denke, um die Uhrzeit bekommt man auf normalen Wegen keine frischen Orangen mehr. Also ist das in Ordnung. Ich kenne zwar jemand, die wäre sicherlich in der Lage, welchen zu besorgen, aber wenn ich sie um so etwas bitten würde, dann wäre der Saft hinterher vermutlich vergiftet. Nicht, dass es mir ernsthaft schaden würde, aber es wäre trotzdem sehr unangenehm gewesen.“
Andy kehrte mit zwei gefüllten Gläsern zurück und reichte eines an Arina weiter: „Ähm, einer deiner Feinde?“
Arina nahm einen Schluck, nickte zufrieden, und kicherte dann – ein durchaus angenehmes Geräusch, was man nicht von jedem Kichern behaupten konnte, stellte Andy fest: „Ach, das ist zu viel gesagt. Rivalin trifft es wohl eher. Sie war so etwas wie meine Lehrmeisterin, allerdings eher unfreiwillig, und das nimmt sie mir sehr übel. Aber zurück zu Ruth.“
Andy nickte und Arina sprach weiter: „Ich weiß, das wird dir jetzt merkwürdig vorkommen, aber in dem von Elaine und ihren Vorgängern erschaffenen... Gebilde verläuft die Zeit alles andere als linear. Also in den einzelnen Strängen ist sie das mehr oder weniger, aber die Stränge selbst sind mehr ein Knäuel als ein gespanntes Seil, wenn du verstehst was ich meine. Außerdem nehmen sie so weniger Platz weg, aber das ist nicht so wichtig. Einige Stränge sind dichter verwoben, wie die Hauptstadt und dieser hier, andere eher lose, und wiederum andere haben zueinander so gut wie gar keine Berührungspunkte. Deswegen bedient der Tornado nicht alle Stationen und deswegen sind Springer so... interessant für mancherlei Leute.“
„Hm... okay, und wovor muss ich mich jetzt eigentlich in Acht nehmen?“
Auf Arinas Gesicht erschien ein böses Grinsen: „Was macht eine von Macht besessene Person, wenn es zur Königin nicht reicht? Richtig, sie versucht sich zu einer Göttin aufzuschwingen. Ich meine, wir wissen alle, dass es Götter nicht gibt – es gibt nicht einmal den einen, denn absolute Macht und freier Wille ist ein rieeesiges Paradoxon, auch wenn das irgendwie keinem bei euch aufzufallen scheint – und mehr als einen schon mal gar nicht. Aber Menschen sind in der Regel leichtgläubig, und darum gibt es sie in gewisser Weise doch. Das ist alles etwas kompliziert. In der Hauptstadt hatten im Übrigen das Königspaar und zwischenzeitlich die Mutter, sowie der eine oder andere Träumer, verdächtig nahe am göttlichen Status gekratzt, aber eben nur das. Wie auch immer. Ruth hat über die Zeit eine sehr große Anzahl an Anhängern angesammelt. Das kann sie recht gut. Ich kenne deine Welt jedoch nicht gut genug, um dir zu sagen, in welcher okkulten Gesellschaft ihre Leute hier zu finden sind. Meistens wird sie als so was wie eine Dunkle Mutter oder Blutrote Königin oder etwas in der Art verehrt. Nicht sehr einfallsreich, wenn du mich fragst, aber die Leute fahren total auf diese Symbolik ab. Keine Ahnung, ob sie dir persönlich den Kopf abreißen wollen wird. Vermutlich wirst du es erst mal mit ihren Lakaien zu tun bekommen. Sie macht sich ungern die Hände schmutzig, aber das weißt du sicherlich selbst.“
Andy nickte: „Hm, das klingt ja... witzig. Aber ich hab momentan eigentlich ganz andere Sorgen, die eigentlich auch um einiges wichtiger sind – nichts für ungut.“
Arina zog eine Augenbraue hoch: „Ich würde die Warnung von meinem eigenen von anderen Leuten geplanten Ableben nicht so leichtfertig abtun, aber bitte. Was gibt es denn?“
Andy seufzte: „Du scheinst bestens über Elaines und meine Geschichte informiert zu sein. Dann kennst du sicherlich auch die Schatten aus Alices Gesellschaft. Sie sind nicht tot, obwohl wir das angenommen haben. Sie haben ein Mädchen entführt. Angeblich geht es ihr gut, aber ich befürchte, dass man sie früher oder später zugrunde richten wird, wenn die Schatten sie weiterhin in ihren Händen behalten. Ich habe die vier heute in den Spiegeln gesehen, und ich denke nicht, dass es ein Hirngespinst war.“
Arina nickte mit einem ernsten Gesichtsausdruck: „Ja, ich habe von ihnen gehört. Es wundert mich nicht, dass sie noch da sind. Unkraut vergeht nicht, wie man so schön sagt. Ich weiß es schließlich am besten, als schönstes Unkraut der Welt“, sie zwinkerte ihm zu. „Du willst also ernsthaft erst dieses Mädchen rausholen bevor du dich um dich selbst kümmerst?“
Andy nickte: „Ja, das war mein Plan. Sie hat noch ihr ganzes Leben vor sich und ich... na ja, ganz ehrlich, ich bin fast schon ein alter Mann.“
Arina schmunzelte: „Ach, ich kenne ein gutes Mittel, um dich vom Gegenteil zu überzeugen. Aber rein objektiv hast du natürlich teilweise recht – zumindest wenn man den Jugendwahn eurer Zeit bedenkt. Woanders würde man sagen, du hast gerade die besten Jahre erreicht und es wäre an der Zeit, sich eine rassige Geliebte zuzulegen und mit ihr zusammen die Welt zu bereisen, mit pikanten Einzelheiten gespickte Reiseberichte zu schreiben, um sie dann mit möglichst viel Gewinn zu verhökern und rauschende Partys schmeißen zu können. Egal, ich habe Steve versprochen, ein Auge auf dich zu haben, also werde ich das auch tun, während du dieses Mädchen suchst. Hast du schon mal dran gedacht, Hilfe von den Agenten da drüben anzufordern?“
„Danke. Nein, ich hätte nicht gedacht, dass es geht.“
Sie lächelte: „Es ist auch nicht gerade üblich, ist aber auch nicht so wichtig. Was sind schon ein paar Abziehbilder? Hätten wir es mit Elaines Freunden zu tun gehabt, dann würde ich mir Sorgen machen. Da hätte ich schon Glück, wenn ich Boo um den Finger wickeln könnte. Nichts ist gruseliger als Leute, die ihre Wahre Liebe gefunden haben oder für ihre Freunde sterben würden. An denen beißt man sich nur die Zähne aus. Und Corry würde mir meine Zähne vermutlich mit einem Hieb ausschlagen, wenn ich ihr auch nur zu nahe komme. Nein danke. Die Schatten auszustechen wird dagegen... ein leichteres Unterfangen sein.“
Es war kein angenehmes Gefühl, ständig irgendwelche Insider-Kommentare um die Ohren gehauen zu bekommen, aber da musste Andy wohl oder übel durch, auch wenn er inzwischen nicht mehr so ahnungslos war wie einen Monat zuvor. Aber das war jetzt nicht wichtig. Er musste den Abend dringend nutzen, um alle Informationen zu verarbeiten und zu notieren, bevor der Schlaf irgend etwas an seinen Erinnerungen verändern konnte.
„Gut, ich denke, ich werde mich jetzt mal daran machen, zu überlegen, wo ich die Schatten finden kann. Viele Spuren habe ich ja nicht. Du kannst das Bett im Schlafzimmer nehmen, ich schlafe dann auf der Couch.“
Sie zog fragend die Augenbrauen hoch: „Mich würde es überhaupt nicht stören, wenn wir im selben Bett schlafen. Selbst wenn da gar nichts passiert. Ich schlafe ungern allein – aber wenn es dir so lieber ist, dann machen wir es so.“
Andy versuchte, möglichst freundlich zu lächeln, obwohl er ein mulmiges Gefühl im Bauch hatte angesichts der Demonstration ihrer Fähigkeiten: „Ich will nicht unhöflich sein und dich auch gar nicht beleidigen. Jeder Mann kann sich sicherlich geehrt fühlen in deiner Gesellschaft – aber ich brauche jetzt vor allem Konzentration, und da wäre es vermutlich besser, wenn ich mich von nichts und niemandem ablenken lasse, sonst verliere ich am Ende die Fährte. Verstehst du, was ich meine?“
Sie nickte und wirkte auf einmal nicht mehr so lasziv wie zuvor, sondern ernst und beinahe ehrfürchtig: „Weißt du, zu meinen besten Freunden gehören einige Adepten von Leben und Tod. Die sind ähnlich wie du drauf. Ich kann es gut verstehen. Dann wünsche ich dir eine gute Nacht und viele gute Ideen.“ Sie lächelte ihm zu und verschwand im finsteren Schlafzimmer. Die Tür ließ sie angelehnt und durch den Spalt konnte er ihre vom Licht beschienene Seite sehen. Mit einer einzigen, fließenden Bewegung glitt ihr Kleid zu Boden und entblößte ihren makellosen, golden gebräunten Körper. Dann schloss sie die Tür. Andy hörte das leise Geräusch der Federn, als sie sich ins Bett legte. Danach wurde es still. Er atmete tief durch.
Nicht jetzt, nicht an diesem Abend. Andy ging in die Küche und ließ nun doch die Kaffeemaschine arbeiten. Er würde einen besonders starken Kaffee brauchen, um möglichst lange wach zu bleiben. Dann nahm er seine Tasse, sowie die volle Kanne, und setzte sich in sein Büro. Irgendwo vor seinem Fenster schepperte es und ein Katzenschrei war zu hören. Andy erstarrte, bemerkte dann aber, dass es nicht der von Kryss geschickte Traum war, sondern nur ein eigenartiger Zufall. Er schüttelte verärgert über sich selbst den Kopf und setzte sich an seinen Tisch.
Wie gewohnt zog er seinen Notizblock heraus, um alles aufzuschreiben, das ihm aufgefallen war. Er stutzte ein wenig, als er bemerkte, dass die Einträge aus der Hauptstadt immer noch da waren. Normalerweise heftete er seine Notizen immer in die jeweilige Akte ab, aber diesmal schien er es vergessen zu haben. Das war ihm noch nie passiert. Er blätterte weiter auf der Suche nach einer freien Seite, um den neuen Fall zu beginnen. Irritiert blieb er beim letzten Eintrag hängen. Dieser war in einer anderen Schrift verfasst als seiner oder Alices. Es war eine saubere, beinahe mechanisch wirkende Schreibweise, tadellos und markant.
Wir verdanken Alice unser Leben, und wir schulden ihr alle Mühen, sie zurück zu holen. Ihr Opfer hat ihr die Unsterblichkeit erkauft, doch wo und wann, das ist die große Frage. Wir suchen sie, wo auch immer sie ist. Wenn Sie uns nicht helfen wollen, dann suchen Sie uns auch zu unser aller Besten nicht. Dem Mädchen wird nichts passieren. Wenn sie nicht die Richtige ist, dann wird sie alles vergessen und wohlbehalten nach Hause zurückkehren.
Andy las den Absatz immer und immer wieder. Es mussten die Worte sein, die der Schönling in sein Notizbuch geschrieben hatte, als Andy einen kurzen Blick auf die vier Schatten erhaschen konnte.
Plötzlich klingelte das Telefon. In der Stille der Nacht erschien Andy das Geräusch derart übertrieben laut, dass er zusammenzuckte und lauschte, ob Arina von diesem Lärm wach geworden war. Dies schien jedoch nicht der Fall zu sein und das zweite Klingeln stabilisierte sich auf einem wesentlich leiseren Niveau als zuvor. Diesmal war Andy sogar der Meinung, dass es die leiseste Abstufung war, die das Telefon hergab.
„Hallo?“, sagte er schließlich, nachdem er beim dritten Klingeln abgehoben hatte.
„Hallo Andy“, hörte er wieder die Stimme, die ihm wie ein Reibeisen durch den Verstand fuhr und einer aufgeschnittenen Zwiebel gleich Tränen in die Augen trieb, „schön dass Sie in Ihrem Büro und nicht im Schlafzimmer sind. Schnappen Sie sich Ihre Sachen und raus aus dem Haus. Sonst sind Sie gleich tot. Warum hören Sie mir noch zu?“ Kryss klang nicht so, als ob er Scherze machen würde.
Langsam legte Andy den Hörer beiseite und griff mechanisch nach den auf dem Tisch liegenden Unterlagen, vor allem nach seinem Notizblock, um sie hastig in seine Aktentasche zu verfrachten. „Wir müssen gehen, Arina!“, rief er dann. Er war überrascht, sie angezogen und abmarschbereit in der Tür stehen zu sehen.
Sie nickte nur: „Anrufe mitten in der Nacht sind selten gute Botschaften.“ Sie linste zum Fenster, fluchte leise in einer Sprache, die Andy nicht verstand, und fügte dann hinzu: „So ein Mist.“
Andys Blick folge ihrem und er sah, wie einige Polizeifahrzeuge in der Straße parkten. „Was zum...“
Auf Arinas Gesicht erschien ein schiefes Grinsen: „Manche Dinge scheinen sich nie zu ändern. Hat das Haus im Keller einen Zugang zur Kanalisation?“
Andy schüttelte den Kopf: „Nicht dass ich wüsste. Wieso?“
„Unsichere Wege sind keine Wege... aus der Haustür kommen wir so einfach nicht mehr raus. Sobald die uns sehen, nehmen sie uns fest.“
„Warum sollte die Polizei hinter mir her sein, Arina?“
Sie zuckte mit den Schultern: „Keine Ahnung, vielleicht sind sie auch hinter mir her. Manche Leute haben ihre dreckigen Finger überall. Sie denken doch wirklich, dass Leute wie ich und Leute wie Ruth alle ein und dasselbe sind... Nun ja. Hintereingang?“
Andy nickte: „Ja, aber der führt nirgendwohin.“
Arina schmunzelte: „Das sehen wir dann.“
Diesmal lief sie barfuß mit ihm die Treppe hinunter, die Schuhe an den Riemchen in einer Hand tragend, die Handtasche über der Schulter. Auf halbem Weg merkte Andy, dass er vergessen hatte, die Tür richtig abzuschließen, aber vermutlich war das ohnehin egal. Schade um die halbvolle Kaffeekanne.
Arina schloss leise die Tür des Hintereingangs hinter ihnen im selben Augenblick als der Vordereingang des Gebäudes geöffnet wurde. Sie hörten Schritte, die zum Aufzug gingen und andere, die gleich die Treppe nahmen.
