Geschichten der Nebelwelt - Inga Kozuruba - E-Book

Geschichten der Nebelwelt E-Book

Inga Kozuruba

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Beschreibung

Nachdem der Dämonenjäger mit seinen Gefährten in Richtung des verderbten Klosters aufgebrochen ist, ist es an den Bewohnern von Starogrâd, die Verderbnis in ihrer Mitte aufzudecken. Richter Karl, Oberin Klarina, der junge Osterik und die Stadtwachen geben ihr Bestes, während die Mächtigen der Kirche und die Stadtherren tatenlos die Gefahr ignorieren. Viel Zeit haben sie nicht, denn entweder fällt die Stadt den verderbten Besessenen zum Opfer oder den Truppen des Rächerordens, die für ihre Gnadenlosigkeit berüchtigt sind.

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Seitenzahl: 369

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inga Kozuruba

Geschichten der Nebelwelt

Das Schicksal von Starogrâd

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Danksagung

Vorwort

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Glossar

Impressum neobooks

Danksagung

Vielen Dank an alle, die mich beim Verfassen dieser und anderer meiner Geschichten unterstützt haben! Danke an meine Mutter fürs Babysitten, danke an meinen Mann Harald und meine Freunde, insbesondere Konstantin Hristov, fürs Lesen und für ihren Input!

Vorwort

Wer nach Ordnung strebt, wird am Chaos der Welt verzweifeln, doch in einer großen Gemeinschaft Halt und Einigkeit finden.

Wer die Wellen des Chaos zu reiten vermag, findet Glück und bringt Balance in die Welt, wird jedoch nur bei wenigen Nähe und Geborgenheit erfahren.

Wer die Verderbnis der Welt meistern kann, der ist wahrhaftig erleuchtet und verflucht gleichermaßen.

Altes Sprichwort der Elweni.

Kapitel 7

Richter Karl erwachte im Morgengrauen, ein seltsamer Traum hatte ihn aufgeweckt. Normalerweise passierte ihm das nur äußerst selten, und er konnte sich so gut wie nie an seine Träume erinnern. Doch bei einem Traum wie diesem war an Weiterschlafen nicht zu denken. Es war eigentlich nicht einmal ein richtiger Traum gewesen, mehr ein Fetzen.

Was auch immer er vorher im Schlaf vor sich hatte, plötzlich befand er sich mitten auf der Straße der Stadt, wurde vom Regen begossen und spürte ein über alle Maßen beunruhigendes Gefühl. Er war auf dem Weg zu seiner Arbeitsstätte, so viel war sicher. Es würde wieder einer dieser Tage werden, die nicht aufhören wollten, wenn er denn pünktlich ankam - denn auf einmal war ihm aufgefallen, dass der Tag sehr viel weiter fortgeschritten war, als er zuvor glaubte. Die Kirchenuhr schlug zur vierten Stunde des Nachmittags. Der Richter wurde nervös. Auch wenn er sich vor kaum jemandem in Bezug auf seine Arbeitszeiten zu verantworten hatte - so hatte er doch zu bestimmten Zeiten anwesend zu sein für all die Leute, die ihn mit ihren Anliegen aufsuchten. Doch selbst wenn dieser Tag ein ganz gewöhnlicher werden würde, sein Pflichtbewusstsein fühlte sich massiv verletzt und er spürte die Schuld, seinem Anspruch an sich selbst nicht zu genügen. Nur bei einer schweren Erkrankung erlaubte er sich, seine Pflichten zu vernachlässigen - und nun das, er hatte ohne einen ersichtlichen Grund fast einen ganzen Tag verpasst.

Zumindest in den letzten Stunden vor der Nachtruhe wollte er so viel der verpassten Arbeit nachholen, wie es ihm möglich war. Also eilte er zum Rathaus. Auf dem Weg waren etliche Menschen. Einige Gesichter kamen ihm bekannt vor. Sie sahen ihn fragend an, sagten aber nichts. Er glaubte, tadelnde Blicke zu erkennen, und gab ihnen durchaus Recht. Doch dann lief er einem Mann über den Weg, dessen Gesicht ihm zwar vage bekannt war, aber nicht von seinem üblichen Weg zur Arbeit oder zurück zu seinem Haus. Er wusste nicht, woher er das Gesicht des Mannes kannte, aber er musste es schon oft in der Stadt gesehen haben. Mit ihm stimmte etwas nicht. So wie der Richter schien auch er nicht auf seinem Posten zu sein. Doch im Gegensatz zum Richter war er bester Laune, auch wenn der Regen ihn durchnässte. Mit einem verschwörerischen Grinsen zwinkerte der Mann ihm zu, und begann, eine fröhliche Melodie zu pfeifen. Der Richter wunderte sich sehr über dieses Verhalten. Er wollte den Mann noch fragen, was denn der Grund für sein ausgelassenes Verhalten war. Doch dieser war schon an ihm vorbei und das Pfeifen zerfaserte in ein Sammelsurium dissonanter Töne, als der Traum plötzlich zusammenbrach. Der Mann trug anstelle seines Hinterkopfes ein zweites, identisches Gesicht. Allerdings war dieses voller Bosheit und trug ein verabscheuungswürdiges Grinsen zur Schau. Das letzte, das der Richter in seinem Traum sah, war das leuchtende Aufblitzen des heiligen Sterns auf der Spitze des Kirchturms, der plötzlich nach unten kippte und schwarz wurde wie verbrannte Haut.

Die letzten Bilder des Traums waren von einem derart verstörenden Gefühl begleitet, dass der Richter unvermittelt im Bett hochfuhr. Er erschrak noch mehr, weil ihm auffiel, dass er die Melodie aus seinem Traum selbst gesummt hatte, und dass sie ihm auf einmal überhaupt nicht mehr fröhlich vorkam, sondern unheilvoll und bedrohlich. Er fasste sich an die Stirn und spürte eine dünne Schicht von kaltem Schweiß.

Etwas stimmte nicht, wollte sein Gefühl ihm wohl sagen. Doch er konnte einfach nicht festmachen, was der Grund dafür war. Möglicherweise war die Besprechung mit dem Dämonenjäger über die Verderbnis im Kloster der Grund für diesen eigenartigen Alptraum. Doch warum hatte er dann nicht von Dämonen geträumt?

Der verbrannte, kopfüber stehende Stern war ein Hinweis, den er nicht ignorieren konnte. Er selbst war zwar nicht dafür zuständig, gefallene Dämonenjäger so zu brandmarken, bevor man sie verstieß und für vogelfrei erklärte - wenn man sie nicht gleich für den Verrat hinrichtete. So beliebten es zumindest manche übereifrigen Paladine, da in diesen Belangen das Recht des Klerus zuständig war. Aber er wusste ganz genau, was so ein böser Stern als Omen zu bedeuten hatte - dass nämlich der Dämonenjäger scheitern und sich mit hoher Wahrscheinlichkeit bald gegen sie stellen würde.

Der Richter spielte mit dem Gedanken, einen eiligen Boten auszusenden im Versuch, den Dämonenjäger einzuholen und zur Rückkehr zu bewegen. Doch er verwarf den Gedanken wieder. Noch nie in seinem Leben hatte er eine Vorahnung gefühlt, die von einer übersinnlichen Natur war. Er hatte zwar ein Gespür für Menschen, insbesondere für die verbrecherischen unter ihnen, und konnte im Verlauf einer Verhandlung oft instinktiv unterscheiden, wer ihn belog und wer nicht - aber übernatürliche Dinge lagen definitiv ganz und gar außerhalb seiner Erfahrung.

Nein, es war eigentlich nur das Gesicht des pfeifenden Mannes aus seinem Traum, das ihm nicht mehr aus dem Sinn gehen wollte. Er war sich sicher, er hatte ihn schon dutzende Male in der Stadt gesehen. Er war keiner der Pilger und kein sonstiger Reisender gewesen. Er konnte nur beim besten Willen nicht sagen, zu welchem Teil der Stadt er ihn einordnen würde. Vielleicht sollte er sich nach getanem Tagwerk einen Spaziergang gönnen, wenn das Wetter sich ein wenig bessern würde.

Als er zu seinem gewohnten Frühstück hinabstieg - etwas frisches Brot mit Käse und einem gekochten Ei, begleitet von einer dampfenden Tasse Kaffee, eines der wenigen luxuriösen Dinge, die er sich von seinem durchaus nennenswerten Auskommen leistete, - war sein Bediensteter bereits im Haus unterwegs, um seiner üblichen Arbeit nachzugehen. Dann bemerkte der Richter, dass auf dem Tisch noch etwas anderes lag, ein frisches Stück Gebäck mit süßem Quark. Karl rollte mit den Augen, und schob das Gebäckstück zur Seite, damit sein Bediensteter es später finden und für seine Kinder mit nach Hause nehmen konnte. Diese Bäckerwitwe Hella konnte es einfach nicht lassen, ihm diese ungewollten Beweise ihrer Aufmerksamkeit zu schicken. Wie konnte er ihr nur begreiflich machen, dass Frauen wie sie für ihn nicht von Interesse waren? Solle er das klebrige süße Gebäck etwa ansammeln und dann eines Tages vor ihrer Haustür entladen? Nein, das wäre über alle Maßen beleidigend. Also würde er weiterhin nicht auf ihre Geschenke reagieren und hoffen, dass sie es eines Tages verstehen würde. Immerhin gab es für ein paar Kinder regelmäßigen Grund zur Freude.

In seinem gewohnten Tempo machte sich der Richter auf den Weg. Zu dieser Tageszeit waren üblicherweise nur wenige Leute auf der Straße zu sehen, da sie entweder schon mit ihrem Tagwerk beschäftigt waren, oder noch schliefen. Aber an einem so verregneten Tag war auf den Straßen noch weniger los als sonst. Er nickte im Vorbeigehen der Witwe Hella zu, die kein Wetter davon abhalten konnte, vor ihm auf der Straße zu erscheinen. Er war höflich genug, um nicht beleidigend zu sein, aber so zurückhaltend wie möglich, und eilte weiter, bevor sie ihn ansprechen konnte.

"Er ist immer so beschäftigt", hörte er hinter sich ihre hohe, stets etwas schrill wirkende Stimme, als sie vermutlich zu ihrem Lehrling sprach. Was für ein lästiges Frauenzimmer!

Auf dem ganzen verbliebenen Weg zum Rathaus zerbrach sich der Richter den Kopf über den Mann aus seinem Traum. Aber jedes Mal, wenn er einer Erinnerung auf der Spur zu sein glaubte, entglitt ihm die Erkenntnis wie ein schlüpfriger Fisch. Doch sobald er durch die Eingangstür trat und den Weg durch das Gebäude zu seiner Arbeitsstätte nahm, verflogen die Grübeleien und das Tagesgeschäft trat in den Vordergrund. Es gab so viele Dinge zu tun! Vor allem deshalb, da der Titel Richter nur den Bruchteil all seiner Aufgaben umriss. Die Stadt war groß genug für einige Stadtherren, aber nicht groß genug, um das Amt des Richters und des Bürgermeisters auf zwei verschiedene Schultern zu verteilen – wobei die Stadtherren ihm natürlich nur einen Teil dieser Aufgaben zugestanden, insbesondere die weniger wichtigen und langweiligeren Fragen der Verwaltung. Und insbesondere wenn es in der Stadt vergleichsweise wenige Verbrechen zu ahnden und Streitigkeiten zwischen Bürgern zu schlichten gab, dann füllte sich sein Tagwerk wie von Zauberhand mit eben solchen Tätigkeiten. Nun, zumindest war er niemals in Gefahr, dem Laster des Müßiggangs zu erliegen.

Das erste, das dem Richter beim Betreten seiner Räumlichkeiten auffiel war das Behältnis für Pergamente, das auf seinem Schreibtisch lag. Der Dämonenjäger war offensichtlich vom Fach und hatte sich ihren Inhalt eingeprägt, bevor er aufbrach. Der Richter holte die Schriften sorgfältig und mit gegebenem Respekt heraus, um ihren Zustand zu prüfen, konnte nichts beanstanden und veranlasste, dass die Dokumente wieder an ihren üblichen Platz zurückgebracht werden. Er fing gar nicht erst wieder damit an darüber nachzudenken, ob sein Traum möglicherweise ein schreckliches Schicksal vorwegnahm. Dafür hatte er keine Zeit, denn nur wenig später klopfte es an seiner Tür. Noch bevor er einen Laut äußern konnte, wurde sie gleich daraufhin geöffnet. Karl kannte nur eine Person, die eine solche Dreistigkeit besaß, und nach eben dieser hatte er gestern geschickt. Also lehnte er sich in seinen Sitz zurück, verschränkte die Finger auf dem Tisch vor sich, und gab sich alle Mühe, möglichst ernst zu wirken und nichts von seinem Innenleben preiszugeben.

Der Grund dafür war, dass die Person, die nun den Raum betrat, eher eine Frau nach seinem Geschmack war. Allerdings war ihm wohl bewusst, dass die Waldläuferin von ihm nur in seiner Eigenschaft als Richter und als Auftraggeber von hohem Rang Notiz nahm. Er war ihr mit Sicherheit ein paar Jahre zu alt. Allerdings konnte er nicht ausschließen, dass ihr womöglich doch bereits aufgefallen war, dass er eine Schwäche für sie hatte, und dass das der eigentliche Grund für ihr unverfrorenes Verhalten ihm gegenüber war. Vielleicht war aber auch ihr hervorragender Ruf im Hinblick auf das Erledigen der ihr zugetragenen Aufgaben die Ursache für eine gewisse Arroganz. Karl störte sich nicht daran. Wenn es nach ihm ging, konnte sie sich ein gewisses Recht auf Eigensinnigkeit herausnehmen.

Die Waldläuferin, die alle unter dem Namen Feli kannten, war eine drahtige Frau durchschnittlicher Größe und Karl schätzte sie auf etwa zehn Jahre jünger als sich selbst. Das lag zu einem gewissen Grad an ihrer leicht gebräunten Haut, den lebendigen grünen Augen und dem forschen Auftreten – aber auch daran, dass sie die Energie einer jungen Frau besaß. Nur ihre Selbstsicherheit widersprach diesem Muster. Diese kannte Karl eher von älteren, erfolgreichen Frauen, wie etwa der Oberin der Schwesternschaft in Starogrâd. Doch das konnte schlicht und einfach damit begründet sein, dass die Waldläuferin stets den Erfolg für sich gepachtet zu haben schien. Feli hatte ihre nussbraunen Haare an diesem Tag wie gewohnt zum Zopf geflochten, aber einzelne widerspenstige Strähnen hatten bereits ihren Weg in die Freiheit gefunden und fielen gelockt am Rand ihres Gesichts mit den ausgeprägten Wangenknochen entlang herab. Die meisten Männer würden sie nicht als übermäßig attraktiv erachten, weil ihr Auftreten nicht allzu weiblich war und ihre Erscheinung etwas spröde Züge hatte, aber Karl fand sie gerade deshalb sehr erfrischend.

"Ihr wolltet mich sprechen, Richter? Ich hoffe, es ist dringend. Mir entgeht womöglich ein sehr lukrativer Auftrag eines besorgen, wohlbetuchten Ehemannes, der seine hübsche, junge Frau ungern in Begleitung männlicher Wachen zum Besuch ihrer Mutter reisen lässt", raunte sie mit ihrer herben Stimme.

Der Richter schmunzelte: "Das ist bedauerlich, werte Feli, aber ich fürchte, wir haben größere Probleme als das."

Dann nahm sein Gesicht einen ernsten Ausdruck an: "Außerdem wird die Angelegenheit vermutlich nicht allzu lange dauern. Das sollte sie besser gesagt nicht. Es ist dringend und wichtig, und ich bin gerne bereit, Euch den doppelten Sold zu zahlen für eine möglichst rasche Erfüllung."

Feli zog eine Augenbraue hoch und stützte sich mit den Unterarmen auf der Stuhllehne ab, dem Richter gegenüber, so dass er nicht umhin kam, einen flüchtigen Blick in Richtung ihres nicht vollständig geschlossenen Hemdes zu werfen, bevor er ihr erneut ins Gesicht sah.

"Ich benötige dringend die Information, wo sich gegenwärtig die anrückende Mannschaft der Ordensritter befindet, wie lange sie schätzungsweise noch brauchen, bis sie die Stadt erreichen, wie viele Fußtruppen und Ritter wir erwarten müssen, ob sie eine ungewöhnlich hohe Anzahl an Paladinen und Ermittlern in ihren Reihen haben - alles über fünf ist ungewöhnlich, und ich freue mich über einen sehr genauen Bericht - und ob Euren Sinnen noch weitere, ungewöhnliche Dinge auffallen."

Sie zog eine Augenbraue hoch und richtete sich auf, um zu ergänzen: "Und ich soll so schnell zurückkehren, wie es mir möglich ist."

Der Richter nickte: "Am besten gestern noch. Ich habe ein sehr ungutes Gefühl, was die Entwicklung der Lage im Kloster angeht, und würde gern wissen, wie viel Zeit uns noch bleibt, um die Angelegenheiten der Stadt so gut in Ordnung zu bringen wie möglich, damit der Kelch einer ausführlichen Prüfung an uns vorübergeht. Ich weiß, dass wir, also die Stadt, uns nach weltlichen Gesetzen durchaus vorbildlich verhalten, aber ich habe nicht die geringste Ahnung, was diese... übereifrigen Leute uns nach ihrem Kirchenrecht vorzuwerfen gedenken in Anbetracht der jüngsten Ereignisse."

Feli nickte: "Verstehe. Ich werde mich umgehend darum kümmern."

Mit den Worten deutete sie eine leichte Verbeugung an, während sie bereits auf dem Absatz kehrt machte und durch die Tür hinausstürmte. Der Richter sah ihr nach und seufzte kaum hörbar. Frauen in Männerkleidung waren einfach eine Sache für sich. Mit Missfallen dachte er gleich danach, dass damit das Beste an seinem Tag bereits hinter ihm lag, und widmete sich seinen Papieren, um wenigstens im Hinblick auf die Erfüllung seiner Pflicht kein schlechtes Gefühl zu haben. Er verzog das Gesicht, als er erneut die Benachrichtigung der Kirche über die Ankunft der Ordensritter las und die Anordnung, "angemessene Versorgung der Truppen und Unterbringung der führenden Persönlichkeiten" sicherzustellen. Natürlich waren in diesem Schreiben keine exakten Zahlen genannt - wie so oft schienen diese unbedeutenden Kleinigkeiten dem Klerus zu entfallen. Dennoch musste er sich darum kümmern, alles vorzubereiten.

Seine Laufburschen waren schon unterwegs, um die vorhandenen Übernachtungsmöglichkeiten für die hochrangigen Mitglieder der Rächer in den Gasthäusern der Stadt zu prüfen, und zumindest in dieser Hinsicht erwartete der Richter keine Schwierigkeiten. Die Gasthäuser waren aufgrund der nicht aus dem Kloster zurückgekehrten Pilger und des unfreundlichen Wetters gähnend leer - und auch wenn die Kirche oft knauserig und vergesslich war, was das Entlohnen ihrer weltlichen Versorger anging, so war eine niedrige Entlohnung immerhin besser als der gänzliche Ausfall aller Einkünfte. Der Richter fragte sich immer wieder, welchen Scherz die Geschichte mit ihnen getrieben hatte, indem sie einem tüchtigen, auf Mehrung des Wohlstands und Handel ausgerichteten Volk einen Glauben vorsetzte, der alles Weltliche abwertete und nur die jenseitige Welt als wichtig betrachtete. Nun, so versuchte er sich selbst zu trösten, vermutlich mussten sie immer noch glücklich sein, dass ihre Kirche ihrem Lebenswandel gegenüber nicht so feindselig eingestellt war wie der Glaube des Einen in den südlichen Landen.

Die Versorgung der Truppen machte dem Richter allerdings noch große Sorgen. Die Stadt hatte zwar noch gut gefüllte Vorratslager, die dafür gedacht waren, die Versorgung der zurückkehrenden Pilger sicherzustellen sowie in Notfällen für die Bauern und Viehzüchter in der Stadt und den umliegenden Dörfern einzuspringen - aber eine stehende Mannschaft zu unterhalten, insbesondere über eine längere Zeit, könnte sich möglicherweise als sehr problematisch herausstellen. Wenn es dann auch noch mehrere Hundertschaften werden sollten, dann würden sie möglicherweise das Letzte aus den umliegenden Ortschaften und Höfen pressen müssen. Dieser Gedanke behagte dem Richter ganz und gar nicht. Die Bauern mussten schließlich auch von etwas leben und brauchten Zuchttiere und Saatgut, um die künftige Versorgung sicherzustellen. Zum Glück waren einige Getreidesorten und Gemüsepflanzen bereits in der Erde und fürs Erste dem Zugriff entzogen. Aber einige Sorten wurden erst im späteren Verlauf des Jahres gepflanzt, und diese Bestände sollten bewahrt werden. Um nichts dem Zufall zu überlassen, hatte er auch bereits veranlasst, die vorhandenen Mengen an Lebensmitteln in der Stadt und Umgebung genauestens zu erfassen. Die Stadtherren ließen ihm in dieser Angelegenheit zum Glück freie Hand, und er hatte nicht vor, das Vertrauten der Adligen und wohlhabenden Kaufleute zu enttäuschen. Schließlich war er ihnen Rechenschaft schuldig.

Er fragte sich, ob er ihnen gegenüber durchsickern lassen sollte, dass der Aufenthalt des Ordens des Heiligen Rächers möglicherweise nicht allzu reibungslos verlaufen würde. Er beschloss, sich erst noch mit der obersten Schwester zu dem Thema auszutauschen. Eine hoffentlich weit fortgeschrittene Genesung des dem Kloster entkommenen Verrückten würde ihnen sicherlich das Wohlwollen der Ermittler einbringen und für einen schnelleren Abzug der Ordensritter sorgen. Er sandte einen Boten zur Schwesternschaft aus mit der Anfrage, ob die Oberin möglicherweise Zeit hätte, an diesem oder zumindest am nächsten Tag zu Mittag mit ihm zu speisen und dabei ein paar Dinge zu besprechen. Nach dem Stand der Sonne zu urteilen war sie schon seit Stunden wach und konnte ihm aber auch rechtzeitig eine Antwort zukommen lassen, selbst wenn sie den Boten erst einmal eine Weile warten lassen würde, wie das ihre Art war. Je nachdem, wie das Gespräch verlaufen würde, konnte er die Lage vielleicht besser einschätzen und den Stadtherren einen besseren Bericht und eine genauere Empfehlung liefern, wie man mit der Situation umgehen sollte.

Der Tag verging wie im Flug und zum Abend ließ der Regen tatsächlich nach. Als der Richter mit dem Einsetzen der Abenddämmerung seine Arbeitsstätte verließ, schwand das wohlige Gefühl eines produktiven Tages schnell und machte einem nagenden Zweifel in seinem Hinterkopf Platz. Es würde mindestens noch einen weiteren Tag dauern, bis er Nachricht von Feli erhalten würde. Er hoffte aber, dass die Ordensritter der Stadt noch nicht so nahe waren, und sie ihm erst in zwei oder drei Tagen berichten würde. Vielleicht würde er dann einen, zwei oder mit sehr viel Glück sogar drei Tage Vorsprung haben, um auf alles vorbereitet zu sein. Wenn die Götter ihnen gewogen waren, dann wäre bis dahin der Dämonenjäger mit einem Erfolgsbericht zurück, so dass die Ordensritter nicht allzu lange in der Stadt verweilen mussten. Er hoffte sehr, dass Nat erfolgreich zurückkehren würde. Dieser Dämonenjäger hatte sich bereits vor vielen Jahren einen Namen gemacht. Er galt als der Beste seiner Zunft, und er hatte in der kurzen Zeit ihrer ersten Begegnung einen bleibenden Eindruck beim Richter hinterlassen. Wenn dieser außergewöhnliche Mann jedoch scheitern würde, dann stand zu befürchten, dass die Geschichte eine noch dunklere und blutigere Wendung nehmen würde.

„Herr Richter!“, hörte er dann einen der Botenjungen, der atemlos auf ihn zugerannt kam. Es war der Bursche, den er zur Oberin der Schwesternschaft gesandt hatte.

Karl zog eine Augenbraue hoch und musste sich Mühe geben, nicht all zu ungehalten zu klingen: „Was hat so lange gedauert? Was sagt die Oberin?“

Der Junge war knallrot angelaufen und atmete schwer bei seiner Antwort: „Vergebt mir, doch ich habe Stunden ausharren müssen. Die Oberin wird Euch morgen zur Mittagszeit empfangen. Sie hatte heute dringende Geschäfte zu erledigen.“

Der Richter schüttelte den Kopf und drückte dem Boten ein paar Kupfermünzen in die Hand. Er merkte sich vor, nächstes Mal einen anderen mit einem Anliegen zur Oberin zu schicken. Wenn man nach Anzahl der erledigten Botengänge bezahlt wurde, dann war es nur gerecht, solch unnötig zeitfressenden Angelegenheiten nicht immer ein und demselben Boten aufzuhalsen. Der Bursche verbeugte sich knapp und entschwand nach Hause. Immerhin war das geklärt.

Wenige Augenblicke später kehrten Karls Gedanken erneut zum Störenfried seiner Ruhe zurück, zur Erinnerung an seinen schlechten Traum. Da kam ihm der Zweigesichtige in den Sinn, und das Vorhaben, in der Stadt nach ihm zu suchen – also beschloss er, tatsächlich einen ausgedehnten Spaziergang zu machen. Das Wetter spielte wenigstens mit, also ließ er sich durch die Straßen der Stadt treiben.

Der Himmel färbte sich dunkel und auf den Straßen herrschte ein reges Treiben. Offensichtlich waren auch viele andere froh, trockenen Kopfes unter dem freien Himmel herumlaufen zu können. Die Luft war noch vergleichsweise frisch, auch wenn die Gerüche der Stadt sie langsam wieder in Besitz nahmen. Die Menschen eilten durch die Straßen. Vielleicht vertrauten sie nicht auf die Beständigkeit des Wetters, vielleicht wollten Sie aber auch ihre Vorhaben erledigen, bevor die Dunkelheit über sie hereinbrach. Die Nacht war die Zeit der zwielichtigen Gestalten und die Patrouillen der Nachtwachen prüften alles und jeden gnadenlos, den sie auf den Straßen erwischten. Karl hatte zwar wenig zu befürchten, schließlich kannte ihn ausnahmslos jeder Mann der Stadtwache, doch er erinnerte sich noch sehr gut an die Zeit vor seiner Ernennung. Man musste jung oder ziemlich betrunken oder beides sein, um ohne ein kriminelles Vorhaben nachts rauszugehen. Damit war aber auch klar, dass er nicht mehr viel Zeit hatte, um den Mann aus seinem Traum zu finden.

Doch ob es nun ein glücklicher Zufall oder eine Vorsehung war, genau das gelang ihm, als die Zahl der Menschen auf den Straßen bereits abzunehmen begann und die Zahl der erleuchteten Fenster und geschlossenen Fensterläden immer mehr wurde. Er sah den Mann auf der Straße stehen, verwickelt in ein Gespräch mit einem anderen. Beide trugen die Uniform der Stadtwache und machten sich nach einer Einkehr im „Lustigen Bären“ offensichtlich auf den Heimweg. Karl blieb wie angewurzelt stehen und traute seinen Augen nicht. Dass er den Mann vor einem Wirtshaus treffen würde, passte im Nachhinein hervorragend zum Auftritt des Zweigesichtigen. Aber er hätte einen Tunichtgut erwartet, nicht einen respektablen Mann mit Verantwortung für die Ruhe und Gesetzestreue in der Stadt, schon gar nicht den älteren der beiden Wachen. Verunsichert blieb er stehen und beobachtete, wie die beiden Männer sich an einer Straßenkreuzung verabschiedeten und getrennte Wege gingen. Er überlegte erst kurz, dem Mann zu folgen, entschied sich dann aber im letzten Augenblick dafür, lieber ins Gasthaus einzukehren und erst einmal den Namen des Wachmanns herauszufinden.

Noch hatte die einsetzende Dunkelheit nicht alle Gäste aus dem „Lustigen Bären“ vertrieben, und die dort anwesenden waren offensichtlich nicht betrunken genug, um ihn nicht zu erkennen, da sie dem Richter zumindest mit einer leichten Verbeugung ihren Respekt zollten. Dieser antwortete mit einem hastigen Kopfnicken hier und da, während er sich schnurstracks zur Theke bewegte und mit einem kurzen Klopfen auf den Tresen die Aufmerksamkeit des Wirtes auf sich zog.

„Werter Richter, was führt Euch denn in mein bescheidenes Haus?“, fragte Bjarn mit einem freundlichen Lächeln und einer höflichen Verbeugung, soweit der beengte Platz es zuließ.

Karl winkte ab: „Nicht so förmlich, ich bin nicht als Würdenträger hier. Ähm… sagt mir doch bitte, kennt ihr die beiden Wachen, die soeben nach Hause gegangen sind?“

Bjarn zog beide Augenbrauen hoch: „Aber sicher doch, sie sind hier Stammgäste. Das sind Lans und Max.“

Karl nickte: „Und welcher der beiden ist der Ältere?“

„Das wird dann wohl Lans sein. Warum fragt Ihr? Hat das was mit dem Dämonenjäger zu tun?“, Bjarn kam nicht umhin, neugierig zu werden.

Jetzt war es am Richter, fragend drein zu blicken: „Der Dämonenjäger? Wieso?“

Bjarn zuckte mit den Schultern: „Na, der Dämonenjäger hat sich mit ihm und seinen Kumpels ausführlich unterhalten, ich schätze mal wegen der Sache mit dem armen Irren. Aber vor allem mit Lans.“

Der Richter nickte langsam und verlangte nach einem guten, kräftigen Rotwein, den er auch umgehend bekam. Er nahm einen großen Schluck, und sah den Wirt ernst an: „Und hat der Dämonenjäger irgendetwas gesagt, was Lans anging?“

Bjarn schüttelte den Kopf: „Nein, er schien recht zufrieden mit dem Gespräch gewesen zu sein. Stimmt etwas nicht? Ich bin zwar nicht mehr ganz der Alte, aber falls…“

Der Richter leerte den Becher in großen Schlucken und schüttelte den Kopf: „Es ist vermutlich nichts.“

Bjarn beugte sich zu ihm vor und sprach wesentlich leiser: „Und weshalb habt Ihr Euch nach den freien Räumen in meinem Haus erkundigen lassen?“

Der Richter hielt inne und sah Bjarn dann durchdringend an: „Ich denke, Ihr wisst sehr gut, warum.“

Bjarn richtete sich auf und atmete tief durch: „Das gefällt mir nicht.“

Karl seufzte: „Ich denke, das wird hier niemandem gefallen. Es ist gewiss nicht unsere Schuld, was dort drüben passiert“, er deutete mit dem Kopf dezent in Richtung des Klosters, „aber man wird uns gewiss irgendetwas unterstellen. Vielleicht solltet Ihr Eure Frau für eine Weile…“

Bjarns Gesicht verfinsterte sich und er grollte leise: „Meine Frau geht nirgendwohin. Das ist unser Zuhause. Sie hat sich nichts zuschulden kommen lassen…“

„…außer so zu sein wie sie ist“, beendete der Richter leise. „Ihr habt unübersehbar Vorfahren im Norden, sie ist eine Kräuterfrau mit Spuren von Feenblut und Euer Sohn ist demnach auch ein ganz besonderes Früchtchen, wenn Ihr mir den Ausdruck verzeiht. Man wird euch alle ganz besonders genau unter die Lupe nehmen.“

Bjarn verschränkte die Arme vor der Brust: „Dann erwarte ich von Euch, dass Ihr für Gerechtigkeit sorgt, Herr Richter, und die Unschuldigen vor Willkür schützt.“

Karl seufzte erneut: „Glaubt mir, ich werde alles in meiner Macht stehende tun, um die Angelegenheit für unsere Stadt möglichst… ereignislos zu regeln. Aber wir wissen beide, wenn sich die Stadtherren nicht mit dem Orden streiten wollen – wovon ich ausgehe –, dass dann das Kräfteverhältnis eindeutig nicht zu meinen Gunsten ausfallen wird.“

Selbst wenn er die Oberin auf seine Seite ziehen konnte, würde er nicht viel gegen die Macht des Ordens ausrichten können, erst recht nicht, wenn sie mit einem ausreichend großen Trupp bewaffneter und kampfbereiter Männer anrücken würden. Die Schwesternschaft konnte sich zwar im Notfall verteidigen, aber gegen eine Armee konnten sie nicht viel ausrichten. Sie waren Heilerinnen und Seelsorgerinnen, keine Soldaten. Und selbst wenn zusätzlich zur Stadtwache alle Männer und so manche Frau der Stadt mit Waffen ausgerüstet werden würde, wie man es normalerweise nur im Falle eines Krieges tat, gegen die kampferprobten, gut ausgebildeten und bestens ausgerüsteten Ordenskämpfer hatten sie wenig Chancen. Erst recht nicht, wenn diese Kämpfer sich bereits in der Stadt befanden und das Leben der Kinder und die gesamte Existenz der Leute auf dem Spiel stand. Den Zorn der Rächer auf sich zu ziehen hatte noch keiner Stadt gut bekommen.

Bjarn knurrte leise und nickte: „In Ordnung, ich werde das Thema meiner Frau gegenüber ansprechen. Wenn sie für eine Weile fortgehen will, dann wird Osterik sie begleiten. Wenn nicht, dann hoffen wir, dass Ihr uns alle nicht im Stich lassen werdet.“

Der Richter spürte einen kalten, harten Klumpen in seinem Bauch und nickte: „Wie gesagt, ich werde alles mir mögliche tun. Passt auf Euch auf.“

Mit diesen Worten ließ er einige Münzen auf den Tresen fallen, und verließ eilig das Wirtshaus. Er hasste es, guten Menschen schlechte Nachrichten zu überbringen, und er hasste es, derartiges unvorbereitet tun zu müssen. Er verwünschte den Tag, an dem das Kloster gefallen war, und er verwünschte die Dämonen dafür, dass sie sich ausgerechnet dieses Kloster ausgesucht hatten. Dann fiel ihm auf, dass es beinahe Nacht geworden war, also machte er sich auf den Weg nach Hause. Zu dieser späten Stunde noch den Wachmann aufzusuchen, der nach einem anstrengenden Tag und ein paar Bier sicherlich bereits zu müde für eine Unterhaltung war, hatte keinen Sinn. Und Karl wusste nicht einmal, was er den Mann fragen wollte. Es war wohl besser, den folgenden Tag abzuwarten und sich Gedanken zu machen.

Kapitel 8

Die Stadt kam langsam zur Ruhe. Die meisten ihrer Bewohner waren bereits eingeschlafen, und die Nachzügler kehrten aus den Schenken in ihre Häuser zurück. Die Wolken wichen mehr und mehr dem aufziehenden Wind und das Wetter schien endlich umgeschlagen zu sein. Unter dem Licht des roten und grauen Mondes wirkte der Nachthimmel jedoch unheilvoll und so manches alte Weib wünschte sich die Wolkendecke zurück, die sie vor ihren finsteren, wahnsinnigen Blicken verbergen würde. Die Konstellation war ein düsteres Omen, für alle, die die Zeichen am Himmel in Bezug auf die Ereignisse auf der Erde deuten konnten. Ein merkwürdiger, süßlicher Geruch hing in der Luft, tänzelte mit den Windböhen und Luftzügen herum, in inniger Umarmung mit der Wärme, welche die kommende Zeit der Blüte ankündigte.

So verwunderte es Bjarn nicht, seine Frau in ihrer Kammer vor einem intensiv duftenden Häufchen aus glimmendem Räucherwerk in einer tönernen Schale vorzufinden. Sie kniete auf dem Boden, inmitten eines mit Kreide auf den Holzdielen aufgezeichneten, fünfzackigen Sterns, und umgeben von einem dünnen Kreis aus Salz. Kleine, kreisrunde Schälchen aus Ton standen an den Spitzen des Sterns, gefüllt mit klarem Wasser, warmer Asche, lockerer Erde, Honig und nichts als Luft.

Bjarn blieb im Türrahmen stehen und beobachtete sie. Sie schien nicht auf seine Präsenz zu reagieren, summte leise eine Melodie vor sich hin, die sich hypnotisch in sie hinein wand, wie eine Schlange, die ihren eigenen Schwanz fraß. Er wusste, in solchen Momenten hatte es keinen Sinn, sie anzusprechen. Sie würde ihn in ihrer Versunkenheit nicht hören. Also blieb er geduldig stehen, während sein Gemüt sich immer mehr verfinsterte. Ausgerechnet jetzt den Blutmond zu erblicken, nach den Warnungen des Richters und den unheilvollen Ereignissen im Kloster, das war ihm nicht geheuer. Und zugleich spürte er, wie sich das Blut seiner Vorfahren in ihm regte. Auch wenn Generationen zwischen ihm und seinem legendären Ahnen des Kanidenvolkes Marên lagen, manchmal spürte er das Temperament, den Zorn, die blutrünstige Raserei. Seine Frau war eine der wenigen, die ihn dann zu Sinnen bringen konnte. Sie konnte die Bestie in ihm besänftigen, der er so viele Siege auf dem Schlachtfeld zu verdanken hatte, aber auch so manche unrühmliche Szene abseits davon. Er liebte sie so sehr, dass er niemals die Hand gegen sie erhoben hatte oder je erheben würde. Und nun sollte er sie wegschicken?

Als ob sie spürte, dass seine Gedanken sich um sie drehten, sah sie ihn plötzlich an – doch ohne das besondere Lächeln auf den Lippen, das sie nur für ihn hatte. In ihren Augen standen Sorge und auch der Anflug von Angst. Er hatte noch nie diese Art von Angst in ihrem Gesicht gesehen und das fachte die Glut des Zorns in seinem Inneren weiter an.

„Der Richter sagt, es wäre besser, wenn ich alleine hier bliebe, ohne dich und Rik. Was denkst du?“, grollte er leise in seinem tiefen Bass. An seiner Stimme war klar zu erkennen, dass er in seinem Inneren nach Fassung rang.

Sie seufzte und erhob sich, um zu ihm zu gehen und ihn mit ihren Armen zu umschlingen. Er beugte seinen Kopf nach vorn, um den Geruch ihrer Haare einzuatmen, den er so liebte. Sie nutzte wohlduftende Kräuter bei jeder Haarwäsche, so dass es in ihrer Nähe immer nach der Zeit der Blüte roch. Er drückte sie an sich und wünschte sich, diesen Moment festhalten zu können, bevor alles nur schlimmer werden würde.

„Er ist ein vernünftiger Mann, und so gesehen hat er recht. Ihr beide seid meinetwegen in Gefahr, und ich ohnehin, wenn ich hier bleibe.“ Doch sie drückte sich fester an ihn, als wollte sie ihre Worte Lügen strafen.

Er atmete tief durch: „Dann solltest du morgen aufbrechen, besser noch ihr beide. Zieht nach Osten, weg von diesem Ort, und wartet irgendwo auf mich, wo es sicher ist.“

Sie hob ihr Gesicht, um direkt in seine Augen zu blicken und schüttelte den Kopf: „Ich werde dich nicht verlassen. Du wirst mich brauchen, vielleicht werden viele Menschen hier mich brauchen. Die Schwestern sind nicht die einzigen, die Wunden und Wahnsinn heilen können. Aber unseren Sohn, ihn müssen wir in Sicherheit bringen.“

„Das glaube ich nicht“; hörten sie die Stimme von Osterik aus dem dunklen Gang, schon aus dem Stimmbruch heraus, aber immer noch so jung. Er hatte sich angeschlichen, und anscheinend alles mitgehört.

Bjarn und Selena drehten sich um, und lösten dabei etwas ihre Umarmung. Bjarn sah seinen Sohn prüfend an: „Du bist der Sohn eines Nordmannes und einer Hexe. Du bist eigenwillig und nimmst kein Blatt vor den Mund. Was glaubst du, was die Herrschaften des Rächers mit Burschen wie dir machen?“

Osterik zuckte mit den Schultern: „Ich bin vielleicht eigenwillig, aber nicht blöde. Aber wenn Mutter nicht gehen wird, dann bleibe ich erst recht. Du bist ein Versehrter, und ich habe meine Gliedmaßen alle noch, also muss ich wohl auf euch beide aufpassen.“

Bjarn knurrte als Reaktion auf die freche Rede seines Sprosses, doch die Wahrheit darin war nicht von der Hand zu weisen. Auch wenn er sich in einer Schlägerei immer noch mehr als gut behaupten konnte, gegen die gut gedrillten Truppen der Rächer zu bestehen würde sich als schwieriger erweisen, sollte es zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung kommen. Sie würden ihn mit ihren Schwertern vermutlich gar nicht erst in die Nähe lassen, aus der er den Vorteil seiner Größe und Körperkraft ausspielen konnte. Doch seinen Sohn hatte er gut ausgebildet, und er hatte Vertrauen in dessen Fähigkeiten, seinen wachen Verstand, seine aufmerksamen Sinne und seine hervorragende körperliche Verfassung.

Also klopfte er als Reaktion auf die Widerworte anerkennend auf Osteriks Schulter, um ihn dann ebenfalls kurz an sich zu drücken. Ihm gingen viele Worte durch den Kopf, die er vielleicht hätte sagen können, doch kein einziges davon schien auch nur ansatzweise geeignet zu sein, seine Gefühle auszudrücken. Wie so oft blieb er stumm. Doch seine Geste war alles, was zählte, und sein Sohn erwiderte sie.

Dann löste Osterik sich aus der Umarmung, und deutete schief grinsend mit dem Kopf hinter seine Eltern: „Aber so was dort werden wir wohl gut verstecken müssen.“

Selena seufzte: „Wir werden das ganze Haus auf den Kopf stellen müssen, aber ja. Nur Gewürze für Mahlzeiten und Tees sollen sie finden. Alles andere können wir vielleicht im Keller vergraben, tief, unter einem der Fässer.“

Bjarn nickte ihr zu und sah zu seinem Sohn: „Wir machen uns besser gleich daran, mein Junge. Wer weiß, wie viel Zeit uns noch bleibt?“

Osterik nickte stumm und folgte seinem Vater. Selena hielt den Atem an, bis sie die beiden nicht mehr hörte, dann begann sie zu schluchzen, während sie aus ihrer Kammer alles zu vertreiben begann, was ihr wichtig war. Die Monde hatten ihr von Schrecken geflüstert, die sie in der Stadt erwarteten, würde sie bleiben. Doch würde sie gehen, dann würde sie ihren Mann nicht lebend wiedersehen, und das konnte und wollte sie nicht ertragen. Sie gewann die Fassung rechtzeitig wieder, als sie die Rückkehr ihrer am meisten geliebten Menschen hörte. Alles, was ersetzbar war, wanderte wenig später ins Feuer des Kamins. Alles, was verzehrt werden konnte, würde am kommenden Morgen ins Essen wandern. Die wenigen unersetzlichen Habseligkeiten ihrer Zunft schaffte sie mit Hilfe ihres Mannes und ihres Sohnes in den Keller, um sie unter Schichten von Erde zu begraben, die von den schwitzenden Männern immer wieder eingestampft wurde, um genauso fest zu werden wie der Kellerboden um das Versteck herum.

Als der Boden dann wieder ebenerdig war, und unter den prüfenden Blicken ihrer aller Augen sich kein verräterisches Zeichen im Übergang zum restlichen Kellerboden zeigte, schoben die Männer ein volles Weinfass an die Stelle, und stellten weitere Fässer dazu, rundum, dicht an dicht, damit es ordentlich aussah. Manche der Fässer, auch das besondere, bedeckten sie mit Brettern und weiteren Fässern in zweiter Schicht, und umringten manche der Fässer am Boden mit einem Haufen von ansonsten nutzlosem Gerümpel, damit es möglichst so aussah, als würde die Ansammlung von Fässern schon sehr lange in dieser Aufstellung verharren. Nichts sollte darauf hinweisen, welcher gefährliche Schatz unter ihrem Haus lagerte. Erst weit nach Mitternacht konnten sie sich endlich dem Schlaf überlassen, beruhigt von einem Hauch vager, verzweifelter Hoffnung. Selena schmiegte sich an ihren Mann, und schlief in seinen Armen ein.

***

Auch Lans fand in dieser Nacht nicht allzu bald Schlaf. Das hatte jedoch ganz andere Ursachen. Seit er den verrückt gewordenen Söldner in der unglückseligen Nacht vom Tor der Stadt zu den Schwestern gebracht hatte, war ihm bewusst geworden, wie wenig Zeit sie alle doch hatten, und wie schnell sich alle schönen Dinge im Leben ins Gegenteil verkehren konnten. Er wollte nicht eine einzige Stunde mehr vergeuden. So wollte er nach der Erfüllung seiner Pflicht als Wachmann und als Kumpane im Gasthaus die verbleibende Zeit seines Tages seiner Frau widmen, und nur ihr allein.

Darauf freute er sich am meisten, und in letzter Zeit schien es ihr genauso zu gehen. Es war, als hätte sie ihre Schwermut überwunden, die Trauer darüber, noch nicht Mutter geworden zu sein, und hatte nun wieder Hoffnung in den Augen. Hoffnung, und das gewisse Funkeln, das er schon länger nicht mehr in ihnen erblickt hatte. Das Funkeln, das er vor ihrem ersten, verstohlenen Kuss gesehen hatte, und damals, als sie das erste mal allein waren und eine Kostprobe von dem bekamen, was sie in der Hochzeitsnacht und danach erwartete. Als hätten die unwichtigen Dinge des Daseins ihren Einfluss auf sie beide verloren und ihre Leidenschaft sie erneut zueinander geführt.

Sie riss die Tür auf, kaum dass er klopfte, und zog ihn in ihre Umarmung. Er schloss hastig hinter sich, um die Neugier der Nachbarn nicht anzustacheln, und schob den Riegel vor. Danach ergab er sich ihren Händen, die an den Schnallen seiner leichten Rüstung zerrten, die er als Wachmann zu tragen hatte. Er konnte ihre Leidenschaft förmlich glühen sehen, die rötliche Glut ihrer Seele, und er war den Göttern unendlich dankbar für diese Gabe. Seine Lippen legten sich auf ihre, die Zungenspitzen fanden zueinander, und er überließ sich ganz und gar seinen Instinkten.

***

Max, einer der Kameraden aus der Wachmannschaft, der Lans angehörte, war nicht allzu traurig darüber, dass ihre abendlichen Runden im Wirtshaus in letzter Zeit kürzer ausfielen, weil Lans seit neuestem so eine Sehnsucht nach seiner Frau verspürte wie man es sonst nur von Frischvermählten kannte. Das ließ ihm wiederum mehr Zeit, um sich seinen eigenen Spaß zu besorgen. Er war jung, noch ungebunden, fand sich recht stattlich und hatte oft genug die eine oder andere Münze locker, um sie für die Zeit mit einem der Freudenmädchen der Stadt einzutauschen. Er musste jedes Mal grinsen, wenn er sich in das verruchte Stadtviertel begab, in dem diese Frauen ihrem Gewerbe nachgingen. Eigentlich wäre es seine Arbeit gewesen, Etablissements wie diese aufzudecken und aufzulösen, da solch ein Treiben nicht im Sinne der Heiligen Familie war. Doch war er kein Kirchenmann, und fand auch, dass die leichten Mädchen und Frauen nichts verwerfliches taten. Er gehörte zu den Wachleuten, die sich taub und blind stellten, wenn es um solcherlei Dinge ging, und die auf diese Weise deutlich günstiger und damit öfter in den Genuss der Dienste der Schönen der Nacht kamen als gewöhnliche Kunden.

Gewiss wollte auch Max eine Frau ehelichen, eine Familie gründen und Kinder großziehen, die sich dann um ihn kümmern würden, wenn er ein schwacher Greis werden würde. Aber noch war er jung, das Alter fern, und er noch nicht bereit dazu, seine Nächte immer nur mit ein und derselben Frau zu verbringen. Nicht jeder hatte so ein Glück wie Lans, und fand die Richtige im ersten Augenblick. Manche mussten lange auf die Begegnung warten, und da war es besser, sich nicht an die falsche Frau zu binden. Und während man wartete, konnte man auch ein wenig Spaß haben. Womöglich brachte das auch noch den einen oder anderen Vorteil in die kommende Ehe mit ein.

Er blieb vor einem Haus mit zwei Stockwerken stehen, das dem Schild nach angeblich die Werkstatt von Schneidern und Nähern war und neben einem Garnknäuel und einer Nadel auch ein mit einer Rose besticktes Tuch zeigte. Demnach sollte es im Erdgeschoss die Arbeitsräume sowie das Lager im Keller beherbergen, während darüber üblicherweise Wohnkammern der Handwerker liegen sollten. Natürlich wusste Max, dass das nur eine Tarnung war. Er sah aufmerksam nach beiden Seiten der Gasse, um sicher zu sein, dass ihn niemand erblicken würde, und kündigte sich mit dem vereinbarten Klopfzeichen an, mit dem die richtigen Kunden von den falschen unterschieden wurden. Er musste kurz warten, dann öffnete sich die Tür einen Spalt breit. Er sah das Aufblitzen von aufmerksamen, schwarzen Augen im Dunkel dahinter, dann die hellen Zähne eines makellosen, verruchten Lächelns und die Tür schwang auf, um ihn einzulassen. Rasch trat er ein, und die Tür wurde leise hinter ihm geschlossen.

Es war selbstverständlich Rose, die gertenschlanke, großgewachsene Frau mit südländischer Herkunft, auf die ihr selbst im tiefsten, dunkelsten Monat der Kälte dunklerer Teint und die einen Hauch mandelförmigen Augen hinwiesen. Sie hatte wie immer aufreizend rot angemalte, sinnliche Lippen, die in aufregendem Kontrast zu ihren schwarzbraunen Haaren standen, die sie einem Krieger gleich kurz trug. Rose achtete stets auf die Tür, kannte Max inzwischen gut und er sie ebenfalls. Unter ihrer auf Figur geschnittenen Männerkleidung hatte sie trotz ihrer schlanken Statur gut definierte Muskeln wie ein Kämpfer, der stets im Training war. Sie war sehr gut in der Lage, die Kunden aus dem Haus hinauszubefördern, wenn sie den Mädchen Scherereien machten, oder gar die Hand gegen sie erhoben. Er wusste auch, dass sie hin und wieder selbst Kunden bediente – allerdings nicht auf die übliche Art, sondern vielmehr durch den Gebrauch einer Reitgerte oder eines Rohrstocks, oder auch mal mit der Hand, die zu solchen Gelegenheiten in einem schwarzen Lederhandschuh steckte. Max hatte sich mal mit betrunkenen Kopf von ihr den Hintern versohlen lassen, dann aber befunden, dass diese Spielart nichts für ihn war. Rose war auch eine der beiden Frauen, die das Geld von den Kunden kassierten.

„Guten Abend, Herr Wachmann“, neckte sie ihn mit einer gespielten Unterwürfigkeit. „Wir freuen uns alle sehr über Ihre Besuche. Heute schon eine bestimmte Blume im Sinn?“

Max schmunzelte, er mochte den Klang ihrer dunklen Stimme. In diesem Haus war es Brauch, dass die Damen sich nach Blumen benannten – passend zu ihrer äußeren Erscheinung oder ihrem Naturell. Er wusste nicht, woher diese Sitte kam, hatten die anderen Freudenhäuser doch keine so verspielte Regel. Aber sie gefiel ihm, und darum kam er stets nur dorthin. Max dachte kurz nach: „Gibt es womöglich eine neue im Blumenstrauß?“

Rose schüttelte den Kopf. „Derzeit nicht, mein Herr. Aber ich bin mir sicher, dass eine eurer Lieblingsblumen heute zu Eurer Verfügung stehen wird, auch wenn die meisten Mädchen schon beschäftigt sind. Seit etlichen Tagen laufen die Geschäfte hervorragend. Das ist wohl der Ausgleich für die schlechten Wochen zuvor.“ Dann sah sie ihn - wie immer - erwartungsvoll an.

Max grinste, löste seinen Waffengurt, um ihn der Frau zur Verwahrung zu überlassen, und drückte ihr die vereinbarte Anzahl von Münzen in der Hand, wie immer. Sie nickte lächelnd mit dem Kopf und ließ ihn aus dem Vorraum ins Innere des Gebäudes passieren.

Im nachfolgenden Raum, der durchaus gemütlich eingerichtet war, sogar durch eine Feuerstelle gewärmt und durch Öllampen ausreichend erhellt, kannte er sich inzwischen sehr gut aus. Er ließ sich von Nelke, der blonden Schankfrau mit graugrünen Augen und mit einer fast schon knabengleichen Statur, noch einen Wein reichen – die andere Person, die ihm das Geld abnehmen würde, falls er nicht schon bei Rose gezahlt hätte – und ließ seine Blicke über die drei Mädchen wandern, die gerade keinen Kunden hatten. Er kannte sie inzwischen alle, auch diejenigen, die gerade nicht anwesend waren. Von oben hörte er gedämpft eindeutige Geräusche aus mehreren Räumen. Es hörte sich für ihn wirklich so an, als wären die drei vor ihm die einzigen, die gerade noch verfügbar waren. Rose hatte demnach nicht geflunkert.

Nachdem sein Blick erst in die eine Richtung gewandert war, dann wieder vollständig zurück, war er sich immer noch unschlüssig. Jede der Frauen hatte ihre Vorzüge, auf die eine oder andere Art. Aber zwei von ihnen hatte er in den letzten Tagen schon einmal aufgesucht, und ihm stand der Sinn nach Abwechslung. Also streckte er seine Hand mit einem wie er fand nicht unfreundlichen Grinsen in Richtung der braunhaarigen, blauäugigen Lilie aus, die er wegen ihrer ausgeprägten Kurven schätzte, aber auch wegen ihrer gefügigen Art. Wie die anderen trug sie nichts weiter als ein aufreizendes Nachtkleid aus dünnem Stoff, der sich um ihren Körper schmiegte und beinahe nichts der Fantasie überließ. Mit einem Lächeln erhob sie sich, nahm seinen Arm und ging mit dem Wachmann nach oben, um ihm zu Diensten zu sein.