Fluch des Fleisches - Inga Kozuruba - E-Book

Fluch des Fleisches E-Book

Inga Kozuruba

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Beschreibung

Der erste Geschichtenbogen der Nebelwelt dreht sich um ein Kloster, das verderbt ist, und die nahegelegene Stadt Starogrâd. Um die Verderbnis der Dämonen zu bekämpfen, wird der Dämonenjäger Nat mit seinen Gefährten Linus und Hardy von der Vorsehung gerufen. Zhanna, die Auserwählte der Götter und die heilige Waffe der Batoraner, und die feenhafte Chaoshexe Karo schließen sich ihnen ebenfalls an. Während diese Helden sich der dämonischen Königin im Kloster stellen, verfällt die Stadt immer mehr der Verderbnis. Richter Klar, Oberin Klarina und Lans, einer der Stadtwachen, stellen sich dieser Entwicklung entgegen. Am Ende entscheidet sich durch die Macht des Chaos das Schicksal der Stadt: Ob sie endgültig der Verderbnis verfällt und vom Orden der Rächer ausgelöscht wird, oder ob es noch etwas zu retten gibt.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 943

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inga Kozuruba

Fluch des Fleisches

Geschichten der Nebelwelt

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Content Notes

Dramatis Personae

Teil 1: Das verderbte Kloster

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Teil 2: Das Schicksal von Starograd

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Teil 3: Die Macht des Chaos

Zwischenspiel

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Epilog

Glossar

Danksagung

Impressum neobooks

Content Notes

Body Horror

Gewalt

Blut

Mord

Tod

Ableismus

Misogynie

Dramatis Personae

Glücksritter, Reisende und Abenteurer – aktiv oder im Ruhestand

Dämonenjäger Nat / Revizhar Ignazius: lang gedienter Dämonenjäger

Linus: Barde, Wechselbalg mit Feenblut, Freund und Mitstreiter von Nat

Hardy: Berserker, Nordmann, Freund und Mitstreiter von Nat

Zhanna: Tochter des Bator, Auserwählte der Götter, Heilige Waffe aus dem Reich der Hudristen

Karo: Feenhexe / Chaoshexe, Elwen

***

Bjarn Bärenpranke: Glücksritter im Ruhestand, Gastwirt, Nordmann, verheiratet mit Selena

Selena: Hexe, Feenblut, verheiratet von Bjarn Bärenpranke

Osterik / Rik: Sohn von Bjarn Bärenpranke und Selena

Feli: Waldläuferin, Kundschafterin, Botin

Timeon: Glücksritter, Überlebender aus dem Kloster des Mittlers

Rose: Leiterin des Freudenhauses „Blumenstrauß“, Feenblut

Nelke: Geliebte von Rose, Ausschank im „Blumenstrauß“, Feenblut

Weltliche Würdenträger und ihre Untergebenen in Starogrâd

Petrana Eisenmeister: Stadtherrin; Truppenführer Schmidt

Femeon Waldherr: Stadtherr

Marius Hartstein: Stadtherr mit Kontakten in Kôsian und einer Söldnerarmee

Elena Wiss: Statthalterin von Marius Hartstein

Truppenführer Lanzer: Anführer der Söldner unter Hartsteins Kommando in Starogrâd

Richter Karl Weller: Richter, Gelehrter, Freund von Bjarn, Selena und Marius Hartstein

Hauptmann Forster: Hauptmann der Stadtwache

Lans Heller: Stadtwache, Stellvertreter des Hauptmanns

Max Heimer: Stadtwache, guter Freund von Lans

Angehörige der Kirche in Starogrâd

Großer Bruder Dobreon: Oberster Kleriker des Vaters in Starogrâd

Bruder Mikael: Stellvertreter und rechte Hand vom Großen Bruder Dobreon

Oberin Klarina: Oberste Schwester in Starogrâd, Nordmensch

Angehörige des Rächerordens

Großschwert Davik: Anführer einer der fünf Armeen der Rächer

Kirin: Schattenkämpferin, Spionin, Attentäterin im Dienst von Davik

Raschutin: Oberster Ermittler, untersteht Davik

Herr Argent von Cêrdwen: Oberster Paladin, untersteht Davik, Feenblut

Iyon: Ermittler, untersteht Raschutin

Franka: Ermittlerin, untersteht Raschutin

Teil 1: Das verderbte Kloster

Möge der Vater über dich wachen.Möge die Mutter dich behüten.Moge der Mittler deinen Blick führen.Möge der Rächer deine Hand leiten.Moge Kriton sich deiner Seele erbarmen.

Die Segnungen der Kriten.

Prolog

Starogrâd, 06.03.1497 n.V.

Die Abendglocke läutete zum letzten Mal. Lans warf den Blick aus dem kleinen Ausguck zum schweren, wolkenverhangenen Himmel, und seufzte. Er könnte sicherlich ein paar Kupfermünzen gewinnen, wenn er darauf wettete, dass es noch vor dem vollständigen Einbruch der Dunkelheit regnen würde. Nur wollte niemand mehr mit ihm über das Wetter wetten. Die anderen Wachen hatten es satt, dass er immer Recht hatte mit seinen Voraussagen. Er dagegen freute sich über die Gabe des Heiligen Mittlers, die ihm zuteil wurde. Für einen Mönch des angesehenen Seher-Ordens hatte sein Glaube allerdings nie gereicht – vor allem hatte ihn das Keuschheitsgelübde viel zu sehr abgeschreckt. Aber immerhin hatte er es zu einem angesehenen Mitglied der Stadtwache gebracht, das schaffte auch nicht jeder, an dem die Erbfolge vorüberging.

Die Dunkelheit senkte sich schnell über Starogrâd und Lans kümmerte sich zusammen mit weiteren Wachmännern darum, die Nachzügler hinter die schützenden Stadtmauern zu holen, die schweren Tore zu schließen und die Laternen anzuzünden. Danach hieß es vor allem, wachsam zu sein. Es kam immer wieder vor, dass ehrliche Reisende sich auf ihrem Weg verspäteten – und diese musste man natürlich von den Halunken unterscheiden konnten, die nach Einbruch der Nacht nichts auf der Straßen der Stadt zu suchen hatten. Natürlich brach der Regen genau dann über den Wachen aus, als sie mit den Toren hantieren mussten. Die Männer fluchten, Lans hielt sich damit zurück. Sie hätten es auch viel schlimmer haben können. Wäre das Wasser früher vom Himmel gefallen, dann hätten sie zu allem Übel auch noch mit dem Schlamm kämpfen müssen. So wurden sie nur etwas nass.

Wieder unter einem Dach legte sich der Unmut der Männer bald und sie kehrten in den gewohnten Trott zurück: Sie unterhielten sich, ließen die Würfel rollen, warfen immer wieder Blicke hinaus zum Tor oder durch einen Ausguck auf die Straße außerhalb der Stadt. Das alte Kloster auf dem Hügel am Horizont wäre normalerweise kaum noch zu sehen, abgesehen vom hohen Turm, der bei Nacht stets beleuchtet war und den Gläubigen Hoffnung spenden sollte. Doch seit einigen Wochen war es wesentlich heller erleuchtet und stach deutlich gegen den dunklen Himmel hervor. Es hatte kurz nach dem Fest der Verkündigung begonnen, mit dem das Jahr stets begann, und Lans hatte von Anfang an das Gefühl, als würde das Glühen mit jeder Nacht zunehmen, wenn auch kaum merklich. Inzwischen hatte Lans die vollkommene Gewissheit darüber. Er hatte mal aus einer Eingebung heraus zum Vergleich eine Kerzenflamme daneben gehalten, und ein paar Tage später erneut, und er glaubte ganz klar zu erkennen, dass der Unterschied vom Glühen zum Kerzenlicht nicht mehr so stark war wie zuvor. Doch die anderen Wachen spotteten über seine Erkenntnis, er würde nur spinnen, darum sprach er nicht wieder darüber. Er hatte allerdings am Tag zuvor ein weiteres Mal mit dem Licht eine Probe gemacht – und siehe da, der Unterschied war noch einmal geringer geworden. Das war womöglich auch der Grund, warum Lans ein so flaues Gefühl im Magen hatte, als er erneut in Richtung des Klosters blickte.

Im Verlauf der Nacht erstarkte das Gefühl zusehends, bis Lans sich kurz nach Mitternacht zu fragen begann, ob er sich mit dem Abendessen nicht womöglich doch den Magen verdorben hatte. Wie es sich bald herausstellen sollte, war der Grund nicht das Essen, sondern tatsächlich eine erneute Vorahnung. Etwa eine Stunde nach Mitternacht, als Lans sich nun doch entschieden hatte, trotz seiner Unruhe den längst überfälligen Feierabend anzutreten, hörten die Wachen plötzlich ein fürchterliches Geräusch am Tor. Sie hielten es erst für ein tollwütiges Tier, das sich immer wieder gegen das stabile, mit Metall verstärkte Holz warf, aber dem war nicht so. Denn bald mischte sich ein Heulen darunter, das ganz und gar nicht nach einem Tier klang, wenn auch kaum nach einem Menschen. Zumindest waren sie sich allesamt sicher, dass kein Mensch bei Verstand solche Laute von sich geben würde. Angesichts der Vorkommnisse seit dem Fest waren die Männer nervös, nicht zuletzt wegen der vielen Gerüchte im Umlauf, die bisher weder von der Kirche, noch von den Stadtherren zerstreut werden konnten. Sie prüften hastig den Sitz ihrer Rüstungen, griffen nach ihren Waffen und fuhren fort wie Hauptmann Forster es ihnen eingetrichtert hatte.

Zwei postierten sich an beiden Seiten des Tors, bereit einzugreifen, falls es gewalttätig zugehen sollte. Lans entsperrte das Tor und machte sich zusammen mit einem weiteren Wachmann daran, es zu öffnen. Jetzt hatte er einen Grund zum Fluchen, denn nun hatten sie Schlamm unter ihren Füßen, und rutschten selbst mehr als das Tor sich bewegte. Dennoch war es ihre Pflicht, der armen Seele da draußen zu helfen, oder aber ihr Leiden zu beenden, falls es zum Schlimmsten kam. Der Lärm würde sonst bald jemanden wecken, und wenn das Ärgernis es nicht wert war, würden die Männer wiederum selbst Ärger bekommen. Doch schließlich ließ das Tor sich öffnen.

Lans war auf das Schlimmste vorbereitet. Er spürte sein Blut in Wallung, den verlangsamten Ablauf der Zeit, die Aufregung kurz vor einem Kampf. Er war jedoch nicht auf den Anblick des Mannes gefasst, der durch die Toröffnung kam, kaum dass sie groß genug war, einen Menschen durchzulassen. Die ausgemergelte Gestalt des Mannes wirkte, als hätte er seit Wochen herumgeirrt, mit zerzaustem Haar und Fetzen statt Kleidung am Leib. Einem Stiefel fehlte die Sohle, der andere hielt wie durch ein Wunder noch zusammen. Der Mann war über und über mit verkrustetem Blut bedeckt – das zumindest teilweise wohl seines war, da auch etliche Wunden an seinem Körper zu sehen waren, die ihm wohl erst wenige Tage zuvor zugefügt worden waren. Kaum war der Mann innerhalb der Stadtmauer, fiel er im Schlamm auf die Knie, hob sein Gesicht und die Arme zum Himmel wie im Gebet und begann mit einem irrsinnigen Singsang, der den Männern das Blut in den Adern gefrieren ließ.

Lans spürte einen Stein inmitten seiner Eingeweide und wusste auf einmal, dass er den Mann schon einmal gesehen hatte. Das war vor einer halben Woche gewesen. Lans hatte da seinen Wachdienst am Morgen, und er hatte eine Gruppe von Glücksrittern aufbrechen sehen, um die ausgesetzte Belohnung über den Zustand des Klosters zu ergattern. Das war, nachdem bereits drei Gruppen verschollen gegangen waren, wie auch die Kuriere der Stadtherren und die vielen Pilgergruppen vor ihnen. Jedes Mal, wenn eine Söldnergruppe nicht zurückgekehrt war, hatten die Stadtherren die Belohnung erhöht, und inzwischen hatten etliche der Wachen selbst überlegt, ihr Glück zu versuchen. Doch nun wurde Lans klar, dass keiner auch nur einen Fuß in Richtung dieses offensichtlich verfluchten Bauwerks mehr setzen würde.

Das Geheul des verrückt gewordenen Söldners dauerte an und die Wachen hörten ihm wie gebannt zu. Auch wenn es keine klar erkennbare Melodie war und deutlich mehr als nur ein Klagelaut, schwang etwas in seiner Stimme mit, das sie nicht losließ und ihre Gedanken verwirrte. Zweifellos war etwas Schreckliches im Kloster geschehen, das diesen Mann in den Wahnsinn getrieben hatte. In seinem Heulen und Jaulen lag die Antwort darauf, denn es in Worte zu fassen war er nicht mehr in der Lage. Lans wusste nicht, was seinen Wachgefährten gerade durch den Kopf ging, er gab sich die größte Mühe, nicht an die Abscheulichkeiten zu denken, die so etwas zur Folge haben könnten. Vermutlich konnte er sich so etwas nicht einmal vorstellen, denn er war nur ein einfacher Mann, der zum Glück keinen Krieg und kein größeres Gemetzel miterleben musste, und es auch nicht wollte. Doch die Stimme ließ ihn nicht los, und so stand er zusammen mit den anderen und wurde nass im Regen, der auf sie herab prasselte.

Einer von Lans' Kollegen hatte die Schreckstarre schließlich überwunden, und schlug den Irren mit dem Griff seiner Waffe bewusstlos. Der Mann fiel mit dem Gesicht voran in den Schlamm. Lans drehte ihn auf die Seite, damit er nicht erstickte. Dann fiel ihm der Name des Unglückseligen ein: Timeon. Er hatte sich am Abend vor dem Aufbruch damit gebrüstet, dass er einmal die Ehefrau eines Adligen aus Räuberhänden hatte retten können, und dass sie sich recht dankbar gezeigt hatte, bevor sie in ihre Ehe zurückgekehrt war. Zugegeben, Timeon war ein stattlicher Bursche gewesen, kein Vergleich zu dem Gespenst, das nun im Dreck vor ihnen lag.

„Ich bringe ihn zu den Schwestern der Trauer“, sagte Lans schließlich, als er seine Stimme wiederfand.

Die anderen nickten und machten sich eilig daran, das Tor erneut zu schließen. Sie waren offensichtlich froh, dass er sich freiwillig gemeldet hatte, den verdreckten Verrückten fortzubringen. Lans wuchtete Timeons Körper hoch und befand ihn für unerwartet leicht. Er warf sich einen von seinen Armen über die Schulter und machte sich auf den Weg zum Heim der Trauer, wo die Waisenkinder, die Kranken und die Sterbenden landeten und von den Mildtätigkeit der Schwestern zehrten. Sie würden entscheiden müssen, ob Timeon einfach nur ein armer Irrer geworden, oder ob etwas Schlimmeres mit ihm geschehen und jede Hoffnung vergebens war. Auf dem Weg durch die Straßen wurde Lans außerdem klar, dass nun ein Wunder geschehen müsste, um den Orden des Heiligen Rächers davor abzuhalten, das Kloster, die Stadt und jeden einzelnen ihrer Bewohner in Augenschein zu nehmen. Diese Erkenntnis machte ihm noch mehr Angst als das Kloster, das Menschen zu verschlingen schien. Was auch immer dort war, es schien dort zu bleiben – die Ordensritter begnügten sich jedoch nicht damit, irgendwo herumzusitzen. Und wenn sie erst einmal irgendwo waren, dann hatte nur ein Heiliger das Glück, ungeschoren davonzukommen. Vielleicht würde sich noch eine Gruppe Abenteurer finden, die rechtzeitig herausfinden würde, was dort auf dem Hügel geschah. Vielleicht könnten sie sogar dem Spuk ein Ende bereiten. Die Belohnung würde am nächsten Morgen mit Sicherheit noch einmal ansteigen. Doch nur ein Fremder ohne Kenntnis der bisherigen Vorkommnisse würde sich noch trauen, dorthin zu reisen. Daran bestand für Lans kein Zweifel.

Kapitel 1

Starogrâd, 11.03.1497 n.V.

Der Regen war nun schon seit einer Woche Gast in Starogrâd. Von kurzen Verschnaufpausen abgesehen, machte er sich überall breit. Manche Keller mussten bereits mit Eimern ausgeschöpft werden. Die Leute waren froh, dass ihre Stadt im Gegensatz zu manchen umliegenden Dörfern nicht vollständig in der Senke lag, wenn auch nicht auf der Höhe des Klosters. Dennoch bestanden die Straßen vor allem aus Matsch, man machte sich Sorgen um den Zustand der Dächer, und die allgemeine Stimmung war sehr gedrückt. An einem solchen Tag wollte niemand gern draußen sein. Und doch kamen am Abend genau fünf Tage nach Timeons Rückkehr als Wahnsinniger drei Fremde nach Starogrâd. Sie waren allesamt zu Pferd unterwegs und in Regenumhänge gehüllt, einer von ihnen ungewöhnlich groß, vermutlich ein Nordmann. Sie fragten die Wachen am Tor nach einer Bleibe und zogen schnurstracks zum Gasthaus, nachdem sie ihre Auskunft erhalten hatten. Die Blicke, die die Wachen untereinander austauschten, schienen ihnen entgangen zu sein, oder sie ließen sich dies zumindest nicht anmerken. Sie wollten sicherlich auch endlich ins Trockene, an ein warmes Feuer, und ihren Bauch mit heißem Essen füllen und hinterher mit Bier.

Das Gasthaus, das ihnen genannt wurde, zeigte auf dem Schild einen tanzenden Bären und hieß dementsprechend „Der lustige Bär“. Das passte sehr gut zum Vornamen des Wirtes, der Bjarn hieß. Die Männer gaben die Pferde beim Stallburschen ab und überließen sie für einige Kupfermünzen seiner Fürsorge, bevor sie sich ins Innere begaben. Häuser wie diese kannten sie auswändig: Es gab einen großen Schankraum mit einem offenen Feuer und etlichen Tischen, einen Tresen, und den Bereich, der zu den Gästezimmern führte. Was ungewöhnlich war – es gab kaum Kundschaft. Bei dem Preis, der inzwischen auf die Nachrichten vom Kloster des Heiligen Mittlers ausgesetzt war, müsste diese Gaststätte vor Glücksrittern und Söldnern nur so wimmeln. Aber bis auf einige wenige Stammgäste und ein paar Stadtwachen an einem Tisch in der Ecke, waren keine Besucher da. Man sah die Neuankömmlinge jedoch nicht zögern, sich schnurstracks auf den Weg zum Wirt zu machen, der hinter dem Tresen aufragte wie ein Fels. Auf dem Weg durch den Raum schoben sie die Kapuzen ihrer Regenmäntel hinter sich, so dass die neugierig gewordenen Leute um sie herum endlich sehen konnten, wen es diesmal und inzwischen wider Erwarten in ihre Stadt verschlagen hatte.

Der kleinste der drei, wenn auch immer noch von einer angemessenen Größe für einen Mann, gab sich als erster zu erkennen. Er war ein vorteilhaft gekleideter, hübscher junger Mann mit schulterlangen, im Licht der Lampen rot schimmernden braunen Locken, der sicherlich nicht über den Erfolg bei den Damen klagen musste. Er warf sogleich dem hübschesten der drei Schankmädchen ein neckisches Lächeln zu, das weder übermütig noch arrogant war. Sie lächelte zurück, was nicht nur auf das hübsche Gesicht des Glücksritters zurückzuführen war, sondern weil sie sich genauso wie die beiden anderen Mädchen an diesem Tag sehr über eine Abwechslung freute. Seine grünen Augen funkelten spitzbübisch auf. Wer genau hinsah erkannte, dass das Grün seines Wamses perfekt auf seine Augenfarbe abgestimmt war, und die Stickereien darauf, die verspielte Füchse und aufblühende Lilien abbildeten, in ihrer Farbe genau das Schimmern seine Haare einfingen. Auf dem Rücken trug er kein Schild, sondern einen Beutel, in dem der Form nach sich wohl eine Laute befand. Eine fein gearbeitete Degenscheide am Gürtel und ein nicht zu übersehender Dolch auf der anderen Seite zeugten davon, dass der gutaussehende Bursche alles andere als wehrlos war. Er bewegte sich auch nicht wie der verwöhnte Spross eines zu Geld gekommenen Händlerhauses, doch für einen Adligen war er nicht prunkvoll genug ausgestattet. Er war offensichtlich ein zu Geld gekommener Glücksritter, der wohl auch bei den Damen mit Glück gesegnet war.

Der zweite lüftete seine Kapuze wenig später – er war hoch gewachsen und kräftig gebaut, wenn auch nicht ganz so riesig wie der Gastwirt, was den Neuankömmling offensichtlich etwas erstaunte. Er trug seine glatten, kupferroten Haare ebenfalls schulterlang, ließ sich aber auch einen gepflegten Bart nach Art der Nordmänner stehen. Die riesige, mit zwei Händen geführte Streitaxt, deren Blätter mit eingravierten Frostwürmern und Eiskristallen verziert war, sprach sehr für eine Herkunft aus dem Norden. Unter dem eng zusammengezogenen Regenumhang sah man zwar nicht allzu viel von seiner Kleidung, aber als der Hühne die Kapuze nach hinten schob, konnte man bei einem günstigen Blickwinkel, wie ihn der Gastwirt hatte, eine gute Rüstung erkennen. Sie war nicht mehr ganz neu, aber in tadellosem Zustand, genauso wie die Waffe. Der großgewachsene Fremde nickte dem Wirt auf eine ganz bestimmte Weise zu, wie es im Norden Brauch war, und deutete mit der rechten Faust einen Schlag über dem Herzen an, bevor er die Hand öffnete und sie mit der Handfläche nach oben in Richtung des Wirts ausstreckte. Bjarn, der Wirt, imitierte die Geste und grinste leicht als Antwort.

Derjenige der Drei, der ihnen voranging, zeigte sich erst kurz bevor er vor dem Tresen angekommen war und stehen blieb. Das unversehrte linke Auge des Wirtes weitete sich, als das Gesicht des Mannes endlich sichtbar war. Der Mann mit der Narbe auf der linken Wange, die sein ansonsten ansehnliches Gesicht mit edlen Gesichtszügen verunstaltete, und den grauen Strähnen im rabenschwarzen Haar war kein Unbekannter, wenn man wie der Wirt zuvor ein Leben als Söldner und Glücksritter gelebt hatte. Dies war kein geringerer als Nat der Dämonenjäger, und demzufolge mussten die beiden seine Begleiter Hardy und Linus sein. Der Dämonenjäger trug wie erwartet Schwarz, über der Rüstung einen hochgeschlossenen, ärmellosen Wams mit einem weißen Verschluss verziert, darauf ein nach oben zeigender, fünfzackiger Stern inmitten des Stehkragens. Dies waren die Vorschriften der Heiligen Kirche an alle Dämonenjäger, die geprüft und der Heiligen Wahrheit für treu befunden wurden. Sowohl Wams, als auch die übrige Kleidung und Ausrüstung des Dämonenjägers waren mit Runen und Symbolen in Form von Stickereien und aufgenähten Amuletten bestückt. Doch obwohl der Mann offensichtlich einer der Getreuen war, durchfuhr die meisten Anwesenden ein kalter Schauer, als er sich offenbarte. Wer sich immerzu Angesicht gen Angesicht gegen das Böse stellte, an dem blieb der Schatten irgendwann haften.

„Willkommen in Starogrâd“, brummte Bjarn freundlich, aber nicht im geringsten unterwürfig, wie Nat und seine Begleiter es oft in anderen Städten und Gasthäusern erlebt hatten.

„Habt Dank, Bjarn Bärenpranke“, antwortete Nat. Seine Stimme war dunkel, recht leise und leicht rau. Dennoch war sie gut im ganzen Raum zu hören, wäre es vermutlich selbst in einer deutlich lauteren Umgebung einer vollen Taverne. Er war unheimlich, daran bestand gar kein Zweifel.

Der Wirt grinste – falls er beeindruckt war, so ließ er sich nicht das Geringste anmerken: „Ihr seid gut informiert, werter Herr. Nun, ich nehme an, Ihr wollt hier speisen und übernachten, bevor Ihr zum Richter und dann 'gen Kloster aufbrecht?“

Der Dämonenjäger nickte: „So ist es. Und wir würden gern mit Euch und einem Mann der Stadtwache sprechen, um mehr Einzelheiten darüber zu erfahren.“

Der Satz war den Stadtwachen nicht entgangen und sie blickten allesamt in Richtung der Fremden. Wie der Zufall oder die Vorsehung es so wollten, war Lans an diesem Tisch, der eine Tagesschicht gerne mit seinen Kollegen im „lustigen Bären“ beendete, bevor er nach Hause ging. Im schummrigen Licht der Lampen war zum Glück nicht zu sehen, dass Lans etwas blass geworden war, als der Dämonenjäger sich offenbarte. In seinem Inneren herrschte Chaos. Lans fühlte sich genauso aufgeregt und elend wie damals, als er um die Hand seiner Frau Varja angehalten hatte. Er hatte ganz genau gewusst, dass eine Ablehnung sein Leben zerstören würde, weil er nur diese eine Frau haben wollte und keine andere – und andernfalls würde er ein sehr glücklicher Mann werden. Nun, auch nach den Jahren schätzte sich Lans immer noch glücklich, auch wenn seine Frau und er bisher nicht mit Kindern gesegnet waren. Und an dem Dämonenjäger war etwas dran, dass ebenso darüber entscheiden konnte, ob er zum Untergang verdammt war oder nicht. Als dann der Blick des Mannes genau bei Lans' Augen anhielt und ihn zu durchbohren schien, da wollte der Wachmann sein Gesicht zum Bierkrug abwenden und so tun, als ob er genauso wäre wie alle anderen – doch das konnte er nicht. Der Heilige Mittler hatte ihm die Gabe nicht gesandt, damit er sich feige verbarg. Also hielt Lans dem Blick stand und nickte dem Dämonenjäger zu, egal wie unheimlich dieser ihm auch war. Der Dämonenjäger antwortete mit einem Nicken und lächelte leicht.

„Mein Sohn Osterik hilft Euch beim Tragen der Ausrüstung“, sagte der Wirt schließlich.

Wie aufs Stichwort erschien ein junger Bursche aus der Küche – ein junger Mann von vierzehn Jahren, der in seiner Statur seinem Vater in nichts nachstand, wie dieser mit langem, rotblonden Haar gesegnet und einer Statur, die die jungen Mädchen sicherlich in Verlegenheit brachte. So wie der Bursche sich bewegte war sicher, dass sein Vater ihm Kampfunterricht erteilt hatte. Möglicherweise würde Osterik also bald selbst in die Welt hinausziehen, um mit dem Schwert sein Glück zu machen. Das alles natürlich vorausgesetzt, dass die Träume, die Nat an diesen Ort gerufen hatten, sich nicht erfüllen würden. In wenigen Tagen würde sich entscheiden, ob die Stadt zum Untergang verdammt war oder nicht. Doch außer seinen Gefährten wollte Nat niemanden mit der schweren Last seiner Voraussicht belasten. Er war bereits dankbar, dass sie trotz aller Gefahren immer noch treu zu ihm hielten – so wie er stets bei ihnen war, wenn sie ihn gebraucht hatten. Sie waren von Waffenbrüdern zu Freunden geworden.

„Ein Zimmer mit drei Betten, bitte“, fügte Nat hinzu. Er ging davon aus, dass dies keine Schwierigkeiten darstellen sollte, so leer wie das Gasthaus war.

Bjarn nickte, der Schalk trieb ihm ein Grinsen im Gesicht: „Ihr achtet wohl auch im Schlaf aufeinander?“

Der Nordmann, der Hardy genannt wurde, grinste zurück: „Das dürfte Euch aus früheren Tagen gut bekannt sein, Bjarn Bärenpranke. Reisende müssen gut aufeinander acht geben.“

Bjarn kicherte: „Da habt Ihr Recht. Wohlhabendere Herrschaften verlangen nur häufiger nach separaten Räumlichkeiten.“

Hardy lachte: „Oh, ich will meine Münze lieber für gutes Essen, Bier und eine nette Gesellschaft ausgeben.“

Er warf einen interessierten Blick in Richtung einer kurvenreichen Frau mit einem langen, rotbraunen Zopf, die aus der Küchentür geschwebt kam. Ihre Wangen waren gerötet und die Bluse etwas weiter aufgeknöpft als man es bei einer Frau an einem so verregneten und kühlen Tag erwarten würde – doch der köstlich duftende, dampfende Luftschwall, der sie begleitete, war eine eindeutige Erklärung für die Erscheinung.

„Meine Frau Selena, die Zauberin am Kochkessel“, stellte Bjarn sie vor und nahm damit gleich alle weiteren Fragen vorweg.

Hardy lehnte sich vor, seine Laune nur ansatzweise getrübt: „Freut mich, werte Frau. Was habt Ihr uns denn heute anzubieten?“

Sie schmunzelte: „Nun, da Ihr heute am Sâriltan hier seid, gibt es einen Eintopf mit Fleisch zur Feier des Tages. Dazu selbstgebackenes Brot, gemischtes eingewecktes Gemüse und zum Abschluss einen würzigen Käse und Honigwein.“

Hardy lehnte sich wieder zurück mit einem Lächeln der Vorfreude auf den Lippen: „Großartig! Wir nehmen alles, und dazu reichlich Bier!“

Die beiden anderen Glücksritter grinsten nur in sich hinein. Bei Fragen des Essens war Hardy wohl derjenige, der bei ihnen den Ton angab.

Die drei luden ihre Ausrüstung in dem ihnen zugewiesenen Zimmer ab, an dem auf den ersten Blick nichts zu beanstanden war – und nahmen an einem der vielen freien Tische Platz, um zu speisen. Hardy und Linus verbrachten durchaus einiges an Zeit mit ihrem Mahl – der eine, der sich nicht nur eine große Portion, sondern auch einen für seine Körpergröße angemessenen Nachschlag gönnte, der andere, der offensichtlich gegen die Langeweile der Schankmädchen etwas unternehmen wollte. Nat dagegen aß recht schnell und eher weniger als man von einem Mann seiner athletischen Statur erwarten würde. Während seine beiden Gefährten also noch bei den Speisen waren, griff Nat nach seinem Bierkrug und schlenderte gezielt zum Tisch der Stadtwachen, schnurstracks zu Lans – der erleichtert wirkte. Nat hatte sich bewusst dafür entschieden, selbst den Tisch zu wechseln, statt einen der Wachen zu sich zu bitten. So blieb der mitten unter den Seinen, der Dämonenjäger war der Eindringling, der die Höflichkeit zu wahren hatte.

„Ich wünsche einen guten Abend, Herren Stadtwachen“, sprach Nat dann auch wie erwartet als erster. „Darf ich mich für ein paar Fragen zu Euch gesellen?“

Die Männer hatten keine Einwände. Nat schob sich einen Stuhl zurecht und positionierte sich so, dass er Lans direkt ins Gesicht sehen konnte und spürte das Echo von einem merkwürdiges Kribbeln in seinen Zehen und Fingern in dessen Gegenwart, dieselbe Empfindung, die den Wachmann heimsuchte. Er konnte deutlich in Lans' Gesicht lesen, was dieser Mann dachte. Er war bisher gewiss noch nie einem leibhaftigen Dämonenjäger begegnet, hatte nur die vielen Gerüchte über diese Leute gehört. Nat kannte sie alle. Angeblich waren die Dämonenjäger selbst zur Hälfte von dämonischem Blut, Kinder der Verderbnis, die einst ihre Welt heimgesucht hatte – als die Welt noch jünger und wundersamer war. Sie waren Relikte einer Vergangenheit, von der keiner mehr wusste, ob sie stimmte oder nicht. Lans warf noch einmal einen aufmerksamen Blick in Nats Augen, drehte dabei seinen Kopf etwas zur Seite, um einen anderen Blickwinkel zu erhaschen und lächelte, als hätte er ein Rätsel gelöst. Nat wusste ganz genau, wonach Lans Ausschau gehalten hatte. Seine Augen reflektierten das Licht einer der Lampen so wie man es bei einer Katze erwarten würde.

Dem Dämonenjäger war das Interesse des Wachmanns nicht entgangen, aber er äußerte sich nicht dazu. So wie sich dieser Wachmann verhielt war es klar, dass eine Sehergabe in ihm glomm – stark genug, als dass er sich ihrer bewusst war. Ob er sie kontrollieren konnte, das stand auf einem anderen Blatt. Nat selbst hatte seine Träume, die ihm gelegentlich beunruhigende Visionen und Warnungen schickten. Wären diese nicht gewesen, dann wären er und seine Gefährten jetzt in eine vollkommen andere Richtung unterwegs, auf der Suche nach einem lohnenswerten Ziel. Doch wenn er einen vollkommen düsteren Traum voller gestaltloser Schrecken und eines unheimlichen Ekels durchstehen musste, um vor dem Aufwachen ein kristallklares Bild eines Ortes und ein zielsicheres Gefühl für eine Richtung zu haben, dann spielte die Belohnung keine große Rolle. Dann war es seine Pflicht, sich der Vorsehung zu beugen und Schlimmeres zu verhindern. Das war er seinen Ahnen und seinem toten Lehrmeister schuldig.

„Was könnt ihr mir über die jüngsten Vorkommnisse in der Stadt sagen?“, fragte er in die Runde hinein.

„Es hat wohl zum Fest der Verkündigung begonnen, Herr“, antwortete ihm Max, der jüngste und wohl auch der gesprächigste in der Runde. „Die Pilger sind in den Tagen zuvor zahlreich angekommen wie jedes Jahr, und wie jedes Jahr, zogen sie 'gen Kloster, um ihre Segnung zu empfangen. Doch sie kehrten nicht zur üblichen Zeit zurück, und auch nicht in den Tagen danach.“

„Und das Kloster leuchtet seitdem merkwürdig des Nachts, und es wird immer heller“, fügte Lans leise hinzu. Auch wenn die anderen Wachleute nichts davon hören wollten, so war er sich sicher, dass seine Beobachtung den Dämonenjäger interessierten könnte.

Dieser nickte: „Das ist nicht ungewöhnlich an Orten, zu denen mich die Vorsehung ruft. Ich nehme an, die Stadtherren haben bereits Kundschafter ausgeschickt, um Nachrichten vom Kloster und den Pilgern zu bringen?“

Max nickte eifrig: „Aber selbstverständlich, Herr. Es wurden Boten ausgeschickt, weil man sich um die Gläubigen und die Mönche sorgte. Doch auch die Boten fehlen seitdem. Es waren eigentlich recht gescheite Männer, und sicherlich nicht hilflos.“

Der Dämonenjäger nickte erneut und stellte die nächste Frage, auf die er dem Anschein nach schon die Antwort zu wissen schien: „Und alle Söldner sind ebenfalls allesamt verschollen?“

Ein verlegenes Schweigen legte sich über die Runde. Lans antwortete schließlich leise: „Alle bis auf einen. Der Söldner namens Timeon kehrte vor genau einer Woche zurück und er ist ganz und gar dem Wahnsinn verfallen.“

Das Gesicht des Dämonenjägers verfinsterte sich leicht: „Das kann ein gutes oder ein böses Omen sein. Haben sich die Schwestern seiner angenommen, oder ist er im Gefängnis weggesperrt?“

Lans seufzte: „Ich habe ihn zu den Schwestern gebracht und mich ein paar Mal nach ihm erkundigt. Die Schwestern sorgen für ihn, aber sie klagen auch darüber, wie anstrengend er ist. Sie müssen ihn die meiste Zeit gefesselt halten, damit er nicht tobt, und flößen ihm zur Nacht betäubende Tränke ein, damit er schlafen kann. Man bekommt kaum ein vernünftiges Wort aus ihm heraus, er bettelt nur immerzu nach dem Schutz des Sterns.“

Nat lächelte schief und deutete auf den Verschluss seines Kragens.

Lans nickte: „Ja, genau diesen Stern meint er. Darum sagen die Schwestern wohl, dass es für ihn noch Hoffnung gibt. Immerhin erkennt er das Heilige Symbol noch als das, was es ist.“

Nat nickte erneut. Der Stern war ein kompliziertes Symbol, mit einer sehr langen Geschichte, ein uraltes Symbol für Wissen, Hoffnung und Macht. Das weiße Gold und Silber, aus dem die Kragenzierde der Dämonenjäger bestand, war gleichermaßen das Zeichen dafür, dass sie der Kirche dienten und dass sie stets unter ihrem wachsamen Blick agierten.

Nat sah prüfend zu Lans: „Und Ihr sagt, das Leuchten wird heller?“

Der Wachmann nickte, wenn auch leicht verunsichert über den abrupten Themenwechsel: „Ja, Herr. Ich bin mir ziemlich sicher. Ich habe es immer wieder mit einem anderen Licht verglichen.“

Nat schmunzelte: „Sehr löblich. Jedoch ist das kein allzu gutes Zeichen. Nun, habt Dank für Eure Auskünfte. Ich werde Eure Freundlichkeit morgen gern beim Richter erwähnen.“

Die Wachleute wechselten die Blicke, zuckten mit den Schultern und nickten. Unheimlich oder nicht, getreue Dämonenjäger genossen ein gewisses Ansehen unter den Leuten, und eine positive Bemerkung von seiner Seite konnte vielleicht ein angenehmes Nachspiel mit sich bringen. Nat verabschiedete sich und setzte sich erneut an den Tisch, an dem Hardy inzwischen genüsslich am Käse knabberte und Linus die Laute anzustimmen begann. Er würde natürlich nicht so pietätlos sein und ein lustiges oder gar zotiges Lied anstimmen, aber in seinem Repertoire fanden sich auch angemessene Musikstücke.

Mit dem „Tiefen Levon“ traf Linus wie gewohnt ins Schwarze – einem Lied über einen tiefen und geheimnisvollen Fluss, eine holde Maid mit einem gebrochenen Herzen und einem wehmütigen Ausgang der Geschichte. Das Publikum lauschte gebannt seiner ausdrucksvollen Stimme, wie sie abwechselnd die Klage des Mädchens und die Einflüsterungen des Flusses wiedergab, und insbesondere die Wachen äußerten ihre Begeisterung laut und deutlich. Aus dem Augenwinkel sah Nat, wie die erneut in der Tür der Küche erschienene Selena ihren Mann leicht anstupste und dieser daraufhin den Schankmädchen die Anweisung gab, den Gästen noch eine Runde Met nachzuschenken.

Es folgten weitere Lieder und weitere Getränke, doch Nat hielt sich bereits beim zweiten Met zurück. Es war zwar durchaus seine Gewohnheit, den Alkohol immer dann zu nutzen, wenn er tief und traumlos schlafen wollte, doch nicht so kurz vor einem Einsatz, und schon gar nicht wenn er das Gefühl hatte, dass er jede Hilfe brauchen könnte, die ihm zuteil wurde. Er war dankbar darüber, dass ausgerechnet ein Söldner sich in Starogrâd niedergelassen hatte und daher ganz genau wusste, wie er mit Leuten wie ihm und seinen Gefährten umzugehen hatte. Er war dankbar für den Wachmann mit der Sehergabe, der ihm ohne es zu wissen ein paar wichtige Details zugespielt hatte. Und er war dankbar dafür, dass es zumindest einen Überlebenden gab, wie sehr sein Geist auch vom Grauen im Kloster mitgenommen war. Er würde von diesem Mann schon das eine oder andere erfahren, selbst wenn dieser keiner Sprache mehr mächtig sein sollte.

Während Linus mit seiner Musik die Aufmerksamkeit der Leute auf sich zog, versenkte sich Nat in seinem Inneren und öffnete im Geist sein drittes Auge. Die Taverne wurde erfüllt von schimmernden Lichtern und dem Schein der Auren der Leute um ihn herum. Hardy und Bjarn teilten sich die tiefrote Glut, die vielen Nordmännern zu eigen war und die sie zusammen mit dem riesenhaften Körperwuchs, dem kräftigen Körperbau und den feurigen Mähnen von den legendären Vorfahren, den Kaniden, geerbt hatten. Selenas Licht schimmerte in saftigen Grüntönen und Nat konnte beinahe den herrlichen Geruch von einer Wiese im Frühling in der Nase spüren. Ihr Sohn, der ebenfalls der Musik lauschte und insbesondere bei den Heldenliedern aufmerksam wurde, strahlte in sonnigem Gelb. Das war ein gutes Zeichen – sowohl für sein Gemüt, als auch für das Glück, das ihm inne war. Alle drei hatten ein starkes Licht gemeinsam, eine kräftige Aura. Was auch immer an Finsternis auf sie zukam, ihr Licht könnte es vielleicht durchstehen, ohne zu verlöschen.

Die Stadtwachen und Schankmädchen waren im Vergleich zu den drei recht gewöhnliche Lichter, bunte Glasmurmeln neben funkelnden Edelsteinen. Doch sie waren gesund, und so rein wie ein gewöhnlicher Mensch es sein konnte. An ihnen war nichts, das das grausame Schicksal rechtfertigte, das sie womöglich bald ereilen würde. Lans war wiederum ein besonderer Fall. Seine Aura war interessant, vielschichtig, barg etwas in sich, das Nat nicht deuten konnte und seinen Geist viel zu lange beschäftigte, bevor er aufgeben musste, ohne das Rätsel gelöst zu haben. Nat konnte nicht sagen, ob dies ein gutes oder ein schlechtes Zeichen war. Wenn er selbst solche seltsamen Schlieren zeigen würde, dann hätten ihn die wachsamen Augen der Heiligen Rächer schon längst vor ein Schiedstribunal geschleppt – einfach nur, um sicher zu sein. Es blieb zu hoffen, dass der Mann niemals den Weg eines solchen Ermittlers kreuzen würde. Doch nach seinem aktuellen Kenntnisstand hatte Nat keinen Grund, dem Wachmann zu misstrauen, und er würde sich hüten, auch nur einen Ansatz seiner Zweifel zu zeigen. Vielleicht würde genau das der Anstoß sein für eine Entwicklung, die er nicht in Gang setzen wollte. Wenn die Dinge schon einen schlimmen Verlauf nehmen sollten, dann nicht seinetwegen.

Also zog er sich in die Wirklichkeit der anderen Leute um ihn herum zurück und lauschte dem letzten Lied, das Linus an diesem Abend zum Besten gab, bevor sie sich mehr oder weniger angeheitert in ihre Betten begaben – wobei Linus noch einen Abstecher in eine andere Richtung machte, bevor er sich auf dem Zimmer einfand. Hardy schlief alsbald tief und fest, schnarchte leise dabei, während Nat wie üblich in seiner Meditationshaltung mit ineinander verschränkten Beinen und seitlich hinabgestreckten Armen mit sternförmig gen Boden gerichteten Fingern saß, bevor er sich dem Schlaf überlassen würde. Als Linus spätabends, als es langsam 'gen Mitternacht ging, endlich ins Zimmer hineinschlich, rollte der Dämonenjäger nur leicht mit den Augen. Der Barde grinste zurück, nicht im geringsten schuldbewusst oder peinlich berührt. Ohne ein Wort zu sagen entledigte sich Linus seiner Kleider, und der darunter versteckten leichten Rüstung, und legte sich ins Bett, sein Messer in griffbereiter Nähe. Wenig später war auch er eingeschlafen.

Nat verblieb noch auf dem Boden und ließ die Eindrücke des Tages durch seinen Kopf Revue passieren. Die Anreise nach Starogrâd war nicht ungewöhnlich verlaufen, es gab kaum einen Grund, an sie zurück zu denken. Der Regen war zu dieser Jahreszeit in dieser Gegend nicht ungewöhnlich, auch wenn er sich vielleicht etwas länger hielt als die Menschen es gewohnt waren. Der Wind wehte nicht allzu stark und kam nicht aus Richtung des Klosters, so dass auf diesem Weg nichts aufzuschnappen war. Doch mit dem Licht hatte Lans ganz und gar Recht gehabt, und das war kein gutes Zeichen. Seltsame Lichter waren oft die Begleiterscheinung von übernatürlichen Ereignissen – einem Ausbruch magischer Kräfte, einem Ritual, oder Erscheinungen außerweltlicher Wesenheiten. Diese Information bestärkte seine Vorahnung, dass es im Kloster ganz und gar nicht mit rechten Dingen zuging. Wahrscheinlich hatte man es mit einer Form von Besessenheit zu tun, vermutlich waren mehrere Personen betroffen, und diese hatten wohl zuerst das Kloster an sich gerissen und hinterher dafür gesorgt, dass keiner der Pilger, Boten und Glücksritter zurückkehren konnte. Vielleicht war die Ursache aber auch eine andere. Doch was auch immer dort geschah, das Böse war noch nicht bereit, sich mit der Welt außerhalb des Klosters einzulassen, und daran lag Nats größte Hoffnung darauf, erfolgreich aus der Sache herauszukommen. Wenn die Besessenen oder gar etwas Schlimmeres erst aus den Klostermauern nach außen dringen würde, dann müssten sie sich richtige Sorgen machen. Er war wohl noch rechtzeitig eingetroffen, um das Schlimmste zu verhindern. Und wieder einmal war er dafür dankbar, dass seine Gefährten so waren wie sie waren, und keine anderen. Andernfalls müsste er ohne sie aufbrechen. Doch ihr Licht war stark und würde der Finsternis standhalten können.

Als die Glocke schließlich Mitternacht schlug und bis zum Morgengrauen verstummte, begab Nat sich ebenfalls zu Bett. Sein Geist war noch immer viel zu wach, sein Verstand wälzte die Gedanken hin und her, fragte sich, ob er die richtigen Schlussfolgerungen aus dem gegebenen Wissen gezogen hatte, ob er die Wahrnehmung seines inneren Auges richtig deutete, ob seine Träume ihn nicht womöglich doch auf die falsche Fährte lockten. Das Kloster war gewaltig, eines der größten klerikalen Bauwerke außerhalb der Weißen Stadt Poliâron. Wenn die Gläubigen darin dem Bösen anheimgefallen waren, dann würde es ein harter Kampf werden. Nat wagte nicht an die Geheimnisse zu denken, die sein Lehrmeister ihm kurz vor seinem Tod anvertraut hatte. Das könnte ihn alles kosten, könnte alles zunichte machen, das er erreicht hatte. Er hoffte vor allem, dass diese schlimmste Befürchtung sich nicht bewahrheiten würde. Der morgige Tag würde ihm weiterhelfen. Es hatte keinen Sinn mehr, sich den Kopf zu zerbrechen. Also zwang er sich dazu, langsam und ruhig zu atmen, so langsam, dass allein der Mangel an Luft genügte, um das Gewirr in seinem Kopf zu lichten und ihn endlich ins Land der Träume zu schicken. Sein letzter wacher Gedanke flatterte erschrocken vor der Erkenntnis davon, dass er nicht schon wieder träumen wollte.

Dunkelheit und fauliger, süßlicher Gestank überall. Es war feucht, als wäre der Regen von draußen nach drinnen gesickert und würde nun überall schweben. Ein widerliches Gefühl von Euphorie und Ekel zugleich. Nichts ergab einen Sinn, nicht die grässlichen Schreie, nicht das abartige Stöhnen und auch nicht das verrückte Gelächter. Etwas strich über seinen Rücken und hinterließ eine Spur aus Gänsehaut, sie sich ausbreitete wie Wellen auf dem Wasser. Doch es war nichts hinter ihm, nur die faulig-feuchte Dunkelheit. Und doch, er spürte etwas. Nein, nicht etwas, vieles. Er war nicht nur nicht allein, er war weit unterlegen. Er war es, über den gelacht und gespottet wurde in einer Sprache, die man nur in einem Traum wie diesem verstehen konnte. Wie schön, dass das nur ein Traum war. Seine Waffen und seine Rüstung waren bei ihm, weil er sie brauchte. Sein Geist sah klar. Das Licht hatte ihn noch nicht verlassen. Die Finsternis zog sich zurück, als hätte sie sich an ihm verbrannt. Er sah verzerrte Gestalten, Leiber mit verrenkten Gliedmaßen, Gesichter mit ausgerissenen Augen und abgebissenen Nasen, aufgeschlitzten Mündern und lang und kraftlos heraushängenden Zungen. Er sah blutige Striemen und wie von Krallen frisch geschlagene Wunden. Er sah sie an und in seinem Hinterkopf zählte er die Anzahl der Gestalten, die ihn mit hasserfüllten Augen in ihren Gesichtern beglotzten. Es waren nicht so viele, wie das Kloster Einwohner hatte, aber es waren mehr als genug. Vielleicht waren nicht alle hier. Aber warum waren sie so? Was war die Ursache? Zeig dich mir, ich verlange es!

Noch mehr Gelächter. Sein Licht hielt sie lediglich zurück. Es war nicht stark genug, um sie in wahrhaftige Furcht zu versetzen. Sie wussten, dass sie ihm über waren. Sie würden über ihn herfallen, sobald er sich nur die kleinste Schwäche erlaubte. Er trotzte und sein Licht erstrahlte etwas heller, doch ihm war klar, dass er das nicht in alle Ewigkeit durchhalten konnte. Früher oder später würden sie ihn kriegen, wenn es nur Kraft gegen Kraft hieß. Er musste gerissen sein, er musste wissen, wo ihre Stärken und wo ihre Schwächen lagen. Was zeichnete sie aus? Welche Art Dämonen hatten sie verdorben? Konnte er die Zeichen deuten? Alles verschwamm im suppigen Nebel, der nach frischem Blut roch und sich so warm wie ein Dampfbad anfühlte. Er erstickte in seinem klebrigen Dunst. Er wusste, auch das war ein Zeichen. Er war kaum mehr als ein Tier, das in die Enge gedrängt war, reduziert auf seinen Körper, der verzweifelt zu atmen versuchte. Er wusste, irgendwo in seinem Gedächtnis war alles zu finden, was er brauchte, um diesem Übel ein Ende zu machen. Er musste nur aufwachen. Wach auf. Wach auf! WACH AUF!

Kapitel 2

Starogrâd, 12.03.1497 n.V.

Das Morgengrauen kündigte sich an. Hardys leises Schnarchen wirkte Wunder darin, die klebrigen Reste des Traums zu verscheuchen, die Nat immer noch lähmten. Er war sich sicher, dass er ohne seine Weggefährten bereits dem Wahnsinn verfallen wäre, der im Lauf der Geschichte so manchen Dämonenjäger ereilt hatte. Wer sich zu lange in die Nähe der üblen Mächte begab, wurde früher oder später von ihnen verdorben. Es hatte seinen Grund, warum die Heiligen Rächer so wachsam waren. Letzten Endes war alles miteinander verknüpft und hatte einen gemeinsamen Ursprung. Doch hier in der Welt konnte man zumindest hin und wieder das Gute vom Bösen trennen und das Leben mit Schönheit füllen anstelle der Alpträume.

„Du hättest mehr trinken sollen, mein Freund“, hörte er Linus flüstern.

„Wie lange bist du schon wach?“, flüsterte Nat.

„Lange genug, um mir sicher zu sein, dass du das schon alleine schaffen wirst“, antwortete der Barde spitzfindig.

Nat grinste: „Wie schön, dass du mich so gut kennst. Wie war dein Abend?“

Linus unterdrücke ein Kichern: „Wie schön, dass du mich so gut kennst. Ich fand es sehr erquicklich. Sie war auch recht angetan, glaube ich.“

Nat seufzte: „Ich hoffe, sie wird dich nicht zu sehr vermissen, wenn wir nicht zurückkehren.“

„Wo denkst du hin? Ich muss keine Lügen versprechen, um an mein Ziel zu gelangen. Und jetzt hör auf, meinen Anstandsvater zu spielen, und sag mir lieber, was du geträumt hast“, schmunzelte Linus.

Nat seufzte: „Das würde ich mir aufheben bis zum Abend, nachdem ich mit dem Richter und dem Verrückten gesprochen habe. Ich habe eine Vermutung, aber... ich will mir sicher sein.“

„Und uns willst du also nicht dabei haben?“, brummte Hardy leise.

„Für euch hatte ich etwas anderes im Sinn,“ antwortete Nat nun etwas lauter, nachdem fürs Flüstern kein Grund mehr bestand. „Ich will, dass ihr unsere Vorräte aufstockt, und die Augen und Ohren in der Stadt offenhaltet. Falls entgegen meiner Vorahnung bereits etwas anderes als der Verrückte aus dem Kloster entkommen oder auch nur gesickert ist, müssen wir das wissen.“

„Wir brechen also erst morgen auf?“, fragte Linus.

Nat grinste schief: „Falls deine Frage darauf abzielt, dass wir noch einen Abend hier verbringen werden – ich gehe davon aus. Den Tag sollten wir uns gönnen und uns gründlich vorbereiten. Ich verspüre noch kein außergewöhnliches Gefühl von Dringlichkeit, es hat also keinen Sinn, gehetzt im Kloster anzukommen. Morgen um die Zeit sollten wir jedoch bereits im Sattel sein. Dann haben wir die Gelegenheit, uns das Kloster bei Nacht aus nächster Nähe zu betrachten, bevor wir übermorgen mit den ersten Sonnenstrahlen im Rücken hineingehen.“

Mit diesen Worten stand Nat auf und machte sich auf den Weg zum Waschraum, Linus und Hardy folgen ihm. Das Wasser im Zuber war kalt und erfrischend, und da sie wohl die einzigen wachen Gäste des Hauses waren, war es auch frisch. Die feinen Stoppeln am Kinn rasierte Nat sich ab, er wollte nicht ungepflegt vor dem Richter erscheinen. In der Hinsicht war Linus zu beneiden, der zwar prachtvolles Haupthaar, ansonsten aber ungewöhnlich glatte und haarlose Haut hatte. Natürlich nur ungewohnt, wenn man sich nicht mit derlei Dingen wie der Abstammung der Leute auskannte. Hardy zog den Barden regelmäßig damit auf und war seinerseits stolz auf seinen dichten Bart und Brustpelz, ganz eindeutig einem Erbe seiner Vorfahren aus dem Norden. Den Bart trimmte er trotz allen Stolzes regelmäßig auf eine angemessene Länge – eine, die einem Angreifer nicht genug Halt bot. Hardy hatte schon genug Narben überall auf dem Körper im Lauf seiner Zeit als Söldner davongetragen, aber seinen Kopf oder Hals in eine riskante Lage zu bringen, das wollte er sicher nicht.

Das Frühstück war für den Kirtan, den ersten Tag der Woche, vollkommen angemessen. Für die Gäste des Hauses, die das nötige Kleingeld hatten, gab es Eier mit Speck, Käse, frisches Brot und frische Milch oder einen Kräutertee. Für die kleinere Geldbörse Haferbrei mit oder ohne Honig. Wer richtig gut frühstücken wollte, der konnte alles zusammen bestellen. Hardy genehmigte sich ein solches ausführliches Frühstück. Linus begnügte sich mit dem honigsüßen Hafer, konnte sich allerdings für ein paar zusätzliche Münzen und ein Lächeln noch einen Apfel und ein wenig Schlagsahne zum Verfeinern des Mahls und ein hartgekochtes Ei als Vorspeise herausholen. Nat ergänzte seinen ungesüßten Hafer mit Käse und Ei. Sie hielten sich beim Frühstück nicht allzu sehr mit Gesprächen auf – insbesondere nicht mit den Einheimischen, die neugierig im Schankraum oder um das Gasthaus herumlungerten. Söldner und Glücksritter bekamen die meisten Leute im Verlauf ihres Lebens schon häufiger zu Gesicht, insbesondere in einer solchen Stadt wie Starogrâd, durch die ständig Reisende zogen. Aber einen Dämonenjäger in voller Montur sahen die wenigsten zu ihren Lebzeiten, erst recht nicht, wenn sie das Glück einer friedlichen Lebenszeit hatten. Die Dämonenjäger waren ebenso selten wie die obskuren Abgesandten der Gilden, die sich inzwischen von der Bühne der Welt zurückgezogen hatten und aus Ermangelung an Personenstärke eher im Hintergrund die Fäden zogen. Die Soldaten des Kaisers der Vereinten Kritenreiche und die Ordensritter des Heiligen Rächers waren deutlich präsenter in den Landen des Westens. Also glotzten die Leute mehr oder weniger unverhohlen und Nat gab sein Bestes, um sie nicht zu beachten. Ihnen würde es vermutlich nicht einmal peinlich sein, ertappt zu werden, und er legte keinen Wert darauf, irgendeine ihrer Reaktionen zu erfahren.

Nats Begleiter schienen sich an der Aufmerksamkeit nicht zu stören. Glücksritter wurde man schließlich auch, um sich einen Namen zu machen und in Geschichten erwähnt zu werden, um der eigenen Lebenszeit ein Schnippchen zu schlagen und dem Tod eine lange Nase zu drehen, der einen natürlich trotzdem eher früher als später in seine knöchernen Finger bekam. Dennoch war er eine bessere Partie als ein Mertomag, dessen unheilige Künste die Toten auferstehen ließen und Geister befehligten. Zum Glück waren diese Sorte Zauberer noch viel seltener als die Dämonenjäger – was nicht zuletzt auf das Wirken der letzteren und der Ordensritter zurückzuführen war. Die Totenwächter der heutigen Zeit waren nur ein blasser Schatten der großen Nekromanten von einst, insofern war es höchst unwahrscheinlich, dass sie so jemanden im Kloster antreffen würden. Nach seinem jüngsten Traum hatte Nat diese Idee endgültig verworfen. Nekromanten waren zwar sehr geschickt darin, allerhand Dinge aus toten Körpern und knöchernen Überresten zu formen, doch bei lebenden Körpern versagte ihre Kunst, diese konnten sie nur mit ihrem Todeslicht zu Asche verbrennen. Die verzerrten Gestalten in Nats Traum waren jedoch ganz und gar lebendig, weil in ihren Augen neben dem Wahnsinn auch die Qualen des Fleisches zu sehen waren, die sie ununterbrochen erleiden mussten. Sie zu töten wäre sicherlich eine Erlösung für die armen Seelen. Damit schied auch der schreckliche Weiße Nekromant und seine untoten Dämonen als Übeltäter aus. Diese Schergen verbreiteten überall die Pestilenz und den Tod, doch fürs Foltern waren sie nicht bekannt. Sie spielten nicht mit ihren Opfern, weideten sich nicht an ihrem Leid. Sie töteten einfach nur, auf jede erdenkliche Weise, die es auf der Welt gab. Manchmal töteten sie langsam, doch gewiss nicht aus Vergnügen, sondern nur, weil das manchmal der Lauf der Dinge war. Der Tod war frei von Gefühlen und kannte weder Bosheit noch Mitleid. Auf die Hinweise in seinen Träumen hatte er sich stets verlassen können – und diese hatten weder Andeutungen über die Untoten, noch Zeichen für die Präsenz von Feuerteufeln, Ausgeburten der Finsternis, oder der Unholde aus Stein und Metall.

Es musste also eine andere Brut für die Vorfälle im Kloster verantwortlich sein. Mit hoher Wahrscheinlichkeit waren es die verderbten Tiermenschen, die seit den Zeiten der Legenden überdauert hatten. Mit etwas Glück würde es nicht ihre schrecklich-schöne Königin Na'bira sein, sondern lediglich eine ihrer Matriarchinnen. Es würde sehr gut zu dieser Sorte Dämonen passen, sich ein Kloster voller Männer anzueignen, um sie zu verderben und abscheuliche Kinder mit ihnen zu zeugen. Das würde auch erklären, warum keiner aus den Mauern entkam, jedoch auch nichts hervortrat. Auch dämonische Weiber benötigten eine gewisse Zeit, damit ihre Brut heranwachsen konnte. Blut war jedenfalls eines von Na'biras Attributen. Es würde also vorwiegend fleischlich zugehen, was die Sache nicht angenehmer machte. Duftstoffe waren ebenso hinterlistig wie Gifte und Krankheiten, töteten einen, noch bevor man es merkte, oder richteten einen noch schlimmeren Schaden an. Sie würden sich hüten müssen, insbesondere vor jenen, die eine unheilige Macht über Männer hatten.

Nat atmete tief durch. Er musste unbedingt mit dem unglückseligen Timeon sprechen, das war sonnenklar. Also beendete er hastig sein Frühstück, erhob sich, verabschiedete sich von seinen beiden Gefährten mit einem stummen Nicken, und eilte auf die Straße hinaus. Die Menschen machten ihm Platz, flossen auseinander wie ein Schwarm kleiner Fische vor einem Raubfisch. Sie würden noch ihren Enkeln davon erzählen, wenn die Sache gut ausgehen sollte, aber das änderte nichts daran, dass sie sich in seiner Gegenwart unwohl fühlten. Ein Bewusstsein wie das eines Dämonenjägers war nicht mehr mit ihren Geistern zu vereinbaren, war zu anders, um jemals wieder einer von ihnen zu werden. Immerhin konnte er so etwas wie Hoffnung und auch eine Spur Dankbarkeit in der Menge spüren, das musste ihm genügen.

Es war nicht schwer, den Richter im Rathaus zu finden, auch wenn das Innere des großen Fachwerkhauses mit zwei Stockwerken für einen Fremden sehr unübersichtlich erschien. Nat musste sich nicht einmal durchfragen. Richter Karl war offensichtlich ein Mann von einem starken Willen und einer großen Bekanntheit. Solche Menschen fanden sich leicht, wenn man ein inneres Auge hatte und ein Gespür für die Schicksalsfäden der Welt. Der Richter war wie eine Spinne im Netz, mit der Macht, Fäden neu zu ordnen und sie auch zu durchtrennen. Nat fand ihn in seinem Arbeitszimmer über den Papieren sitzend. Die Tür war geöffnet, er klopfte dennoch gegen den Türrahmen, um sich anzukündigen. Der Richter hob sein hageres, langes Gesicht, das inzwischen von etlichen Falten gezeichnet war, und lächelte höflich, ohne seine Lippen voneinander zu trennen oder seine Augen dabei anzustrengen. Sie musterten den Dämonenjäger streng und neugierig.

"Kommt rein, Revizhar Ignazius, und schließt die Tür hinter Euch. Ihr seid wegen dem Kloster hier, nicht wahr?", schnarrte er leise.

Nat zog eine Augenbraue hoch und befolgte die Anweisungen, um in einem angemessenem Abstand vor dem Tisch stehen zu bleiben. Normalerweise bemühten die wenigsten die altertümliche Bezeichnung für Leute wie ihn, die aus der Sprache des Feenvolkes und ihrer Wechselbälger stammte. Nur Menschen mit außergewöhnlicher Bildung nutzten derlei Worte, und noch weniger konnten ihren Sinn vollständig begreifen. Sein voller Name war wiederum einer noch kleineren Anzahl bekannt, denn er hielt ihn bewusst zurück. Namen hatten Macht. Der Richter war außerordentlich gut informiert. Möglicherweise war er sogar einer der Gründe, warum seine Visionen Nat in diese Stadt gebracht hatten.

„Das ist richtig, San'Bereno. Ich nehme an, die Herren Stadtwachen, die ich gestern gesprochen habe, haben Euch bereits über meine Ankunft und mein Interesse am Kloster in Kenntnis gesetzt.“

Der Richter lächelte breiter mit seinen immer noch geschlossenen Lippen. Das feine Netz aus Fältchen auf seiner Haut vertiefte und verbreitete sich, so dass sie nun einen leichten Eindruck von altem Pergament erweckte. Dann nickte er: „So ist es. Nun, ist Euch auf der Reise etwas aufgefallen?“

Nat schüttelte den Kopf: „Wir sind aus einer anderen Richtung gekommen und haben noch keinen Blick auf das Kloster werfen können. Die mir vom Heiligen Mittler geschickte Vorsehung deutet jedoch ganz und gar auf die Teleram-Brut, die Fleischwandler. Wir haben in gewisser Weise Glück im Unglück. Sie werden erst in einigen Wochen, wenn nicht gar Monaten, über die Gegend ausschwärmen. Wir haben also Zeit zu handeln, und das sollten wir. Denn wenn sie erst einmal ausgeschwärmt sind, wird es nur noch mit Feuer und Schwert und unter großen Verlusten möglich sein, ihre weitere Ausbreitung zu stoppen. Meine Gefährten und ich gedenken, unsere Vorräte heute aufzufüllen und gleich im Morgengrauen des kommenden Tages aufzubrechen.“

Der Richter nickte erneut, diesmal mit einem missmutigen Gesichtsausdruck: „Das klingt nach schlechten Neuigkeiten, aber ich bin geneigt, Euch zuzustimmen, dass wir wohl Glück im Unglück haben. Immerhin seid Ihr vor den Ordensrittern hier angekommen. Diese werden mit der Brut im Kloster sicherlich kurzen Prozess machen können, doch ihre Anwesenheit könnte auch für unsere Stadt verheerende Folgen haben. Ist Euch bekannt, wann die Truppen hier eintreffen werden?“

Nat schüttelte den Kopf: „Bedauerlicherweise habe ich dazu keine Benachrichtigungen erhalten. Meiner Vermutung nach sind wir ihnen jedoch etwa eine bis zwei Wochen voraus. Wenn wir also schnell vorgehen und die Dämonen sofort aufspüren und vernichten können, dann ist alles weitere so gut wie überstanden.“

Der Richter nickte: „Wollen wir es hoffen. Sollte es allerdings sinnvoll sein, Euch ein paar Männer aus der Stadtwache zur Seite zu stellen, um die Angelegenheit schneller erledigen zu können, dann müsst ihr es nur sagen.“

Nat überlegte für einige Augenblicke und schüttelte erneut den Kopf: „Eure Wachen sind sicherlich tapfer und fähig, aber an den Teleram sind schon etliche Ordensritter und auch der eine oder andere meiner Leute zugrunde gegangen. Ich will eure Wachen nicht unnötig in eine ausweglose Situation bringen, insbesondere wenn wir auf eine Verführerin treffen. Timeon hatte noch Glück.“

Der Richter grinste schief: „Ich nehme an, Ihr werdet ihn noch verhören wollen. Die Schwestern werden Euch dabei sicherlich nicht im Wege stehen.“

Nat lächelte zurück: „Ich würde das nicht als verhören bezeichnen, Richter, aber ja, das hatte ich vor. Ich muss einschätzen können, welchen Schaden die Dämonen bereits angerichtet haben und sein Geisteszustand wird mir dabei sicherlich notwendige Informationen liefern.“

Der Richter zog eine Augenbraue hoch: „Nun gut. Natürlich habt Ihr meine Erlaubnis, mit ihm zu reden. Allerdings unter einer Bedingung...“, der Blick des Richters wanderte zur anderen Tür seines Arbeitsraums, „Ihr werdet dies nicht alleine tun.“

Nat zog eine Augenbraue hoch. Der Richter erhob sich von seinem Stuhl und ging zur noch geschlossenen Tür, um sie zu öffnen. Dahinter war ein weiterer Raum zu sehen, in dem sich Bücher und Schriftstücke in Regalen stapelten, aber auch noch ein weiterer Tisch stand und ein paar Sitzmöbel. Dann kam jedoch eine Person durch den Türrahmen, die offensichtlich darauf gewartet hatte, in Erscheinung zu treten.

Sie war nicht besonders groß – reichte Nat bestenfalls bis zu den Schultern –, was dem Umstand geschuldet war, dass es sich um eine junge Frau handelte. Nun hätte man eine Schwester der Trauer in dieser Situation erwarten können, doch diese Frau war ganz offensichtlich nicht aus der Schwesternschaft. Sie trug eine meisterhaft gearbeitete Kettenrüstung, die mitsamt dem zugehörigen Untergewand bis zur Mitte ihrer Oberschenkel reichte und an den Seiten leicht geschlitzt war, um die Bewegungsfreiheit der Beine nicht zu behindern, die in einer locker geschnittenen, bunt gemusterten Pluderhose steckten. Die Borten der Rüstung waren mit verziertem Leder verstärkt und mit Pelzbesatz geschmückt. Feine Goldverzierungen fanden sich auf dem Gürtel mit einer Schnalle in Form eines sagenhaften Vogels, der eine aufwändig verarbeitete Scheide für einen Krummsäbel trug, und auf ihren dunkelroten Stiefeln, die allein sicherlich ein kleines Vermögen wert waren. Dieselben Verzierungen in Form von Blumen und Ranken fanden sich auch auf ihren Armschienen und den fingerlosen Handschuhen wieder, die das Rot ihrer Stiefel aufgriffen. Unter ihrem linken Arm trug sie einen Halbhelm mit einem Nasenschutz in Form eines von vorn gesehenen Pferdekopfes. Der Helm lief nach oben zu wie eine Zwiebelspitze der östlichen Tempel, und war neben einem Pelzbesatz am hinterem Saum, der mit Kettengewebe den Nacken schützte, auch noch mit einem prachtvollen Helmbusch aus Pferdehaar gekrönt. Die junge Frau war wie ein hochrangiger Krieger des Reitervolks der Batoraner aus dem Osten gekleidet, nur der Bogen fehlte – den sie sicherlich besaß, nur im Augenblick nicht bei sich trug. Ihre Gesichtszüge passten durchaus zu diesem Menschenvolk – etwas dunklere Haut, leicht mandelförmige Augen, dunkles Haar – doch die Iris der Augen selbst war wie klarer, himmelblauer Kristall. Sie musste eine Mutter westlicher oder gar nördlicher Abstammung haben. Er hatte es definitiv mit einer außergewöhnlichen Person zu tun.

„Wenn ich vorstellen darf: Dies ist Zhanna, Tochter des Bator. Sie ist kurz vor Euch bei mir erschienen, und behauptet, eine Vision des Tausendfachen habe sie hierher geführt, um uns beizustehen,“ sagte der Richter mit einer tiefen Verbeugung der jungen Frau gegenüber, wie sie nur den fürstlichen Familien vorbehalten war.

Nat zog beide Augenbrauen hoch in seiner Verwunderung. Man hatte zwar schon seit Jahrhunderten Frieden mit den Menschen des Ostens, die eine Myriade fremder Götter anbeteten und vor langer Zeit einmal erbitterte Feinde des Westens gewesen waren, aber noch nie hatte er davon gehört, dass ein Gläubiger dieser Götter von eben diesen den Ungläubigen zu Hilfe geschickt wurde. Kamen etwa erneut interessante Zeiten auf sie zu?

Trotz seiner Verwunderung war er seiner Manieren sicher, verbeugte sich mit vor der Brust übereinander gelegten Händen, wie es im Osten Sitte war, und stellte sich vor: „Dämonenjäger Nat, zu Euren Diensten.“

Dann sah er zum Richter und nahm ihn kurz zur Seite, wobei er leise tuschelte: „Ihr wollt tatsächlich, dass ich die Tochter des Bator zu den Schwestern der Trauer führe? Das könnte möglicherweise zu allerhand Missverständnissen führen.“

Der Richter verzog keine Miene und antwortete ebenso leise und sehr gehetzt: „Es ist ihr ausdrücklicher Wunsch, an dieser Angelegenheit beteiligt zu sein, und ich werde nicht derjenige sein, der unserem Fürsten erklären muss, dass wir den hohen Bator erzürnt haben.“

Die junge Frau grinste: „Werter Dämonenjäger, Ihr braucht Euch nicht um mich zu sorgen. Ich bin die Tochter meines Vaters und ich kann gut auf mich selbst aufpassen. Es ist vielmehr so, dass Ihr meine Hilfe brauchen werdet gegen die unheiligen Teleram, die einst mein Volk verderben wollten, aber dank der Götter an ihrem Vorhaben scheiterten. Ihr werdet eine Frau wie mich brauchen, und darum haben mich die Götter zu Euch geschickt. Sie wollen die Brut noch immer vom Angesicht der Welt tilgen, und selbst Euer Unglaube wird sie nicht davon abhalten. Ich bin ihre heilige Waffe.“

Nat hielt für einen Moment den Atem an. Der Glaube und der starke Wille dieser Frau erstrahlten vor seinem geistigen Auge wie ein Leuchtfeuer in Form eines flammenden Schwertes. Das Reitervolk, das einst zu den Stämmen des Südens gehörte, hatte schon vor Generation seinem alten Glauben an ihren einen blendend strahlenden Gott aus Licht und Feuer, dessen Bildnisse verboten und dessen Name nicht genannt werden durfte, abgeschworen, und hatten stattdessen den Glauben derjenigen angenommen, die sie damals erobert hatten. Das Schicksal nahm hin und wieder seltsame Wendungen. Umso seltsamer war es nun, eine Frau zu sehen, die sich als heilige Waffe bezeichnete und deren Seele mit heiligem Feuer brannte, wo die Stämme des Südens eine Frau lieber durch die Flammen töteten als ihr eine Waffe zu geben. Doch er war auch erleichtert über ihre Wortwahl. Wenn diese Frau auch nur ahnen würde, wie ungläubig er wirklich war, dann hätte sie vermutlich ihn anstelle der Dämonen niedergestreckt. Nat würde sie am liebsten von sich weisen – doch der Richter hatte zu seinem Leidwesen vollkommen recht. Er und seine Gefährten würden eine Frau wie sie brauchen, wenn sie den Verführerinnen gegenüber stehen würden. Der Fluch des Fleisches war nicht von der Hand zu weisen. Selbst Männer, die ihren geliebten Ehefrauen treu ergeben waren, waren diesen Dämonenweibern schutzlos ausgeliefert. Und sogar der überragenden Selbstbeherrschung eines Dämonenjägers verlangten die Dämonen manchmal mehr ab als diese es ertragen konnten. Nat würde seine Zunge in Zhannas Gegenwart hüten müssen, aber er würde nicht umhin kommen, sie mit auf diese Mission zu nehmen.

Also stimmte er Zhanna zu, in Verbindung mit einer höflichen, halben Verbeugung, um seine Ehrerbietung noch zu verstärken: „Es wäre mir eine Ehre, mit Euch gemeinsam die Waffen gegen diese unheilige Brut zu führen, zu Ehren Eurer Götter und meiner.“

Der Richter lächelte süffisant: „Damit ist alles gesagt. Ich wünsche Euch viel Glück. Mögen die Götter Euch segnen. Kehrt siegreich zurück und die Stadt wird euch selbstverständlich angemessen entlohnen.“

Zhanna schüttelte ihre dunkle Mähne wie ein ungestümes Pferd: „Eine Belohnung kann ich nicht annehmen, werter Richter. Mir genügt es, genug Proviant für mich und mein Ross zu erhalten für den Heimweg.“