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Gegen Ende des 18. Jahrhunderts lebt eine junge Frau mit ihrem Vater in einer kleinen Stadt. Der angesehene Arzt hat seiner Tochter alles beigebracht, was sie als Heilerin und Hebamme wissen muss. Bald wird Cornelia sowohl vom Landesherrn als auch Härlingers größtem Konkurrenten begehrt. Von ihrem Vater so erzogen, dass sie immer ihre Meinung frei äußert, lehnt Cornelia beide Angebote ab. Als eine Reihe von Unglücksfällen das Fürstentum heimsucht, ist es der machtbesessene Bischof, der dringend ein Exempel statuieren will, um Ruhe und Ordnung wiederherzustellen. Die Heilerin, die inzwischen Vater und Ehemann verloren hat und ohne männlichen Schutz dasteht, wird zum Spielball der Mächtigen. Die Handlung und alle Personen sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder realen Personen ist rein zufällig und nicht beabsichtigt. Die Orte im Roman dagegen wurden von tatsächlich existierenden Orten inspiriert.
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Seitenzahl: 499
Veröffentlichungsjahr: 2025
Die Hexenmacher von Gronitz
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Die Hexenmacher von Gronitz
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Gegen Ende des 18. Jahrhunderts lebt eine junge Frau mit ihrem Vater in einer kleinen Stadt. Der angesehene Arzt hat seiner Tochter alles beigebracht, was sie als Heilerin und Hebamme wissen muss. Bald wird Cornelia sowohl vom Landesherrn als auch Härlingers größtem Konkurrenten begehrt. Von ihrem Vater so erzogen, dass sie immer ihre Meinung frei äußert, lehnt Cornelia beide Angebote ab. Als eine Reihe von Unglücksfällen das Fürstentum heimsucht, ist es der machtbesessene Bischof, der dringend ein Exempel statuieren will, um Ruhe und Ordnung wiederherzustellen. Die Heilerin, die inzwi-schen Vater und Ehemann verloren hat und ohne männlichen Schutz dasteht, wird zum Spielball der Mächtigen.
Die Handlung und alle Personen sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder realen Personen ist rein zufäl-lig und nicht beabsichtigt. Die Orte im Roman dagegen wurden von tatsächlich existierenden Orten inspiriert.
Paula Rahm-Roth wurde in Greiz, der „Perle im Vogtland“ geboren. Heute lebt sie mit ihrer Familie in der Nähe von Kaiserslautern. Sie schreibt Geschichten, Erzählungen und überwiegend Theaterstücke. „Die Hexenmacher von Gronitz“ ist ihr erster Roman.
Paula Rahm-Roth
© „Die Hexenmacher von Gronitz“
2025
Umschlag und Satz: Paula Rahm-Roth
Druck und Distribution im Auftrag der Autorin:
tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig. Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag der Autorin, zu erreichen unter: Paula Rahm-Roth, Hauptstraße 44, D-67737 Olsbrücken.
Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung: [email protected]
ISBN 978-3-384-65432-8
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Personenverzeichnis
Gräfin Amalie von Schönfeldt, Cousine des Bischofs Grete, Zofe von Amalia
Joseph, Reichenbachs Kammerdiener
Thomas von Anguria – Leibarzt von Fürst und Bischof Gräfin Isabella von Tryfels
Graf Raymond von Tryfels, Isabellas Sohn
Gernot, Schlossknecht
Arndt, Kutscher
Hanne, Küchenmagd
Heinrich Baldauf, Folterknecht
Simon Kettner, Folterknecht
Erdmuthe, Magd
Tilda, Magd
Gotthilf, Diener
Eusebius, Diener
Gregor, Botenjunge
Mägde
Diener
Torwächter Schloss
Rasmus, Oberst der Fürstlichen Garde
Stadt und Umgebung Gronitz
Arnold, alter Mann aus der Teichgasse
Brunhilde, Putzfrau in Stadtwache
Hannes Dick, Leinweber
Elisabeth, Magdas Tochter
Ernst, Zimmermann
Johannes Decker, Härlingers Gehilfe
Anna Reichert, Bauernkind
Barbara Reichert, Bäuerin
Friedrich Reichert, Bauernkind
Lukas Reichert, Bauernkind
Matthes Reichert, Bauer auf Gut Rosenthal
Sebastian Reichert, Bauernkind
Wenzel Hamann, Hannes' Knecht
Gottlieb, Zimmermann
Gunhilde, Geflügelhändlerin
Agathe Höfer, Hannes' Magd
Reinhard Kröscher, Goldschmied
Wilhelm Krüger, Schuhmacher
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Edmund Lorenz, Apotheker
Gerhard, Obsthändler
Magda, Elisabeths Mutter
Karoline, Magd des Bürgermeisters
Agnes, Magd des Bürgermeisters
Cornelia Härlinger, Heilerin, Hebamme
Sebaldus Härlinger, Arzt, Cornelias Vater
Marie, Cornelias Tochter
David Seibt, Priester von Rosenthal
Rosmaria, alte Frau aus Gronitz
Hermann Neuhardt, Stellmacher
Kilian Will, Leinweber
Wolfhart, Lorenz' Gehilfe
Christian Wollschläger, Färber
Anton Brückner, Wirt „Herberge am Schwarzen Sumpf“ Albert Heckel, Wirt „Zum Goldenen Ochsen“ Karl Heckel, Wirtssohn
Selma, Schankmagd
Theodora, Schankmagd
Tamme Hoffmann, Wirt „Ratskeller“
Bote
alter Leinweber
Gehilfe des Torwächters
leprakranke Frau
Berthold, Nachtwächter
Torwächter
Turmwächter
Frau des Bürgermeisters
Bürgermeister, Ratsherren, Bedienstete der Stadt Dr. Andreas Brinkhaus, Bürgermeister
Hubertus Ackermann, Ratsherr, Wollfabrikant Michael Bachmann, Ratsherr
Adam Haubold, Ratsherr, Tuchhändler
Jakob Bamberger, Ratsherr, Fuhrunternehmer Joachim Neumann, Ratsherr
Thilo Schwabe, Ratsherr, Gewürzhändler
Stephan Vetterlein, Ratsherr, Fuhrunternehmer Philipp Männel – Ratsherr, Tuchfabrikant Reginald von Hohenfels – Protokollant, Stadtsekretär Konrad von Weißenborn – Stadtkämmerer Georg von Autal – Königlicher Hofrichter
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Melchior Klein – Städtischer Kerkermeister Otto – Stadtwache
Gundolf, Stadtwache
Ansgar, Hauptmann der Stadtwache
Anselm, Totengräber
Caspar Fritsche, Stadtpfarrer
August Habel, Marktmeister
Hans, Gehilfe des Totengräbers
Kloster der Heiligen Anna
Schwester Angelika, Nonne
Schwester Eusebia, Nonne
Schwester Gerlinde, Oberin
Diethilde, Novizin
Kloster der Barmherzigen Brüder
Bernwart von Kalckstein, Abt
Karolus von Alsenberg, Mönch
Laurus, Mönch
Elmar, Novize
Südamerika
Don Ricardo/Richard Fürst von Kronenberg Doña Isabella
Don Frederico/Friedrich
Doña Carlotta/Charlotte
Mama Inez, Köchin
Rosalia, Küchenhilfe
Ramon, Kutscher
Carmen, Kindermädchen
Doña Manuela
Don Alberto
Sonstige Personen
Jost Wagner, Abdecker
Gesche Wagner, seine Frau
Ludwig Wagner, Sohn
Salvatore Tonelli, Zirkusdirektor
Francesca Tonelli, seine Frau
Vittoria Tonelli, Tochter
Lorenzo Ferrotti, Kardinal im Vatikan
Spion des Vatikans
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Berthold
Schweizergardist
Ablassprediger
alter betrunkener Mann
Wanderer
Meister Pavel, Scharfrichter
Halina, Frau des Scharfrichters
Walpurgis, Hebamme
Mechthild, Herberge „Zur fetten Gans“
Martha, Herberge „Zur fetten Gans“ Wirt Herberge „Zur fetten Gans“
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Die Ausläufer des Mittelgebirges schienen im Dunst mit dem Horizont zu verschmelzen. Dunkelgrüne Flecken kündeten von Wäldern, die so riesig waren, dass man befürchten musste, nie wieder hinauszufinden. Im Frühling und im Herbst lagen die Felder unter dunkelbrauner schwerer Erde. Die Winter waren lang und streng mit Eis und Schnee oft von Oktober bis März.
Am Fuße der Gebirgskette hatten sich im Laufe der Jahrhunderte Men-schen angesiedelt. Aus kleinen Marktflecken wurden Dörfer, aus Dörfern wurden Städte, aus Städten wurden Länder. Jedes von ihnen war von einer Grenze umgeben, der Wechsel in ein anderes Terri-torium wurde an den Übergängen streng kontrolliert. Es waren viele Kleinstaaten, die ihre eigenen Gesetze, ihre eigene Politik und sogar ihre eigenen Währungen hatten. Jeder schielte auf seine Nachbarn und neidete ihnen das, was es im eigenen Land nicht gab, so dass krie-gerische Auseinandersetzungen an der Tagesordnung waren.
Eines dieser Länder war Gronitz. Die gleichnamige Hauptstadt lag ein-gebettet im Tal der Welster, die die Stadt wie ein blaues Band teilte. Eine zehn Fuß breite Mauer umschloss den Ort und bot Schutz und Sicherheit. Durch das Südtor gelangte man direkt auf die Haupt-brücke, die über die Welster zum Marktplatz führte und so breit war, dass zwei Wagen darauf bequem nebeneinander fahren konnten. Die Brücke war aus dicken Eichenbohlen gezimmert, von denen jede einzelne von zehn starken Männern an die richtige Stelle gebracht und eingebaut worden war. Ein Geländer schützte vor dem Herunterfallen und war im Laufe der Jahre von den Händen der Fußgänger blank gerieben worden.
Durch das östliche Tor kamen die Handwerker, Weber und Händler zu Fuß in die Stadt. Auch dieses Tor wurde abends geschlossen. Die Straße führte direkt in die Wälder des Fürsten, vorbei an kleinen Dör-fern und endete an seinem Waldschloss.
Das Nordtor hingegen wurde von den meisten Menschen gemieden und war den Neulingen der Stadtwache vorbehalten. Manch einer, der leichtsinnig dort hinausgegangen war, kehrte nie wieder zurück. Hinter dem Sumpf schloss sich ein Wald an, der in seiner Düsternis und Bedrohlichkeit das ganze Gegenteil von den lichtdurchfluteten Wäldern des Fürsten war. Hohe Fichten ließen keinen Sonnenstrahl bis auf den Waldboden durchdringen. Pfade, die so schmal waren, dass nur ein Mann darauf gehen konnte, führten steil bergan zu einem Felsen, der die Bäume überragte. Wenn die Sonne unterging und ihre
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letzten Strahlen auf den Stein fielen, schimmerte er feuerrot. Dann erzählten die Leute flüsternd, dass Luzifer gekommen sei, um auf sei-ner Teufelskanzel eine Schwarze Messe zu feiern und sich dafür Kinder holte.
Doch so furchteinflößend die Gegend auch zu sein schien - es gab Men-schen, die sich hier sicher und geborgen fühlten. Die „Herberge am Schwarzen Sumpf“ war nicht nur ein heruntergekommenes Wirtshaus für die Armen, die sich kein Bier im „Goldenen Ochsen“ oder gar im „Ratskeller“ leisten konnten, sondern hauptsächlich Quartier der zahl-reichen Schmuggler, Gesetzlosen und all jener, die es mit Recht und Ordnung nicht so genau nahmen.
Im Laufe der Zeit hatte sich Gronitz zu einer lebendigen Stadt ent-wickelt. Fast alle Gassen führten zum Marktplatz. Hier wohnten in den großen Häusern einige der angesehenen Bürger: ein Arzt, Ratsherren, Geschäftsleute. Ein Brunnen, der mitten auf dem Platz stand, spendete aus vier Rohren frisches Quellwasser und war ein beliebter Treffpunkt. Das Rathaus war erst vor drei Jahren um ein weiteres Stockwerk und einen kleinen Turm erweitert worden.
Je weiter die Gassen vom Marktplatz wegführten, desto einfacher wur-den die Behausungen. Stein wich Holz, Schieferdächer wurden von Strohdächern abgelöst.
Mitten im Ort erhob sich ein gewaltiger Hügel, auf dem majestätisch ein Schloss thronte. Über einen Kilometer waren die dicken Mauern lang. Es gab nur einen einzigen Zugang, der streng bewacht wurde. Orlando, Fürst von Kronenberg, bewohnte den gesamten Ostflügel, von dessen Fenstern aus er sowohl auf die Stadt als auch auf seinen ge-liebten Park blickte. Direkt neben dem Schlafgemach hatte der Fürst ein Studierzimmer eingerichtet, denn wann immer es ihm die Regie-rungsgeschäfte und die gesellschaftlichen Verpflichtungen erlaubten, befasste er sich mit den modernen Wissenschaften. Im Westflügel residierte Bischof Nikolaus, wenn er nicht auf seinem eigenen Besitz auf der Wiesenburg weilte.
Eine große Küche, ein Kräutergarten, Brunnen, Pferdeställe, Vorrats-kammern und zahlreiche Zimmer für die vielen Bediensteten ließen das Schloss zu Gronitz wie eine eigene Stadt erscheinen. An den steilen Berg schmiegten sich kleine Hütten. Hier wohnten die Mägde und Knechte, die seinen Park versorgten. Dieser Park war über die Landesgrenzen hinaus weit bekannt. Der Urgroßvater des jetzigen Herrschers hatte von seinen fernen Reisen zahlreiche exotische Pflan-zen und Bäume mitgebracht, die von den Gästen des Fürsten immer wieder bewundert wurden.
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Die Gronitzer bewiesen seit Ewigkeiten großes Geschick bei der Her-stellung von Stoffen. Die Leinweberei war ein einträgliches Geschäft, und fast überall in der Stadt war das Klappern der Handwebstühle zu hören. Entlang der Welster entstanden immer mehr Färbereien, die mit Pflanzenfarben den begehrten Stoffen ihre Schönheit gaben.
Vor der Stadt lagen zahlreiche Dörfer. Die Bauern bewirtschafteten die Wiesen und lieferten Gras und Heu für die Pferde des Fürsten. Für ihr einfaches Leben hielten sie sich eine oder zwei Ziegen und ein paar Hühner. In jeder Hütte gab es nur einen großen Raum. Eine offene Feuerstelle nahm eine Wand fast vollständig ein. Bei den meisten Bauern stand in der Mitte der Stube ein Tisch. Die meist hölzernen Schüsseln und Löffel wurden in einer großen Truhe aufbewahrt, die gleichzeitig als Bank diente. Über eine schmale Stiege gelangte man nach oben. Unter dem Strohdach schlief die ganze Familie, nach Anzahl der Kinder mehr oder weniger beengt. Hatte man Kleidung zum Wechseln, so wurde auch diese in einer Truhe aufbewahrt und sorgfältig gehütet.
So lebte und arbeitete man in Gronitz in geruhsamer Beschaulichkeit. Alles Böse schien weit weg zu sein.
Und doch ließ sich das Unheil gegen Ende des 18. Jahrhunderts nicht aufhalten.
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MDCCLXXXVII
Nicht weil es schwer ist, wagen wir es nicht,
sondern weil wir es nicht wagen, ist es schwer.
Seneca
Cornelia schloss die Tür der Hütte des Bauern Reichert hinter sich und lehnte sich schwer atmend gegen das rissige Holz. Nur ein paar Meter entfernt rauschte die Welster, auf der Eisbrocken trieben. Der Fluss wirkte dunkel und bedrohlich, die Stromschnellen unheilverkündend. Ein eisiger Wind stach wie tausend Nadeln auf der Haut. Die junge Frau zog den Umhang aus dicker brauner Wolle fester um sich. Sie war hochgewachsen und schlank mit Rundungen an den richtigen Stellen. In Gronitz gab es so manchen Burschen, der sie gern zum Altar geführt hätte, aber bisher hatte es niemand geschafft, ihr Herz zu erobern. Von ihrem Vater, einem angesehenen Arzt, hatte sie viel über Kräuter und Pflanzenheilkunde gelernt, und dieses Wissen brachte ihr nicht nur die Achtung der einfachen Menschen ein, sondern auch die des Fürsten. Die Frauen schätzten Cornelia als Hebamme. Zwar stand ihr der Vater bei medizinischen Fragen zur Seite, aber einem Kind auf die Welt zu helfen war ihm als Mann verboten.
Eine Leidenschaft der jungen Frau war die Astronomie. Cornelia in-teressierte sich für die Sterne und die Planeten, die Jahreszeiten, den Kreislauf der Natur und alles, was in der neuen Zeit nicht mehr tot-geschwiegen wurde. Oft stand sie abends am Fenster, den Blick in den Nachthimmel gerichtet und vor sich auf der Fensterbank ein Blatt Papier, auf dem sie ihre Beobachtungen notierte.
Die Sonne war verschwunden. Der Himmel hatte sich mit tiefhän-genden grauen Wolken bezogen, die neuen Schnee bringen würden.
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Vor Cornelias Augen begann alles zu verschwimmen. Es waren Tränen der Trauer und Hilflosigkeit und Tränen der Wut über ihr eigenes Versagen. Heute war sie ganz sicher zum letzten Mal bei dem kleinen Sebastian gewesen. Der jüngste Sohn des Bauern Reichert litt seit Wochen an einem schweren Husten. Sämtliche Kräuter und Tinkturen hatten nur vorübergehende Linderung gebracht. Die Hustenanfälle waren immer stärker geworden, und seit der Kleine Blut spuckte, wusste die Frau, dass es keine Hoffnung mehr gab. Sebastian war inzwischen so schwach, dass er sich nicht einmal mehr auf seiner Liegestatt aufrichten konnte. Leise hatte die Heilerin Friedrich, den ältesten Sohn der Reicherts, gebeten, den Priester von Gut Rosenthal mit dem geweihten Öl zu holen.
Cornelia atmete tief durch, wischte sich die Tränen ab und ging zurück in die Hütte. Drinnen war es genauso eisig wie draußen. Der Atem stieg als weiße Wolken auf. Eine Kerze erhellte den winzigen Raum mit ihrem flackernden Licht. Das Fenster waren mit Brettern vernagelt, um die Kälte etwas auszusperren. Dieser Winter war früher hereinge-brochen als in anderen Jahren. Jetzt, Ende Jänner, wurden die Vorräte knapp. Mehl, Hirse, getrocknetes Fleisch, Brennholz – all das schmolz so schnell dahin wie Schnee in der Frühlingssonne. Der Raum war völlig leer. Alles, was aus Holz war, hatten die armen Leute verbrannt. Nur die geschnitzten Löffel und eine große Schüssel waren übriggeblieben. In der Ecke meckerte die Ziege leise vor sich hin. Das Tier war bis auf die Rippen abgemagert und gab schon lange keine Milch mehr.
Matthes und seine Frau Barbara standen an der Wand und starrten auf den Fußboden.
Sebastian lag auf seinem Strohsack. Kaum merklich hob und senkte sich seine Brust. Die sechsjährige Anna und ihr zwei Jahre älterer Bru-der Lukas saßen neben dem Kleinen. Cornelia tupfte den Fieber-schweiß von der Stirn des Kindes und befeuchtete seine Lippen mit ge-schmolzenem Schnee.
„Muss Sebastian wirklich sterben?“ Lukas sah die Heilerin mit großen Augen an. „Wenn er stirbt, geht er dann dorthin, wo es schön ist?“ „Ja“, sagte Cornelia. „Dein Bruder wird seinen Platz im Paradies ein-nehmen.“
Die Bäuerin schluchzte leise.
„Sei still, Frau“, brummte Matthes. „Der Sebastian, der hat das Elend auf dieser Welt bald hinter sich.“ Mit Schwung flog die Tür der Hütte auf. „Seid gegrüßt, ihr braven Leute.“ Das Gesicht des Priesters war vom Winterwind gerötet, der
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Bart glänzte fettig. Friedrich hatte ihn beim Essen gestört. „Wo ist der Kranke?“
Cornelia trat zur Seite. Der Geistliche holte aus seinem Gewand eine kleine Flasche und trug mit hastigen Bewegungen das heilige Öl auf Stirn und Wangen des Jungen auf. Dazu murmelte er ein paar unver-ständliche lateinische Worte, verschloss die Flasche mit dem Öl und schob sie zurück in seine Tasche. „Ihr braven Leute habt alles getan, was in eurer Macht stand“, sagte er. „Doch jetzt, da es dem All-mächtigen gefällt, dieses unschuldige Kind zu sich zu rufen, müssen wir uns dem Willen des Herrn beugen.“ Auffordernd hielt er die Hand auf. Cornelia zog unter ihrem Umhang einen kleinen Lederbeutel hervor und legte drei Kreuzer in die Hand des Priesters. „Ich danke Euch für Eure Mühe, an einem solch unge-mütlichen Tag den beschwerlichen Weg hierher auf Euch zu nehmen.“ „Ja, ja, man tut, was man kann“, murmelte Seibt. Er warf einen letzten scheuen Blick auf die Familie und verließ die Hütte, um zurück zu sei-ner Gänsekeule zu eilen.
Cornelia tastete nach Sebastians Puls. Das kleine Herz hatte aufgehört zu schlagen.
„Morgen früh schicke ich Johannes“, sagte sie leise. „Er mag euch bei den Vorbereitungen für die Beerdigung behilflich sein.“ Friedrich, Anna und Lukas weinten still vor sich hin. Schließlich brach Bauer Reichert das Schweigen. „Habt Dank für alles.“ Cornelia nahm ihre Tasche und machte sich auf den Heimweg. Rosa-farbene Wolken kündeten eine weitere eisige Nacht an. In der Däm-merung, die jetzt rasch hereinbrach, verschwanden Umrisse und Kon-turen, wurde Vertrautes plötzlich fremd und bedrohlich. Bald hatte sie das südliche Stadttor erreicht. Kräftig schlug sie mit dem eisernen Riegel gegen das Holz.
„Wer ist da?“ fragte der Torwächter.
„Cornelia, des Meister Härlinger Tochter.“ Der Alte trat aus seiner Stube und leuchtete Cornelia mit einer Laterne ins Gesicht. „Wo kommt Ihr zu dieser späten Stunde her?“ „Ich war beim Bauern Reichert. Sein jüngster Sohn ist von uns gegan-gen.“
Ohne ein weiteres Wort öffnete der Wächter den Eingang und ließ die Frau in die Stadt. Er schlug das Tor zu, legte den schweren Riegel vor und schlurfte zurück in die Wachstube. „Es ist so kalt, dass einem der Rotz an der Nasenspitze gefriert“, sagte er zu seinem Gehilfen. „Bete, dass niemand mehr in die Stadt rein oder raus will und wir hier am Ofen sitzenbleiben können.“
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Mitte März begann der Winter endlich dem Frühling zu weichen. Die Sonne stieg jeden Tag höher und gewann an Kraft. Von den Dächern tropfte es. Der Schnee in den Gassen schmolz zu schmutzigen Haufen zusammen. Überall erwachte die Natur. Die ersten Blumen blühten, und an den Bäumen zeigten sich grüne Triebspitzen. Über Gronitz lag eine Heiterkeit, die selbst dem schlechtgelauntesten Menschen ein klei-nes Lächeln entlockte.
Cornelia stieß die hölzernen Fensterläden auf und atmete tief die wür-zige Luft ein. Härlingers Haus war eines der größten und schönsten am Marktplatz. Eine Durchfahrt führte in einen Innenhof, der von einer Scheune und dem Ziegenstall auf der einen und dem Wohnhaus auf der anderen Seite begrenzt wurde. Das Dach war mit Schiefer gedeckt und glänzte in der Sonne wie schwarzer Lack. An den Hof schloss sich ein kleiner Garten an, in dem das Gemüse für die Küche wuchs. Der Blick aus den Fenstern der Studierstube ging direkt auf den Marktplatz und zum Rathaus. Dieser Raum, in dem sich bis unter die Decke Bücher und Schriftrollen stapelten, war der Lieblingsplatz von Vater und Tochter. Ein Schreibpult war mit den feinsten Papieren und den besten Federn ausgestattet. Hier schrieb der Arzt seine Rezepte nieder, hier fertigte Cornelia und Härlingers Gehilfe Abschriften an oder zeichneten Blüten von Heilpflanzen.
Jetzt sah die junge Frau belustigt zu, wie auf dem Marktplatz die Händlerinnen und Händler mit ihren Kunden stritten. „Ich sage dir, das sind die besten Hühner“, rief die alte Gunhilde und schwenkte eine weiße Henne an den Füßen durch die Luft. „Im ganzen Land findest du nichts Besseres.“
„Das Vieh ist so mager, dass man es nicht einmal rupfen kann“, schimpfte Gernot, ein vierschrötiger Knecht, der jeden Tag die Ein-käufe für die Küche des Fürsten besorgte. „Du Halsabschneiderin solltest dich schämen.“
Gunhilde tat beleidigt. „Du musst ja dieses wunderbare, gut gewach-sene fette Huhn nicht kaufen. Aber wie du Fürst Orlando erklärst, warum er vor einem leeren Teller sitzt, das möchte ich gern hören.“ „Gib schon her!“ Gernot griff nach dem Huhn und stopfte es in seinen Korb. „Hier hast du einen Kreuzer. Mehr ist das Vieh nicht wert.“ Gunhilde ließ das Geld in ihrer Rocktasche verschwinden und schenk-te Gernot ein zahnloses Lächeln. „Verbindlichsten Dank. Es freut mich immer wieder, mit dir Geschäfte zu machen.“ Der Knecht brummte etwas in seinen Bart und ging zum Bäcker, um mit ihm über ein Brot zu feilschen.
Gunhilde schob mit einer Handbewegung eine Haarsträhne hinter ihr Ohr und griff sich das nächste Huhn. „Fettes Federvieh, gut gewach-
16 sen, ein Gaumenschmaus für jeden Tisch“, plärrte sie über den Markt-platz.
Noch immer stand Cornelia am Fenster und hatte Mühe, sich das Lachen zu verbeißen. Es war stadtbekannt, dass Gunhilde und Gernot einander hassten wie die Pest, aber trotzdem nicht voneinander lassen konnten. Als sich die Händlerin vor einem Jahr mit dem Messer in die Hand geschnitten hatte, hatte Gernot die Frau kurzerhand auf die Ar-me genommen, in Meister Härlingers Praxis gebracht und mitten auf den Behandlungstisch gesetzt.
Sebaldus Härlinger war in dem kleinen Ort ein angesehener Arzt. Nach dem Studium der Medizin an einer Universität mit ausge-zeichnetem Ruf hatte er als Feldarzt im Krieg so viel Leid und Elend gesehen, wie er sich nie hätte vorstellen können. Als endlich Frieden herrschte, war er ohne Umwege nach Gronitz zurückgekehrt, hatte seine Praxis eröffnet und geheiratet. Im darauffolgenden Jahr kam Cornelia zur Welt. Die Praxis lief gut; das Haus am Marktplatz wurde größer und schöner.
Doch das Glück sollte nicht lange währen. Als Cornelia vier Jahre alt war, starb ihre Mutter bei einer Fehlgeburt. Anders, als es sonst üblich war, gab Härlinger seine Tochter nicht in ein Kloster, sondern über-nahm ihre Erziehung selbst.
Ein mit Holz beladener Wagen rumpelte über das Kopfsteinpflaster und bog in die Gasse ein, die zum Schloss führte. Die Heilerin wandte sich vom Fenster ab. Auf sie wartete Arbeit. In einer Vase auf dem Tisch standen die ersten Kräuter des Jahres. Vorsichtig zupfte Cor-nelia einen Stängel Huflattich heraus und legte ihn auf den Tisch. Aus dem Schreibpult nahm sie einen Bogen Papier und eine Feder. Sie woll-te die Blüte detailgetreu zeichnen und der umfangreichen Sammlung von Kräutern und Heilpflanzen hinzufügen. Gerade setzte sie zum ersten Strich an, als sie hörte, dass eine Kutsche vor dem Haus hielt. „Vater!“ Mit einem Freudenschrei fiel Cornelia dem älteren Mann um den Hals. „Vater! Welche Freude, Euch zu sehen. Ich hatte Euch erst im nächsten Monat zurückerwartet. Erzählt! Wie waren die Dispute mit den Gelehrten? Habt Ihr die Kunstwerke Michelangelos gesehen? Und Berninis? Und...“
„Cornelia!“ Lachend befreite sich Härlinger aus der Umarmung seiner Tochter. „Ich war über vier Monate fort. Jetzt lass mich doch erst ein-mal wieder zu Hause ankommen. Stell die Sachen dort an der Hauswand ab“, wies er den Fuhrknecht an, der große Körbe in der Hand trug.
„Ist recht, Meister Härlinger.“
„Hier, für deine Mühe.“
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„Dank Euch, Meister.“ Zufrieden sah der Knecht auf den Taler in seiner Hand. Er stieg auf den Kutschbock, griff nach den Zügeln und schnalzte mit der Zunge.
„Vater! Ich kann es noch gar nicht fassen, dass Ihr zurück seid. Ihr müsst mir alles, aber wirklich alles erzählen.“ Härlinger schob seine Tochter in das Studierzimmer. „Zum Erzählen haben wir später viel Zeit. Jetzt möchte ich dir etwas geben. Es ist ein Geschenk von Signore Cappuletti.“
„Ihr habt Signore Cappuletti getroffen?“ Cornelias Augen wurden groß wie Untertassen. „DEN Signore Cappuletti?“ „Ja. Ich habe ihn nicht nur getroffen, sondern ich habe sogar mit ihm in seinem Landhaus bei Florenz gespeist“, erklärte Härlinger stolz. „Das hier hat er mir für dich mitgegeben. Mit den besten Grüßen an die bezaubernde Signorina Cornelia.“ Vorsichtig holte er aus der le-dernen Umhängetasche eine lange schmale Schachtel und reichte sie seiner Tochter.
„Aber Signore Cappuletti kennt mich doch gar nicht.“ „Ich habe ihm ein Bild von dir gezeigt“, schmunzelte Härlinger. Aufgeregt öffnete Cornelia das Geschenk. „Oh!“ Mit leuchtenden Au-gen betrachtete sie das mit Messing und Ebenholz verzierte Fernrohr. „Es ist wunderschön. Ich werde noch heute Signore Cappuletti schrei-ben und ihm meinen Dank übermitteln.“
„Tu das, mein Kind. Der alte Gauner wird sich über eine Nachricht von dir sicher freuen. Doch jetzt mach bitte deinem alten Vater etwas zu essen. Ich komme vor Hunger fast um.“
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Tief versteckt in den Wäldern lag das Kloster der Barmherzigen Brüder. Durch das zweiflügelige Tor gelangte man zuerst in einen Gar-ten. An der rechten Mauer standen Reihen von Apfel- und Birn-bäumen. Im Frühling waren die rohen Mauersteine nicht mehr zu sehen hinter den rosa und weißen Blütenwolken. Im Herbst trugen die Bäume so viele Früchte, dass die Äste zu brechen drohten. Die Luft war erfüllt vom Summen der Bienen, denn der Honig aus den zahl-reichen Bienenstöcken war weit über die Landesgrenzen hinaus be-gehrt und bildete eine der Einnahmequellen des Klosters. Mehrmals am Tag rief die Glocke zum Gebet. Im Kirchenschiff standen rechts und links des Mittelganges dunkle Bänke. Der Gang führte direkt zum Altar, der nichts anderes war als ein großer Steinblock, auf dem in vollendeter Steinmetzkunst der Leidensweg Jesus dargestellt war. Durch die hohen, buntverglasten Fenster fiel selbst im Sommer
18 nur wenig Licht, so dass die Klosterkirche in ihrer Dämmerung stets einschüchternd und bedrohlich wirkte.
Direkt von der Kirche aus führte der Kreuzgang zu den Wohnräumen der Mönche. Die Zellen waren karg eingerichtet und dienten aus-schließlich zum Schlafen.
Auf der rechten Seite des Klosters befand sich das Refektorium, wo an langen Tischen die einfachen Mahlzeiten eingenommen wurden. Über eine schmale Wendeltreppe aus Stein gelangte man in den oberen Teil des Hauses, in die Bibliothek. Nur vom Abt höchstpersönlich ausge-wählte Mönche hatten hier Zutritt, barg doch die Bibliothek jahrhun-dertealte Schriften über die Natur; Schriften, die niemals in die Öffent-lichkeit gelangen durften.
Die Mönche lebten zurückgezogen und besuchten nur einmal im Mo-nat den Markt in Gronitz, um Honig und andere Dinge, die die im Kloster hergestellt wurden, zu verkaufen.
Einer von ihnen war Karolus von Alsenberg, der jüngste Spross einer Adelsfamilie. Leider war Karolus mit den Regierungsmethoden seines Vaters nicht immer einverstanden gewesen, so dass ihn dieser kurzer-hand in das Kloster gesteckt hatte. Anfangs hatte sich der Junge heftig dagegen gewehrt, aber inzwischen fand er das Leben in seiner gleich-mäßigen Geruhsamkeit sehr angenehm. Da Karolus einer der we-nigen war, die die lateinische Sprache perfekt beherrschten, hatte ihn der Abt schon nach kurzer Zeit zum Bibliothekar ernannt. Die Bücher waren die besten Freunde des jungen Mannes. Er hütete sie wie sein Leben und wurde fuchsteufelswild, wenn er sah, dass einer der Ko-pisten nicht sorgfältig mit ihnen umging.
„Bruder Karolus!“ Die sonore Stimme erfüllte den ganzen Raum. Der junge Mönch sprang auf. Ein stechender Schmerz durchzuckte seinen linken Fuß. Bemüht, sich nichts anmerken zu lassen, neigte er demütig den Kopf. „Ehrwürdiger Abt!“
„In Gronitz ist Markt“, sagte der Abt. „Du gehst mit Bruder Laurus hin und bietest unseren Honig feil. Auch können wir gut einige gefloch-tene Körbe und tönerne Krüge verkaufen.“
„Natürlich, Ehrwürdiger Abt. Sollen wir etwas aus Gronitz mitbrin-gen?“
„Nein. Unsere Vorratskammern sind voll, wie ich mich selbst überzeu-gen konnte. Bringt Geld mit, um unsere Kasse aufzufüllen. Und nun geh und hilf Bruder Laurus.“
Karolus nickte. So schnell er konnte, lief er den Kreuzgang entlang zu den Ställen. Laurus und ein blutjunger Novize hatten die beiden Pfer-de schon vor den Wagen gespannt und waren dabei, gepressten Honig aufzuladen.
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„Ich weiß Besseres, als den ganzen Tag mit dir zu verbringen“, knurrte Laurus statt einer Begrüßung.
„Glaubst du, ich habe darum gebeten, mit dir auf den Markt fahren zu dürfen?“ Karolus war von der Vorstellung ebenso wenig begeistert, herrschte doch zwischen ihm und Laurus ein seit Jahren schwelender Konflikt, der auf unterschiedlichen Ansichten in Glaubensfragen be-ruhte. „Es ist eine Entscheidung des Ehrwürdigen Abtes, der weder du noch ich uns entziehen können. – Vorsicht!“ Im letzten Augenblick fing Karolus ein großes Stück Honig auf, das dem Novizen aus der Hand gerutscht war. Der Junge wurde rot und senkte beschämt den Kopf.
„So wirst du Gott niemals richtig dienen“, schimpfte Laurus. Das klei-ne Missgeschick war ihm gerade recht gekommen, um seinem Ärger Luft zu machen.
„Beruhige dich“, mischte sich Karolus ein. „Es ist doch gar nichts pas-siert.“
„Aber es hätte etwas passieren können!“ Wütend stapelte Laurus die geflochtenen Körbe ineinander.
Karolus zwinkerte dem Novizen zu. Ein zaghaftes Lächeln war die Antwort. „Binde alles gut fest“, sagte er. „Die Straße nach Gronitz ist schlecht, und wir wollen doch keine beschädigten oder kaputten Wa-ren verkaufen. Ich komme gleich zurück.“
„Wohin willst du noch, Bruder Karolus?“ rief Laurus. Er saß schon auf dem Kutschbock und hatte die Zügel in der Hand. „Mich plagt ein menschliches Bedürfnis“, erklärte Karolus. „Es wäre sehr freundlich von dir, wenn du auf mich warten würdest.“ Der andere brummte etwas Unverständliches. Mit gerunzelter Stirn sah er Karolus nach, wie er über den Hof und durch den Kreuzgang humpelte und schließlich hinter einer Tür verschwand.
Minuten später rumpelte der Wagen auf Gronitz zu. Karolus saß zwischen den Körben, zog die rechte Sandale aus und be-trachtete seinen schmerzenden Zeh. Der Nagel war von einer dicken Schicht Eiter umgeben. Jede noch so kleine Berührung schmerzte höllisch. Vorsichtig drückte der Mönch ein Stück Tuch auf den Zeh, zog die Sandale wieder an und stöhnte leise. Laurus drehte sich um. „Warum jammerst du?“ fragte er über die Schulter.
„Mein Zeh hat sich entzündet und schmerzt“, murmelte Karolus. „Seit Tagen kann ich nicht richtig laufen.“ „Na und?“ Laurus kannte Mitgefühl nur, wenn es um seine Person ging. „Wenn du Schmerzen hast, dann geh halt zum Arzt.“
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„Das werde ich auch tun“, brummte Karolus. Er zog die Kapuze seiner Kutte über den Kopf, schob die Hände in die Ärmel und versuchte, mit Gebeten den pochenden Schmerz zu lindern.
Durch die geschlossene Tür von Härlinger Schlafstube klang lautes Schnarchen. Leise ging Cornelia in die Küche, um die Morgensuppe zu kochen und ein Brot zu backen. Ein Lied summend, holte sie alle Zutaten aus der Speisekammer und begann, Karotten zu schaben. Es sollte eine kräftige Suppe mit Fleischfitzelchen werden. Das Stück Schweinebauch hatte sie schon gestern in einen Sud aus Essig und Senf eingelegt, um ihm einen ganz besonderen Geschmack zu geben. Im Herd knackte ein Holzscheit. Die Hitze war jetzt genau richtig. Vorsichtig schob Cornelia den Brotlaib in den Backofen. Dann stellte sie den Topf mit den Suppenzutaten auf den Herd. Schon nach kurzer Zeit erfüllte würziger Duft den Raum.
Der Tag brach an. Die ersten Webstühle begannen zu klappern. Entlang der Welster stiegen aus den Schonsteinen der Färbereien Rauchfahnen auf, wenn die Farbe für die Stoffe in riesigen Bottichen erhitzt wurde.
Das Brot war fertig. Cornelia zog es aus dem Backofen und legte es zum Abkühlen auf den Tisch. Den Topf mit der Suppe schob sie zur Seite, um ihn auf den gusseisernen Platten warm zu halten. Jetzt griff die Frau nach ihrem Korb und warf ein leichtes Tuch um die Schultern. Sie wollte die frühe Stunde nutzen, um Kräuter auf der großen Wiese vor dem westlichen Tor zu sammeln. Allmählich gingen ihre getrockneten Vorräte für Salben und Tinkturen zur Neige. Das Geräusch von Schritten ließ Cornelia aufhorchen. Über den Marktplatz rannte ein Junge. Vor dem Haus des Arztes blieb er stehen. „Willst du zu mir?“
„Seid Ihr die Heilerin?“
„Ja.“
Der Junge nickte erleichtert.
„Ich habe dich noch nie in Gronitz gesehen“, sagte Cornelia. „Ich bin Simon. Meine Schwester und ich leben erst seit letztem Monat hier. Ich bin Gärtnergehilfe bei Seiner Durchlaucht“, sagte der Junge. Nervös trampelte er auf der Stelle. Seine Haare standen verschwitzt nach allen Seiten ab. Über der rechten Augenbraue klaffte eine breite Wunde.
„Komm mit in das Behandlungszimmer“, sagte Cornelia. „Ich muss deine Wunde nähen, sonst hast du dein Leben lang eine Narbe.“ Simon schüttelte den Kopf. „Ich bin nicht wegen meiner Wunde hier, Meisterin. Erdmuthe, meine Schwester, braucht Hilfe. Sie… sie be-kommt ein Kind.“
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„Ich verstehe.“ Cornelia ging zurück ins Haus und holte die Tasche, die stets auf einem kleinen Tisch bereitstand und alles enthielt, was sie für die Geburtshilfe brauchte.
„Niemand weiß, dass Erdmuthe bei mir ist“, sagte Simon leise. „Das Kind... Es waren drei betrunkene Fuhrleute.“ „Und daraufhin hat man euch aus dem Dorf gejagt?“ „Ja. Unsere Eltern sind beide tot. Erdmuthe hat sich immer um mich gekümmert. Wenn das Kind da ist, wird sie es ins Kloster geben und wie ich um eine Anstellung bei Seiner Durchlaucht bitten.“ Inzwischen hatten sie die kleine Hütte am Schlossberg erreicht. Die Fenster waren winzig, aber mit Blumen geschmückt. Die Tür war weit geöffnet. Cornelia zog den Kopf ein, um sich nicht den Kopf an der niedrigen Zimmerdecke anzustoßen.
In der blitzblanken Stube lag auf dem Strohsack eine junge Frau. Eigentlich war es ein Mädchen, nicht älter als vierzehn Jahre. Das kreidebleiche Gesicht war von dicken Schweißtropfen bedeckt. Erd-muthe stöhnte und griff immer wieder nach ihrem Bauch. „Simon, geh hinaus und mach die Tür zu!“ befahl Cornelia. „Aber ich…“
„Tu, was ich dir gesagt habe! Warte vor dem Haus!“ Simon warf einen scheuen Blick auf seine Schwester. Gehorsam ging er hinaus, schloss die Tür und setzte sich voller Angst auf die Schwelle.
Das südliche Stadttor war wie an jedem Markttag weit geöffnet. Die Wachen kannten den Wagen des Klosters und winkten ihn ohne Fra-gen durch.
„Gott zum Gruße“, rief Laurus dem Marktmeister zu, der die Plätze für die Händler vergab.
„Ah, Ihr seid es, Bruder Laurus“, brummte Habel. „Was bringt Ihr uns heute?“
„Honig, Tonkrüge und Körbe“, gab Laurus zur Antwort. „Und einen Jammerlappen.“
Flink lief der Alte um den Wagen herum. „Bruder Karolus“, rief er erfreut. „Gott zum Gruße!“
„Gott zum Gruße, Meister Habel!“
Der Marktmeister betrachtete den Mönch und schüttelte den Kopf. „Ihr seht sehr bleich aus“, sagte er. „Bereitet Euch etwas Sorgen?“ „Es ist nichts Wichtiges“, sagte Karolus nach einem kurzen Blick auf Laurus.
„Fahrt euren Wagen dort hinüber zwischen den Tuchhändler und die Gemüsefrau.“ Habel deutete auf die gegenüberliegende Seite des Plat-zes. „Ich wünsche euch gute Geschäfte.“
„Danke, Meister Habel.“
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Vorsichtig lenkte Laurus die Pferde durch das geschäftige Treiben. Er stieg vom Kutschbock und griff nach den beiden Hafersäcken, die un-ter der Sitzbank lagen. Die Tiere schnaubten zufrieden und kauten langsam ihr Futter.
Während Laurus die Pferde versorgte, hatte Karolus vom Wagen zwei Hocker geholt. Er stellte sie auf und legte ein großes Brett darüber. Auf die eine Seite kamen die geflochtenen Körbe, auf die andere Seite in großen Schalen die Honigplatten. Die Tonkrüge blieben auf dem Wa-gen. Schnell stellten sich die ersten Interessenten ein. Es waren die Tratschweiber, die jeden Marktstand ausgiebig begutachteten, ihre Meinung abgaben und nichts kauften.
„Laurus“, rief Karolus hinüber zu dem anderen, der in ein Gespräch mit dem Tuchhändler verwickelt war. „Ich gehe zu Meister Härlinger.“
„Aber natürlich, Eure Empfindlichkeit“, höhnte Laurus. „Geh nur und sieh zu, wie du deine zarte Haut retten kannst.“
Härlinger erwachte von seinem eigenen Schnarchen. Benommen blin-zelte er und hatte kurz Schwierigkeiten, sich zurechtzufinden. Durch das Fenster schien die Sonne. Er setzte sich auf, fuhr sich mit allen zehn Fingern durch die Haare und brummte. Allmählich verschwand der wirre Traum. Der Mann schlüpfte in die Pantoffel, die seine Tochter ihm genäht hatte und tappte in die Küche, um mit einem Schluck Was-ser den schalen Geschmack in seinem Mund zu vertreiben. „Cornelia? Cornelia, wo bist du?“ Es blieb still. Härlingers Blick fiel auf den Kräuterkorb, der auf seinem Platz stand. Dafür fehlte die Hebammentasche. „Das kann dauern.“ Der Mann goss aus einem Krug Wasser in einen Becher, trank in durstigen Zügen und beschloss, noch für ein Stünd-chen wieder ins Bett zu gehen. Der Lärm und das Geschrei der Händler vom Markt erschien ihm heute unnatürlich laut und verursachte ihm körperliches Unbehagen.
Erschrocken zuckte er zusammen. Jemand schlug den schweren Eisen-ring gegen die Haustür. „Bin nicht zu Hause“, brummte der Arzt. Als habe der Besucher ihn gehört, verstummte das Klopfen, um gleich darauf noch lauter zu werden.
„Bin immer noch nicht zu Hause“, murmelte Härlinger. Doch seine Eh-re als Arzt und der Schwur, den er allen gegeben hatte, die Hilfe brauchten, ließen ihn zur Tür schlurfen. Er öffnete sie einen kleinen Spalt.
„Wer ist da?“
„Bruder Karolus.“
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„Bruder Karolus?“ Dunkel erinnerte sich der Arzt an den jungen Mönch. „Was wollt Ihr? Habt Ihr Euch wieder einen Holzsplitter in den Finger gerammt?“
„Nein“, kam es kläglich zurück. „Ein Zeh ist vereitert. Ich kann vor Schmerzen kaum noch laufen.“
„Macht Euch einen Umschlag von frischem Weißkohl. Das wird die Pein lindern und die Entzündung abklingen lassen.“ „Ich würde Euch nicht belästigen, wenn ich mir selbst zu helfen wüss-te. Außerdem soll Eure Hilfe nicht umsonst sein.“ Härlinger seufzte. Der Bruder war erstaunlich hartnäckig. Das zu-sätzliche Stündchen Schlaf löste sich in Luft auf. Schlecht gelaunt öff-nete der Arzt die Tür. „Will Euren Süßkram nicht. Euer Honig verur-sacht mir Zahnschmerzen.“
„Keine Süßigkeiten, Meister Härlinger.“ Verstohlen sah sich Karolus nach möglichen Lauschern um. „Ich habe etwas, das Euch viel mehr interessieren wird.“ Langsam zog er unter seiner Kutte eine Schriftrolle hervor. „Es sind alte Aufzeichnungen über Sonnen-finsternisse.“
Härlinger stockte der Atem. Die schlechte Laune war wie weg-geblasen. „Woher habt Ihr diese Schriften?“
„Aus der Klosterbibliothek.“
„Bruder Karolus! Wenn der Abt dahinterkommt, dass Ihr mir etwas zu lesen gebt, was unter Verschluss bleiben soll, wird er Euch aus dem Kloster jagen. Warum nur habt Ihr das getan?“ Der junge Mönch schluckte. „Ihr seid stets freundlich zu mir und helft mir immer. Es ist ein kleiner Dank für Eure Mühen. Der Abt wird nicht merken, dass ich mir diese Schriftrolle ausgeliehen habe.“ „Johannes!“
„Meister? Gott zum Gruße, Bruder Karolus! Wieder ein Holzsplitter?“ „Johannes“, sagte Härlinger leise. „Nimm dich dieser Aufzeichnungen an.“
Der Gehilfe griff nach der Pergamentrolle und verschwand in der Studierstube.
Härlinger öffnete die Tür zu seinem Behandlungszimmer. „Dann wollen wir uns den Übeltäter an Eurem Fuß mal ansehen, Bruder Karolus.“
*
„Ja“, rief Cornelia. „Weiter! Du machst das sehr gut!“ Seit Stunden lag das Mädchen in den Wehen, doch das Kind wollte und wollte nicht auf die Welt kommen. Vorsichtig hatte Cornelia im Geburtskanal nach dem kleinen Wesen getastet und entsetzt fest-
24 gestellt, dass es falsch herum lag. Beherzt packte sie die Füße des Kindes. „Pressen! Gleich hast du es geschafft!“ Erdmuthe stöhnte vor Schmerzen, bäumte sich auf und fiel ermattet zurück auf den Strohsack. Cornelia hielt ein Mädchen in den Händen. Das Neugeborene gab keinen Ton von sich. Seine Haut war blau und kalt. Wie betäubt durchschnitt die Hebamme die Nabelschnur, die sich fest um den Hals der Kleinen gewickelt hatte. „Simon!“ rief Cornelia. „Simon!“
„Ja?“
„Hol Vater Anselm!“
*
Härlinger zeigte auf den Sessel. „Setzt Euch, Bruder Karolus.“ Der Mönch streifte die Sandale ab. Der Nagel lag tief in einem Wulst entzündeten Fleisches. Die Haut schimmerte gelb. „Da habt Ihr wahrlich einen ganz bösen Übeltäter“, brummte der Arzt. „Ich werde den Nagel entfernen müssen.“ „Den Nagel entfernen?“ Karolus war noch blasser geworden und schien kurz vor einer Ohnmacht zu stehen. „Muss das wirklich sein?“ Wenn Härlinger eines hasste, dann Patienten, die aus Feigheit sein me-dizinisches Wissen anzweifelten. „Kann's auch lassen“, knurrte er. „Vielleicht geschieht ja ein Wunder und Euer Zeh heilt von allein. Oder aber, und das halte ich für viel wahrscheinlicher, wird er sich noch mehr entzünden, Euch Tag für Tag quälen und am Ende abfallen. Ihr entscheidet!“
Der Mönch zog den Kopf ein. „Wird es sehr weh tun?“ fragte er klein-laut.
„Natürlich wird es weh tun! Das muss es auch, damit Ihr Euch bei der nächsten Verletzung daran erinnert, früher zum Arzt zu gehen.“ Härlinger breitete auf dem Tisch ein Tuch aus und legte seine Instru-mente bereit: Skalpell, Schere, Zange.
„Stellt Euren Fuß auf den Hocker.“ Vorsichtig strich der Arzt eine Sal-be auf den Zeh. „Bilsenkraut“, erklärte er. „Es wird den Schmerz zwar nicht völlig verhindern können, aber zumindest lindern. Ich werde jetzt Eure Hände festbinden, damit ihr während der Operation keine Dummheiten macht.“ Härlinger schlang breite Lederriemen um die Handgelenke des Mönches und band sie behutsam an den Armlehnen des Sessels fest. Dann steckte er dem Patienten ein Stück blankge-scheuertes Holz zwischen die Zähne. „Beißt darauf, so fest Ihr könnt.“ Das Bilsenkraut hatte inzwischen seine Wirkung entfaltet. Mit dem Skalpell ritzte der Arzt die Haut auf. Der Mönch stöhnte. Eine dicke gelbe Flüssigkeit tropfte in eine Schale unter dem Fuß. Immer und im-
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mer wieder drückte der Arzt den Zeh zusammen, um auch den letzten Tropfen Eiter aus der Wunde zu entfernen; solange, bis Blut kam. Vor Schmerzen war Karolus in Ohnmacht gefallen. „Auch gut“, brummte Härlinger. „So kann ich wenigstens in Ruhe operieren.“ Er setzte einen weiteren, tiefen Schnitt. Das Blut floss jetzt hellrot. Mit der Zange holte er den eingewachsenen Nagel aus dem Fleisch und säuberte die Wunde. Allmählich ließ die Blutung nach. Zu-frieden mit dem Ergebnis strich Härlinger eine Salbe auf den Zeh und verband ihn mit einem Stück Leinen. Der Mönch erwachte aus der Ohnmacht.
„Bin fertig. Die Wunde wird noch ein paar Stunden schmerzen. Mor-gen in der Früh nehmt Ihr den Verband ab und tragt Salbe auf. Dann verbindet Ihr den Zeh wieder. Das Ganze macht Ihr solange, bis sich auf der Haut Schorf gebildet hat.“
Die Tür ging auf. „Ah, Johannes“, rief der Arzt. „Es war eine erfolg-reiche Operation.“
„Das freut mich für Euch, Bruder Karolus. Hier sind Eure Aufzeich-nungen zurück.“
„Damit sind wir quitt“, brummte Härlinger. „Bruder Laurus ist bestimmt wütend, weil ich ihn solange allein ge-lassen habe.“ Vorsichtig schob Karolus die Schriftrolle unter seine Kutte.
„Bruder Laurus ist immer wütend, wenn etwas nicht nach seinem Kopf geht“, grinste Härlinger. „Fragt ihn doch einfach nach seinem faulen Zahn, dem ich ihm vor ein paar Jahren entfernt habe.“ „Meister Härlinger, ich danke Euch für Eure Hilfe. Gott zum Gruße.“ „Gott zum Gruße, Bruder Karolus.“
Vorsichtig humpelte der Mönch hinüber zu seinem Wagen. „Ah, der Herr bemüht sich zurück an die Arbeit“, rief Laurus schon von weitem. „Welche Ehre, dass du dich herablässt, mir zu helfen.“ Karolus schwieg. Wie es aussah, hatte Laurus noch nichts verkauft. Der Abt würde sicher toben und auch ihm die Schuld an den fehlenden Einnahmen geben.
„Köstlicher Honig“, rief Karolus. „Feinste Tonwaren und Körbe, gefertigt von geschickten Händen.“ Endlich blieben ein paar Frauen stehen, begutachteten die Waren und begannen um die Preise zu feilschen. Mit gerunzelter Stirn sah Laurus zu, wie ein Stück nach dem anderen den Besitzer wechselte und die Kreuzer in der hölzernen Schatulle mehr und mehr wurden.
„Spar dir dein selbstgefälliges Grinsen. Du verstehst es in der Tat aus-gezeichnet, dich bei unserem Abt ins rechte Licht zu setzen.“
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„Aber Bruder Laurus! Ich habe nichts anderes getan, als unsere Sachen zu verkaufen. Das hättest du auch tun können, indes ich bei Meister Härlinger war.“
„Hätte! Hätte! Hätte!“ äffte Laurus den anderen nach. „Du weißt ge-nau, dass ich beim Verkaufen nicht so geschickt bin wie du. Aber du, du hast mich im Stich gelassen, weil dir ein Besuch bei diesem Arzt wichtiger war!“
„Ich war nicht bei dem Arzt, weil ich ihm einen Besuch abstatten woll-te, sondern, weil er meinen Fußnagel entfernt hat. Ohne Härlingers Hilfe hätte ich bald gar nicht mehr laufen können. Sieh her!“ Karolus hob die Kutte ein wenig an und zeigte seinen dick verbundenen Zeh. „Na und? Das ist die Aufgabe eines Arztes.“ Laurus' schlechte Laune steigerte sich mit jedem Wort. „Schließlich wird er ja dafür bezahlt.“ „Meister Härlinger nimmt nicht immer Geld“, murmelte Karolus. Laurus horchte auf. „Ach nein? Nichts ist umsonst. Wenn er kein Geld wollte, was kann es dann wohl gewesen hast, was du ihm gegeben hast?“
„Nichts, was dich zu interessieren hätte“, gab Karolus zurück. Er är-gerte sich, dass ihm diese unbedachte Äußerung herausgerutscht war. „Lass uns nach Hause fahren.“
Laurus nahm den Pferden die Hafersäcke ab und warf sie hinten auf den Wagen. Schweigend kletterte er auf den Kutschbock. „Hüh!“ Der Wagen rumpelte über die Welsterbrücke durch das Stadt-tor.
Kein Wort sprachen die Mönche während der Fahrt miteinander. Lau-rus überlegte, welchen Gefallen Karolus dem Arzt getan hatte. Här-linger war als Wissenschaftler bekannt, und Karolus versah in der Bibliothek des Klosters seinen Dienst. Plötzlich fiel es Laurus wie Schuppen von den Augen. Und er war sich sicher, dass der Abt sehr interessiert an dieser Information sein würde.
*
Seit Stunden lag Cornelia auf ihrem Bett und starrte an die Decke. Sie fühlte sich leer und mutlos. Erdmuthe war durch die Anstrengungen der Geburt und den hohen Blutverlust gestorben. Die Heilerin hatte der Frau ihre totgeborene Tochter in den Arm gelegt und alles Weitere Vater Anselm überlassen.
„Mir schien, als sei Cornelia vor einer Weile nach Hause gekommen“, sagte Härlinger zu Johannes, der am Schreibpult Federn und Tinte ordnete.
Der nickte. „Auch ich glaube, etwas gehört zu haben.“
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„Wenn Cornelia sich sofort in ihre Kammer zurückzieht, ist etwas Schlimmes geschehen.“ Härlinger kannte seine Tochter gut. „Ich will nach ihr sehen. Du bleibst hier. Stör uns nur, wenn ein Patient kommt.“ „Natürlich, Meister.“
Die Tür zu Cornelias Kammer war angelehnt. Durch einen schmalen Spalt sah Härlinger seine Tochter auf dem Bett. Noch immer trug sie das Kleid, das mit Erdmuthes Blut befleckt war. „Darf ich eintreten, Cornelia?“
„Ja, Vater.“
Härlinger holte einen Stuhl, der am Fenster stand und setzte sich neben das Bett.
„Möchtest du mir davon erzählen?“ Die Stimme ihres Vaters war sanft und einfühlsam. Cornelia spürte, wie der Panzer, der sich um ihr Herz gelegt hatte, zu brechen drohte.
„Ich weiß seit heute nicht mehr, ob ich eine gute Hebamme bin. Ich weiß nicht einmal mehr, ob ich mich noch Heilerin nennen darf.“ „In unserem Beruf gibt es immer Höhen und Tiefen“, sagte Härlinger. „Aber es sind die Höhen, die überwiegen. Und doch scheint es uns, dass viel öfter Niederlagen an der Tagesordnung sind.“ „Sie war noch so jung“, sagte sie Heilerin leise. „Sie stand erst am An-fang ihres Lebens und hatte doch schon so viel Schlechtes erlebt. Den Schmerz in ihren Augen werde ich nie vergessen, als sie begriff, dass ihr Kind tot auf die Welt gekommen war.“
Leise berichtete sie von der schweren Geburt und ihrem verzweifelten Ringen um das Leben der Mutter, bis diese schließlich in Cornelias Ar-men gestorben war.
„Warum nur, Vater? Warum nur? Ich habe alles getan, was Ihr und die alte Els mich gelehrt haben.“
„Manchmal hilft unser medizinisches Wissen gar nichts“, sagte Här-linger. Tröstend strich er seiner Tochter über die Wange. „Wenn das Schicksal diesen Weg für die junge Frau und ihr Kind vorbestimmt hat, dann hätte keine Wissenschaft und keine Medizin etwas daran ändern können. Du bist eine gute Heilerin und eine ebenso gute Hebamme, Cornelia. Das weißt du. Die Menschen verehren und brauchen dich. Was heute geschehen ist, ist tragisch, aber nicht zu ändern. Sei für die da, die deiner Hilfe bedürfen! Jetzt zieh dir ein sauberes Kleid an und komm in die Studierstube. Ich muss dir etwas zeigen!“
Johannes warf Härlinger einen fragenden Blick zu. Der nickte. „Meine Tochter kommt gleich. Lass mich inzwischen sehen, was du kopiert hast.“ Aufmerksam betrachtete der Arzt die Papiere. „Sehr gut, Johannes. – Cornelia! Cornelia!“
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„Hier bin ich, Vater!“ Noch immer blass, aber mit einem zaghaften Lächeln auf den Lippen, trat die junge Frau ein. Das Kleid hatte sie ge-gen einen hellgrünen Rock und eine weiße Bluse getauscht. „Sieh dir das an!“ Härlinger deutete auf eine Zeichnung. Ein großer Kreis wurde von einem kleineren verdeckt. „Das ist eine Sonnen-finsternis vor über vierhundert Jahren.“ „Vater! Woher habt Ihr diese Aufzeichnungen?“ Härlinger gluckste vor Freude. „In der Früh kam ein Mönch vom Klo-ster der Barmherzigen Brüder, dem ich vor einiger Zeit einen Holz-splitter aus dem Daumen zog und brachte mir aus Dankbarkeit ein paar Schriftrollen. Johannes hat sie kopiert, indes ich dem Bruder heute einen vereiterten Zehennagel entfernte.“ „Die Abschriften sind sehr gut gelungen.“ Aufmerksam betrachtete Cornelia die Zeichnung. „Vater, was dort zu sehen ist... Das bedeu-tet...“
„Ja. Alles, was wir bisher geglaubt haben, ist damit hinfällig“, sagte Härlinger.
„Werdet Ihr es Seiner Durchlaucht sagen?“ „Ich kann dieses Wissen nicht für mich behalten“, murmelte Härlinger. „Wenn der Fürst durch Zufall erfährt, was ich weiß, so könnte er uns seine Gunst und seine schützende Hand entziehen.“
Ein heftiges Klopfen an der Tür schallte durch das Haus. „Sieh nach, Johannes, wer so dringend Einlass begehrt.“
Der Gehilfe eilte davon, um nur einen Lidschlag später in die Studier-stube zu stürzen. „Meister Härlinger! Schnell! Die alte Rosmaria wurde von einem Hund gebissen. Die Wunde blutet sehr stark.“ „Das mag Cornelia übernehmen“, entschied der Arzt. „Ich muss drin-gend ins Schloss und um eine Audienz bitten. Johannes, leg mir mein bestes Wams bereit.“
„Ja, Meister.“
„Beeil dich“, rief Cornelia ihm nach. „Es kann sein, dass du mir bei die-ser Patientin helfen musst. Du weißt doch, dass sie sie ihre Schmerzen vergisst, wenn sie dich nur anschmachten kann.“ Johannes grinste. Erst im letzten Monat war die alte Frau in der Praxis gewesen, weil ein Dorn tief in ihrem Finger steckte. Härlingers Gehilfe hatte den Übeltäter fachmännisch entfernt. Trotzdem war Rosmaria noch eine ganze Woche lang jeden Tag gekommen, hatte allen die Ohren vollgejammert über die angeblichen Schmerzen und erst Ruhe gegeben, wenn Johannes eine Salbe aufgetragen und ihren verletzten Finger dabei sanft gestreichelt hatte.
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„Lass mich deine Wunde sehen, Rosmaria.“ Besorgt betrachtete Cor-nelia das schmutzige Tuch, das die Frau um ihre rechte Hand ge-schlungen hatte.
Die Alte schüttelte störrisch den Kopf. „Nicht Euch werde ich meine Hand zeigen. Meister Johannes soll die Wunde betrachten. Ich weiß, dass nur er mir helfen kann.“
Angestrengt verbarg Johannes sein Grinsen. So ruppig wie Rosmaria eben zu Cornelia gewesen war, so liebenswürdig war sie in Sekunden-bruchteilen zu ihm.
„Ihr versteht von der Kunst des Heilens mindestens genauso viel wie Härlinger“, schmeichelte die alte Frau. „Der Meister ist mir ein sehr guter Lehrer. Doch sei versichert, Ros-maria, bis ich seine Kunst des Heilens erlangt habe, wird noch viel Zeit vergehen.“
Während Johannes mit der Patientin sprach, hatte er das Tuch von ihrer Hand genommen. Auf dem Handrücken klaffte eine tiefe Wun-de. „Ich sage Euch, Meister Johannes, so, wie dieser Hund zugebissen hat, kam er direkt aus der Hölle. Ein Höllenhund war es, ein wahr-haftiger Höllenhund!“
„Dann wollen wir das Andenken an dieses Untier schnellstens besei-tigen“, sagte Johannes. „Ich muss die Wunde nähen“, Cornelia nickt zustimmend und holte Nadel und Faden. Während der Heiler die Wunde vorsichtig nähte, verzog Rosmaria weinerlich das Gesicht, gab aber keinen Schmerzenslaut von sich. Unterdessen hatte Cornelia eine Salbe aus verschiedenen Kräutern an-gerührt. Johannes strich die Salbe dick auf Rosmarias Hand und ver-band sie.
„Fertig. Die nächsten Tage lässt du den Verband auf der Wunde. Am Sonntag, ehe du zur Kirche gehst, kannst du ihn abnehmen. Danach brauchst du nur noch abends ein wenig Salbe aufzutragen.“ Johannes drückte der Frau einen kleinen Tiegel in die Hand. „Du wirst sehen, in ein paar Tagen hast du den Biss des Höllenhundes vergessen.“ Zufrieden grinste Rosmaria von einem Ohr zum anderen. „Was bin ich Euch schuldig?“
„Bring nächste Woche ein wenig Gemüse für eine Suppe vorbei. Und nun geh und versuche deine Hand zu schonen.“
*
Der Eingang des Palastes im Fürstlichen Park war mit Blumen ge-schmückt. Fast pausenlos fuhren auf dem breiten Sandweg Kutschen vor und hielten vor dem Sommersitz von Fürst Orlando. Der Abend mit seinem samtschwarzen Himmel und den Sternen war wie ge-
30 schaffen dafür, eines der prächtigsten und aufwändigsten Feste der letzten Jahre zu umrahmen. Es war der zwanzigste Geburtstag des Re-genten. Schon in den frühen Morgenstunden hatten viele Kinder Blumen im Schloss abgegeben und alles Gute gewünscht. Die Feier in der neu erbauten Residenz war auch gleichzeitig ein glanzvoller Ball zum Beginn des Sommers.
Der Gartensaal war von tausenden Kerzen taghell erleuchtet. Entlang der Wände zogen sich marmorne Fresken, in die Bildhauer Blumen-bilder von überwältigender Schönheit gemeißelt und mit Blattgold und Edelsteinen verziert hatten. Überlebensgroße Skulpturen von Göt-tinnen und Göttern standen zwischen den Fenstern und lächelten wohlwollend auf die illustre Gesellschaft herab. Der Saal war erfüllt vom Duft der Blumen, die in riesigen Amphoren überall verteilt waren. Durch die breite Eingangstür blickte man in den Park, in dem Wasserspiele und Fontänen im Licht des Mondes geheimnisvoll glänzten. Eine Hecke aus Hainbuchen, die so hoch war, dass niemand darüber hinwegsehen konnte, umgab den Palast von drei Seiten und war ein beliebter Treffpunkt für Paare, wie verstohlenes Kichern hinter den Büschen verriet.
Kronenberg war ein Fürst, der mit der Zeit ging und sich für alles in-teressierte, was in der Welt geschah. Er verfügte über ein weit-reichendes Netzwerk von Spionen und Agenten, die ihm regelmäßig berichteten, was sich außerhalb der Grenzen seines Reiches tat. Aus dem schlaksigen Jungen war ein Mann geworden, der sehr begehrt war. Sein ebenmäßiges Gesicht wurde von dunklem Haar umrahmt, das er, entgegen der höfischen Sitte und Mode, kurz und ohne Perücke trug.
Galant zog Kronenberg die Hand seiner Tänzerin an seine Lippen und hauchte einen Kuss darauf. „Komtess Carolina! Ich danke Euch für den Tanz mit einer der bezauberndsten Damen des Landes.“ Die junge Frau errötete. „Durchlaucht! “ Doch der Fürst war schon weitergegangen. Bestens gelaunt schlen-derte er durch die Reihen seiner Gäste, scherzte hier und da mit ihnen – dabei immer verfolgt von den Blicken der reiferen Frauen, die auch an diesem Abend der Einladung mit nur einem Ziel gefolgt waren: den Fürsten als Schwiegersohn zu gewinnen.
„Halt!“ Kronenberg stoppte einen Diener, der sich einen Weg zu der langen Festtafel bahnte. Mit spitzen Fingern nahm er ein paar Trauben von dem silbernen Tablett. Genießerisch zerbiss er eine Weinbeere nach der anderen.
„Durchlaucht, ich muss Euch dringend sprechen.“ Vor Kronenberg stand Bischof Nikolaus von Reichenbach, sein geistlicher und leider auch selbst ernannter väterlicher Berater.
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„Nicht heute, Bischof! Wollt Ihr mir meinen Geburtstag verderben?“ Nikolaus von Reichenbach legte die fleischige Hand auf seine Brust. Ein Ring mit einem dunkelroten Stein funkelte im Kerzenschein. „Nichts liegt mir ferner, Durchlaucht. Doch ich muss darauf bestehen.“ Der Fürst seufzte. Aus Erfahrung wusste er, dass der Bischof nicht eher Ruhe geben würde, bis er ihn wenigstens angehört hatte. „Kommt mit in die Bibliothek. Dort sind wir ungestört.“
„Ich weiß es durchaus zu schätzen, dass Ihr mir an einem solchen Abend Gehör schenkt.“
„Ja, ja. Kommt endlich zur Sache, Bischof.“
„Es geht um das Land. Ihr solltet allmählich an einen Thronfolger den-ken.“
Kronenberg schnaubte. „Dazu muss ich erst einmal heiraten! Ist es das, was Ihr mir wieder einmal zu verstehen geben wollt?“ „Warum sträubt Ihr Euch gegen die Ehe?“ Der Bischof ging ge-messenen Schrittes zu einem kleinen Tisch, auf dem eine Karaffe mit Wein stand und goss sich ein Glas voll. „Seht Euch um, Orlando. Heute Abend habt Ihr die Gelegenheit, Eure künftige Gemahlin zu finden.“ „Heute Abend haben die Mütter die Töchter mitgebracht, die bisher keiner haben wollte“, entgegnete der Fürst schärfer als beabsichtigt. „Ich habe nicht vor, eine von ihnen zu meiner Frau zu nehmen. Und schon gar nicht, nur weil Ihr das wünscht.“
„Durchlaucht, ich...“
„Bischof! Ihr mischt Euch permanent in meine Politik ein, was ich bis-her immer mehr oder weniger toleriert habe! Aber ich gestatte nicht, dass Ihr mir jetzt auch noch vorschreibt, wie ich mein Leben zu leben habe!“
„Verzeihung.“ Reichenbach legte seine Hände aneinander und hielt sich mit den Fingerspitzen den Mund zu. „Es war in der Tat nicht klug von mir, ausgerechnet heute dieses Thema zur Sprache zu bringen. Wir wollen lieber das Fest genießen.“
Im Ballsaal waren inzwischen die bodentiefen Türen weit geöffnet worden. Ein lauer Sommerwind kühlte die erhitzten Tänzerinnen und Tänzer.
Reichenbach winkte eine Frau zu sich. „Fürst Orlando, darf ich Euch meine Cousine vorstellen? Gräfin Amalia von Schönfeldt.“ „Durchlaucht.“ Die Gräfin neigte leicht den Kopf. „Ich hoffe, Ihr ver-zeiht meinem Cousin, dass er mich einfach zu Eurem Ball mitgebracht hat.“
„Aber Frau Gräfin.“ Charmant neigte sich der Fürst über die Hand der Frau. „Die Freunde und Gäste des Bischofs sind in meinem Haus im-mer willkommen.“
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„Ich danke Euch, Fürst Orlando.“ Für einen Augenblick geriet das Ge-spräch ins Stocken.
„Nun, ich habe meine Cousine gebeten, den Sommer in Gronitz zu verbringen. Morgen reisen wir in meine Residenz.“ „Das ist bedauerlich.“
„Durchlaucht?“
„Eine blühende Rose wie Ihr gehört nicht in eine dunkle und feuchte Wiesenburg.“ Der Fürst lächelte der Gräfin zu. „Ihr seid herzlich ein-geladen, den Sommer auf Schloss Gronitz zu verbringen, wenn Ihr möchtet.“
„Diese Einladung nehme ich gern an.“
„Dann ist ja alles geklärt. Frau Gräfin! Darf ich um diesen Tanz bitten?“
*
So schnell er konnte, eilte Härlinger den steilen Berg hinauf zum Schloss. Wie ein Fisch auf dem Trockenen schnappte er nach Luft, als er endlich vor dem Tor stand. Um sich selbst zur Ruhe zu zwingen, ordnete er seine Kleidung, rückte den Hut gerade und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Nur ganz langsam fand sein Herz zu seinem normalen Rhythmus zurück. Noch einmal atmete er tief ein und aus. Dann klopfte er mit dem schweren Eisenriegel gegen das Eingangstor. Sofort wurde von innen ein kleines Fenster aufgeschoben. „Wer seid Ihr und was wollt Ihr?“ fragte der blutjunge Wächter, der erst seit kurzem im Dienst des Fürsten stand. „Passieren lassen!“ Der Befehl kam aus dem Hintergrund. „Das ist Meister Härlinger.“
„Meister Härlinger?“ Der Befehlston des jungen Mannes wich Ehr-furcht. „Bitte verzeiht mir.“ Die schwere Tür schwang auf. „Ich habe schon viel von Euch gehört, aber noch nie hatte ich die Ehre, Euch per-sönlich zu begegnen.“
„Das haben wir ja nun nachgeholt“, brummte Härlinger. „Ist der Haus-hofmeister im Schloss?“
Hilflos schielte der Wächter zu seinem Vorgesetzten. Er gehörte zu sei-nen Aufgaben, als Neuling den Haushofmeister zu suchen. Anderer-seits war es Vorschrift, einen Besucher nicht allein zu lassen. Der Oberst der Fürstlichen Wache dachte gar nicht daran, seinem Unter-gebenen zu helfen. Hingebungsvoll reinigte er seine Feuerwaffe. „Nun geh schon“, sagte Rasmus nach einer gefühlten Ewigkeit. „Mei-ster Härlinger und ich haben ohnehin etwas Vertrauliches zu be-sprechen.“
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Der Arzt wartete, bis die Schritte verhallt waren und holte aus seiner Tasche eine kleine Dose. „Selleriesalz“, erklärte er. „Das wird Eure Manneskraft stärken.“
„Ihr habt doch hoffentlich mit niemandem darüber gesprochen?“ Auf der Stirn des Obersten stand eine Sorgenfalte. „Nein, mit keinem Menschen. Ihr könnt völlig unbesorgt sein.“ Mit einem Seufzen verschwand die Dose in der Gürteltasche. Gerade rechtzeitig.
„Meister Härlinger“, sagte der Haushofmeister erstaunt. „Was führt Euch her?“
„Ich bitte um eine Audienz.“
Andreas schüttelte bedauernd den Kopf. „Es tut mir leid, dass Ihr den Weg umsonst gemacht habt“, sagte er. „Seine Durchlaucht geben im Sommerpalast einen Ball. Kommt morgen in der elften Stunde.“ „Ich danke Euch.“
*
Das Schloss zu Gronitz war ein alter Bau, der seit mehr als fünfhundert Jahren als Herrschersitz diente. Im Laufe der Jahrhunderte hatte es jeder Regent nach seinen Wünschen und Vorstellungen umgebaut, verändert und der Mode angepasst, so dass jetzt von der ur-sprünglichen Anlage nicht mehr übrig war als der sechseckige Schlossturm, der mitten auf dem Hof hoch in den Himmel ragte und von fast überall in der Stadt zu sehen war. Unzählige Gänge und Treppen sorgten für Verwirrung. Links in einem Anbau war die Küche, so groß, dass nicht nur die neuesten Kochmaschinen darin Platz fanden, sondern auch ein Spieß, an dem über dem offenen Feuer ein ganzer Ochse gebraten werden konnte. In der Mitte stand ein langer Tisch. Darüber hingen von der Decke herab Töpfe, Pfannen und allerlei Kochwerkzeuge. Als Kind war Orlando gern hier gewesen und hatte mit Hanne gespielt, die nur wenig älter war als er und als Küchenmagd arbeitete. Sein Vater hatte das zwar nicht gern gesehen, aber dem Jungen den Umgang mit dem Personal auch nicht verboten. Auf der anderen Seite des Hofes befanden sich die Pferdeställe und die Remise für die Kutschen. Der Fürst war ein ausgezeichneter Pferde-kenner und hielt nicht nur die prachtvollen spanischen Pferde, sondern züchtete sie auch mit großem Erfolg. Der Fürstliche Stallmeister und die vier Stallburschen wohnten direkt über den Tieren und waren sofort zur Stelle, sobald etwas Ungewöhnliches vorkam. Die beiden Kutschen, eine geschlossene für die kalte Jahres-zeit und ein leichter offener Wagen, standen stets auf Hochglanz po-
34 liert bereit. Doch der junge Fürst bevorzugte es, im Sattel unterwegs zu sein.
Gegenüber vom Eingangstor führte eine breite Freitreppe in einem leichten Bogen zu einer mit Schnitzereien und Schmiedearbeiten ver-zierten Tür. Dahinter befand sich die Eingangshalle, von der Gänge in den Ost und den Westflügel abgingen. Direkt neben der Eingangstür war die Kammer von Andreas, dem Haushofmeister.
Meister Härlinger gehörte zu jenen, für die Fürst Orlando stets Zeit und ein offenes Ohr hatte und bei denen er oft auf die höfische Etikette verzichtete. Trotzdem war der Arzt wie immer nervös, als er am nächsten Vormittag hinter dem Haushofmeister den langen Gang ent-langeilte, der zu den Privatgemächern des Fürsten führte. Andreas deutete auf einen samtbezogenen Stuhl, der an der Wand stand. „Setzt Euch, Meister Härlinger.“
Der Haushofmeister verschwand hinter einer raumhohen Tür. Här-linger umklammerte krampfhaft seine Aufzeichnungen und lief wie ein gefangenes Tier hin und her. Zehn Schritte bis zum Fenster. Zehn Schritte bis zur Tür. Zehn Schritte bis zum Fenster. Endlich ging die Tür auf. „Seine Durchlaucht lassen bitten.“ Noch nervöser betrat der Arzt den Gelben Salon, blieb an der Tür ste-hen und verbeugte sich tief, so wie es die Etikette verlangte. „Meister! Erhebt Euch! Wir sind unter uns.“ Orlando kam mit ausge-breiteten Armen auf den Arzt zu. „Es ist schön, Euch zu sehen. Andreas sagte mir, dass Ihr mich sprechen wollt. Wegen dem da?“ Un-geniert zeigte Kronenberg auf die Schriftrollen. „Ja, Durchlaucht. Ich habe neue Erkenntnisse über die bevorstehende Sonnenfinsternis.“
„Zeigt her!“
Härlinger breitete die Schriftrollen auf dem Tisch aus. Der Fürst holte aus einer silberbeschlagenen Schatulle ein Vergrößerungsglas. Milli-meter für Millimeter prüfte er die Zeichnungen und las die Texte. „Das wird Bischof Nikolaus aber gar nicht gefallen.“ „Durchlaucht, diese Erkenntnisse sind nicht die meinigen, sondern die von Gelehrten von vor vielen Jahrhunderten.“ „Woher habt Ihr die Aufzeichnungen?“
Der Arzt gestattete sich ein Lächeln. „Jemand, der meinte, mir einen Gefallen zu schulden, gab mir die Originale zum Lesen.“ „Weiß Eure Tochter davon?“
„Ja. Cornelia ist mit den Abschriften vertraut.“ „Die natürlich wieder Euer Gehilfe angefertigt hat.“ Plötzlich hatte die Stimme des Fürsten etwas Lauerndes.
„Johannes ist einer der besten Kopisten, die ich kenne.“
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„Aber könnt Ihr ihm auch vertrauen?“
