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Impfungen betreffen jeden einzelnen von uns. Steht man vor der Impfentscheidung, dann kommt man ins Nachdenken. Es geht hierbei nicht darum für oder gegen Impfungen zu sein, sondern darum für sich selbst die beste Entscheidung zu treffen. Impfungen haben zwei Seiten und es gilt in die Belange der Allgemeinheit und jene des Einzelnen zu unterscheiden. Dass dies zu einem Spannungsfeld führen kann, liegt auf der Hand und wir debattieren über Impfungen nun schon fast 300 Jahre lang. Dass die Impfdebatte auch notwendig sein kann, damit Kosten und Nutzen von Impfungen sich die Waage halten, wurde bisher kaum behandelt und hier unterscheidet sich dieses Buch von anderen. Es geht darum möglichst neutral über Impfungen zu informieren, sodass sich jeder ein allumfassendes Bild über die Problematik verschaffen kann. Dies ist für die eigene Entscheidungsfindung von wesentlicher Bedeutung und hierauf wird in diesem Buch ausführlich eingegangen.
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Seitenzahl: 298
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Die Impfdebatte
Eine unendliche Geschichte?
Diskutiert anhand der Biostatistik
Impressum
Herausgeber: Markus FalkGestaltung Titelbild: Irina Ballauf
Sonnenstraße 11, 39031 Bruneck, ItalienPötzleinsdorfer Straße 96, 1180 Wien, ÖsterreichE-Mail: [email protected] R12.1, Bruneck, Wien ©2018
Biographie: Studium der Mathematik mit Nebenfächern Biostatistik und Informatik. Einstieg in Forschung und Lehre als Universitätsassistent (Biostatistik), zahlreiche Auslandsaufenthalte und Forschungsarbeiten. Derzeit als Biostatistiker in der Grundlagenforschung tätig, ohne Abhängigkeiten von Behörden oder der Industrie, mit den Schwerpunkten auf Überlebenszeitanalysen, klinischen Studien, statistischer Beratung und Studienaudits. Zudem Lehrtätigkeit als Privatdozent.
DanksagungEin recht herzlicher Dank ergeht an Sabine Wallnöfer Plattner für das gewissenhafte Redigieren des Textes. Neher und Bedford sei für das freie Verwenden der Abbildungen ihres Portals nextstrain.org gedankt.
UrheberrechtDas Werk, einschließlich der vom Autor erstellten Grafiken, ist urheberrechtlich geschützt. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen jeglicher Art, Übersetzungen, Präsentationen und Verarbeitung mit elektronischen Hilfsmitteln.
Inhalt
1.Über dieses Buch
1.1.Gebrauchsanweisung
1.2.Kernaussage und Zusammenfassung
2.Ausgangspunkt
2.1.Ursprünge der Impfung
2.2.Ursprung der Impfdebatte
2.2.1.Der Disput zwischen Bernoulli und d’Alembert (1760 – 1766)
3.Grundlagen
3.1.Krankheitserreger
3.2.Infektionskrankheiten
3.3.Unser Immunsystem
3.4.Impfung
3.5.Impfstoff
3.5.1.Lebendimpfstoffe
3.5.2.Totimpfstoffe
3.5.3.Herstellung
3.5.4.Zellkulturen
3.5.5.Kombinationsimpfstoffe
3.6.Zulassungsverfahren
3.6.1.Phase I
3.6.2.Phase II
3.6.3.Phase III
3.6.4.Zulassung
3.6.5.Phase IV
3.7.Impfkalender
4.Wissenschaft und Impfungen
4.1.Falsifikation
4.2.Wissenschaft und Gesellschaft
4.3.Grundgesamtheit und Individuum
4.4.Die Wahl der Vergleichsgruppe: Placebo or not?
4.5.Evidenzgrad
4.6.Was Zeitreihen zeigen
4.7.Änderung der Altersverteilung Erkrankter durch Impfprogramme
4.8.Herdenschutz als mathematischer Begriff
4.9.Nash-Gleichgewicht bei Impfungen
4.10.Heterologe Immunität
4.11.Selektionsdruck auf Erreger durch die Impfung
4.12.Mögliche Nebenwirkungen
4.12.1.Größenordnung
4.12.2.Gründe und Häufigkeit von Nebenwirkungen
4.12.3.Nachweis eines Kausalzusammenhangs
4.12.4.Risikoerhöhung durch die Impfung
4.12.5.Nebenwirkungen in den Medien
4.13.Impfschadensgesetz
4.14.Kosten-Nutzen einer Impfung
4.15.Impfstoffmarkt
5.Impfdebatte
5.1.Für oder gegen Impfungen?
5.1.1.Bevölkerungssicht
5.1.2.Sichtweise des Einzelnen
5.2.Die Polarisierung
5.3.Politik und Big Pharma
5.4.Einseitige Studien
5.5.Fake-News oder Everyone’s business
5.6.Gesundheitspolitik
6.Diskussion
6.1.Postuliertes Impfcredo
6.2.Ausrottung und Impfraten
6.3.Krankheit und Impfung
6.4.Optimierungspotential bei Impfstoffen
6.5.Nebenwirkungen
6.6.Aufklärung
6.7.Impfpflicht
7.Schlussfolgerungen
8.Epilog
9.Bibliographie
Was für die Allgemeinheit gut ist, muss im Einzelfall nicht zutreffen und umgekehrt. Nicht allen würde wöchentliches Laufen guttun, man kann aber davon ausgehen, dass es für die meisten empfehlenswert ist. Umgekehrt würde ein regelmäßiges Sonnenbaden bei vielen zu einem Schaden führen, obwohl dies im Einzelfall durchaus angebracht sein kann.
Durch eine Impfung kann man sich vor einer Infektionskrankheit schützen. Ob man diese aber verpflichtend für alle einführen soll, bzw. all jene, die sich oder ihre Kinder nicht impfen lassen wollen, dazu anhalten soll, ist ein Dauerstreitthema und wird bereits seit dem 18. Jahrhundert immer wieder neu aufgerollt.
Zumal es beim Thema Impfungen zu unterscheiden gilt, für wen man eine Aussage trifft, werde ich mich in diesem Buch, was das Individuum anbelangt, weder für noch gegen Impfungen aussprechen. Bezogen auf die Allgemeinheit hingegen kann man vorwegnehmen, dass der Nutzen überwiegt. Gerade diesem Sachverhalt - der Trennung von Allgemeinheit und Individuum - wird in der Auseinandersetzung zu wenig Augenmerk geschenkt. Vielfach werden Aussagen bezogen auf die Allgemeinheit einfach eins zu eins auf den Einzelnen übertragen, obwohl dies nicht immer zutreffend ist. Dementsprechend aufgeheizt ist dann die Diskussion und man redet die meiste Zeit aneinander vorbei.
Als Biostatistiker weiß ich, was Aussagen bedeuten, für wen sie gelten und wie man sie verallgemeinern kann; wie man Daten liest, sie interpretiert und zu verstehen hat. Zumal ich weder Arzt noch Mediziner bin, kann dieses Buch kein medizinischer Ratgeber sein. Es geht in diesem Buch vielmehr darum aufzuzeigen welche Bedeutung Infektionskrankheiten in der Menschheitsgeschichte hatten und haben, wie diesen begegnet wurde und wird, welche Aufgaben unser Immunsystem dabei hat und was unter einer Impfung bzw. Impfstoff zu verstehen ist. Es wird weiters aufgezeigt, was Impfungen aus wissenschaftlicher Sicht bedeuten, dass hierbei der Wahrheitsfindung Grenzen auferlegt sind, und dass es sehr viele Aspekte gibt, die im Zusammenhang mit Impfungen zu berücksichtigen sind. Erst mit diesem Vorwissen kann man einzelne Belange zur Impfdebatte aufgreifen, sie diskutieren und in ihrer Nüchternheit darstellen. Ziel ist es, die Impfthematik möglichst neutral und umfassend zu be- und durchleuchten, Eckpfeiler für eine sachliche Diskussion festzulegen und die Grenzen des Machbaren darzustellen. Hierdurch soll die Sichtweise auf die Thematik geschärft und die Orientierung im Impfdschungel erleichtert werden.
Einiges in diesem Buch kann für viele neu sein. Ein Rundumblick zum Impfthema wird selten vermittelt und es kann angezweifelt werden, dass jene, die über Impfungen zu entscheiden haben, auch über alle Informationen verfügen. Nur unter Berücksichtigung aller Belange kann man einen Weg finden, der konsenstauglich ist, um in Zukunft Impfungen nicht nur aus Sicht der Wirksamkeit, sondern vor allem auch aus Sicht der maximal möglichen Sicherheit zu bewerten.
In einem Gastkommentar in der Südtiroler Tageszeitung zum Thema Impfen vom 29.10.2017 hatte ich auszugsweise folgendes angemerkt:
„Impfungen sind eine der größten Errungenschaften der Medizin“, sagen die einen, wohingegen die anderen meinen „das Gift in Impfungen führe zu Autismus“. „Wer nicht impft gefährdet sein Kind und andere Mitmenschen“, ist dann meist das Gegenargument und beide Seiten begründen ihre Aussagen durch Ergebnisse wissenschaftlicher Studien.
Ich kann vorausschicken, dass beide Seiten in einem Punkt irren. Eine wissenschaftliche Studie dient der Wahrheitsfindung nur insofern, als dass sie zeigen kann, was falsch ist. Mehr kann man daraus nicht ableiten. Es ist schlussendlich die Summe an wissenschaftlichen Erkenntnissen, die uns die Wahrheit eingrenzen lässt.
Viele Eltern verunsichert dies und manche haben große Angst, dass dem eigenen Kind etwas passieren könnte, denn das Risiko eines Impfschadens wird kaum thematisiert und ist somit für viele nicht einschätzbar. „Selbst die nachweislich besten Maßnahmen müssen fortwährend durch Forschung auf ihre Sicherheit, Effektivität, Effizienz, Verfügbarkeit und Qualität geprüft werden.“, heißt es in der Deklaration von Helsinki, einer Wertebasis für ethische Grundsätze in der medizinischen Forschung am Menschen.
Aus diesem Grundsatz folgt zwangsläufig die Verpflichtung alles zu tun, um Impfungen so sicher wie möglich zu machen, zeitgleich aber auch über Unsicherheiten aufzuklären, sodass jeder in die Lage versetzt wird, für sich die beste Entscheidung treffen zu können.
Das Thema Impfnebenwirkungen wird in diesem Buch an sehr vielen Stellen angesprochen, da die Impfdebatte darauf zurückgeht. Allein aufgrund der Häufigkeit dieses Themas kann dies beim Laien zu einem verfälschten Eindruck Impfungen gegenüber führen und es sei deshalb an dieser Stelle bereits vorgewarnt. Aus diesem Grund wird eingangs ausführlich auf die Last von Infektionskrankheiten eingegangen, die Wirksamkeit von Impfungen erläutert, denn das Ziel dieses Buches ist die Sachlichkeit und nicht die Verunsicherung.
In den Kapiteln Ausgangspunkt und Grundlagen wird auf das Thema Impfdebatte hingeführt. Sofern bereits Vorwissen existiert, oder man diese einfach später lesen möchte, kann man direkt zu den anderen Kapiteln übergehen. Im Kapitel Wissenschaft und Impfungen werden viele technische und wissenschaftliche Aspekte zu Impfungen behandelt, die zur Begründung einzelner Aussagen nötig sind. Die Aussagen selbst, können jedoch auch ohne dieses Kapitel verstanden werden. Es ist deshalb auch bei diesem Kapitel nicht verboten einfach weiter zu springen und bei Bedarf später zurückzukehren. Das Kapitel Impfdebatte geht auf das eigentliche Kernthema ein und einzelne Belange werden in einem eigenen Kapitel diskutiert. In der Schlussfolgerung erfolgt eine Kurzzusammenfassung der wichtigsten Erkenntnisse und es werden einzelne Aspekte zum Handlungsbedarf aufgelistet.
Wie der Titel schon vermuten lässt, widmet sich dieses Buch der Impfdebatte. Und um es vorweg zu nehmen, diese wird wohl notwendig sein. Seit fast 300 Jahren wird sie geführt, teilweise sehr kontrovers, und es wird Meinung gemacht, entweder für oder gegen das Impfen. Allein daraus kann man schon ableiten, dass wir es im Kern mit einer Glaubensfrage zu tun haben, bei der dann normalerweise keine Seite recht hat.
Auch wenn es weit hergeholt erscheinen mag, wird in diesem Buch zunächst aufzeigt, was Infektionskrankheiten sind und wie sie ein ständiger Begleiter der Menschheit waren. Die größer werdenden Siedlungen, der Ausbau von Städten, der zunehmende Handel und das sich Austauschen mit anderen, haben bereits zur Römerzeit die Verbreitung von Infektionskrankheiten gefördert. Mit der Verbesserung der Grundversorgung, durch optimierte Anbaumethoden, neuen Sorten und der zunehmenden Erschließung von Kulturland begann Anfang des 15. Jahrhunderts ein zunächst langsames Bevölkerungswachstum, das dann mit der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert Fahrt aufnahm und dem anschließenden 20. Jahrhundert dann den bisherigen Höhepunkt fand. Wachstum hat aber auch immer seinen Preis, sodass es immer wieder zum Ausbruch von Seuchen und dem regelmäßigen, gehäuften Auftreten von Infektionskrankheiten kam. Besonders um 1800, als das Auftreten von Pocken, Masern, Scharlach, Keuchhusten, Diphtherie und einige Krankheiten mehr schon fast zur traurigen Normalität geworden war, setzte man große Hoffnung, zunächst in die Inokulation, dann in die Impfung gegen die Pocken und war bereits damals überzeugt diese ausrotten zu können. Es hat jedoch noch einige Zeit gedauert bis man die Ursachen von Infektionskrankheiten genauer verstand, die Notwendigkeit zur Hygiene erkannte, Kanalisationen baute und auch die Übertragung und Verbreitung von Infektionskrankheiten besser unterbinden konnte. Das Auftreten von Erkrankungen war somit nicht zwingend ein Schicksalsschlag, sondern vielmehr auch dem Menschen geschuldet und es gab Möglichkeiten etwas dagegen zu tun. Hierzu zählten und zählen klarerweise auch Impfungen. Da diese aber mit Nebenwirkungen verbunden sein können, zudem deren Wirksamkeit anfangs stark bezweifelt wurde, regte sich Widerstand und es kam bereits sehr früh zu einer - teilweise sehr heftig geführten - Impfdebatte. Begegnet wurde dieser mit der Einführung erster Impfpflichten. Vorreiter war hier Bayern im Jahr 1807, Schweden 1816, England und Wales 1853, Massachusetts 1855, sowie Deutschland mit dem Reichsimpfgesetz 1874.
Damit Begriffe zu Impfungen und die teilweise komplexen Zusammenhänge verschiedenster Themen verständlicher werden, gibt es eingangs ein eigenes Kapitel mit Grundlagen zu Krankheitserregern, Infektionskrankheiten, unserem Immunsystem, Impfung und Impfstoff, sowie dem Zulassungsverfahren und einigen Hintergründen des Impfkalenders. Auch wenn unser Immunsystem sehr komplex aufgebaut ist, sodass nicht alles auf Anhieb verständlich sein mag, sind einzelne Grundkenntnisse darüber für das weitere Verständnis sehr wertvoll.
Dass es aus Sicht der Wissenschaft, immer sehr viele Punkte gibt, über die wir nur begrenztes Wissen haben können, zeigt das Kapitel Wissenschaft und Impfungen. Es wird einerseits aufgezeigt, wie man überhaupt zu Erkenntnissen kommt und andererseits dargelegt, was dies für eine Gesellschaft bedeutet. Radfahren lernt man nur, indem man lernt nicht hinzufallen. Man muss hierfür die Fehler erkennen - geschieht hier unbewusst - und dann lernen, diese nicht mehr zu machen - auch dies geschieht hier unbewusst. Würde dieser Vorgang oder dieses Erlernen bewusst ausgeführt, dann könnte man von Wissenschaft sprechen.
Dass man hierbei auch in Aussagen für eine Grundgesamtheit (Bevölkerung) und jene für das Individuum unterscheiden muss, wird ausführlich in einem eigenen Abschnitt dargelegt und aufgezeigt, dass dies in manchen Situationen zu widersprüchlichen Aussagen führen kann. Das Erkennen dieser Widersprüchlichkeit ist fundamental, da viele Belange in der Impfdebatte durch diese genährt werden. Dass diese Widersprüchlichkeit auch mathematisch beschreibbar ist, zeigt der Abschnitt über das Nash-Gleichgewicht, der Film „A Beautiful Mind“ lässt grüßen, und dieses Gleichgewicht nimmt wesentlichen Einfluss auf die Impfbereitschaft und somit auch auf die erreichbaren Impfraten.
Neben zahlreichen wissenschaftlichen Belangen zum Thema Impfungen wird im Abschnitt Kosten-Nutzen auf den wohl wichtigsten Aspekt in der Impfdebatte eingegangen. Es lässt sich zeigen, dass es so etwas wie ein Überimpfen gibt. Damit ist gemeint, dass beim Überschreiten einer optimalen Impfrate, Impfungen mehr schaden als nützen. Ursache hierfür ist das rasche Abnehmen der Ausbreitungsfähigkeit von Krankheitserregern, sofern die Impfung gut wirksam ist. Bereits bei Impfraten ab 50% schützen geimpfte Personen indirekt die Ungeimpften. Dies ging bereits aus ersten Berechnungen (Bernoulli 1760) hervor und wir verwenden heutzutage hierfür den Begriff Herdenschutz. Dem Ausrottungsgedanken folgend, dient dieser den Entscheidungsträgern jedoch als Vorwand zur Einforderung hoher Impfraten. Bei Licht betrachtet sind dies aber zwei verschiedene Paar Schuhe. Selbst wenn ernste Nebenwirkungen nach einer Impfung selten sind und normalerweise geringes Ausmaß haben, fallen diese, bei massenhafter Verabreichung, doch ins Gewicht. Dass der Sachverhalt des Überimpfens bisher nie oder kaum offen diskutiert und genauer untersucht wurde, mag vielen Faktoren geschuldet sein. Sicher ist jedoch, dass er von wesentlicher Bedeutung ist und zahlreiche Konsequenzen nach sich zieht. Man wird nicht drum herumkommen sich diesem Sachverhalt zu stellen, denn nur ein neues Bewusstsein Impfungen gegenüber, kann uns dazu verhelfen, die wesentlichen Fragen endgültig zu klären.
So wie konkurrierende Meinungen zu einem Nash-Gleichgewicht in der Bevölkerung führen, genauso wird daraus, in Zeiten geringer Erkrankungszahlen, eine Polarisierung der Impfdebatte. Das konsequente Kleinreden von Nebenwirkungen erschafft zwangsläufig Gegner - und Gegner rufen dann die Impffanatiker auf den Plan. Unabhängig davon, muss jeder für sich selbst eine Entscheidung treffen.
Wie der Einzelne damit umgehen kann und wie er schlussendlich zu einer Entscheidung kommt, wird im Abschnitt „Für oder gegen Impfungen“ behandelt. Es wird hierbei aufgezeigt, dass es gar nicht um die Beantwortung eines „Für“ oder „Gegen“ Impfungen geht, sondern schlichtweg um die Entscheidung selbst. Alles führt darauf hinaus, abzuwägen, mit welchen Konsequenzen man besser zurechtkommt.
Auf die Impfdebatte wird in einem eigenen Kapitel eingegangen und zunächst aufgezeigt welche Probleme vorliegen, um sie anschließend im Detail diskutieren zu können. Das wohl größte Problem hierbei ist die einseitige Sichtweise der Entscheidungsträger.
Wir wissen bei Medikamenten, hinsichtlich deren Wirksamkeit und Nebenwirkungen, recht gut Bescheid. Verschreibungspflichtige Medikamente dürfen nicht beworben werben und es obliegt dem behandelnden Arzt, die beste Therapie für den Patienten vorzuschlagen. In Abstimmung mit dem Patienten wird dann entschieden, wie die Behandlung aussehen soll. Manche Medikamente werden auch prophylaktisch verschrieben. So soll eine geringe Dosis an Acetylsalicylsäure (Cardio-Aspirin) helfen einen Schlaganfall zu vermeiden. Sehr viele ältere Menschen verwenden diese Medikation. Niemand käme auf die Idee, hierzu eine Medikamenten-Einnahmepflicht einzuführen. Wieso geschieht dies aber bei Impfungen? Hätte nicht auch bei Impfungen der Vertrauensarzt primäre Zuständigkeit?
Das postulierte Impfcredo, gepaart mit dem Ausrottungsgedanken, ist der eigentliche Grund für diese sehr einseitige Haltung Impfungen gegenüber und dies führt zwangsläufig zu einer Reihe gegenseitiger Abhängigkeiten. Das Ziel Formel-1 Weltmeisterin zu werden, zwingt die Fahrerin dazu mit dem Rennstall zusammenzuarbeiten, Sponsoren zu finden, eine gute Figur zu machen und im Rennen kompromisslos zu sein. Hat man das Ziel Krankheiten ausrotten zu wollen, dann muss man ähnlich kompromisslos vorgehen, da das Unterfangen an und für sich, bereits kaum erreichbar ist. Dies zwingt Politiker, Behörden und die Pharmaindustrie zur verstärkten Zusammenarbeit, wobei erstere möglichst viel Gutes tun wollen und letztere möglichst gut verdienen. Die eigentlichen Anliegen der schlussendlich Betroffenen, Arzt und Patient, werden hierbei kaum berücksichtigt, da man davon ausgeht, dass alles eh schon klar wäre.
All dies hat weitreichende Konsequenzen und führt zu einer Reihe von moralischen Fragestellungen. Die wichtigste hierzu ist die Impfpflicht. Wie sich diese aus der Perspektive einer optimalen, aber schwer ermittelbaren Impfrate darstellt, wird in der Diskussion ausführlich behandelt und auch in der Schlussfolgerung nochmals aufgegriffen.
Ein Optimierungsproblem, bei dem bestimmte Kosten und Auswirkungen nur subjektiv eingeschätzt werden können, führt zwangsläufig zu einer Debatte. Angenommen, man könnte die optimale Impfrate quantitativ bestimmen, dann würde sich in Abhängigkeit von Erkrankung und Impfstoff eine exakte Zahl ergeben. Aus Sicht der Bevölkerung müsste man dann zusehen immer sehr nahe an dieser Zahl zu liegen. Ist die Impfrate zu niedrig, dann müsste man werben. Ist sie zu hoch, dann müsste man einzelnen Personen die Impfung vorenthalten. Dass dies praktisch nicht funktionieren kann, liegt auf der Hand und wäre somit keine Lösung. Egal, wie man es dreht und wendet, es bleibt immer ein Problem, das nicht allgemeingültig gelöst werden kann, sodass nur eine gut geführte Impfdebatte zu Impfraten führt, die nahe am Optimum liegen.
Auch wenn wir es nicht immer wahrhaben wollen, so unterliegen auch wir Menschen einem ständigen Selektionsdruck und müssen uns als Lebensform behaupten. Wir leben meist in Gruppen, haben eine hohe Sozialkompetenz und unser Gehirn schätzen wir als leistungsstark ein und dies ermöglicht uns einiges. Füße schützen wir mit Schuhen, gegen Wind und Wetter bauen wir Häuser, vereinen uns in Dörfern und Städten und betreuen unsere Kinder über einen langen Zeitraum. Waren früher Familien mit 10-15 Kindern nichts Ungewöhnliches, so hat eine Familie heutzutage meist nur mehr eines. In mehr als der Hälfte aller Haushalte gibt es überhaupt keine Kinder mehr. Entsprechend hoch ist unser Schutzbedürfnis ihnen gegenüber und der Verlust eines Kindes erschüttert nicht nur die Eltern, sondern auch das ganze Umfeld.
Dieser Erfolg hat aber auch seinen Preis. Blicken wir zurück, so hat die zunehmende Aneignung und Urbarmachung von Land, die Urbanisierung und der Handel über Grenzen hinweg, sowie die Völkerwanderungsbewegungen um 500 auch die Verbreitung von Infektionskrankheiten gefördert. Traten vor dem Jahr 200 nur vereinzelt lokal begrenzte Seuchen auf (für diesen Zeitraum gibt es nur wenig Aufzeichnungen, sodass nicht alles erfasst sein muss), so nahm deren Ausbreitung und Ausmaß hernach kontinuierlich zu (Antoninische Pest um 180 vermutlich Pocken oder Masern, Cyprianische Pest um 260 vermutlich Pocken, Justinianische Pest um 600 vermutlich die echte Pest) und fand ihren Höhepunkt in der großen Pest von 1346 bis 1353, die in Europa noch bis in das Jahr 1700 von Zeit zur Zeit wütete und an der insgesamt gesehen mehr als ein Drittel der damaligen europäischen Bevölkerung verstarb (über 25 Millionen Todesfälle).
Abbildung 1: Bevölkerungsentwicklung Europas inkl. Russland vom Jahr 0 bis 2015. Links (rote Kurve) logarithmiert, rechts (blaue Kurve) normale Skala. Datenquelle [1], [2]. Die Angaben vor 1800 beruhen meist nur auf Schätzungen und sind somit als Größenordnung zu verstehen. Zudem wird bis 1900 für Zählungen eine Schrittweite von 50 Jahren verwendet, hernach 5 Jahre, sodass Schwankungen dazwischen nicht abgebildet sind.
Klima, Bewirtschaftungsmethoden, Fruchtfolge, Kriege, das Aufkommen der empirischen Wissenschaften (um 1600), Hygiene (um 1800) die Industrialisierung (um 1850) und noch zahlreiche weitere Faktoren ließen die Bevölkerung wachsen, brachten sie aber immer wieder an ihre Wachstumsgrenze - zahlreiche Hungersnöte zeugen davon (Abbildung 1). Erst mit der Aufklärung gegen Ende des 18. Jahrhunderts, als das Feudalsystem zunehmend an Bedeutung verlor und Land in den direkten Besitz der Bauern übergehen konnte, gepaart mit verbesserten Anbaumethoden und einem gesteigerten Ertrag, zog das Bevölkerungswachstum merklich an. Lag der Ertrag an Weizen pro Hektar bis 1500 noch bei 0,5 Tonnen, so stieg dieser bis 1800 auf 1 (Egge, Düngung), bis 1900 auf 1,85 (erste Maschinen), war 1950 noch bei 2,73 (Kunstdünger) und liegt nun um die 7,5 Tonnen [3]. Zudem verbesserte sich das Wissen über Erkrankungen, deren Behandlungsmöglichkeiten und die medizinische Versorgung insgesamt. Auch gewann man langsam bedeutendes Wissen über Ursache und Ursprung von Erkrankungen (Bakterien um 1850, Viren um 1900). Noch vor hundert Jahren lag der Anteil infektionsbedingter Todesursachen bei 40%. Dieser nahm erst ab 1950 merklich ab und liegt mittlerweile bei knappen 3% [4], [3]. Es kann sein, dass wir mittlerweile eine weitere Wachstumsgrenze erreicht haben. Seit 1990 wächst Europa nur mehr langsam und man vermutet, dass in den nächsten 30 Jahren sich die Bevölkerung, durch den Wegfall der starken 50er und 60er Jahrgänge, von derzeit 741 auf etwa 700 Millionen reduzieren wird. Zudem kann man noch nicht abschätzen welche Rolle antibiotikaresistente Keime künftig spielen werden. Derzeit ist jedenfalls ein Anstieg von Todesfällen durch Infektionskrankheiten in der älteren Bevölkerung festzustellen.
Wie stark sich die Lebenserwartung in Europa verändert hat, kann man sehr gut an den schwedischen Daten ablesen (Abbildung 2). Sämtliche skandinavischen Staaten haben bereits sehr früh zentrale Krankheitsregister eingerichtet und zudem wurden deren Staatsgrenzen kaum durch Kriege verändert, sodass man über diese Register sich einen guten Überblick verschaffen kann. Erreichten 1885 nur 75% der im Jahr 1870 geborenen Frauen das Alter von 15 Jahren, so waren dies für den Jahrgang 1900 bereits 84%, 1930 93% und 1990 99%. Eine Familie in Schweden hat somit vor 1900 mindestens ein Viertel aller Kinder verloren.
Was hat sich seitdem alles verändert?
Abbildung 2: Schweden. Entwicklung der Überlebensraten der Geburtsjahrgänge 1870 bis 1990 dargestellt an Frauen. Datenquelle: Statistics Sweden [3].
Um zu verstehen unter welchen Bedingungen man damals aufwuchs, hier einige Textabschnitte (in Originalabschrift) aus einer medizinischen Zeitschrift (Journal) der damaligen Zeit [6]:
„Dem Zwillings - Kind des Tagelöhners Conrad Utzel dahier, ein Mädchen 21 Wochen alt (das Brüderchen starb 9 Tage nach der Geburt an allgemeiner Schwäche; die Kinder wurden nach Aussage der Mutter, die schon einmal Zwillinge, und zwar auch zu früh geboren hatte, von denen auch das eine starb), 6 Wochen zu früh geboren, ohne dass die Frau eine Ursache hiervon hätte angeben können, war sehr klein und schwach, so zwar, dass man schon gleich nach der Geburt durchaus an dem Aufkommen desselben verzweifelte.“
„Patientin hat noch 4 Kinder am Leben, eben so viele starben in der Jugend, der jüngste noch lebende Sohn ist 32 Jahr alt; sie verlor im 52sten Jahre ihre Menstruation und war weder vor der Cessation der Catamenien, die im 69sten Jahre mehrmals doch unregelmässig wieder erschien, noch nachher bedeutend krank, hatte auch nie über andere Beschwerden geklagt, als über Neigung zu Obstruktionen, wogegen sie abführende Pillen zu nehmen gewohnt war.“
„Der Kreisphysikus Dr. Comes wurde von seinem Kreiswundarzte gebeten, ihm bei einer schweren Zangengeburt beizustehn; beide mit der Hebamme und mehreren Umstehenden hörten das Kind in der Zange während einer Viertelstunde ungefähr sechsmal laut weinen. Mutter und Kind blieben gesund. (1833)“
„Brown 1824 berichtet von einem Kinde, dem 206 Spulwürmer abgegangen waren und welches starb. Bei der Section fand man noch 17 im Darmcanal.“
„Ulrich 1826 zu Coblenz berichtet von einem 12jährigen scrofulösen Mädchen, die in 4 Wochen 900 Stück Spulwürmer durch den Stuhl ausgeleert habe.“
„Die Ehefrau des Friedrich Becker zu Veckerhagen kam mit ihrer 5 Jahr alten Tochter Karoline zu mir, um gegen die vor 5 Wochen begonnene, sich immer mehr verschlimmernde Krankheit derselben, bei mir Hülfe zu suchen. Ein alter Empiriker hatte das Uebel anfänglich für ein Nervenfieber erklärt und dagegen einige Arzneien verabreicht. Als diese keine wohlthätige Wirkung thaten, hielt er das Uebel für Erkältung und gab wahrscheinlich Schweiss treibende Mittel dagegen. Doch auch diese hatten keinen günstigen Erfolg. Desshalb gingen die Eltern nicht weiter zu ihm, und gaben dem Kinde, auf den Rath anderer Leute, Wurmmittel, durch welche auch einige Würmer abgetrieben wurden; ohne dass jedoch- der Gang der Krankheit dadurch gebessert wurde. Denn es stellte sich bald darauf ein Durchfall ein und gegen die 5te Woche der Krankheit Erbrechen. Der Durchfall hielt Tag und Nacht an. Das Erbrechen erfolgte, so oft das Kind etwas zu sich nahm, besonders nach dem Genusse von Kaffee. Das Aussehen des Kindes war blass, das Angesicht eingefallen, der ganze Körper abgezehrt; um die Augen zogen sich blaue Kreise. Der Bauch war hart und gespannt. Das Kind hatte Schmerz am ganzen Körper, doch vorzüglich im Unterleibe, in den Armen und Beinen. Dazu gesellte sich ein schlafsüchtiger Zustand und eine solche Unempfindlichkeit, dass das Kind die Fliegen, welche sich auf das Angesicht setzten, ruhig sitzen liess. Die Schmerzen waren des Abends am stärksten. Meine Heilbemühungen begannen mit zwei Clystiren aus einem Aufgusse von Chamillenblumen, worin Stärkemehl aufgelöst worden war. Schon hiernach verminderte sich der Durchfall. Einige Pulver aus gleichen Theilen Ipecacuanha, Calomel und Opium wurden dem Kinde schwer beigebracht, und wenn sie ihm auch glücklich beigebracht worden waren, wieder weg gebrochen. Zum Getränk wurde ihm Haferschleim gereicht; welcher gewöhnlich bei ihm blieb. … Aber das Erbrechen wollte sich noch nicht verlieren. Auch wurden einige Mal sehr lange, dicke Spuhlwürmer ausgebrochen. Dessen ungeachtet liess das Erbrechen noch nicht ganz nach, obwohl das Kind wieder munterer und zugleich unartiger wurde. Beiläufig erzählte mir die Mutter, dass sie dem Töchterchen während dieser Krankheit zuweilen einen Theelöffel voll Branntwein gegeben hätte, wonach es sich alle Mal etwas besser befunden habe. Jetzt verlange es wieder nach Branntwein, indem es unaufhörlich spräche, ob sie noch keinen Branntwein geholt hätte. Ich rieth ihr, ohne Bedenken dem Verlangen des Kindes Genüge zu leisten, um so mehr, als man ihm keine Arzneien beibringen konnte, und liess ihm alle zwei Stunden einen Theelöffel voll geben. … Nach der Zeit erholte es sich über die Massen, bekam wieder runde Glieder und volle Backen, und lebt noch.“
Echte nutzbare Erkenntnisse zu Medizin und Hygiene gab es erst ab dem 18. Jahrhundert. Zu jener Zeit wurde noch in Ärzte und Wundärzte (Chirurgen) unterschieden. Ärzte hatten ein Uni-Studium zu absolvieren, Wundärzte hingegen wurden handwerklich ausgebildet; Barbier (heute Friseur), Bader (heute Bademeister). Wusste der eine theoretisch Bescheid, so legte der andere Hand an und flickte Verwundete, riss Zähne oder kümmerte sich um Aderlässe. Grund für diese Trennung um 1200 war die klerikale Angehörigkeit vieler Ärzte. Diese hatten moralische Bedenken, da chirurgische Eingriffe oft tödlich endeten und es galt das Verbot chirurgischer Praktiken für Ärzte. So kam es, dass bei einem operativen Eingriff der Arzt die Aufsicht hatte und der Chirurg auf dessen Anweisung den Eingriff vornahm. Auch Impfungen wurden zunächst fast ausschließlich von Wundärzten vorgenommen. Diese konnten sich hierdurch ein gutes Zubrot verdienen.
Die wesentlichen Errungenschaften in Zusammenhang mit Infektionskrankheiten lassen sich chronologisch wie folgt skizzieren: 1663 erste intravenöse Injektion, 1721 erste öffentliche Inokulation in England (Pocken), 1774 erste kontrollierte Vergleichsstudie (Skorbut und Zitrusfrüchte), 1796 erste Impfung mit Nachweis der Wirksamkeit, 1800 Aufkommen des Hygienebewusstseins, 1842Hygiene (Kanalisation New York), 1854 Entdeckung Cholera-Erreger, 1861medizinische Hygiene (Prophylaxe des Kindbettfiebers), 1879 erster gezielt hergestellter Totimpfstoff (Cholera), 1893 Entdeckung Penicillin (Wert blieb unerkannt, wiederentdeckt 1928, erste Behandlung 1941), 1897 erste hergestellte Arzneimittelsubstanz (Acetylsalicylsäure, Aspirin), 1906 Entdeckung Pockenvirus, 1910 erstes Antibiotikum (Arsphenamin), 1927 Vitamin C, 1935 Sulfonamide gegen bakterielle Infektionen, 1941 erste Penicillin Behandlung, 1948 erster starker Entzündungshemmer (naturidentisches Cortison), 1953 DNS, 1956 Einwegspritze, 1957 Interferone, 1958 Erstes Glycopeptid-Antibiotikum, 1960 erstes Immunsuppressivum (Azathioprin), 1973 erster genetisch modifizierter Organismus (Bakterium), 1979 erstes antiviralesArzneimittel, 1980 Welt pockenfrei, erstes Medikament gegen die tropische Wurmerkrankung Bilharziose.
Die Auswirkungen von verbesserter Hygiene und hygienischen Verhältnissen, wie beispielsweise Kanalisationen, die zunehmend besser werdende medizinische Versorgung, das Wissen über Infektionskrankheiten, Schutzmaßnahmen, Impfungen, sowie die Entwicklung von Arzneimitteln hat die Bevölkerungsentwicklung nachhaltig beeinflusst. Auch hierzu kann man an den schwedischen Daten einiges ablesen, die nachfolgend kurz dargestellt werden. Hierbei ist anzumerken, dass die Entwicklung in anderen Ländern zwar ähnlich aber nicht zwangsläufig gleich war.
Zeitreihen sind nicht jedermanns Sache. Enthalten sie zudem Periodizitäten (regelmäßige zeitliche Wiederholungen), dann haben selbst Fachleute Schwierigkeiten diese vernünftig zu lesen. Aus Abbildung 3 kann man beispielsweise noch recht einfach ablesen, dass sich die Bevölkerung über einen Zeitraum von etwa 250 Jahren mehr als verfünffacht hat (1750 2 Millionen, 2017 10 Millionen). Dieses Wachstum zusammen mit der Geburts- und Sterberate zu beurteilen, ist schon wesentlich schwieriger. Man kann noch leicht erkennen, dass die Sterberate vor 1850 sehr variabel war mit sporadischen Ausreißern nach oben. Hernach beginnt sie abzunehmen und verliert gleichzeitig auch an Variabilität. Die Geburtsrate war bis 1875 mehr oder weniger gleichbleibend, war zwar ebenfalls variabel aber anders.
Abbildung 3: Die Bevölkerungsentwicklung Schwedens von 1750 bis 2017 mit Geburts- (rot) und Sterberate (grau) auf 1.000 Einwohner (Rohraten). Der Rückgang der Sterblichkeitsrate um etwa 30% zwischen 1750 und 1850 hat bei mehr oder weniger gleichbleibender Geburtenrate bereits zu einer Verdoppelung der Bevölkerung geführt. Einzelne Epidemien führten vor 1850 noch zu einer großen Anzahl an Todesfällen und waren hauptsächlich der Ruhr (Durchfall durch Bakterien), den Pocken und Typhusinfektionen (Bakterien der Gattung Salmonella Typhi) geschuldet. Datenquelle: Statistics Sweden.
Abbildung 4 ist für die Beurteilung hilfreicher. Sie zeigt die Geburten im Verhältnis zu den Todesfällen. Durch diesen relativen Vergleich kann man die Dynamik besser beurteilen, verliert jedoch die Orientierung am absoluten Niveau. Deshalb sind beide Darstellungen wichtig.
An der relativen Darstellung erkennt man, dass vor 1800 bei einer Epidemie (Ausbruch einer Infektionskrankheit, die weite Teile der Bevölkerung trifft) die Anzahl an Todesopfern in einem Jahr oft größer als jene der Geburten war (Zacken nach unten). In solchen Jahren wurde die Bevölkerung somit deutlich dezimiert. Das wohl schlimmste Jahr für Schweden (seit den Aufzeichnungen) muss das Jahr 1773 gewesen sein. Die Ruhr hatte bereits seit 1772 gewütet und zu den Todesfällen aus diesem Jahr kamen dann 1773 nochmals über 105.000 hinzu, sodass schlussendlich mehr als 70.000 Personen fehlten (Geburten mit eingerechnet). Stockholm hatte um diese Zeit ebenfalls ca. 70.000 Einwohner. Daran erkennt man die Tragweite von Infektionskrankheiten. Schweden wurde oft von Pocken, der Ruhr (Dysenterie) und Typhus heimgesucht, sodass der Bevölkerungszuwachs zwar positiv aber rückläufig war. Dieser Zeitraum wurde in der Abbildung - zur besseren Sichtbarkeit - rötlich hinterlegt.
Abbildung 4: Verhältnis der Geburten zu Todesfällen (orange) mit Glättung (rot) und Rauschen aus Wavelet-Analyse (grau). Die einzelnen Buchstaben bezeichnen die jeweiligen Epidemien: C Cholera, D Diphterie, I Influenza, M Masern, P Pocken, R Ruhr, T Typhus. Gibt es in einem Jahr gleich viele Geburten wie Todesfälle, so beträgt das Verhältnis 1 (blaue Linie). Liegt das Verhältnis darunter, so überwiegen die Todesfälle und umgekehrt. Datenquelle: Statistics Sweden und [3].
Typhus und Ruhr-Ausbrüche sind Zeichen mangelnder Hygiene und schlechter Trinkwasserqualität und das Auftreten dieser Erkrankungen hat sich nach 1810 deutlich reduziert. Auch die Pocken traten zunächst nur mehr vereinzelt auf, da man in Schweden bereits früh mit der Pockenimpfung begann (1801, verpflichtend ab 1816). Die Inokulation hingegen - Vorstufe der Impfung im 18. Jahrhundert, auf die später noch genauer eingegangen werden wird - wurde in Schweden erst seit 1766 praktiziert und sehr zögerlich eingeführt, sodass den Pocken hierdurch kaum Einhalt geboten werden konnte (Ausbrüche 1779, 1784, 1795, 1800).
Der grünlich hinterlegte Bereich zeigt einen Abschnitt verstärkten Wachstums. Zudem nimmt die Variabilität langsam ab (erkennbar auch am Rauschen im Bild unten). Nahrungsangebot und die hygienischen Verhältnisse bessern sich, sodass Ruhr und Typhus kaum mehr auftreten. Cholera, die in Europa erst ab 1830 überhaupt vermehrt auftrat, wurde in Schweden ab Mitte des 19. Jahrhunderts bemerkbar. Erst durch den Bau von Kanalisationen ab 1860 (neu errichtete Siedlungen, Sanierung Altbestände) konnte ihr dann Einhalt geboten werden.
Der zunehmende Kinderreichtum und die dichtere Besiedelung führten nun aber vermehrt zum gehäuften Auftreten von Kinderkrankheiten wie Masern, Mumps, Keuchhusten, Scharlach oder Diphterie (Tabelle 1). Die Windpocken gab es damals ebenfalls, wurden aber oft für Pocken oder Masern gehalten und zwischen Röteln und Masern wurde grundsätzlich noch nicht unterschieden. Die Poliomyelitis hingegen gab es in dieser Zeit noch nicht.
Tabelle 1: Schweden: Erkrankungs- und Todesfälle ausgewählter Jahre zwischen 1861 bis 1870, sortiert nach Letalität. Masern und Mumps galten zu jener Zeit als unproblematisch. Sie traten zwar gehäuft auf, waren aber aufgrund der niedrigen Letalität (Sterblichkeit an der Erkrankung) kaum gefürchtet. Quelle: Sveriges Officiella Statistik. Hälso- och sjukvården 1870.
Ab 1830 kam es wiederum zu Häufungen von Pockenfällen und man erkannte, dass eine Impfung keinen lebenslangen Schutz gewährt, sodass eine Zweitimpfung nötig wurde. Dies war einer der ersten Rückschläge der staatlichen Impfpflichten, da das ursprüngliche Versprechen eines lebenslangen Schutzes, somit nicht mehr haltbar war.
Mit Beginn des 20. Jahrhunderts, änderten sich die Lebensverhältnisse gänzlich. Die zunehmende Industrialisierung, Urbanisierung, Reduktion der Krankheitslast und die gesteigerten Einkommen förderten ein neues Bewusstsein, das jedoch durch zwei Kriege je unterbrochen wurde. Man kann aber bereits ab 1925 einen Übergang in eine neue Art von Bevölkerungswachstum erkennen (orange hinterlegt, Abbildung 4). War früher hauptsächlich das Nahrungsangebot und das Auftreten von Erkrankungen bestimmender Faktor für das Bevölkerungswachstum, so sind dies nun hauptsächlich wirtschaftliche und gesellschaftliche Faktoren. Die Babyboomer-Jahre der 50er, 60er, aber auch der 90er und 2010er zeugen davon und das Rauschen im Bild (grau) ist ab den 70ern kaum mehr feststellbar. Die periodischen Schwankungen folgen somit gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Faktoren und werden kaum mehr durch das zufällige Auftreten von Krankheiten beeinflusst.
Abgesehen davon, dass man aus Verlaufsdaten einiges abgelesen kann, gibt es noch einen wichtigen Punkt. Es wird hier eine Bevölkerung beurteilt. Das Individuum spielt dabei nur insofern eine Rolle, als dass es Teil von einem Ganzen ist. Ob in einem Jahr nun 59.325 oder 59.237 Todesfälle gezählt werden (0,1% Unterschied), spielt absolut keine Rolle. Für den Einzelfall hingegen macht dies sehr wohl etwas aus, denn man könnte ja einer dieser Todesfälle gewesen sein. Es hängt also immer davon ab, aus welcher Perspektive man Dinge betrachtet und für wen Aussagen gelten sollen. Dieser Sachverhalt wird später, bei der Darstellung der Impfdebatte, nochmals aufgegriffen.
Dass man eine Pockenerkrankung durch Einritzen von Material aus den Pockenpusteln oder Einsaugen/Einschnupfen von Pockenschorf in die Nase in abgeschwächter Form vorwegnehmen kann, war laut Überlieferungen bereits in China bekannt (Song Dynastie 590 n.Chr.) [7], [35]. Die erste genauere medizinische Beschreibung der Pocken findet sich in einer persischen Schrift von Rhazes um 900 n.Chr. Wann und wie die Pocken aus Asien über den Orient nach Europa eingeschleppt wurden, ist nicht genau bekannt. Erste Berichte, die eindeutig auf die Pocken schließen lassen, gibt es ab dem frühen Mittelalter und was die Pocken alles anrichten können, sah man bereits an den Ausbrüchen in Amerika mit bis zu 8 Millionen Todesfällen 1519/1520 in Mexiko. Die ersten Pockenstatistiken wurden in Genf 1580 und London 1610 angelegt [7]. Um diese Zeit begann in Europa die flächendeckende Verbreitung der Pocken, gewannen an Intensität und wurden in den Folgejahren zunehmend zu einem Problem.
Man wusste damals noch nichts von Viren, stellte nur fest, dass die Erkrankung von Zeit zu Zeit gehäuft auftrat (je nach Besiedelungsdichte alle 5-20 Jahre), dass es schwere und mildere Verläufe gab und dass man - einmal erkrankt - nicht ein zweites Mal daran erkranken würde. Heute wissen wir, dass in Europa zwei Arten von Menschenpocken auftraten. Die gefährlicheren wurden vom Virus Variola major (echte Pocken) verursacht (Sterblichkeitsrate 10%-50% je nach Stamm). Weniger gefährlich war das Virus Variola minor, auch weiße Pocken genannt, mit einer Letalität um die 1% bis 5%.
Betroffen waren alle Gesellschaftsschichten und es gab bald auch Erkrankungen und Todesfälle unter berühmten Persönlichkeiten. Erwähnt seien lediglich die Erkrankungen von Mozart, Goethe, Kaiserin Maria Theresia und die Todesfälle von Edward VI (1553), Zar Peter II (1730) und Ludwig XV (1774). Da oft ganze Thronfolgen durch Erkrankungsfälle zunichte gemacht wurden, waren die Pocken unter Adeligen besonders gefürchtet. Zudem wurde so manches Gesicht durch Pockenarben entstellt, was bei Frauen am Hofe - aber auch sonst - nicht gerade gut ankam.
Der erste genaue Bericht über die Vorgangsweise bei der Inokulation wurde 1714 vom griechischen Arzt Timoni, der in Oxford ausgebildet wurde, publiziert („An Account or History of the Procuring the SmallPox by Incision, or Inoculation; as it has for some time been practised at Constantinople"). Er zeigte darin auf, wie in Konstantinopel bereits seit einiger Zeit Menschen mit Pocken inokuliert wurden. In einer Übersetzung ist zu lesen [7]: „Man nehme flüssigen Blatternstoff von einem Falle diskreter Pocken, mische diesen mit dem Blute einiger leichter Stichwunden, die mit einer dreikantigen chirurgischen Nadel am Ober- oder Vorderarm angelegt würden, und bände zum Schutz eine Walnussschale über die Operationsstelle. Es folge dann eine sehr leichte Erkrankung, bei der die Inokulierten sich kaum unwohl befänden.“
Erstaunlich ist, dass diese Inokulation nur eine leichte Erkrankung auslöste, denn wie man später an Masern mit dem gleichen Verfahren testete, kam es dort immer zur vollen Erkrankung. Offenbar lief bei den Pocken die Vermehrung des Virus bei Inokulation verlangsamt ab, sodass das Immunsystem ausreichend Zeit fand, um gegen dieses vorzugehen.
Weitere Detailberichte folgten (1715 Arzt Peter Kennedy Schottland, 1716 Arzt Pylarini Venedig), wurden lebhaft in London diskutiert und die Frau des britischen Botschafters Lady Mary Wortley Montagu ließ 1718 in Konstantinopel, unter Beobachtung des Wundarztes Maitland, ihren Sohn mit Erfolg inokulieren. Nach ihrer Rückkehr nach London wurde 1721 ihre Tochter dann durch Maitland selbst inokuliert. Der Erfolg erweckte das Interesse der Prinzessin von Wales, die zuvor ihre Tochter durch die Pocken verloren hatte. König Georg I. ordnete deshalb weitere Versuche an (7 zum Tode verurteilte Personen, 11 Waisenkinder und einige weitere Personen), die alle ohne Schaden verliefen, sodass 1722 der königliche Leibarzt Sloane die Enkelinnen des Königs und die beiden Prinzessinnen Amalia und Carolina durch einen Wundarzt inokulieren ließ. Der günstige Verlauf ermutigte in Folge zahlreiche weitere Adelsfamilien zur Inokulation. Dies führte aber bald darauf zu den ersten Opfern. Der 2-Jährige Sohn des Earl of Sunderland und der 19-Jährige Diener des Lord Bathurst verstarben beide kurz nach der Inokulation, sodass auch Vorbehalte aufkamen und die Verbreitung der Methode nur langsam vorankam (bis 1729 vermutlich um die 900 Inokulationen in England).
Das Interesse für die Inokulation war aber nach wie vor ungebrochen und schon bald war das Lager in Befürworter und Gegner aufgespalten.
Damit begann die nun schon seit 300 Jahren anhaltende Impfdebatte.
Impfungen und die Debatte darüber sind untrennbar miteinander verbunden. Es gilt sicherzustellen, dass Impfungen wirksam und sicher sind, sodass sie allgemein empfohlen werden können. Zudem ist auch die Dauer des Impfschutzes von Belang.
