Die Insel - Peter O. Chotjewitz - E-Book

Die Insel E-Book

Peter O. Chotjewitz

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Beschreibung

Was ist das für ein Buch? Ein «richtiger» Roman im guten alten Sinne oder eine phantastische Parodie auf ihn? Ist es eine Montage aus den Müllgebirgen der Sprache, die die Konsumgesellschaft täglich auftürmt, das Wortungeheuer einer romantisch zügellosen Phantasie, oder der Roman einer Stadt unter den Bedingungen des Kalten Krieges, von dessen Ende man die Bewohner zu benachrichtigen vergessen hat?

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EPUB

Seitenzahl: 481

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Peter O. Chotjewitz

Die Insel

Über Peter O. Chotjewitz

Über dieses Buch

Inhaltsübersicht

Fangen Sie heute ...Erstes KapitelEinleitungScheherazadeOder TunfischEin Urlaub auf dem Bärenauge, erster TagDer samtene Conon Molody, RomanWie es ist auf dem BärenaugeVorstellung einiger Personen des Romans Die Insel – Erzählungen auf dem Bärenauge von Peter O. Chotjewitz aufgrund dessen, was das ist, was gewesen ist, in letzter Zeit auf dem BärenaugeIm Herbst vorigen Jahres, RomanZweites KapitelDie Fahrt zum BärenaugeScheherazadeAbermalige Charakterisierung einiger Personen des BuchesEin Lied der Bewohner auf dem BärenaugeOder TunfischWie es ist auf dem BärenaugeEin Brief für RottenkopfHeuteDrittes KapitelCafé ColonWie es ist auf dem Bärenauge für sechzig Pfennige und mit Bild, am Sonntag, dem 21. MaiOder TunfischEin Brief für RottenkopfDer samtene Conon Molody, RomanIm Herbst vorigen Jahres, RomanEin Höhlenmensch auf dem BärenaugeWie es ist auf dem BärenaugeIm Herbst vorigen Jahres, RomanHier ist wieder ein Brief für RottenkopfDas Ankommen auf dem BärenaugeViertes KapitelDie Fahrt zum BärenaugeAgar, König der WüsteIm Herbst vorigen Jahres, RomanEin Urlaub auf dem Bärenauge, zweiter TagZwischendurchHeuteTunfischDer samtene Conon Molody, RomanWie es ist auf dem BärenaugeDas Ende des gestrigen Tages. Versuch einer Erneuerung der literarischen Gattung der NovelleFünftes KapitelDie Fahrt zum BärenaugeIm Herbst vorigen Jahres, RomanOder TunfischIm Herbst vorigen JahresDas Märchen vom Aschenputtel und der bösen StiefmutterEin Brief für RottenkopfCannabis IndicaRottenkopf aberOder TunfischIm Herbst vorigen Jahres, RomanJamaisDer samtene Conon Molody, RomanDas Programm des StaatsbesuchersJamaisSechstes KapitelDie Fahrt zum BärenaugeIm Herbst vorigen Jahres, RomanOder TunfischScheherazadeEine Episode aus dem Leben des StaatsbesuchersAus der Vorgeschichte des BärenaugesHeuteEin Brief für RottenkopfAnmerkung betreffend den Namen, David Araez, des Verfassers des vorstehenden BriefesIm Herbst vorigen Jahres, RomanIm Herbst vorigen Jahres, RomanFrau Hübscher geht vorbei und herein weht ein Hauch von SodomieDer Ofen, Roman VorwortDer Ofen, RomanEin Urlaub auf dem Bärenauge, dritter TagEin Brief für RottenkopfEiner von 52 Sonntagen auf dem BärenaugeSiebentes KapitelDie Fahrt zum BärenaugeIm Herbst vorigen Jahres, RomanDer Ofen, RomanEines Tages sagte der Trompeter vom Heimat, einem stadtbekannten Lokal auf dem BärenaugeIm Herbst vorigen Jahres, RomanDer samtene Conon Molody, RomanEin Brief RottenkopfsAchtes KapitelMarijuanaIm Herbst vorigen Jahres, RomanEin Mann namens TunfischDer Ofen, RomanEin Brief für RottenkopfWie kommt nun aber all das Streiten, Sichauseinandersetzen, aufs Bärenauge?Neuntes KapitelDie Fahrt zum BärenaugeIm Herbst vorigen Jahres, RomanDas Ende des gestrigen Tages, Versuch einer Erneuerung der literarischen Gattung der NOVELLEEin Gedicht des bekannten ortsansässigen Dichters auf dem BärenaugeEin Urlaub auf dem Bärenauge, 4. TagIm Herbst vorigen Jahres, RomanDer samtene Conon Molody, RomanKleine Beschreibung Rottenkopfs im Laufe der JahreZehntes KapitelEinleitungIm Herbst vorigen Jahres, RomanEin Mann namens NagelDer Ofen, RomanEin Tag wie ein Tag auf dem BärenaugeIm Herbst vorigen Jahres, RomanDer Ofen, RomanIm Herbst vorigen Jahres, RomanWie es ist auf dem Bärenauge, mit Bild, am Sonntag, dem 11. Juni, für ein paar PfennigeDer samtene Conon Molody, RomanEin Brief RottenkopfsElftes KapitelKifEin Urlaub auf dem Bärenauge, 5. TagWarum soll nicht gesagt werden, was geschieht? Eine Frau sitzt und wartet!ScheherazadeIm Herbst vorigen Jahres, RomanDer Ofen, RomanDerzeitiger Stand von Rottenkopfs KrankheitZwölftes KapitelDie Abreise vom BärenaugeScheherazadeIm Herbst vorigen Jahres, RomanEin Mann namens NagelKaleuIm Herbst vorigen Jahres, RomanHommage à Henry Tompson, Auszüge aus einem RomanDreizehntes KapitelSchittScheherazadeDerzeitiger Stand von Rottenkopfs KrankheitEin Brief RottenkopfsIm Herbst vorigen Jahres, RomanEin Mann namens NagelDie Chance des Poeten und seiner WerkeDer samtene Conon Molody, RomanEin Brief für RottenkopfWie es ist auf dem BärenaugeÜber das tägliche Leben der Bewohner auf dem BärenaugeEin Monolog Rottenkopfs vor leeren RängenMottoVierzehntes KapitelIm Haupteck ist vor allem SamstagEin Mann namens NagelIm Herbst vorigen Jahres, RomanDas tägliche Leben auf dem BärenaugeZwerge mit riesigem GewichtNoch ein Sonntag auf dem BärenaugeIm Herbst vorigen Jahres, RomanIm Herbst vorigen Jahres, RomanEin Mann namens NagelZwischendurchEin Urlaub auf dem Bärenauge, 6. TagÜber die Liebe auf dem BärenaugeMein BabyEinige der wichtigsten Worte mit LiebeDer samtene Conon Molody, RomanHeuteFünfzehntes KapitelIm Haupteck ist vor allem SamstagScheherazadeIm Herbst vorigen Jahres, RomanEin Mann namens NagelEin Brief für RottenkopfIm Herbst vorigen Jahres, RomanDie Abreise vom BärenaugeDas tägliche Leben der Bewohner auf dem BärenaugeEin Gedicht des bekannten ortsansässigen DichtersEin Mann namens NagelIm Herbst vorigen Jahres, RomanIm Herbst vorigen Jahres, RomanEin Brief RottenkopfsHeuteSechzehntes KapitelHaschischEin Mann namens NagelDies ist die genaue Aufzählung der Vorzüge Bettinas wie sie sich selber siehtDerzeitiger Stand von Rottenkopfs KrankheitIm Herbst vorigen Jahres, RomanEinige Erfindungen Tunfischs für seine Mitmenschen, die Bewohner auf dem BärenaugeDas Ende des gestrigen Tages, ein Beitrag zur Erneuerung der literarischen Gattung der NovelleDas tägliche Leben der Bewohner auf dem BärenaugeEin Brief für Sie, Herr RottenkopfDer samtene Conon Molody, RomanSiebzehntes KapitelIm Haupteck ist vor allem SamstagEinige Sätze auf dem Bärenauge zu sprechenEin Mann namens NagelIm Herbst vorigen Jahres, RomanScheherazadeSebastian Rottenkopf stirbt schon wiederEin Urlaub auf dem Bärenauge, 7. TagWarumAchtzehntes KapitelDie Abreise vom BärenaugeNekrologInhaltsverzeichnis

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Erstes Kapitel

Einleitung

Diese Aufzeichnungen von einer Reise Sebastian Rottenkopfs stammen aus dem Frühjahr 1962. Vielleicht deshalb werden sich einige der beschriebenen Erscheinungen mit der Wirklichkeit nicht mehr decken. Vielleicht haben sie sich nie mit ihr gedeckt.

Von seiner nächsten Reise werde ich Rottenkopf, statt der Beschreibung von Landschaften, Städten, Häusern, Menschen, Tieren etcetc, Bierfilze und Kieselsteine, Servietten und Urinproben, Kaufmannsrechnungen und klimatische Daten, Zeitungsausschnitte und Schnapsflaschenetiketten, vor allem aber das unvermeidliche Photoalbum, an dem sich die Phantasie entzündet, mitbringen lassen und diese Gegenstände, so wie sie sind, dem Leser überreichen: mit der Bitte, sie sich selbst zu beschreiben. Mit der Bitte, sich eine eigene Literatur anzufertigen. Warum noch am Prinzip der Arbeitsteilung zwischen Künstlern und Menschen festhalten?

 

Dennoch, auch diesmal wieder. Ich fuhr los voller dummer Einfalt, ohne Kursbuch oder erkennbare Aussichten, planlos wie immer, und im ersten Fahren hielt ich es schon für ein gutes Zeichen, daß dies die Fortsetzung einer Reise zu sein schien, mit deren Beschreibung ein Abschnitt meines Lebens zu Ende gegangen war. Die Feststellung begeisterte mich so, daß ich stehen und liegen ließ, was ich hatte, ich will es nicht aufzählen, und im Schrank zum Sucher nach eigenen Autographen wurde. Fünfunddreißig Seiten eines letzten Kapitels herausriß, auf denen sich befanden: Aufzeichnungen von einer Reise, und auf den unbeschriebenen Rückseiten begann:

Aufzeichnungen von einer Reise. Da aber hieß es: sie dreht sich wieder, Jimmy the Pigfoot, Land of Thousand Dances, und ist schon so abgespielt und dünngeschliffen, daß man die Rückseite durchzuhören meint: Die immergrüne Literatur. Ist das Papier kräftiger, so wirkt sie neu, aber ich weiß, es ist rückseitig schrecklich beschrieben. Ist es dünner oder war das vorige Farbband sehr kräftig und frisch, so wird das Manuskript hermaphroditisch: ich fahre, ich fahre, ich fahre, ich fahre.

Scheherazade

Als aber wieder einmal der große unheimliche Flötenspieler anblies und Rottenkopf verträumt und ganz unauffällig zum Bärenauge griff und Bettina Sebastian Schwein und Scheich schimpfte und sich beschwerte, daß er sie nicht als Dame behandelte und ihn ganz und gar unfein nannte und die Knie an den Bauch nahe heranzog, sodaß sie etwa in Höhe von Rottenkopfs Zwerchfell zu liegen kamen und ihn drückten und der nächste Sexualmord nahe war und Bettina an Scheherazade dachte, die eine belesene und vielgebildete Frau war, emanzipiert und mit einer Bibliothek von vielen hundert Büchern und Schriftrollen und daran dachte, wie die es gemacht hatte, um ihren Sultan vom Bärenauge abzuhalten, denn das war es doch immer worum es ging, und Rottenkopf haushoch überlegen war und ihn mit Geschichten quälte und ihn aufforderte, aufzuhören, ihre Knie herunterzudrücken, vorausgesetzt, daß er sie nicht morgen früh vor dem Aufstehen umbringen wollte und die Geschichte also lautete: So lange Sebastian Bettina nicht berührt hatte, war ihre Kraft ungebrochen, wie man am Brünhildenmythos sieht und ihr Leben war sicher; so lange Bettina Rottenkopf aber in tausend und eine Geschichte oder ein paar weniger verwickeln konnte, war sie auch vor Berührungen sicher und Rottenkopf nicht konsequent genug war und zum tausendsten Male Worte und Gesten zu produzieren begann, die Scheherazade ganz einhüllen sollten, damit er, wenn sie pflaumig neben ihm lag, sie vernaschen konnte und abermals von Sebastian als einem Mensch gewordenen Drachen von der Art, wie sie über Theben zu lungern pflegten, die Rede war: sie verlangten in regelmäßigen Abständen mit frischen Jungfrauen gefüttert zu werden, King Kong und die weiße Frau oder der Lindwurm, der Ödipus Unglück gebracht hat

 

und darüberhinaus von Drachen und Dichtern als den Fetischen der Fronherren die Rede war, die sie dem Volk vor die Stadttore und ins Bücherregal setzen und Bettina Rottenkopf inständig anflehte, seine Rolle als Drache der Gesellschaft aufzugeben, so sehr liebte sie ihn, und aufzuhören, nachts an ihr herumzufummeln, tags zu schreiben und unter diesem fadenscheinigen Grund faul herumzuliegen statt mit den Kindern zu spielen, nicht mit ihrem Schamhaar und ihren Brüsten

 

und die Inkonsequenz Rottenkopfs nur darin bestand, daß er nicht Feuer schluckte und in Bettinas Kniekehlen säte, was immer der letzte, ungeeignete Ausweg war und Bettina ihn eine Ausgeburt des Vampyrismus schimpfte und nicht aufhörte zu sagen, wenn ich mich Dir verweigere, so ist das weit mehr, als zu sagen, meine Antibabypillen sind von den Katzen und Mäusen in diesem Loch, das Du als Wohnung bezeichnest, gefressen worden und nun sind sie sexuell enthemmt und ganz und sehr ungebärdig, sondern ein Akt der totalen Opposition, und sie schwor, wenn sie ihn gebessert haben werde, werde die Welt gebessert sein

 

und, Du unterliegst meiner Erzählkraft, sagte, denn die Mythen werden von den Mythen zerstört werden, die Drachen stürzen sich selbst vom Felsen, die Literatur ist ihr eigener Untergang, die Fronherren werden von sich selbst beherrscht, bis sie sich schließlich zugrunderichten

 

und danach von den selben Gegenständen noch einmal in Dialogform mit eingestreuten reflexiven Passagen die Rede war, was inzwischen herausgestrichen wurde, sodaß es niemanden mehr angeht

 

war Rottenkopf schon ziemlich müde und sagte: Also gut, erzähle. So lange Du mir Geschichten erzählst, will ich das Bärenauge in Ruhe lassen und Dir Deine Stärke lassen, wenn Du glaubst, daß es Dich wirklich das Leben kosten könnte und Bettina fing an.

Oder Tunfisch

Tunfisch gab es noch nicht auf dem Bärenauge, als es Rottenkopf noch nicht auf dem Bärenauge gab, aber schon gegeben hatte, denn er war hier geboren und aufgewachsen. Mit dem Fahrrad fuhr Rottenkopf, sagen wir fünfzehn Jahre alt, an dem kleinen See vorbei, in den er einige Wochen zuvor mit dem Fahrrad gefallen war, denn die Straße wies hier eine Kurve auf und er hatte mit zwei anderen Lehrlingen eine Flasche Steinhäger ausgetrunken, den man gerade wieder kaufen konnte.

 

Er fuhr den Berg hinauf, der in die Stadt hinein führte.

Einmal hatte er hier lange mit einem alten Manne gestanden, der ihm zahllose Flurbezeichnungen erklärt hatte. Auf dem Burgberg saß er mit Tunfisch, der eine Flasche Schnaps gestohlen hatte. Tunfischs Vater brannte den Schnaps selber aus Zucker, den die amerikanischen Freunde seiner Tochter mitbrachten. Tunfisch und Rottenkopf richteten es so ein mit dem Pissen, daß sie ins Bad mußten, wenn die Tochter mit einem ihrer Freunde in der Badewanne saß.

Tunfischs Vater saß in den Morgenstunden gelegentlich auf einem Briefkasten und war von Passanten, die zur Arbeit gingen, dort hinauf gesetzt worden und konnte nicht wieder herunter. Rottenkopf bewunderte den Gleichmut, mit dem er die unberechtigte Verachtung seiner Mitbürger, unter die er infolge von Kriegsereignissen geraten war, ertrug. Sie hängten unter das Fenster der Schwestern seiner Frau blutige Damenschlüpfer, weil die Schwestern zu zahllosen Junggesellen und ehemüden Männern der Stadt intime Beziehungen unterhielten, die in einer großen Wohnung durchgeführt werden. Von einem Onkel hatten die drei Mädchen den zusätzlichen Hang zu Alkohol und Giften. Es gab indessen noch eine vierte Schwester, die Lehrerin war und in Hans Israels Gastwirtschaft ihren gutbürgerlichen Mittagstisch einnahm. Erst hatte Hans’ Großvater Selbstmord durch Erhängen auf einem Dachboden verübt, weil bekannt geworden war, daß er mit halbwüchsigen Mädchen Doktor gespielt hatte. Dann war Hans’ Vater ziemlich schnell gestorben. Tunfisch und Rottenkopf waren erst sechzehn Jahre alt, als ihr gleichaltriger Freund bereits eine Gastwirtschaft selbständig betrieb. Das schadete ihrer Gesundheit sehr, denn Hans’ Mutter neigte zum Okkultismus. Einmal stand ein vollbeladener Mistwagen im Tanzsaal im ersten Stockwerk des Hauses und war von den Jungen in seine Einzelteile zerlegt, hinaufgetragen, wieder zusammengesetzt und beladen worden. Häufig wurden, während öffentlicher Tanzveranstaltungen mit dem drei Mann starken Kurorchester Schröder, im Korridor des ersten Stockwerkes vor dem Saal halbwüchsige Mädchen benützt. Auf dem Burgberg saßen sie in der Sonne, tranken heimlich ihren Schnaps und hörten sich unanständige Witze an, die sich einige junge Männer erzählten. Einmal, als sie über den Burgberg gingen, hatte einer der jungen Männer ein Mädchen über einer Bank liegen gehabt und halb auf ihr gelegen. Er winkte ihnen mit ein paar sparsamen Bewegungen zu.

 

Als Rottenkopf in die Nähe seines Elternhauses kam, fiel er mit dem Fahrrad um und blieb wie eine faule Pflaume liegen. Er hatte während der folgenden Tage Schluckauf, wenn es bergan ging und Schwindelanfälle auf hohen Leitern. Rottenkopf und Tunfisch waren damals einmal die Woche betrunken.

Ein Urlaub auf dem Bärenauge, erster Tag

Der Sportler läßt sich in einer Auskunftsstelle beraten, beschafft sich sein Sportgerät, meldet sich in der Fahrschule an und schließt auf einem Bummel erste Bekanntschaft mit dem Bärenauge. Es wird eine Liebe auf den ersten Blick.

Der samtene Conon Molody, Roman

Im Kommissariat einer südwestdeutschen Kreispolizeistation schließt der Inspektor eine nur wenige Blatt starke Akte: Ich glaube wir können den Fall des entführten Professors als abgeschlossen ansehen. Wahrscheinlich ist der Sonderling nur für ein paar Wochen in Urlaub gefahren, ohne irgendjemand Bescheid zu geben. Die letzte Nachricht seiner Tochter, die die Suchmeldung aufgegeben hat, stammt von den Sandwichinseln oder den Azoren.

 

Am Strand von Kingston, Jamaika, bewundern Spaziergänger und Bummelanten ein außergewöhnliches Paar. In ihrer ganzen Schönheit nur ahnbar ist die sonnengebräunte Nacktheit des langbeinigen, hochbusigen Mädchens – ein rassiger, rötlicher Typ, dessen sportlichen Körper ein sparsamer Bikini wie zarter Blütenschmuck ziert. Den herrlichen dunklen Leib des neben ihr im weißen Sand ruhenden Mannes umspielt ein Duft von Männlichkeit und Frische wie eine Brise von Weite und Meer vor dem dämmernden Hintergrund der im Hafen liegenden Schiffe. Große geäderte Eiscubes schaukeln über paprikagefüllten Oliven in trocknen Wodka-Martinis und schlagen von Zeit zu Zeit gegen die mattgrünen Gläser. Eine sehr farbige Zigarettenschachtel liegt zwischen kleinen Muscheln und blankgescheuerten Steinen. Mit dem leuchtendrot geschminkten Zeigefingernagel zeichnet das Mädchen eine verheißungsvolle Linie in den Rücken des Mannes: Mein Name ist Linda und wie heißest Du?

 

Nördlich der immer sonnenbeschienenen karibischen See in Gainesville, Georgia, am Ufer des Chattanooga See, unweit Atlanta, schlagen Bürger der Stadt armstarke, graugesprenkelte Birkenäste zu mannshohen Holzkreuzen zusammen. Im Walde von Jung Kang nicht weit von Nanning wird eine schlitzäugige Spezialtruppe für den nächsten Einsatz geschult.

Wie es ist auf dem Bärenauge

Seine gesetzlichen Einheiten der Länge und Masse sind das Kilogramm und das Meter.

Das Meter ist der Abstand zwischen den Endstrichen des internationalen Ur-Meters bei der Temperatur des schmelzenden Eises. Das Kilogramm ist die Masse des internationalen Kilogramm-Ur-Gewichtes.

Als Ur-Maß gilt der mit dem internationalen Meter-Ur-Maß verglichene Maßstab aus Platin-Iridium, den die internationale Konferenz für Maß und Gewicht uns als nationales Ur-Maß zugewiesen hat.

Als Ur-Gewicht gilt das mit dem internationalen Kilogramm-Ur-Gewicht verglichene Gewichtstück aus Platin-Iridium, das die internationale Generalkonferenz für Maß und Gewicht uns als nationales Urgewicht zugewiesen hat.

Aber: es mißt auch Kilometer, Dezimeter, Zentimeter, Millimeter, Mikron und Millimikron. Es bedeckt Quadratkilometer, Hektar, Ar, Quadratmeter, Quadratdezimeter, Quadratzentimeter und Quadratmillimeter, umfaßt Kubikmeter, Kubikdezimeter, die auch Liter genannt werden, Kubikzentimeter, die man auch Milliliter nennt, Kubikmillimeter, die auch Mikroliter genannt werden, sowie Hektoliter und Zentiliter. Schließlich wiegt es auch Tonnen, Doppelzentner, Hektogramm, Gramm, metrische Karat und Milligramm.

Seine Länge wird von Längenmeßmaschinen vermessen, sein Gewicht ermitteln Waagen verschiedenster Art, sein Raum und seine Masse werden durch Abfüllmaschinen, Schankgefäße und Flaschen festgestellt, die der Überwachung durch die Maß- und Gewichtspolizei unterliegen.

Vorstellung einiger Personen des Romans Die Insel – Erzählungen auf dem Bärenauge von Peter O. Chotjewitz aufgrund dessen, was das ist, was gewesen ist, in letzter Zeit auf dem Bärenauge

Rottenkopf ist eine geradezu lächerlich kleine Minderheit roter, pseudoakademischer Radikalinskis. Tunfisch und Nagel sind eine mehr oder minder rötlich angehauchte Minderheit. Henry Tompson organisiert Krawalle und beschließt selbstherrlich Demonstrationen. Bettina, Rath und Franziska terrorisieren politisch Andersgläubige. Der Autor dieses Buches macht Schlagzeilen in der Presse und beschwört eine Krisis nach der anderen herauf. Das Lokal zur S-Bahn ist ein Tummelplatz linksradikaler Ostkontaktsucher, DDR-Anerkenner und anderer trojanischer Pferde Pankows und Moskaus. Das langhaarige Gesindel auf dem Bärenauge besteht aus Wirrköpfen, die nicht begreifen, daß die Freiheit unteilbar ist.

Rottenkopf und Tunfisch sind ein von allen guten Geistern verlassenes Grüppchen FU-Chinesen, gegen das die Polizei zu Recht eingeschritten ist. Kaleu und Herr Peters sind nur einige wenige Radaubrüder und Rüpel, die nicht wissen, was die Freundschaft des großen Volkes der Vereinigten Staaten von Amerika für das Bärenauge bedeutet. Der Autor dieses Buches ist ein ganz und gar roter Provo. Mike, John, Paul und Edward sind linksradikale Abarten politischer Gammler. Die dicke Wirtin in Gips terrorisiert nicht nur die Stätten der wissenschaftlichen Lehre und Forschung, sondern auch die vorweihnachtlichen Spaziergänger auf dem Kurfürstendamm. Bettina ist ein cleverer Treppenterrier mit starkem Linksdrall. Nagel ist ein vaterlandsloser Morgenthauboy. Rottenkopf ist ein nützlicher Idiot Moskaus. Auf dem Bärenauge wütet der rote Bolschewistenterror. Die Bewohner auf dem Bärenauge lassen sich von roten Provos und Anarchisten terrorisieren. Frau Hübscher und Franz Bausch reagieren mit jämmerlicher Feigheit auf die unverschämten Provokationen prokommunistischer Einpeitscher. Schlagfertige Marktfrauen, sprichwörtlich unerschütterliche Taxifahrer und der bekannte ortsansässige Dichter mit einem rechten Wort zu jeder Gelegenheit vermögen zu diesem Thema mit wichtigen Äußerungen aufzuwarten. Philipp Gerlacher und Herr Goethe sind Flegel, Randalierer und rote Rowdies. Tunfisch ist eine Schande für das Bärenauge. Ein solches Schreckensbild wäre unseren Gründern nicht einmal in ihren schwersten Alpträumen eingefallen.

Im Herbst vorigen Jahres, Roman

Daraufhin entwarf Rottenkopf abermals eine neue Art von Literatur. Er wollte ein Buch ganz aus der Erinnerung und eigenen Anschauung heraus schreiben. Er wollte noch einmal das bekannte Spiel durchspielen: was habe ich im Herbst vorigen Jahres gemacht. Ein Blick in die damaligen Zeitungen, Briefe, die er empfangen hatte, Notizbücher, hätte die Erinnerung erleichtert. Aber nein, das sollte ausgeschlossen bleiben – wenn schon Dichter, dann richtig. Selbst wenn es so weit zurückging, daß er sich an den ersten Herbst seines Lebens erinnern mußte, als er ein Viertel Jahr alt war, wollte er weder herumhören, noch Bücher und Zeitungen lesen. So fing er an: Was habe ich im Herbst vorigen Jahres gemacht, als es wieder einmal Herbst wurde und er den ständigen Zeitablauf wie stets im Herbst besonders bemerkte. Es schien ihm, als könne er aus dem Leben doch eine Einheit und Kontinuität kristallisieren, wenn er sich nur in jedem Augenblick aller vorhergegangenen Augenblicke bewußt war, was natürlich unmöglich war und was er auch niemals versuchte, außer während einiger Augenblicke im Herbst, wenn er spürbar älter wurde.

 

Die Zeit: Es ist siebzehn Uhr zwanzig.

Zweites Kapitel

Die Fahrt zum Bärenauge

Auch am Vortage sind wir gefahren. Wir hatten Gelegenheit, mit einem Manne zu reisen, der an jeder zweiten Kneipe anhielt und offenbar Weinhändler war. Wir waren kaum zwei oder drei Kilometer weit gekommen, als er anhielt, uns an die Theke bat und bestellte. Wir blieben schon hier zu lange, wenn man berücksichtigt, daß wir einen weiten Weg vor uns hatten. Später, nach dem dritten oder vierten Halt, wurde es immer schwieriger, einen Ort zu verlassen. In einer Wirtschaft, die außerhalb jedweden Ortes an der Straße stand, verbrachten wir etwa drei Stunden. Das Haus war einfach gebaut und bestand nur aus einem langgestreckten Raum, dessen letztes Drittel durch eine dünne Wand abgeteilt war. Dahinter wohnte eine vielköpfige Zigeunerfamilie mit ihren Vorräten. Vor dieser Wand stand die Theke. Nur der Raum nahe der Theke wurde von Gästen genutzt. Der übrige Raum war völlig leer. Wenn man eintrat, bestand nicht der Eindruck, eine Wirtschaft zu betreten, ehe im Hintergrund die Theke auftauchte. So weiß und kahl und leer war der Raum. Zeitweise waren wir die einzigen Gäste. Die Kinder bettelten. An einem Ende der Theke stand stundenlang der schäbig gekleidete und doch elegant wirkende kleine Zigeuner und wartete verschmitzt auf eine Möglichkeit, unseren Gastgeber auszurauben. Der gab aber auch aus: zehn bis fünfzehn große Dosen Pfirsiche, Wurstscheiben von einer langen, dicken Wurst, Hände voll schwarzer Oliven, pfundweise getrockneten Schinken, unzählige Gläser Rotwein. Er besaß eine große Brieftasche, die er von Zeit zu Zeit hervorholte, um zu bezahlen, wobei zahllose Scheine sichtbar wurden. Die Zwischenabrechnungen, auf denen die Wirtin bestand, dienten dazu, alles mehrfach bezahlt zu bekommen.

 

Es gab keine Toilette. Wenn einer von uns den Raum verließ, um sein Wasser zu lassen, gab es schreckliche Zusammenbrüche, die der Wechsel von hell und dunkel, heiß und kalt, hervorrief. Sie waren unnachahmlich und nicht simulierbar. Das Werk der Zerstörung der Sonne an einem Nordeuropäer hat große Schönheit. Meine Frau wurde von der Wirtin mehrmals einige zehn Meter vom Lokal weggeführt unter einen niederen, steinernen Brückenbogen, wo sich Fäkalien in den verschiedenen Stadien der Verwesung befanden. Im Lokal griff der kleine Zigeuner für die Zeit der Abwesenheit seiner Frau in die Kasse. Einen Mann wie ihn läßt man besser nicht an die Schank.

Als wir das Lokal doch noch verließen, war die Reise fast schon beendet. Die Landschaft war unwirklich oder zumindest unirdisch. Die Felder im grellen Licht, das Fehlen von Schatten, die Empfindung, alles klar und doch durch eine verzerrende Scheibe zu sehen, ließen uns von uns selbst abwesend erscheinen. Ich war froh, daß wir nach einigen Kilometern unsicherer Fahrt in einem Lokal direkt an der Straße haltmachten, wo ich in der Dämmerung des kühlen Raumes einige Teile von mir wiederzufinden meinte.

Das Lokal befand sich außerhalb jedweden Ortes, stand aber rechts an der Straße. Auch war der Mann, der der Wirt hätte sein können, kein Zigeuner. Frau und Kinder waren ebenfalls nicht im Raum. Aber im übrigen glichen die beiden Lokale einander und auch was wir taten, scheint einander geglichen zu haben. Ich hatte bald das Gefühl, als rinne warmes Wasser an meinem linken Bein innerhalb der Hose herab, habe die Erinnerung gelacht zu haben und bewundernd oder aufmunternd beobachtet worden zu sein und mit anderen Gästen für mich ungünstige Tauschgeschäfte mit einheimischem und ausländischem Hartgeld gemacht zu haben und endlich kommt es mir vor, als sei ich gelaufen: liefe, fiele, stände auf, liefe, fiele, liege, mit dem Kopf nach unten in Wasser oder jedenfalls in Feuchtem und werde zuletzt aufgehoben, während neben mir der Motor eines Autos brummt; werde aufgehoben und fortgefahren und fortgetragen und fortgeschleift und aufgehoben und liegengelassen.

 

Als ich erwachte, lag ich neben meiner Frau in einem kleinen, viel zu hellen Zimmer, in dem es entsetzlich stank und viel zu heiß war. Vom Dach des Hauses aus, über das der Weg in dieses vollgekotzte Zimmer führte, sah ich, daß wir uns immer noch an der Küste befanden, in einem kleinen Ort mit einem Fischereihafen. Es war acht Uhr morgens und der Alkohol vom Vortag hatte noch nicht begonnen, nachzuwirken. Ich fühlte mich also gut und ausgeschlafen, nur etwas übererregt und erhitzt wie üblich. Ich stieg herab und fand das Haus komfortabel, sodaß ich meine Frau doch fragen mußte, wie es ihr gelungen sei, mich hier einzuschmuggeln. Sie sagt beim Frühstück, ich sei ruhig gewesen und schickt mich los, aber in der Stadt ist absolut keine Apotheke zu finden. Die Sonne verursacht schon wieder Juckreiz auf der Haut. Die Häuser strahlen grelles Licht aus, zumeist weiß. Der nächste Zusammenbruch ist unvermeidlich. In den Straßen kommt mir ein Mann entgegen, der zwei Kühe mit sich führt. Auf dem Rücken des einen Tieres ist ein Melkschemel befestigt. Der Mann hält vor jedem Haus an und klopft. Sobald sich die Türe geöffnet hat und Worte gefallen sind, nimmt er Hocker und Eimer von der Kuh und melkt. Er erhebt sich nach einigen Melkstrichen, schüttet Milch aus dem Eimer in ein Meßgefäß und von dort in den Topf, den die Menschen zur Haustür heraushalten. Es ist niemand da, den ich nach einer Apotheke fragen könnte. In einer Seitenstraße umringen mich schmutzige hosenlose Kinder. Die Straße ist hier, wie üblich, nicht planiert und sieht aus wie ein trockenes Flußbett. Während der Regengüsse werden diese seltenen Straßen zu Flüssen.

Da ich den Kindern nichts geben konnte, bewarfen sie mich mit Steinen und Küchenabfällen. Ich hätte ihnen gerne etwas gegeben, aber ich habe nichts. Ich verliere immer alles aus den Taschen. Im Hotel trank ich Wasser aus einem der dickbauchigen Tonkrüge, die überall herumstehen, auf Landesart, indem ich die Tülle nicht an die Lippen setzte. Der erwartete Zusammenbruch setzte bald nach dem Wassertrinken ein. Wir saßen wieder in einem Auto und fuhren die kurvenreiche Küstenstraße entlang, als der Zusammenbruch kam. Ich öffnete das Fenster, da ich den Fahrer nicht bitten wollte, anzuhalten. Er und sein Beifahrer waren freundliche und gebildete Engländer, die an dem Film «Lawrence von Arabien» mitarbeiteten, der irgendwo in der Wüste Sinai spielt. Aber die Küsten des Landes hier haben doch mehr den Charakter einer fruchtbaren Landschaft, wenn auch nur innerhalb eines schmalen Streifens. Ich hatte nun Sehstörungen, Halluzinationen, Hitze- und Kältewellen, Schüttelfrost und Schweißausbrüche; mehr und mehr begann mein Körper übel zu riechen. So lange mir schlecht war, war ich euphorisch und sexuell stark erregt. War das die Ankunft?

 

 

 

Ein Gedicht des bekannten ortsansässigen Dichters: Nach der Auktion

Sein Hammer stellt den Holzwurm an.

Viel Schwalben, die im Kuhstall nisten,

pfercht Wind in unser Haschischfeld.

Wer spuckt darauf? Es pfurzen heute

in jeder Großdestille Rentner:

Chinesen sind millionenfach.

Der Riese mit der weißen Kraft.

Nichts kocht, um etwas zu beweisen.

Die Glocken läuten nach dem Brand.

Die Brut schubst schwalbig, wird versteigert:

des Kaisers Eier sind die weißen Dichter. –

Wir kaufen uns ein Schwalbennest.

Scheherazade

Und Bettina begann zu erzählen.

Der jüdische Kaufmann Orbeck hatte einst eine Tochter, die hieß Stefanie.

Wenn Stefanie mittags, nach dem Aufstehen, klein, fast zierlich, mit einer etwas zu großen Brust und etwas zu üppigen Hüften vor dem Spiegel stand, um einen roten Ausschlag in ihrem Gesicht zu betrachten, so hatte sie schon das Gefühl, einen Tag vertan zu haben. Mehr als an anderen Orten der Welt, war auf unserer glücklichen Insel noch der Verlauf geschichtlicher Entwicklungen sichtbar. Stefanie, unbewußt vielleicht, war deshalb hierher zurückgekommen. Viele waren hierhergekommen, um ihre wahrscheinlich unbewußten Reaktionen auf Geschichte und bestehende Verhältnisse auszuleben.

Nach dem Aufstehen hatte Stefanie, klein, fast zierlich, etc, vor ihrem Spiegel gestanden und schon die Sucht ausgetobt, diesen Tag nun aber nicht zu vertun. Was konnte gemacht werden?

 

Stefanie verschob alle literarischen und sonstigen Pläne zum seligen Leben, griff sich den Umschlag mit Manuskripten, den sie stets mit sich trug und ging ins Kaffeehaus. Sie ging durch den ganzen Raum, um niemanden zu übersehen. Sie überlegte, wo sie sich hinsetzen sollte – im Hintergrund oder nahe der Tür – schließlich setzte sie sich beim Eingang hin, ging aber öfter als nötig zur Toilette aus Angst, sie habe im Hintergrund des Lokals jemanden übersehen. Sie nahm neue Bekanntschaften an. Jeder Fremde konnte eine Person sein, die sie nicht übersehen durfte. Ihre Freunde rief sie schon mittags an: was macht Ihr, was gibt es Neues, was ist los, was findet statt, wo muß man hingehen, gibt es Feste, Ausstellungen, Lesungen – überhaupt: gibt es irgendwelche wichtigen Veranstaltungen? Sah sie vom Fenster aus, an dem sie gerade saß, einen Bekannten vorbeigehen, so lief sie hinaus, rief ihm nach, hielt ihn an, erfand einen Grund, ihn anzuhalten und versuchte, ihn ins Lokal zu ziehen. War sie zusammen mit Bekannten, an denen ihr hätte gelegen sein müssen, so machte sie trotzdem Vorschläge, den Ort zu wechseln, weil sie hoffte, an anderer Stelle andere Menschen zu treffen: Während sie hier saß, saßen womöglich schon andere Menschen woanders statt hier zu sitzen. Kam sie dorthin, waren sie womöglich gerade dorthin gegangen, wo sie herkam. Sie hatte Enttäuschungen erlebt. Mittags hatte sie angerufen: Was gibt’s, wohin geht Ihr heut abend? Wir bleiben zuhause. Aber abends sah sie sie sitzen. Ihr seid also doch nicht zuhause geblieben. Ihr wolltet mich nur nicht bei Euch haben. Sie bekam das Gefühl, von den Leuten gemieden zu werden. Wäre es nach ihr gegangen, so hätten sich alle Leute stets um dieselbe Uhrzeit in denselben Lokalen treffen müssen, sodaß sie immer wußte, wo jedermann saß und wo sie hingehen konnte. Oder, noch besser, jedermann hätte ihr stets seine Pläne und jeden Ortswechsel telephonisch bekanntgegeben. Einmal hatte sie einen besonders hohen Preis für eine Wohnung mit Telephon bezahlt. Aber als die Wohnung bezogen war und sie auf Anrufe wartete, war der Anschluß gesperrt, weil der vorige Teilnehmer die Gebühren nicht bezahlt hatte.

 

Sie reiste viel. Kaum in eine andere Stadt gekommen, hoffte sie, schon im Bahnhofskaffee Bekannte zu treffen oder kennenzulernen. Ehe sie die Leute aufsuchte, bei denen sie wohnen wollte, rief sie andere Leute an: wie geht es Euch, ich bin auf Besuch, wo trifft man Euch? Die Leute, denen sie ihren Besuch angekündigt hatte, rief sie an: ich bin schon da, muß nur noch ein paar Bekannte anrufen und treffen. Sie war nie dort, wo sie war, sie war nie mit den Leuten zusammen, mit denen sie gerade zusammen war, sie war immer schon dort, wo sie noch nicht war, mit Leuten, mit denen sie noch nicht zusammen war. Sie fürchtete das, was gewesen war und was im Augenblick war und ersehnte das, was noch nicht da war, um es ebenfalls zu fürchten, wenn es da war. Warum fiel alles stets auseinander, warum gab es keine Einheit und kein voraussehbares Nacheinander? Warum blieben alle Sätze vereinzelt nebeneinander stehen, warum fügten je zwei Sätze sich nicht zu einem sie verbindenden Satz?

Was sie vereinzelte, war der Wunsch nach einer fortgesetzten, aus einer Vielzahl persönlicher Beziehungen bestehenden Gemeinschaft. Aber die Leute winkten sich höchstens zu, wenn sie sich trafen oder begannen ein belangloses Gespräch, ohne es zu beenden. Es gab keine Kollektive nur Vereinsmeierei und dort, wo Kollektive sich ankündigten, wollte sie nicht sein. Ihr Verdacht wurde stärker, jeder strebe nach der Bekanntschaft mit wichtigen Leuten, sie selbst aber sei unwichtig. Das bestärkte ihre Sucht, mit wichtigen Leuten zusammenzutreffen. Rottenkopf riet ihr oft, sich auf bestimmte Personen oder Gegenstände zu konzentrieren. Aber natürlich beruhte dieser Rat auf einer oberflächlichen Betrachtungsweise. Was er riet, war zwar praktisch das Beste, aber es besserte nichts, sondern führte nur zu neuen Grenzziehungen.

 

Als Bettina so weit gekommen war, rührte Rottenkopf sich nicht mehr.

Ich lehre Dich die Geschichte der funktionslosen Stefanie. Und was machst Du?!

Rottenkopf unterschlief das Problem.

Abermalige Charakterisierung einiger Personen des Buches

Rottenkopf: Schlauheit ist Trumpf. Seine Absicht lieber möglichst tarnen.

Tunfisch: Im Beruf wird eine größere Sache befriedigend durchgeführt.

Bettina: Gesunde Grundlagen sowohl beruflich, wie auch im Privaten.

Nagel: Zeigen Sie Interesse! Schaffen Sie sich Freunde! Liebe o.k.

Frau Hübscher: Begünstigt: Ernste Bestrebungen, kleinere Unternehmungen.

Franz Bausch: Einiges ist herangereift und trägt nun Früchte. Lohnende Einsätze.

Fräulein Geringer: Nachteiliges durch alte Leute, Positives durch Vorgesetzte.

Der bekannte ortsansässige Dichter: Widerstände, Kontroversen. Überflüssige Ausgaben vermeiden.

Der siebenjährige Karl-Heinz Peters: Draufgängertum nicht klug. Geduldiges Ausharren erforderlich.

Stefanie: In manches kommt ein neuer Schwung. Hoffnungsvoller Ausblick.

Henry Tompson: Gefahr eines Verlustes durch Unachtsamkeit. Augen offen halten.

 

 

 

Eine außerordentliche Überraschung erlebte der siebenunddreißigjährige Friedrich Abinger in einem Bolle-Supermarkt. Als er einen Pastetenkuchen anbrach, fand er im Bisquitboden des Kuchens ein Etui mit Juwelen. Nach Angaben der Polizei war der Schmuck gestohlen. Wie er in den Supermarkt gekommen ist, konnte indessen noch nicht geklärt werden.

Ein Lied der Bewohner auf dem Bärenauge

Die Weltgeschichte – nur eine kurze Unterbrechung?

Hatte nicht eines der Beatle-Lieder den Titel:

Hilfe! Ich brauche jemanden?!

Zwischen hellschimmerndem Zahnschmelz werden Zahnlücken sichtbar.

Hast Du kein Recht? (Hast Du kein Recht?)

Bitte freimachen oder Rückporto beilegen.

Wasser in Pulverform.

Heißen die blauen Arbeiterhosen nicht Beiderwandhosen?

Zwanzig Prozent der Schulkinder sind zu dick.

Hast Du kein Recht? (Hast Du kein Recht?)

Die Literatur wird immer beliebig bleiben!

Hast Du kein Recht? (Hast Du kein Recht?) Auf den Baum des Lebens?

 

Die Menschen unterhalten zu wollen ist verbrecherisch.

Tritt ein in die große mythische Spalte.

Du kamst aus der Ferne. (Kamst aus der Ferne.)

Liegt unsere Hoffnung in den Scherben chinesischer Blumenvasen?

Du kamst aus der Ferne. (Kamst aus der Ferne.)

Hast Du kein Recht? (Hast Du kein Recht?) Auf den Baum des Lebens?

 

Neue Funde aus Catal Hüyük. Die Menschen von Catal Hüyük huldigten dem Stierkult. Gewisse Weissagungen werden erst wahr, wenn gewisse Vorurteile aufgegeben und gewisse Mißverständnisse beseitigt werden.

Der Weg war so steinig. (Der Weg war steinig.)

Die Reise war so ermüdend. (Die Reise war ermüdend.)

Unser Ziel ist die vollkommene Oberfläche.

Hast Du kein Recht?

Das Automobil nämlich, trotz seines sächlichen Geschlechtes eine männliche Sache, wird zum Objekt der Identifizierung, es tritt nicht selten an Weibes statt auf. (Hast Du kein Recht?) Auf den Baum des Lebens?

Die Vorstellung eines von Menschen unabhängigen Prozesses ist Fiktion. Tomaten reifen schneller, wenn man sie auf die Pole eines Magneten legt. Nennt man die blauen Hosen der Arbeiter wirklich Beiderwandhosen?

 

Es war Kindergeburtstag gewesen. Völlig erschöpft hatte sich Frau Ursula zur Ruhe begeben. In dem im ersten Stockwerk des Hauses gelegenen Schlafzimmer hatte sie keine Sekunde lang daran gezweifelt, daß ein anderer als ihr eigener Mann eintreten könnte.

Der Weg war steinig. (Der Weg war steinig.)

Der Weg war so steinig. (Der Weg war so steinig.)

Reagiert der Mensch wie eine Kompaßnadel? Ist die Vermutung, die Paracelsus hegte, gerechtfertigt?

Die Reise war ermüdend. (Die Reise ermüdend.)

Der Hotelgast, der verschämt einen Kompaß aus der Tasche zieht, um die Bettrichtung zu prüfen, kann den Verdacht, er leide an einer fixen Idee, nun von sich weisen.

Hast Du kein Recht? (Hast Du kein Recht?) Auf den Baum des Lebens?

 

Versunkene Stadt im Titicacasee entdeckt.

Das Märchen von der Bohne Fadenfrei und andere Mythen.

Die Welt ist erschüttert.

Ich weiß, Deine Zeit war schwer. (Hast Du kein Recht?)

Die Welt trauert. Um einen Menschen, der sein Leben für sie gab.

Ich weiß, Deine Zeit war schwer. (Hast Du kein Recht?)

Wir, die Deutschen, haben einen Freund verloren. Einen Freund, dessen Herz für uns schlug.

Hast Du kein Recht? (Hast Du kein Recht?)

Warum mußte das geschehen?

Auf den Baum des Lebens?

 

Auf einer Darstellung hat eine weibliche Figur mit erhobenen Beinen gerade einen Stierkopf geboren. Wir werden viel Zeit brauchen, darauf eine Antwort zu finden. Aber wir haben ein Recht darauf, zu erfahren, wie es geschah.

Ich weiß, Du bist müde. (Hast Du kein Recht?)

Darum und genau darum fühlt die Welt die Verpflichtung, Auskunft zu verlangen über das Sterben eines Mannes, der der Welt fehlen wird.

Ich weiß, Du bist müde. (Hast Du kein Recht?)

Und zwar sofort und in allen Einzelheiten.

Hast Du kein Recht? (Hast Du kein Recht?)

Der Doppelhügel birgt ein steinzeitliches Troja. Was er fand übertraf seine kühnsten Erwartungen. Im Schlafzimmer lag der falsche Mann.

Auf den Baum des Lebens?

 

Die Entdeckung wurde in nächster Nähe des Hafens von Acosta gemacht, wo sich in der Bevölkerung durch die Jahrhunderte bis heute die Sage von einer versunkenen Stadt erhalten hat.

Frau Ursula schrie entsetzt auf. Der Mann, der vor ihrem Bett stand, war ihr eigener.

Tritt ein in die große mythische Spalte.

Mit verzückter Stimme gesungen.

Nennt man die blauen Hosen der Arbeiter wirklich Beiderwandhosen?

Der aber, der neben ihr lag, war ein Fremder.

Mein Leben wird süßer sein. (Leben wird süßer sein.)

Mein Leben wird süßer sein. (Leben wird süßer sein.)

Die Dorflinde von Unterampfrach, die 1933 zu Ehren des Führers gepflanzt wurde, soll gefällt werden.

Hast Du kein Recht? (Hast Du kein Recht?)

Bei der Pflanzung der Linde soll eine Flasche mit eingegraben worden sein, die ein Verzeichnis sämtlicher am Ort lebender Funktionäre und Mitglieder der damaligen NSDAP enthält.

Hast Du kein Recht? (Hast Du kein Recht?) Auf den Baum des Lebens?

 

Die Laster werden Tugenden werden. Das sind die guten Taten, die wie immer alles waren, statt immer nur das Gegenteil zu sein.

Ich hatte keine Gedichte mehr geschrieben.

Ich habe keine Gedichte mehr geschrieben.

Ich schrieb keine Gedichte mehr.

Mein Leben wird süßer sein. (Leben wird süßer sein.)

Ich schreibe keine Gedichte mehr.

Ich werde keine Gedichte mehr schreiben.

Ich werde keine Gedichte mehr geschrieben haben.

Iokaste Knossos Jom Kippur, Nuakschott Orgasmus, Quetzalcoatl, Quisquilien, Quintillionen, Rouge, Sprüche Salomos, Unamuno, Yang Ying Yoga, Zoonosen, Ionen Chuh Teh Chuquicamata, Yoschiwara Xystus, Ghudamis Chichen Itza, Allepey Route Las Casas, Spasmophilie Ptolomäus, alles kann garnichts oder alles bedeuten, statt immer nur das Gegenteil, es ist so, wie es Ihnen nicht scheint.

Glauben Sie nicht, was Sie sagen. Sagen Sie nicht, was Sie glauben. Es ist nicht so, wie es Ihnen scheint.

Wenn man zu einem Menschen gut ist, soll man seine Gutmütigkeit nicht ausnutzen. Treten Sie ein in die große mythische Spalte. Wir erstreben die vollkommene Oberfläche. Beantworte die Fragen mithilfe der in den Fragen enthaltenen Antworten. Es ist tödlich, die Menschen unterhalten zu wollen. Wider die Geschichte. Tritt ein in die große mythische Arschfalte.

Mein Leben wird süßer sein. (Leben wird süßer sein.)

Mein Leben wird süßer sein. (Leben wird süßer sein.)

Hast Du kein Recht? (Hast Du kein Recht?) Auf den Baum des Lebens?

 

Im Schlafzimmer lag der falsche Mann.

Die blauen Hosen der Arbeiter nennen wir Beiderwandhosen.

Unsere Hoffnung liegt in den Scherben chinesischer Blumenvasen.

In den Anlagen von Paris war Cleo de Merode, bis zuletzt in der Mode des fin du siecle gekleidet, wohlbekannt.

Gewisse Weissagungen werden erst wahr, wenn gewisse Mißverständnisse aufgeklärt und gewisse Vorurteile beseitigt worden sind.

Der Fremde, dem eben noch eine zärtliche Stimme im Ohr gesungen hatte, erschrak.

Nur eine kurze Unterbrechung.

Nicht mehr als zwanzigtausend Jahre aber mindestens eine bis vier Millionen.

Der sogenannte älteste Europäer wird nicht als direkter Vorfahre des Menschen angesehen. Parallelentwicklungen über lange Zeiträume und ins Leere weisende Zweige kennzeichnen ihn.

Während die Überlegenheit Supermans im Angriff liegt, ist die Stärke Batmans die Abwehr.

Ist die Menschheit überhaupt erforderlich?

Ja, aber wir leben im Zeitalter einer gewaltigen Bevölkerungsexplosion.

Du kannst meinen Brüdern sagen. (Hast Du kein Recht?)

Du kannst meinen Schwestern sagen. (Hast Du kein Recht?)

Du kannst der Welt sagen. (Hast Du kein Recht?)

Auf den Baum des Lebens?

 

Frau Ursula schrie entsetzt auf.

Von Neuem konnte ich Gottes Gnade erfassen.

Zwischen hellschimmerndem Zahnschmelz werden Zahnlücken unsichtbar.

Dem bürgerlichen Ästheten ist allein schon die Menge zuwider.

Nachdem der Mund aufgegangen war, ging er wieder zu.

Oder Tunfisch

Auch Tunfisch gab es noch nicht auf dem Bärenauge, doch haben wir hier endlich eine Nebenfigur, die im Laufe des Buches auf- und untergehen wird, denn im Hintergrund schien eine bedeutende Person zu sitzen. Bierflaschen wurden von Hand zu Hand gereicht und gelangten nach hinten in siegesbewußte Hände. Es war Tunfischs Versorgungskette.

Später saßen die Herren an der Theke und erhielten Bierflaschen zugeschoben, die noch ein Viertel gefüllt waren.

Du mußt daran riechen.

Tunfisch neigte dazu, überall hinzupissen. Er hatte zahllose Bierflaschen vollgepißt. Er hatte Hinz in die Knobelbecher gepinkelt. Rottenkopf, Tunfisch und Hinz Hühner standen gegen die steinerne Brückenseite gerichtet.

Oder Billinger stand in einem S-Bahnabteil in Fensternähe. Er war liebebedürftig. Sie entwickelten die Idee, alle Frauen sollten ein Türchen im Kleid haben und sich verpflichtet fühlen, männlichen Passanten an Ort und Stelle ohne Ansehen der Person einen Stoß zuzubilligen. Billinger rief also: Es regnet und zog das Mädchen auf die Sitzbank zurück. Aber es regnete nur auf Billingers Seite, weil Tunfisch aus dem Nebenfenster urinierte.

 

Rottenkopf sagte: Du wirst dort benötigt und nannte einige schöne Lokale. Aber Tunfisch hatte schon den Schwarmblick im Auge, der nichts mehr erreicht, das konkret ist. Da konnte Rottenkopf noch lange vom Bärenauge reden.

Wie es ist auf dem Bärenauge

Kühe weiden keine mehr auf Straßen und Plätzen, auf denen vor etwas mehr als einem halben Jahrhundert noch Kühe weideten, weil dort noch keine Straßen und Plätze waren. Aber wir haben viele Straßen, Gehsteige und Plätze, da wächst Gras.

 

Bauliche Anlagen werden hier so gestaltet, daß sie nach Form, Maßstab und Verhältnis der Baumassen und Bauteile zueinander, Werkstoff und Farbe nicht verunstaltet wirken. Fragen der Gestaltung werden nach dem Empfinden der auf diesem Gebiet sachkundigen und erfahrenen Betrachter beurteilt.

 

Dies ist also ein «Ort der Illusionen», denn der Ort ist eine Folge von Illusionen. Der Tisch an dem ich sitze ist da, weil ich in der Dunkelheit an ihn stoße, ich habe mich erbrochen, weil es mir im Traum dick und moorig in breitem Fluß aus dem Mund herausgeströmt kam.

Aber noch immer kann ich durch die Straßen meiner Stadt gehen, wenn ich will und ich muß durch die Straßen der Stadt gehen, wenn ich nicht will. Das Licht unserer Straßenlaternen freut mich nicht mehr, seit die Todesstrafe abgeschafft ist und die Revolutionen im Fernsehen stattfinden.

 

Was Rottenkopf hingegen liebte war, daß hier der Fortschritt nur zögernd stattfindet. Rottenkopf war ein Dichter, deshalb liebte er den Fortschritt auf der Stelle.

 

Rottenkopf hat Arbeiter beim Abreißen eines Hauses beobachtet. Er berichtet voller Entsetzen, daß schon wieder ein neues Haus gebaut werden soll. Als aber die Trümmer fortgeräumt waren und der Boden planiert war, wurde ein Zaun um das Grundstück errichtet und bald häuften sich dort alte Kinderwagen und fortgeworfene Musiktruhen. Wilde Kaninchen bauten Höhlen und Hunde schissen zwischen die Matratzen. Da war Rottenkopf aber beruhigt.

 

Die Leute blicken ihm nach oder rufen ihm hinterher.

Anfangs hatte er oft Streit begonnen. Dann hatte er bemerkt, daß sie sich selbst nicht nachblickten und hinterherriefen. Da hatte er sich selbst nachgeblickt und hinterhergerufen und die Leute aufgefordert, es ihm gleich zu tun.

Bald liebten sich die Leute.

Ein Brief für Rottenkopf

This is little David in Alcala, 15th XI. 1962, Bar da Rosa.

My house. I received your letter. Alles gut. I am a big sleeping little dog. Ich – bueno. If anything is handsome in your mind there is nothing to do in Spain. A black piano is a very important thing to have under your hands. A cosy dark woman is as much as a cup of coffee to have in your room. David.

Heute

Heute arbeitet Rottenkopf nicht an seinem neuen Buch.

Er hat einen Brief bekommen, der aus vielen kleinen asymmetrisch geschnittenen Silberpapierschnitzeln in einem dunkelroten Umschlag besteht. Der Absender des Briefes hat schulterlanges blondes Haar und ist bartlos schön.

Rottenkopf ordnet die Silberpapierschnitzel in verschiedener Weise und denkt über alle Umstände des Briefes nach.

 

Die Zeit: Es ist siebzehn Uhr und siebenundfünfzig Minuten.

Drittes Kapitel

Café Colon

Auf dem Korso befinden sich um diese Zeit nur wenige Menschen. Es ist 22 Uhr und in den Häusern setzt man sich zum Abendessen. Im Café sitzen außer mir neun Leute. Ich sitze, in eine Ecke der Fensterwand gedrückt, mit dem Rücken zur Wand. Die Bank zieht sich die Wand entlang, von der Fensterseite bis zur Rückseite des Lokals. Die Sitzfläche wird von Armlehnen in regelmäßigen Abständen unterbrochen. Die Rückenlehne ist aus etwas dunklerem Stoff als die Sitzbank und reicht mir bis zu den Schultern. Vor der Bank stehen elf rechteckige Tische. Gegenüber der Bank stehen vor den Tischen jeweils drei Stühle. Das Fenster rechts von mir ist quadratisch, die drei folgenden Fenster wirken mit zunehmender Entfernung schmaler. Hinter dem vierten Fenster ragt in den Raum hinein ein Windfang, der aus dem gleichen dunklen Holz gearbeitet ist, wie die Leibungen der Fenster. Das Lokal geht hinter dem Windfang noch ein Stückchen weiter. Dort befindet sich das sechste Fenster. Die Stelle des fünften Fensters nimmt der Windfang ein, über dem sich ein Ventilator befindet.

 

Blicke ich durch das Fenster hinaus auf die Straße, so sehe ich einige Köpfe, die von der Unterkante des Fensters oberhalb der Ohren abgeschnitten werden. Es sind die Köpfe von Leuten, die vor dem Lokal auf der Straße sitzen. Es ist ruhig im Lokal. Ich zähle die Gäste, es sind einundzwanzig. Sie verursachen nur wenige Geräusche. Die Theke beginnt in der Ecke hinter dem Windfang und nimmt fast zwei Drittel der mir gegenüberliegenden Wand ein. In der Hälfte der Wand verbreitert sich der Raum hinter der Theke. Die Theke ragt in den Raum hinein.

Das Lokal wird unterteilt von zwei mal drei Säulen. Die erste Säulenreihe befindet sich dort, wo die Theke in den Raum kommt, die zweite dort, wo die Theke endet. Die dritten beiden Säulen fallen in die zwei vorgeschobenen Ecken der Theke. Zwischen der dritten Säule der hinteren Säulenreihe und der mir gegenüberliegenden Wand verschließt ein hoher, wandartiger Schrank den Raum neben der Theke. An dieser Säule sitzt nachmittags und abends auf einem hohen Hocker die Kassiererin, vormittags und nachts sitzt dort ihr Mann, der Wirt.

 

Die Theke ist etwa brusthoch. Auf Hockern sitzen elf Leute, zwei Männer stehen, an Tischen im Lokal sitzen weitere fünf Leute. Die Wand am linken Ende der Theke ist fünf Branntweinflaschen hoch und in fünf Fächern stehen fünf Etagen Weinbrand übereinander.

Die Trinkgläser, die etwa das drei- bis vierfache unserer Schnapsgläser fassen, werden grundsätzlich am Tisch und bis zum oberen Rand gefüllt. Der Ober läßt die Flasche auf dem Tisch stehen und mißt beim Zahlen den Verbrauch mithilfe von Zeige- und Mittelfinger. Das Regal hinter der Theke an der mir gegenüberliegenden Wand ist so hoch wie die Wand links der Theke und steht ebenfalls voller Flaschen. Das Erstaunlichste an diesem Land sind die vielen Flaschen hinter den Theken. Dann kommt die politische Situation.

 

Der Raum ist nicht besonders dicht mit Stühlen und Tischen vollgestellt. Trotzdem ist er mit den Augen nur schwer meßbar. Die Wand gegenüber der Straßenseite besteht zum großen Teil aus großen Spiegeln, die aneinandergesetzt sind und eine gemeinsame Spiegelwand bilden. Auf allen Tischen stehen gefüllte Wasserkaraffen, die bei Bedarf ohne Bestellung nachgefüllt werden. Der Griff zum Wasserglas erzeugt den Gedanken, ob es gut sei, das ein wenig sandige Gefühl im hinteren Teil der Mundhöhle, das der süße, heiße Kakao mit Zimtgeschmack hinterlassen hat, zu verwässern. (Vergleiche hierzu Hommage à Frantek, Rowohlt Verlag 1965, Seite 120.)

 

Im Café befinden sich etwa sechzig Menschen. Auch draußen auf dem Paseo herrscht rege Bewegung. Die Menschen spazieren dichtgedrängt in zwei Strömen einander entgegen und aneinander vorbei. Sie gehen achthundert Meter die Straße hinab in Richtung Hafen und kommen dann wieder die gleiche Straße herauf, ohne die Straßenseite zu wechseln. Vor allem junge Mädchen gehen so in Gruppen spazieren, aber auch ganze Familien. Männer über dreißig stehen in der Regel beieinander auf der Straße oder in Lokalen an der Theke. Es gibt Autodroschken, aber die Pferdedroschken sind in der Mehrzahl. Die Gäste im Lokal unterhalten sich laut und unter Zuhilfenahme ihrer Hände sowie der Gegenstände auf dem Tisch. Sie sind einfach gekleidet, teilweise schäbig. Es gibt im Lokal keine Aschenbecher oder Abfalleimer. Zigarettenreste, Asche, das Papier der Würfelzuckerstückchen, Olivenkerne, die Schalen der Krabben, benutzte Zahnstocher, man wirft alles auf den Boden. Mehrmals am Tag, wenn eine Besucherflaute einsetzt, wird Sägemehl gestreut und der Unrat zusammengekehrt.

 

Die Zapfer hinter der Theke in ihren weißen Jacken rufen sich die Bestellungen der Ober zu, die die Bestellungen der Gäste aufgenommen haben. Trinkgelder werden unter Ausrufung eines unverständlichen, kurzen Wortes in eine Blechbüchse hinter der Theke geworfen. Das Wort ist im ganzen Raum zu hören. Seine Ausrufung klingt wie eine Aufforderung an die anderen Gäste, auch Trinkgeld zu geben. Dem Geber vermittelt der Ausruf das Gefühl, von anderen Gästen als spendabel angesehen zu werden. Alle Weißgekleideten sprechen das landesübliche Wort für DANKE, wenn sie das Wort für Trinkgeld hören, ohne zu wissen, wer das Wort rief und wer das Trinkgeld gab. Scheinbar ziellose Laute im Raum werden plötzlich beantwortet, indem eine unsichtbare Person kleine Teller mit Aperitivos durch eine Luke in der Wand links hinter der Theke, gleich neben der Tür zum Billardzimmer, reicht. Der Lärm im Raum müßte ein Gespräch unmöglich machen, er entsteht indessen erst dadurch, daß alle Menschen miteinander reden.

 

Der seit Montag vermißte siebenjährige Schüler Karl-Heinz Peters ist nach Ansicht der Polizei keinem Verbrechen zum Opfer gefallen. Am Mittwoch meldete sich eine Frau, die den Jungen in der Abenddämmerung am Fluß entlang gehen sah. Ein Sprecher der Polizei erklärte, es sei zu befürchten, daß der Junge dabei in den Fluß gefallen und ertrunken ist.

Wie es ist auf dem Bärenauge für sechzig Pfennige und mit Bild, am Sonntag, dem 21. Mai

Überall knallt’s! Franz Bausch, Frau Geringer, der bekannte ortsansässige Dichter und Herr Goethe haben auf ihren Reisen keinerlei Entspannung gesehen. Wir sehen auch keine. Wir ersehnen die Entspannung genauso wie Bettina, Rottenkopf, Tunfisch und Nagel. Aber leider finden wir sie ebensowenig wie Franz Bausch, Frau Geringer, der bekannte ortsansässige Dichter und Herr Goethe. Weder an der Mauer, noch an der Zonengrenze. Wir – die angeblich kalten Krieger – wollen die Verständigung, den Handel und die Reisen. Wir lesen Pamphlete und neuerdings die diesen Pamphleten so ähnlichen Briefe. Und sie schießen. Sie hetzen die Araber und die Osteuropäer auf und die Asiaten. Die Amerikaner hauen dazwischen und manche unserer Studenten demonstrieren dann gegen die Amerikaner. Eine feine Entspannung ist das. Der Erfinder dieser Entspannung hätte den ersten Preis im großen Flugschwalbenbasteln verdient. Wir, die kalten Krieger in der geteilten, nicht entspannten Stadt, schießen auf keinen. Und wir wollen auch nicht schießen. Dennoch sind wir die bösen Revanchisten. Die anderen aber sind die lieben Friedensfreunde. Und dann knallen einem die Friedensfreunde die Kugeln um die Ohren, zielen gut und morden noch besser. In Berlin, in Jerusalem, in Saigon und hier. Eine feine Entspannung ist das.

 

Marietta begann zu kreischen und versuchte, diesen reizenden Teil ihrer Person zu schützen.

Oder Tunfisch

Er war eine Gegenüberstellung.

Sein Verhalten war von Anfang an eine heitere, unbewußte Provokation der nicht einmal als gegnerisch empfundenen Positionen. Er verweigerte sich mit Erfolg und ohne sein eigenes Zutun.

Einem Jungen, der Polizist werden wollte, verkaufte er seine Sonnenbrille, weil er sie angeblich nicht mehr brauchte. Der Junge hinwieder kaufte die Brille, weil seine Brille ihm vor einigen Stunden verlorengegangen war und die zum Verkauf stehende Brille, die Tunfisch dem Käufer zuvor entwendet hatte, seiner verlorengegangenen Brille sehr ähnlich sah.

An vollbesetzten Theken griff Tunfisch aus der dritten und vierten Reihe durch Arme und Oberkörper hindurch nach vorne bis dorthin, wo die angetrunkenen Bier- und Schnapsgläser standen. Alle hatten genug zu trinken.

Eines Tages traf Rottenkopf Tunfisch als Tunfisch zu Rottenkopfs Verwunderung ein Bild malte. Sie hatten bisher im Auftrage von Rottenkopfs Vater Postwagen angestrichen. Rottenkopf malte das Holzwerk gelb an und Tunfisch setzte die eisernen Beschläge schwarz ab. Nun malte Tunfisch. Rottenkopf begriff: das war ein geschickter Zug, sich den Ermahnungen der Erwachsenen, endlich etwas Anständiges zu tun, zu entziehen. Rottenkopf beschloß Schriftsteller zu werden. Mehr als das ist er bis heute nicht geblieben.

Ein Brief für Rottenkopf

Dear Sir & Lady: In the night of the 21st day of September David wishes peace in your lifes. Then he says there is nothing about your little chairs in the moment. Monday will be another day. Jorgina says good evening to you. People is dining, other people is going to the beach. They will ask love and many bottles of brandy to the saints.

 

Do you remember the Cafe Colon? I know some people who is now going to have a coffee in your health. Then a lot of brandy. Si hombres, a lot of brandy.

 

Tomorrow the Tante Prima will sail. She is a handsome, the HANDSOMEST ship in Almeria. And, of course, the dirtiest. She is wonderful. The beach is quiet well, Thanks. And the sky too, bueno. I consider you are a cabron. And you Mylady, are a very worth girl for such a cabron. I am happy to know, your suitcase is on it’s way now to Germany, since you, the gambols, leaving our country. The same about the very strong determination of going tomorrow to look for your little chairs. Dear sir & lady, till tomorrow.

31st of October 1962: Now I found this letter after a long time and with no end. David.

Einem jungen Mann ist bei einer Operation in einem Krankenhaus durch einen Irrtum des Chirurgen ein gesundes Bein amputiert worden. Dem Patienten mußte in einer nachfolgenden Operation auch das zweite, kranke Bein abgenommen werden.

 

EVA IST GUT. Telephon 7846918.

Der samtene Conon Molody, Roman

An dem hell in der Nacht schimmernden Körper des mit lautem Schrei neben seinem Bett zusammengesunkenen Mädchens vorbei stürzt, aus dem ersten tiefen Schlaf gerissen, US-Geheimagent Conon Molody alias John Fitzgerald Kahn zur Tür, durch die der Mörder verschwunden sein muß. Matt glänzt sein ebenholzfarbener, nur mit einem blendend weißen Herrenslip bekleideter Körper im schwarzen Schein der Nachtbeleuchtung des Hotels. Am hintersten Ende des menschenleeren Ganges entdeckt der Agent ein vorschriftswidrig hochgezogenes Fenster, von dem aus eine eiserne Leiter in den nächtlichen Park führt.

In der Hotelhalle weigert der Portier sich, dem nur unzulänglich bekleideten Molody seine Jacke zu leihen. Hinter dem Haus trifft Molody mit einem gangsterhaften Südstaatenneger zusammen und hat einige Mühe, den riesigen Mann zu stoppen. Als er ihn schließlich überwältigt hat, wirft er den leblosen schwarzen Mann durch die obere Reinigungsluke eines in Betrieb befindlichen Heißwasserspeichers des Hotels und stellt die Temperatur auf 360 Grad ein. Einige Minuten später, in sein Hotelzimmer zurückgekehrt, schreckt er jedoch zusammen:

 

Wo ist Lindas Leiche? War sie nicht tot?!

 

Mißmutig geht Conon Molody wieder zu Bett und ist schon nach wenigen Minuten fest eingeschlafen.

Im Herbst vorigen Jahres, Roman

Schon war das Prügeln der Frauen und Mädchen in großer Mode. Befreundete, gleichgesinnte Ehepaare trafen sich, tranken miteinander, dann verprügelten sie sich.

Natürlich wurden nur die Frauen geschlagen. Verweigerten sie daraufhin den Beischlaf, so wurden sie mit guten Gründen geschlagen. Außerdem gingen die Männer fremd, um zu ihrem Recht zu kommen und die Frauen wurden ihrer diesbezüglichen Beschwerden wegen geschlagen. Die schönste und reinste Zier einer Frau war ein blaues Auge. Doch zeichnete die neue Mode sich auch an anderen Stellen ab. In den Gesichtern der Frauen und Mädchen begann die Neuigkeit sich auf sehr frauliche Art zu spiegeln. Man mußte sie deshalb lieben.