Der dreißigjährige Friede - Peter O. Chotjewitz - E-Book

Der dreißigjährige Friede E-Book

Peter O. Chotjewitz

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Beschreibung

Der biographische Bericht «Der dreißigjährige Friede» von Peter O. Chotjewitz erschien erstmals 1977. «Eine Familienchronik: und doch das Durchmessen der westdeutschen Nachkriegsgeschichte. (…) Ein beängstigend alltägliches Leben (…) schlägt hier in die persönliche Katastrophe um.» Volker Hage in «Frankfurter Allgemeine Zeitung»

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Seitenzahl: 323

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Peter O. Chotjewitz

Der dreißigjährige Friede

Über Peter O. Chotjewitz

Über dieses Buch

Der biographische Bericht «Der dreißigjährige Friede» von Peter O. Chotjewitz erschien erstmals 1977.

 

1

Jürgen Schütrumpf wird am 17. September 1949 in N., einem Vorort von K., geboren.

Als die Eltern sich kennenlernen, 1947 im Frühjahr, ist Adolf Schütrumpf gerade aus Kriegsgefangenschaft entlassen und bereitet sich in Abendkursen auf die Meisterprüfung vor.

 

Sein Geld verdient er mit Schwarzarbeit in seinem erlernten Beruf als Klempner und Installateur. Er nimmt Silber, Schmuck, Teppiche und andere Wertsachen in Zahlung und setzt sie auf dem Schwarzmarkt in Nahrungsmittel aus westdeutscher Produktion und Besatzungsbeständen um.

 

Er ist damals viel auf dem Altmarkt von K., dem Budenzentrum der Schmuggler und Schieber.

K. ist eine Ruinenstadt. Der Stadtkern ist nahezu zerstört, ebenso die Industrieanlagen und die öffentlichen Gebäude; die Stadtrandgebiete und Vororte sind weniger und unterschiedlich betroffen. Die Brücken über den Fluß sind ebenfalls zerstört. Den Verkehr besorgt eine Fähre, die unterhalb vom Altmarkt anlegt. Das Geschäftsleben der Innenstadt spielt sich in Buden und Baracken ab. Als 1949 die Bundeshauptstadt gewählt werden soll, witzeln die Bürger von K.:

Unser Ort soll Budenhauptstadt werden.

 

Auf dem Altmarkt lernen sich auch Edith und Adolf kennen. Edith hat viel Zeit. Ihre Mutter und ein Bruder sind bei einem der großen Luftangriffe auf K. ums Leben gekommen, sie macht den Haushalt und pflegt ihren Vater, der todkrank aus Gefangenschaft zurückgekommen ist. Sie ist jung und lebenslustig, verkehrt ein bißchen in Schieberkreisen, wo es alles gibt, und kennt ein paar Leute vom Theater. Beliebter Treffpunkt ist eine Bude, in der sich das Café «Zum Knusperhäuschen» befindet.

 

Als Edith sechzehn ist, 1939, träumt sie davon, zum Ballett zu gehen. Eines Tages fährt sie mit der Straßenbahn in die Stadt, findet auf Anhieb den Künstlereingang des Theaters und vertraut sich gleich am Eingang einem älteren, gutaussehenden und graumelierten Bühnenarbeiter an, den sie für den Intendanten hält. Er verspricht, sie beim Ballett unterzubringen, entjungfert sie in der Requisite und rät ihr ab; davon bekomme man dicke Schenkel und Knallwaden. Außerdem habe sie eine zu üppige Brust.

 

Adolf berührt die beiden Hauptadern ihres Wesens, den Hang zum Schönen und Geistigen wie auch den Hang nach handfesten, berechenbaren Lebensverhältnissen, die nicht luxuriös sein sollen, aber sicher.

Er gefällt ihr, wenn er einfühlsam und ausschweifend von den Städten und Landschaften erzählt, die er im Krieg kennengelernt hat.

 

Durch ihn lernt sie Paris kennen und die Normandie, ohne je dort gewesen zu sein, Warschau und die Weichsel, einschließlich der Weichselschollen, die die Weichselfischer auf Holzkohle gebraten an den Uferbänken verkaufen, Prag, das Baltikum und zuletzt auch noch Neapel, Rom und Florenz.

 

Danach lag er in einem Kriegsgefangenenlager bei Kreuznach. Das war eine schlimme Zeit, doch auch sie gestattet es ihr, ihn zu bewundern, wenn er von der Kunst zu überleben spricht, die er dort erlernt hat, während die anderen in ihren Erdlöchern verreckten, weil sie sich nicht beherrschen konnten, ihre Vorräte nicht einteilten, unabgekochtes Wasser tranken und ihre Zigarettenzuteilung selber rauchten, statt sie gegen Nahrungsmittel einzutauschen.

 

Adolf macht Eindruck auf sie. Er versteht es, das Zipfelchen Wahrheit, das er erhascht, für das Ganze auszugeben. Die Chemiestunden an der Meisterschule sind in seinen Reden ein tiefschürfendes naturwissenschaftliches Studium. Die Einblicke in die Betriebswirtschaftslehre, die ein entnazifizierter Berufsschullehrer den angehenden Handwerksmeistern vermittelt, befähigen Adolf auf der grünen Wiese zum Direktor eines großen Unternehmens.

 

N. lehnt sich an eine bewaldete Hügelkette, abends gehen die Liebenden oft hinaus ins Grüne und breiten die Wolldecke aus, Edith streift den Rock hoch, Adolf läßt schon mal den Naturhaarpullover auf seiner sportlichen Brust sehen und erzählt vom rätselhaften Zusammenwirken der Elemente, demonstriert die physikalischen Gesetze und befaßt sich nebenbei noch mit Geologie.

 

Edith erregen seine Reden mehr, als ein paar abgenutzte Handgriffe auf ihrem Körper es vermocht hätten. Mit Reden macht er sie sich untertan, so daß sie sich willig hingibt, wenn er es endlich will.

Auf Französisch fragt er sie, ob sie mit ihm schlafen wolle, auf Italienisch sagt er, daß er sie liebe, auf Polnisch flüstert er ihr Schweinereien ins Ohr, und wenn ihm kühl wird, weil die Abendnebel den Waldrand erreichen, sagt er: Let’s go, Fräulein!

 

Er ist gebildet, kann viersprachig fragen, ob sie eine Zigarette will, und singt die wichtigsten Opernarien auswendig. Vor allem dieses musische Verständnis begeistert Edith. Sie liebt nach wie vor Operetten und leichte Opern, den Italiener Puccini vor allem. Hier kommt es Adolf zugute, daß er in der Zeit der Arbeitslosigkeit Anfang der dreißiger Jahre im Theater gelegentlich als Bühnentechniker gearbeitet hat.

2

Im Frühjahr 1949 legt Adolf Schütrumpf die Meisterprüfung ab und macht sich in N. selbständig. Der Schwarzmarkt hat schon seit einiger Zeit nachgelassen, so daß Adolf nur einer von vielen ist, die den Rückweg in ein geregeltes Erwerbsleben suchen. Für ihn ist es ein sozialer Aufstieg.

 

Sein Vater war Bierkutscher bei Kropf, und keiner seiner Brüder hatte sich selbständig gemacht. So macht Adolf sich die Leitsätze des handwerklichen Kleinbürgertums zu eigen, zu einer Zeit, als dies regional, in der Bundesrepublik nämlich, noch einmal eine Blütezeit erlebt, historisch und weltweit jedoch seine gesellschaftliche Bedeutung längst eingebüßt hat.

 

Jürgen ist bereits unterwegs, als sie heiraten, und Ediths Vater lebt noch. Er liegt auf den Tod und bräuchte die Pflege nötiger denn je, aber die Ehe geht vor, zumal Ediths Brüder Bübi und Bobo nicht mehr zu Hause sind. Der ältere, Bobo, wohnt seit Herbst 1948 in der Nordstadt bei einer Witwe Landgrebe, die einen Frisiersalon besitzt. Bübi, der als einziger das Gymnasium besucht, hat Ostern Abitur gemacht und beginnt in M. sein Medizinstudium. So kommt Ediths Vater zum Sterben in ein Altersheim.

 

Für Edith stellt die Ehe von Anfang an eine gewisse Belastung dar, mit der sie nur scheinbar fertig wird. Der Sommer 49 ist heiß, und die Schwangerschaft macht ihr zu schaffen. Ihr Interesse an Hausarbeit ist mäßig und genügte allenfalls zwei unmündigen Brüdern und einem bettlägerigen Invaliden, nicht aber einem frischgebackenen Handwerksmeister, der über die Dreißig ist. Manche Erzählungen Adolfs der späteren Jahre handeln von komischen Einzelheiten über Ediths hauswirtschaftliche Unfähigkeit, die die Zuhörer, Edith nicht ausgenommen, erheitern, jedoch unverkennbar auch auf Ediths angebliche Lebensuntüchtigkeit abzielen.

 

Einmal habe sie Ente gebraten. Als Adolf von der Arbeit gekommen sei, habe er sich gleich beim Betreten der Küche über den merkwürdigen Geruch gewundert. Dann stellt sich heraus, daß Edith das Tier zwar sachgerecht angebräunt und regelmäßig begossen, jedoch vor dem Zuofenlegen nicht ausgenommen hat.

 

Ein anderes Mal habe sie frischgewaschene Wäsche nicht aufgehängt, sondern in einer Wanne stehenlassen. Als Adolf das Gefäß endlich in einer Ecke der Abstellkammer entdeckt habe, seien einige Wäschestücke bereits angeschimmelt gewesen.

 

Überhaupt: Mit Geld und Sachwerten kann Edith nach Adolfs Meinung bis zu seinem Tode nicht richtig umgehen, wenngleich sie im Laufe ihrer Ehe Lehre annimmt.

Adolf steht auf dem Standpunkt, daß Haus- und Ehefrauen nicht geboren werden, sondern erzogen werden. Ohne die richtige Erziehung durch ihren Mann kann eine Frau vieles nicht oder nicht richtig. Eine Ehe beginnt dann erfolgreich zu werden, wenn ein Freund eines Tages zum Ehemann sagen kann: Hat sich aber ganz schön gemacht, die Kleine.

Edith macht sich ganz schön unter Adolfs starker Hand, die aber auch zärtlich und hilfreich sein kann.

3

Adolf ist kein Pascha. Sein Leitbild ist der «pater familias», der treusorgende Familienvater, der die Unterordnung unter seine unergründliche Weisheit und seinen schlechthin gutgemeinten Ratschluß mit Brot, Wohlwollen und Liebe entgilt. Dafür schafft er, dafür legt er sich krumm, dafür schneidet er sich das Fleisch aus den Rippen, dafür erwartet er keinen Dank, dafür ist sein erfahrener Rat Richtschnur des familiären Lebens und Handelns.

 

In den letzten Wochen ihrer Schwangerschaft trägt er sie die Treppe hoch, räumt nach Feierabend die Wohnung auf, wäscht die Wäsche, kocht für den nächsten Tag vor, bringt die Einkäufe mit. Noch heute denkt Edith gerne an die fast totale Fürsorge zurück, die sie während ihrer zwei Schwangerschaften genoß.

 

Die Entbindung verleidet ihr eine derartige Rückbesinnung. Seit Jürgen sich erinnern kann, sprach sie von einer Schinderei. Zumeist nicht, ohne gleich anschließend seinen Kopf in ihre Arme zu nehmen und zu sagen:

 – Du bist trotzdem mein Allerbester. Nicht wahr?

Das Gefühl, eine schwere Geburt gewesen zu sein und seiner Mutter Angst vor dem Gebären eingeflößt zu haben, sollte ihn niemals verlassen.

 

Es dauert fast drei Jahre, bis es Adolf gelingt, sie noch einmal zu schwängern. Wenn es nach ihm ginge, hätten sie vier Söhne und eine Tochter. Er hält Ediths Abneigung gegen das Kinderkriegen für pure Bequemlichkeit und Scheu vor der Arbeit. Mangels Masse konzentriert sich die Aufmerksamkeit der Eltern auf Jürgen.

 

Für sie ist er ein Wunderkind. In ihren Erzählungen beugen sich oft ältere Damen über Jürgens Kinderwagen und rufen: Was für ein entzückendes Kind!

Später, als er laufen kann, ist Jürgen der Schwarm der Nachbarschaft und der Einzelhändler. Man schenkt ihm hier eine Banane, dort ein Stück Kochwurst und da ein Bollchen.

 

Jürgen beginnt früh zu sprechen. Die Eltern ermuntern ihn dabei und führen ihn vor wie eine Seltenheit.

 – Sag mal Straßenbahn, Jürgen.

 – Hüpfahm.

 – Elefant.

 – Ihlepanns.

 – Treppe.

 – Kreppe.

 

Da die Eltern mit ihm in seiner Babysprache reden, entwickelt sein Sprachvermögen sich nur langsam. Die ins Familieninnere gekehrte Redeweise verfestigt sich. Noch mit drei Jahren fragt Jürgen:

 – Papa, Nana amens an Ecke?

Zur Belohnung zieht Adolf eine Banane aus der Tasche, die er jeden Abend nach der Arbeit beim Kolonialwarenhändler unten an der Ecke kauft.

 

Jürgen ist fix im Nachplappern von Werbesprüchen und singt ganze Schlager, die er im Radio hört, in seiner putzigen Sprache. Mehrfach versucht Edith, ihn beim Kinderfunk anzumelden. Jürgen darf alles, jeder Wunsch wird ihm erfüllt. Er ißt am liebsten Bananen. Wurst mag er nicht, ebenso kein Gemüse, kein Brot, kein Fleisch. Jahrelang ernährt Edith ihn fast ausschließlich mit Bananen und Zwieback.

 

Im Spätherbst 1952 beginnt Edith unter ihrer zweiten Schwangerschaft zu leiden. Ihr Interesse an Jürgen läßt rapide nach. Als er drei Jahre alt ist, gibt sie ihn in einen Kindergarten, wo er auch Mittagessen bekommt. Die Zeit im Kindergarten ist für ihn noch heute mit die schlimmste Zeit seines Lebens.

Die «Tanten» nehmen wenig Rücksicht auf seine ausgefallenen Speisewünsche und versuchen, ihm seine kindliche Redeweise auszutreiben.

 

Er ist bis dahin das typische Einzelkind, das keine Spielkameraden hat, außer der Mutter, wäre aber wahrscheinlich in eine Kindergruppe zu integrieren gewesen. Dagegen stellen die Erziehungsversuche der Tanten eine völlig kontroverse Erfahrung für ihn dar, so daß er sich abzusondern beginnt. Sein Hang, sich zu isolieren, geht auf diese Zeit zwischen seinem dritten und sechsten Lebensjahr zurück.

 

Im Januar 1953 kommt Herbert zur Welt. Die Geburt wird durch Ediths Abneigung gegen das Gebären erschwert. Sie verkrampft sich, leidet während der Geburt unter Atemnot und hat einen Kreislaufkollaps.

 

Für Jürgen bedeutet die Geburt des Bruders eine weitere Entfremdung von den Eltern.

Wieder wendet Adolf seine Aufmerksamkeit seiner Frau zu. Ein Mensch wie Adolf realisiert sich vorwiegend in zweierlei Weise: in der beruflichen Tätigkeit und in der Fortpflanzung.

 

Die Geburt seines zweiten Sohnes gibt ihm neue Kraft. Am Nachmittag der Geburt verläßt er das Haus, um seine Frau in der Klinik zu besuchen, geschniegelt und gebügelt, in seinem hellen Anzug.

Auf der Straße hört er ein gewaltiges Krachen. Die Pferde eines Brauereiwagens haben gescheut und sind durchgegangen, der Kutscher ist in der Kneipe an der Ecke und hat die Bremse nicht angezogen.

Im Zickzack kommt der Wagen die Straße entlang und demoliert die links und rechts der Straße stehenden Autos. Führerlos preschen die Pferde auf die belebte Kreuzung Frankfurter/Ecke Querallee zu.

Adolf läßt den Blumenstrauß fallen, läuft auf die Straße, verkrallt sich in den Kutschbock, wird ein Stück mitgeschleift, schafft den Aufstieg, greift die Zügel und bringt die Pferde rechtzeitig zum Stehen. Verdreckt und zerrissen macht er seinen Besuch. Edith ist stolz auf ihn.

 

Im Herbst hat Jürgen einen Unfall. Während Edith die Flasche für Herbert macht, steigt Jürgen neben ihr auf den Stuhl, um zuzuschauen, rutscht aus und fällt auf den harten Küchenfußboden. Er ist knapp vier Jahre alt.

Der Arzt diagnostiziert zahlreiche Quetschungen und Blutergüsse, vor allem aber einen Schädelbruch, der nicht folgenlos bleibt. Jahrelang übergibt sich Jürgen beim Fahren im Auto, im Bus und in der Eisenbahn, leidet unter Schwindelanfällen und Gleichgewichtsstörungen. Er darf sich nicht rasch drehen, nicht schaukeln, klettern und bücken.

4

In jenen Jahren zeigt die Ehe der Eltern nicht ganz das übliche Rollenverhalten. Adolf schafft an. Edith macht Haushalt und Kinder, aber er kontrolliert auch Ediths Arbeitsgebiete. Da sie seiner Ansicht nach nicht mit Geld umgehen kann, besorgt er sogar einen Teil der Einkäufe, wie den Fleischeinkauf zum Wochenende.

 

Im Metzgerladen wird das Fleisch von einem Mann verkauft, die Frauen dürfen nur Wurst und Kleinkram verkaufen. Adolf behauptet, einen besseren Blick für das Fleisch zu haben und mit dem Metzger von gleich zu gleich zu verkehren. So bekommt er seiner Meinung nach die besseren Stücke als Edith.

 

Auch langlebige Waren und Kleidungsstücke schafft Adolf an, wobei Edith mitreden darf, ihm aber recht geben muß. Kauft Edith ohne ihn ein Hemd, Unterwäsche, eine Krawatte, und sei es zum Geburtstag, so zeigt er sich zwar dankbar, äußert gleichzeitig aber eine gewisse Kritik, die ihr zeigt, daß er besser einkaufen kann als sie.

 

Das Sonntagsessen kocht prinzipiell Adolf, beim Pilzesammeln darf Edith mitgehen, jedoch nur den Korb tragen, auch Kuchen bäckt Adolf. Edith nimmt es hin ohne Ärger. Adolfs Neigung, möglichst viel selber zu machen, sein Mißtrauen in die Fähigkeiten anderer, das seine Frau in erster Linie ergreift, kommt ihrem Hang zur Bequemlichkeit und ihrer Abneigung, Verantwortung zu tragen, entgegen. Erst Jahre später wird sie beklagen, daß Adolf sie seit Beginn ihrer Ehe entmündigt habe.

 

Die Kinder notieren das Verhalten der Eltern mehr unbewußt. Doch auch für sie wird der Vater einer, der alles besser kann und weiß, einer, der zu Recht den Anspruch erhebt, alles selber zu machen.

Jürgens Unfähigkeit in der entscheidenden Krise seines Lebens ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, daß er zu diesem Zeitpunkt niemanden hat, der ihm sagt, was er zu tun habe. Eine unglückliche Ehe ist es dennoch nicht. Erst gegen Ende der Ehe wird Edith auch die ersten Ehejahre beklagen.

 

Man verbringt die meisten Abende daheim. Im Sommer arbeitet Adolf nach Feierabend oft im Garten hinter dem Haus. Edith sitzt auf der Bank und schaut in den Himmel, der noch hell ist, während sich unten schon die Dunkelheit breitmacht. Schütrumpfs wohnen in einem Sechsfamilienhaus einer gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft. Vier Mieter haben hinter dem Haus kleine Gärten.

 

Mehrmals die Woche diktiert Adolf ihr abends Kostenvoranschläge und Rechnungen und bespricht mit ihr geschäftliche Dinge. Edith macht die Buchführung, die Abrechnungen mit dem Finanzamt, führt die Sozialabgaben ab, überweist die Rechnungen. Hierin ist sie Adolf aufgrund ihrer Ausbildung überlegen. Das erkennt er an.

 

Ein- oder zweimal die Woche gehen sie aus, ins Kino, mit Freunden kegeln, auf Faschingsbälle, gelegentlich in die Operette, ausnahmsweise auch in ein Konzert, wenn populäre Klassik auf dem Programm steht. Ein paarmal im Laufe des Lebens feiern sie bis in die Morgenstunden, gehen nachts noch in eine Pianobar mit Tischtelefonen, die in K. in der ersten Hälfte der fünfziger Jahre groß in Mode sind, und ziehen anschließend noch zu Freunden auf die Wohnung.

 

In den Erzählungen späterer Jahre erweitern diese gelegentlichen Abenteuer sich zu einer stürmischen Jugend in Saus und Braus. Einmal lädt ein Herr sie und ein befreundetes Ehepaar an seinen Tisch. Er läßt Sektkorken knallen, spendiert den Damen Likör, den Herren Zigarren und blättert in Hundertmarkscheinen, die er dick gebündelt in der Brieftasche hat.

 

In einem Taxi chauffiert er die Herrschaften noch auf ein Gläschen in sein Haus, stellt die Musiktruhe an, öffnet die reichhaltige Hausbar, schaltet das kleine Licht ein, flüstert den Damen ins Ohr und betätschelt sie hier und da, wie aus Jux. Klempnermeister Schütrumpf und sein Bekannter, Malermeister Hassenpflug, sind verunsichert und drängen zum Aufbruch, zumal es schon früh ist und sie um sieben in der Werkstatt sein müssen.

 

Dennoch gehört dieser Abend zum festen Bestandteil der Erinnerung an glückliche Zeiten in den ersten Ehejahren. Berichte dieser Art beginnen mit den Worten: Weißt du noch?

 

Die sexuellen Beziehungen der Eltern halten den alltäglichen Gefühlshaushalt auf einer Sinuslinie, deren Bögen im Laufe der Jahre immer flacher werden. Der sexuell treibende Ehepartner ist der Mann. Er verfügt über ein gewisses Repertoire, seinen Wunsch nach Sexualität zu äußern.

 

Es gibt nur zwei Antworten: Ja oder nein.

 

Der Mann ärgert sich über die Plumpheit, mit der sie ihr Nein ausdrückt, die angezogenen Knie, die Art, ihm den Rücken zuzuwenden, eine Bemerkung über sein Äußeres, seine Haare, seinen Mundgeruch, über seine Angewohnheit, vor dem Küssen die Augen zu verdrehen und die Kontrolle über seine Zunge zu verlieren.

 

Am nächsten Morgen ist Vater schlecht gelaunt. Die Gesellen mokieren sich:

 – Hat der wieder eine Laune heute. Den hat bestimmt die Alte nicht drangelassen.

 

Edith verweigert sich ihm oft, ohne genau zu wissen warum. Er läßt es sie büßen, knurrt sie an, ist kleinlicher als sonst. Sie trägt es gelassen. Sie erkennt erst spät, daß ihre Verweigerungen ein Akt der Rache gegen seine patriarchalische Herrschsucht, eine Auflehnung gegen sein unüberwindliches Selbstbewußtsein waren.

Gibt Edith nach, so ist Adolf tags drauf hilfreicher und umgänglicher als üblich. Edith weiß das. Sie mischt Ablehnung und Einwilligung so, daß die Ehe nicht überschwappt. Auch Adolf weiß es. Er liebt seine Frau. Die Liebe ist für ihn ein Geben und Nehmen. Zuneigung bezahlt er mit Zuneigung, Ablehnung mit Ablehnung. Eine Ehe ohne Sexualität wäre für Adolf nicht vorstellbar, wie für Edith ein Leben ohne Ehe.

 

So entsteht unterhalb der Gürtellinie des Bewußtseins eine über weite Strecken glückliche Ehe. Erst mit fortschreitendem Flacherwerden der Sinuskurve werden Dramatik und Spannungen der ehelichen Beziehung geringer. Was bleibt, ist der gleichmäßige, etwas müde Gang im Geschirr. Der Rest ist Mäkeln. In solchen Ehen hofft man, ohne es zu wissen, auf eine baldige Witwenschaft.

5

Die Fotos bis Mitte der fünfziger Jahre verraten nichts davon. Ein Foto zeigt Edith als wohlproportionierte, brünette Frau mit Dauerwellen, die sich mit einem gewissen Chic kleidet und einen Fuchsschwanz um die Schultern trägt. Adolf trägt, auf einem Bild, das gleichzeitig entstanden sein soll, einen hellen, steifen Hut, einen eleganten, dunkelblauen zweireihigen Mantel, unter dem Hosenbeine mit scharfer Bügelfalte hervorschauen. Einen Handschuh hat er angezogen, den anderen in der behandschuhten Hand, so wie es sich damals gehörte. Schlips und Schal.

 

Ein anderes Foto zeigt Edith in der damals modischen durchsichtigen Bluse, aber natürlich mit Unterwäsche, Adolf in Hemdsärmeln, aber mit Krawatte. Sie sitzen an einem Tisch, während einer Feier, und blicken sich verliebt an. Adolf hat die dünnen Haare straff nach hinten gekämmt und angefeuchtet. Ein schönes Paar.

 

Jürgen ist ein hübsches Kind, blondgelockt, zierlich, niedlich angezogen und eingezwängt zwischen den Eltern, die ein wenig steif wirken, auf einer Parkbank. Davor ein schmucker Kinderwagen, der kleine Herbert vermutlich. Ediths Hand auf der Stoßstange.

 

Von den gelegentlichen Vergnügungen seiner Eltern erfährt Jürgen erst, als er schon aus der Schule ist. In seinen Kindheitserinnerungen beugt seine Mutter sich zärtlich als feingemachte Dame, wie aus einer Illustrierten, über sein Bett, um ihm gute Nacht zu wünschen, bevor sie mit Adolf ausgeht. Sie duftet gut, und ihr Kuß schmeckt nach Lippenstift, daran erinnert er sich bis heute.

 

Adolf beschäftigt einen oder zwei Gesellen, gelegentlich während der Saison sogar drei. Bis in die sechziger Jahre hat er zudem einen Lehrling. Er selbst arbeitet voll mit, Kundenbesuche erledigt er nach Feierabend. Sein Arbeitstag dauert zumeist von morgens sieben bis abends halb sechs, sechs. Dann kommt noch das Schriftliche, soweit es nicht von Edith erledigt wird.

 

Edith interessiert sich nicht fürs Geschäft.

Freunde raten ihm mehrfach, das Geschäft zu vergrößern, damit er auch größere Bauaufträge annehmen kann. Adolf scheut die Investitionen, er müßte sich vorübergehend verschulden, was er ablehnt. Er fürchtet auch, die Arbeitsleistung seiner Leute würde nachlassen, wenn er sie nicht ständig unter Kontrolle hat.

 

Ihm reicht, was er hat: eine Dreizimmerwohnung in einem Sozialbau, eine angemietete Werkstatt gleich hinter der Frankfurter Straße, die mitten durch N. geht, seit 1955 sogar ein Auto, erst einen Lloyd Alexander, später stets Ford. Immer fährt Adolf Kombiwagen, nicht ganz zur Zufriedenheit von Edith, die lieber einen richtigen PKW hätte.

 

Dennoch haben Schütrumpfs finanzielle Sorgen; trotz stets ausreichender Einnahmen, die immer über entsprechenden Facharbeiterlöhnen liegen. Adolf, der Edith vorwirft, nicht haushalten zu können, kann selber nicht haushalten. Das Geld versickert, keiner weiß wohin.

 

Das verstärkt Adolfs Mißtrauen. Argwöhnisch zählt er Edith jeden Groschen vor, läßt Abrechnungen erteilen, legt für jeden Ausgabenbereich in zahllosen Zigarrenkisten eine Kasse an, fühlt sich von Freunden, Bekannten und Verwandten ausgenutzt, von Kunden und Gesellen übervorteilt, von Kaufleuten und Lieferanten betrogen.

 

Bald lassen Schütrumpfs sich nur noch ungern beschenken, um nicht ihrerseits schenken zu müssen, nehmen Einladungen seltener an, um nicht ihrerseits einladen zu müssen. Alte Bekanntschaften gehen fast unmerklich zu Ende. Adolf beklagt, daß es kaum noch nette Menschen gebe, Edith stimmt ihm zu, ohne Überzeugung.

 

Am Ende des ersten Ehejahrzehnts haben Adolf und Edith kaum noch Freunde und Bekannte. Beziehungen zur Verwandtschaft, selbst zu den Geschwistern, die noch leben, bestehen nicht mehr. Sie gehen kaum noch aus. Kleinlichkeit und Eigenbrötlerei haben sich eingeschlichen. Edith muß zu Fuß bis nach K. laufen, fast drei Kilometer weit, darf die Straßenbahn nicht benutzen und gibt vor, dies aus freien Stücken zu tun. Ein großer Teil der ehelichen Streitigkeiten handelt vom Geld.

6

Jürgen wird 1955 im Herbst, kurz vor seinem sechsten Geburtstag, eingeschult. Er ist klein, schmächtig, nervös und blaß. Edith erhofft sich eine Entlastung, da der Junge gleich nach der Schule in den Hort gehen kann, wo er Mittagessen bekommt und bis vier Uhr bleibt.

 

Adolf ist für die Einschulung, weil der Mensch nicht früh genug ins Leben treten und Erfahrungen sammeln kann. Seine Erziehungsmethoden wirken wie Wechselbäder. Derselbe Mensch, der zu seinen Kindern hilfreich, liebevoll und zärtlich sein kann, behandelt sie bei anderer Gelegenheit grob, überfordert sie und überläßt sie sich selbst, wenn sie Hilfe brauchen.

 

Jürgens Beteiligung am Unterricht wird als lebhaft bezeichnet. Er hat eine rasche Auffassungsgabe. Gewisse Schwierigkeiten, sich mündlich auszudrücken, fallen in den ersten Schuljahren noch nicht ins Gewicht. Auffallend ist seine Neigung, sich in Szene zu setzen. Er spielt oft den Hampelmann oder Clown und stört den Unterricht, wenn er dadurch den Beifall seiner Klassenkameraden findet.

 

Die Lehrer führen sein Verhalten darauf zurück, daß er einer der Kleinsten in der Klasse ist und am Turnunterricht nicht teilnehmen darf.

Er hat Schwierigkeiten, Freunde zu finden, fühlt sich isoliert und glaubt, die anderen machten sich über ihn lustig und nähmen ihn nicht für voll.

 

Wenn er sich bedrängt fühlt, verspürt er einen unbeherrschbaren Druck auf den Darm. In den ersten Schuljahren kommt er oft mit verschmutzter Unterhose nach Hause oder hat die Hose vollgemacht. Das hat er von Edith geerbt. Oftmals, wenn Adolf eindringlich auf sie einredet, muß sie dringend auf die Toilette. Adolf empfindet das als Aufsässigkeit und Desinteresse an seiner Rede und herrscht Edith deswegen an. Später wird allein die Furcht, er könne ihr verbieten, auf die Toilette zu gehen, einen unwiderstehlichen Stuhldrang bei ihr auslösen.

 

Jürgen scheut sich, die Schultoilette zu benutzen. Das hat er von Adolf, der nur ungern fremde Toiletten benutzt. Adolf hat auch eine gewisse Abneigung, bei fremden Leuten Essen anzunehmen. Eines Tages sitzt die Familie im Gasthaus zur Mitte. Jürgen hat Hunger, und Adolf bestellt eine Hühnersuppe mit Ei. Der Kellner bringt die Suppenschale, vergißt aber den Löffel.

 

Ein Gast vom Nachbartisch reicht Jürgen einen Löffel. Adolf schlägt ihm das Besteck aus der Hand. Jürgen fühlt, daß vor allem der Gast am Nachbartisch beleidigt sein müsse. Zu Hause erklärt Adolf, daß man nicht wissen könne, ob der Gast den Löffel nicht bereits benutzt habe.

 

Bis zum zwölften Lebensjahr hat Jürgen keinen Freund und nur selten Spielkameraden. Eine Zeitlang spielt er mit einem gleichaltrigen Jungen aus dem ersten Stock. Adolf mag die Leute nicht. Der Vater ist Friseurgeselle und hat keine Lebensart. Für Adolf ist er ein Leisetreter. Außerdem verdächtigt er alle Friseure einer geheimen homosexuellen Neigung.

Der Junge stirbt wenige Monate nach dem Einzug der Familie an einem Herzschaden.

 

Ein paarmal wird Jürgen zu Kindergeburtstagen eingeladen, aber Adolf und Edith verleiden ihm solche Anlässe mit abwertenden Reden. Insgeheim fürchten sie, selber ein Kinderfest ausrichten zu müssen, und scheuen auch die Ausgaben für das Geburtstagsgeschenk.

 

Als Herbert vier Jahre alt ist, kommt er in den Kindergarten. Dafür braucht Jürgen nach der Schule nicht mehr in den Kinderhort. Es kommt zu einer Wiederannäherung an die Mutter. Glaubt man ihr, so spürt sie damals, daß Jürgen eine Person braucht, an die er sich anlehnen und mit der er sich aussprechen kann.

 

Das scheint nur die halbe Wahrheit zu sein. Die Mutter hat unbewußt stets eigene Interessen für fremde ausgegeben. Ihre Hinwendung zu Jürgen entsteht in dem Maße, wie sie sich Adolf entfremdet. Dadurch, daß sie sich stark um Jürgen kümmert, macht sie ihren Mann eifersüchtig. Er wirft ihr vor, ihn, den Haushalt und die geschäftlichen Dinge zu vernachlässigen. Das wiederum gestattet es Edith, ihm Eigennutz vorzuwerfen, Desinteresse an den Kindern und Nörgelei, wodurch die beginnende Ehekrise nicht gelöst, sondern eher vertieft wird.

Jürgen darf häufig in ihrem Bett schlafen, was Adolf als Angriff auf sein ureigenstes Betätigungsfeld betrachtet. Sie wäscht Jürgen, auch im Intimbereich, bis er vierzehn Jahre alt ist.

Ein Kern von Aufrichtigkeit ist auch in diesem Verhalten erkennbar. Edith spürt, daß Jürgens Unsicherheit und Gehemmtheit auch eine Folge der Präpotenz des Vaters ist, der seine Söhne von klein auf ihre Unterlegenheit und Abhängigkeit spüren läßt.

 

Adolf ahnt nicht, daß Mutter und Sohn sich gegen ihn auflehnen, spottet über Ediths Katzenliebe, wirft ihr vor, den Jungen zu verzärteln, und frotzelt über Jürgens Weichheit.

7

Herbert schlägt mehr nach dem Vater. Hin- und hergerissen zwischen Grobheit und Sanftheit, Aggressivität und Hingabe, Großmut und Rachsucht, Anpassungsbereitschaft und Herrscherwut, Euphorie und Depression. Edith und Jürgen kochen Glück und Unglück auf kleiner Flamme, auch ihre wenigen außergewöhnlichen Handlungen haben etwas Beiläufiges, Unauffälliges. Sie wären die idealen Straftäter. Man traut ihnen nichts zu.

 

Adolf und Herbert ist unter Umständen alles zuzutrauen, sie können blind werden vor Wut. Je nachdem, welche Seite von Herberts Wesen in den Vordergrund tritt, lieben oder hassen sich Vater und Sohn.

In Erregung äußert Adolf, Herbert sei offensichtlich ein Bastard, nicht von ihm, aus der Art geschlagen.

 

Jürgen und Herbert haben fast zwanzig Jahre lang kaum mehr gemeinsam als die Eltern und deren Grundsätze, die sich ihnen unterschiedlich einprägen. Sie sind dem gleichen sozialen Ambiente, den gleichen Leitsätzen und Lebensbedingungen ausgesetzt. Selbst ihre schulische und berufliche Entwicklung verläuft ähnlich. Dennoch entwickeln sie sich ziemlich ungleichartig. Erst spät wird Herbert sich seinem älteren Bruder zu nähern beginnen, Mitgefühl empfinden und ihn zu verstehen suchen.

8

Mit zehn Jahren kommt Jürgen in die Realschule. Die Lehrer haben ihn fürs Gymnasium vorgeschlagen. Edith, die den Brief der Schule öffnet, hat keinen Zweifel, daß Adolf zustimmen wird. Nach Feierabend ißt Adolf erst einmal zu Abend. In dieser Zeit darf er mit nichts belästigt werden.

 

Nach dem Abendessen zeigt Edith ihm den Brief. Adolf setzt sein strahlendstes Blauauge auf und ist empört. Warum hast Du mir den Brief nicht sofort gezeigt. Dahinter steht schlechtverhohlener Stolz. Sein Sohn! Jürgen ist froh, daß er aufs Gymnasium soll. Die Kinder in der Volksschule sind ihm zu grob.

 

In diesem Alter beginnen die Kinder schweinische Ausdrücke zu gebrauchen. Peinlich berührt macht Jürgen mit, um nicht aufzufallen. Er gebraucht halbherzig, aber großsprecherisch eine Menge Worte, deren Sinn er nicht kennt. Statt «vögeln» sagt er «flegeln». Die anderen lachen ihn aus. Haha, Jürgen weiß nicht was vögeln ist.

 

Manchmal liest oder hört er Ausdrücke, die er für schweinisch hält. Das Wort Bizeps zum Beispiel. Er hält es für das männliche Geschlechtsorgan. In die achte Klasse geht ein Junge, der bereits die Figur eines Mannes hat. Die Viertkläßler stehen wie üblich beim Klo herum.

Der hat bestimmt einen Mordsbizeps, sagt Jürgen beiläufig. Die anderen übergehen Jürgens Äußerung mit Nichtachtung, wie immer, wenn sie etwas nicht verstehen.

 

Jürgen ist enttäuscht. Er hat Bewunderung erwartet. Endlich einmal ein Wort, das er als erster gebraucht.

Nach wenigen Wochen ist sein Interesse an der neuen Schweinesprache in Abneigung umgeschlagen. Einmal hat er Streit. Die Jungen sprechen in der Pause über die Sexualität der Erwachsenen. Jeder will schon einmal ein älteres Paar beim Koitus beobachtet haben. Ältere Paare sind Personen über vierzehn.

 

Jürgen sagt, wenn er heute über diese Zeit nachdenkt, erscheint sie ihm heiter, zuweilen sogar komisch. Damals erregten ihn die Erzählungen der anderen. Einer stand einmal auf dem Hinterhof. Im vierten Stock war gerade ein jungverheiratetes Paar eingezogen. Gemeinsam mit einem älteren Ehepaar hatte er die jungen Leute hinaufgehen gesehen.

 

Nach einer Weile kommt das ältere Ehepaar in den Hof und geht zwischen den Sträuchern und Rabatten auf und ab. Nach abermals einer Weile beugt der junge Mann sich aus dem Fenster und ruft: Ihr könnt wieder raufkommen.

Er ist nur mit einem Unterhemd bekleidet.

 

Für die Jungen steht fest, daß die Jungvermählten in der Zwischenzeit miteinander geschlafen haben, und daß die Eltern nur deshalb auf den Hof hinuntergegangen sind. Auch Jürgen zweifelt daran nicht, bestreitet aber, daß seine Eltern seit der Zeugung ihrer Kinder noch einmal miteinander Geschlechtsverkehr hatten. Die anderen lachen ihn aus.

 

Für Jürgen bricht eine Welt zusammen. Soll man den anderen glauben, so wird auf der ganzen Welt in jedem Augenblick des Tages hundertmillionenfach kopuliert.

 

Besonders erregen ihn die Mädchen. Sie glucken ständig beieinander, kichern und stoßen sich an, wenn ein Junge in ihre Nähe kommt. Jürgen ist überzeugt, daß sie von ihm angefaßt, möglichst sogar gevögelt werden wollen. Ein paar Jungen und Mädchen in der Klasse sollen bereits sexuelle Beziehungen miteinander haben.

 

Die Jungen höherer Klassen prahlen mit ihren sexuellen Erlebnissen vor den Kleineren. Ein Vierzehnjähriger erzählt Jürgen von seiner gleichaltrigen Cousine, die oft mit ihren Eltern zu Besuch komme. Nach einer Weile schickten die Eltern sie zum Spielen fort ins Kinderzimmer. Er ginge mit dem Mädchen dann regelmäßig ins Bad, wo sie es miteinander trieben.

 

In diesem Alter beginnen die Kinder sich auch in sexueller Hinsicht in das Rollenverhalten der Erwachsenen einzuüben. Wenn ein Mädchen über einen Jungen spottet, heißt es: Die braucht wohl einen kräftigen Schwanz.

Der Geschlechtsverkehr hat nach Ansicht der Jungen die Funktion, den Mädchen ihr freches Maul zu stopfen und ihren Eigensinn zu brechen.

 

Eine große Rolle spielen Fotos und Bücher, in denen sich anstößige Stellen befinden. In diesen Büchern erlangt eine Frau erst dann ihre Vollwertigkeit, wenn ein Mann sie entjungfert und tüchtig durchgevögelt hat.

Mehr und mehr fühlt Jürgen sich durch die Zoten und Anspielungen seiner Mitschüler abgestoßen. Er ist unfähig mit Mädchen herumzulungern, sie abzutasten, ihnen sexuelle Worte zuzuflüstern. Einmal geht er an einem Mädchen vorbei und schlägt ihm mit der flachen Hand auf den Hintern.

Sofort wird ihm siedendheiß, das Blut steigt ihm zu Kopf, seine Beine werden weich, der Magen kommt hoch, vor seinen Augen verschwimmt alles.

Gleichzeitig hat er das Gefühl, bei dem Mädchen durch den Schlag ein Interesse erzeugt zu haben, das ihm Angst macht. Er glaubt, es würde aus dem Schlag Ansprüche auf Sex gegen ihn stellen. Sobald er das Mädchen sieht, weicht er ihm aus.

 

Im Gymnasium werde alles anders sein, hofft er. Die Kinder dort sind besser erzogen, und nicht so vulgär wie auf der Volksschule. In der Nachbarschaft wohnen einige Familien, deren Kinder aufs Gymnasium gehen. Es sind durchweg bessere Leute, was auch Adolf und Edith in ihren Gesprächen anerkennen.

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Adolfs Entscheidung, Jürgen nicht aufs Gymnasium zu schicken, ist typisch für die untere Mittelschicht und die Unterschicht. Mehr noch als Jungen werden die Mädchen benachteiligt. Sie sollen sowieso einmal heiraten. Da braucht man kein Abitur. Auch die beruflichen Ziele werden vorwiegend von den Eltern gesteckt. Die Frauenberufe erfordern kein Abitur: Kindergärtnerin, kaufmännische Angestellte, Arzthelferin, eine Stelle bei der Post etc. Die meisten Kinder halten die beruflichen Wünsche ihrer Eltern für die eigenen.

 

Jürgen, meint Adolf, soll sich nicht sein Leben lang auf der Schulbank herumdrücken. Akademische Berufe sind was für die Kinder von Akademikern. Der Mensch soll nicht nach den Sternen greifen. Seine Abneigung gegen alles Intellektuelle und Überkandidelte geht eine absonderliche Verbindung mit der Achtung ein, die bestimmte akademische Berufe genießen: Ärzte, Rechtsanwälte, Intellektuelle sind Vorbilder, sofern sie konservativ und standesbewußt sind, auf Stil und Etikette achten. Das setzt Lebensart voraus, die aus gutem Elternhaus kommt. So Leute kennt jeder gern.

 

Schütrumpfs sind zwar ein gutes Elternhaus. Handwerk hat goldenen Boden. Die Ehre des Handwerksmeisters. Es gibt nichts Besseres als einen selbständigen Gewerbetreibenden. Dennoch der Vorbehalt gegenüber der eigenen Klasse. Adolf erzählt die Geschichte eines Jungen, der unbedingt Abitur machen und studieren wollte. Er studierte so viel, daß er nervenkrank wurde. Intellektuelle und künstlerische Betätigung führen nach Adolf zum Wahnsinn. Ein anderer junger Mensch scheiterte am Benimm. Zeitlebens fürchtete er, die Leute könnten ihm anmerken, daß er aus einfachen Verhältnissen stammte.

 

Adolfs Hauptargumente sind ökonomisch. Bis die anderen Abitur machen, hast du schon eine abgeschlossene Berufsausbildung und verdienst dein schönes Geld. Während die anderen noch studieren, hast du deinen Meisterbrief und bist vielleicht schon selbständig. Was du denen an Lebenserfahrung voraus hast und dann das Geld, das du in der Zeit verdienst.

 

Jürgen kommt auf die Realschule. Später kann er immer noch aufs Gymnasium überwechseln. Ein paar Tage lang weint er vor dem Einschlafen. In seiner Vorstellung nehmen die Mädchen, die zum Gymnasium gehen, Klavierstunden. Einige bekommen Reitunterricht. Die Jungen haben zu Hause riesige elektrische Eisenbahnanlagen, ein Mikroskop, einen Chemiekasten, mit dem sie experimentieren, eine Tischtennisplatte auf der Veranda, einen großen Hund zum Spielen. Im Sommer fahren sie mit ihren Eltern in Urlaub. Manche haben ein Hausmädchen.

 

Schuld daran ist Adolf. Zwischen N. und dem großen, bewaldeten Höhenrücken oberhalb von K. zieht sich ein langer Stadtteil namens Kuhberg hin, in dem nur Villen, Zweifamilienhäuser und Bungalows stehen. Adolf hat dort Kundschaft und erzählt, wie es in den Häusern zugeht. Er lehnt den Luxus ab, der dort getrieben wird. Edith weiß nicht recht. Ein bißchen mehr könnte es schon sein. Sie hätte damals gern einen Persianermantel gehabt, sagt sie. Heute hat sie ihn.

 

Jürgen scheint sich abzufinden mit Vaters Entscheidung. Er nimmt sie hin wie die Berufswahl, die Adolf einige Jahre später für ihn trifft. Scheinbar besteht kein Konflikt zwischen Vater und Sohn. Heute hat sich in ihm der Gedanke festgefressen, seine ganze Entwicklung habe mit der falschen Schul- und Berufswahl die entscheidende Kurve nicht gekriegt.

10

Mit zwölf beginnt Jürgen zu onanieren. Er ist viel mit einem Jungen namens Pels zusammen, der fast zwei Jahre älter ist und das Gymnasium besucht. Eines Abends fordert Pels ihn auf, gemeinsam zu onanieren. Jürgen weiß nicht, wie man es macht. Es ist Spätherbst, Jürgen erinnert sich deutlich an die Szene. Es war in einer wenig begangenen Ecke des Stadtparks.

 

Pels sagt: Komm, ich zeig dir, wie es geht. Er lehnt sich zurück auf die Ellenbogen, sein kräftiges Glied steht steil aus dem offenen Hosenladen.

Gib mir deine Hand.

Jürgen legt die Faust um das Glied seines Freundes und beginnt ihn ungeschickt zu onanieren.

 

Pels stößt mit dem Unterleib dagegen. Schneller, sagt er, schneller. Nach einer Weile bekommt Jürgen einen Krampf in die Hand. Ich kann nicht mehr, sagt er, und läßt Pels los. Jetzt faßt Pels selber zu und bewegt seine Hand in rasender Geschwindigkeit auf und ab. Als es ihm kommt, schneidet er entsetzliche Grimassen und zuckt am ganzen Körper. Jürgen ist beeindruckt.

 

Eine Erinnerung taucht auf. Es ist Sonntagmittag, er soll Adolf zum Mittagessen holen, die Männer sitzen beim Frühschoppen im Gasthaus zur Mitte. Doktor Frütrunk, der Zahnarzt aus der Heckelstraße, zu dem auch Schütrumpfs gehen, schüttelt sich aus vor Lachen. Er ruft:

Als es bei mir das erste Mal kam, dachte ich, mir läuft das Rückenmark aus.

 

Einige Tage später führt Pels ihn durch einen Seitenweg, der von dichten Büschen gesäumt wird. Pels bleibt stehen, holt sein Glied hervor und beginnt zu masturbieren. Er ermuntert Jürgen, es ihm nachzumachen. Jürgen versucht es, bringt aber nur wenige Handbewegungen zustande. Die Lustgefühle sind unerträglich und auf unbekannte Weise fast schmerzhaft.

 

Wieder einige Tage später fährt er mit dem Fahrrad ins erste Dorf vor K., um seinen Vater an der Arbeit zu besuchen und ihm Frühstück zu bringen. Während der Fahrt auf der einsamen Landstraße holt er sein Glied hervor und versucht abermals zu onanieren. Diesmal geht es schon besser, aber die unsagbaren Lustgefühle hindern ihn auch diesmal, zu Ende zu onanieren. Er hat noch keinen Samenausfluß.

 

Für Jürgen ist das Onanieren von Anfang an eine Art Ursünde. Er schämt sich nicht, hat aber das Gefühl, in eine andere, schmutzige Lebensepoche eingetreten zu sein. Er empfindet einen Verlust. Wenn er über seine Jugend nachdenkt, unterscheidet er zwischen der Zeit, bevor ich zu onanieren anfing, und der Zeit danach.

Adolf warnt seine Söhne. Ohne sie anzuschauen, spricht er von der Gefährlichkeit des Onanierens. Er zeigt ihnen kleine, schmächtige, blaßaussehende Jungen und behauptet, das käme vom Onanieren. Einmal erzählt er, vor dem Kino habe ein Halbwüchsiger gestanden, die Hand in der Hosentasche, und andauernd an seinem Glied herumgespielt. Alle Leute hätten ihn voller Abscheu angesehen, aber der Junge habe nichts bemerkt. Er stellt die Masturbation als eine gefährliche Sucht dar, die den Kranken auszehrt und unwiderstehlich zwingt, andauernd mit seinem Glied zu spielen. Wer einmal damit anfange, müsse am Ende fünf- oder sechsmal am Tag onanieren. Das Onanieren raubt dem Menschen nicht nur die Kraft, sondern auch den Verstand.