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Was bleibt, wenn die Welt aus den Fugen gerät? 1918. Nach dem Krieg taumelt eine verlorene Generation zwischen Hoffnung und Abgrund, auf der Suche nach Halt in einer Welt im Chaos. Ein Auswanderer träumt von einem neuen Leben in Amerika. Ein Reporter verfällt den Nationalsozialisten. Ein junger Gutsbesitzer sieht seine Familie verschwinden. Ein Fotograf gerät in den Bann eines dunklen Kults. Und einer überschreitet alle Grenzen und wird zum Mörder. Ein Roman, neun Geschichten. Ein Mosaik über Verlust, Schuld und die Suche nach einem Neubeginn, wenn eigentlich alles zerbrochen ist.
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Seitenzahl: 203
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Der Roman
November 1918: Im Deutschen Reich stürzt die Monarchie, wenige Tage später endet der Erste Weltkrieg. Die Soldaten kehren von den Schlachtfeldern heim. Doch für viele bedeutet das Ende des Krieges nicht das Ende ihrer Kämpfe: In einer Gesellschaft, die von politischer Unruhe und zerfallenen Ordnungen geprägt ist, müssen sie ihren Platz finden – und sich selbst.
Manche versuchen, an die Zeit vor dem Krieg anzuknüpfen, andere jedoch brechen mit ihrer Vergangenheit. Ein Auswanderer sucht sein Glück in Amerika, während ein Journalist sich von der Ideologie der Nationalsozialisten mitreißen lässt. Ein junger Gutsbesitzer ringt um den Fortbestand seiner Familie, ein Fotograf wird im fernen Bangkok in den Bann eines brutalen Kults gezogen. Einer überschreitet alle Grenzen – und wird zum Mörder. Einst Kameraden im Krieg, kämpfen sie nun allein – mit ihren Erinnerungen, ihren Entscheidungen und einer unsicheren Zukunft.
Die Jahre danach erzählt in neun ineinander verwobenen Geschichten von Verlust, Schuld und der Suche nach einem Neuanfang in einer aus den Fugen geratenen Welt.
Der Autor
Raphael Reichel wurde 1988 in Schweinfurt geboren. Er studierte Kulturanthropologie und Literaturwissenschaft in Würzburg und promovierte an der Universität Tübingen in Empirischer Kulturwissenschaft. Seine Dissertation über die Auswanderung deutscher Rentner nach Thailand erschien 2024 unter dem Titel Männerparadies. Er schreibt zudem journalistische Texte und Artikel zu kulturhistorischen Themen. Die Jahre danach ist sein erster Roman.
www.raphaelreichel.de
Flandern, 1917
Cosmopolitan
Berlin, 1921
Leipzig
Resolute
Berlin, 1924
Die schwarze See, oder: Fünf Akte vom Verschwinden
Berlin, 1927
Flandern, 1918
Für Anna, ohne die ich dieses Buch niegeschrieben hätte. Und für Srishti, ohne diees noch immer in der Schublade läge.
Unser Wissen vom Lebenbeschränkt sich auf den Tod.
Erich Maria Remarque, Im Westen nichts Neues
Zwei Jahre, fünf Monate, drei Wochen und sechs Tage hatte er sich gefragt, wie es wohl sei zu sterben. Jetzt war er enttäuscht.
Seine Vorstellung vom Tod war während der schier endlosen Nächte, in denen sie, zitternd und eingenässt nebeneinander sitzend, keinen Laut von sich hatten geben dürfen, immer detaillierter geworden. Doch sie wollte nicht recht zu dem passen, was nun geschah. Es stand außer Frage, er lag im Sterben. Wenn er selbst noch daran gezweifelt hätte, waren da seine Kameraden, die um ihn herum im Graben knieten und für ihn beteten.
Er empfand keinerlei Schmerzen. Im Gegenteil, er war bei vollem Bewusstsein, konnte jedes Gesicht, das vor ihm auftauchte, einem Namen zuordnen, er hörte ihre Stim men klar und deutlich, er wusste, wer er war und wo er war. Flandern, keine zehn Kilometer östlich von Ypern. Er kannte den Wochentag, es war ein Montag, er kannte das Jahr, es war 1917. Und er kannte auch den Grund, warum er hier lag, zumindest konnte er die Ereignisse in seinem Kopf mühelos nachverfolgen. Warten im Graben, Feuchtigkeit von überall, die Masken um den Hals, das Gewehr an die Brust gedrückt. Stille, Dunkelheit. Schier endlose Stille, endlos langes Warten, endlose Dunkelheit. So weit, so bekannt. Doch dann ein Knall, dann dieses unheilvolle Sirren, dann die Rufe der anderen, Deckung!, Deckung!, dann ein heller Blitz, begleitet von einem weiteren, noch lauteren Knall, der sofort in Taubheit überging, dann Schwerelosigkeit, dann der Aufprall, dann wieder Dun-kelheit. Dann noch mehr Feuchtigkeit, seine Uniform tränkte sich in Sekundenschnelle mit einer warmen Flüssigkeit. Es roch metallen.
Nein, so hatte er sich das Sterben nicht vorgestellt. Es war belanglos, schmerzfrei, ohne jegliches Pathos. Da stand kein Sensenmann in schwarzer Kutte, der seine knöchrige Hand nach ihm ausstreckte und den Zeigefinger einladend krümmte, da war kein gleißendes Licht, auf das er schwerelos zusteuerte, keine sphärische Musik, kein Engelsgesang, kein rasch umgeblättertes Bilderbuch seiner Erinnerungen. Das Leben floss offenbar einfach aus ihm heraus, während er, auf dem Rücken liegend, in der etwas verdrehten Position, in der er gelandet war, den Bemühungen seiner Kameraden zusah, ihn zu retten. Der Tod war also genauso banal wie er von außen aussah. Er hatte nun schon so oft jemanden sterben gesehen, und jedes Mal hatte es ihn wieder aufs Neue erschreckt, wie schlicht es im Letzten war. Aber er hatte daran geglaubt, dass der Sterbende selbst es natürlich anders empfinden müsse. Immerhin war es das eigene Leben, das da zu Ende ging, der eigene Geist, der erlosch, das eigene Empfinden, die eigenen Sinne, die ihren Dienst quittierten.
Überhaupt, es war erstaunlich lange gutgegangen. Bald zweieinhalb Jahre schon. Zweieinhalb Jahre, in denen so mancher neben ihm gestorben war, der geschickter mit der Waffe umging als er, kräftiger gebaut war, erfahrener, mutiger, kämpferischer war, schlicht: tauglicher. Doch, auch das hatte er gelernt, der Tod war hier draußen ein Würfelspiel. Je bewusster ihm das wurde, desto mehr konnte er sich mit seinem eigenen Ende auseinandersetzen. Alle taten das ja. Manche schrieben es an ihre Familien, berichteten von ihrer Angst, diesem alles durchdringenden Schrecken, der überall lauerte und nicht enden wollte. Er hatte nie so einen Brief geschrieben, aber er besaß auch weder Familie noch Verlobte, nicht einmal einen guten Freund. Den Einzigen, den er Freund genannt hatte, einen schüchternen, blassen Jungen aus seiner Schulklasse, der wenig redete, aber viel verstand, hatte es gleich 1914 zerfetzt. Ein paar Tage später hatte er unter einem Haufen Erde im Graben die rechte Hand gefunden, die mit dem Siegelring, den er an sich genommen hatte und seitdem hütete. Ihm war niemand geblieben, dem er Briefe schreiben konnte. Immerhin, das war tröstlich: Wenn er starb, musste niemand um ihn weinen.
Während er so dort lag und auf das Ende wartete, tauchte in seinem Blickfeld die ganze Truppe auf. (Oder was eben von ihr übrig war.) Der Wilhelm war da, der Heinrich, der Friedrich, der Otto, der Kurt, der Richard, selbst Erich, alle waren sie da. Er versuchte sie anzusprechen, zumindest ihre Namen mit den Lippen zu formen, wenn sie mit ihm sprachen, doch er konnte seinen Kie-fer nicht bewegen. Letztlich ahnte er, dass er wohl keinen Kiefer mehr besaß, aber in diesen letzten Minuten hätte er schon gerne noch einmal die Namen seiner Kameraden gesagt, ein Lebewohl und ein paar Worte, die auf seinem Grabstein stehen könnten. Er musste stumm bleiben. Sie stattdessen flüsterten ihm besänftigende Worte entgegen. Bist ein Guter, Timmok. Tapfer, tapfer, Timmok. Bald geht’s nach Hause, Timmok. Für dich ist der Krieg vorbei, Timmok.
Irgendwann kam dann doch ein Feldarzt. Timmok war, als läge er schon Stunden hier in dieser Lache aus Schlamm und Blut. Er hörte nun schlechter, die Geräusche und Sätze um ihn waren schwach und verzerrt. Er sah, wie der Arzt Anweisungen gab und seine Kameraden ausströmten. Er beobachtete, wie sie ihm den Stumpf des Oberschenkels abbanden, wie der Arzt den Inhalt einer dunkelbraunen Flasche über seine Wunden verteilte, wie sie die untere Hälfte seines Gesichts in weiße Binden wickelten. Schließlich kamen zwei Sanitäter mit einer Trage. Er spürte, wie ihn Hände anpackten, hörte dumpf den Arzt von drei runterzählen. Als sie ihn anhoben und auf die Trage schoben, verlor er das Bewusstsein.
Timmoks letzte Empfindung war Ärger, dass sie ihn nicht einfach sterben ließen.
Die Insel
Martin Doyle hatte sein Leben hinter Theken und Zapfhähnen verbracht. Als er am frühen Abend des 23. Oktober 1929 im Alter von sechzig Jahren hinter dem Tresen der Bar Cosmopolitan in Chicago zusammenbrach und starb, hatte er es weiter gebracht, als er es selbst je für möglich gehalten hatte. Und noch viel weiter, als es sein brüllender und prügelnder Vater Seamus auf Clare Island vor der irischen Küste ihm einst prophezeit hatte. Seamus hatte seinem Sohn die gleiche Zukunft vorhergesagt, die auch ihm von seinem Vater vorhergesagt worden war. Martin werde, wie er und wie sein Großvater und wie sein Urgroßvater und überhaupt wie alle Doyles, an die sich Seamus erinnern konnte, auf Clare Island einen Pub betreiben, er werde morgens volle Bierfässer ans Haus rol len und in den Keller wuchten, den ganzen Tag zapfen, zapfen, zapfen und nachts leere Bierfässer aus dem Keller wuchten und vors Haus rollen. Er werde sich dabei den Rücken kaputt machen und die Leber natürlich auch. Er werde Schlägereien zwischen den betrunkenen Fischern schlichten müssen oder Schlägereien mit den Fischern anzetteln, wenn er einen schlechten Tag habe. Er werde mindestens eine Frau im Kindsbett verlieren und noch viel mehr Kinder, bevor sie überhaupt laufen können. Er werde einen Sohn haben, einen mindestens genauso nutzlosen und tollpatschigen Trottel, wie er, Martin, einer sei. Und überhaupt werde er, so wie alle Doyles, diesen gottverdammten, diesen windigen, diesen vom Regen vollgepissten Steinbrocken im Atlantik niemals verlassen. Niemals! Das solle er sich gar nicht erst einbilden. Es sei Jahrhunderte nicht so gekommen und es werde nie passieren. Da solle er sich keine Illusionen machen. Er, Martin Doyle, werde irgendwann hinter diesem siffigen und düsteren Tresen von Doyle’s Pub auf Clare Island zusammenbrechen und sterben, mit seinen, Seamus Doyles, Worten im Ohr. Darauf könne er sich verfickt nochmal verlassen.
Als Martin Doyle fünfzig Jahre später hinter der mahagoniverkleideten Theke mit den saphirblauen Glaseinsätzen zusammenbrach und starb, trug er einen maßgeschneiderten Smoking mit einer rot-gold gestreiften Fliege von Hemley’s & Carlton in der State Street, den ihm der Besitzer der Bar Cosmopolitan im Jahr zuvor für seine langjährigen Dienste zum Geschenk gemacht hatte. Die letzten Geräusche, die er hörte, waren das improvisierte Solo eines Saxophons und das gedämpfte Klirren von Martinischalen.
Und auch sonst hätte sein Leben nicht abweichender von den Vorhersagen seines Vaters verlaufen können.
*
Martin Doyle wurde auf Clare Island von allen nur Tube genannt, weil er im Alter von sieben Jahren nach einem Tritt von Seamus über einen Bierschlauch gestolpert war und sich beim Sturz eine Narbe zugezogen hatte, die seitdem seine linke Augenbraue in zwei Hälften teilte. Er war mit den immer gleichen Tiraden seines Vaters im Ohr aufgewachsen. Der Vater schrie, wenn die Sonne schien, er schrie, wenn es regnete (was auf Clare Island deutlich öfter vorkam als Sonnenschein), er schrie, wenn er betrunken, aber noch viel mehr, wenn er nüchtern war. Er schrie Martin an, er schrie Martins Bruder Thomas an, er schrie seine erste Frau Belinda, Martins Mutter an, bis diese vor dem Schreien davonlief und dabei aus Versehen von der Klippe rutschte und starb (da war Martin fünf Jahre alt). Er schrie seine zweite Frau Martha an, die zurückschrie, er schrie Martins Schwestern Clara, Mara, Fiona und Brenda an, er schrie die Zapfhähne seines Pubs am Hafen von Clare Island an, er schrie die Bierlieferanten und die Möwen an, die Schafe sowieso, den Wind, die Wellen, und manchmal schrie er auch Gott an. Das tat ihm dann allerdings meistens doch schnell leid, weshalb er sich bekreuzigte, die wenigen Bruchstücke des Vaterunsers aufsagte, die er kannte, und anstelle Gottes dann am nächsten Sonntag den Pfarrer anschrie.
Später konnte sich Martin nur an einen einzigen Tag erinnern, an dem sein Vater nicht geschrien und für einen kurzen Moment sogar gelacht hatte. Es war einer der ersten Julitage Anfang der 1880er gewesen, auch daran erinnerte sich Martin noch sehr gut. Ausnahmsweise regnete es nicht, die Sonne war hoch an einem wolkenlosen Himmel festgepinnt und verwandelte den sonst so grauen rauen Atlantik in eine scheinbar endlose, blau-glitzernde Fläche. Seamus Doyle stand inmitten der anderen Bewohner von Clare Island an der Hafenmauer, neben ihm seine Söhne. Sie warteten auf ein Boot, das Lebensmittel bringen sollte. Die Insel versorgte ihre Bewohner mit dem Nötigsten, es gab Kartoffeln, ein bisschen Lauch, ab und an mickrige Rüben, einige Kräuter, Hammelfleisch natürlich, groteske Mengen Hammelfleisch, Ziegenmilch, Ziegenkäse und Ziegenfleisch. Die Fischer brachten Fische, Muscheln, Bierdurst und Streitlust an Land, wie es sich für gute Fischer gehörte. Aber das Bier für Doyle’s Pub kam vom Festland, und deshalb wartete Seamus an der Hafen mauer. Schon den ganzen Tag war er außergewöhnlich aufgeräumt und sanftmütig gewesen. Gesprochen hatte er zwar wie immer kaum, denn wenn er nicht schrie, war Seamus Doyle ein sehr schweigsamer Mann. Doch weder beim Frühstück noch beim Putzen der Gaststube hatte er geschrien, ebenso nicht, als der Schmied Kennan vorbei-gelaufen war, den Seamus sonst immer anschrie, weil der ihn angeblich vor ein paar Jahren beim Anfertigen eines neuen Pubschildes übers Ohr gehauen hatte. Martin und sein Bruder Thomas waren irritiert, einen solchen Tag hatte es tatsächlich noch nicht gegeben. Aber natürlich traute sich keiner von beiden, den Vater auf seine eigenwillig gute Laune anzusprechen. Wenn Seamus Doyle nicht schrie, konnte er nur gut gelaunt sein, aber keiner von beiden wagte es, diesen Zustand auf die Probe zu stellen. Also taten sie beide so, als würde der Vater schreien, und auch ihre Schwestern bewegten sich auf die gleiche, nahezu unsichtbare Art durchs Haus, so als ob jederzeit Seamus hinter einer Ecke stehen und losschreien könnte.
Es stellte sich heraus, dass Seamus Doyle an diesem Tag aufgeregt und nervös gewesen war. Als das Boot in Sichtweite kam, fing er an, seine Schirmmütze in der Hand zu kneten. Martin sah die Fingerknöchel weiß unter der rissigen, fleckigen Haut hervortreten. Wie immer waren in dem Boot einige Kisten und Fässer für die Bewohner der Insel, aber diesmal war noch ein Passagier an Bord, der merkwürdig gut angezogen war. Martin hatte solche Kleidungsstücke noch nie gesehen, aber er spürte in sich den Wunsch erblühen, eines Tages so auszusehen. Elegant, gepflegt, ganz anders als alle Männer, die er von Clare Island kannte. Es schien ihm, als würde dieser Mann, der dort an der Reling des Bootes stand und geduldig wartete, bis die Seeleute es an der kleinen Kaimauer festgemacht hatten, niemals schreien, als wäre er niemals betrunken oder unberechenbar. Als würde er niemals drohen, seine Söhne mit dem Kaminhaken zu Brei zu schlagen.
Die beiden Buben waren noch verdutzter, als der feine Mann nach dem Aussteigen aus dem Boot auf die kleine Menschenmenge am Hafen zukam und sich mit suchendem Blick umsah, woraufhin sich Seamus in Bewegung setzte, auf den Mann zuging und ihm die Hand hinstreckte. Als er mit seiner polternden, immer etwas verwaschenen Stimme seinen Namen sagte, lächelte der Gast geschäftsmäßig und streckte dem Vater ebenfalls die Hand hin, worauf Seamus Richtung Pub deutete. Martin und Thomas machten Anstalten, den beiden zu folgen, doch dann drehte sich der Vater um und gab ihnen mit einer scheuchenden Handbewegung und einem finsteren Blick eindeutig zu verstehen, dass sie dies besser sein lassen sollten, wenn sie nicht Bekanntschaft mit dem Kaminhaken machen wollten.
Auch bei den anderen Bewohnern der Insel war die ei genwillige und ungewöhnliche Begebenheit nicht unbemerkt geblieben, und schon bald wurde im gesamten Ort getuschelt, was Seamus Doyle wohl mit diesem Schnösel vom Festland zu tun habe. Andere Jungs kamen zu den Brüdern und fragten sie aus, doch die beiden blieben eine Antwort schuldig. Sie schauten dann noch ein wenig dem Entladen des Bootes zu und beschlossen schließlich, in den Klippen klettern zu gehen. Manchmal fanden sie dort die halbverwesten Kadaver von abgestürzten Schafen, und es machte ihnen immer großen Spaß, den kleinen Fliegen und Würmchen dabei zuzusehen, wie sie in den aufgerissenen Gedärmen der Tiere herumwuselten.
Und so vertrieben sie sich den restlichen Tag in den zerklüfteten Abhängen am Westufer der Insel, rutschten manches Mal ab, schürften sich die Schienbeine auf, fanden tatsächlich irgendwann ein totes Schaf, das aber schon nahezu gänzlich skelettiert war, und machten sich mit einem Stück Treibholz daran, den Schädel vom Rumpf zu trennen. An einer Stelle der Klippen hatten zwei gewaltige, gegeneinander gefallene Steinplatten ein natürliches Dach gebildet, in das sich die beiden manchmal vor den schlimmsten Regenschauern verkrochen. Dort sammelten sie allerlei Skelettteile und andere Fundstücke vom Strand. Auch den Schafsschädel brachten sie dorthin und legten ihn auf die anderen vierzehn Schädel, die bereits in einer Ecke aufgeschichtet waren. Während Thomas die Begegnung vom Mittag bereits vergessen zu haben schien, ging Martin der gutgekleidete Mann nicht mehr aus dem Kopf. Als das Tageslicht am Weststrand langsam grauer und fahler wurde, hielt er es nicht mehr aus. Das Boot müsse doch längst wieder abgefahren sein, erklärte er seinem Bruder. Das hieße bestimmt, dass auch der seltsame Mann wieder weg sei und sie beide sicherlich die Erlaubnis hätten, nach Hause zu kommen. Also machten sie sich auf den Heimweg.
Als sie die Köpfe durch die Tür des Pubs steckten, war der Gastraum so voll wie immer an einem Werktag um diese Zeit, irgendwo spielte jemand auf der Mundharmonika, das sowieso funzelige Licht brach sich im stehenden Rauch von Zigaretten und Pfeifen. Seamus Doyle stand hinter der Theke und zapfte, sein Gesichtsausdruck war immer noch seltsam unaufgeregt, fast ein wenig eingefroren, entrückt. Als er seine Söhne entdeckte, gab er ihnen zu verstehen, ihn am Zapfhahn abzulösen und verließ ohne ein weiteres Wort den Raum.
Während Martin Bier zapfte und Thomas in einer Zinkwanne, voll mit einer trüben Brühe, die benutzten Gläser spülte, setzte sich der alte Dan auf einen der Barhocker. Er grinste mit seinen wenigen verbliebenen Zähnen, leerte sein Glas und schob es auffordernd zu Martin, damit der es wieder auffülle.
»Sollte es heute eigentlich umsonst geben, euer Gesöff hier. Jetzt, wo euer alter Herr ein reicher Mann ist, nich wahr?«, sagte er und grinste noch breiter. Martin und Thomas schauten sich verständnislos an.
»Weiß nich, was du meinst«, antwortete Martin und begann, dem Alten sein Glas wieder zu füllen. Während die dunkle Flüssigkeit schäumend aus dem Hahn ins Glas schoss, hörte er Dan grunzen.
»So, so, hat er euch nichts erzählt, hm? Sieht ihm ähnlich, dem sturen Bock. Geerbt hat er, erzählt man sich. Einen schönen Batzen Geld. Irgendeine tote Tante vom Festland hat ihn in ihrem Testament bedacht. Jetzt is er anscheinend reich. Kein Wunder, dass er heute das Schreien aufgehört hat. Mal sehen, wie lang’s hält.«
Martin und Thomas sahen sich noch mal an, aber dann zuckte Thomas mit den Schultern. Der alte Dan erzählte viel Stuss.
Als Martin seinem Vater ein paar Stunden später im Hinterhof des Pubs in die Arme lief, konnte er seine Neugier nicht mehr zurückhalten. Es platzte aus ihm heraus, der alte Dan habe erzählt, er, Seamus, sei nun ein reicher Mann, weil er von einer toten Tante vom Festland geerbt habe. Ob das wahr sei und wie reich sie denn nun seien, wollte er wissen. Und wenn sie reich seien, könne er ihm dann irgendwann auch elegante Kleidung kaufen, wie der fremde Mann auf dem Boot sie heute getragen habe? Seine Stimme überschlug sich und stolperte über die Wor te, so aufgeregt war er. Sofort wusste er, dass er einen sehr großen Fehler beging. Und er hatte die Frage noch nicht ganz ausgesprochen, da hatte ihm Seamus Doyle eine so kräftige Ohrfeige gegeben, dass Martin ein paar Schritte zur Seite taumelte. Während er sich die glühend heiße Wange hielt, wartete er auf einen Schreianfall seines Vaters. Doch der stand im mondbeschienenen Hinterhof seines Pubs, schaute auf seinen Sohn herunter, dem Tränen des Schmerzes übers Gesicht liefen, und fing an, dröhnend zu lachen. Aus diesem Lachen presste er seinen immer gleichen Satz hervor.
»Martin, du Schafkopf, du wirst hier zugrunde gehen, wie alle Doyles. Du wirst hinter der Theke da drin tot zusammenbrechen, so wie ich irgendwann hinter dieser Theke tot zusammenbreche. Wie oft muss ich dir das noch in deinen quadratischen Inselschädel pressen? Und du wirst sicherlich keinen Tag in deinem Leben was Anderes tragen als diese Lumpen hier. Verlass dich drauf.«
Dann ging er, kopfschüttelnd und immer noch lachend, in den Gastraum. Martin blieb im Hinterhof stehen.
Das einzige Mal, dass Martin Doyle seinen Vater hatte lachen gehört, war in einer klaren Julinacht Anfang der 1880er gewesen. Er hatte ihn ausgelacht.
*
Das Erbe gab es tatsächlich. Es dauerte einige Wochen – als Seamus mit seiner zweiten Frau Martha und den vier Töchtern zu einer Beerdigung ging und die beiden Söhne beauftragte, auf den Bierkeller und die Gaststube aufzupassen –, bis die Brüder die Gelegenheit hatten, das Haus auf den Kopf zu stellen. Sie fanden das Geld schließlich hinter einem losen Ziegelstein in der Schlafkammer von Seamus und Martha. Es war eine ganze Menge, aber leider reichten ihre Rechenkenntnisse nicht aus, um den genauen Wert zu bestimmen. Doch die Gerüchte waren richtig gewesen. Seamus Doyle war, wie auch immer, zu Geld gekommen. Von einer Tante auf dem Festland, ob nun lebendig oder tot, hatten sie allerdings nie gehört.
Es dauerte jedoch nochmals zwei Jahre, bis Martin seinem Leben mit diesem Geld eine neue Richtung gab. Dann aber ging alles ganz schnell. Der Jähzorn von Seamus Doyle war schon am Tag nach dem Besuch des mysteriösen Fremden vom Festland zurückgekehrt und hatte sich innerhalb weniger Stunden auf das gewohnte Maß gesteigert. Und so blieb es. Streng genommen wurde es schlimmer, denn er begann, seine Söhne nun öfter zu prügeln, einmal benutzt er tatsächlich den Kaminhaken, um Thomas auf die Hand zu schlagen.
Kurz nach seinem vierzehntem Geburtstag geschah es schließlich. Beim Fasswuchten rutschte Martin eines der Seile aus der Hand, das Fass geriet ins Schlingern, er verlor die Kontrolle, und so donnerte es ungebremst die Treppe zum Keller hinab, wo es splitterte und sich das Bier auf den lehmigen Boden ergoss. Seamus, vom Lärm angelockt, sah seinen Sohn starr neben dem kaputten Fass stehen. Statt zu schreien, ging er ruhig die Treppe wieder hinauf und ins Haus. Keine Minute später kam er mit dem Kaminhaken zurück. Martin, die Angst in den Augen, flehte um Gnade, doch es war vergebens. Ein ums andere Mal ließ Seamus Doyle den Haken auf Oberarme, Rücken und Oberschenkel seines Sohnes hinabsausen, bis dieser am Boden kauerte und Blut über die aufgerissenen Hautstellen floss. Nachdem der Vater von ihm abgelassen hatte, blieb er noch lange auf dem Lehmboden liegen. Das Blut mischte sich mit dem klebrigen Bier, in den Wunden brannte es, seine Arme und Beine fühlten sich taub an. Doch er weinte nicht. Schon als der zweite Schlag ihn getroffen hatte, war seine Entscheidung gefallen.
Zwei Tage später kündigte sich das Boot vom Festland an. Am Morgen der Ankunft schlich sich Martin in die Kammer des Vaters, entfernte den Ziegelstein und entnahm alle Geldscheine, die er in dem dunklen, modrigen Loch dahinter finden konnte. Er wickelte sie in einen alten Putzlumpen, den er zusammen mit seiner Mundharmonika, seiner Schirmmütze und einem besonders schön geformten Kieselstein vom Westufer der Insel in einen Beutel stopfte. Damit lief er zum Hafen, wo gerade das Boot für die Rückreise vorbereitet wurde. Wie immer gingen die Seeleute danach für ein Bier in Doyle’s Pub.
Die Kaimauer war verwaist. Es regnete ein bisschen, wie meistens auf Clare Island. Irgendwo blökten Schafe, wie immer auf Clare Island. Die Wellen wiegten das Boot im Wasser, manchmal krachte es gegen die Fender an der Mauer. Martin schaute ein letztes Mal zurück auf die paar kleinen Häuschen, die sich vor den grünen Hügeln der Insel duckten. In der Mitte stand Doyle’s Pub, wuchtig, hässlich, düster. Dann drehte er sich um, nahm ein paar Schritte Anlauf und sprang ins Boot.
Über zwei der größeren Kisten auf der Ladefläche war eine Plane gespannt. Martin zwängte sich in den Spalt dazwischen und zog die Plane wieder nach unten. Hier wartete er. Er hörte die Seeleute zurückkommen, sie waren ziemlich betrunken. Er hörte, wie sie das Boot los-machten, wie die Maschine unter ihm zu arbeiten begann, er hörte das Horn tuten und die Goodbye-Rufe der Insel-bewohner. Dann spürte er die stampfende Bewegung, als sich der Kiel in die Wellen drehte, und er spürte, wie sie die kleine Bucht verließen und der Atlantik das Boot in Empfang nahm. Ihm wurde übel, doch irgendwann machte ihn das stete Auf und Ab müde. Er schlief ein und wurde erst wach, als er abermals die Rufe der Seeleute hörte, die das Boot an einer Kaimauer vertäuten. Draußen war es dämmrig geworden. Als er sich sicher sein konnte, dass niemand mehr an Bord war, kroch er unter der Plane hervor, die Glieder steif von der Enge seines Verstecks und vom kalten Seewind. Zügig ging er auf die Leiter zu, die am Kai nach oben führte. Die Mauer war deutlich höher als im Hafen von Clare Island. Sie mussten in Newport oder einem anderen größeren Ort in der Clew Bay festgemacht haben. Oben angekommen, schauten ihn einige Hafenarbeiter verdutzt an, doch das kümmerte ihn nicht. Er hielt sich links und ging bis ans Ende des Hafens. Dort schaute er nach Westen, wo irgendwo draußen in der dunstigen Bucht, beschienen von einer grauen Abenddämmerung, Clare Island lag. Er spürte keine Angst, keine Wehmut. Nur Erleichterung. Dann drehte er sich um.
