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Durch Zufall treffen sie sich, in einer Hotelbar in einer kleinen englischen Stadt: ein Mann und eine Frau in ihren Sechzigern, zwei Fremde, die einander ihre Geschichten erzählen. Sie ist einsam, ihr Leben ist voller unerfüllter Träume, ihre Tage verlaufen stets gleich, einzig bei der Arbeit im Garten findet sie zu sich. Er ist ehemaliger Schauspieler, und seine Geschichte ist die einer endlosen Suche nach jemandem, den er verloren hat. Seit Jahrzehnten führt er ein haltloses Leben im Dazwischen: Wann immer er eine Tür öffnet, droht er, in eine neue Existenz hineinkatapultiert zu werden. Hunderte Leben hat er berührt, niemand ist ihm geblieben. Doch diese Begegnung wird sie beide verändern – und einen Neuanfang bedeuten. ›Die Jahre ohne uns‹ wirft Fragen auf, die uns alle beschäftigen: Warum verletzen wir die Menschen, die wir lieben? Wie machen wir unseren Frieden mit den Entscheidungen, die wir bereuen? Und was passiert, wenn wir die Geister der Vergangenheit wieder in unser Leben lassen? Barney Norris ist ein fesselnder Roman über Liebe, Verlust und die einzigartige Kraft des Geschichtenerzählens gelungen.
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Seitenzahl: 313
Veröffentlichungsjahr: 2021
Durch Zufall treffen sie sich, in einer Hotelbar in einer kleinen englischen Stadt: ein Mann und eine Frau in ihren Sechzigern, zwei Fremde, die einander ihre Geschichten erzählen.
Sie ist einsam, ihr Leben ist voller unerfüllter Träume, ihre Tage verlaufen stets gleich, einzig bei der Arbeit im Garten findet sie zu sich. Er ist ehemaliger Schauspieler, und seine Geschichte ist die einer endlosen Suche nach jemandem, den er verloren hat. Seit Jahrzehnten führt er ein haltloses Leben im Dazwischen: Wann immer er eine Tür öffnet, droht er, in eine neue Existenz hineinkatapultiert zu werden. Hunderte Leben hat er berührt, niemand ist ihm geblieben. Doch diese Begegnung wird sie beide verändern – und einen Neuanfang bedeuten.
›Die Jahre ohne uns‹ wirft Fragen auf, die uns alle beschäftigen: Warum verletzen wir die Menschen, die wir lieben? Wie machen wir unseren Frieden mit den Entscheidungen, die wir bereuen? Und was passiert, wenn wir die Geister der Vergangenheit wieder in unser Leben lassen? Barney Norris ist ein fesselnder Roman über Liebe, Verlust und die einzigartige Kraft des Geschichtenerzählens gelungen.
© Jay Brooks
Barney Norris wurde 1987 geboren. Seine Theaterstücke ›Visitors‹ und ›Eventide‹ wurden mehrfach ausgezeichnet, zuletzt adaptierte er Kazuo Ishiguros ›Was vom Tage übrig blieb‹ für die Bühne. Sein Debütroman ›Hier treffen sich fünf Flüsse‹ (DuMont 2017) war ein Sunday-Times-Bestseller und stand auf der Shortlist für den British Book Award. ›Die Jahre ohne uns‹ ist sein dritter Roman.
Johann Christoph Maass, geboren 1973, war Schlagzeuger, bevor er Literaturwissenschaften studierte. Er arbeitet als freier Übersetzer in Berlin. Zuletzt hat er Bücher von Antonio Ruiz-Camacho, Jonathan Lethem, Tom Perrotta und Howard Jacobson ins Deutsche übertragen.
Barney Norris
DIE JAHREOHNE UNS
Roman
Aus dem Englischenvon Johann Christoph Maass
Von Barney Norris ist bei DuMont außerdem erschienen:
Hier treffen sich fünf Flüsse
Die englische Originalausgabe erschien 2019 unter dem Titel
›The Vanishing Hours‹ bei Doubleday/Transworld Publishers, London.
© Barney Norris 2019
eBook 2021
© 2021 für die deutsche Ausgabe: DuMont Buchverlag, Köln
Alle Rechte vorbehalten
Übersetzung: Johann Christoph Maass
Umschlaggestaltung: Lübbeke Naumann Thoben, Köln
Illustration: Stephan Rehberg, Merten
Satz: Fagott, Ffm
eBook-Konvertierung: CPI books GmbH, Leck
ISBN eBook 978-3-8321-7087-5
www.dumont-buchverlag.de
[1]
EINS
[2] »Arme Leute müssen halt schauen, wie sie zurechtkommen.«
Charlotte Brontë:
DIES IST NICHT MEIN WAHRES LEBEN und ich glaube auch nicht, dass es das je sein wird. Wahrscheinlich wird es Zeit für mich zu akzeptieren, dass mein wahres Leben niemals stattfinden wird. Es hätte längst beginnen müssen, um auch nur den Hauch einer Chance zu haben länger als einen Augenblick zu bestehen, sich zu irgendetwas zu entwickeln. Stattdessen sollte ich mich einfach mit dem zufriedengeben, was ich habe.
Vor den Sitzungen kann ich nie viel essen. Zu viel Angst. Ich saß in der Küche, schaute durch das Fenster hinaus auf mein Quadrat von Hinterhofgarten und trank eine Tasse entkoffeinierten Tee. Derzeit rühre ich kein Koffein an. Außerdem frühstückte ich eine Scheibe Toast mit Butter und Erdbeermarmelade. Ich nahm an, es war das Frühstück – genauso gut hätte es das Mittagessen sein können. Danach ließ ich meinen Teller und meine Tasse ungespült im Waschbecken stehen und ging in den Garten, inspizierte das Geißblatt und inspizierte die Rose. In der Nacht zuvor hatte es Frost gegeben. Ich fragte mich kurz, ob das Geißblatt in diesem Topf den Winter überstehen würde, um mich dann länger mit der Rose zu beschäftigen. Vor einem Monat hatte ich sie vollständig zurückgeschnitten, nachdem sie jahrelang in alle Richtungen gewuchert war. War ihr das bekommen? Hatte ich es übertrieben? Um das herauszufinden, würde ich den Frühling abwarten müssen, aber ich schaute trotzdem nach Anhaltspunkten, schaute nach Anzeichen dafür, was passieren würde.
ROSE. Etwas, das stirbt. Etwas, das von Zeit zu Zeit radikal zurückgeschnitten werden muss. Etwas, das zweimal lebt, im Sommer und im Herbst. Etwas, das wie eine Erinnerung riecht, während Sternrußtau fortwährend an den Blättern knabbert.
Ich habe immer gedacht, dass ich einmal ein Meisterwerk in die Welt hineinweben würde, eine Enzyklopädie aller Worte, in die ich mich jemals verliebt habe. Es wäre die Krönung meines Abschlusses an der Open University gewesen, auf den ich hinzuarbeiten begonnen hatte, nachdem ich gerade wieder einmal genesen war und sie mir sagten, ich sei auf dem allerbesten Weg. Der fünfzehnte oder sechzehnte Versuch, den ich unternahm, wieder neu anzufangen. Er verlief wie alle anderen davor und danach. Es sind mittlerweile so viele, Leben nach Leben, die nie stattgefunden haben: Beinahe siebzig Jahre voller Träume, die kamen und gingen, immer weitere Geburtstage, die sich kriechend nähern, während ich unaufhaltsam zu der alten Frau werde, die zu werden ich niemals gedacht hatte. Aber meine Enzyklopädie hätte ich gern geschrieben. Von all den Träumen, die ich nie verwirklicht habe, tut es mir bei diesem am meisten leid, ihn nicht umgesetzt zu haben.
Ich wollte etwas für Menschen tun, die vergessen haben, dass es auf der Welt, auch wenn sie ein furchtbarer und schrecklicher und dunkler Ort zum Leben ist, von Dingen wimmelt, an die zu erinnern sich lohnt. Dinge, die jeder gern sehen oder tun würde. Ich dachte, dass wenn ich all das Schöne dokumentierte, das ich gesehen hatte, jede Impression, die mir das Gefühl gegeben hatte, es lohne sich zu leben, sich vielleicht andere, in ähnlicher Dunkelheit, ermutigt fühlen würden, das Leben mit anderen Augen zu betrachten, über die Dinge hinwegzusehen, die sie plagten, und auch nach Schönem Ausschau zu halten. Wie gern hätte ich ein solches Buch entdeckt, als es mir selbst so richtig schlecht ging.
Die Leute hätten den Text wie in einem Wörterbuch lesen können, von A bis Z, bei Belieben jedoch auch anderen Pfaden folgen, anderen Geschichten. Denn so begreift man die Dinge – sie kommen nicht eines nach dem anderen auf dich zu; sie schleichen sich an, nähern sich von der Seite her. Lebenswerte Tage fallen uns zu wie Sonnenlicht, das durch die Fenster dringt und für unerwarteten Schattenwurf sorgt. So bin ich den Worten begegnet, die ich liebe. In der Enzyklopädie wollte ich zeigen, dass Dinge nicht einfach per se schön sind – sie sind aufgrund dessen schön, was sie den Menschen bedeutet haben und was sie einem selbst bedeuten. Es wäre also ein Buch gewesen, in dem man sich hätte verlieren können. Jeder Eintrag sollte sich wieder auf andere Einträge beziehen und man hätte so all das Gute durchwandert, das der Verfasserin je widerfahren ist, ganz nach Belieben einen Pfad gewählt und das Buch nie verlassen müssen, wenn man nicht gewollt hätte.
Von dem Entwurf, den ich angefertigt hatte, ist nicht viel übrig, aber ich kann zeigen, wie das Ganze funktioniert hätte.
ÄPFEL. Als ich klein war, sind wir mit meiner Familie in den Ferien einmal nachWALESgefahren, wo wir während unseres Aufenthalts einen Berg bestiegen. Als wir oben ankamen, holteDADein paar Äpfel aus seinem Rucksack und wir aßen jeder einen. Nach ein paar Bissen sah meiner aus wie der Apfel in dem Schneewittchen-Film und ich warf das Kerngehäuse weg. Mein Onkel wurde wütend auf mich. Er fragte, warum ich den Apfel weggeworfen hätte, nachdem ich kaum die Hälfte gegessen hatte, nachdem mein Vater sich die Mühe gemacht hatte, ihn den Berg hochzuschleppen. Er konnte nicht verstehen, warum ich so achtlos gewesen war. Damals ging mir das ziemlich an die Nieren, aber seit dem Tag habe ich jeden Apfel vollständig verzehrt und lasse außer dem Stiel, den Kernen und dem allerletzten Stückchen Gehäuse nie etwas übrig, und jedes Mal wenn ich einen Apfel esse, denke ich an meinen Vater und die Mühen, die er sich meinetwegen gemacht hat, die Dinge, die er für mich geschleppt hat.
DAD. [Im richtigen Buch wäre das ein längerer Eintrag, aber hier werde ich eine kürzere Geschichte skizzieren.] An meinen Vater habe ich nicht so viele Erinnerungen, wie ich gern hätte, aber ich kann von demTANZENDEN BAUMerzählen. Als ich klein war, gingen Mum und Dad mit uns immer in dem Wald spazieren, der ganz in der Nähe unseres Hauses lag, um den Tanzenden Baum zu besuchen. Dad lief oft so schnell, dass ich nicht hinterherkam, außer ich rannte. Aber so lange ich mithalten konnte, erzählte er mir kleine Geschichten, zum Beispiel alles über dieROSENKRIEGE, von Königen, die in vergangenen Zeiten aufgestiegen und wieder gefallen waren, just dort, wo wir gerade entlangliefen. Auf diese Weise lernte ich eine Menge wunderbarer Dinge, die an der Schule, auf die ich ging, niemand wusste, und ich war stolz, denn mit Dad mitzuhalten machte mich zu etwas Besonderem; es hatte mir den Zugang zu Geheimnissen ermöglicht, die die Welt größer machten, als sie zuvor gewesen war.
TANZENDE BAUM, DER. In der Mitte des Waldes unweit unseres Hauses gab es einen Baum, der immer so aussah, als hätten wir ihn gerade beim Tanzen erwischt. Seine Äste waren auf eine Weise verdreht und verkrümmt, dass es wirkte, als versuche er vor sich selbst zu fliehen oder als habe er sich eben noch zu einerMUSIKbewegt, die verstummt war, nur Augenblicke bevor wir eintrafen. Wir hatten immer den Eindruck, der Baum verharre vollkommen still in seiner albernen Pose in der Hoffnung, wir würden ihn nicht bemerken, ihn nicht auslachen, sondern einfach in Frieden lassen. Aber wir bemerkten ihn, aber hallo, und tanzten gern selbst unter ihm, besonders wenn im Herbst dortBLÄTTERlagen, die wir aufwirbeln konnten.
LATEIN. Ich habe nie richtig Latein gelernt, aber in der Schule bekam ich mit, dass man als Schauspieler gemocht wurde, also bemühte ich mich, mir einen Ruf als guter Rezitator zu verschaffen. Der Lateinlehrer bekam Wind davon, dass ich meinen Shakespeare ziemlich gut im Griff hatte, und ich war wohl tatsächlich nicht schlecht für mein Alter, weshalb er mich bat, bei einem Rezitierwettbewerb auf Latein mitzumachen, der landesweit zwischen Schulen ausgetragen wurde. Ich nahm teil und gewann, auch wenn ich keine Ahnung hatte, was ich da sagte, nur wusste, dass es von Plinius war und es um eine Stadt ging. Aber mir gefiel das Gefühl zu siegen so sehr, dass ich auch im Jahr darauf am Wettbewerb teilnahm und den Titel zu meiner großen Freude verteidigte.
BLÄTTER. Nachdem ich mit der Schule fertig war, zog ich in die Stadt, und als wir heirateten, entschieden mein Mann und ich dortzubleiben und uns ein Zuhause aufzubauen. Zu der Zeit, im Jahr nach der Hochzeit, spürte ich immer deutlicher, dass ich fremd in der Stadt war, mich dort nicht zu Hause fühlte. Das London der Achtzigerjahre war voller Dreck und Busse, voller hornissenartiger Motoren und alter Männer, die mittags, wenn die Pubs noch geschlossen hatten, die Straßen entlangliefen, als wären sie auf Patrouille; dünne Männer, deren Kleidung von Gürteln aus Stricken oder Kordeln gehalten wurde, und für eine junge Frau, die nicht in diese Welt gehörte, war das alles sehr merkwürdig.
Zum ersten Mal begann ich mich bewusst für die Welt zu interessieren, in der ich aufgewachsen war. Meine Kindheit über hatte ich einfach gelebt. Ich hatte nie ernsthaft darüber nachgedacht, was ich tat. Jetzt fing ich an, Bücher über die Natur zu sammeln. Ich wollte mich bewusst damit auseinandersetzen, dass ich quasi der Wildnis entstammte. Die erste Aufgabe, die ich mir stellte, war, die Namen und Formen der Blätter zu lernen, denen man an den Bäumen Englands begegnet. Ich sah mir Bilder in Büchern an und prägte mir die Namen auf Englisch und aufLATEINein, ging dann in Parks und testete mich selbst. Damals arbeitete ich nicht. Ich war auf Jobsuche und versorgte meinen Ehemann, der arbeiten ging, während wir überlegten, ob wir eine Familie gründen sollten oder nicht, und die Blätter wurden mein liebstes Projekt. Mir war, als erhaschte ich zwischen ihnen hindurch Blicke auf die Person, die ich sein wollte.
MUSIK. [Auch das wäre eigentlich ein sehr langer Eintrag. Ich will hier nur auf einen Aspekt eingehen.] Der Unterricht an der Musikschule hat mir nie Spaß gemacht, aber ich ging hin, weil ich es liebte, bei Konzerten aufzutreten. Ich wurde ziemlich gut auf der Geige, sodass ich im Schulorchester mitspielen konnte. Bei längeren Konzerten war ich wie berauscht, es erinnerte mich an dasTHEATER, meinen absoluten Lieblingsort. Es ging in beiden Fällen darum, eine Geschichte zu erzählen, Gefühle aus dem Nichts heraus zu erzeugen. Was mich tatsächlich etwas Wichtiges über das Theater lehrte. Ich begriff, dass es nicht die Worte der Schauspieler waren, denen das Publikum lauschte, genauso wie die Leute auch nicht auf die Noten hörten, die die Musiker spielten. Worauf alle die ganze Zeit über aus sind, ist die Sache dazwischen, das Eigentliche, die Gefühle, die eine andere Person bloß einen Herzschlag entfernt empfindet. Mir gefiel es, in einen Austausch mit dem Publikum aus Müttern und Vätern einzutreten, die zuhörten, während wir versuchten, sie zu rühren, und sie hörten sich die Stücke an, die wir ausgesucht hatten, aber eine halbe Stunde, nachdem wir fertig waren, wusste niemand mehr genau, ob das alles überhaupt stattgefunden hatte. Die Musik war vollständig verschwunden, so als habe sie nie existiert. Darin bestand der Spaß an der Sache, es war eine Art Spinnfädenspiel, bei dem man versuchte, ein Gefühl mit einer anderen Person zu teilen. Nichts davon war real, man konnte nichts genau benennen, weshalb sich das Ganze wie ein Geheimnis anfühlte, das man teilte.
THEATER. Das erste Theater, an das ich mich erinnere, war eines für Kinder irgendwo am Stadtrand Londons. Ich war noch sehr jung und hatte noch nicht besonders viel gesehen, weshalb ich keinen Blick dafür hatte, wo die Bühne von Scharnieren zusammengehalten wurde oder wo man den Anstrich etwas hätte ausbessern können. Ich sah auch den gelangweilten Platzanweiser ganz hinten nicht, der uns am Ende der Reihe nach herauskomplementieren würde – all diese Dinge waren für mich unsichtbar. Ich erinnere mich lediglich an diese Frau, das Gesicht vor Begeisterung strahlend, die uns durch einen Wald voller großer Bäume führte und uns mit den Tieren dort vertraut machte.
WALES. Die Ferien verbrachten wir immer in Wales. Woran ich mich am deutlichsten erinnern kann, ist ein Silvester, das wir in einem umgebauten Schweinestall oben in der Nähe von Conwy feierten, wo gleich am Kai die beste Eiscreme der Welt verkauft wurde. Es war bitterkalt und wir trugen den ganzen Tag über Schlafanzüge unter unserer Kleidung. Niemand macht mehr so Urlaub – mittlerweile gibt es überall Zentralheizung – und ich vermisse das Lagerfeuer, das Sich-Begnügen, das Zähneklappern, die Tassen Tee und den Porridge mit Rosinen. Bis Neujahr hielt ich nicht durch, aber ich blieb lange auf, spielte ein Brettspiel mit meinen Eltern, das auf denROSENKRIEGENbasierte.
ROSENKRIEGE, DIE. Einige Monate, nachdemDADmir die Geschichte der Rosenkriege erzählt hatte, nahm er mich auf einen ganz besonderen Ausflug mit, zum Schauplatz der Schlacht von Naseby. Zu sehen gab es eigentlich nichts, aber ich fühlte mich den Menschen, von denen ich gehört hatte, sehr nah, als ich da an der Stelle stand, wo einige von ihnen gestorben waren. Dad machte ein Foto von mir und auf dem Nachhauseweg aßen wir im Auto einenAPFEL.
Man sieht schon, wie meine Enzyklopädie funktioniert hätte und wie rasch sie angewachsen, erblüht wäre und tausend Köpfe bekommen hätte, zu einem riesigen und überwältigenden Chor aus Geschichten über die wunderschöne Welt geworden wäre, die wunderschönen Worte. Ich dachte, sie könne den Menschen gut tun, würde sie jemand veröffentlichen wollen. Aber wie gesagt, das Werk ist nie abgeschlossen worden. Die Open University ließ mich wissen, es handele sich dabei nicht um eine legitime akademische Arbeit. Für mich aber war sie zu wichtig geworden, als dass ich irgendetwas anderes schreiben wollte. Wenn ich nicht dieses Projekt verfolgen konnte, dann würde ich lieber überhaupt nichts tun, entschied ich. Also brach ich das Studium ab und gab das Werk auf.
Ich denke häufig, dass, hätte ich die Kraft gefunden, die Enzyklopädie zu komplettieren, die Worte und Wunder eines ganzen Lebens zusammenzusammeln, der Kern meiner Geschichte deutlicher würde als durch jede Auflistung von Fakten, Daten und Orten. Sie hätte die Möglichkeit geboten, mir direkt ins Herz zu schauen, sodass die Leute über die Geringfügigkeit der Fakten hätten hinwegsehen und einen Blick auf die geheime Wahrheit erhaschen können, dass sich auch mein Leben bedeutsam anfühlt, unter der Oberfläche, dass jeder einzelne Tag für mich einzigartig ist. Das lässt sich nur schwer zum Ausdruck bringen, wenn ich lediglich erzähle, ich sei Anfang der Fünfziger geboren worden, alt genug, um all das Aufregende der darauf folgenden Dekade zu beobachten, jedoch noch zu jung, um daran teilzunehmen, dass, weil ich meine Kindheit und Jugend auf dem Land am Ende der Welt verbrachte, ich auch noch lange nachdem ich realisiert hatte, dass ich nicht an Gott glaubte, im Kirchenchor sang und die Freuden von Punk und 1976 vollkommen verpasste, auch wenn es meine Generation war, die sich dort austobte, dass ich nach London abhaute, sobald ich konnte, nachdem ich mit dem Hauswirtschaftsunterricht durch war und damit, Mutter und Vater zu ehren, auch, dass dieses Experiment, mich in der großen weiten Welt zurechtzufinden, jedoch scheiterte und es mich schon sehr bald wieder zurück in den Westen zog, in eine Reihe kleinerer Anstellungen – als Sekretärin an einem College, dann als Zahnarzthelferin, bevor ich an den Schalter für Kundenbeschwerden eines Supermarktes wechselte, weil die festen Arbeitszeiten bei den anderen Jobs zu eintönig geworden waren. Oder wenn ich die gelegentlichen Zusammenbrüche erwähne, wenn mir alles zu viel wurde. Und den Kauf dieses Bungalows vor zehn Jahren und die ganze Zeit, die ich allein darin verbracht habe, ohne jemanden, der mir Gesellschaft leistete. Was erzählt einem eine solche Auflistung über den wahren Kern einer Person? Selbst wenn ich erzählen würde, was ich in meiner Freizeit getan habe – Emily-Dickinson-Gedichte gelesen, nach Zahlen gemalt, mit der Laubsäge gewerkelt, ein bisschen gehäkelt und ein- oder zweimal einen Ausflug nach London unternommen, um mir irgendwo eine Band anzuschauen –, gibt auch das noch keinerlei Auskunft darüber, wie es sich in Wirklichkeit angefühlt hat. Jegliche Behältnisse, in die wir unser Leben gießen, erscheinen allzu klein, verglichen damit, wie es sich anfühlt zu leben, von Energie durchströmt zu werden, verglichen damit, wie die Dinge wirken, wenn man morgens aus dem Fenster starrt. Es braucht schon etwas Raffinesse, um jemanden daran teilhaben zu lassen, wie all das wirklich ist. Und meine Enzyklopädie hätte es gekonnt.
ASYL. Eine Zuflucht vor Gewalt. Ein Ort, um auszuruhen. Eine Möglichkeit, sich zu verstecken. Ein Akt des Mitgefühls. Verständnis, von Mensch zu Mensch. Ein Ort, wo Menschen die Erlaubnis haben, den Ernst ihrer Lage zu erkennen, die Wichtigkeit und Einzigartigkeitihrer Leben, und sich nicht selbst kleinmachen, Fürsorge und medizinische Versorgung ablehnen müssen und unter dem Gewicht der Geschichten verschwinden, die die Zeitungen eigentlich lieber bringen. Ein Ort, wo den Menschen gesagt wird, dass sie trauern dürfen, leiden und heilen. Ein Ort, wo man zumindest nach denjenigen schaut, die nicht heilen können, und sie trotzdem die Langsamkeit des Lebens erfahren können, während die Blätter fallen, Mahlzeit für Mahlzeit, Atemzug um Atemzug, Glas um Glas kalten Wassers, das die Kehle hinabrinnt, während sich die einfache Schönheit von Regen auf Glas oder einem Spaziergang in der Dämmerung zeigt, Morgen für Morgen, selbst jenen, die leiden müssen, ehe sie die all herrlichen Dinge genießen dürfen, die uns geschenkt werden.
Wenn ich im Garten bin, muss ich nicht nachdenken. Ein wahrer Segen. Ich kann ein lebendes und atmendes Etwas sein wie das Geißblatt, wie die Rose. Und darüber hinaus wird nichts von mir verlangt; ich muss weder etwas sagen noch über irgendetwas nachdenken. Gemeinsam lassen wir uns einfach von der Sonne bescheinen. Im Sommer verfolge ich, wie die Halme wachsen, und im Winter beobachte ich, wie alles wieder stirbt, und solange ich danach schaue, verschwinden all die Phantome, die uns Menschen heimsuchen, die Fieber und Fantasien. Niemand spricht hier draußen mit mir. Niemand bittet um etwas.
Aber kalt war es heute, weshalb ich gleich nachdem ich mir die Rose angeschaut hatte, die noch frei von Fäulnis war, wieder hineinging, zitternd. Ich bin jetzt eine alte Dame oder werde schon bald eine sein. Deshalb spürte ich die Kälte so, nehme ich an. Demnächst werde ich meine Senioren-Buskarte bekommen. Aber da es mich nun schon so lange gibt, habe ich so einiges gelernt. Wie ich im Garten Frieden finden kann zum Beispiel. Und ich habe so viel Erfahrung, dass mir klar war, dass es schneien würde, bevor es mir das Radio mitteilte – ich hatte die Anzeichen selbst gesehen. Im Garten sah ich, wie der Tag Platz machte für die Show, den Tanz, den Glanz. Wie die Temperatur fiel, um den Boden vorzubereiten.
Ich ging wieder hinein und sah mein Frühstücksgeschirr in der Spüle stehen, seufzte und machte mich dann daran, es abzuwaschen. Ich ließ das heiße Wasser laufen, bis es mir in die Rückseite meiner Hand stach, tat dann den Stopfen hinein und drückte etwas Spülmittel ins Becken. Ich schrubbte den Teller und das Messer und die Tasse mit der Bürste, spülte sie dann unter dem noch immer laufenden Wasser ab und stellte sie ins Abtropfgestell. Dann nahm ich ein Geschirrtuch und trocknete jeden Gegenstand ab, räumte alles zurück an seinen Platz in den jeweiligen Schubladen und Schränken. Während ich arbeitete, schaute ich die ganze Zeit über in den Garten und wurde nicht nur durch den Anblick der Stille belohnt, sondern auch durch die Ankunft eines Rotkehlchens, das von der Stechpalme in der Ecke hüpfte und zögernd die halsbrecherische Strecke quer über den Rasen zurücklegte. Ob es dachte, ich hätte etwas Futter bereitgestellt? Vielleicht hätte ich das tun sollen. Ich räumte das saubere Besteck zurück in die Schublade und trat einen Schritt zurück, um die Küche zu begutachten, die wieder tipptopp war. Sie sah beinahe aus, als wäre ich nie hier gewesen. Als ich wieder aus dem Fenster sah, war das Rotkehlchen verschwunden.
Früher hatte ich Katzen, die immer wieder die Kadaver von Vögeln und anderen kleinen Tieren auf dem Rasen verstreut liegen ließen. Am schlimmsten war es, wenn es geschneit hatte, wenn sich die Zeichen des Schicksals eines Rotkehlchens oder irgendeiner anderen armen Kreatur hellrot auf dem Schnee abzeichneten. Es gab Morgen, an denen ich aufwachte und in den Garten schaute – manchmal war es noch dunkel, manchmal war die Sonne bereits aufgegangen – und dann das Blut auf dem Schnee und den Kopf eines Rotkehlchens oder den eines anderen Vogels sah, der in einiger Entfernung der weiteren Überreste lag. Bei Tageslicht waren die Farben beinahe schön – das Rot und das Weiß und der aufgewühlte Schnee, wo die Katze den Vogel zu Tode getanzt hatte. Jetzt würde ich keine Katze mehr um mich haben wollen. Das sind echte Mörder, immer kurz vor der nächsten Gräueltat.
Ich ging zurück in die Dunkelheit des Flurs und in mein Zimmer, um mich für den Tag fertig zu machen, und wurde auf dem Weg erneut von einer Erinnerung gepackt.
VERWITTERT. Etwas, dessen angestammte Form gewaltsam verändert wurde. Etwas, das seine Gestalt verloren hat. Etwas Schönes, von dem man nicht gedacht hätte, es in der Natur finden zu können, eine schier unglaubliche Form. Etwas Entstelltes. Eine Form wie eine Erinnerung, die abebbt und schließlich verstummt. Eine Form, die man mit der Zunge befühlen will. Etwas Beschädigtes. Etwas, das eines Tages verschwinden wird. Etwas, das einmal mehr war, als es jetzt ist. Etwas, das viel erlebt hat. Etwas, das weit gereist ist, das am Grund des Ozeans hin- und hergerollt ist. Die Art, wie Hoffnung schwindet.
Als ich noch jünger war, stürzte ich mich ständig in die Erinnerung an den Tag, als Dad uns verließ. Die Erinnerung war wie ein Stein, den ich in der Tasche trug und den ich den ganzen Tag lang mit Zeigefinger und Daumen berührte, ihn so immer mehr glättete, seine Form meiner Haut anpasste, bis es sich so anfühlte, als sei er ein Teil von mir. Ich hatte ihn mir immer als etwas Dunkelblau-Kühles vorgestellt, diesen Stein, den ich liebte, aber niemals herausnehmen und anschauen konnte. Ich fragte mich, ob wohl alle Menschen ihren eigenen Stein mit sich herumtrugen, eine Erinnerung, die sie zum Mittelpunkt ihrer selbst gemacht hatten, in einer Geheimtasche auf der verdeckten Innenseite ihres Mantel verstaut, die sie zusammenhielt und gleichzeitig niederdrückte.
Ich wünschte mir so sehr, dieser Geheimstein möge Teil meines Körpers sein. Es gibt doch diesen Trick, bei dem man den Zeigefinger der rechten Hand vor den Augen gegen den Zeigefinger der linken Hand presst und dann an ihnen vorbei etwas weiter weg schaut, sodass man durch eine optische Täuschung plötzlich einen dritten kleinen Fingerstumpen sieht, der zwischen den beiden anderen schwebt wie ein kleines Weihnachtswürstchen. Und wenn man dann versucht, seine Finger wieder direkt zu fokussieren, stellt man fest, dass es verschwunden ist. So sollte Dad für mich sein – die ganze Zeit über da, darauf wartend, bei mir sein zu können, auch wenn ich ihn nicht sehen konnte.
In den besten Kinderbüchern gibt es immer eine geheime Tür. Eine Möglichkeit, in eine andere Welt zu gelangen, einen kleinen Gang, der aus dem Zimmer hinausführt, von dem man liest. Wie das Geheimnis am Wipfel des Wunderweltenbaums, das Wunder, das geschah, jedes Mal, wenn diese Kinder hinaus in eine andere Welt kletterten. Manchmal ist es eine Uhr, die schlägt, oder ein Baum oder eine Pfütze oder ein Briefkasten; es kann irgendetwas Alltägliches sein, aber wenn das Buch etwas taugt, wird es darin etwas Magisches geben. Etwas, das einen woandershin bringt. Vielleicht ist es so, weil ja auch das Aufwachsen in einer Art Exil mündet, man einfach aus dem Moment verbannt wird, in dem alles möglich schien. Vielleicht gibt es deshalb in Kinderbüchern mehr Falltüren als in den Büchern, die wir als Erwachsene lesen. All die Falltüren in all den Kinderbüchern der Welt bieten die Möglichkeit, sich in eine Zeit zurückzuträumen, als man die Welt noch für bare Münze nahm und keinen Verlust erlitten hatte.
Ich war angezogen und bereit rauszugehen. Ein Unterhemd und zwei T-Shirts, eine Strickjacke und darüber ein Pulli und dann mein Mantel, der so dick gepolstert ist, dass ich aussehe wie ein Schneemann. Man muss sich Mühe geben, wenn man in diesen Wintern in der Tiefebene von Salisbury nicht frieren will. Aus dem Korb an der Tür schnappte ich mir Mütze, Schal und Handschuhe. Ich drehte mich noch mal um, um im Haus nach dem Rechten zu sehen, bevor ich ging, ließ den Blick durch den dunklen Flur zum Licht in der Küche hinwandern und dem Eckchen Garten und dem Glück dahinter. Mir gefällt mein Domizil immer am besten, wenn es den Eindruck vermittelt, es wohne niemand hier. Wenn es vollkommen leer und still ist. Es mag sich eigenartig anhören, aber ich liebe es, mir die Räume vorzustellen, wenn ich nicht zu Hause bin, wenn sich nichts bewegt, sich lediglich langsam der Staub in den Lichtstrahlen setzt, die im Laufe jeden Tages jeden Winkel unter Beschuss nehmen.
Ich öffnete die Haustür, griff nach meinen Autoschlüsseln und trat hinaus in den Morgen. Die gelbe Rose, die an der Vorderseite des Hauses hinaufrankt, war mittlerweile verwelkt, bis zum Frühling würden keine Blumen mehr blühen. Als ich vor zehn Jahren hier ankam, habe ich als erstes Kletterpflanzen und Ranken gepflanzt, Geißblatt und Nachtschatten und Jasmin und Rosen entlang der Mauern. Ich wollte meine Welt ganz und gar in Grün tauchen. Mich unter Blättern begraben und den Sommer über mit einer Wolke aus Düften umgeben, so schaumig wie Shampoo. Wunderbare Verstecke für die Vögel erschaffen und für mich.
INTERLUDE. Ein Augenblick in Verbannung. Zeit, die zwischen dem einen Spiel und dem nächsten verstreicht. Ein Moment, im Haus verbracht, bevor man wieder zum Spielen hinausgeht. Ein Moment, im Freien verbracht, bevor man auf die Party zurückkehrt. Ein Atemholen. Eine Möglichkeit. Zeit, die man denkend verbringt.
Als ich jung war, träumte ich von einem Leben, in dem Dad uns nicht verlassen hatte. Weshalb ich überall nach geheimen Auswegen aus dem Alltäglichen suchte, was schließlich zu meiner obsessiven Beschäftigung mit diesem einen Morgen führte. Wieder und wieder ging ich die Erinnerung daran im Versuch durch, mein letztes Bild von Dad wirklich genau herauszuarbeiten. Es war eigentlich nichts Besonderes an dem, was ich an diesem Morgen sah, aber dennoch hielt ich mich mit ganzem Herzen an dem fest, woran ich mich erinnerte, dem letzten kurzen Blick, den ich von ihm erhaschen konnte.
Also rieb ich diese Erinnerungen wieder und wieder blank, die Perlen eines Rosenkranzes, den ich aus meinem Leben gemacht hatte, und erschuf meine eigene Religion, hielt das alles aber vor meiner Mum und auch sonst jedem geheim. Wenn ich nie vergaß, wie der Morgen genau abgelaufen war, vielleicht gab es dann einen Teil in mir, der sich niemals veränderte, sich nicht von ihm ablöste, wie Klippen, die ins Meer stürzen. Vielleicht gab es dann einen winzigen Teil, der für immer mit ihm leben konnte, ein Wunsch, der anhielt, lange nachdem die Hoffnung, bald wieder von ihm in die Arme genommen zu werden, geschwunden war, lange nachdem es absurd geworden war, sich vorzustellen, er sei noch am Leben und sehe irgendwie noch immer so aus wie an dem Morgen, als er gegangen war. Weil Mädchen ihre Väter einfach lieben. Besonders wenn sie die Möglichkeit bekommen, sie tatsächlich kennenzulernen. Dann sind ihre Väter perfekt und der Rest der Welt verwandelt sich in Echos und Schatten des ersten Mannes, den sie geliebt haben.
Eigenartig, wie mir die Zeitungen jedes Jahr erklären, es werde immer wärmer auf dem Planeten, sich meine Welt mit jedem Jahreswechsel aber ein wenig arktischer anfühlt, jedem in der Recyclingtonne versenkten Kalender. Die Blüte der Dinge scheint permanent im Vergehen begriffen, aber ich bin auch melancholisch veranlagt, immer schon gewesen. Ich achte eben darauf, wie die Dinge schwinden, kann nicht anders, als die Blätter meiner Pflanzen auf Fäule zu überprüfen. Selbst im Frühling meines Lebens, als junge Frau in London, hielt ich Ausschau nach Anzeichen des Todes, wenn ich hinaus in den Garten ging, die Pflanzen wässerte und die überflüssigen Blätter von den Tomatenpflanzen schnitt, damit die Früchte stärker austrieben. Ich hielt Ausschau nach Ablegern, die in ihren Töpfen eingingen, Sternrußtau auf Blättern, Ranken, die der Wind abgerissen hatte, Ästen, die bei Ankunft des Frühlings kahl geblieben waren. Stets ging ich in den Garten in der Erwartung des Todes. Manchmal, wenn ich mit einer Freundin Kaffee getrunken hatte, ertappte ich mich auf dem Heimweg im Bus bei dem Gedanken daran, wie häufig wir uns wohl noch treffen würden. Wie häufig sich unsere Wege noch kreuzen würden. Ich empfand den Tod nie als etwas Schlechtes. Es war einfach der Lauf der Dinge. Wir bekommen nur sehr wenig Zeit und sie rennt uns davon. Die Gelegenheiten, zu denen sich zwei Leben im Laufe der Jahre miteinander verknüpfen können, sind eben begrenzt.
Eine negative Einstellung, sicher, die Manifestation einer depressiven Neigung, aber so war ich nun einmal damals schon, und letzten Endes glaube ich, dass mich diese Ängstlichkeit auch ein wenig beschützt hat. Es machte das Leben leichter, als ich London aufgab und nach Wiltshire zurückkehrte, um dort den Sommer meines Lebens zu verbringen – und um jetzt meinen Herbst zu beginnen –, irgendwo im Nichts, wo mich im Grunde niemand mehr kennt. Ich hatte die ganze Zeit über damit gerechnet, mit diesem Scheitern, diesem Aufgeben, der Rückkehr. Als ich den Schritt vollzog, sagte ich mir: Dies war immer eine Option, diese Flucht zurück an den Rand. Und das, glaube ich, bewahrte mich ein bisschen vor dem Schock darüber, dass ich zurück nach Hause ging, mich für ein kleineres Leben entschieden und weniger Aufsehen erregt hatte als erhofft.
Vor nicht allzu langer Zeit las ich, dass Menschen, die an einer posttraumatischen Belastungsstörung leiden, offenbar ihren Kindern epigenetische Strukturen ihres Traumas vererben können. Einige Kinder von Holocaust-Überlebenden neigen zum Beispiel deshalb dazu, in wesentlich stärkerem Maße Risiken zu vermeiden, vorsichtiger zu sein. Als ich das las, dachte ich, wie beachtlich es ist, dass jene, denen derart Grausames widerfahren ist, sogar durch die genetischen Strukturen, die sie ihren Kindern weitergeben, unterbewusst versuchen, diese vor Verletzungen zu bewahren. Unglaublich, welche Liebe in Menschen steckt – weit über das ihnen bewusste Maß hinaus –, transportiert sogar durch die Gene, die von den versehrten Eltern an ihre Kinder weitergegeben werden.
Ich weiß nicht, ob meine Eltern je etwas so Schreckliches erlebt haben, dass sie ein Gespür für die Bedeutsamkeit all dieser Dinge an mich weitergegeben haben. Falls dem so gewesen ist, hat Mum nie davon gesprochen. Beide haben den Krieg erlebt, natürlich, aber sie waren zu jung, um direkt in die Geschehnisse verwickelt zu werden, weshalb ich keine Ahnung habe, was sie in der Abgeschiedenheit ihrer Hochebene überhaupt gesehen haben. Selbst im Alter hat Mum nie irgendwelche Geschichten erzählt, nie daran geglaubt, dass ihre Erlebnisse bedeutend oder interessant genug seien, um sie mit anderen zu teilen. Auch ich habe mit dieser schleichenden Überzeugung gekämpft – dass meine eigenen Geschichten zu unbedeutend sind, um sie mit anderen zu teilen. Aber das stimmt nicht. Man hat uns einfach beigebracht, einige Geschichten wichtiger zu nehmen als andere.
Am Rande des Dorfes sah ich, dass jemand eine Katze überfahren und sie mit herausquellenden Eingeweiden am Straßenrand hatte liegen lassen, und ich war beinahe geneigt, rechts ranzufahren und zu warten, bis die Trauer, die mich plötzlich überfiel, sich verzog. Der Anblick des aufgeplatzten Körpers, des zertrümmerten Kopfes auf der Straße, sorgte dafür, dass ich mich fast übergeben musste. Sie hatte sich offenbar hinter einem parkenden Auto versteckt, war dann von einem Motorengeräusch aufgeschreckt worden und im letzten Augenblick losgerannt. Da war nichts mehr zu machen. So ist es immer, es gibt diesen Sprint in den Tod in letzter Sekunde, sodass kein Bremsweg der Welt einen retten kann. Ich fragte mich, wer es wohl war, der nicht angehalten hatte, einfach weitergefahren war, ohne nachzusehen, ob der Kadaver ein Halsband trug. Vielleicht war es für denjenigen leichter gewesen, abzuhauen, so zu tun, als wäre das Ganze nie passiert. Es war ja auch einfacher als anzuhalten und aus dem Wagen zu steigen und zurückzulaufen und zu schauen, was man angerichtet hatte. Ich fragte mich, ob ich nicht anhalten und selbst nach dem Halsband schauen sollte. Die Katze gehörte vielleicht jemandem, den ich kannte – es lebten ja bloß so wenige Leute hier. Aber was sollte ich tun, sie aufnehmen und sie jemandem vor die Tür legen? Sie in einem Feld begraben, ohne dass der Besitzer sich verabschieden konnte? Und was war, wenn die Katze überhaupt kein Halsband trug und ich sie zurücklassen musste und wieder ins Auto steigen, nachdem ich mir den Anblick ihres Todes, ihrer Zerstörung zugemutet hatte? Ich fuhr weiter. Letztendlich war es bequemer, nichts zu tun – normalerweise ist es das. Wann immer es möglich ist, schauen die Menschen weg. Und das gehört zum Überleben dazu, nehme ich an, dieser Selbstschutz – die hässliche Seite davon.
Ich versuchte den Gedanken daran zu verdrängen, dass einer meiner Nachbarn sich vielleicht gerade fragte, wann die Katze zum letzten Mal da gewesen war, und in den Garten ging, um nach ihr zu rufen. Vielleicht war es auch eine Stubenkatze gewesen, die entwischt war, Jagdlust verspürt hatte, mit der Straße jedoch nicht vertraut war. Was würden sie tun, wenn sie es herausfanden? Wie würden sie die Einzelteile einsammeln, so rot und traurig ausgebreitet? Und war es ein anderer Nachbar gewesen, überlegte ich weiter, der es getan hatte, der später wieder am Ort des Todes vorbeifahren und den Abend über mit sich ins Reine kommen musste, bis die stechend frische Schuld abebbte und er versuchen konnte zu schlafen? Würde ich heute Abend um Mitternacht die Straße meines Dorfes entlanggehen, dachte ich, und es würden zwei Lichter brennen, hätte ich sowohl den Besitzer als auch den Mörder gefunden, ganz einfach. Die beiden Seelen, die durch das, was auf der Straße geschehen war, keinen Schlaf fanden. Ich bog um eine Kurve und der Kadaver war nicht mehr zu sehen.
Ich habe nie vorgehabt, mich so tief in der Erinnerung an den Tag zu verlieren, an dem mein Vater verschwand. Es passierte einfach wieder und wieder, und ich stellte bald fest, dass ich mich lebendiger fühlte, wenn ich darüber nachdachte, was einst geschehen war, als in den Momenten, wenn die Dinge tatsächlich geschahen. Ich fragte mich oft, ob ich die Welt verkehrt herum hielt. Denn würde man nicht denken, dass es das reale Leben sein sollte, das die tiefsten Gefühle in einem auslöste? Sollte man das nicht annehmen?
Mir erscheint es als großer Diebstahl, dass die kurze Zeit, die wir bekommen, um unser Bewusstsein zu erforschen, und die kurze Zeit, die wir bekommen, um die Welt zu erforschen, uns jeweils mit derselben Geschwindigkeit durch die Finger rinnen, und das auch noch gleichzeitig, wie zwei Flüsse, die sich auf alle Ewigkeit miteinander verwoben haben und gemeinsam singend eine einzige Klippe hinabstürzen. Es ist mitunter schwierig, das eine vom anderen zu trennen, den Punkt zu finden, wo man selbst endet und die Welt beginnt. Es wäre jedenfalls netter, gäbe es eine Möglichkeit, wie wir eine Weile lang unser Bewusstsein erleben könnten, ohne dass der Rest der Welt die Dinge weiter verkompliziert, und es wäre gleichzeitig gut zu erfahren, wie es ist, ohne jedes Bewusstsein in der Welt zu leben, bevor man von uns verlangt, beide Lieder gleichzeitig zu singen. Ohne all das wird es wahrscheinlich stets ein Kampf bleiben, zu verhindern, dass die Dinge verschwimmen.
