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Cilli musste als Jugendliche im Dienst wohlhabender Bürger in der Grenzstadt Laa an der Thaya arbeiten. Als Erwachsene wird sie von ihren Schwestern entdeckt, die sich täglich als Geistwesen, im nahen Park treffen. Sie beobachten die Ereignisse um die Familie, freuen sich über Liebesgeschichten, Geburten und Erfolge. Das Streben der Familie Weihs nach einem sicheren Leben wird durch zwei Kriege erschüttert, in denen der Familienvater mitkämpfen muss. Nach und nach erinnern sich die beiden Schwestern, wie sie als Kinder auf eine Bahnfahrt geschickt wurden.
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Seitenzahl: 199
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Die Jugendstil-Schaukel
neobooks, Februar 2021
Copyright Anita Lang, Wien
Covergestaltung Hermann Höger
„Ich habe unsere Cilli gefunden!“ Marie klatscht freudig in die Hände. „Sie arbeitet von früh bis spät als Dienstmädchen.“ Gespannt hält Agnes den Atem an. „Endlich, wie geht es ihr?“ „Du weißt, ich kann sie nur sehen, wenn sie an mich denkt.“
Cilli sieht blass aus. Mit zwölf Jahren kam sie hierher, nach Laa am Grenzfluss. Nun dürfte sie achtzehn sein. Eine fesche Dame ist aus ihr geworden, mit aufgestecktem, dichten Haar und feinem Gesicht. Die langen, nach Seife duftenden Kleider, die zart gemusterte Schürze, lassen sie gut situiert aussehen. Obwohl sie eigentlich nur eine Dienstmagd ist. Ihre Hände sind kräftig, von der vielen Plackerei. Kiloweise, emsiges Kartoffel schälen. Faltenfreies Bügeln sauber gewaschener Wäscheberge. Zum Leuchtglanz geputzte, hohe Glasfenster. Schmerzende Arme eines fleißigen Mädchens. Mariechen hat auch mitbekommen, dass sie unter der Treppe schlafen muss. Nicht einmal ein Bett haben ihr ihre Dienstherren zugeteilt. „Heute hat sie Grammelknödeln aus Erdäpfelteig gekocht, für die Familie. Mit Sauerkraut.“ Fabelhaft, wie es den Kriehubers schmeckte. Eine Blaskapelle marschierte an ihrem Haus vorbei. Der blecherne Klang treibt der kleinen Schwester wieder Tränen der Rührung in die Augen. Das, und die Erinnerung an die leckeren Speisen.
„Öha!“, Agnes wäre fast von der Schaukel gekippt.
„Vater hat das öfter gesagt“, erinnert sich Marie kichernd.
„Auch schon egal, hier kann dir nichts mehr passieren.“
Im Park der Dichter schwingen die Schwestern, Stunde um Stunde, unter der Baumkrone des steinalten Ahornbaums hin und her. Nebeneinander sitzend, auf ihrem Schaukelbrett, reden sie über vergilbte Zeiten. Als ihnen noch vergönnt war, munter auf Erden zu weilen. Die marmornen Statuen von Schiller und Goethe richten ihre adeligen Blicke auf die runden Zierformen und Schnörkel roter und gelber Begonien-Beete. Am murmelnden Mühlbach füllt eine Gärtnerin ihren Blechkübel mit frischem Wasser. Mariechen summt leise vor sich hin, im Rauschen eines vorbei kommenden Lüftchens.
„Sing mit mir, so wie früher“, bittet sie. Agnes denkt an die Schwalben. Wie fürsorglich sie doch ihre Jungen gefüttert haben, hoch oben im Kuhstall, in ihrem stillen Dorf. Dann gibt sie sich einen Ruck und trällert mit.
„Wo werden sie wohl geblieben sein - Agnes und Mariechen?“ fragt sich Cilli, bevor sie ihr Nachtgebet spricht. Im Gebet kann sie ihre Sorgen abladen. Sie haben ihr ein Nachtlager zugewiesen, unter der Treppe, die zum Dachboden führt. Zehn Kronen zahlen sie ihr hier, am Ende des Monats. Mutter und die Geschwister brauchen das Zubrot daheim, um den stattlichen Bauernhof an der Hauptstraße über Wasser zu halten. Das nötige Saatgut zu kaufen, damit Weizen und Kartoffeln gedeihen können. Die gescheckte Kuh soll genügend Heu haben, die im Hof scharrenden Hühner ihre Körner. Die Wände riechen nach frischer Kalkfarbe. Vor dem Eingangstor sind bunte Dahlien ausgesät, um im Frühling unter den Akazien aufzublühen.
Sie sieht den massiven, großen Holztisch in der Küche vor sich. Fünf Schwestern und drei kleine Buben sitzen verunsichert, dicht an dicht. Ihr letztes Beisammensein. Die Brüder können ihre Füße nicht still halten, schlagen ihre Fersen gegen die Bank. Mutter Katharina mit ihrer geflochtenen Frisur und dem bodenlangen, rauschenden Rock. Vater hat sich, von einer Erkältung geplagt, heim geschleppt vom Acker. Katharina macht ihm Lindenblütentee und Umschläge aus Apfelessig, um das Fieber zu senken. Jedoch in der darauf folgenden Nacht geht es zu Ende mit ihm.
„Ihr müsst jetzt tapfer sein! Mariechen und Agnes fahren zu Onkel und Tante in Berlin“, eröffnet Mutter ihren Plan, um der Geldnot zu entrinnen. Eine große Lücke, die durch den Tod des Vaters entsteht. „Cilli muss in den Dienst zum Kriehuber in die Stadt.“ Mit ernster Miene streckt ihre Mutter die Handflächen vor. „Es bleibt uns kein anderer Ausweg.“
Zu Fronleichnam, im Morgengrauen, machte sich Cilli auf den Weg zum Haus ihrer künftigen Brotgeber. Aus einer bäuerlichen Welt, in der das Notwendigste zum Überleben da war. Ihr blieb kaum Zeit, über Vaters Tod zu weinen. Das Klappern ihrer Holzschuhe auf dem Straßenpflaster. Die Hauptstraße entlang bis an die Grenze, gesäumt von Akazienbäumen, die gerade in der Blüte standen. Ihre Freuden im Alltag bestanden aus freundlichen Worten, einem friedlichen Zusammenleben. Dem Anblick der blauen Kornblumen und des roten Klatschmohns in den goldenen Weizenfeldern. Die köstlichen Gerichte, die Mutter kochte. Das langsame Auffalten der gelben Blüten der „Königin der Nacht“, wenn sie am Abend im Vorgarten beisammen standen. Zufriedenheit, wenn sie ihr Tagwerk bewältigen konnten, bevor die Nacht hereinbrach.
Den Rathausplatz hatte sie früher schon einmal gesehen, als sie Vater zum Markttag begleitet hatte. Schmuck sah sie aus, die mit Reliefs verzierte Fassade des Bürgerhauses, an der Ecke des Platzes. Das Erkerfenster und die obere Fensterreihe, wie mit weißem Biskuitporzellan belegt, auf Schönbrunner Gelb. Die teuren, bunten Glasfenster neben dem Eingang des zweistöckigen Hauses zeigten den heiligen Florian. Der Schutzheilige, der die Bewohner vor Feuer bewahren soll.
Familie Kriehuber hatte ihr Vermögen mit der Herstellung von Fässern gemacht. Tagsüber hatten sie mit ihren zahlreichen Geschäften zu tun. Erna, die resolute Hausdame, öffnete ihr die Tür.
„Grüß Gott, ich bin die Cäcilia Weihs.“ Cilli knickste und nannte ihren vollen Namen, wie in der Schule.
„Komm rein, wir haben dich erwartet.“ Erna atmete auf, endlich bekam sie Verstärkung. Sie war eine geduldige, fleißige Angestellte, gab sich erheblich Mühe, Cilli auszubilden. In allem, was in Haus und Küche gebraucht wurde. Der vornehme Haushalt verfügte über kupferne Töpfe und Pfannen. Feines Porzellan, geschmückt mit grünen Efeublättern. Silbernes Tafelgeschirr auf weißen Damast-Tischtüchern. Hauchdünne, gravierte Bleikristallgläser. Einen schwarz-goldenen Paravent vor der Chaiselongue. Die wohlhabenden Betten mit vielen Polstern, Überwurfdecken aus rot-schwarzem Brokat. Allerlei kunstfertiger Hausrat und glamouröse Ziergegenstände. Die passende Garderobe für diverse Anlässe. Für das Ehepaar, die Eltern der Hausherrin, zwei Kleinkinder und zwei Schulkinder. Cilli wunderte sich, dass sie so viel redeten. Schwulstige Redewendungen, die ihr noch nie zu Ohren gekommen waren.
„ Der ist hin in der Marille“, sagte Erna einmal. Ein Lieferant hatte zu wenig Mehl gebracht. Dabei war es doch einem Christenmenschen verboten, zu fluchen.
Karl, der Zwölfjährige, war hässlich in seiner Verwöhntheit und machte ihr zeitweise das Leben schwer. Absichtlich patzte er Sauce auf den Boden, schmierte Honig in die Vorhänge. Oder er dachte sich andere ärgerliche Streiche aus. Dann fing die Arbeit von vorn an. Boden sauber machen. Vorhänge abnehmen und Flecken heraus waschen. Er wusste, dass ihn niemand zurechtweisen würde. „Dazu sind Dienstboten da.“ Doris hingegen, die Fünfjährige, hatte ein sonniges Wesen. Sie stahl sich, oft heimlich, in die Küche, um Cilli während des Kochens singen zu hören. Zudem durfte sie die süßen Teigreste ausschlecken, wenn ein Kuchen gebacken wurde.
Zeitig war Cilli auf den Beinen, auf dem Weg zur Kirche. Vorbei am Rathaus mit seinen dunkelroten und gelben Dachgiebeln. Die Uhr, hoch auf dem Zwiebelturm, schlug dreiviertel sechs. Durch die alte, gepflasterte Gasse eilte sie, ihr Gebetbuch in der Hand, an den idyllischen, niedrigen Häusern vorbei. Zur Morgenmesse in die große Pfarrkirche mit dem gotischen Turm, der in den Himmel ragte.
Fast wäre Cilli im Sitzen eingeschlafen, nachdem sie die Küche geputzt hatte. Wären da nicht die Bilder von früher. Die lieben, kleinen Hände ihrer Schwestern, die unermüdlich aus dem Zugfenster winken. Im Mai vor sechs Jahren. Marie mit den blonden, kunstvollen Stoppellocken und dem elfjährigen Engelsgesicht. Agnes, die sich gerne die Ärmel aufkrempelt und mit einem Ruck ihr welliges Haar zurückwirft.
Am Vortag beteten sie in der Abendandacht. Die vom Weihrauch erfüllte Dorfkirche sollten sie zum letzten Mal gemeinsam besuchen. Vor dem Schlafengehen packt Mutter das Binkerl. In ein rot kariertes Tischtuch schlingt sie die Winterjacken mit den großen Knöpfen, feste Schuhe, ein paar Habseligkeiten und verknotet die Enden. Agnes ist schon vierzehn, sie schultert es, ohne ein Wort zu verlieren. Am Morgen nehmen sie ein stärkendes Frühstück zu sich, Butterbrote und Malzkaffee. Den staubigen Weg zur Bahnstation gehen sie schweigend, im Stillen hoffend auf ein baldiges Wiedersehen.
„Onkel Toni und Tante Bärbel holen euch morgen am Bahnhof ab, in Berlin!“
„Baba, wir schreiben euch ganz bestimmt!“ Sie werfen sich noch Kusshände zu, als die Eisenbahn schnaufend aus der Station Höflein in Südmähren abfährt, nach und nach in der Ferne verschwindet.
Zwei Tage danach klopft der Postbote energisch ans Tor, bringt unverhofft ein Telegramm in die nach Apfelkuchen duftende Bauernstube. Mutter Katharina muss sich hinsetzen. Gruselig und voll der Rätsel die paar Worte: „Wo sind Agnes und Marie? Haben vergeblich gewartet. Anton und Barbara“ Sie bedankt sich beim Postbeamten, schenkt ihm einen Birnenschnaps ein. Ob er wohl gleich ihren Brief mitnehmen könne? An die Verwandten in Berlin, eilig das Wichtigste. Die Kinder wären doch auf dem Weg gewesen. Am Gemeindeamt spricht sie kurz darauf vor, legt ihr schwer gewichtiges Anliegen dar. Man werde sich darum kümmern, die Kinder aufzuspüren. Danach verläuft sich die Spur der kleinen Schwestern im Sande.
2. Kapitel
„Hätte ich doch schon eine Nachricht von der Schulleitung“, sinniert Rudi und reibt die Zähne aufeinander. Vor zwei Monaten hat er sich beworben, um die Stelle als Schulwart in der romantisch angehauchten Stadt. Dann wäre er sein eigener Herr, sozusagen. Er schüttelt seinen gewellten Haarschopf nach hinten. Jetzt muss er sich auf seine Arbeit konzentrieren. Der Maurergeselle wurde dringend in das Haus der Kriehubers beordert. Neben dem Küchenherd war der Verputz herunter gebröckelt. Vermutlich durch die Hitze des nahen Kamins. Rudi Lindermeier rührt den Mörtel an. Dann pocht er an die bedürftige Wand. Ein paar locker gewordene Teile rasseln auf den Küchenboden.
„Tun sie uns hier nicht zu viel Mist machen.“ Erna, die Hausdame, ist so eine mit Haaren auf den Zähnen. Doch die Jüngere, die mir die Tür aufgemacht hat, ohlala. War die hübsch, das Mädel. Angezogen ist sie wie eine Dienstmagd. Aber sie hat etwas Zartes an sich. Sicherlich würde sie niemals fluchen. Eine Brave mit herzförmigem Gesicht. Man kann die Adern auf ihrem Handrücken sehen, dann ist sie tüchtig. Ihr leise schmunzelnder Mund, entschlossene Lippen, aber sinnlich. Sie isst gerne, das wird’s sein. Für Schabernack ist sie wahrscheinlich nicht aufgelegt. Zu ernst, ihr Blick. Und sie riecht gut, nach Lavendelblüten und knusprigen Keksen. Was für ein Vergnügen wäre es, sie in meinen Armen zu halten und mit ihr zu tanzen.
„Cilli schlag jetzt den Schnee, für den Marmorkuchen.“
Jetzt kennt er ihren Namen. Das ist die Abkürzung von Cäcilia.
„Öha!“ Fast wäre ihm der Kübel mit dem Mörtel umgekippt. Cilli schaut verwundert auf. Der Geselle mit den blauen Augen und dem schneidigen Schnurrbart hat eine gefühlvolle Stimme. Sie muss rasch weitermachen. Nur zu gerne würde sie in seiner Nähe bleiben. Der Schneebesen klickert im raschen Takt. Rudi pfeift eine Melodie vor sich hin. Fröhlich tönt es herüber und versüßt ihr den Tag. Die graue, verputzte Wand muss trocknen. Sorgfältig verstaut der Handwerker mit den muskulösen Armen sein Werkzeug. Er fischt seinen schwarzen Regenschirm vom Garderobehaken. Draußen hat inzwischen der Schnürlregen aufgehört.
„Fräulein Cilli“, sagt er freundlich und sieht ihr entschlossen in die Augen. „Wollen sie sich nach der Arbeit mit mir treffen, in der Konditorei?“
Cilli hebt die Augenbrauen und schürzt die Lippen.
„Ja“, sagt sie zögerlich. „Ich muss erst um Erlaubnis fragen.“ Ihr Herz galoppiert dahin und klopft wie wild. Verflixt, ihr fällt nichts mehr ein, was sie sagen könnte.
„Na, dann könnt ich sie abholen, am Samstag um vier. Ja?“
Eine Haarsträhne fällt ihr in die Stirn, als sie nickt. Leicht und ungläubig, dass sie eine Verabredung hat.
„Pfüat Gott, Rudi Lindermeier.“ Über ihr Gesicht huscht ein warmherziges Lächeln und umfängt ihn wie ein träumerisches Netz. Die Lindenbäume blühen und verströmen Duftwölkchen über den weitläufigen Platz, als sie ihn zur Haustür hinaus begleitet.
Bei Erdbeerkuchen und Kaffee erzählt er ihr von seinen hochfliegenden Plänen. Das Warten auf die Antwort von der Schulleitung fällt ihm am schwersten. Ansonsten redet er nicht viel, der junge Mann mit dem brünetten, lockigen Haar. Findet Cilli, die gerne redet wie ein Wasserfall und bereits herausgefunden hat, dass er zwanzig ist und das Kartenspielen liebt.
Noch stundenlang könnte sie in diese interessanten blauen Augen sehen und Pläne schmieden. Rudi scheint es nicht aufzufallen, dass sich die vorbei kommenden Damenköpfe nach ihm umsehen. Sie hat die Ruhe weg, denkt er. Voller brauchbarer Gedanken, die Frau. Kurzweilig neigt sich ihr Rendezvous dem Ende zu.
„Was für ein schönes Paar sie doch abgeben.“ Mariechen kann es kaum erwarten, Agnes davon zu berichten. Von seiner Geschicklichkeit erzählt sie und wie sich die beiden ergänzen könnten. Zur gewohnten Zeit treffen sie sich auf dem verwitterten Schaukelbrett, das an langen Seilen unter dem knorrigen, alten Baum pendelt. Die Sonne hat sich schon nahe an die Gartenhütten gesenkt.
„Er hat sie geküsst, zum Abschied.“ Schaukelnde, strahlende Gesichter sehen sich an, unter der luftigen Baumkrone im Park. Die schwingenden Bewegungen lassen ihre aufgewühlten Gemüter langsam zur Ruhe kommen. Jäh kommt die Erinnerung zurück, mit der Dämmerung der Sommernacht.
„Manchmal sind Küsse gar nichts Nettes.“ Sie sehen auf ihre gleichzeitig vorgestreckten Fußspitzen, die unter den rauschenden Röcken hervorgucken, die sie auch damals trugen.
„Es wäre anders gekommen, hätten wir uns von denen nicht bequatschen lassen.“ Agnes hadert noch immer mit ihrer Entscheidung, die sie an diesem schicksalhaften Tag aussteigen ließ, aus dem schützenden Zugabteil.
„In einen fremden Menschen kann man halt nicht hinein schauen.“ Mariechen ist in Gedanken dabei, wie ihr zweifelhaftes Abenteuer begann. Noch nie zuvor hatten sie eine Eisenbahn betreten. „Genoveva“ hat sie auf ihren Schoß gesetzt. Die gestrickte Puppe mit dem gestreiften Hut und dem kecken Schal hat Cilli für sie angefertigt, im letzten Winter. Das schnaufende Anfahren des Dampfrosses versetzte sie in freudige Erregung. Die vorbeiziehenden Felder vor dem Waggonfenster, die sprießenden Halme. Die laue Brise des Frühlings über den Äckern und Wäldern. Heitere Reihen der ziegelroten Dächer über niedrigen, behaglichen Häusern. Ihre ältere Schwester saß ihr gegenüber. Gespannt, wie ein Haftelmacher, was sie wohl erleben würden.
Fast könnte Cilli alles vergessen, über den arbeitsreichen Tagen. Das liebenswürdige sich Kennenlernen, die Hochzeit im unschuldigen, weißen Brokatkleid. Wie sie vor dem Pfarrer stehen und sich das treue Jawort versprechen. Der stolze Blicke hinter der Schleierspitze, auf ihren gut aussehenden Mann, stark und feierlich, im schwarzen Hochzeitsanzug an ihrer Seite. Es ist ihr, als ob es gestern gewesen wäre. Während ihre klammen Erinnerungen an die entrechtete Dienstmagd, die sie einmal war, verblassen.
Sie sind ein Paar geworden, das durch alle Wirrnisse des Alltags schifft. Noch nie hat sie eine Zusammenarbeit wie diese erfahren. Ein großer Gebäudekomplex hat sie und Rudolf in seine Obhut genommen. Vertrauenserweckende, hohe Räume hinter dicken Mauern und weitläufige Gänge. Am Morgen voll tönender, kindlicher und jugendlicher Stimmen, die dann für eine jeweils knappe Stunde verstummen, in ihren Schulbänken hinter Klassentüren hockend. Ein eigener Rhythmus, in dem sie in den Pausen herausspringen, kurz entlassen aus der Pflicht. Bis das Läuten sie wieder zurückholt und bändigt.
Die rechte Hälfte des Trakts, aus der Sicht eines Vogels gesehen, wenn er vom Kirchenturm losfliegt, beherbergt die Hauptschule. Ein großer Torbogen führt in den Innenhof, ihren Wirtschaftshof. Zwei wohl genährte Ziegen meckern in ihrem kleinen Stall. Sieben Hasen, zehn Hühner, drei Gänse gehören zu ihrem Haushalt. Im kleinen Gemüsegarten neben der Mauer geht die Saat auf, im Geruch von Dille, Knoblauch und Salatköpfen. Zwei riesige Apfelbäume, ein Kirschenbaum, ein Marillenbaum stehen ihnen mit all ihren Schatten spendenden und Frucht bringenden Vorzügen zur Verfügung. Bei der Ernte und Verarbeitung arbeiten sie einander zu. Wie die Rädchen eines gut ausgeklügelten Uhrwerks greifen ihre Taten in einander, bis alles erledigt ist. Auf der linken Seite, aus dem Blick einer Taube, sind unter dem ziegelroten Dach, ihre Dienstwohnung, dann die Unterrichtszimmer der Volksschule angelegt. Am Ende des Ganges, der große, nach Lederbezügen und angestrengtem Schweiß riechende Turnsaal.
Cillis erster eigener Herd, mit einer Wanne für Warmwasser und einem Backrohr. Sie kann ihr Glück kaum fassen. In ihrem Vorratsschrank sind Schmalztopf, Eier, Mehl und Zucker gestapelt. Apfelstrudel zubereiten will gelernt sein. Ganz dünn müssen die Teigblätter gezogen werden, über ein sauberes Leintuch. Trotzdem darf kein Riss entstehen. Dann kommt die Fülle mit fein geschnittenen Äpfeln, Bröseln und Zimt. Rudi sitzt am Tisch und entwirft einen neuen Plan zur Grundreinigung der Schule. Der würzige Strudel-Duft verheißt ein wohl schmeckendes Mittagessen.
„Was wären wir für lustige Tanten geworden, für Franzi.“ Mariechens Lachen hat etwas von einer leichten Melodie.
„Manchmal würde ich schon noch gerne mitmischen, unter den Lebenden“, maunzt Agnes.
„Eigentlich müssten wir froh sein, wenn sie überhaupt noch an uns denken.“
„Wieso nicht, wir denken ja auch an sie“, meint Agnes. „Ich freue mich so mit Cilli.“
Ihr kleiner Sohn hat in der Wohnung zum ersten Mal das Licht der Welt erblickt. Schon bald wird er die schulischen Gänge unsicher machen.
„In was für eine krumme Welt wir doch damals geraten sind“, seufzt Agnes.
Als sie das Ehepaar Lazne vom Zugfenster aus einsteigen sieht, verspürt sie plötzlich eine ungewohnte Scheu. Der große Mann mit der gelben Stoppelglatze nimmt die freien Plätze neben ihnen ins Visier und stellt sich als „Karol Lazne“ vor. Agnes fragt sich, warum sie mit ihm partout nicht reden will. Vielleicht sind es seine komischen, großen Ohren oder die unpassende Stupsnase in seinem derben Gesicht. Seine Frau ist jung und dicklich.
„Grüß Gott, ich bin Jana“, sagt sie einschmeichelnd zu Marie. Sie hat schwarzes, gelocktes Haar, das in einem frommen Knoten gebändigt ist.
„Ich heiße Marie und meine Schwester Agnes“, sagt Mariechen bereitwillig.
Das ist eine Herrschernatur, schießt es Agnes durch den Kopf. Ach was, wir sind hier in der Bahn und viele Menschen um uns herum. Ob sie ihren Karol unter der Knute hat, kann uns wurscht sein. Aber wieso reden die uns dauernd an? Es müssen biedere Leute sein, die uns über den Dorfpfarrer ausfragen. Auch waren sie schon einmal in unserer Gegend.
„Wir fahren zu unserer Verwandtschaft nach Berlin.“ Mariechen, in ihrer Gutherzigkeit, wittert nichts Arges darin, es zu erzählen.
„Da müsst ihr in Prag umsteigen“, erklärt Jana. „Der Fahrplan wurde geändert.“
„Aber uns wurde gesagt, wir dürfen nicht aussteigen.“ Agnes ist sich sicher, dass Mutter Katharina das Richtige gesagt hat. Sie hat ihnen eingeschärft, auf niemanden zu hören. Agnes redet den Schaffner an, ob es stimmen würde. Mit gestreckten Zeigefingern neben seinen Ohren deutet er, dass er kein Deutsch verstehe.
Der einfältig anmutende Karol wirft seiner Frau einen flüchtigen Blick zu. Das wäre egal, wenn sie glaubten, sie wüssten es besser.
„Sie werden schon sehen, die zwei. Aber dann ist es zu spät.“
Agnes und Mariechen sehen sich ratlos in die Gesichter. Mariechen sagt, sie meinten es gut, die Laznes. In den Stationen steigen fremde Leute mit ihrem Gepäck aus. Andere steigen zu, mit Koffern und Taschen. So viele sind unterwegs nach Norden, mit der Eisenbahn. Gut gelaunt plaudern sie untereinander. Manche schauen grimmig weg. Wenn sie nicht gestört werden wollen. Jana neben ihnen streckt Marie ein Keks entgegen.
„Kleine Marie, für Dich.“
„Danke sehr“, freut sie sich. Lautstark ruft der Eisenbahner „Praha, Prag“ durch die Gänge. Dann etwas auf Tschechisch.
„Was ist, wenn sie Recht haben? Sollen wir umsteigen?“ Agnes ist geneigt, den Laznes zu glauben.
„Sie sind nett“, sagt Marie und lächelt. Ad hoc entschließen sie sich, ihr Bündel zu nehmen. Sie trotten hinter Karol und Jana her, im fahrenden Zug zum Ausstieg.
„Cillis Mann trägt die Uniform des Kaisers.“ Mariechen hat ihn gesehen, bei der Musterung in der Warteschlange. Im August 1914 gäbe es Krieg in Europa. „Cilli sorgt sich, ob ihr Rudi wohlbehalten zurückkehren wird.“
„Die Ärmste, sie wird mit der ganzen Arbeit übrig bleiben.“ Die Schwerarbeit im Winter, Kohlen schleppen, treppauf und treppab, um die hohen Schulräume zu heizen. Das Putzen der Klassenräume, Gänge und Treppen. Die beiden Schwestern konnten Cillis Sohn sehen, als er seine ersten, wackeligen Schritte im Gang machte. Franzi ist ein Jahr alt geworden. Tapsig machte er sich auf den weiten Weg, vorbei an der Bassena, zum Turnsaal. Der Vierkanthof ist riesengroß, mit gelb gestrichener Fassade. Im Innenhof halten sie gackernde Hühner und flauschige Hasen in Ställen. Von den Ziegen bekommen sie täglich Milch. Schlicht ist ihre Dienstwohnung, aber gemütlich. Im Schlafzimmer geben zwei hohe Fenster den Blick in den Vorgarten frei. Der Flieder mit seinem üppigen Blattgrün ist für heuer verblüht. Rote, weiße und rosafarbene Rosenbüsche stehen am Zaun, in Reih und Glied. Das Ehebett mit seiner blitzblauen Überwurfdecke glänzt, umrandet von Messing. In drei zweitürigen, furnierten Kästen sind fein säuerlich Kleider und Wäsche verstaut, wie es sich für eine bürgerliche Familie gehört. Neben der Küchentür erfüllt ein weißer, eintüriger Spind seinen Zweck. Dann ist da noch ein Schubleerkasten, mit breiten, tiefen Laden und gedrechselten Knöpfen. Darüber ein größerer Spiegel. Weiter hinten gereiht, das Kabinett, brauchbar als Kinder- und Spielzimmer. Neben dem Küchenherd steht ein bequemer Lehnsessel aus altrosafarbenem Samt bereit, den zumeist der Hausherr benützt.
„Morgen versuchen wir, in ihrer Nähe ein Lied zu singen“, schlägt Mariechen vor. „Vielleicht können sie es fühlen.“
An diesem sonnigen Nachmittag geht Cilli in den Hof. Angenehm kühl ist der Schatten. Die Hühnerschar pickt Maiskörner auf. Flink packt sie die Henne mit dem braunen Gefieder von hinten und klemmt sie unter ihren rechten Arm. Da strampelt sie jetzt, erbarmungslos eingeklemmt. Ob sie wohl weiß, was ihr blüht, über ihrem hilflosen Gegacker? Cilli drückt sie gekonnt auf dem Hackstock nieder und hält ihre Flügel fest. Dann, mit einem Ruck, dreht sie ihr den Kragen um. Rasch soll es gehen, das Tier darf nicht leiden. Ihr Glaube lehrt, dass der Mensch mit seiner unsterblichen Seele über dem Tier stünde. Sie darf das Huhn schlachten, ohne sich deswegen schlecht zu fühlen. Im Hof setzt sie sich auf einen Schemel und rupft die Federn sorgfältig vom Fleisch. Vor ihr ein weiß emailliertes Lavoir, das sich mit weichen Daunen und Gefieder füllt. Das beste Material kann für Polster verwendet werden. Die gröberen Stifte müssen fein heraus gezupft werden. Dann, in der Küche, wird es aufgeschlitzt und vorsichtig von den Eingeweiden befreit. Die Galle darf auf keinen Fall platzen, sonst ist das Fleisch verdorben. Der Kopf und die Füße kommen in die Suppe. Der Hühnerbauch wird mit Semmelbrei, gehackter Petersilie, einem Ei und Muskatnuss gefüllt und zugenäht. Salz, auf jeden Fall, kommt auf den Braten, bevor er ins Backrohr geschoben wird. Mit Schmalz bestrichen und übergossen, eine sorgsam überwachte Prozedur. Der Duft zieht unwiderstehlich durch die Zimmer und Gänge. Morgen müssen sie sich trennen. Rudi muss einrücken, zum Regiment. Noch einmal soll er verwöhnt werden, mit einem köstlichen Brathuhn. Franzi quietscht vergnügt und belustigt, auf dem wippenden Knie seines Vaters.
Cilli hat ihre Arme um den Hals ihres Mannes geschlungen. Sie legt ihren Kopf an seine Brust, traurig und gefasst.
„Hoffen wir das Beste“, sagt sie. „Unser Herrgott möge dich schützen.“
„Wir werden uns gewiss wiedersehen“, sagt Rudi. „Am besten, wir machen es kurz, sonst fängt am Ende noch einer an, zu weinen.“
„Weißt du noch, das Volkslied über die weißen Dragoner?“ Cilli fällt unverhofft die Melodie dazu ein. Mit ihren Schwestern hat sie es oft gesungen.
„Es ist wie ein Ohrwurm.“ Sie weiß, er wird zurückkommen. „Bis bald, mein Lieber.“
„Warte“, ruft Cilli ihm nach, als er durch die wuchtige Schwingtür hinaus stapft. Sie nimmt die Photographie, die sie als stolzes Paar, mit Franzi im Vordergrund, zeigt aus dem Rahmen und drückt sie ihm in die Hand. „Dann hast Du uns immer bei dir.“
Ein Jahr später ist er noch immer fern der Heimat. Das Infanterieregiment hat ihn zum Truppenfahrer ausgebildet. Der schwarze Armeewagen mit dem stabilen Dach steht großteils seinem Hauptmann zur Verfügung. Wie zwei wache, runde Glupschaugen, die blank geputzten Scheinwerfer. In die österreichische Festung Przemysl an der Ostfront, in Polen, wurde er zuerst abkommandiert. Im März 1915 konnte ihre Truppe noch abrücken, bevor sie von den Russen erobert wurde. Die anderen Kameraden gerieten in Gefangenschaft, wie man hörte. Als Truppenfahrer bekommt man so einiges mit, an Nachrichten. Wenn sich die Obrigkeit unterhält und zeitnah ihre Neuigkeiten austauscht, um sich die Fahrzeit kurzweiliger zu gestalten. Manchmal lassen sie sogar eine Zeitung zurück im Wagen. Im Juni hat unsere Armee die Festung wieder zurück erobert, wie in der Wiener Allgemeinen zu lesen war. 60 Offiziere und über 12.000 Mann gefangen genommen, 14 Geschütze und 35 Maschinengewehre erbeutet. Wie lange es wohl dauert kann, so viele Gefangene abzuführen?
