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Im Internet ist der Teufel los. Die vierzehnjährige Rica lernt den Dichtergeist Soonerfaindaut kennen, der ihr Talent fördern möchte. Drei Autostunden entfernt, einige Stunden später, macht Finn die Bekanntschaft des alles versprechenden Farercrai. Dieser lockt mit einem brandneuen Gewinnspiel, das die Massen anzieht. Für die Jugendlichen nimmt ein Wagnis seinen Anfang, das ungeahnte Kreise zieht. Was wissen die Ghosts über eine mysteriöse Insel und deren Machenschaften? Die Denkfabrik benötigt Nahrung: begabte, aufstrebende IT-Kräfte. Der Roman zeigt eine Form der modernen Versklavung, die in der Arbeitswelt stattfindet. Andere private Bereiche der Hochleistungsarbeitskräfte werden eliminiert oder ausbeuterisch genützt. Sie werden ausgehebelt, wie persönliche Beziehungen und Spieltrieb. Als die Web-Kids der Wahrheit auf die Spur kommen, sind sie bereits mittendrin. Eine Story, die Jugendliche und Erwachsene anspricht.
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Seitenzahl: 182
Veröffentlichungsjahr: 2022
www Sammelstücke ade
Roman
neobooks, April 2022
Copyright Anita Lang, Wien
„Noch keiner hatte so ein Problem wie ich. Ausgenommen vielleicht Rapunzel.“ Mutter hat gesagt, ich soll nicht alleine rausgehen. Draußen trommelt der Regen auf das Fensterblech. Die Stadt hat keine Farbe um diese Zeit. Sonst schon. Lässig, die Leute hier, die sich zahlreich in den Straßen und Gassen tummeln. Sie unterhalten sich stundenlang auf Ungarisch. Gar nicht so leicht zu lernen. Ein paar Zeilen noch, dann habe ich frei. In Deutsch müssen wir uns die klassischen Versmaße reinziehen. Daktylus klingt supi, nach einem Hustensaft mit Kräutern. Paaam, Pam, Pam. Im Handumdrehen habe ich es fertig, Countdown bis Schulschluss. Das Fräulein unterrichtet mich und andere privat. Wenn ich Privatfräulein zu ihr sage, lacht sie zaghaft, gekünstelt. Auch wenn ich Sorgen an sie herantragen möchte. Das, was mich beschäftigt, die Sachen meiner Freundin und all sowas.
„Man muss sich abgrenzen, Rica“, sagt sie. „Du darfst nicht alles an dich heranlassen.“ Das jedenfalls kann sie bestens. Ist weniger anstrengend für sie. An Beziehungen muss man arbeiten, sogar sehr. Freunde freuen sich, wenn man sie versteht. Plus ihnen zuhört. Ich will immer wissen, was läuft. Das macht alles und jedes immens spannender.
Ritsch-Ratsch, ein Reißverschluss wird aufgezogen. Gespenstisch, es kommt aus meinem Laptop.
„Was zum Geier.“
„Just eine Frage der Perspektive, like Sudoku in der Bergsonne“, sagt eine Stimme, die wie aus einem Basslautsprecher klingt. Ich halte den Atem an und horche.
„Kommt da noch was“, frage ich. Wie peinlich, ein heiseres Krähen kommt aus meinem Rachen.
„Ich dichte“, tönt es vom Bildschirm her. „Wie findest du den Satz?“
„Tja, schöne Worte, aber ist das nicht ein bisschen verwirrt?“
„Du kannst es fühlen.“ „Oder auch nicht.“
„Halt ein Gedicht? Oder nicht?“
„Genauso. Es ist nicht die Craziness eines überwutzelten Programmierers, der stoned in einer Viertagesschicht in Silicon Valley vor sich hin werkt.“
„Die arbeiten dort so lange?“
„Aber ja. Die wohnen dort, schlafen in modernst ausgestatteten Wohnräumen. Spielen Monopoly mit den Buddies in ihren Pausen. Joggen auf dem Laufband.“
„Wer bist du? Also ich bin Rica.“
„Soonerfaindaut mein Name. Ich wollte, ich hätte meine eigene Wolke. Dann könnte ich…“
„Soonerfaindaut in der Cloud. Freut mich!“ „Meine Mama arbeitet in einem Labor. Dort werden Zähne gemacht, gegenüber dem niedlichen Kirchenpark.“ Geisterhaft schweigt er. Ja, macht nichts, dann kann ich länger reden.
„Wir haben hier keine Spiel- und Sportwiese, weißt du.“
„Dann denk dir eine aus.“
Wenn unsereins in eines der Häuser eingeladen ist, zu welchem ein Garten gehört. Dann kann ich mit anderen spielen. Morgen steigt eine Party im Nachbarhaus. Leider kenne ich keinen von denen.
„Und wer spielt mit mir, du Traumtänzer?“
„Ich, sometimes, das könnte ein spannender Traum werden. Ready fürs Abenteuer?“
„Was sind deine Pläne, Sooner und so weiter? Du hast doch welche, oder?“
„Soonerfaindaut auf seinem eigenen Wolkenland, dahinschwebend in tollen, bunten Farben, die noch nie eine Menschenseele erblickt hat.“
„Du hast eine Farbe? Welche?“
„Heute Pink, morgen Winterblau.“
„Ist das nicht furchtbar langweilig?“
„Blitzblöd.“
„Was, die Frage war gar nicht so dumm.“
„Wie gefällt dir das neue Wort. Blitzblöd oder aber auch donnerdumm, könnte auch passen.“
„Ach, ich verstehe. Wir denken uns etwas aus. Zu zweit.“
„Ich sage dir ein edles Wort. Eines, das aus der Reihe tanzen kann. Du machst den Satz.“
„Ich kann nicht so gut reimen.“
„Musst du nicht. Spruchreif, inspiriert, frei von Chemie.“ Mama sperrt die Türe auf und ruft fröhlich: „Ich bin zu Hauauause“.
„Spruchreif müssen wir auf morgen verschieben“, flüstere ich ihm zu. Seine Augen zwinkern vertraulich über einem sonnigen Lächeln aus rosa Wölkchen.
„Gut“, sagt er. „Schon kapiert. Von innen wärmen geht immer.“
Ein Ritsche-Ratsche folgt auf den Fuß. Vermutlich hat er mein Baba gar nicht mehr gehört.
Von innen wärmen, er spricht in Rätseln. Zurück zu meinen Schulaufgaben. Noch auf ‚Speichern‘ drücken und absenden.
„Essen ist fertig!“
„Palatschinken, mmmh lecker.“
„Ich muss dann nochmal weg“, sagt Mama. „Das kann bis zu drei Stunden dauern. Wenn etwas sein sollte: ich bin am Handy erreichbar.“
„Okay dann, ich komm zurecht. Kannst sicher sein.“ Ich werde ihn googeln. Oh nein, jetzt zieht der seine Updates ab. Erst fünfundzwanzig Prozent zeigt der Balken. Es zischt beim Aufdrehen der Colaflasche. In der Naschlade finde ich Chips mit Paprikageschmack.
„Soonerfaindaut“, tippe ich ein. Das Ergebnis: orthographische Rechtschreibtipps, alles zu „Sooner“. Da, ein Hinweis. Er hat ein Buch geschrieben. Klick, Error 404, not found. Fehlermeldung, nichts zu finden. Ob Evi vielleicht was weiß?
„Evi, hallo“, rufe ich ins Telefon.
„Du musst doch nicht so schreien? Servus du, ich habe dich schon vermisst.“
„Ist es bei euch auch so schiach, das Wetter?“
„Schiarch und schiarcher in Wien. Ich sags dir, wir haben so viel auf. Und das knapp vor den Ferien.“
„Ich hatte ein komisches Erlebnis“, beginne ich. „Kennst du einen Soonerfaindaut?“ „Evi, bist du noch da?“
„Ja gewiss. Sagt mir jetzt nichts, der Name. Klingt aber cool, interessant.“ Jetzt muss ich es ihr erzählen. Sie besteht darauf. Hoffentlich lacht sie mich nicht aus. So ein Glück, sie nimmt es ernst.
„Hätte ich auch gerne, so einen virtuellen Freund“, sagt sie zum Abschied. Keine Zeit für mich. Das fühlt sich leer an. Meine vier Buchstaben tun weh, vom langen Sitzen. Kann so ein Hintern viereckig werden?
„Wo denkst du hin“, hat Mama gesagt. Also doch nicht. Eine Runde Schnurspringen, das bringts. Jetzt noch den Hocker zur Seite schieben. Regenschirme, wie Dächer über geschützten, trockenen Köpfen. Rot getupft, blau kariert, wippen sie auf und ab. Genug, ich bekomme keine Luft mehr. „Wchaa!“ So schnaufen Drachen.
Herrlich, wie der Wind durch mein Haar zieht. Die Gehöfte stehen zusammen über der Böschung, als wären sie eine vertraute Stammtischrunde. Mein Gehirn klappert noch immer auf Hochtouren. Am Bike kann es sich auslüften auf die Schnelle. Von der Strapaze der Mathestunde. Noch bin ich unter den Besten.
„Finn“, sage ich mir. „Ein bisschen Mühe kostet es dich, dann bist du vorn dabei.“ Wenn ich allerdings ein E-Bike hätte, wäre so eine kleine Steigung ein Klacks. „Streber“, haben sie gesagt. Heute in der Umkleide hat mir einer Kakao aufs Shirt gekippt. War bloß eine patscherte Aktion, oder nicht? Wenn es unabsichtlich geschehen wäre, hätte er sich entschuldigt. Selten reden die mit mir. Tja, sie fassen sich halt kurz. Aber „Sorry“ hätte er doch sagen können. Am Saum der Straße ein Schild: „Durchgestrichen Linz-Leonding“. Unser Haus wartet. Die Rollläden sind geschlossen und spiegeln die Nachmittagssonne. „Wärm dir die Lasagne“, steht auf dem Zettel an der Kühlschranktür. Ich zerknülle ihn und werfe ihn in den Mülleimer. Wenn die Eltern nicht da sind, kann ich genauso gut auf meinem Schreibtisch essen. Und mal wieder Tagebuch schreiben. Ein gestreiftes Buchsymbol auf dem Desktop. Wie war nochmal das Passwort?
Der Sound einer Maultrommel setzt ein. Signation Westernstimmung, oder wie? Neue Datei, ein leeres Blatt. Worüber soll ich schreiben?
„Ein wenig Musik könnte auch nicht schaden.“
„Was soll es sein?“ Das gibt’s ja nicht. Eine elektronische Stimme.
„Elton John“, sage ich. „Ich bin ein wenig altmodisch.“
„Kommt sofort. The Rocket Man.“
„Wenn ich mir noch etwas wünschen könnte…“
„Was darfs sein?“
„Ich will ja nicht unverschämt sein. Aber ich hätte gerne das E-Bike von Fivestars.“
„Kein Grund zum Lachen. Kriegst du, oder glaubst du mir nicht.“
„Mit meinen Ersparnissen sieht es lausig aus“, muss ich unverblümt zugeben.
„Und deswegen lässt du deine Birne sinken?“
„Das ist doch nicht eine Birne. Das ist mein Kopf.“
„Bei Querula steigt ein Gewinnspiel“, raunt er mir zu.
„Und was muss ich dafür tun?“
„Superschnell sein. Wenn du alle Köpfe abschießen kannst, und das innerhalb Rekordzeit, holst du dir auf der Stelle dein Fahrrad ab.“
„Nenn mir die Webseite, wann steigt das Rennen?“
„Morgen, 15 Uhr 5, auf querula.ade.“
„Wer bist du und wie siehst du aus?“
„Man erkennt mich an meiner fluoreszierenden Schleppe.“
„Also kein irdisches Wesen. Cool.“
„Doch, auf der Erde. Farercrai mein Name.“
„Und du tust was genau? Was bringt es dir, wenn du mir einen Gewinn verschaffst?“
„Ach, rein ideell. Ich vernetze und verbinde.“
„Das ist alles? Es macht dir Spaß, Kontakte herzustellen.“
„Sicher. Nur zu, trefft euch und vernetzt euch. Nichts dabei. Rasch, das Leben ist kurz.“
„Ahja, klingt einleuchtend. Und weißt du auch meinen Namen?“
„Sicher. Finn Kosta, der bist du. Jedoch, kein Mirakel, dein Tagebuch hat es mir verraten.“ Mein Tagebuch also. Wir haben ein Hühnchen miteinander zu rupfen. Passwortgeschützt, dass ich nicht lache.
„Und woher weiß ich, ob ich dir trauen kann?“
„Aaaaber das kaaanst du. Und was denkst du, welche Vorteile ich dir verschaffen könnte. Wirst schon sehen.“
„Sehr verlockend. Ich mache mit, aber linke mich nicht. Hörst du?“
Der Mond schimmert durch die Ritzen der Jalousien. Mein Smartphone zeigt 00:12 Uhr. Genauso gut könnte ich etwas erledigen. Mit dem Schlafen klappt es sowieso nicht. Ich muss leise sein. Sonst wecke ich Mama und Papa. Nachts sind alle Türen geschlossen. So ist der Hausbrauch bei uns. Was hat er geschwind nochmal gesagt, wie das Spiel heißt. Querula, perfekt, sieht einladend aus. Figuren aus dem öffentlichen Leben, einige der Gesichter kennt man. Die vom Stadtrat, ein Showmaster vom ORF. Wie Pappkameraden. Eine Flinte, die knallt, wenn der Button gedrückt wird. Die allseits bekannten Steuerknöpfe, babyleicht. Ich brauche ein Login. Nick „Finnen“, klingt geil.
„Mach dein Spiel, Finnen“, blinkt der Balken. Und los!
Paff, paff, paff, zwanzig Sekunden, Rekordzeit. Gewonnen. „Wir senden dir deine Bestätigung per E-Mail.“ Alter, die haben sich echt was Geiles ausgedacht. Weiter dann beim Gewinnspiel um drei. Toll und easy, wie Farercrai vor Kurzem sagte. Ach was, ich werde ihn Farer nennen.
Aus meinem Monitor tönt Babygeplapper. Schwer zu verstehen, aber es freut sich offfensichtlich.
„Wie findest du das“, fragt Soonerfaindaut. „Oder ist das Ritsche-Ratsch besser. Was meinst du?“
„Hallo Sooner.“ Unverkennbar seine voluminöse Stimme. In melodischem Rhythmus, er spricht im Bass. „Du probierst einen neuen Sound aus. Stimmts?“
„Neues und allzeit schönes Wetter, hochgefahren im Yin und Yang.“
„Was meinst du, harmonisch?“
„Erfrischend liest sich der gute Wind, wie Tees mit Zimt.“ Woher nimmt er bloß die neuen Worte. Irgendwie komme ich mir im Vergleich zu ihm wie eine geistige Strickmütze vor. Unoriginell halt.
„Mir fällt zur Zeit gar nichts Besonderes ein“, stelle ich fest.
„Oh, das muss nicht sein“, sagt er. „Kein Mirakel. Du holst dir eine Zeitung oder gleich mehrere.“
„Jetzt gleich?“
„Selfcare-Tipps aus einer knackigen Broschüre. Ich warte.“ Im Zeitschriftenständer von Mama finde ich ein Journal des Automobilklubs. Eine Gratiszeitung und einen Katalog für Wellnessprodukte.
„Kannst du dich auch in Hellgrün verwandeln?“
„Wenn dich das amüsiert, bade ich auch in Hellgrün.“
„Supertoll. Mein Vater liebt sie auch, die Farbe der Frühlingsblätter. Er lebt in Kanada.“
„Dann siehst du ihn eher selten. Eher ätzend, nicht?“
„Zu Weihnachten. Wir skypen jeden Samstag.“ Ich setze mich auf das City-Sofa und lege meinen Laptop auf den Tisch. Dazu die leise knisternden Papiere. Mama steht auf frische, saubere Tischtücher.
„Und wie geht das nun?“
„Du schneidest aus, was dir gefällt. Im Augenblick, denk nicht zuviel. Das verdirbt dir den Spaß.“ Meine Finger schneiden schnell. Es muss nicht schön ausgeschnitten sein, hat er gesagt. Papierfitzelchen, so leicht wie Schneeflocken, häufen sich auf dem Tischtuch.
„Also da hätten wir: Feine Feier, ein bisschen Retro, vom fließenden Fall des Gewandes, Frischekick für zwischendurch“, rufe ich, während sich zusehends Begeisterung in mir breit macht.
„Siehst du, eine wahrhaft treffliche Wahl.“
„Feine Feierstimmung platzregenartig.“ Ich lache drauflos. Urplötzlich habe ich die zweite Zeile.
„Es jährt sich mein Geburtstag.“
„Der Frischekick für zwischendurch.“ Wir machen weiter. Der Geist der guten Laune und ich. Wie ein Scherz, der reihum geht, und die Regenwolken vertreibt.
„Wunderbar, dein erstes Gedicht.“
„Glaubst du, es gefällt den Leuten?“
„Gewiss. Und wenn es nicht genehm sein sollte: dann weiter im Text.“
„Ich wünschte, ich wäre eine besondere Persönlichkeit. Die geehrt wird.“
„Dazu müsstest du dich bewerben.“
„So in etwa einer Stellenbewerbung?“ Mama hatte so eine Zeit. Damals hat sie E-Mails geschrieben, Briefe verschickt. Sie hat es mir erklärt. Die besten Kandidaten werden zu einem Gespräch gebeten. Von denen wieder ein Sieger hervorgeht. Der bekommt hernach die Arbeit, der ist drin.
„Es gibt Wettbewerbe. Sicher hast du bereits davon gehört.“ Ich höre zu und beginne zu träumen. Mit offenen Augen. Während Soonerfaindaut erklärt, dass ich auf einer bestimmten Webseite die Bedingungen finden könnte. Dann schicke ich es auf die Reise, unser Gedicht. Möge der schönste Text gewinnen. Der Preis: fünfhundert Euro. Ich könnte ganz vorne stehen, vor einem Mikro, auf einem kleinen Sockel. Der ein bisschen höher ist, damit alle mich sehen können.
Soonerfaindaut inspiriert mich zu Höherem, zu abenteuerlichen Gedankenexperimenten. In der Welt der Fantasie fühle ich mich einfach großartig. Befreit von den Sorgen um gute Schulnoten. Oder auch: Was könnte ich werden? Er ist eine Art Muse. Was er entschieden von sich weist, wenn ich ihn darauf anspreche.
„Musen sind weiblich“, gibt er zu bedenken.
„Ja und Geister, was sind Geister?“ Irgendwie kennt er sich da gar nicht aus. Seine Antwort: kryptisch. Man kann sich keinen Reim darauf machen.
„Es braucht Mehrgleisigkeit, textilfrei, auf der Überholspur.“
„Habe ich dir erzählt, dass ich Comics mag?“
„Is nicht wahr. Ich auch.“
„Ich habe sogar eines entworfen. Soll ich es dir zeigen?“
„Unbedingt“, sagt Sooner und zeigt sein Lächeln in einem hellgrünen Dunst. „Alles nimmt seinen Anfang im Experiment. Versuchen mal hier, versuchen mal da. Besser Tun als Nichtstun.“
Sodala, jetzt etwas richtig Entspannendes für mich. In der Mikrowelle ploppt das Popcorn gegen die braune Papiertüte. Fein, wie es duftet. Ich sollte Evi anrufen, kann es kaum erwarten. Sie muss es wissen.
„Also Evi, das wirst du mir jetzt nicht glauben…“
„Rica hallo. Ja Evi ist leider nicht da. Ich bin ihr Vater.“
„Wie, wo ist sie? Ist ihr etwas passiert?“
„Dann weißt du also auch nichts darüber. Wir hatten gehofft, sie hat es dir vielleicht gesagt.“
„Aber nein, als wir letztens telefonierten, war sie noch bei euch in Wien.“ Erschrocken rücke ich in meinem Bürosessel hin und her. „Wisst ihr denn gar nicht, wo sie sein könnte?“
„Sie hat von einem Feriencamp gesprochen und wollte sehnlichst dorthin“, sagt ihr Papa mit brüchiger Stimme. Seither konnten sie keinen Kontakt mehr herstellen.
„Hast du eine Vermutung, wer dieser Soonerfaindaut sein könnte?“ Zum Glück kann er nicht sehen, wie mein Gesicht rot anläuft.
„Nööö“, sage ich. „Keine Ahnung, aber ich werde mich umhören.“
„Ja, bitte tu das. Und melde dich, wenn du etwas erfährst.“
„Ja bestimmt.“ Evis Vater tut mir leid. Aber möglicherweise ist sie ja in einem geilen Ferienlager und lässt es krachen. Toben im Wald und Schnitzeljagden auf der Wiese. Ich fahre meinen Laptop hoch und hoffe, Sooner zu treffen. Jedoch kein Lebenszeichen von ihm und damit auch keine Spur zu Evi. Mama klopft an die Zimmertür.
„Hast du das von Evi gehört“, fragt sie.
„Gerade eben. Ihr Vater war dran.“ Komisch, dass sie ihr Handy nicht mitnahm, wenn sie doch in einem Camp sein sollte. Abgeschieden von allen. Mama stellt einen Teller Kekse auf den Couchtisch.
„Das ist vermutlich der Grund, warum sie sich nicht gemeldet hat. Sie hat ihr Handy nicht mit.“
Ich brauche etwas Ablenkung. Vielleicht ein neues Game. Ein Klick auf den Browser. Ob Sooner weiß, was hier läuft?
„Er ahnt es“, sagt er. Das Ritsche-Ratsch im Hintergrund, seine Signation, wie gewohnt. Komisch, habe ich laut gedacht? Nun zum Wesentlichen.
„Was ist mit Evi passiert“, frage ich und rutsche auf der Sitzfläche hin und her. Die Luft hier im Raum ist zum Schneiden.
„Wohl eines der Sammelstücke“, sagt er lakonisch.
„Von was, von wem? Lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen.“ Sooner lacht wie ein Glöckchen und referiert, dass er keine Nase habe.
„So etwas tue ich mir nicht an“, meint er abschließend.
„Jetzt sag mir doch: wo ist sie?“
„Die Sammelstücke der IT. Sie hatte keine Wahl. Nicht wirklich. Wurde aufs Glatteis geführt.“
„Ich krieg gleich die Krise“, sage ich und fühle, wie eine leicht zornige Wallung in mir aufsteigt. „Sie ist meine Freundin und wenn du etwas darüber wissen solltest und es mir nicht sagst, werde ich echt sauer.“
„Es ist nur eine vage Vermutung“, sagt er besänftigend. „Selbstverständlich werde ich mich umhören. Werde dir berichten, kannst auf mich zählen. Wie ein Uhrwerk. Nur keine Panik.“
Privatfräulein hat angekündigt, nächste Woche in die Ferien zu fahren. Sie wird nach Kuba fliegen mit einer Reisegruppe. Danach kann sie mich nicht mehr beaufsichtigen.
„Wir müssen eine neue Lehrkraft suchen“, sagt Mama. Vorerst kommt noch die obligate Externistenprüfung in Wien auf mich zu. Vier fremde, gelehrte Leute sitzen hinter einem Pult und befragen mich. Mein Zeugnis kommt mit der Post an einem Montag. Hastig schlitze ich das Schreiben mit dem Brieföffner auf. Zeugnisse sind stets auf erlesenem Papier. Es erfüllt mich mit Stolz, lauter Einser. Mama wird strahlen wie eine Schneekönigin, wenn sie heimkommt, und Papa erst.
Wenn mich Mama fragen sollte, sage ich, ich wäre bei einer Freundin eingeladen gewesen. Aber ich muss unbedingt einmal vor die Tür. Sommersonne flutet die Gassen. Hallo Leben! Ich zücke mein Smartphone. Fotos von grinsenden Händlern hinter ihren Ständen am Wochenmarkt. Aufgeschnittene Salamischeiben und Räucherkäse, geschützt durch eine Plexiglasscheibe. Der Kirchturm überragt alle Häuser. Ob ich da mal hinauf könnte? Entzückende Läden einer behüteten Welt. Die umherziehenden Touristen sprechen meine Sprache. Angenehm berührt, drehen sie Preisschilder auf Kleiderständern um und schmatzen sich durch die Speisekarten. Zur Bäckerei führen ein paar Stiegen hinauf.
„Für mich Würstchen in Blätterteig, bitte.“ Die freundliche, ältere Dame versteht Deutsch. Ein chinesischer Billigpreisladen, der gut besucht ist. Reihen von Kleiderstangen füllen den Laden. Ein T-Shirt um 3.000 Forint sticht mir ins Auge. Darauf ein glitzernder Legolas aus ‚Der Herr der Ringe‘. Ein bombiges Buch, ein grandioser Film. Eine Menschenschlange steht vor der Kassa an. Das T-Shirt wandert in ein rosa gestreiftes Plastiksackerl. Auf einer Parkbank neben dem Bach lasse ich mich nieder und verzehre genüsslich mein Gebäck. Als mir Evi in den Sinn kommt. Mit ihr war es immer so lustig.
„Hier kannst du mich absetzen“, sage ich zu Papa.
„Viel Spaß dann mit dem neuen E-Bike“, sagt er und zwinkert mir zu. Er möchte noch warten. Sehen, wie ich damit wegfahre. „Fahr nicht zu schnell“, ruft er mir durch das offene Wagenfenster zu. Ich traue meinen Augen nicht. Edler, als ich erwartet habe, steht es da. Der Verkäufer bittet mich, ihm zu folgen und entwertet den Gewinnkupon.
„Empfehlen sie uns weiter“, sagt er und drückt mir die Hand. Noch eine Stunde bis zur Zeugnisverleihung. Die Gänge schnurren mühelos. Ich könnte die ganze Welt umarmen. Vor dem Schultor sperre ich das Rad ab. Zu schade, dass ich es nicht mit hinein nehmen darf.
„Finn Kosta.“ Mit meinem Zeugnis ist alles bestens. Klaus Birgmann und Jan Everdeen, die beiden Asse, sind nicht erschienen.
„Die werden einmal Häuser verdienen“, sagt Beate neben mir. „So begabt, wie die sind.“
Vor ein paar Jahren noch stürmten wir aus dem Tor, wenn Ferien ausgerufen wurden. Nun, das sähe etwas albern aus für uns Vierzehnjährige plus. Die wir die Größe Erwachsener aufweisen. Schallendes Gelächter in den Gängen. Eine Last fällt von so mancher Psyche. Jede Menge Zeit und wenige Pflichten. Die anderen Jungs bestaunen mein Rad.
„Darf ich es mir einmal ausleihen“, fragt Jonathan aus der Nebenklasse. In der Kantine saß er oft neben mir. Er mag Lasagne, so wie ich.
„Heute nicht, aber vielleicht später.“ Ich weiß nicht, ob ich es verkraften könnte, wenn der Lack einen Kratzer abkriegen sollte. Jeder ist auf sich allein gestellt, wenn die Schule aus ist. Auf dem Heimweg sausen eine Menge Ideen durch meinen Kopf. Was könnte ich alles unternehmen. Reife Felder und Alleebäume ziehen vorbei. Die wunderbare Welt steht mir offen.
Ich muss Farercrai noch danken.
„Danke Farer!“ Wie betätigt man eine Maultrommel? Das könnte er mir einmal erklären.
„Keine Ursache.“ Ich glaube, es ist ihm lästig, darüber zu reden.
„Heute war ich auch einmal im Mittelpunkt. War super“, sage ich.
„Geeenau.“
„Weißt du, was mir keine Ruhe lässt?“
„Natürlich nicht. Aber es interessiert Farercrai sehr.“
„Zwei unserer Schulkollegen waren heute nicht da.“
„Die Angst vorm Zeugnis“, vermutet Farer. „Viele der Begabten nehmen an einem Schulprojekt teil. Das weiß ich aus sicherer Quelle.“
„Unser Klassenvorstand hatte keine Ahnung. Was kann das sein?“
„Es sollen nicht so viele informiert sein. Vermutlich von der Regierung in Auftrag gegeben.“
„Das macht mich jetzt furchtbar neugierig“, sage ich. Farercrai aber bleibt nicht beim Thema. So wie er überhaupt nicht zu lenken ist. Unberechenbar, der Kerl, der unentwegt über das neueste Computerspiel redet. Dann will er wissen, was ich mir als Nächstes wünsche.
„Keine Ahnung“, sage ich. Er langweilt mich heute. „Oder doch. Ich hätte gerne eine Freundin. Aber damit hast du nichts am Hut. Oder?“
„Ich kenne einiges“, sagt er verschwörerisch. „Speziell auf DEINE Bedürfnisse abgestimmt.“
„Und was hättest du da zu bieten?“
„Zunächst der Faktencheck. Dein bevorzugtes Ziel. Was wäre das Dringendste, das du erreichen willst?“
„Ich will endlich dazugehören. Wenn ich nur etwas besitzen würde, das mich interessant macht.“
„Ein Ding, das dich schmücken könnte.“
„Aber nein. So leicht ist das nicht, wie farbenspielende Geister sich das vorstellen mögen.“
„Hm, verstehe. Kein Ring, keine goldene Uhr, obwohl: es sind Prestigeattribute. Die manch auffälligen Wind erzeugen können.“
„Einer aus meiner Klasse hatte mal Eintrittskarten zu verschenken. Das hättest du sehen sollen. Wie die Geier haben sie sich darum gerissen.“
„Wie altmodisch. Doch die Strategie hat schon etwas für sich.“ Plötzlich sehe ich seine Umrisse. Tanzende Pixel in buntem Treiben. Eindrucksvolle Züge zeigen sich um seinen Mund, der irgendwie amüsiert aussieht.
„Rombogames“, sagt er getragen. „Hast du schon einmal davon gehört?“ Ich schüttle den Kopf und lausche gespannt. „Du legst ein Profil an, wie auf anderen Plattformen üblich.“
„Ich rede nicht so gerne über mich. Doch wenn es sein muss…“
