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Das Mittelalter-Feeling gehört für die Kunstexperten Roswitha und Mike zu ihrem Alltag. Ein Fresko im Stephansdom wird freigelegt, dessen Herkunft unbekannt ist. Möglicherweise wurde es von Leonardo da Vinci gemalt? Die Nonne und der Franziskanerpater sind fasziniert von dem neuen Fund. Unfreiwillig lernen sie das Mittelalter hautnah kennen und werden bei einem Kriminalfall zu Rate gezogen, der sich in unmittelbarer Nähe ereignet hat. Mit zahlreichen recherchierten Details zeichnet die Autorin die Geschehnisse im Alten Wien.
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Seitenzahl: 168
Veröffentlichungsjahr: 2023
Fresko
Engel blinzeln gerne
Roman
neobooks, März 2023
Copyright Anita Lang, Wien
Inhalt:
1. Morgen im Dom
2. Sonnenuhr und Wetterlage
3. Swedisch Rose und das kriminelle Rätsel
4. Das Wiedersehen
5. Ein brandneues Lied
6. Der Geruch des Glaubens
7. Wissen ist Macht
8. Verdächtige und Ehrliche
Du entkommst diesem Gefühl nicht. Es ergreift dich, umrundet dich und nimmt dich in Besitz. Ob du willst oder nicht. Dabei bist du ein Insider, eine der Ihren, Teil der Gemeinschaft. Die sich gewohnheitsmäßig in Gotteshäusern aufzuhalten pflegt. Jeder Laut, den du von dir gibst, steigt hoch und hallt in diesen Gemäuern und in ihren oberen Gefilden. Bricht sich an schmucken, lieblich-bunten Glasfenstern. Erzählt von der Weite, der Höhe, der Ehrfurcht gebietenden Größe Gottes. Selbst nüchterne, aus anderen Ländern angereiste Fremde verlangsamen ihre Schritte. Sie blicken nach oben in die heiligen Darstellungen, rätseln über den Legenden, die sagenhafte Motive zu berichten wissen. Ihre fragenden Mienen, wer und wie viele dieses bauliche Wunderwerk errichtet haben mögen. Im Schweiße ihres Angesichts, biblisch wirklichkeitsnah gesprochen. Staunende Betrachter verharren vor den Altären in den Seitenschiffen. Manche von ihnen kramen Münzen hervor, stecken sie in die Sammelbüchsen, zünden ein Teelicht an. Die Betenden am Marienaltar sitzen in Bänken, rühren sich kaum und sehen sich nicht um. Andächtig. Die Orgel hebt an. Ihr morgendlicher Klang ringt brabbelnde Stimmen nieder. Als wollte sie deutlich sagen: „Kein Geschwätz hierorts in diesen Hallen!“ Ein Priester im violetten Messgewand tritt an den Altar. Vor dem rückwärtigen Bereich schließt ein Ministrant die Gittertore. Touristen, die den Steffl besichtigen möchten, bitte stören sie nicht die Messzeremonie. Es ist eine dieser Morgenstunden, in der Neuigkeiten wie Feinstaub in der Luft liegen.
Wo bleibt bloß Pater Mike? Roswitha bewegt sich langsam auf den schmucken Altar auf der rechten Seite zu, an dem sie sich verabredet hatten. Kurz überlegt sie, ob sie alles richtig verstanden hat. Zweiter Seitenaltar rechts. Der, über dessen Altarbild, Blick links nach oben, die Statue eines Rokoko-Engels herabsieht. Mittig eine Komposition weiterer Putti. Doch, an diesem, das hat er zugesagt. Ansonsten wäre es witzlos. Hier haben sie das Fresko freigelegt, von dem in der Österreich-Zeitung die Rede war.
„Guten Morgen“, flüstert er und lächelt.
„Guten Morgen nochmal, Mike.“ Er zeigt mit dem ausgestreckten Arm in die Nische. Blasse Farben, kaum auszumachen in dem schattigen Winkel neben dem Sockel, der die marmorne Altarplatte stützt. Der Altar wird sporadisch genützt, zurzeit unbeleuchtet. Auf dem Boden an der Wand liegen Utensilien und Bestecke bereit. Vermutlich für die Untersuchungskommission, die eilig beauftragt wurde.
„Glaubst du, es stammt echt von Leonardo da Vinci“, fragt Roswitha. In ihren Augen liegt ein Glanz, der von Erlebnishunger erzählt. Es wäre wirklich das Ereignis des Jahrhunderts, auch nur für eine Sekunde einen Blick in diese Zeit zu werfen. Sie versucht, sich den Künstler vorzustellen, der sich einst selbst portraitiert hatte. Die hatten eine Mode voll von Details, die ihr gefallen könnten. Pluderärmel zum Beispiel, die ihre Oberarme kräftig aussehen ließen, als ließen sie ihre Muskeln spielen. ‚Genug‘, denkt sie, ‚eitler Tand.‘
„Näheres weiß man nicht. Wir sollten es genauer betrachten“, meint Pater Mike. Er geht um die Gebetsbank herum, an dem dunkelgrünen, Marmorsockel vorbei. „Na komm, Schwester! Oder hat dich die Neugier verlassen?“
Es ist montags in der Früh. Roswitha hat, entgegen ihrer Ordensregel, nicht Bescheid gesagt, wohin sie ginge. Ein kleines Geheimnis muss der Mensch haben, sagt sie sich. Ein harmloses Stelldichein mit dem Kunstabenteuer wird doch noch erlaubt sein. Selbst für eine Salvatorianerin wie sie. Ehe es jemand bemerken könnte, wäre sie wieder zurück, noch vor acht. Dessen war sie sich sicher. Einen derartigen Fund musste man einfach unter die Lupe nehmen. Pater Mike von den Franziskanern war auch ganz aus dem Häuschen, als er sie vorher angerufen hatte. Er fügt sich nahtlos in das Blickfeld um den Seitenaltar ein. Ein Taukreuz aus hellem Holz hebt sich von dem braunen Habit ab, das von einem weißen Zingulum gegürtet ist. Dieses baumelt spielerisch über seiner rechten Sandale. Sie überlegt, ob sie ihn schon einmal mit hochgezogener Kapuze gesehen hat. Vermutlich trägt er sie nicht allzu gerne. Eine Leinentasche in mattem Grün hängt an seiner Hüfte. Sie und der Pater restaurieren Kunstwerke in der knappen Freizeit, die sie in ihrem von Pflichten erfüllten Klosteralltag erübrigen können. So haben sie sich kennengelernt. Es gab ein Workshop in der Handwerkskammer und sie waren die einzigen aus dem Klerus. Das Fußvolk des Herrn, zu diesem Anlass war er weltlich gekleidet. In schwarzen Jeans, weißem Rollkragenpulli und Tweedjacke. Einzig die silberne Anstecknadel an seinem Revers verriet, dass er ein Geistlicher war. Roswitha durfte ihre Tracht nicht ablegen, was ein wenig zu ihrer Isolierung im Team beitrug. Man wusste nicht so recht, worüber man mit ihnen reden konnte. Außer natürlich das Fachliche. In modernen Zeiten erlauben die Ordensvorschriften den Klosterfrauen, eine kürzere Rocklänge, etwa eine Handbreit unter dem Knie, zu tragen. Schwarz zum Ausgehen, weiß an Arbeitstagen. Der Kurzschleier rückte aus der Stirn. Roswithas brünetter Haaransatz ist zu sehen. Wie ein einseitiger Vorhang legt er sich über den Schwung ihrer rechten Augenbraue.
Sie betrachten es schweigend, nebeneinander stehend, als wären sie Teil einer Kunstkommission. Eine Armlänge von dem Abbild entfernt, das vor langer Zeit hier entstanden war. Das verblichene Farbbild in Ocker- und Rottönen zeigt zwei Engel, die einander zugewandt sind. Sie halten blass-gelbe Lilien in den Händen. Aus nächster Nähe sieht es bestechend aus in seiner Schlichtheit. Es birgt ein Geheimnis, das Rätsel um seine Machart, um seine Herkunft. Deshalb sind sie am Lernen, am Puls der Kunst und ihrer Methoden. Gab es Menschen, die dafür Modell gesessen haben? Welche Farben so ungefähr verwendet wurden, wissen sie aus alten Schriften. Lapislazuli, Purpur und Erdfarben, am ehesten bekannt. Auf einmal regt sich etwas. Der linke der beiden Engelsgestalten zwinkert ihnen zu. Mit einem Auge, ein Zeichen der Vertrautheit, doch worin? Dann ist alles unverändert, als wäre nichts geschehen.
„Hast du das eben auch gesehen“, fragt Roswitha, die sich keine Blöße geben will. Pater Mike überlegt noch, ob er es zugeben will. Es könnte so aussehen, als wäre er nicht so ganz bei Sinnen.
„Doch“, formuliert er diplomatisch. „Sie sehen so lebendig aus. Es könnte an der Farbgebung liegen.“ Plötzlich bewegt sich die Lilie des rechten Engels langsam zur Seite, dann wieder in die Gegenrichtung. Gebannt starren die Nonne und der Klosterbruder auf die Blume, die sich wie ein Taktzähler hin und her wiegt. Ihre Augenlider werden schwer, fallen zu. Wie in einem Traum tut sich ein Rot auf, hell und warm. Roswitha wehrt sich gegen die Müdigkeit. ‚Was könnte geschehen, wenn ich im Stehen einschlafe‘, schießt es ihr durch den Kopf.
„Mike“, ruft sie, als sich ihre Ohren, wie in Watte gepackt, beschlagen. Im Bruchteil einer Sekunde sieht sie, wie auch er seine Augen geschlossen hält.
„Was war“, schreckt er auf. Sie sehen einander an, ungläubig über dem Geschehnis. Erkennen blitzartig, dass sie sich woanders befinden. Es ist leise, unverkennbar ein Kirchenraum. Doch es ist nicht Sankt Stephan.
Sie stehen in einem, unverkennbar gotischen Kirchenschiff und blicken auf das Strahlenkreuz des Hochaltars. Das Licht dringt matt durch die satten Rot- und Blautöne der zauberhaften Kirchenfenster. Zwei breite Nischen wölben sich an der rechten und linken Seite, in der Mitte des Kirchenraumes. Dann führen ein paar Treppchen hinauf, einige Sitzreihen vor dem Altar. Gleich einem Baldachin schwingt sich das zierliche, spitzengewebeartige Säulengebilde über den Tabernakel. Zur Rechten und Linken die Statuen der Heiligen. Wie auf ein vereinbartes Zeichen bekreuzigen sie sich. Ein feiner Geruch von verloschenen Kerzen und Weihrauch zieht in ihre Nasen.
„Wo hat es uns hin verschlagen“, fragt Mike heiser. „Dies ist wahrlich nicht der Stephansdom.“
„Du sagst es. Auch finden sich hier keine barocken Elemente“, stellt Roswitha fest. „Keine goldenen Schnörkel und das übliche Gedöns. Das prahlerische Gepränge, das wir in vielen Kirchen Österreichs haben.“
„Wenige, die vom Barock verschont geblieben wären“, nickt Mike. „Wollen wir nicht ein wenig verweilen?“ Ermattet nehmen sie in einer der Kirchenbänke Platz. Alles an dieser Einrichtung scheint reduziert auf das Nötigste. Rustikaler und einfacher gehalten. Es gibt keine Rückenlehnen für die Gläubigen. Lediglich die Chorstühle an beiden Seiten sind in einer Weise ausgestattet, wie sie sie kennen. Kunstschnitzereien, vermutlich gewachstes Eichenholz. Pater Mike schiebt den Ärmel zurück und sieht auf seine Armbanduhr. Sie zeigt sechs Uhr fünfzehn. Doch der Sekundenzeiger steht still. Sachte klopft er auf das Ziffernblatt.
„Herrschaftszeiten, gerade jetzt“, sagt er. Er holt das Mobiltelefon aus seiner Tasche und blickt auf einen dunklen Bildschirm. „Was ist mit dem deinigen“, fragt er. Schwester Roswitha fischt die kleine Umhängtasche aus ihrem Gewand, in dem sie etwas Kleingeld, Schlüssel, Ausweiskarte und ihr Handy verstaut hat. Doch zu ihrem Erstaunen ist auch ihr Display erloschen.
„Moment mal, siehst du hier irgend einen modernen Gegenstand“, fragt sie.
„Nicht einen einzigen. Die haben hier auch kein elektrisches Licht.“
„Keine Motorengeräusche kommen von draußen herein. Könnte aber auch an der Akustik hier liegen.“
„Wo ist die Orgel? Jede Kirche besitzt doch eine, oder etwa nicht?“ Sie betrachten die Kirchenbank vor ihnen. Mike fällt auf, dass die Nägel handgefertigt sein müssten. Er berührt sie mit den Fingerspitzen und sagt: „Allesamt unregelmäßig, keine Anzeichen einer Fabrikware.“
„Ich für meinen Teil“, beginnt sie: „fasse zusammen. Wir haben das Fresko betrachtet. Ich wurde schläfrig. Als ich die Augen aufschlug, war ich hier. Mit dir.“
„Gottes Wege sind fürwahr unergründlich“, sagt Mike. Roswitha fällt auf, dass er ein Vokabel benützt, das in früherer Zeit üblich war. Wo hatte sie das schon einmal gehört? Die Gebrüder Grimm und ihre Märchensammlung, jetzt fällt es ihr wieder ein. Etwas Sonderbares war geschehen. Der Pater und sie hatten eine Reise angetreten. In ein anderes Gotteshaus und womöglich in ein anderes Land. Die Worte, die sie benutzten, all das hatte mit einem Zeitsprung zu tun. Es ist still hier und menschenleer. Durch die dicken, bunten Kirchenscheiben bricht sich das Licht und verleiht dem Inneren der Kirche einen dezenten, zauberhaften Glanz.
„Auf diese Weise werden wir nicht weiterkommen“, sagt Mike. Der Unterton in seiner Stimme hat auf einmal etwas Energisches an sich. „Wir müssen draußen weiterforschen.“ Auch Roswitha fühlt einen aufkommenden Tatendrang. ‚Wir wollen dies erkunden‘, denkt sie. ‚Komme, was wolle.‘ Ihre Sandalen klatschen verhalten auf die Steinplatten, als sie sich auf den Weg machen. Zum Haupttor, das sich knarrend und schwer öffnen lässt. Es ist ein trüber Tag. Dem Lichteinfall nach könnte es morgens sein. Vor ihnen liegt ein Plateau, ein weiter Stufenabsatz, auf dem diese Kirche zu stehen scheint. Mehrere helle steinerne Stiegen, und zu ihrem Erstaunen blicken sie in den Wasserlauf eines Flusses. Seine Wellen schlagen sachte an das Ufer und fluten die unteren Reihen der breiter werdenden Treppe. Auf der linken Seite, in der Ferne sehen sie Menschen, die geschäftig ihrer Wege gehen. Manche gehen bedächtig, andere drängeln sich eilig an den anderen vorbei. Pater Mike geht ein paar Stufen hinunter, legt den Kopf in den Nacken und sieht an dem Turm hoch. In ihrem Gesamtbild eine gertenschlanke Kirche. Eine Steinkonstruktion, ein filigraner Bischofshelm mit Kreuzblume, sitzt auf der Turmspitze.
„Hier haben wir Maria am Gestade vor uns“, sagt er. „Glaubt mir, ehrwürdige Schwester.“
„Wir befinden uns demnach im alten Wien“, sagt Roswitha und hält beide Hände an ihr Herz, wie um es festzuhalten, auf dass es nicht aus ihrem Brustkorb springen möge. Die Kirche hat drei Portale, die mit Reliefs und Figuren geschmückt sind. Das Chorportal zeigt eine Schutzmantelmadonna und eine Marienkrönung. Musizierenden Engel blicken vom mittleren Portal auf sie herunter. In dem Menschengewimmel bleibt ein Mann stehen und sieht zu ihnen herüber. Sein ebenmäßiges Gesicht ist umrahmt von kinnlangem Haar. Darauf trägt er eine rote, flache Mütze. Er führt Zeigefinger und Daumen an die Nase, schnäuzt sich und macht eine flinke, wegwerfende Bewegung. Hernach wischt er sich die Hand an seiner kräftig-blauen Kniebundhose ab. Seine Schuhe sind hellgrau, aus Leder oder Stoff, was man aus dieser Entfernung nicht genau ausmachen kann. Er trägt ein Wams, das bauschig um seinen schlanken Körper schwingt. Auffallend sind seine hautfarbenen Strumpfhosen, die sich um die Knie kräuseln. Roswitha winkt spontan und lächelt ihm zu.
„Nun erschrickt er und geht seiner Wege“, sagt sie. „Wir sollten uns aufmachen, alles herauszufinden.“
„Gewiss“, meint Mike. „Wir sollten keine Zeit verlieren.“ Die Zeit verlieren. Genau das wäre nun außerordentlich wichtig, dies zu vermeiden, sinniert er. Wir wissen, wir sind in der Wiener Innenstadt. Wann, ja an den Kostümen könnten wir es erraten, Roswitha und ich. So gibt er sich Mühe, die Einzelheiten an ihren Gewändern auszumachen, während sie an ihnen vorbeischlendern. Nachher könnten sie sich beraten, vier Augen sehen stets mehr als zwei.
2. Sonnenuhr und Wetterlage
An der Längsseite der Kirche führt ein schmaler Pfad zwischen eng zusammenstehenden Häusern vorbei. Alles an diesem Stadtbild strebt himmelwärts. Mehrere Stockwerke türmen sich auf kleinem Grundriss. Von einem Innenhof her ist ein lautes Hämmern zu hören. Das Tor steht sperrangelweit offen und sie bleiben mit neugierigen Mienen davor stehen. Ein kräftiger, hoch gewachsener Mann schwingt einen Hammer und schlägt ein Metallstück in Form. Er trägt ausgebleichte, rote Hosen und ein beiges, verfilztes Oberhemd, das bis an seine Knie reicht. Die Ärmel hat er nach oben gekrempelt. Unter seinem Bauchansatz, der bei jedem Schlag zittert, verläuft eine Kordel, die als Gürtel dient.
„Gehabt euch wohl“, ruft ihm ein Geselle zu und schlendert an einigen Arbeitern vorbei, die beschäftigt sind. Roswitha betrachtet die kunstvollen Beschläge, die in einer Kiste wild durcheinander liegen. Verblendungen für Türschlösser, Klinken, ein massiver Klopfer, der zu einem vornehmen Eingangstor passen könnte. Mike ist bereits ein paar Schritte weiter und sieht einer Schar spielender Kinder zu, die barfuß mit flatternden Hemdchen in der Gasse umherläuft.
„Hier grunzt ein Schwein. Sie haben ein Schwein hier in der Stadt“, sagt Roswitha. „Das muss ich mir näher ansehen.“
„Komm Rose“, sagt Mike. „Nicht dass sie uns am Ende noch verhaften.“ Es ist ihm, als spräche er zeitweise mit ihrem Rücken. Flugs ist sie hinter der Ecke verschwunden und ebenso flink wieder an seiner Seite.
„Es frisst aus einem Trog. Sie halten es an der Leine, wie bei uns die Hunde.“
Bürger und Handwerker sind auf den Beinen und gehen ihrer Arbeit nach. An einer Fassade hängt das metallene Symbol eines Schuhs neben dem Eingang. Mike und Roswitha bestaunen das meisterhafte Zunftzeichen und begutachten die vom Schuster an der Fensterbank ausgestellte Ware. Nach den Gewändern der Leute zu schließen, müssten sie mindestens im Mittelalter sein, wenn nicht später.
„An der Schwelle zur Renaissance“, sagt Roswitha und erklärt, dass der erste Bürger, den sie bei Maria am Gestade beobachtet hätten, eher für die Neuzeit typisch sei. Dann seufzt sie und macht sich Hoffnungen, dass ihnen jemand einen Streich gespielt haben könnte und sie es mit einer Theaterkulisse zu tun hätten.
„Unmöglich“, meint Mike. Kein Lebender hätte je eine Kirche in authentischem Stil aus dem Boden stampfen können. „Außer vielleicht die außerirdischen Klingonen“, sagt er und lacht laut auf. Als er plötzlich Roswithas Trauermiene sieht. Tränen kullern leise über ihre Wangen herab.
„Nana, Schwester“, sagt er, irgendwie hilflos, wie er sie trösten könnte. „Dafür erleben wir Geschichtsträchtiges. Für uns Kunstinteressierte ein gefundenes Fressen, gell?“ Roswitha scheint sich gefangen zu haben und nickt. Dann zieht sie ein weißes Papiertaschentuch aus ihrer Rocktasche und wischt sich die Tränen ab. Neugierige Blicke betrachten ihre Hand und ihre Geste.
„Sieh nur, welch feines Tuch“, sagt eine Bürgersfrau, die ein eisblaues, weit gerafftes Kleid und einen steifen Kreppkragen um den Hals trägt. Ihr Begleiter mit dunklem, faconnierten Spitzbart lächelt charmant. Sein Kragen ist ebenso weiß, lediglich schmaler. Über seinen Strumpfhosen sitzt ein Wams aus schwarzem Samt mit einer dichten Knopfleiste vorne.
„Er sieht edel aus“, raunt Roswitha. Sie sagt es mit fast geschlossenen Lippen. Sie spürt eine aufkeimende Unsicherheit darüber, was hier erlaubt wäre. Wohl wissend, dass sie es vermeiden sollten, auch nur im Entferntesten anzuecken.
„Die Strenggläubigen“, flüstert Mike. „Erinnert mich an die spanischen Herrscherportraits in unseren Museen.“
„Da müssten jetzt ungefähr die Tuchlauben sein“, sagt Roswitha. Ein unerwarteter Wasserlauf schlängelt sich innerhalb der Stadtmauer an niedrigen Häuser und Hütten vorbei. Die Zunft der Färber ist hier angesiedelt. Sie schwenken bunte Tücher im Gerinne und hängen sie vor ihren Läden zum Trocknen auf. Roswitha und Mike gehen über eine kleine Stegbrücke in Richtung des Doms und staunen ob der Farbenpracht der Stoffe. Sonnengelb und Scharlachrot weht es vom Ufer her, als hätten Schiffe ihre Segel gesetzt. Dazwischen auch sanftere Töne, wie Pfirsichblütenfarbe und Nelkenfarbe.
„Der Eyecatcher ist das Petrol. Wie sie das hingekriegt haben“, sagt Roswitha verwundert. Unaufhaltsam bahnen sie sich ihren Weg zwischen Passanten, müßigen Katzen, angeketteten Wachhunden und beflissenen Werktätigen.
Mike versucht, sich zu orientieren, als sie die eindrucksvollen, roten Türme des Stadttors erblicken. Es wäre naheliegend, dass sie an der ihnen bekannten Rotenturmstraße angekommen sind, kombiniert er. Drei Arbeiter laden Leinensäcke von einem randvoll bepackten Eselskarren ab. Einer von ihnen bindet den Esel an dem schmalen Baumstamm einer Linde fest. Er tätschelt ihm den grauen, pelzigen Hals und nennt ihn „braver Stockundstein“. Der andere Fuhrwerker schultert einen Sack, aus dem eine zarte Staubwolke weißes Mehl pufft. Die Flügeltore des Lagerhauses stehen weit offen. Im überdachten Hof lagern bunte Stoffballen übereinander, dahinter Holzstapel, weitere prall gefüllte Säcke, große Fässer. Ströme von Menschen gehen durch das Stadttor aus und ein, das sich knapp daneben auftut. In seinem Gebälk flattern Tauben auf.
Unter die Bettler, die in zerlumpten Gewändern einige Vorbeikommende um Almosen anjammern, hat sich ein Flötenspieler gemischt. Er trägt ein kesses, rotes Hütchen. Auch seine Kleidung ist ordentlich, etwas geflickt an den Ellenbogen. Jedoch merkt man, dass er ein Musiker ist, der auf sein Äußeres achtet. Alles in dieser Stadt zeigt sich offenkundig im Erscheinungsbild. Ein Blick genügt, um zu erkennen, ob einem ein Handwerker, ein gut Betuchter oder ein Soldat über den Weg läuft. Hie und da reißt das Pflaster auf und eröffnet Stolperfallen. Soferne nicht das eine oder andere Grasbüschel oder Kräutlein aus dem entstandenen Erdloch sprießt und den Schuh des Passanten abfängt. Roswitha bleibt an einem spärlich bestückten Lattenzaun stehen. Sie stützt sich an ihm ab, hebt einen Fuß nach hinten an und kratzt sich mit einem Stöckchen den Matsch von der Sohle. ‚Wie ein Pferdchen, wenn es beschlagen wird‘, denkt Mike und ertappt sich bei dem Gedanken, dass es, wenn schon, eine edle Stute sein müsse. Es ist eine Augenweide, sie zu betrachten, sie zu bewundern. Seine innere Gläubigkeit meldet sich. Darf er überhaupt jemand anderen als Gott bewundern? Lieben ja, das ist unbestritten. Aber begehren – das sicher nicht. ‚Ach was, ich schreibe die sündigen Gedanken dem Abenteuersprung zu und basta‘, entschuldigt er sich vor sich selbst. Dann konzentriert er sich auf die Menschen, die von der Bastei herunterkommen.
„Rose“, sagt er. „Ich werde dich Schwester Rose nennen, was dagegen einzuwenden?“
„Aber nein“, sagt sie, sichtlich überrascht. „Das ist jedoch nicht das Thema. Ich habe die Ruprechtskirche entdeckt. Da oben, ein großer Baum steht davor.“ Mike lächelt und ringt nach Luft, als sie die schmale Steintreppe nach oben gehen. Einige der flachen Steine liegen nur lose auf dem Erdreich. Dazwischen wuchern Mooskissen mit klitzekleinen, weißen Sternchen und dottergelbe Löwenzahnblüten.
„So wird sie noch in der Moderne vor uns stehen“, sagt Roswitha. „Eigenartig, wie einen ein vertrautes Gebäude plötzlich beruhigen kann.“
„Da hast du Recht, Rose.“ Die Ruprechtskirche steht beschaulich, mit dicken Mauern ausgestattet, auf dem kleinen Platz. Efeuranken klettern an ihren Wänden hoch. Nur die schmalen, romanischen Fenster lugen aus dem sommerfrischen Blattgrün. In ihrem Inneren eröffnet sich ein auf starken Säulen ruhendes Hauptschiff, zu dessen Rechten ein Seitenschiff mit einem Nebenaltar. Knapp am Eingangstor, links, führt eine steinerne Treppe auf den Chor. Eine Balkendecke aus Eichenholz stützt das Dach. Auf einem Mauervorsprung, nahe dem Altar, steht ein heiliger Ruprecht, der treuherzig in die Welt blickt. Die bunten, alten Glasfenster verleihen der altehrwürdigen Kirche eine mystische Aura. Sie zeigen Madonna mit dem Kind, die obere davon den Gekreuzigten mit Maria und Johannes.
Eine mächtige Mauer umgibt die alte Wienerstadt und ist auf der Bastei begehbar. Ein paar Schritte weiter, auf der befestigten Stadtmauer, bietet sich ihnen ein wundervoller Ausblick. Auland wohin das Auge reicht, verzweigte Arme der Donau. Kleine, weit
