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Ein Körnchen Wahrheit liegt in den Geschichten. Etwas beginnt zu wanken. Das Boot schaukelt und jemand wird auf die Probe gestellt. Weit entfernt vom Heldenmythos, gestalten die handelnden Personen ihre Umgebung. Versuchen gekonnt zu bestehen, von Gefühlen gebeutelt. Kurzgeschichten mit Illustrationen aus dem Zeichenmilieu, die den Menschen als verletzliches Wesen darstellen. Bewegt von Neugier, vom Streben nach Erfolg und Glück, vom Bedürfnis nach Anerkennung und Sicherheit.
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Seitenzahl: 100
Veröffentlichungsjahr: 2022
Sternzeichen im Alltag
und andere Kurzgeschichten
Anita Lang
neobooks, August 2022
Copyright: Anita Lang, Wien
Cover und Illustrationen:
Hermann Höger, Wien
Titel der fünfzehn Kurzgeschichten:
Das Bild der Eintagsfliege
Sternzeichen im Alltag
Bingofieber
Wir rufen Heinrich
Auf Kindesbeinen
Love me tender
Ein vielversprechendes Miststück
Nicht ohne unsere Schwester
Berner trifft Schlehdorn
Tom singt auch mit mir
Zu unserer Zeit
Am Rande
Frei sein
Besitzverhältnisse
Die Dichterin
So manche jungfräuliche Aufgabe hebt uns aus dem Alltag. Marlies, das Aktmodell, ist junge Mutter mit Kind, keine Jungfrau. ‚Was tut Frau nicht alles, um einer Kollegin einen Gefallen zu tun, die sich einen Schnupfen abgeholt hat‘, denkt sie. Hinter einem Paravent legt sie ihr blau geblümtes Sommerkleid sorgsam über die Sessellehne. Quer und mittig darüber BH und Slip. Ihre weißen Flipflops, wie Plattfüße nebeneinander. Sie atmet tief durch. Premieren sind immer aufregend, muss sein. Als sie den hellen, vorhanglosen Raum mit den hohen Fenstern betritt, registriert sie eine nüchterne Arbeitshaltung.
Malbegeisterte mittleren Alters kümmern sich um ihre Farben, ihre Leinwände. Einer wirft mir einen flüchtigen Blick zu und bringt seine Staffelei in Position. Die Zeichendozentin hat eine wilde Frisur, in der sich rosa Strähnchen tummeln. Mit einer einladenden Geste bittet sie mich auf das Bettlager, eine Matratze mit beigem Überwurf, beinahe der Farbton meiner Haut. Ein Bein soll ich aufstellen, darauf lehne ich mein Kinn. Meine Arme halten sich schlingend fest.
„Geht’s so“, fragt sie. Ich nicke.
„Wird schon gehen.“ Nachher werde ich den Kleinen abholen. Die sind eh nett, die in seinem Kindergarten. Heute ist bis zum Abend geöffnet, ausnahmsweise hole ich ihn später, wird schon gehen. Für dieses eine Mal. Außer mir hat er keine Verwandten in dieser großen Stadt. Müssen wir völlig allein zurechtkommen. Ach was, vielleicht finden wir ja noch Freunde. Ich bin nur dieses eine Mal hier, habe ich der Dozentin gesagt. Sie wäre dankbar, sogar sehr, meinte sie. Ansonsten wären sie ohne Modell dagestanden. Hobbykünstler allesamt, glaube ich.
‚Ob Modelle sich für unsere Werke interessieren‘, überlegt Richie. Ich nehme mich zu wichtig, behauptet mein Chef. Von wegen, ich bin Freizeitkünstler. Selbstkritisch, meine ich, und sehr interessiert an allen. Also egozentrisch würde ich jetzt nicht unterschreiben. Eher bewusst leben. Tja, in meiner Firma, kann ich meine Begabung nicht ausleben. Dafür zahlen sie aber gut im Marketing, kann sich sehen lassen. Alles richtet sich nach den Wünschen der Kunden, ob es uns passt oder nicht. Die Dozentin erklärt noch, Ödes und Schnödes zur Materialkunde, weiß man, weiß man. Das Modell blickt mit träumerischen, grünen Augen aus dem Fenster. Marlies mit dem feinen, brünetten Haar, brünett wie ich. Ich werde ihr schwarze Haare geben, ja genau. Das wird formidabel aussehen, eine Hommage an Schneewittchen. Nun dreht sie sich nach links, stützt einen Arm ab. Als hätte ihre Schulter eine Botschaft, lockend, doch zugleich flüchtend. Ich bemühe mich, sie einzufangen, damit die Leute es auch sehen können, später. Ach, die Stunden sind um. Wie doch die Zeit verfliegt, wenn der Mensch einer schönen Tätigkeit nachgeht. Marlies erhebt sich und hüllt ihren Körper in das Leintuch, mit dem sie posiert hat. Manches kann man kaum in Worte fassen. Darum haben wir uns der bildnerischen Kunst zugewandt. Automatisch verstaue ich alle Utensilien. Mein Bild ist unfertig, hat aber Erfolgversprechendes.
Kaisermühlen ist zugeparkt, wie meistens, wenn das Wetter schön ist. Richie steuert den großen Platz beim Gänsehäufel an. Bei Badeschluss fahren massenhaft Badegäste weg. Dann werden erfahrungsgemäß Parkplätze frei. Außer es fährt ein Tiefstapler von der A22 ab und belegt Stellplätze für vier. Ein Platz im Schatten des Abends, wie für ihn reserviert. Für zwanzig Uhr hat er sich vorgenommen, am Pubquiz im Lokal an der Ecke teilzunehmen. Er stellt seine Sachen im Vorzimmer ab und drückt die Taste an seinem Anrufbeantworter. Wie gut, dass es ihn gibt, denkt er. Mein Butler im Singledasein. Ich bin ja kaum zu Hause, bei jeder Insiderparty dabei, bei Diskussionen zu Trend und Blend. Bei der Eröffnung von Ausstellungen.
„Hallo Papi“, sagt meine Tochter fröhlich. „Melde dich mal. Hab dich lieb.“ Sie ist vor kurzem achtzehn geworden, ruft mich täglich an. Als ich das Tuch vom heute entstandenen Bild nehme, hält es mich gedanklich fest. Ich muss es unbedingt fertig malen. Mache mich an die Arbeit, irgendwann das elektrische Licht an. Bis es fertig ist. Kritisch betrachte ich es. Unzufrieden mit mir, mit meinem Können. Was hätte ich da noch alles besser machen können. Weltmännischer, plastischer oder profimäßiger, wenn es dieses Wort überhaupt gibt. Ich lache über mich selbst. Ich, ein Versuchender, Experimentierender, immer in dynamischer Aktion.
„Hallo Schätzchen, das ist jetzt mein Rückruf“, spreche ich meiner Tochter auf die Mailbox. Etwas verspätet, aber immerhin.
Am nächsten Tag kommt Roland vorbei, ein Kumpel vom Pubquiz. Einer, der überall dabei sein möchte. Mit viel Allgemeinbildung ausstaffiert, ein Extra-Bonuspunkt fürs Team. Er bemängelt, dass ich dies wundervolle Kunstwerk derart unspektakulär aufgehängt habe. Im Vorzimmer zwischen Bad und Klo. Wo es doch einen Ehrenplatz verdient hätte. Wenn er mit seinen Händen herumfuchtelt, meint er es ernst.
„Willst du es“, frage ich. „Was würdest du dafür bieten?“
„Sagenhaft, die Pastelltöne. Sie verleihen der Dame einen Charme, der Aufsehen erregen wird.“
„Wenn du es sagst. Weißt du, ich sehe das etwas kritischer.“
„Das Gemälde ist toll. Du könntest es in einer Galerie in Kommission geben und zuwarten, was dabei herausspringt. Was meinst du?“
„Da bin ich ratlos. Ich kenne keine Galeriebesitzer“, muss ich zugeben.
Roland lässt sich nicht entmutigen. Sein Enthusiasmus scheint ungebrochen. Wir verpacken es, nennen es „Lockender Tag“, der verführerischen Schulter und des Lichteinfalls wegen.
„Wenn man es sieht, würde man sie liebend gerne kennenlernen“, bemerkt er, als es sich mit raschen Schritten auf den Weg macht.
Meine neue Marketingcampagne betrifft einen aufstrebenden Artikel aus der Autobranche, fernab der Kunstszene. Sport-Felgen, die bisher nur Insidern bekannt sind. Mein vierköpfiges Team sitzt zum Brainstorming beieinander. As usual, in der hellgrauen Couchlandschaft im Besprechungsraum. Die Assistentin hängt das „Bitte nicht stören“-Schild draußen an die Tür. Just im Ideenfindungsprozess surrt mein Handy.
„Bitte macht weiter“, sage ich und schleiche nach draußen in den Korridor. „Roland, schön, dass du anrufst. Was steht an?“
„Du wirst es nicht glauben“, juchzt er. „Ein Kunsthändler hat es geholt und versteigert. Es erzielte Höchstpreieieise. Fast eine Million, das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen.“ „Richie, bist du noch da?“
„Pfumm!“ In meinem Kopf surrt es wie in einem Bienenschwarm. Meine an meinen Körper angrenzenden Beine scheinen zu schweben. Gleich hebe ich ab und umkreise die Lampenschale an der Decke.
„Also Mürzkronkorken, ich hoffe, wir gehen heute was trinken. Das muss begossen werden.“
„Na klar, am Abend dann im Pub. Ich bringe Kollegen mit. Wahnsinn, ich freu mich total. Wahnsinn, das alles.“
„He, sie da. Sind sie der Richard Mürzkron?“ Zwei Senioren, die seltsam eingehängt auftauchen, richten ihre neugierigen Blicke auf mich. Irgendetwas sagt mir, dass es brenzlig werden könnte.
„Wer will das wissen“, frage ich.
„Wir sind die Eltern von ihrem Modell, genauer gesagt, die Pflegeeltern.“
„Wie jetzt, aber die Dame ist erwachsen“, sage ich in bestimmtem Tonfall.
„Dann sind sie es also. Sehr erfreut, sie kennenzulernen“, meint der ältere Herr und drückt meine Hand, ehe ich mich wehren kann.
„Die einstigen Pflegeeltern“, sage ich nachdenklich. „Und was hat das mit mir zu tun?“ Zaghaft rücken sie damit heraus. Sie möchten zu gerne wissen, in welchem Atelier ihre Marlies Modell gestanden hatte. Was mich krass misstrauisch macht, denn sollten die nicht in Konktakt sein, zumindestens in losem? Wer sagt mir denn, dass diese sympathische, junge Frau die beiden wiedersehen möchte. Oder sind es am Ende gar nicht die Pflegeeltern und wollen an die Adressdaten ran. Schnell, eine Floskel muss her.
„Tut mir sehr leid, das fällt unter den Datenschutz, gnädige Frau“, sage ich. Ihr Gesicht erinnert mich an einen Pudel. Ihre forschen Knopfaugen, die kleine Nase und das weiße, gekräuselte Haar.
„Wir kommen gerade von einer Weltreise zurück und sie ist leider umgezogen“, meldet sich nun der Herr zu Wort.
„Da wären sie am Meldeamt besser beraten“, sage ich und mache mich daran, die Haustür aufzuschließen.
„Ja aber“, höre ich noch. Dann kann ich mich gerade noch rechtzeitig verdünnisieren. Ich habe auch eine Tochter. Billige Ausrede das, von Pflegedaddy und Pflegemom der Marlies Augentrost. In jedem Fall hätte ich von einer Weltreise geschrieben. Wer ohne Handy unterwegs sein sollte: die gute, alte Ansichtskarte samt Briefmarke hätte auch ihren Zweck erfüllt. Die reden nicht mehr miteinander. Das ist klar. Nur allzu gerne würde ich wissen, was sich ereignet hat.
Die nächste Malsession in der Urania beginnt und Marlies glänzt durch Abwesenheit. Wir Kursteilnehmer haben hier nichts mitzureden. Die Dozentin stellt Gustav vor und wir schlagen ein neues Kapitel auf. Als sie mir über die Schulter sieht, frage ich sie, wann Marlies wiederkommt.
„Ach, sie ist bloß eingesprungen, eine Eintagsfliege“, sagt sie und lacht. „Aber eigenartig, dass sie fragen. Sie sind der Vierte. So ein Griss um die Adresse des Modells, ganz ungewöhnlich, hm.“ Während sie meine Arbeit begutachtet, erklärt sie, dass diese sensiblen Daten niemals von der Organisation der Abendschule herausgegeben werden.
Als ich bepackt die Stufen der Vorhalle hinuntersteige, erwarten mich ein Reporter und ein Kameramann.
„Können sie uns ein paar Fragen beantworten“, fragt der mit dem Mikro.
„Leider, keine Zeit“, presse ich hervor. Aufgebracht über die Störung, lege ich einen Zahn zu. Das Reporterteam heftet sich an meine Fersen. Rot für Fußgänger, prompt nützen sie das aus.
„Ach bitte. Nur ein paar Auskünfte für die Morgenausgabe“, raunzt er. „Na gut“, sage ich. Am Brückengeländer halte ich und der mit der Kamera hält drauf. Im Hintergrund der Donaukanal, neben mir auf dem Gehsteig liegen meine Malutensilien auf der Staffelei.
„Richard Richie Mürzkron, sie sind der Maler des Bildes Lockender Tag. Was war ihre Intention, als sie dieses Kunstwerk schufen?“
„Ganz unspektakulär“, antworte ich trocken. „Ich wollte einfach nur den Augenblick einfangen.“ Das Interview geht weiter. Ich mache Reklame für Zeichenkurse, das kann nicht schaden.
„Und das Modell“, sagt er und gibt sich Mühe, sein Interesse zu verbergen. Jetzt bringt er es auf den Punkt. „Wie heißt sie?“ Jetzt muss ich klug handeln, glaube ich. Rasch, ein anderer Name, so einer wie Mona Lisa.
„Mona Wieser“, schieße ich heraus. Im Nu sind sie abgezogen, mit Dank und erhellt durch meine Info. Der Name des Mädchens ist wahrlich gefragt.
Ein sonniger Badetag, wie er im Buche steht, kündigt sich an. Marlies und ihr Sohn nehmen den Bäderbus, der vollgestopft mit Menschen die Schüttaustraße hinunterschaukelt.
„Gerri schau, da ist ein Sitzplatz“, sagt sie und klappt den Sessel im Fahrgastraum herunter. Kleine Kinder sollten eigentlich sitzen, findet sie. Sonst werden sie noch umgestoßen im Gedränge. Stickig ist es hier trotz Klimaanlage.
„Komm, wir steigen hier am Kirchenpark aus.“
„Ich kann das Bad sehen“, singt Gerri. „Kaufst du mir ein Eis?“ Die Waffeltüten in den Händen, zwei Badetaschen geschultert, schlendern sie am Park vorbei. Den kenn ich doch, denkt Marlies. Einer aus der Künstlergruppe von der Urania. Sicher erinnert er sich nicht, war ja nur eine Sitzung. Besser so, peinlich das Ganze. Sowas mache ich nie wieder. Was soll Gerri von mir denken, wenn ich nackt Modell sitze?
Über dem steinernen Brückengeländer beugt der Mann den Kopf über das Wasser. Gerri reißt sich los und will es ihm gleichtun. Jedoch reicht seine Körpergröße gerade noch, um zwischen den Pfeilern durchzusehen.
„Pass auf Junge“, sagt er. „Nicht, dass du am Ende noch durchrutscht.“ Mein Herz klopft wie ein galoppierendes Pferd, als er sich zu mir wendet.
„Nanu Marlies, freut mich, sie hier zu treffen.“ Er weiß meinen Namen, na klar.
„Und sie sind“, frage ich.
„Richie Mürzkron“, sagt er, als hätte er nur darauf gewartet, mit mir ins Gespräch zu kommen. Ich höre von dem Bild, das mich und ihn verbindet. Das einschlug wie eine Bombe. Gerri zappelt und wirft den Rest von seiner Eistüte ins Wasser.
„Wann gehen wir endlich baden“, fragt er. Richie lacht und meint, er wäre als Kind ebenso gewesen, ständig in Zirkulation.
„Ja, wir müssen dann“, sage ich und deute in Richtung Gänsehäufel. Zu meiner Überraschung bietet er an, uns zu begleiten.
