25,99 €
»Gib Aids keine Chance« – fast jeder Deutsche über dreißig kennt den Slogan dieser 1987 von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung gestarteten Kampagne. »Truvada« heißt das Wundermittel, mit dem sich diese Forderung nun erfüllen soll. Die Kapsel, die HIV-Infizierten schon seit einiger Zeit zu Therapiezwecken verschrieben wird, dient mittlerweile auch der Prophylaxe. Was die Mehrheit der Deutschen nicht kennt, sind der Schmerz und die Isolation, die viele Menschen vor der Aufklärungs- und Präventionsarbeit sowie der Entwicklung effektiver Medikamente erfahren mussten.
Anhand zahlreicher Begegnungen mit Betroffenen und Zeitzeugen erzählt Martin Reichert die Geschichte dieser Menschen, etwa jener homosexueller Männer, die, abgekapselt von der Gesellschaft, allein mit dem Verlust ihres Partners zurechtkommen mussten: enterbt von der pfälzischen Familie, ausgeladen von der Beerdigung im Schwarzwald und von ihren Mitmenschen stigmatisiert. Aids hat die Art und Weise, wie wir leben und wie wir lieben, tiefgreifend verändert. Die Kapsel berichtet davon, wie die Krankheit ihren Weg ins Bewusstsein der Bundesrepublik fand.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 326
Veröffentlichungsjahr: 2018
Martin Reichert
DIE KAPSEL
Aids in der Bundesrepublik
Suhrkamp
Der »Schreck von drüben«
Im Bermudadreieck
I. Die Inkubationszeit
Von der Emanzipationsbewegung zur AIDS-Hilfe
»Mitten im Kampf«: Bruno Gmünder
Die Kosten der Freiheit: Jan Feddersen
Wenn die Scheinwerfer aus sind: Wieland Speck
II. Präventionspolitik
»Kondome schützen!«
Der Sieg der Vernunft: Rita Süssmuth
Die Rettung der Lust: Martin Dannecker
The Joy of Dialogkommunikation: Hans Hütt
III. Der medizinische Fortschritt
Überleben dank Therapie
Besuch aus Österreich
Das medizinische Versorgungszentrum: Hans Wesselmann
Was Neues aus Dresden: Frank Buchholz
IV. Das Neue Aids
Entdeckung der Zukunft
»Bilder von Aids«
Aids im Archiv: Axel Schock
Die Mauer als Kondom
V. Gegenwart
Das Ende von Aids denken
Ein Schloss für Schwule
Unsichtbarkeiten
Das Warnzeichen W009
Sternenkinder
Der Friedhof St. Matthäus
Anmerkungen
Bildnachweise
Für jüngere Schwule um die zwanzig ist Aids ungefähr so weit weg wie der Zweite Weltkrieg, so weit, dass sie die Infektion zum Teil gar nicht mehr ernst nehmen. Doch für mindestens eine Generation von schwulen Männern waren die achtziger und frühen neunziger Jahre eine Zeit, die schwere Traumatisierungen hinterlassen hat. Ihre Erlebnisse haben die meisten von ihnen jedoch fest in einer Kapsel verschlossen, die sie mit sich herumtragen, samt all den Erinnerungen an jene dunkle Zeit. Aids ist auf der einen Seite also längst Geschichte, und doch leben noch immer rund 80000 Infizierte in Deutschland, ein großer Teil schweigend. Im Rahmen dieses Buches soll versucht werden, mit einigen von ihnen ins Gespräch zu kommen – und mit Menschen, die selbst nicht infiziert sind, aber bereit waren zu erzählen, woran sie sich erinnern. Dass die meisten Positiven, die in diesem Buch zu Wort kommen, ihren Namen nicht nennen möchten, spricht für sich.
Es war eine bewusste Entscheidung, die Geschichte von Aids in Deutschland anhand der Erfahrungen und biografischen Erlebnisse schwuler Männer zu erzählen, waren und sind sie doch die Hauptbetroffenen. Aids wurde zu einem Teil ihrer Geschichte, ist wie der Paragraf 175 gleichsam eingeschrieben in ihre DNA. Um mich dem Thema anzunähern, habe ich mit Betroffenen, Angehörigen, Aktivisten, Wissenschaftlern und Politikern gesprochen, Menschen, die mit HIV/Aids zu tun hatten und haben und so freundlich waren, sich zu öffnen. So war ich willkommen bei der Akademie Waldschlösschen in Göttingen und bei den »Positiven Begegnungen« in Hamburg.
Nicht immer war es möglich, die Kapsel zu öffnen. Manches Mal aber doch. Auffällig erscheint mir bei einem Großteil der Zeitzeugen eine gewisse Abwehr von Mitleid und Empathie gegenüber dem, was sie erlitten haben. Zu monströs erscheint den meisten, was ihren einstigen Weggefährten widerfahren ist, als dass man selbst Anspruch hätte auf Anteilnahme. »Welches Leid, ich lebe doch noch?«, so könnte man die Reaktionen zusammenfassen. Die Beschädigungen aber, die Ängste und Verluste, der Schmerz und die Trauer, die diese Männer erleben mussten, all das verdient Respekt. Einige waren gezwungen, über sich hinauszuwachsen. Andere haben sich zurückgezogen. Erst neulich sagte ein schwuler Aktivist – er war um die fünfzig – bei einer politischen Abendveranstaltung sinngemäß: »Unsere Toten sollten uns ermutigen, weiter für unsere Rechte zu kämpfen angesichts der wachsenden Bedrohungen durch den Rechtspopulismus.« Der Satz stand etwas sperrig im Raum, als ob die meisten im Saal nichts mit ihm anfangen konnten. Aber hatte er nicht recht?
Nach meinem eigenen Coming-out im Jahr 1996 hatte ich immer das Gefühl, mich in ein gemachtes Bett zu legen – die Schwulenbewegung hatte ihren Kampf gekämpft und eine beeindruckende Infrastruktur aufgebaut. Es war das Jahr von Vancouver, in dem das Sterben aufhörte. Kurz darauf hatte ich Amsterdam besucht, in den achtziger Jahren die schwule Hauptstadt in Europa. Die legendären Szeneläden waren noch da, und doch war es, als hätte eine Neutronenbombe eingeschlagen. Nur vereinzelte »Ledermänner« saßen in den Bars, es herrschte eine eher melancholische Stimmung. Wo waren all die Leute? Was war passiert?
Dann war da ein schwules Straßenfest im Westen Berlins, es waren noch immer die Neunziger. Baccara sangen »Yes Sir, I can Boogie«, ihren Hit aus dem Jahr 1977, und im fahlen Licht des Spätnachmittags sah man viele schwule Männer in ihren Vierzigern und Fünfzigern mit Fettverteilungsstörungen, Nebenwirkungen der HIV-Medikamente. Viele von ihnen trugen Lederkleidung und Piercings, Tätowierungen und Fetischaccessoires. Als junger Mann in meinen Zwanzigern begriff ich zwar, dass HIV und Aids zum Schwulsein irgendwie dazugehörten, gleichzeitig wollte ich auf Distanz bleiben und war erleichtert, zu der Generation zu gehören, die nicht mehr von dem großen Sterben betroffen war; was da eigentlich geschehen war, hatte ich nicht verstanden. Die Älteren erzählten in der Regel nichts, und ich habe auch nicht nachgefragt. Als würde es sich um ein dunkles Familiengeheimnis handeln, über das man ungern spricht …
Am Anfang war Aids nichts als ein »Schreck von drüben«, wie der Spiegel im Mai des Jahres 1982 schrieb.1 In New York, Los Angeles und San Francisco litten plötzlich junge Männer zwischen fünfundzwanzig und dreißig Jahren unter sogenannten Kaposi-Sarkomen, einer seltenen Krebsart, die bislang nur bei wesentlich älteren Patienten vorgekommen war und nun in einer besonders aggressiven, auf die inneren Organe übergreifenden Variante grassierte. Blaurote Knoten, die sich auf der Haut abzeichneten, begleitet von schweren Infektionskrankheiten, Lungenentzündungen, Pilzbefall.
Es war bereits das Jet-Zeitalter, nicht wenige schwule Männer aus der westdeutschen Mittelschicht konnten es sich ab Mitte der siebziger Jahre leisten, in die Vereinigten Staaten zu fliegen, um sich in der New Yorker Leder- und Fetischbar Mineshaft auszutoben, sich die Sonne auf Fire Island auf den Bauch brennen zu lassen oder sich für ein paar Tage in den Bars, Saunen und Darkrooms in San Franciscos Castro-Viertel zu verlieren. Hier gab es die muskulösen Männer aus den Pornofilmen und Bildbänden tatsächlich, und auch ein breites Angebot an Drogen – von Cannabis über Kokain bis Meskalin. New York und San Francisco, das waren die schwulen Welthauptstädte, und den Soundtrack zu dieser früh globalisierten Szenerie lieferten unter anderem die Village People mit »YMCA«, »In the Navy« oder »Macho Man«. Auch bei den großen Unterhaltungsshows im deutschen Fernsehen war die Formation gern gesehen, der homosexuelle Kontext der Songs wurde jedoch stets verschwiegen.
In den besser unterrichteten Kreisen der deutschen Großstädte hatte man zum Zeitpunkt der Spiegel-Veröffentlichung schon von den Problemen aus den USA gehört.2 Wer hoffte, die Angelegenheit werde insgesamt eine amerikanische bleiben, sah sich allerdings enttäuscht. Der Spiegel berichtete bereits von Kaposi-Fällen in Barcelona und Kopenhagen. »Die nächsten Erkrankungen erwarten Experten in den Ballungsräumen der Homosexualität: Athen, Rom, London und Berlin.« Wenig später wurden tatsächlich die ersten deutschen Fälle bekannt, in Frankfurt am Main und München.
Die ersten Fälle – von was eigentlich? Zu Beginn wusste niemand, um was für eine Krankheit es sich handelt. Da ausschließlich Homosexuelle betroffen schienen, sprachen amerikanische Wissenschaftler zunächst von einer »Gay Related Immune Deficiency« (GRID). Bevor es irgendwelche verlässlichen Informationen gab, begann man schon, die Krankheit in ein Raster einzuordnen. Später, im Juni 1982 – man hatte erkannt, dass auch Frauen und heterosexuelle Männer betroffen waren, Drogenabhängige, die intravenös Substanzen konsumierten, und Bluter –, setzte sich die Bezeichnung »Acquired Immune Deficiency Syndrome« (erworbenes Immunschwächesyndrom) durch, kurz: AIDS.
Das Kürzel mit den vier Buchstaben, das die Welt in Angst und Schrecken versetzen sollte, wird im ersten Spiegel-Artikel noch nicht genannt. Dort ist von einer »Reihe geheimnisvoller, nicht selten tödlicher Krankheiten« die Rede, die womöglich mit den Lebensgewohnheiten der Homosexuellen zusammenhingen. Liegt es am regelmäßigen Cannabiskonsum? Am häufigen Gebrauch von Cortisonsalben? Am Schnüffeln von »Poppers«, einer nitrithaltigen Substanz, die sexuell anregend wirkt und von der der Spiegel annimmt, die Homosexuellen versprächen sich davon einen Superorgasmus? Man weiß nichts Genaues, weder über die Ursachen der Erkrankungen noch über die Homosexuellen und ihr Verhalten. Eine Haltung aber hat man schon beim Spiegel in Hamburg, sie schwankt irgendwo zwischen höhnischer Distanzierung (»›Manchen Freunden‹, sagt ein Berliner Professor, ›sitzt der Schrecken schon in allen Gliedern, in allen«) und alttestamentarischer Verdammnis: »Vielleicht ist das die Lustseuche des 20. Jahrhunderts, nur nicht so harmlos«, lässt sich der Berliner Bakteriologe Franz Fehrenbach zitieren: »Für die Homosexuellen hat der Herr immer eine Peitsche bereit.«3
Mit diesen Sätzen nahm Fehrenbach den Sound der kommenden Spiegel-Berichterstattung vorweg, die zwischen Bestrafungsfantasien und apokalyptischen Seuchenängsten changierte – was die Bedrängnis, in der sich die Homosexuellen befanden, nicht eben besser machte. Eine Minderheit, die sich gerade erst im Gefolge der Studenten- bzw. Bürgerrechtsbewegungen einigermaßen emanzipiert hatte, wurde ganz konkret von dieser neuen »Pest« bedroht und sollte jetzt für den künftigen Niedergang der Menschheit verantwortlich sein.
Die Krankheit sei wie »ein Schuß ins stille Glück« gefallen, schrieb der Mediziner Stefan Hinz 1984 in dem von ihm herausgegebenen Band AIDS. Die Lust an der Seuche.4 Damit meinte er auch die relative Freiheit, mit der sich Homosexuelle in der Bundesrepublik zu diesem Zeitpunkt bewegen konnten. In den Großstädten gab es eine ausdifferenzierte Szene, allein in Westberlin mehr als fünfzig Kneipen, zwei schwule Verlage und mehrere Saunen. Frank Ripplohs legendärer, auch international erfolgreicher Film Taxi zum Klo (1980) vermittelt etwas von der damaligen Atmosphäre. Im Zentrum stehen Frank und Bernd, ein schwules Paar zwischen Verliebtheit und Verdruss – erstmals wurden hier Homosexuelle nicht in einem Problemzusammenhang dargestellt, sondern in ihrer alltäglichen, manchmal eben auch banal anmutenden Normalität zwischen Beruf, Tuntenball und Abendbrot.
Der Titel des Films bezieht sich auf eine Szene, in der Frank mit einer Hepatitis im Krankenhaus liegt und sich von dort aus ein Taxi nimmt, um Sex auf einer öffentlichen Toilette (Klappe) zu haben. Später zu dieser Szene befragt, gab Ripploh an, er habe damals geglaubt, dass Hepatitis nur ansteckend sei, »wenn einem das Gelbe ins Gesicht schießt«, also die »Gelbsucht« ausgebrochen ist.5
Von Infektionswegen hatte man in diesen Tagen wenig Ahnung. Und auch keine Angst vor sexuell übertragbaren Erkrankungen wie »Tripper« (Gonorrhoe) oder »Feigwarzen« (Condylomata acuminata), die seit den fröhlichen Siebzigern virulent geworden waren. Es war die Zeit nach der nunmehr gut behandelbaren Syphilis – und vor Aids.
Im Café Berio haben wir uns verabredet, weil es fürs Tom’s noch zu früh ist und es das Café Central schon lange nicht mehr gibt. Als es das Café Central in Berlin-Schöneberg noch gab, Mitte der achtziger Jahre, waren Maja Zogg und Udo Hartmann beste Freunde und zogen gemeinsam um die Häuser, gerne hier im »Bermudadreieck« um die Motzstraße herum, damals wie heute ein schwules Ausgehviertel – auch wenn der Kiez mittlerweile gern als »schwules Altenheim« verspottet wird. Die Zeit der schwulen Gettos scheint vorbei, ob in Berlin, München oder Frankfurt am Main; klassische Szeneviertel sind vom Aussterben bedroht. Der Nachwuchs, heißt es, tummelt sich lieber im Internet – oder geht gleich »hetero« aus.
Wenn man sie so am Tisch sitzen sieht in der Geborgenheit des Café Berio mit seinen Kitschbildern und Sahnetorten, könnte man sie für ein altes Ehepaar halten: eine elegant angeschrägte Dame in ihren Fünfzigern, die eine riesige Puck-Brille mit getönten Gläsern trägt, und ein distinguierter älterer Herr um die sechzig mit kleinem Bauch.
»Wir wollten ja heiraten damals, Udo, erinnerst du dich?«, sagt Maja mit ihrem Schweizer Akzent, »hheirraten«. – »Ja«, lacht Udo, »du in einem weißen Lederkleid und ich im schwarzen Lederanzug mit Nieten.« Seit Jahren haben sich die beiden nicht gesehen, und eigentlich ist es total unwahrscheinlich, dass Udo überhaupt hier sitzt: Er ist ein sogenannter Langzeitpositiver, seine Diagnose bekam er 1985, im ersten Sommer, in dem HIV-Tests möglich waren: In den USA war der »Elisa«-Suchtest entwickelt worden.
Ein Jahr zuvor waren Maja und Udo in Berlin gelandet; einer der größten Hits des Jahres war »Forever Young« von Alphaville. Kennengelernt hatten sie sich in Hannover: Udo war Schauspieler an der Landesbühne, Maja machte eine Ausbildung zur Theatermalerin. »Du warst so süß, als ich dich zum ersten Mal gesehen habe, wie du mit einem Schirmchen über die Brücke gegangen bist«, sagt Maja. In den Herrenhäuser Gärten war das. »Die Bremer Stadtmusikanten haben wir gegeben, im Sommertheater. Ich spielte einen fetten Koch.« Udo hat einige Mühe, sich zu erinnern, es ist lange her, seinen Beruf als Schauspieler hat er mit dreißig an den Nagel gehängt, aus gesundheitlichen Gründen.
Schon in Hannover waren die beiden viel unterwegs, »nie in einer Schwulenbar, das wüsste ich«, sagt Maja. Gab es die damals in Hannover überhaupt? »Natürlich, in der Nähe des Bahnhofs, eine sogar mit ›Dunkelraum‹«, erinnert Udo sich, »Klappen waren sowieso überall, in Paderborn sogar direkt unter dem Dom.« Man habe zu dieser Zeit nichts zu befürchten gehabt als schwuler Mann. Tripper, Syphilis und Filzläuse waren lästig, aber gut behandelbar. »Maja war damals die schlimmste Frau von allen – sie hat den anderen gezeigt, wie man Männer abschleppt.« Es ist ihr überhaupt nicht peinlich – warum auch? »Ich wollte eine freie, unabhängige Sexualität«, sagt sie. Zunächst nahm sie die Pille, mit sechsundzwanzig ließ sie sich sterilisieren, Kinder wollte sie keine. Ihr langes Haar hat sie seinerzeit abgeschnitten, um sich die Kavaliere älterer Schule vom Leib zu halten. »Das hat funktioniert, für die war ich nicht mehr interessant – und konnte mich auf die Männer konzentrieren, die ich haben wollte. Das war schön. Unabhängig, das bedeutete auch, dass ich gesagt habe, was ich möchte. Damals haben viele Frauen ja einfach nur die Wünsche der Männer erfüllt, und wenn dazu gehörte, sich vom Regisseur oder Intendanten in den Arsch ficken zu lassen.« Kondome haben beide nicht benutzt. Dafür gab es einfach keinen Grund.
Das Jahr 1985 hat für Udo alles verändert. Es begann mit einem Autounfall. Als er auf einer großen Ausfallstraße links abbiegen wollte, raste ein entgegenkommendes Fahrzeug in die Beifahrertür. Neben ihm saß ein guter Freund – er war sofort tot, sein Kopf lag auf Udos Schulter, das Genick gebrochen. Udo überlebte knapp und musste 4000 Mark Strafe zahlen wegen fahrlässiger Tötung. Im Virchow-Klinikum wurde er dann zu einem »interessanten Fall«: komplett lädierte linke Körperhälfte, notoperierte Leber, Hepatitis. Und HIV.
Das war so viel auf einmal, dass es ihn womöglich gerettet hat. »Jahre später, es ging mir beschissen, stand ich wieder auf dieser Brücke am Kaiserdamm und dachte: ›Du hast diesen Unfall überlebt, jetzt überlebst Du auch HIV.‹ Gesprungen bin ich nicht.« In seinen Beruf ist er nie mehr wirklich zurückgekommen, zunächst wegen der unfallbedingten Verletzungen, später aufgrund der Aids-Erkrankung – Wunden, die nicht heilen wollten, eine Blutvergiftung, Lungenentzündungen, diverse Klinikaufenthalte. Maja hat ihn damals regelmäßig im Krankenhaus besucht, »wir haben uns weiter umarmt und geküsst«. Sie hat dann auch einen Aids-Test machen lassen. Negativ.
Wir verlassen das Café Berio und ziehen weiter in den Hafen. Maja hätte gern ein Bier, Udo trinkt nicht mehr. Er hat auch mit dem Rauchen aufgehört, aber nichts dagegen, in der »Raucher-Lounge«, einem kleinen Separee im hinteren Teil der schwulen Traditionsbar, Platz zu nehmen. Tom’s Bar, einer der ältesten und bekanntesten Darkroom-Läden, ist gleich nebenan, zwei Etagen darüber eine HIV-Schwerpunktpraxis – unten im Keller, heißt es in der Szene sarkastisch, holt man sich das Virus und im zweiten Stock die Tabletten. Als das Rauchverbot in der Gastronomie eingeführt wurde, gab es hier eine Kontrolle des Berliner Ordnungsamts: im Darkroom, mit Taschenlampen – der Aufschrei in der »Community« war groß, die Erinnerungen an Razzien und andere Schikanen sind bei älteren Schwulen stark.
Udo zeigt auf seinem Smartphone ein Porträtfoto von sich, aus dem Jahr 1985. Ein schöner junger Mann mit schwarzem Haar, kokett anmutenden Lippen und feinen Zügen. Maja verlor in diesem Jahr ihre erste große Jugendliebe, einen Italiener, der gefixt hatte. »Aber ansonsten wähnten sich die Heteros meist in Sicherheit – das Ganze galt als Angelegenheit von Schwulen und Drogenabhängigen. Man frönte weiter«, erinnert Maja sich, »dem alten und heute abgedroschen wirkenden Spruch aus den Siebzigern, ›Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment‹.« Und die Schwulen? »Da gab es, wie bei Heteros, die komplett Hysterischen und die Besonnenen«, sagt Udo. »Die Hysterischen hatten dann lange gar keinen Sex mehr, überhaupt nichts. Die anderen sagten sich: Okay, es kommt nicht aus der Poppersflasche oder aus der Luft, es ist ein Virus, und man kann sich davor schützen.« Im Tom’s zum Beispiel habe es sicher anfangs Umsatzeinbrüche gegeben, »aber das Leben ging weiter, auch dort«. Für die Sicherheit sorgten von nun an »Cruising Packs«, Kondome mit Gleitgel.
Nachdem Udo nicht mehr als Schauspieler arbeiten konnte, versuchte er sich erfolgreich in der Gastronomie; später war er Aufnahmeleiter bei Film- und Fernsehproduktionen, unter anderem mit Manfred Salzgeber, der 1994 an den Folgen von Aids starb.
Der Hafen wird nun voll, immer mehr Menschen kommen in den kleinen Laden. Auch die Musik wird lauter, man versteht sein eigenes Wort nicht mehr. Maja drängt zum Aufbruch. Außerdem wollen die beiden etwas essen. Ein Schawarma am Winterfeldtplatz soll es sein, den Laden gab es in den Achtzigern schon, ebenso wie das Slumberland zwei Häuser weiter, eine Eckkneipe mit Sand auf dem Boden, Spezialität Cocktails.
Wir sitzen am Tisch und essen, Soße tropft aus den Fladenbroten. Udo erinnert sich an die frühen neunziger Jahre. Damals bekam er AZT, »in niedriger Dosierung«, lange das einzige effektive Mittel, allerdings mit starken Nebenwirkungen, Udo hatte unter anderem Probleme mit seinen Thrombozyten. Heilung brachte es nicht, es ging eher darum, die Lebensdauer zu verlängern. Regelmäßig Pillen schlucken, Blutabnahmen, Helferzellen zählen, das bestimmte nun Udos Alltag. Ebenso wie die Aussicht, bald sterben zu müssen. »Bei jedem Sonnenuntergang dachte ich: Es könnte dein letzter sein. Wenn ich am Mittelmeer war, dachte ich, dass ich es vielleicht nie wiedersehe. Das hat mein Leben intensiviert. Es war nicht so, dass es eine einzige Katastrophe war. Es war alles dabei – inklusive heftiger Phasen des Exzesses. Ich wollte mich spüren. Spüren, dass ich noch lebe.«
Immer wieder quälten ihn gesundheitliche Probleme. Schließlich ließ er sich berenten, zog in eine Sozialwohnung. Er engagierte sich ehrenamtlich für die Aids-Hilfe, machte unter anderem Telefonberatung. Aids gehörte nun zu ihm. Wurde vielleicht sogar übergroß, nahm zu viel Raum ein. Und Maja ging ihre eigenen Wege, es hat sich so ergeben. Sie lernte ihren jetzigen Lebensgefährten kennen, Klaus, einen Tierarzt aus dem Wendland, arbeitete in Kanada als Bühnenmalerin und Requisiteurin.
Wir ziehen weiter, überlegen, in eine Stricherbar um die Ecke zu gehen, weil es dort vielleicht leiser ist. Fehlanzeige. Vor der Tür tummeln sich ein Dutzend Stricher, die meisten von ihnen aus Bulgarien und Rumänien. Drinnen alte, dicke Männer. Als wir uns an einem runden Tisch dazusetzen wollen, wird unsere höfliche Frage, ob wir stören, bejaht. Maja ist als Frau erst recht unerwünscht.
Die jungen Männer, die hier ihr Geld verdienen, sind höchst gefährdet, sich mit HIV zu infizieren. Für dreißig bis fünfzig Euro gehen sie mit in eines der benachbarten Stundenhotels. Viele sind heterosexuell. Sie vermieten ihren Schwanz und, wenn es keiner der Kollegen mitbekommt, auch ihren Arsch, aber sie wissen eigentlich nicht, was sie tun. »Ohne Gummi« bringt mehr Geld. Udo macht das wütend. Ungeheuer wütend. Helene Fischer singt »Atemlos«. Wir gehen.
Schließlich landen wir in der Bar eines Hotels. Maja bestellt noch ein Bier, Udo einen Ananassaft. Das mit dem Alkohol hat er vor vier Jahren aufgegeben, damals war es fast wieder so weit, er hatte über dreißig Kilo abgenommen und lag wie ein kleiner weißer Geist in einem Krankenbett der Berliner Charité, bevor er sich auf wundersame Weise, wie immer, wieder hochrappelte. Doch das bislang größte Wunder ist ihm 1996 widerfahren: »Ich war in Italien, in der Toskana, in einem Haus von Freunden oben in den Bergen. Die Welt ist dort oben ziemlich weit weg. Dann kam ein Freund mit dem neuen Spiegel, wenig später riefen mich andere Freunde aus Deutschland an, weil sie in den Zeitungen gelesen hatten, dass es einen sensationellen Durchbruch bei der Bekämpfung von Aids gegeben hatte. Das war HAART, die Dreifachkombinationsprophylaxe.« Udo wirkt noch heute gerührt, wenn er von diesem Ereignis spricht. »Es war ein Triumph. Plötzlich war da wieder Hoffnung.«
Berechtigte Hoffnung, wie sich zeigen sollte. Nach Einnahme des neuen Medikamentencocktails stieg bei den Patienten die Zahl der Helferzellen (weiße Blutkörperchen, die unverzichtbar sind für die Immunabwehr), Kaposi-Sarkome verschwanden einfach, »man bekam nicht mehr diese ständigen Lungenentzündungen, und die Nebenwirkungen waren weniger grauenhaft«.
Erst zwei Jahre später begriff Udo, was geschehen war. Und er, der eigentlich Todgeweihte, fiel in ein tiefes Loch. »Lazarus-Phänomen, so nennt man das, wenn jemand, der eigentlich schon für tot erklärt wurde, doch wieder Lebenszeichen aufweist. Ich stand plötzlich da und begriff, dass ich wieder eine Perspektive hatte. Aber was hatte ich in Händen?« Er war Rentner, ohne Beruf, seine Karriere war beendet. »Ich hatte das Gefühl, dass ich überhaupt nichts mehr kann. Gar nichts.« Gerettet hat ihn schließlich sein Hund, den er kurz zuvor angeschafft hatte, »dem hatte ich ja versprochen, dass ich mich kümmere, Verantwortung übernehme«.
In der Hotelbar ist es wie in einem Transitraum, wir könnten überall auf der Welt sein, gehören genauso wenig hierher wie die anderen Gäste. Ein bisschen verloren in der Zeit, weil wir den ganzen Abend über die Vergangenheit gesprochen haben, sitzen wir auf den roten Kunstledersesseln, an diesem kalten Märztag in Berlin. Aids ist für Udo wieder kleiner geworden, hat nicht mehr dieselbe Bedeutung. Vielleicht ist er damit wieder näher an Maja. »Ihr wart ja nie so richtig betroffen.« Udo sagt das ohne Vorwurf. »Ihr«, das sind die Heteros. Das »Wir«, es bleibt am Ende. »Wir sind ja nicht in die sexuelle Revolution reingeboren, wir haben sie mit entwickelt«, sagt Udo, und Maja ergänzt: »Wir sind die Nachzügler der Achtundsechziger, die hatten viele Freiheiten erkämpft, aber wir haben das dann ausgelebt. Es war ein großes Gefühl von Freiheit, bevor der Aids-Schock kam.«
Könnte es nicht sein, dass viele schwule Männer seiner Generation diese schreckliche Zeit vergessen möchten und nicht können? Dass sie nicht darüber reden wollen? Das ständige Sterben, die Stigmatisierung, dieser abscheuliche Mix aus Schuld, Scham, Angst und Tod. »Ja«, sagt Udo, »das kann sein.«
Wir verabschieden uns voneinander. Maja muss morgen nach Istanbul, sie hat dort beruflich zu tun. Udo arbeitet wieder im Kino Babylon in Berlin-Mitte, und allmählich muss er sich auch um seinen neuen Hund kümmern, der zu Hause auf ihn wartet. Doch die beiden reden einfach weiter, draußen in der Kälte, können gar nicht aufhören zu reden. Was ist denn mit dem Jetzt? Und über das Morgen haben wir noch gar nicht gesprochen, immer nur über das Gestern. In die Hand versprechen sich die beiden, dass sie sich von nun an wieder regelmäßig sehen wollen.
Act-Up-Demonstration, Berlin 1993.
»Mit grünverfärbtem Gesicht, wachsbleichen Lippen, bleiernen Lidern, kurzem, stoßweisem Atem […] lag er tief in seiner Matratze.« Dieses Zitat aus Camus’ Die Pest ist dem Artikel »Aids: Eine Epidemie, die erst beginnt« vorangestellt.6 Im Juni 1983, ungefähr ein Jahr nach dem ersten Artikel, geht der Spiegel mit dem Thema »Aids« auf den Titel: Das Cover zeigt zwei Männer, die einander in mutueller Masturbation zugewandt sind. Dazu die Headline »Tödliche Seuche AIDS. Die rätselhafte Krankheit«. Aids wird nun auch in Deutschland zu einem Thema, das die Allgemeinheit beschäftigt – das amerikanische Seuchenzentrum in Atlanta hat inzwischen 1556 eindeutige Aids-Fälle weltweit registriert, in Deutschland sind 24 bekannt, 558 Todesfälle gibt es bislang in den USA.7
Der heute bizarr anmutende Tonfall der Spiegel-Berichterstattung wird die kommenden Jahre prägen: »Droht eine Pest? Wird Aids wie ein apokalyptischer Reiter auf schwarzem Roß über die Menschheit kommen? Ist eine moderne Seuche in Sicht, die sich zu Tod, Hunger und Krieg gesellen wird, wie einst im Mittelalter? Oder werden nur die homosexuellen Männer daran glauben müssen?«8 Illustriert ist der Text unter anderem mit einer Darstellung der Wiener Pestepidemie des Jahres 1348, dem Foto eines pockenkranken Inders aus dem Jahre 1974 und einer Allegorie der Cholera, einem Kupferstich von 1851: Gevatter Hein spielt auf der Knochengeige.
Die westdeutsche Ärzteschaft war bereits auf die Aids-Gefahr aufmerksam gemacht worden. Im Deutschen Ärzteblatt hatten im Februar 1983 Johanna L’age-Stehr und Meinrad Koch vom Bundesgesundheitsamt über die ersten Fälle im Bundesgebiet berichtet. Aufgrund der außergewöhnlich langen Inkubationszeit sei mit einer deutlichen Zunahme zu rechnen.9 Die Behörden blieben jedoch – aus heutiger Sicht – erstaunlich untätig, und das bis 1985. Das Gesundheitssystem war allein auf kurativmedizinische Versorgungsformen eingerichtet und von medizinischer Verbandspolitik geprägt. Dominiert von Medizinern der Kriegs- und Nachkriegsgeneration, war es weitgehend reformresistent – und nun mit einer Erkrankung konfrontiert, für die es weder Therapieformen noch Impfstoffe anzubieten hatte.10
Mit der Titelgeschichte »Tödliche Seuche Aids« rückte der Spiegel die Krankheit Anfang Juni 1983 in das öffentliche Bewusstsein der Bundesrepublik.
Zwar erklärt die Bundesregierung 1983 Aids in einer Pressemitteilung erstmals zu einem nationalen Problem, und Bundesgesundheitsminister Heiner Geißler verkündet im Mai diesen Jahres, die Krankheit bekämpfen zu wollen – aber wie und womit?11 Die Ärzte sind ratlos. Der Spiegel zitiert Meinrad Koch: »Darüber, wie sich die Seuche entwickeln wird, weiß ich nichts. Noch sind viele wissenschaftliche Mitteilungen über Aids nur soft evidence.«12
Wer keine Ursache benennen kann, hat auch meist keine Idee, wie eine kausale Therapie aussehen könnte. Man weiß mittlerweile, dass die Gefahr nicht von Poppers ausgeht, und einige Wissenschaftler sind bald überzeugt, dass der Auslöser ein Virus ist, nachgewiesen werden aber konnte es noch nicht. Nachdem Fachzeitschriften über Fälle von Aids in Haiti und Zentralafrika berichtet haben – auch in New York sind Erkrankte, die aus Haiti stammen, überrepräsentiert –, verbreitet sich der Verdacht, dass es sich um eine Krankheit »der Fremden« handelt, und es kursieren entsprechende Gerüchte: Sind geheime Voodoo-Blutrituale die Quelle allen Übels?13
Schon 1983 lädt das Bundesgesundheitsministerium eine Task Force aus San Francisco ein, um sich aus erster Hand unterrichten zu lassen.14 Früh wird verantwortlichen Politikern klar, dass das Bundesseuchengesetz, das in weiten Teilen noch aus der Kaiserzeit stammt, in dieser Situation womöglich nichts taugt: Reihenuntersuchungen, Melde- und Mitteilungspflicht, Verordnungen für Risikoorte, Isolierung, Quarantäne und Haft, um die Infektionskette zu unterbrechen – solche Maßnahmen mochten geeignet sein, mit der Spanischen Grippe fertig zu werden, die zwischen 1918 und 1920 weltweit Millionen Todesopfer gefordert hatte. Aber lässt sich damit eine Infektionskrankheit eindämmen, deren Übertragungswege und Inkubationszeiten niemand kennt?15
Dennoch gibt es zunächst keine klare Linie oder Haltung bei den Verantwortlichen, das Bundesgesundheitsministerium verfolgt eine Art Zickzackkurs: Im Oktober 1983 kommt eine Tagung medizinischer Fachleute zu dem Schluss, es seien »keine außergewöhnlichen Maßnahmen notwendig«, da sich die Epidemie lediglich auf bestimmte Gruppen beschränke. In einer Pressemitteilung vom November 1984 heißt es dann, das Bundesgesundheitsministerium erarbeite ein strenges neues »Gesetz über sexuell übertragbare Krankheiten«, das unter anderem vorsehe: medizinische Zwangsuntersuchungen potenziell Infizierter, Ordnungsvorschriften für Infizierte, ein Verbot von Blutspenden, Kontaktverfolgung, anonyme Meldung und sogar die namentliche Meldung jener Personen, die sich einer medizinischen Behandlung widersetzen. Rückblickend lässt sich schwer entscheiden, ob dieser Vorstoß des Ministeriums als Provokation gedacht war, um Forderungen nach einer gemäßigten Strategie hervorzurufen – oder ob die Ministerialbeamten lediglich einen Plan in der Hinterhand haben wollten für den Fall, dass ihr pragmatisches Vorgehen gegen Aids abgelehnt werden sollte.16
Im Sommer 1983 ist das Thema »Aids« erstmals im Bundestag zur Sprache gekommen. Auf die Frage der SPD, was die Bundesregierung zu tun gedenke, um die drohende »Epidemie« einzudämmen und einer möglichen Diskriminierung der Betroffenen entgegenzuwirken, skizziert die Parlamentarische Staatssekretärin Irmgard Karwatzki zunächst die bereits ergriffenen Maßnahmen: Suche nach Krankheitserreger, Prävention durch Information, Unterstützung homosexueller Selbsthilfeorganisationen, die als Multiplikatoren dienen und in der Schwulenszene Aufklärung leisten sollen. Schon früh zeigt sich hier eine liberale, moderne Haltung, die Betroffenen mit einzubeziehen. Im zweiten Teil ihrer Antwort macht Karwatzki allerdings deutlich, dass die Entwicklung auch eine andere Richtung nehmen könnte: »§ 7 des Bundesseuchengesetzes gibt der Bundesregierung die Möglichkeit, die Meldepflicht übertragbarer Krankheiten auszudehnen, soweit die epidemiologische Lage dies erfordert.«17 Bei aller Liberalität schwebt also das 1961 erlassene Bundesseuchengesetz »wie ein Damoklesschwert über den Aids-Debatten«.18
Aids breitet sich offenkundig nicht so schnell aus wie Cholera, Typhus oder eben die Spanische Grippe – und betrifft vor allem gesellschaftliche Randgruppen, über die man wenig weiß. Epidemiologen vermuten zunächst nur, dass die Homosexuellen aufgrund ihres Sexualverhaltens, etwa des rezeptiven Analverkehrs, besonders anfällig für die Krankheit sind. Die mit dem Thema befassten, meist heterosexuellen Wissenschaftler, Politiker und Journalisten können zunächst kaum glauben, was sie von den Betroffenen zu hören bekommen: Bis zu tausend Sexualpartner geben einige schwule Männer an in einem Jahr gehabt zu haben. Zahlen und Untersuchungen, die solche Angaben in einen Kontext stellen oder relativieren könnten, fehlen allerdings. In den USA muss man sich auf die Jahrzehnte alten Umfragen des Zoologen Alfred Kinsey stützen, deren Ergebnisse er 1948 in Sexual Behavior in the Human Male veröffentlichte, in Deutschland gibt es die Arbeiten des Frankfurter Instituts für Sexualforschung, insbesondere die 1974 erschienene Studie Der gewöhnliche Homosexuelle von Martin Dannecker und Reimut Reiche.19
Erst später werden vermehrt Studien zur Homosexualität erstellt, die konkret Aufschluss über das Sexualverhalten schwuler Männer geben. So die ab 1987 von der Deutschen AIDS-Hilfe in Auftrag gegebenen Umfragen des Berliner Soziologen Michael Bochow. Aus der ersten Studie geht unter anderem hervor, dass (genau wie in den frühen siebziger Jahren) rund 78 Prozent der Befragten zumindest gelegentlich Analverkehr hatten. Im Gegensatz zur bis dahin verbreiteten Forschungsmeinung, die eine hohe Promiskuität, anonyme Sexualkontakte und eine reichhaltige, variierende Anzahl an Sexualpraktiken als Merkmal schwuler Lebensstile ausgemacht hatte, zeichnete Bochows Studie ein stark differenziertes Bild: 81 Prozent der Befragten gaben an, ihre Sexualgewohnheiten im Zuge von Aids geändert zu haben.20
Im Jahr 1983 allerdings ist das Wissen über das Sexualverhalten homosexueller Männer so bescheiden, dass sich die Akteure genötigt sehen, sich auch auf das zu verlassen, was sie zu wissen glauben. Ärzte in New York entwerfen ein Flugblatt mit der Botschaft: »Beschränke die Zahl der verschiedenen Männer, mit denen du Sex hast. Meide vor allem Männer, die selber viele Partner haben.«21 Es ist ein Aufruf zur Selbsthilfe und ein Ausdruck von Ohnmacht – in den USA sterben die schwulen Männer, und wer »verdächtige« Symptome zeigt, dem kann es passieren, dass er aus einem Lokal geworfen wird. Die Angst ist oft stärker als die Solidarität. Manche glauben, sich vor der Erkrankung schützen zu können, indem sie sich von bestimmten Personengruppen fernhalten: In der New Yorker Szene misstraut man den Haitianern, in deutschen Großstadtszenen wähnt man sich sicher, wenn man Sex mit Amerikanern meidet.22
Auch in der Bundesrepublik gewinnt im Frühjahr 1983 die Selbsthilfe der Betroffenen an Bedeutung. Der Verein »Schwule Ärzte und Therapeuten« gibt ein Flugblatt heraus, das darüber aufklärt, dass man sich nicht mit einem Händedruck infizieren kann. Die Berliner Schwulenberatung veranstaltet Anfang Mai einen Informationsabend, zu dem mehr als fünfhundert Männer kommen. Groß ist das Misstrauen gegenüber den Ratschlägen und Anordnungen der Mediziner und Beamten, die zwar offenkundig keine Ahnung haben, wie man des Problems Herr werden könnte, aber glauben, sie könnten weiter über die Belange der Homosexuellen richten. Die Promiskuität sollte also schuld sein? Keuschheit und Treue wieder Einzug halten?
Es war noch nicht lange her, dass der auch in der Bundesrepublik in der Nazi-Fassung weiter bestehende »Schwulenparagraf« 175 des Strafgesetzbuches entschärft worden war: Erst 1969 war Homosexualität im Rahmen der Großen Koalition unter Kurt Georg Kiesinger entkriminalisiert worden, nachdem über 50000 Bürger verurteilt worden waren – das waren mehr homosexuelle Opfer der Justiz als während des Nationalsozialismus. Und noch immer lag das Schutzalter für junge Männer (achtzehn Jahre) höher als für Mädchen (vierzehn Jahre).23
Die Liberalisierung ermöglichte schließlich die Produktion des Films Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt im Auftrag des Westdeutschen Rundfunks. Regie führte Rosa von Praunheim, am Drehbuch hatte Martin Dannecker mitgewirkt. Der Film wurde im Juli 1971 auf der Berlinale präsentiert und anschließend in Kinos auch außerhalb Berlins gezeigt. Schon bei den ersten Aufführungen kam es zu spontanen Diskussionen, daraus gingen die ersten Homosexuelleninitiativen hervor, etwa die Homosexuelle Aktion Westberlin (HAW), die Rote Zelle Schwul (RotZSchwul) in Frankfurt am Main und die Gay Liberation Front (GLF) in Köln. Im Fernsehen ausgestrahlt wurde der Film erstmals im Januar 1972, zu später Stunde, im dritten Programm des WDR. Erst ein Jahr später zeigte die ARD ihn bundesweit, der Bayerische Rundfunk allerdings klinkte sich aus der Übertragung aus. Der Film beschäftigte die Nation, bereits die häufige Nennung des Begriffs »schwul« war für viele Zuschauer eine Zumutung, doch er richtete sich vor allem an die Homosexuellen selbst – und zwar mit harscher Kritik: Die Schwulen, so der Tenor, seien spießig und angepasst, ängstlich und schon dankbar dafür, dass sie nicht totgeschlagen würden. »Raus aus den Toiletten, rein in die Straßen!«, lautete die Botschaft des Films, eine schiefe Übersetzung der amerikanischen Formel »coming out of the closet«, die aber im Kontext der seinerzeit weitverbreiteten, klandestinen Klappenkultur (Sex auf öffentlichen Toiletten) trotzdem verstanden wurde.24
Diese Botschaft fiel auf fruchtbaren Boden. Die moderne Schwulenbewegung der siebziger Jahre nahm Fahrt auf. 1972 kam es zur ersten Schwulendemo in Münster, und überall im Land gründeten sich weitere Schwulengruppen, 1973 waren es bereits fünfunddreißig, ein Jahr später fünfundvierzig.25 Diese Phase der Schwulenbewegung gilt als studentisch geprägt und war eingebettet in die philosophischen und ideologischen Strömungen der Zeit der außerparlamentarischen Opposition. Die Aktivisten der ersten Stunde träumten davon, eine schwule Gegenkultur zu errichten und die Welt zu verändern. Sie »kämpften gegen den Kapitalismus und für ein warmes Plätzchen nach der sozialistischen Revolution«.26
Die nächste, Post-Apo-Generation der Schwulenbewegung war bereits in großen Teilen pragmatischer und hatte realpolitische Ziele vor Augen – wiederum dem Zeitgeist entsprechend: Nach dem Deutschen Herbst waren viele Linke bereit, sich sowohl vom Politikverständnis der K-Gruppen und der DDR als auch von der Gewalt der RAF abzuwenden und sich auf die praktische, eben alternative Gestaltung der Gesellschaft zu konzentrieren. »Kulturfabriken« und alternative Veranstaltungsorte entstanden, aus der Idee, eine alternative Tageszeitung zu etablieren, ging die taz hervor.
Berlin, Juni 1986.
In dieser Phase der Schwulenbewegung entstanden die ersten Gay Prides, Demonstrationen von Schwulen und Lesben, die später Christopher Street Day (CSD) hießen, benannt nach der New Yorker Christopher Street, in der sich 1969 der Stonewall-Aufstand zugetragen hatte. Im Juli des Jahres 1979 fand der Homolulu-Kongress in Frankfurt am Main statt, das erste internationale Homosexuellentreffen, das zum Zündfunken für die Gründung vieler schwuler Initiativen in Westdeutschland wurde, etwa des Begegnungs- und Tagungshauses Waldschlösschen oder des Berliner Kommunikations- und Beratungszentrums homosexueller Frauen und Männer, um nur zwei Beispiele zu nennen. Die Schwulen wurden aktiv und waren nicht mehr bereit, als real existierender »Nebenwiderspruch« auf bessere Zeiten zu warten. Nach der Revolution des Proletariats, so das halbgare Versprechen der linken Heteros, sollte es dann auch die Gleichberechtigung für Homosexuelle geben.
Zum Abschluss des Kongresses wurde ein gemeinsam erstellter Forderungskatalog verlesen: gleiche Rechte für Homo- wie für Heterosexuelle, insbesondere im Erb- und Steuerrecht, staatliche Unterstützung für eigenständige Institutionen der Schwulen, ein Sitz im Rundfunkrat, schwule Selbstdarstellung im Sexualkundeunterricht, gesetzlicher Schutz vor Diskriminierung, Wiedergutmachung für schwule KZ-Opfer und ersatzlose Streichung des Paragrafen 175. Mithin fast die komplette politische Agenda der Homosexuellen für die nächsten vierzig Jahre.27
Einige Schwule und Lesben engagierten sich in der alternativen Bewegung, die zur Gründung der Grünen führte, andere suchten die Nähe der etablierten Parteien. Der Arbeitskreis Lesben und Schwule in der SPD (Schwusos) wurde im Mai 1980 gegründet, kurz darauf der Arbeitskreis lesbischer und schwuler Liberaler (SchwuLis).28
Im Sommer des Jahres 1980 kam es dann zu einem Treffen der sich wandelnden Schwulenbewegung in der Bonner Beethovenhalle. Erstmals waren auch Vertreter der etablierten Parteien geladen – für die FDP nahm sogar ihr damaliger Generalsekretär Günter Verheugen teil, nur die CSU blieb der Veranstaltung fern. Auf dieser Veranstaltung jedoch eskalierte der Konflikt, der die Bewegung schon während der ganzen siebziger Jahre geprägt hatte, der Streit zwischen »Integrationisten« und »Revolutionären«, den man am ehesten vergleichen kann mit jenem zwischen »Fundis« und »Realos« bei den späteren Grünen.29
Die einen verstanden Homosexualität als revolutionären Lebensentwurf, der geeignet war, die Gesellschaft (notfalls mit Waffengewalt) zu verändern, die anderen wollten schlicht in die Mitte genau jener Gesellschaft. In der Beethovenhalle setzten sich die »Fundis« durch – wenn auch »nur für einen Tag«, wie der Zeitzeuge Elmar Kraushaar konstatierte. Die Initiative Homosexualität Bielefeld (IHB) hatte bereits im Vorfeld der Tagung Widerstand organisiert (»Die Veranstalter der Podiumsdiskussion glauben die Lage der Schwulen zu verbessern, indem sie versuchen Einfluß zu nehmen auf die gesetzgebende Gewalt im Staat«, hieß es auf einem Flugblatt), nun entlud sich der Konflikt während der Podiumsdiskussion »Parteien auf dem Prüfstand – wen können wir Homosexuellen wählen?« in Form eines massiven Pfeifkonzerts, auch Stinkbomben wurden geworfen. Ein Gespräch war so nicht mehr möglich, die Politiker verließen entnervt die Bühne.30 Doch der lange Marsch in die Institutionen hatte begonnen. Für viele aus der Bewegung wurden die Ereignisse zu einem Trauma, die Verletzungen und Enttäuschungen über den Abschied von Utopien und Visionen waren groß und wirken nach bis zum heutigen Tag. Zu Beginn der Achtziger war die Bewegung gelähmt und geschwächt. »Die Luft war raus«, konstatierte Michael Bochow im Jahr 2000.31 Genau in diese Phase der Ermüdung fielen die ersten Fälle von Aids.
Im Berlin des Jahres 1983 hoffen die schwulen Männer zunächst noch darauf, dass der Atlantik breit genug ist. Wer doch krank wird und eines jener verdächtigen Symptome zeigt, von denen man mit Schrecken gehört hat, meldet sich in der Landesimpfanstalt mit tropenmedizinischer Beratungsstelle32 und lässt sich registrieren. Anonym, mit einer Nummer – und es werden immer mehr Nummern.
In der Landesimpfanstalt arbeitet damals Sabine Lange als Krankenschwester. Zu ihren Klienten gehören viele schwule Männer, die von Fernreisen mit zum Teil sexuell übertragbaren Krankheiten zurück nach Berlin kommen. Ihr Vorgesetzter, Professor Dr. Ulrich Bienzle, hat daher 1982 mit Untersuchungen schwuler Männer auf Darmparasiten begonnen, das Institut bietet auch Impfungen gegen Hepatitis B an. Sabine Lange ist in diese Vorgänge involviert, und als immer mehr Patienten – insbesondere »Ledermänner«, die in die USA gereist sind – von einer »Schwulenpest« berichten, geht sie als Ansprechpartnerin mit in Schwulenkneipen.
Im Sommer 1983 versammelt sich eine Gruppe schwuler Männer um sie, die sich einig sind, dass etwas geschehen muss – auch wenn sie noch nicht wissen, was genau. Offensichtlich ist nur, dass zu diesem Zeitpunkt eine Bedrohung im Anmarsch ist, der bislang niemand etwas entgegenzusetzen hat. Im September des Jahres wird schließlich die Deutsche AIDS-Hilfe (DAH) gegründet, als eingetragener Verein mit dem Ziel der »Förderung des öffentlichen Gesundheitswesens und des Wohlfahrtswesens«. Schon bei Gründung ist die DAH als Dachverband vorgesehen, obwohl es noch gar keine Basisgruppen gibt. Erstaunlich findet im Nachhinein nicht nur Raimund Geene, der die Aids-Politik in der Bundesrepublik untersucht hat, dass hier die »Struktur dem Problem voranging«. Das explizite Ziel der Betreuung von Aids-Kranken ist »mangels konkreter Fälle zunächst mehr Anspruch als Praxis«.33
Michael Bochow zufolge entstammten die Gründungsmitglieder weniger der studentisch-linken Schwulenbewegung, sondern »der hedonistisch orientierten Mittelschicht und sind vielleicht am besten durch die Bezeichnung ›young urban professionals‹ zu charakterisieren«; entsprechend wurden sie »von den politischen Aktivisten eher scheel angesehen«.34 Aids, so die schwulenbewegte Sichtweise, diene konservativen Politikern zur schwulenfeindlichen Meinungsmache. Das Misstrauen gegenüber den Institutionen war groß, auch die Aids-Hilfen interpretierten die Krankheit zunächst als Vorwand, um die Unterdrückung der Homosexualität zu legitimieren. Raimund Geene liegt wohl nicht falsch, wenn er insgesamt von einem »Mythos« des Konstituierungsprozesses der Aids-Hilfen spricht, der bis heute entlang der politischen Polarisierung der Bewegung debattiert wird – und schon damals von heftigen Streitereien begleitet war.35
Für die Aktivisten der ersten Stunde gab es jedoch bereits zu Beginn auch ganz konkrete Gründe, sich zu engagieren. Die wenigen Patienten waren einer diskriminierenden Behandlung ausgesetzt, zum Teil wurden sie regelrecht als Versuchskaninchen benutzt. So kam es bereits im Jahr 1983 zu einem Akt zivilen Widerstands, einer »Act-Up-Aktion ›avant la lettre‹« (Michael Bochow): Ein Aids-Patient, der in einem Berliner Universitätsklinikum im Sterben lag, sollte aus Gründen wissenschaftlicher Neugierde hirnoperiert werden – Aids-Aktivisten blockierten die Tür zum OP.36
