0,00 €
Wenn der Nebel bleibt, wird jedes Geräusch zu laut – und jede Stille zu verdächtig. In diesem Band versammelt Olaf Regge vier mystische, bildhafte Erzählungen, die dorthin führen, wo die Welt einen feinen Riss bekommt: nach Haßlingen, in ein abgelegenes Dorf im Harz, hinauf in die Alpen – und hinaus auf eine Hallig, wo Wind und Wasser jedes Versprechen prüfen. Da ist der alte Schreiner Riemenschneider, der in der Silvesternacht Engel schnitzt, während draußen das Feuerwerk tobt – und eine Katze auftaucht, als hätte sie einen Auftrag. Da ist Nebelgrat, wo ein Bergdorf auf einen Moment wartet, den niemand messen kann. Da ist Hallig Norderoog, wo Sturm und Feuer gleichzeitig kommen – und eine Katze zur letzten Warnung wird. Und da ist Brannstein, ein Ort, den man nicht „findet“, sondern der einen auswählt – und in dessen Boden etwas schläft, das nicht geweckt werden will. Diese Geschichten sind Kurzgeschichten und Legenden: leise, spannend, manchmal warm, manchmal unheimlich – immer atmosphärisch. Sie erzählen von Wächtern auf vier Pfoten, von Orten, die Erinnerungen speichern, und von Menschen, die merken: Nicht alles, was im Nebel verschwindet, ist wirklich weg. Für Leserinnen und Leser, die Mystery, Grusel ohne Splatter, dunkle Stimmung, Legenden – und Katzen mit einem Geheimnis lieben.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2026
Olaf Regge
Copyright © 2026 Olaf Regge
Alle Rechte vorbehalten.
Coverbild mit Dall-E erstellt.
Dieses Buch ist den Nächten gewidmet, in denen der Nebel nicht vor den Fenstern, sondern in mir stand. Den Stunden, die zu lange dauerten, bis eine einzige Zeigerbewegung reichte, um aus Schweigen wieder Sätze zu machen.
Inhalt
Die Stille von Brannstein 5
Silvester mit Engeln 7
Die Katze von Nebelgrat 11
Die Katze von Hallig Norderoog 13
Ein Leben mit Geschichten – und mit echten Menschen 16
Münsterland: Ankommen, durchatmen, schreiben 17
Zwischen Alltag, See und dem Gefühl, dass etwas passieren könnte 17
Schreiben, das Bilder macht 17
Unabhängig – aus Überzeugung 18
Community: Schreiben ist für Olaf kein Einzelkampf 18
Ein Autor, der die Welt nicht zu ernst nimmt – aber das Leben sehr wohl 19
Persönlich – ohne Maske 19
Mehr erfahren 19
Impressum 21
Die Stille von Brannstein
Brannstein war kein Dorf, das man durch Zufall fand. Es lag tief im Harz, dort, wo die Bäume dichter standen als Gedanken, und wo die Wege sich selbst vergaßen. Die wenigen Häuser waren aus dunklem Fachwerk, die Dächer mit Schiefer gedeckt, und die Fenster schauten nicht hinaus, sondern hinein. Die Bewohner sprachen wenig. Nicht aus Unhöflichkeit, sondern aus Vorsicht. Denn in Brannstein wusste man: Worte wecken Dinge, die besser schlafen.
Die Geschichte beginnt im November, als der Nebel nicht mehr ging und die Sonne nur noch eine Erinnerung war. Die Wälder um Brannstein waren still. Nicht leer – still. Kein Vogel, kein Wind, kein Tropfen. Nur das leise Knacken der Äste, als würden sie sich gegenseitig warnen.
In dieser Zeit kam Jorin. Ein Historiker aus Leipzig, der sich auf alte Siedlungen spezialisiert hatte. Er hatte von Brannstein gehört – flüchtig, in einem vergilbten Brief aus dem Jahr 1893, in dem ein Förster schrieb: „Die Erde hier spricht. Aber nicht mit uns.“ Jorin war fasziniert. Er wollte herausfinden, was das bedeutete.
Jorin war nicht unvorbereitet. Er hatte mit seinem alten Kombi die Reise angetreten, vollgepackt mit Kisten, in denen er Bücher, Schreibutensilien und Lebensmittel verstaut hatte. Er vertraute den kleinen Läden solcher Orte nicht – und insgeheim wusste er, dass man Fremden dort ohnehin nicht gern verkaufte. Das Brot und Wasser, das er in solchen Läden bekam, war meistens mehr Pflichtgabe als Gastfreundschaft.
Doch wie gelang es ihm, im Pfarrhaus unterzukommen? Den Schlüssel bekam er durch einen Briefwechsel, den er Monate zuvor geführt hatte. Der Ortspfarrer war schon lange tot, und die Kirche hatte niemanden mehr geschickt. Aber ein entfernter Verwalter in Quedlinburg, der kaum noch an Brannstein dachte, hatte auf Jorins Anfrage geantwortet: „Wenn Sie es unbedingt wollen, Herr Doktor, Sie können das Pfarrhaus nutzen. Es steht seit Jahren leer. Es wird Ihnen nicht viel Komfort bieten.“ Mehr nicht. Kein Mietvertrag, kein Geld ist geflossen. Nur ein Schlüssel kam per Post, den der entfernte Verwandte sich in einem staubigen Amtszimmer abgeholt hatte. Ein Schlüssel, der nun in seiner Tasche lag, als er das Dorf betrat.
Die Dorfbewohner sahen ihn nicht direkt an, als er sein Auto vor dem Pfarrhaus parkte. Ein graues Gebäude, das schief stand wie ein alter Zahn. Die Fenster waren blind, die Türen verzogen. Aber er fühlte sich sofort dort hingezogen. Fremde Häuser hatten für ihn immer Stimmen, und dieses schien zu flüstern: „Du bist zu spät.“
Sie gaben ihm natürlich kein Brot und Salz zur Begrüßung – aber auch keine Geschichten auf die er gehofft hatte. Nur eine Warnung: „Bleiben Sie bei Nacht im Haus. Und wenn Sie etwas hören – antworten Sie nicht.“
