Die Kinder vom Heckerhof - Klaus Hördemann - E-Book

Die Kinder vom Heckerhof E-Book

Klaus Hördemann

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Beschreibung

Eine Kindheit ohne Smartphone und Fernseher? Undenkbar – sollte man vermuten. Die Erinnerungen des Autors belegen das Gegenteil. Jeder Tag Action pur – auch ohne Spielkonsole. Aufgewachsen auf einem Gutshof bei Eitorf, erlebte er einerseits die täglichen Herausforderungen des Landlebens in den 1950er-Jahren, genoss andererseits alle Freiheiten einer unbeschwerten Jugend. Im vorliegenden Buch berichtet er aus der Perspektive des damals zehnjährigen Jungen episodisch von seinen Erlebnissen, von tierischen und menschlichen Notfällen, vom schwierigen Miteinander der Geschlechter, von so manchen Streichen. Eine authentisch erzählte, autobiografische Reise in die Vergangenheit. Ort der Ereignisse ist das Gelände des heutigen Hotel & Golfresorts an der Sieg – Gut Heckenhof.

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Seitenzahl: 124

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Für Tanja, Caroline und Alexander

Ich träum’ als Kind mich zurücke

Und schüttle mein greises Haupt,

Wie sucht ihr mich heim, ihr Bilder,

Die lang ich vergessen geglaubt?

Hoch ragt aus schatt’gen Gehegen

Ein schimmerndes Schloß hervor,

Ich kenne die Thürme, die Zinnen,

Die steinerne Brücke, das Thor.

Es schauen vom Wappenschilde

Die Löwen so traulich mich an,

Ich grüße die alten Bekannten

Und eile den Burghof hinan.

Dort liegt die Sphinx am Brunnen,

Dort grünt der Feigenbaum,

Dort hinter diesen Fenstern

Verträumt’ ich den ersten Traum.

Ich tret’ in die Burgkapelle

Und suche des Ahnherrn Grab,

Dort ist’s, dort hängt vom Pfeiler

Das alte Gewaffen herab.

Noch lesen umflort die Augen

Die Züge der Inschrift nicht,

Wie hell durch die bunten Scheiben

Das Licht darüber auch bricht.

So stehst du, o Schloß meiner Väter,

Mir treu und fest in dem Sinn,

Und bist von der Erde verschwunden,

Der Pflug geht über dich hin.

Sei fruchtbar, o teurer Boden,

Ich segne dich mild und gerührt,

Und segne ihn zwiefach, wer immer

Den Pflug nun über dich führt.

Ich aber will auf mich raffen,

Mein Saitenspiel in der Hand,

Die Weiten der Erde durchschweifen

Und singen von Land zu Land.

„Das Schloß Boncourt“

Adelbert von Chamisso

Inhalt

Vorwort

Prolog

Unterwegs

Tante Lina

Am Ziel

Der Hund aller Hunde

Doris

Onkel Elmar

Die Hofgemeinschaft

Rauchen und die Folgen

Schnee auf den Alpen

Die 23

Roggenernte

Im Heckerbusch

Gewitter

Von Hannibal und anderen Schweinen

Der Tag des Herrn

Ungebetene Gäste

Kartoffelferien

Nachwort

Anhang

Die Erinnerung ist das einzige Paradies, woraus wir nicht vertrieben werden können.

Jean Paul

Vorwort

Beim Schreiben kehrten sie zurück, die Erinnerungen an eine schöne, unvergessliche Zeit.

Traumatische Ereignisse hatten mich dazu angetrieben, gedanklich in die Traumwelt meiner Kindheit abzutauchen, Bilder und Begebenheiten wieder aufleben zu lassen, die für mich damals bedeutsam waren, und so die bedrückende Gegenwart für eine Zeitlang auszublenden.

Es erscheint mir heute so, als habe an jedem jener Tage die Sonne geschienen, obwohl es sicher auch solche mit grauem Himmel und Dauerregen gab.

Das Gedächtnis meint es gut mit uns, verleiht es doch beglückenden Erlebnissen einen Heiligenschein und umhüllt die Schicksalsschläge des Lebens mit dem Mantel des Vergessens.

Ich lebte in einer heilen Welt, in einer Zeit, die viele Alterskameraden in ganz anderer, oft schlimmer Erinnerung haben mögen.

Das Paradies ist dahin, doch die Erinnerungen haben sich eingegraben; eine Mischung aus Geschmack, Geruch, Geräuschen, Gesichtern und Erlebnissen: der Duft des reifen Korns, das Aroma einer Pappelrinde, das Konzert der Heerscharen von Spatzen in den alten Linden vor dem Kuhstall, die Lieder, die die Cousinen sangen, der Widerhall der Pferdehufe bei ihrem Galopp durch die gepflasterte Hohlgasse zur Koppel.

All diese Erfahrungen der Sinne sind in mein Bewusstsein und tiefer eingesickert, haben dort Wurzeln geschlagen und eine Sammlung wahrer Geschichten von einer Reise in die Geschichte meiner Kindheit hervorgebracht. Beispielhaft für meine Zeit auf dem Heckerhof schildere ich Episoden während der Ferien im Jahr 1953 aus der Sicht eines damals Neunjährigen.

Man schrieb den Anfang der fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts.

Das Kriegsende lag noch nicht lange zurück. Der Krieg hatte seine Spuren hinterlassen und seine Folgen waren überall sicht- und spürbar – so sagten und klagten die Erwachsenen.

Kinder sehen und erleben die Welt so, wie sie ist. Sie können und brauchen nicht zu vergleichen. Für sie gibt es kein Vorher und Nachher.

Ich erzähle von den Erlebnissen der Enkel des Franz Hördemann, ihrer Freunde und von mir, der im Krieg nur knapp dem Tod entrann, sowie meinen jüngeren Schwestern, die durch die Gnade der späteren Geburt bewahrt blieben vor derartigen Gefährdungen ihres Lebens und – wer kann es beurteilen – der unbewussten Beeinflussung ihrer seelischen Entwicklung durch schlimme Ereignisse.

Klaus Hördemann

Prolog

Die Frontlinie verlief zum Kriegsende nur wenige Kilometer westlich des Heckerhofes.

Sirenengeheul: Fliegeralarm!

Die Familie suchte Zuflucht und Schutz in den Kellergewölben der Gastwirtschaft von Tante Lina. Die Mauern erzitterten beim Einschlag der Bomben. Von den Wänden rieselte der Kalk. Auf den Holzregalen klirrten Flaschen und Gläser mit Eingemachtem.

Zusammengekauert und eng aneinandergerückt hielt man sich schützend die verschränkten Arme über den Kopf.

Erneutes Sirenengeheul: Entwarnung.

Dann der Aufschrei meiner Mutter:

„Der Junge, der Junge!“

Da lag ich in meinem Körbchen, drei Monate alt, blutüberströmt.

„Beruhige dich, Hildegard, es ist nur das Tomatenmark.“

Tante Lina, wie stets die Ruhe in Person, behielt den Überblick.

Ein umgestürztes Einmachglas, offensichtlich unzureichend eingekocht, hatte seinen Inhalt über das Baby ergossen. Glücklicherweise blieben die unzähligen Flaschen mit Schnaps und Weinbrand unversehrt und sicherten so der Familie im Tausch gegen Essbares das Überleben in der Nachkriegszeit.

Diaspora statt Großdeutsches Reich, Leichlingen statt Ukraine.

In die kleine, beschauliche Stadt an der Wupper hatte es meinen Vater mit seiner Familie aus Eitorf verschlagen, nachdem die Rote Armee Hitlers Pläne durchkreuzt hatte, in denen dem Tierarzt Hördemann schon ein Distrikt im Westen der eroberten Ostgebiete zugewiesen worden war.

„Nein, so was, ihr Armen, da wohnen ja nur Evangelische!“

Besorgt und voll des Mitleids fürchtete Tante Lina um das Seelenheil der Familie.

Immerhin, es gab dort eine katholische Volksschule und eine Kirche mit Pastor.

Ich besuchte die dritte Klasse bei Fräulein Kaumanns, einer strengen wie liebevollen Erzieherin.

Nach Freigabe durch die englische Besatzung hatte die Familie ein Haus mit Garten in der Grünstraße bezogen. Neben der Eingangstür wies ein weißes Emaille-Schild mit schwarzen Buchstaben hilfesuchende Tiere und deren besorgten Besitzer auf den neuen Doktor hin:

Dr. med. vet. W. Hördemann

prakt. Tierarzt

Doch das ist eine Geschichte für sich ...

Unterwegs

Endlich Sommerferien!

Von nun an verschwendete ich keinen Gedanken mehr an Schule und Lehrer. Bis Ostern und zu den Zeugnissen würde mir noch alle Zeit der Welt bleiben, die Zensuren zu verbessern. Unbeschwert von Hausaufgaben und Ermahnungen der Eltern konnte ich mich jetzt auf das Wesentliche konzentrieren. Ich hatte nur noch eines im Sinn, unser Urlaubsziel: Eitorf, der Heckerhof! Mich erwarteten herrliche Zeiten.

Die Koffer wurden verstaut. Bei einem Auto mit beschränktem Kofferraum voller tierärztlicher Instrumente ein schwieriges Unterfangen, blieb doch für das Urlaubsgepäck nur der Fußraum vor dem Beifahrersitz.

Mutti wehrte zuhause mögliche Einbrecher ab, bediente das Telefon und vertröstete Bauern in Not. Auch ein Tierarzt, sonst ständig in Bereitschaft, brauchte mal eine Auszeit.

„Hoffentlich springt der Käfer an!“, hatte ich so meine Bedenken.

Der graue VW war in die Jahre gekommen und streikte hin und wieder. Nach drei vergeblichen Startversuchen gehorchte der Motor, offensichtlich beeindruckt von den Flüchen meines Vaters. Welch befreiendes Gefühl Leichlingen hinter sich zu lassen! Keine Spur von Abschiedsschmerz, nicht das sonst übliche Gerangel um die besten Sitzplätze! Selbst meine Schwester Gabi blieb ungewohnt friedlich

Mein Vater wie immer wortlos, Zigarette in der linken, Steuer in der rechten Hand. Im Auto diese unverwechselbare Geruchsmischung aus Veterinärmedizin und Zigarettenqualm. Mir hinlänglich vertraut und daher keinesfalls unangenehm. Keine der sonst bei Familienausflügen üblichen Vorhaltungen von Mutti: „Willi, rauch nicht so viel, denk doch an die Kinder!“ Sie hatte dabei wohl eher als unsere Gesundheit die unzähligen Brandlöcher in ihren Röcken und Vatis Hosen im Sinn. Unwillig hatte Vater nach ihren Ermahnungen wortlos die Fensterscheibe heruntergekurbelt und wir hatten von beidem etwas: Zugluft und Zigarettenrauch.

Bei Hennef endete die Autobahn. Die vertraute Landstraße entlang der Sieg in Richtung Eitorf erweckte in mir Vorfreude auf die bevorstehende Ferienzeit. Zarte Nebelschleier über den Flussauen lösten sich langsam auf und machten am Himmel der Sonne Platz. Nur selten begegnete uns ein Auto. Zur Rechten schlängelte sich die Straße an steilen Felswänden entlang, links glitzerte das Wasser der Sieg im Morgenlicht.

Meine kleine Schwester Ulrike, „Fröschlein“, wie sie Vati nannte, saß in der Mitte der Rückbank. Gabi und ich legten uns, der Fliehkraft nachgebend, mal nach links, mal nach rechts, um zu verhindern, dass das Auto aus der Kurve getragen würde und weil es einfach Spaß machte. Riklein ärgerte es, als Puffer zwischen ihren Geschwistern hin und her geschubst zu werden.

„Papi, ich will nicht in der Mitte sitzen, die Kinder zanken mich!“, protestierte sie.

Diesmal konnte sie ihren Willen bei Vati nicht durchsetzen.

„Du bist die Kleinste und du bleibst, wo du bist! Sonst kann ich im Rückspiegel nichts sehen. Und jetzt Ruhe auf den hinteren Plätzen! Basta!“

Dreieckig, weiß mit rotem Rand, warnte ein Schild am Straßenrand die Autofahrer: „Steinschlaggefahr“.

Ich döste vor mich hin und malte mir in Gedanken aus, wie riesige Felsbrocken auf das Dach des Autos herunterprasselten, als ich den Stoß eines Ellenbogens in die Seite verspürte.

„Mach dich nicht so dick!“

Aha, Gabi war wach geworden.

„Vati, da vor uns! Pass auf!“

Meine Warnung kam zu spät! Der Wagen bremste mit quietschenden Rädern. Vater riss die Tür auf. Vor dem Auto lag ein kleiner Junge auf dem Boden und weinte.

„Ist dir was passiert?“

Vati hob den Kleinen auf.

„Nein. Aber mein Fahrrad!“, schluchzte Theo.

„Das kann man reparieren“, tröstete ihn Vati.

Er nahm Theo bei der Hand und verschwand mit ihm in der Hofeinfahrt.

„Ihr wartet im Auto!“, rief uns Vati zu.

Vater traf keine Schuld. Der kleine Theo hatte die Straße überquert, ohne auf den Verkehr zu achten

Nach einer Weile sah ich sie zurückkommen: Theo mit seinen Eltern und Vati, offensichtlich erleichtert, dass nichts Schlimmeres passiert war.

Er inspizierte den Schaden.

„Nur eine Beule im Blech. Das Auto ist ein Gebrauchsgegenstand!“

Damit war die Angelegenheit für ihn erledigt. Behoben wurde der Schaden nie und der eingedrückte Kotflügel erinnerte noch lange Zeit an diesen Ferienbeginn.

Am Straßenrand tauchte ein gelbes Ortsschild mit der Aufschrift „Stadt Blankenberg“ auf. Ich wusste aus Erfahrung, dass die Fahrt bis nach Eitorf nicht mehr lange dauern würde. Es war jedoch noch ein weiter Weg auf des Schusters Rappen …

Der kleine Ort mit Stadtrechten rechts am Weg war für unseren Vater in seiner Sturm- und Drangzeit von fundamentaler Bedeutung, was er uns jedoch wohlwissentlich verschwieg.

Gebeugt von schwerer Sündenlast und der Furcht vor dem ewigen Gericht pilgerten er und seine Alterskameraden regelmäßig zur dortigen kleinen Kirche, um im Beichtstuhl die Absolution von schweren Sünden zu erlangen. Das Beichtgeheimnis ist zwar heilig und der Beichtvater der Schweigepflicht unterworfen, doch sich dem Ortspfarrer anzuvertrauen, war undenkbar! Schließlich kannte der seine Lämmer alle persönlich.

„Deinde ego te absolvo a peccatis tuis“, gab der Pfarrer ihnen den Segen Gottes.

Der lange Fußmarsch von acht Kilometern zur Kirche im Nachbardorf war der Mühe wert gewesen. Man fühlte sich erleichtert und hatte Platz geschaffen in der Seele für neue Missetaten – ob die Sünder wohl bedacht hatten, dass zu einer vor Gott gültigen Beichte die Reue gehörte?

„Dort habe ich früher mal gearbeitet.“

Vati zeigte auf die Kammgarnfabrik „Schoeller“ links der Straße.

„Gibt es denn da Tiere?“

Auf eine derart einfältige Frage erhielt Gabi keine Antwort.

Erst später erfuhr ich, was es mit dieser Fabrik auf sich hatte.

„Du musst erst einmal lernen, was Arbeit bedeutet!“

Mit diesen Worten strich unser Opa Vater die monatlichen Wechsel zur Finanzierung des Studiums.

Weit weg von zuhause, Verbindungsfrohsinn: Wein, Weib und Gesang, fehlende Testate.

„So läuft das nicht, mein Sohn!“

Opa verhängte eine Studienpause und verordnete Zwangsarbeit in der Wollfabrik.

Geschadet hatte die Maßnahme unserem Vater nicht, bereitete ihn die Erfahrung körperlicher Arbeit doch auf den späteren Arbeitsdienst vor. Das wohlgemeinte pädagogische Ziel einer anhaltenden Läuterung verfehlte die Maßnahme jedoch.

Die meisten Studenten litten unter chronischem Geldmangel. München war auch schon zu jener Zeit bekannt als besonders teures Pflaster. Zudem galt es, so manchen Verpflichtungen nachzukommen und der knurrende Magen wollte ruhig gestellt werden.

Welcher Student hatte schon das Glück einer fürsorglichen Schwester wie Vati?

„Komm, Willi, mach kein Theater!“

Mit diesen Worten schob ihm Tante Marianne hin und wieder einen von ihrem Haushaltsgeld abgezwackten Zwanzigmarkschein in die Hosentasche. Wenn Onkel Heinz das gewusst hätte ...

Was unterscheidet das Tier vom Menschen? Die Sorge ums Geld!

Geldverdienen des Geldes wegen? Nicht bei Hördemanns!

Die Welt der Finanzen blieb unserem Vater zeitlebens fremd. Zahlungssäumige Bauern, tierärztliche Behandlungen ohne Rechnung – so konnte er keine Reichtümer anhäufen.

Nach Eitorf stieg die Straße Richtung Heckerhof in engen Kurven durch die Holle zur Josefshöhe an.

Wir ließen die Kirche hinter uns und ich freute mich schon auf die Sonntagsgottesdienste, in denen wir den Kirchenschweizer wieder zur Weißglut bringen würden.

„Papi, hup mal!“

Gabi hatte Frau Grüter entdeckt.

Vor ihrem kleinen Holzhäuschen rechts der Straße saß sie auf einer Holzbank in der Sonne, umgeben von Kübeln voller bunter Blumen, vornüber gebeugt auf ihren Stock gestützt – ein uraltes, verhutzeltes Weiblein. Opa schätzte sie sehr und stattete ihr regelmäßig nach seinen Geschäften in der Stadt einen Besuch ab.

Sie hatte uns nicht gesehen.

Als Frau Grüter starb, legte ihr Tochter Leni Gehstock und Wollsocken mit ins Grab.

„Man weiß nie, für was es gut ist. Mutter jammerte immer so über kalte Füße!“

Tante Lina

Zu Fuß über den „kleinen Weg“ entlang der Strommasten wäre es jetzt nur noch ein Katzensprung bis zum Gut gewesen. Auch wenn ich es kaum erwarten konnte, meine Freunde wiederzusehen – die Einkehr in der Gastwirtschaft von Tante Lina, fünfhundert Meter vor dem Ziel, war ein unumstößliches Ritual, von dem sich Vater nie abbringen ließ.

Es waren Nenntanten, die drei älteren Schwestern, die die Wirtschaft auf der Josefshöhe führten. Auch wenn wir nicht mit ihnen verwandt waren, entsprachen sie doch genauso meinem Ideal einer Tante: ältlich, nicht so mächtig wie Eltern, ohne deren erhobenen Zeigefinger, immer eine kleine Überraschung für Kinder bereithaltend.

Lina, Sophie und Lenchen. Ich wusste nicht viel über sie, nicht welches Schicksal sie zusammengeführt hatte. Tante Lina war nie verheiratet, Sophies Mann Hugo soll in Russland geblieben sein.

Sie hatten ihre Pflichten streng voneinander abgegrenzt: Sophie herrschte über Herd und Kochtöpfe und blieb für uns meistens unsichtbar. Lenchen trafen wir auf ihrem Weg zu den Stallungen hinter der Gastwirtschaft, wo Hühner, Kaninchen und das Schwein Ferdi auf ihr Fressen warteten. In meiner Wahrnehmung eine uralte Frau, vor der ich mich ein bisschen gruselte. Die grauen Haare streng nach hinten gekämmt, in immer dem gleichen, grauweiß gestreiften, mit unzähligen Flicken besetzten Arbeitskleid wendete sie uns nur kurz ihr Gesicht zu, ohne unseren Gruß zu erwidern.

Über alle und allem residierte sie: Tante Lina. Ihren geringen Gewinn aus dem Betrieb der Gastwirtschaft besserte sie als Schneiderin etwas auf.

Behutsam stieg sie aus der Nähstube kommend die Holztreppe hinunter und schloss die Tür zur Gaststube auf. Ihre Haltung war kerzengerade, die Kleidung einfach, aber makellos. Sie trug ein bis zum Hals geschlossenes, mausgraues Kleid. Ihr Gesichtsausdruck war immer gleich, was mich verunsicherte, konnte ich doch nie einschätzen, was sie gerade dachte oder empfand.

Diese Ordnung und Strenge ihrer Person spiegelte sich in der Architektur und Symmetrie des Hauses wider: rote Ziegeln, klare Fronten, Verzicht auf jeglichen Zierrat.

„Bekomm ich eine Drolle Rops?“

Riklein schaute bittend zur Tante auf.

Diesen Buchstabendreher hat meine Schwester bis heute nicht vergessen.