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Fanny, die »Königin«, ist eine vom Schicksal immer wieder hart getroffene Frau, die ihren Lebensabend alleine verbringt und über alles Vergangene schweigt. Auch das Tagebuch auf ihrem Nachtkästchen, ein Geschenk ihrer Enkelin, lässt Fanny unberührt liegen, statt es Seite für Seite mit den Tragödien des Erlebten zu füllen. Doch in Tagträumen und schlaflosen Nächten kann sie sich der Erinnerungen nicht erwehren, und so zieht ihr ganzes Leben in aufwühlenden Bildern an ihr vorbei: Wir begleiten Fanny durch alle Lebensphasen, beginnend mit der Kindheit auf dem elterlichen Hof in den 1930er-Jahren bis nahe an ihren Tod. Verdichtet, klar und in ergreifenden Momentaufnahmen erzählen diese Erinnerungsfragmente, wie Fanny zu einer unnahbaren und stolzen Frau geworden ist. Es ist eine von großer Menschenkenntnis und hoher Sensibilität durchdrungene Figurenzeichnung, die das bemerkenswerte literarische Können einer jungen Autorin zeigt. Laura Freudenthaler beeindruckt mit einem feinsinnigen Gespür für Stimmungen und Emotionen. Ihre sorgsam ausgewählte Sprache und Erzählweise schafft eine verblüffende Verbindung aus Wahrnehmung, Erinnerung und Wieder-Erleben.
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Seitenzahl: 240
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Laura Freudenthaler
Die Königin schweigt
Roman
Literaturverlag Droschl
Manchmal kochte sie Kaffee und ging, während das Wasser durch den Filter rann, zur Haustür, wie sie es früher jeden Morgen gemacht hatte, um die Zeitung zu holen. In der Zeitungsrolle steckten die Zeitungen von vielen Tagen, und als Fanny sie herauszog, fiel ein kleines Tier auf die Steintreppe. Ein Ohren-
Sie war immer gern morgens als erste auf den Beinen gewesen, während alle anderen noch schliefen. Es hatte etwas Heimliches, als einzige wach zu sein. Niemand wusste, dass man da war. Eine halbe oder ganze Stunde lang war Fanny allein gewesen, hatte Kaffee getrunken und überlegt, was an diesem Tag zu tun war, hatte dann langsam begonnen mit einzelnen Verrichtungen. An guten Tagen fühlten sich Momente wie früher an, einzelne vergangene Momente, die herüberreichten, weil sie viele Male erlebt worden waren. Oft aber konnte Fanny tagelang nicht aufstehen und auch keinen Moment vom anderen unterscheiden. Sie lag in ihrem Ehebett, das sie nie wieder, jahrzehntelang nicht, mit jemandem geteilt hatte, während vor den Fenstern die Tage vorübergingen. Im Zwetschkenbaum saßen die Vögel, flüchteten, wenn es regnete, kamen wieder, wenn die Sonne schien. Manchmal glaubte Fanny, jemanden um das Haus schleichen zu hören. Das Telefon läutete. Fanny versuchte, in ihrem Körper den Impuls zu erzeugen, der sie aufrichten und aus dem Bett ziehen würde. Vergeblich. Sie hörte dem Telefon beim Läuten zu. Sie stellte sich vor, dass Hanna dem Läuten im Hörer lauschte und darauf wartete, dass Fanny sich meldete. Daran, wie viel Zeit verging, ehe das Telefon zu läuten aufhörte, las Fanny ab, wie groß die Sorgen waren, die Hanna sich machte, und wie groß die Wahrscheinlichkeit, dass sie ins Auto steigen und in drei Stunden hier durch die Haustür treten würde. Das war erst einmal passiert, aber seither hoffte Fanny jedesmal, es würde wieder geschehen. Das Läuten hörte auf. Fanny hatte es nicht geschafft, aufzustehen. Vielleicht war es auch die Enkeltochter gewesen. Die hatte sich schon lange nicht mehr gemeldet. Hin und wieder kam eine Postkarte aus dem Ausland. Fanny drehte den Kopf auf dem Polster zur Seite. Auf dem Nachtkästchen lag ein Buch mit leeren Seiten und gelb-goldenem Einband. Es erinnerte Fanny an die Enkeltochter. Nur die erste Seite des Buches war nicht leer, darauf hatte die Enkeltochter geschrieben: Liebe Oma. Und darunter stand, sie schenke Fanny dieses Buch zum Aufschreiben ihrer Erinnerungen. Die Enkeltochter hatte mit Fanny über Erinnerungen sprechen wollen. Nicht deine Märchen aus dem Dorf, hatte sie gesagt. Die wirkliche Vergangenheit. Fanny hatte gelächelt. Sie hatte nicht verstanden, was das Kind von ihr wollte. Sie wusste es noch immer nicht. Vielleicht hatte das Kind mittlerweile verstanden, dass man die Toten besser ruhen lässt, und war deshalb verschwunden. Für die Enkeltochter gehörte sie selbst möglicherweise auch zu den Toten. Ob sie denn keine Bilder aus ihrer Kindheit behalten habe, hatte die Enkeltochter gefragt. Bilder, hatte Fanny gefragt. Fotos, hatte die Enkeltochter gesagt. Sie war ungeduldig gewesen. Über gewisse Dinge spricht man nicht, sagte der Vater. Alles, was einmal gewesen war, befand sich nun hier in diesem Haus. Fanny hörte Geräusche aus dem Keller, als arbeite jemand an der Werkbank. Der Morgen, an dem sie den Becher mit dem Kaffee unter den Ribiseln auf der Erde stehen gelassen hatte, war ihr als Bild in Erinnerung geblieben. Der gelbe Ärmel ihrer Bluse im Ribiselstrauch, zwischen dem Grün der Blätter und dem hellen Rot der Beeren. Sie war Schulmeisterin, und niemand außer ihr im Dorf trug Blusen. Der Pfarrer bewunderte Fannys Schönheit. Sie drehte den Kopf auf die andere Seite.
Ihre Haare waren weiß und würden es bleiben. Das Zittern würde nicht mehr weggehen. Das Telefon läutete und hörte wieder auf. Fanny blickte zum Fenster, öffnete die Augen und schloss sie, wollte einmal wieder tief schlafen. Sie döste und trieb durch die Zeit, saß als kleines Mädchen auf dem Boden im Hof in der Senke. Die Sonne schien warm, und es war windstill. Der Hof war an drei Seiten abgeschlossen. Die vierte Seite nahm ein großes Tor ein, das offen stand. Es war Sommer, der Boden war fest und trocken, mit einer sandigen Schicht obenauf. Darin malte Fanny mit den Fingern Wellen. Auf der Bank an der Hauswand saß die alte Hagerin und pfiff leise beim Ausatmen. Das Pfeifen begleitete die Wellenbewegungen von Fannys Finger. Wenn das Kind aufblickte, sah es die Waden der Hagerin, die zuckten, wenn eine Fliege sich auf der Haut niederließ. Bläuliche Wellen liefen auch über die Waden. Fanny hatte hinter dem Pfeifen noch etwas gehört. Sie legte einen sandigen Finger ans Kinn und blickte sich um. Ein Vogel schrie und war dann stumm. Das Geräusch war vom Stall gekommen, Fanny horchte. Von überall legten sich mit einem Mal die Geräusche über jenes im Stall. Fanny vernahm Schläge, ein Hämmern aus der Ferne, das Brüllen eines Tieres drang schwach bis in den Hof. Aus dem Stallgebäude trat eine hohe Gestalt. Der Vater kam über den Hof in Fannys Richtung. Je näher er kam, desto größer wurde er. Er blieb bei ihr stehen. Das Kind legte den Kopf zurück und schaute zu ihm hinauf. Der Vater nickte und nannte es beim Namen: Fannerl. Der Vater streckte eine Hand aus, als wollte er nach Fannys Kopf fassen, sie spürte die Finger durch die Luft streichen. Ein loses Haar verfing sich in der rauen Hand, ein Ziehen und ein kleiner Schmerz, als es sich aus Fannys Kopfhaut löste. Der Vater nickte noch einmal und ging weiter, auf das Tor zu. Fanny wollte ihm nachgehen. Sie war gerade aufgestanden und ein paar Schritte gegangen, als sie ihn durch das Tor verschwinden sah und von hinten unter den Achseln ergriffen und hochgehoben wurde. Die alte Hagerin trug Fanny wieder an ihren Platz. Das Kind wand sich und versuchte die Hand zu beißen, die es hielt. Fanny mochte die Magd nicht, die damit beauftragt war, sie zu bewachen.
Erst später begriff sie, dass es im Dorf kein anderes Kind gab, auf das jemand aufpasste. Die anderen Kinder waren im Pulk unterwegs, im Wald und auf den Höfen, und suchten nur dann einen Erwachsenen, wenn eines sich verletzt hatte. Später hörte Fanny sagen, in der ganzen Gegend habe es zwei Kindermädchen gegeben, eines für die Kinder der Herrschaft und eines für das Fannerl. Der Herrschaft gehörte aller Grund und Boden und auch das Sägewerk, in dem viele Männer arbeiteten. Fanny kannte das Schloss, in dem die Herrschaft angeblich wohnte, aber sie hatte noch nie einen von ihnen gesehen, auch nicht die Kinder. Die Mutter sagte später, die alte Magd, die sie Hagerin nannten, sei für keine Arbeit mehr zu gebrauchen gewesen und habe deshalb auf Fanny aufgepasst, während die anderen auf dem Feld waren. Manchmal war die Zeit sehr lang, bis die Eltern und der Bruder endlich wiederkamen. Aber egal, wie lange Fanny gewartet hatte, bis sie im Tor auftauchten, sie hielt die Lippen fest geschlossen, damit die Freude nicht nach außen drang. Auch wenn es in der Kehle schmerzte, blieb Fanny unbewegt sitzen, während die Eltern und der Bruder näher kamen. Die Erwachsenen verschwanden im Haus, und der Bruder ließ sich neben Fanny auf der Erde nieder. Toni war ein paar Jahre älter als sie und konnte schon auf dem Feld helfen. Gemeinsam zeichneten sie Figuren in den Sand. Fanny lehnte ihren gesenkten Kopf weiter nach vorne, und Toni beugte seinen Nacken, bis ihre Köpfe sich trafen, Scheitel an Scheitel. Wenn sie zum Essen gerufen wurden, standen sie auf, als hätten ihre Körper während dieses Sitzens an Gewicht gewonnen. Beim Essen war Fannys Platz neben dem Vater. Einmal war sie auf seinen Schoß geklettert und hatte ihm die Arme um den Hals gelegt. Sie hatte ihm etwas sagen wollen. Der Vater hatte den Kopf nach hinten gebogen und von dort das Kind betrachtet. Fanny hatte die Entfernung gesehen, die sich in seinem Blick auftat, als der Vater den Kopf zurücknahm. Sie spürte, dass ihre Hände am Vaterhals ungehörig waren. Ihre Hände waren schmutzig und klebrig. Fanny nahm die Hände weg und legte sie auf den Brustkorb des Vaters, um sich abzustützen. Der Brustkorb des Vaters war hart. Das Kind schämte sich. Es kletterte vom Schoß des Vaters und setzte sich neben ihn auf die Bank.
Wenn der Vater aus der Küche gegangen war, verschwand Fanny unter dem Tisch und unter der Bank. Sie kroch nach hinten in die Ecke, wo es dunkel war und eigenartig roch. Das Kind hatte die Vorstellung, dass die Gerüche nach unten sanken. Die Gerüche des Essens und der Menschen am Tisch, ihr Atem, die Gerüche aus ihren Kleidern, den Röcken der Mutter und den Hemden des Vaters. Die Gerüche aus den Schüsseln, von den Händen und den Hälsen sanken nach unten und sammelten sich unter dem Tisch und unter der Bank. So wie der Staub sich in den Ecken verdichtete, so taten sich auch die Gerüche zusammen und verharrten in der Dunkelheit unten, dort, wo das Kind hockte. Fanny rückte tief in die Ecke, sie passte sich ein. Unter sich spürte sie den Holzboden, am Rücken und zu beiden Seiten die Wand. Der Druck, das harte Holz von oben gegen ihren Kopf, beruhigte Fanny. Von hier aus konnte sie den Beinen der Mutter zusehen, wie sie herumgingen und geschäftig waren. Die Beine der Mutter waren meist in Bewegung, und wenn sie an einer Stelle verharrten, konnte Fanny an ihnen ablesen, welche Tätigkeit der Oberkörper und die Hände der Mutter verrichteten. Manchmal aber geschah es, dass die Mutter auf der Bank saß und vergessen hatte, womit sie gerade beschäftigt gewesen war. Sie saß ruhig, wie träumend. Fanny unter der Eckbank wusste diesen Zustand an den Beinen der Mutter abzulesen, die sie so gut kannte, vielleicht besser als den Rest der Mutter. Die Mutterbeine sahen in diesen Momenten aus, als schliefen sie, als erholten sie sich von dem Gerenne, als lächelten und murmelten sie manchmal im Schlaf. Zärtlich wirkten die Beine der Mutter in diesen Momenten. Fanny kroch zu ihnen und legte eine Hand auf eine Wade, um sich anzukündigen, bevor sie aus ihrem Versteck vor der Mutter auftauchte. Als schliefe sie, blickte die Mutter ihre Tochter an. Sie legte die Arme um Fannys Körper und ihren Kopf an den Kopf des Kindes. Fanny spürte die Mutter atmen. Sie hielt still. Ihre Hände lagen auf den Oberschenkeln der Mutter. So musste es sein, bei der Mutter im Bett zu schlafen. Man wusste nicht, wo die eigene Körperwärme aufhörte und die der Mutter begann. Wenn Fanny im Bett lag, spürte sie immer genau die Umrisse ihres Körpers, an denen die Bettdecke festgesteckt war. Mit den Fingern unter der Decke hervor ertastete sie den Bettrand, dort war es dunkel und kalt. Das Schlafen im Bett bei der Mutter stellte Fanny sich als eine grenzenlose Hülle aus Wärme vor. Noch immer hatte die Mutter ihren Kopf an Fannys Kopf gelegt, als schliefe sie. Die Beine erwachten vor dem Rest der Mutter. Während die Mutter noch an Fannys Hals atmete, spürten Fannys Hände, wie die Oberschenkel unruhig wurden. Unter ihren Händen, unter dem Stoff und unter der Haut spürte Fanny das Drängen der Beine, ehe die Mutter ihre Arme von Fanny löste. Im Aufstehen strich sie sich die Schürze glatt. Sie müsse sich um das Kompott kümmern, sagte die Mutter. Fanny blieb noch einen Moment lang stehen, bevor sie sich wieder unter die Eckbank zurückzog. Die Mutter ging in die Speisekammer und kam wieder in die Küche. Als sie sich bückte, um einen Topf aus der Anrichte zu holen, kam einen Moment lang ihr Gesicht in Fannys Blickfeld. Es gab eine Stimme, mit der die Mutter zu sich selbst sprach, man konnte sie hören oder auch nicht.
Fanny horchte auf das Summen in der Luft, das war das Geräusch der Sonne. In ihrem Licht sah das Kind winzige Staubwesen über den Boden tanzen, die sich in wirbelnde Derwische verwandelten, als die Mutter mitten durch sie hindurch zum Herd ging, und sich erst beruhigten, als sie dort eine Weile stehen blieb. Im Sonnenlicht, das durch das Küchenfenster schräg auf den Boden fiel, sanken die Staubwesen wie in Wasser lautlos nach unten, stiegen langsam wieder nach oben und drehten sich wie selbstvergessene Mädchen, die allein tanzten. Fanny schlief ein. Sie wachte auf, als der Bruder zu ihr unter die Bank kroch. Toni kam seine Schwester besuchen, und zur Begrüßung legte Fanny ihm eine Hand auf den Scheitel. Der Bruder kauerte sich neben sie. Während die Sonne in der Luft summte, flüsterten unter der Eckbank die beiden Kinder. Toni kämmte mit seinen Fingern das Haar der Schwester und versuchte, das Nest aus verfilzten Haaren aufzulösen, das sich an ihrem Hinterkopf immer bildete. Dann musste er gehen, weil die Mutter nach ihm rief. Als Fanny den Schritt des Vaters hörte, kroch sie eilig unter dem Tisch hervor und stellte sich neben die Mutter an den Herd. Wenn der Vater sah, dass Fanny sich unter der Eckbank aufhielt, fragte er, ob sie denn ein Hund sei. Fanny wusste, dass Hunde Flöhe hatten und nicht ins Haus durften. Wie ein Hund liegt sie da unten, sagte der Vater zur Mutter, die ihn nicht ansah. Der Vater mochte es nicht, wenn Menschen sich wie Tiere benahmen. Über eine Frau aus dem Dorf sagte er, sie schleiche herum wie eine Katze, mit ihrem schiefen Blick, und den Pfarrer aus dem Nachbarort verglich er mit den Vögeln, die die Saat vom Feld stahlen. Am schlimmsten aber war ein Mensch, der den aufrechten Gang aufgab.
Es kam vor, dass der Vater Fanny und Toni im Hof erwischte. Wenn sie nichts zu tun hatten und niemand in der Nähe war, legten sie sich in der Mitte des Hofes auf die warme Erde. Sie lagen auf dem Rücken, die Köpfe dicht nebeneinander, und erzählten sich Geschichten über die Zigeuner, die einmal im Jahr in die Gegend kamen. Die Mutter wartete auf die Zigeuner, damit sie die Töpfe ausklopften und die Messer schliffen. Fanny ließ den Mann, der die Töpfe und Messer bearbeitete, nicht aus den Augen. Sie stand in der Stalltür und beobachtete ihn, bis er sie bemerkte. Er hob eine Hand zum Gruß und sagte etwas, das Fanny nicht verstand. Sie ging näher zu ihm. Sie wollte hören, was er sagte, doch die Mutter rief sie weg. Fanny musste ins Haus gehen. Der Mann lachte und winkte ihr zu. Wenn sie im Hof auf dem Rücken lagen, erzählten sich Fanny und Toni alles, was sie über die Zigeuner wussten. Vor allem Toni erzählte, denn er wusste mehr als seine Schwester. Er erzählte, dass die Zigeuner kein Haus hatten und dass sie alle Musiker waren und laut sangen und dazu tanzten. Er hatte außerdem gehört, dass sie sich manchmal gegenseitig im Streit umbrachten. Wenn Fanny und Toni über diesen Geschichten ihre Wachsamkeit vergessen hatten, erschien über ihnen der Vater. Eben noch hatten sie beim Reden in einen weiten Himmel geschaut, da blickte im nächsten Moment der Vater aus der Höhe auf sie hinunter. Er sagte nichts, er betrachtete seine Kinder, die sich unter seinem Blick nicht bewegen konnten. Der Blick des Vaters war ein Gewicht, das sie auf dem Boden hielt. Fanny wusste, dass ihr Rücken und ihr Hinterkopf voller Erde waren. Der trockene Sand wurde unter dem Vaterblick zu Dreck. Der Dreck haftete an Fanny, und wenn sie davonging, würde der Vater ihre dreckige Rückseite sehen. Fanny und Toni standen auf, ohne dass ihre Körper sich berührten, und ohne einander anzusehen, entfernten sie sich in verschiedene Richtungen. Fanny suchte nach einem Eck, in das sie sich setzen und wo sie ihren Kopf gegen ein hartes Stück Holz pressen konnte.
Als sie älter wurde, hörte Fanny auf, unter die Eckbank oder in irgendwelche anderen Winkel zu kriechen, aber wenn sie im Bett lag, drückte sie ihren Kopf im Schlaf gegen das Holz am oberen Ende des Bettes. Oft schmerzten am Morgen der Nacken und die Schultern von der Anstrengung. Sie hörte auch auf, sich mit dem Bruder Zigeunergeschichten zu erzählen, und Toni kämmte nicht mehr mit den Fingern ihr Haar. Toni war beinahe so groß geworden wie der Vater. Er war auch kräftig, aber seine Kraft war gutmütig und seine Muskeln waren gerne bereit nachzugeben. Wenn sie beim Essen saßen, musterte der Vater seinen Sohn. Den gebeugten Nacken, die Schultern, die nach vorne gesunken waren, den Brustkorb, der sich nicht wölbte. Hätte der Vater in das Gesicht seines Sohnes geblickt, hätte er gesehen, dass es sich während dieser Musterung verhärtete, dass die Kiefermuskeln sich spannten und das Kinn spitz wurde. Aber der Vater sah nicht Tonis Gesicht. Der Vater nahm an einem Menschen dessen Haltung wahr, und Toni hielt sich nicht gerade. Das Schlimmste war für den Vater, dass Toni gern und viel redete. Auf dem Hof in der Senke war er schweigsam, aber sobald er ins Dorf ging, plauderte er mit den Leuten und lachte oft laut und herzlich. Der Vater tat, als bemerkte er es nicht, aber Fanny wusste, es war ihm beinahe unerträglich, das unbeherrschte Lachen seines Sohnes zu hören. Der Vater genoss im Dorf ein hohes Ansehen. Er war groß und stattlich und bewahrte immer Haltung. Er hätte seinem Sohn beibringen können, dass die Haltung im Brustkorb sitzt und dass der Brustkorb einen stattlichen Mann ausmacht. Sein Sohn aber begriff nicht, was es bedeutete, immer und unverändert den Nacken gerade und den Kopf erhoben zu halten. In seiner unerschütterlichen Haltung saß der Vater am Tisch und musterte seinen Sohn, während die anderen ihre Suppe löffelten. Toni saß gebeugt über seinem Teller. Er schlürfte, dass die Suppe ihm von den Lippen troff. Seine Augen schwammen in Tränen, weil er den Kopf so dicht über den Teller hielt, dass der heiße Dampf der Suppe ihm ins Gesicht stieg. Schau ihn dir an, wie er dasitzt, sagte der Vater zur Mutter und begann nun auch, seine Suppe zu essen. Fanny wünschte, der Bruder würde sich wenigstens gerade hinsetzen, aber es war, als beugte er sich absichtlich noch tiefer, um den Zorn des Vaters auf sich zu ziehen. Fanny blickte zur Mutter. Wenn der Vater zu ihr etwas über die Kinder sagte, hielt die Mutter inne. Sie sagte nichts und schaute den Vater auch nicht an, aber Fanny hatte beobachtet, dass die Mutter einen Moment später, wenn der Vater sich abgewandt hatte, aufstand, um irgendetwas zu tun. Auch jetzt stand sie auf. Fanny sah der Mutter zu, wie sie ein Geschirrtuch von der Halterung am Herd nahm, sich wieder setzte und das Geschirrtuch neben ihren Teller auf den Tisch legte. Die Mutter war nicht wie die anderen Frauen im Dorf. Die anderen Frauen wurden mit dem Alter und mit jeder Geburt dicker. Die Mutter hingegen wurde immer weniger und ihre Brust immer magerer. Sie hatte aber auch weniger Kinder zur Welt gebracht als die meisten anderen Frauen im Dorf. Fanny hatte jemanden sagen gehört, die Mutter sei früher sehr schön gewesen. Seither suchte Fanny manchmal im Gesicht der Mutter nach dieser Schönheit.
Die Schönheit hatte angefangen, Fanny zu beschäftigen. Hin und wieder bemerkte Fanny, dass der Vater sie beobachtet hatte, wenn sie aufblickte, ohne zu wissen, warum, und er schaute sie an und sagte, Eitelkeit sei eine Todsünde. Fanny fühlte sich ertappt, denn tatsächlich dachte sie manchmal darüber nach, dass die alten Frauen im Dorf gesagt hatten, sie sei hübsch geworden. Für Fanny war das, als sei sie in eine andere Welt hinübergegangen. Hier auf dem Hof hätte sie nicht einmal eine vage Beschreibung ihres Aussehens abgeben können, hätte jemand sie danach gefragt. Sie hatte keine Vorstellung von ihrem Äußeren. Sie war immer damit beschäftigt gewesen, sich unter Kontrolle zu haben und sich nichts anmerken zu lassen, und nun erfuhr sie, dass nicht jeder in sie hineinblicken konnte wie der Vater. Es gab eine Oberfläche, die zwischen ihr und den anderen war und Gefallen fand. Fanny war, als habe sie eine kostbare Entdeckung gemacht, und zugleich schien ihr das ungehörig zu sein. Sie hätte gern Toni gefragt, ob er fand, dass sie hübsch sei, aber sie traute sich nicht. Zuhause auf dem Hof war der Bruder nicht so herzlich wie unter fremden Leuten. Es war, als könne er erst laut lachen, wenn er ein Stück vom Hof in der Senke weggegangen war. Wenn sie beim Essen saßen, beobachtete Fanny ihren Bruder. Auf seinen Wangen waren Barthaare. Die Augenbrauen wuchsen bis über die Nasenwurzel. Sie sah seine Zähne, wenn er den Mund öffnete. Toni hob den Kopf und begegnete Fannys Blick. Ohne eine Miene zu verziehen, fuhr er fort zu essen. Fanny bewegte ihren Fuß unter dem Tisch. Sie wollte Toni treten, mit der Fußspitze in die Mitte des Schienbeins. Er hatte einmal zu Fanny gesagt: Du bist wie der Vater, und war weggegangen.
In Fannys Kopf gab es einen kleinen Schwindel, als drehte sich einmal etwas herum. Dann kam die Kraftlosigkeit. Als seien mit einem Schlag alle Lebensgeister aus Fanny verschwunden. Ihr schien, sie könne nicht aufrecht sitzen bleiben. Sie wollte laut zu weinen anfangen und um Hilfe schreien. Sie musste eine Hand ausstrecken, blind, um irgendeine Berührung zu finden, die Tischkante an den Fingern zu spüren. Ihr war so schlecht, dass sie glaubte, sich übergeben zu müssen. Aber jedesmal geschah nichts. Nie weinte sie. Sie schrie auch nicht und hatte noch nie auf den Tisch erbrochen. Niemand bemerkte etwas. In Wirklichkeit war Fannys Körper eine unbewegliche Masse. Jeder Muskel erkaltet. Die Unterarme in die Tischplatte gesunken, die Füße in den Boden. Die Augen brannten. Von ihren Mundwinkeln wusste sie nicht, wo sie waren. Der Kopf so schwer. Der Kopf war ein Zentnergewicht. Fanny wollte ihren Kopf auf die Tischplatte fallen lassen, auf die Stirn. Der Kopf würde dann weiter umfallen, auf eine Seite, auf eine Wange. Fanny würde mit dem Kopf auf der Tischplatte liegen und sich nicht mehr rühren. Unter dem Tisch würden die Arme hängen. Der Vater und Toni müssten Fanny aufheben und sie in ihr Bett tragen. Dort würden alle um sie herumstehen, sie zudecken und ihre Hand halten. Abends müsste sich einer zu ihr ins Bett legen, dicht an ihrem Körper ausgestreckt, um zu schlafen. Jedesmal, wenn sie einen dieser Momente erlebte, glaubte Fanny, jetzt würde sie wirklich den Kopf und den Oberkörper auf den Tisch fallen lassen. Diesmal würde sie nicht sitzen bleiben können. Sie glaubte nachzugeben, aber sie fiel nicht. Jedesmal wieder fiel sie nicht. Weil sie nicht fiel, musste sie sich zurück in den Griff bekommen. Bis das Essen vorbei war und sie das Geschirr einsammeln würde, musste Fanny sich zurück in den Griff bekommen. Sie musste versuchen, etwas zu essen. Der Vater mochte es nicht, wenn nicht gegessen wurde. Sie und die Mutter waren es, die manchmal nicht essen konnten. Möglicherweise kannte die Mutter dieselbe Übelkeit, wie sie Fanny während dieser Momente überfiel. Während dieser Momente war Fanny in der Position gefangen, in der die Kraft sie verlassen hatte. Wenn sie den Kopf bewegen und zur Mutter hinüberschauen konnte, um zu sehen, wie viel diese gegessen hatte, wusste Fanny, es wurde schon besser. Fanny hörte die Stimme des Vaters. Der Moment ging immer vorüber. Zuerst spürte Fanny ihre Schultern und den Nacken wieder. Den Hinterkopf, die Wirbelsäule und das Gesicht. Sie fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. Sie schloss die Augen und öffnete sie wieder, als sei sie neu auf der Welt.
Der Vater sprach davon, wann das Schwein geschlachtet werden sollte. Er richtete eine Frage an Toni, der nicht antwortete. Der Vater fragte, ob es Toni egal sei, wann geschlachtet würde. Er fragte, was Toni einmal für ein Bauer sein solle, wenn ihn das nicht kümmere. Fanny wusste, dass Toni seit einiger Zeit regelmäßig zu einer gewissen Maria in einem Nachbarort ging. Sie suchte in Tonis Gesicht nach etwas, von dem sie nicht wusste, was es war. Sie suchte nach dieser Maria, die sie sich als ein blondes, lachendes Mädchen vorstellte. Fanny stellte sich vor, wie der Bruder und das Mädchen sich umarmten und das Mädchen dem Bruder über den Rücken strich. Es war ein Bild, das Fanny immer wieder in den Sinn kam. Sie sagte zum Bruder: Ist deine Maria denn keine Bäuerin? Der Vater schob seinen leeren Teller von sich weg. Toni hob den Kopf, nur so viel, wie notwendig war, um Fanny anzuschauen. Fanny hatte einen kurzen Moment lang einen Triumph verspürt, nun begriff sie, dass sie dem Bruder mit dieser Frage etwas genommen hatte. Der Vater sagte nichts. Sie wussten, er würde herausfinden, was es mit dieser Maria auf sich hatte. Sie wussten nicht, wie er es herausfinden würde, weil er doch nicht plauderte und so gut wie nie ins Wirtshaus ging, aber es würde ihm gelingen. Fanny stellte sich vor, dass der Vater genau wusste, wen er zu fragen hatte. Sie stellte sich vor, er würde ins Dorf hinaufgehen. Bei dem Wäldchen vor dem Feuerwehrhaus würde die Bäuerin vom Mühlenhof stehen, die immer über alles Bescheid wusste, und Holz schlichten. Der Vater würde sie grüßen und sich nach ihrem Befinden erkundigen. Dann würde er seine Fragen stellen. Die Bäuerin vom Mühlenhof würde alles, was sie wusste, erzählen, als stünde sie vor einem Polizeiinspektor und sei verpflichtet, die Wahrheit zu sagen. Der Vater würde noch etwas über das Wetter und die Ernte sagen, und dann würden sie sich verabschieden und der Vater würde zurück zu dem Hof in der Senke gehen. Toni würde gar nicht mehr mit Fanny reden.
Fanny verstand nicht
