Geistergeschichte - Laura Freudenthaler - E-Book

Geistergeschichte E-Book

Laura Freudenthaler

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Beschreibung

In ihrem Freijahr kommt Anne ins Straucheln. Statt sich dem eigenen Klavierspiel zu widmen und an einem Lehrbuch zu schreiben, lösen sich ihre üblichen Gewohnheiten nach und nach auf. In den Nächten hält sie ihre Beobachtungen in einem Notizheft fest und untertags streift sie durch die Stadt. Diese Wanderungen führen sie bald über das ihr Bekannte hinaus. Seit zwanzig Jahren lebt Anne mit Thomas in der gemeinsamen Wohnung. Das Paar teilt viele Erinnerungen und weiß die Zeichen des anderen zu lesen. Sie fühlt sich in der Wohnung zunehmend unwohl, und Thomas wird immer abwesender. Schon länger vermutet sie, dass er eine Affäre hat. Nun taucht das Mädchen, wie Anne die Unbekannte nennt, als huschender, wispernder Geist auf. Geräusche und Erscheinungen sind nicht mehr eindeutig zuordenbar. Laura Freudenthaler knüpft mit Geistergeschichte an ihren vielbeachteten Debütroman "Die Königin schweigt" an. Ihr gelingt das Kunststück der Gegenwärtigkeit. Man wird regelrecht in Annes Wahrnehmung hinüberverführt. Immer tiefer folgen wir ihr in eine Welt der Spiegelungen und doppelten Böden, in der Wirklichkeit und Vorstellung ineinanderfließen.

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Seitenzahl: 212

Veröffentlichungsjahr: 2019

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© Literaturverlag Droschl Graz – Wien 2019 Die Autorindankt Reinhard F. für seine pianistischen und klavierpädagogischen Anmerkungen.Mit freundlicher Unterstützung der Kulturabteilung der Stadt Wien

Umschlag: Stefan Klein Satz: AD

ISBN 978-3-99059-030-0

Literaturverlag Droschl Stenggstraße 33 A-8043 Graz

www.droschl.com

Laura Freudenthaler

Geistergeschichte

Roman

Literaturverlag Droschl

Anne hört, wie die Wohnungstür aufgesperrt und geöffnet wird. Behutsam wieder geschlossen. Langsam wird die Klinke nach oben bewegt. Thomas bückt sich, seine Jacke verrät ihn, das Geräusch des Stoffes. Er geht auf Socken in die Küche, der Boden knarrt. Die Schwelle zwischen Vorzimmer und Küche erzeugt einen eigenen Laut, als würde etwas auseinanderbrechen. Anne hört das Knacken zweimal, dann die Tür zu Thomas’ Arbeitszimmer. Er muss sich von innen noch einmal dagegen lehnen, damit sie nicht wieder aufspringt. Wenn man von der Küche ins Arbeitszimmer geht, sieht man auf das Wohnzimmerfenster, vor dem Anne steht wie eine Madonnenstatue in ihrer Nische. Sie steht mit dem Rücken zum Betrachter, das Gesicht zur Wand. Es ist aber keine Wand. Wenn im Haus gegenüber hinter einem der dunklen Fenster jemand stünde, könnte er Annes Gesicht betrachten. In Grotten im Süden sind Madonnenstatuen durch Glas geschützt, zu ihren Füßen liegen Plastikblumen. Anne tritt einen Schritt zurück und sieht nun ihre Spiegelung. Die Falte zwischen den Augenbrauen. Sie versucht die Schläfen nach beiden Seiten hin zu verlängern, als strichen ihre Finger von der Falte weg über die Stirn bis zum Haaransatz, ohne aber die Hände zu heben. Sie verlässt die Wohnung für einen kurzen Spaziergang. An den Waden spürt sie die kalte Luft. Im ersten Jahr des Auslandsstipendiums ist Anne jeden Abend nachhause gegangen in ihr Zimmer, nachdem sie den ganzen Tag am Konservatorium geübt hatte. Sie fand die Dunkelheit freundlich und dehnte den Heimweg durch die Stadt, die sie noch wenig kannte, aus. Wenn ihr eine Bar gefiel, setzte sie sich hinein und bestellte einen Kaffee. Sie konnte abends Kaffee trinken und trotzdem schlafen. Der Supermarkt an der Ecke hat noch offen. Thomas will vielleicht etwas essen. Als sie zurückkommt, sitzt er in der Küche. Eine Kleinigkeit, sagt er. Anne bietet Nudeln mit Pesto an. Gutes Pesto, sagt sie, von einer Kollegin selbstgemacht. Sie gießt die Nudeln ab und bittet Thomas nachzusehen, ob der Parmesan noch gut ist. Beim Auswickeln hat sie auf der Rinde einen Fleck gesehen, den sie für Schimmel hält. Thomas wirft einen Blick auf den Käse. Warum soll der nicht mehr gut sein? Man könne ohne Haube draußen sein, sagt Anne, es sei herrlich. Du bist unvernünftig, sagt Thomas, der Wind ist kalt, das geht schnell auf die Ohren. Anne legt den Kopf schief und zieht die rechte Schulter zum Ohr. Unsinn, sagt sie und lässt die Schulter sinken. Es wird Frühling.

Herr Seyn hat angerufen, sagt Anne. Thomas streicht sich mit der Hand über Mund und Kinn und sagt, das sei selten ein gutes Zeichen. Herr Seyn kümmert sich um das Haus am See, wenn Anne und Thomas über Wochen oder Monate nicht da sind. Er selbst wohnt weiter oben am Hang. Nach einem Jahr haben Anne und Thomas ihm einen Schlüssel anvertraut, für den Notfall. Nein, sagt Anne, kein gutes Zeichen. In den letzten Wochen hat es so viel geregnet, dass Wasser in den Keller gedrungen ist. Seyn habe die Trocknung in die Wege geleitet, aber einer von ihnen müsse hinfahren. Am Mittwoch, sagt Anne, habe sie nur zwei Unterrichtsstunden, die könne sie auf andere Tage verlegen, um morgens hinzufahren und abends wieder zurück. Er könne unmöglich weg, sagt Thomas. Ich weiß, sagt Anne. Sie verhandelt ungern mit Handwerkern, besonders in der Gegend am See, wo alle starken Dialekt sprechen. Aber vor dir haben sie Respekt, sagt Thomas, mich halten sie für einen reichen Pinkel aus der Stadt. Was du ja bist, sagt Anne. Thomas sagt, er sei froh, dass sie das auch so sehe. Anne lacht. Sie könne bloß die Sicht der Handwerker verstehen. Am Mittwoch fährt Anne früh los. Nach der Hälfte der Strecke beginnt es zu regnen. Den ganzen Winter sind sie nicht im Haus am See gewesen. Das haben wir nun davon, denkt Anne, aber natürlich hätte es an den Regenfällen und am undichten Keller nichts geändert, wären sie ein- oder zweimal für ein Wochenende gekommen. Herr Seyn wartet mit dem Mann von der Trocknungsfirma unter dem Vordach, die Haustür steht offen. So starke Regenfälle habe es früher nicht gegeben, sagen die beiden, und dass der Sturm den halben Wald niedergehauen habe. Das Wasser ist schon abgepumpt, nun werden Geräte aufgestellt, um die Feuchtigkeit aus den Wänden zu holen. Herr Seyn wird regelmäßig nach dem Rechten sehen und da sein, wenn die Geräte abgebaut werden. Anne unterschreibt einige Papiere. Nachdem der Mann von der Trocknungsfirma sich verabschiedet hat, bedankt sie sich noch einmal bei Herrn Seyn. Sie holt aus dem Auto den Whiskey, den sie für ihn mitgebracht hat, und die kleine Sachertorte in dem quadratischen Karton für seine Frau. Da wird sie sich freuen, sagt Herr Seyn. Anne schließt die Tür hinter ihm. In der Küche findet sie noch ein wenig Kaffee, genug für eine Kanne. Mit der Tasse in der Hand geht sie durch das Haus. Sie zieht die Vorhänge im Schlafzimmer nicht auf, bleibt in der Tür stehen. Wie immer hat sie ein großes Leinentuch über das Bett gebreitet und trotzdem wird sie darin tote Insekten finden, geflügelte Ameisen, winzige Mücken. Im oberen Stockwerk tritt sie auf den Balkon hinaus. Am Berghang ist der Wald stellenweise wie mit Asche bestäubt, so dicht haben sich einzelne Nebelschleier um die Baumspitzen gelegt. Gern würde Anne zur Felsenbühne gehen, stattdessen wäscht sie die Tasse und die Kaffeekanne aus. Wenn sie sich jetzt auf den Weg macht, wird sie zumindest einen Teil der Strecke noch bei Tageslicht fahren. Aus Gewohnheit will sie das Warmwasser abstellen, das sie diesmal gar nicht eingeschaltet hat.

Mitten im dichten Wald hatte sich die Felsenbühne aufgetan. Auf einer ihrer Wanderungen waren sie auf einen freien Platz hinausgetreten, kein Nadelwaldboden mehr, sondern feiner Schotter. Nach hinten begrenzt wurde der Platz von einer Felswand, die in ihrem unteren Teil durch einen steinernen Block geteilt war, in einen sichtbaren Bühnenbereich und ein uneinsehbares Dahinter. Durchlässe und Gänge in dem Block verbanden die beiden Bereiche, Darsteller konnten überraschend auftauchen und unvermutet verschwinden, in dem Block verborgen bleiben. Anne hat sich in der Mitte der Bühne auf den Boden gesetzt. Sie hätte gern gewusst, ob hier jemals gespielt worden war. Der Klang der Stimmen und Geräusche würde verstärkt durch den Stein, zugleich hinausgeschickt unter den offenen Himmel. Sie werde sich eine Blasenentzündung holen, sagte Thomas, und weil der Stein tatsächlich kalt war, stand Anne wieder auf. An einem der darauffolgenden Tage unterhielten sie sich mit einem Mann aus dem Dorf. Anne wollte nach der Felsenbühne fragen, doch Thomas warf ihr einen Blick zu, eine Mischung aus Vorwurf und Verschwörung. Sie unterbrach sich, ihr Halbsatz löste sich unbemerkt im Gespräch auf. Sie standen bei der Bootanlegestelle. Anne blickte an den Männern vorbei in die Berge hinein, nahm ihre Hände auseinander und verbarg sie in den Taschen der Regenjacke. Immer war es ein wenig zu kalt hier am See, sodass Anne die Muskeln zwischen Schulterblättern und Nacken spannte wie einen kleinen Schild. Bis heute weiß sie nicht, was es mit der Felsenbühne auf sich hat.

Anne unterrichtet im rückwärtigen Teil des Hauses, in dem die Musikschule untergebracht ist. Nach einigen Jahren auf der Straßenseite hat sie erreicht, dass man ihr ein anderes Zimmer zuteilte. Jedes Jahr wieder hat sie der Direktorin erklärt, sie könne hier nichts hören. Auch ihr Gehör müsse sich konzentrieren, hat Anne gesagt, und dass sie erhört worden sei, als sie aus dem straßenseitigen Zimmer ausziehen konnte. Die Direktorin hatte einen freundlichen Tag und lachte. Seit vielen Jahren blickt Anne nun in den kleinen Garten hinaus, wenn sie unterrichtet. Das Fenster ist einen Spalt weit geöffnet. Ein Vogel wiederholt immer dieselbe Melodie aus fünf Takten, mit Triller im dritten und im letzten. Spiel es noch einmal, sagt Anne zu dem Knaben, der am Klavier sitzt. Verändere die Betonung, dann kannst du nicht mehr schummeln. Die Hände des Knaben bewegen sich über die Tasten, im Garten wiederholt der Vogel seine Melodie. Er baut geringfügige Änderungen ein, variiert die Tonfolge am Schluss, aufsteigend, fragend, ehe er verstummt. Spiel diesen einen Takt nur mit der linken, sagt Anne und deutet auf das Notenblatt. Wenn man ungenau geworden ist, muss man das Ganze in seine Bestandteile auflösen. Verstehst du das? fragt Anne und der Knabe legt die Hände auf seine Knie und dreht den Kopf, um sie anzusehen. Die Genauigkeit geht sehr schnell verloren, wenn wir glauben, ein Stück zu beherrschen. Der Knabe nickt. Zuerst die linke, sagt Anne. Sie weiß um die Neigung, der rechten mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Im Garten endet der Vogel mit einer Synkope und aus einiger Entfernung ertönt eine Antwort, seine Melodie aufnehmend. Sehr gut, sagt Anne. Müssen Sie denn auch noch üben? fragt der Knabe am Ende der Stunde und wirkt betroffen, als Anne dies bestätigt. Er solle beobachten, sagt Anne zum Abschied, ob ihm nicht das Üben selbst Freude bereiten könne.

Im Kopierraum begegnet Anne einer jungen Gesangskollegin. Sie könne es nicht mehr hören, sagt die Kollegin. Sie nennt einen englischen Titel und Anne sagt, das Lied kenne sie nicht. Die Kollegin lacht, ein lautes Lachen, sie weicht dabei zurück. Wo lebst du denn, ruft sie und Anne sagt, am Mond. Hinter dem Mond, sagt die Kollegin, müsse es heißen. Anne sagt, sie spiele schon auch moderne Sachen mit den Schülern, sofern es halbwegs gute Noten dazu gebe. Zwischendurch gerne einmal Jazzstücke. Sie habe Jazzgesang studiert, sagt die Kollegin, ob Anne das wisse. Anne verneint. Sie habe überhaupt keinen Bezug zur Klassik, sagt die Kollegin, aber im Moment erscheine ihr Annes klassisches Klavierzimmer wie das Paradies. Aber bei dir, sagt Anne, werden die Schüler nicht jedes Jahr weniger. Als würde er gegen das Klavier ansingen, sagte der Knabe heute plötzlich, und Anne hatte gewusst, dass er den Vogel meinte. Sie fragt sich, ob die Melodien der Vögel im Garten sich durch die Musik aus den Unterrichtszimmern verändern. Die meisten Kollegen beklagen sich über Stundenpläne mit sogenannten Löchern. Verlorene Zeit, sagen sie. Anne setzt sich ins Lehrerzimmer, die Tür steht immer offen. Sie hört zu, wie es ruhig wird, die Türen zu den Unterrichtsräumen geschlossen werden, eine nach der anderen. Ein verspäteter Schüler läuft über den Gang, mit diesem Schlurfen, das von den tiefsitzenden Hosen herrührt oder den verrutschten Jacken. Oder aber von den Taschen und Beuteln, die sie hinter sich herziehen, selbst wenn sie über ihren Schultern hängen. In einem bestimmten Alter sind die Burschen in ständiger Auflösung begriffen. Es ist das Alter, in dem die meisten von ihnen mit dem Klavierspielen aufhören. Oft sind es die Mütter, die in Annes Sprechstunde kommen und sagen, ihr Sohn sei nicht mehr zum Üben zu bewegen. Dann sei es zwecklos, sagt Anne in diesen Fällen. Wenn keine Beziehung zur Musik mehr da sei. Sie hat sich mit einem Kaffee zum Tisch gesetzt und eine Zeitung aufgeschlagen. Im Kulturteil ist ein Bericht über den gestrigen Eröffnungsabend des Festivals. Auf dem Foto dazu Thomas und einige andere vor dem übergroßen Festivalschriftzug. Vor zwei Tagen hat sie noch daran gedacht, ihm alles Gute zu wünschen, ihn dann aber nicht mehr gesehen. Am Abend ist sie direkt von der Musikschule zu einer Kollegin gefahren, die zum Abendessen eingeladen hatte, und in der Früh war Thomas bereits weg, als sie aufgestanden ist. In der vergangenen Nacht hat sie ihn nicht gehört, als er nachhause kam. Sie hatte die Eröffnung dann auch wieder vergessen. Der Kurator, steht unter dem Foto. Daneben der Direktor. Auch den Stadtpolitiker für Kultur hat Anne ein paar Mal getroffen. Auf dem Foto ist außerdem eine Frau in dem schwer zu schätzenden Alter zwischen dreißig und vierzig, die in der Bildunterschrift nicht genannt wird. Sie scheint etwas auszurufen und hat eine Hand gehoben, um sich im nächsten Moment die Haare zurückzustreichen. Eine zweite Frau kommt Anne bekannt vor, eher in ihrem Alter, ein rotes Brillengestell und sehr kurzes Haar, auch sie unbenannt. Thomas schaut in Richtung des Fotografen. Anne kennt seinen Blick, wenn er bemüht ist, nichts zu überhören, niemanden zu übersehen. Den ganzen Abend lang wirkt er herzlich, aufmerksam, gelassen. Später wird er sagen, er könne sich nicht an den Inhalt auch nur eines einzigen Gesprächs erinnern. Ein bärtiger Mann betritt das Lehrerzimmer. Der Fagottkollege, der in diesem Semester nur zwei Schüler hat und deshalb im Büro der Musikschule aushilft. Er setzt sich zu Anne und sieht den Artikel über die Eröffnung. Ob sie dort gewesen sei? Anne verneint. Seit Jahren nicht mehr. Das ist seine Arbeit, sagt sie, was soll ich dort. Der Fagottkollege nickt.

Halt, sagt Anne. Ihre rechte Hand stellt sich nicht nur auf, sie hebt sich ein Stück vom Oberschenkel. Halt, wiederholt sie, ihre Hand hebt sich noch ein wenig und würde das Mädchen am Weiterspielen hindern, wenn es nun nicht abgebrochen hätte. Es glitscht über die Tonfolgen, die schnell und sauber sein sollten, und breitet sich in den langsamen Takten behaglich aus. Anne wartet, bis der letzte Ton verklungen ist, auch hier hat das Mädchen danebengegriffen. Du machst es dir leicht, sagt Anne. Das Mädchen rührt sich nicht. Du musst doch spüren, wie schlampig das ist, das spürt man doch. Anne atmet ein und zählt im Stillen ein paar Takte, ehe sie weiterspricht. Sie sitzt auf ihrem üblichen Platz neben der Schülerin. Das Mädchen hat den Kopf ein wenig zur Seite gedreht, nicht weit genug, um Anne anzusehen. Seit der ersten Stunde hat sie mit diesem Mädchen zu kämpfen, mit dem wortlosen Widerstand und der Wut, die es bisweilen überkommt. In der ersten Stunde hat es, als etwas nicht gelang, auf die Tasten gedroschen. So ungläubig ist Anne neben diesem Ausbruch gesessen, dass sie nicht eingriff, bis das Mädchen von selber aufhörte. Etwas Vergleichbares ist seither nicht vorgekommen, aber Anne spürt die Wut des Mädchens. Es schlägt auf die Tasten, anstatt sie anzuschlagen, alle Töne geraten ihm zu laut. Anne hat den Verdacht, dass die Dissonanzen, die es durch Verspielen erzeugt, dem Mädchen Befriedigung verschaffen. Vielleicht steigert seine Wut auch, dass Anne nicht die Geduld verliert. Sieh mal, sagt Anne, du musst die Töne getrennt voneinander spielen. Non-legato. Eine Taste loslassen, ehe man die nächste anschlägt. Anne spielt dem Mädchen zwei Takte vor, zeigt das Anschlagen und Absetzen mit überdeutlichen Bewegungen. Bis zur Coda nur die linke Hand, sagt Anne, und langsam. Das Mädchen ahmt ihre übertriebenen Fingerbewegungen nach, es hält die Töne jetzt zu lang. Anne lässt es gewähren. Sobald das Mädchen alt genug ist, sich gegen die Eltern durchzusetzen, wird es mit dem Klavierspielen aufhören. Bis dahin liegt Annes rechte Hand auf ihrem Oberschenkel, die Muskeln angespannt, bereit, der Wut des Mädchens Einhalt zu gebieten. Sie streckt die Finger, bewegt das Handgelenk, um die Verkrampfung zu lösen. Seit einiger Zeit lackiert das Mädchen seine Fingernägel, heute ist es ein helles, beißendes Orange. Anne hat mit ihm gesprochen, hat gefragt, ob es lieber ein anderes Instrument spielen würde. Sie hat gesagt, es sei normal, am Anfang nur kleine Fortschritte zu machen. Im Gespräch ist das Mädchen höflich und unter der Höflichkeit unzugänglich. Es wolle kein anderes Instrument spielen, es sei mit den Eltern übereingekommen, Klavier zu lernen. Nach dem Unterricht macht Anne einen Umweg, um in der Musikalienhandlung Notenhefte abzuholen. Der Besitzer findet seit Jahren Gefallen daran, sie Madame zu nennen und den österreichischen Nachnamen, der slawischen Ursprungs ist, französisch auszusprechen. Einmal hat er Anne nach ihrem Mädchennamen gefragt. Sie hat den Kopf geschüttelt. Dann hat sie den Namen ausgesprochen und noch einmal wiederholt. So dürfe er sie aber nicht nennen, hat Anne zu dem Mann gesagt, sie habe diesen Namen abgelegt. Naturellement, hat der Besitzer der Musikalienhandlung gesagt. Er hat ihr die Tür aufgehalten, mit einer Verbeugung: Adieu, Madame. Heute ist er telefonierend im Hinterzimmer verschwunden. Auf Wiedersehen, sagt Anne zu dem Angestellten, der sie bedient hat. Sie quert den weiten Platz mit dem Wasserbassin in der Mitte. An einer Seite des Bassins sind Palmen in Kübeln aufgestellt und ziehen die Rundung des Beckens nach. Als sei ich ganz woanders, sagt Anne zur Freundin. Als würde nun ein Abend beginnen und man bemerkt es erst, wenn man Hunger verspürt, und der Abend wird zur Nacht, und auch das bemerkt man erst, wenn es ringsum ganz dunkel ist, aber man sitzt in einem Lichtschein, von einer Straßenlaterne oder einer Kerze auf dem Tisch. So ein Gefühl habe sie plötzlich gehabt, sagt Anne, bloß weil die Stadtverwaltung Palmen in Kübeln aufgestellt habe. Du bist urlaubsreif, sagt die Freundin.

Anne liegt auf der Seite, den Kopf schwer auf dem Polster, unverändert noch, wie im Schlaf, in ihrem Kinderbett. Hinter der Wand, in der Küche, sitzen die Eltern und trinken Kaffee. Anne hört es, wenn sie die Tassen abstellen. Die Mutter sitzt dicht an der Wand, Oberarm und Schulter dagegengelehnt. Wenn die Wand nicht wäre und Anne ein Stück nach oben rücken würde, läge ihr Kopf zwischen Vater und Mutter auf der Tischplatte. Anne mag die Stimmen der Eltern am Morgen. Die der Mutter ist brüchig. Der Vater klingt noch dunkler als sonst und räuspert sich. Unter der Bettdecke sind Annes Beine gebeugt, sie zieht sie weiter nach oben, vor den Bauch, wo es wärmer ist. Es ist Thomas’ Stimme, die sie hört. Er telefoniert. Anne versucht zurück in den Schlaf zu gelangen. Sie hört Thomas lachen, verhalten, er weiß, dass sie hier liegt. Anne öffnet die Augen. Die Wand hier muss dieselbe Beschaffenheit haben wie die Küchenwand in der Wohnung ihrer Kindheit. Die Stimmen sind nahe und doch ist kein Wort zu verstehen. Nach einer Pause setzt Thomas erneut an zu sprechen, er verabschiedet sich, Anne erkennt es am Tonfall. Sie blickt auf Thomas’ Nachtkästchen, darauf liegen Zeitschriften und eine Packung Magnesiumtabletten. Als Anne ins Vorzimmer tritt, nimmt Thomas seinen Schlüssel vom Haken. Bis heute Abend, sagt er und Anne sieht ihn im Türspalt lächeln, dann ist er weg. Er hat Regenjacke und Wanderschuhe getragen. Anne hat sich daran gewöhnt, auch am Wochenende morgens allein zu sein. Sie setzt sich mit der Zeitung, die Thomas ins Vorzimmer gelegt hat, an den Küchentisch. Als sie zuletzt mit ihm beim Frühstück gesessen ist, hat Thomas gesagt, sie solle doch etwas essen. Er hat gefragt, ob er ein Marmeladebrot für sie machen solle, und Anne hat genickt, obwohl sie nie ein Marmeladebrot isst, aber sie hat in diesem Moment verstanden, dass es eine Frau gibt, die er vor ihr verbirgt. Als das zum ersten Mal passiert ist, wollte Anne nichts mehr essen. Damals saßen sie in dieser Küche, in der ein anderer Tisch stand als heute, und Thomas legte seine Gabel hin und kam um den Tisch herum. Er setzte sich neben Anne, nahm mit ihrer Gabel Gemüse von ihrem Teller und hielt die Gabel dicht vor Annes Lippen. Er hob den anderen Arm, sie spürte eine Berührung im Nacken, dann warf er die Gabel hin und verließ die Wohnung. Anne begann erst wieder zu essen, als es die andere Frau nicht mehr gab, und Thomas begriff nicht, wie Anne wissen konnte, wann er log. Seitdem genügt es, dass Thomas sich darum sorgt, ob sie genug Nahrung zu sich nimmt. Anne steht auf und nimmt ein Joghurt aus dem Kühlschrank, schüttet Haferflocken und Leinsamen in eine Schüssel, verrührt das Joghurt. Ehe sie sich zurück an den Tisch setzt, schaltet sie die Stehlampe in der Ecke ein. Es ist ein trüber Morgen, im Innenhof tönt der Regen. Einzelne hellere Klänge, wie auf Blech, dann schließt sich wieder das Rauschen davor.

Erzähl doch was, sagt die Mutter am Telefon. Was soll ich denn erzählen, fragt Anne. Sie hat bereits erzählt, dass die Schülerzahlen im vergangenen Jahr wieder zurückgegangen sind, dass sie eine neue Leitung bekommen werden. Sie hat der Mutter versichert, dass ihre Stunden nicht gekürzt würden. Die Mutter sorgt sich trotzdem um Annes Arbeitsplatz. Gott sei Dank, sagt die Mutter, bist du nicht allein auf dein Gehalt angewiesen. Doch, ihr gehe es gut, antwortet sie der Mutter, auch Thomas gehe es gut. Natürlich arbeite er viel. Was sie heute noch machen werde? Nichts. Die Wohnung putzen. Eine Runde spazierengehen. Die Mutter fragt nach Thomas, Anne sagt, der sei nicht da. Verbringt ihr das Wochenende nicht miteinander, fragt die Mutter. Anne hört die veränderte Aufmerksamkeit in ihrer Stimme. Er sei beruflich unterwegs, sagt Anne, es ist ein Reflex, wie die Hand nach einem zu Boden stürzenden Gegenstand auszustrecken. Am Sonntagnachmittag seien der Vater und sie immer ausgegangen, um einen Aperitif zu nehmen, sagt die Mutter. Manchmal war Anne dabei und bekam ein Glas dunkelgrünen Minzesirup. Sie würde heute gern mit der Mutter einen Aperitif nehmen, sagt Anne. Im La Douceur einen Minzesirup trinken. Das wäre schön. Anne sagt, es tue ihr leid, dass sie nicht öfter bei der Mutter sein könne. Einen Moment lang hat sie darüber nachgedacht, noch heute in den Zug zu steigen, um morgen oder übermorgen mit der Mutter im La Douceur zu sitzen und ihr alles erzählen zu können. Irgendwann einmal hat Anne zu Thomas gesagt: Sag mir alles, weil sie wörtlich übersetzt hatte, womit man im Französischen seine Aufmerksamkeit ausdrückt. Thomas war von dieser Wendung begeistert gewesen und Anne hatte gesagt, das bedeute meist gar keine Vertraulichkeit.

Später an diesem Tag dreht Anne im Nieselregen Runden durch den Park. Alle zehn Minuten schaut sie auf die Uhr an ihrem Handgelenk, nach einer Dreiviertelstunde verlässt sie den Park durch einen höher gelegenen Ausgang. In der Gasse, die bergab führt, kommt ihr ein Kind entgegen. Es lässt seinen Blick nicht von Anne, bis sie aneinander vorbeigegangen sind. Anne dreht den Kopf, um dem Kind nachzuschauen. Es streckt eine Hand nach der Hausmauer aus und blickt nicht zurück. Anne jedoch sieht, als sie sich wieder nach vorne wendet, einen Mann und eine Frau auf sich zukommen. Sie erkennt den Mann, er ist Geiger, aber es ist lange her, dass Anne mit ihm zu tun hatte. Sie werden einander auf dem schmalen Gehweg ohne ein Zeichen des Erkennens ausweichen. Der Geiger lächelt. Als sie nur noch wenige Schritte voneinander entfernt sind, streckt er eine Hand aus. Der Geiger freut sich, er stellt Anne seiner Frau vor. Er nennt Annes Namen und lächelt noch immer und sie versucht sich an das Gesicht zu dem Namen zu erinnern. Sie muss doch heute Morgen in den Spiegel geschaut haben. Die Frau des Geigers lächelt und auch Anne sollte lächeln. Wenn sie sich bloß an ihr Gesicht erinnern könnte. Der Geiger fragt nach einem Kammermusikensemble, in dem Anne einmal gespielt hat. Sie hebt die Hand, berührt ihren Haaransatz, streicht mit den Fingern wie in einer unbewussten Geste von der Schläfe nach hinten, bis sie eine Spange ertastet und sich endlich erinnert, wie sie heute Morgen vor dem Spiegel ihre Haare hochgesteckt hat. Das Ensemble habe sich schon vor Jahren aufgelöst, sagt Anne und endlich lächelt sie auch, lächelt die Frau des Geigers an und fragt nach seinen Tätigkeiten. Der Geiger gibt keine Stunden mehr, das Unterrichten würde ihm sein Spiel ruinieren, sagt er, und dass er Glück habe mit seiner Frau, deren regelmäßiges Einkommen seine Unregelmäßigkeit ausgleiche. Anne kann sich nicht beherrschen, sie blickt über die Schulter zurück, die Gasse hinauf. Sie hält Ausschau nach dem Kind. Wenn sie nur seinen ernsthaften Rücken und die nach der Hausmauer ausgestreckte Hand noch einmal sehen könnte. Mehrmals dreht Anne sich auf dem Heimweg um. Von dem Kind ist nichts zu sehen, bloß die Dämmerung nimmt zu. Die Hälfte des Wohnzimmers, in der das Klavier steht, ist Annes Arbeitsplatz. Während sie ihre Unterlagen für die nächste Woche ordnet, kommt Thomas nachhause. Eine Weile hört Anne ihn herumgehen, dann kommt er ins Wohnzimmer und setzt sich auf das Kanapee. Er hat eine Zeitung mitgebracht, die legt er auf den niedrigen Glastisch. Wie geht es deiner Mutter? fragt Thomas. Er weiß, dass Anne jeden Sonntag um die Mittagszeit mit ihr telefoniert. Das Übliche, sagt Anne. Sie will Geschichten hören und kann nicht glauben, dass ich so wenig zu erzählen habe. Dann erfinde doch etwas, sagt Thomas.