Die Kunst des Wing Chun - Mario Lopez - E-Book

Die Kunst des Wing Chun E-Book

Mario López

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Beschreibung

Die Kunst des Wing Chun – Präzision, Effizienz und Tradition in einer der wirkungsvollsten Kampfkünste der Welt Wing Chun ist weit mehr als reine Selbstverteidigung – es ist ein durchdachtes System, das auf Geschwindigkeit, Effizienz und strategisches Denken setzt. Dieses Buch vermittelt nicht nur Techniken, sondern ein tiefes Verständnis für die Prinzipien, die Wing Chun zu einer der effektivsten Nahkampfkünste machen.

Klappentext: Wing Chun – die Kampfkunst, die auch Bruce Lee maßgeblich prägte – basiert auf klaren Prinzipien und praxisnahen Anwendungen. In Die Kunst des Wing Chun führt Sie Mario Lopez, einer der ranghöchsten Wing Chun-Meister Europas und offizieller Nachfolger von Sifu Randy Williams, von den Grundlagen bis zu komplexen Techniken. Mit einer einzigartigen Kombination aus anschaulichen Abbildungen, präzisen Erklärungen und über 100 begleitenden Lehrvideos erhalten Sie ein vollständiges Trainingskonzept für alle Leistungsstufen. Ob zur Selbstverteidigung, zur Verbesserung Ihrer Kampfkunst oder als fundiertes Nachschlagewerk – dieses Buch gibt Ihnen das Wissen und die Werkzeuge, um Ihre Fähigkeiten nachhaltig zu entwickeln. Sind Sie bereit, Ihr Wing Chun auf das nächste Level zu bringen?

Ihre Vorteile auf einen Blick: -Über 40 Jahre Wing Chun-Erfahrung in einem Werk – Profitieren Sie von der Expertise eines international anerkannten Meisters mit jahrzehntelanger Unterrichts- und Turniererfahrung. - Schritt-für-Schritt-Anleitungen mit ergänzenden Lehrvideos – Verständlich erklärte, lehrreiche Videos in beinahe jedem Kapitel, abrufbar über QR-Code, unterstützten Sie beim praktischen Training. - Detaillierte Bildfolgen zu jeder Technik – Von Beinarbeit und Schlagtechniken bis zu komplexen Verteidigungs- und Trapping-Methoden wird jede Bewegung präzise dargestellt. - Für alle Leistungsstufen geeignet – Ob Einsteiger, Fortgeschrittener, Ausbilder oder Sicherheitsprofi – dieses Werk bietet wertvolle Inhalte für jedes Niveau. - Historische Tiefe und moderne Anwendbarkeit – Erfahren Sie die Geschichte, Philosophie und Prinzipien des Wing Chun und setzen Sie diese gezielt in realen Selbstverteidigungssituationen ein.

Beginnen Sie noch heute Ihr systematisches Wing Chun-Training mit einem der führenden Experten Europas. Sichern Sie sich Die Kunst des Wing Chun jetzt und legen Sie den Grundstein für technische Präzision, mentale Stärke und souveräne Selbstverteidigung.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Mario Lopez

Die Kunst des Wing Chun

Das große Wissenskompendium für Anfänger, Profis und Meister des Kampfsports

Eine Marke von EK-2 Publishing

Ihre Zufriedenheit ist unser Ziel!

Liebe Leser, liebe Leserinnen,

zunächst möchten wir uns herzlich bei Ihnen dafür bedanken, dass Sie dieses Buch erworben haben. Wir sind ein mittelständisches Familienunternehmen aus Duisburg und freuen uns riesig über jeden einzelnen Verkauf!

Wir sind bestrebt, jedes unserer Bücher für Sie zu einem ganz besonderen Leseerlebnis zu machen. Daher liegt uns Ihre Meinung sehr am Herzen!

Wir freuen uns über Ihr Feedback zu unserem Buch. Haben Sie Anmerkungen? Kritik? Bitte lassen Sie es uns wissen. Ihre Rückmeldung ist wertvoll für uns, damit wir in Zukunft noch bessere Bücher für Sie machen können.

Schreiben Sie uns: [email protected]

Nun wünschen wir Ihnen ein angenehmes Leseerlebnis!

Ihr EK-2 Publishing-Team

Für wen ist dieses Buch?

Dieses Buch richtet sich an eine Vielzahl von Zielgruppen:

Alle Altersgruppen, die sich für das Thema Selbstverteidigung interessieren: Die Kriminalstatistik zeigt, dass Körperverletzungsdelikte weiterhin eine Herausforderung sind. Konflikte entstehen oft plötzlich und aus scheinbar harmlosen Situationen. Selbstverteidigung hilft, solche Gefahren frühzeitig zu erkennen und richtig zu reagieren. Übergriffe und Gewaltverbrechen sind nicht nur in urbanen Gebieten ein Problem, sondern können überall auftreten – auf der Straße, in öffentlichen Verkehrsmitteln oder sogar im privaten Umfeld. Die Fähigkeit, sich zu schützen, gibt Sicherheit und Selbstvertrauen.

Wing Chun-Praktizierende: Einsteiger erhalten eine klare Einführung in die Grundlagen, Prinzipien und Kampfanwendungen.

Fortgeschrittene vertiefen ihr Wissen in Bereichen wie Chee Sau, Lop Sau und einer großen Anzahl von Partner-Drills.

Wing Chun-Ausbilder: Junge Instruktoren nutzen das Buch als Nachschlagewerk für Didaktik, Terminologie und fortgeschrittene Techniken. Sie lernen neue Formen und verschiedene „Kommandomöglichkeiten”, die das Unterrichten vereinfachen und effizienter gestalten.

Erfahrene Lehrer ergänzen ihr Wissen durch neue Perspektiven und strukturiertes Material.

Kampfsport-Interessierte: Praktizierende anderer Stile profitieren von Wing Chun-Konzepten wie „Trapping”, dem „Facing”, der Ökonomie von Bewegung und weiteren Konzepten.

Selbstverteidigungs-Enthusiasten: Sie lernen praxisorientierte Übungen und Strategien für reale Situationen.

Fachleute im Sicherheitsbereich: Polizisten und Sicherheitskräfte nutzen die effektiven Techniken und Kontrollkonzepte.

Fitness- und Gesundheitsinteressierte: Wing Chun fördert Körperhaltung, Koordination und mentale Stärke.

Gemeinschaft: Wing Chun verbindet Menschen mit ähnlichen Werten und schafft Räume für Austausch und Zusammenarbeit.

Flexibilität: Nebenberuflich abends oder am Wochenende, hauptberuflich mit eigener Schule oder Seminaren.

Finanzieller Nutzen: Einnahmen aus Kursen, Einzelstunden und Workshops. Wing Chun als Neben- oder Hauptberuf.

Persönliche Entwicklung: Stärkung von Kommunikations- und Führungsqualitäten sowie Vertiefung des eigenen Wissens. Wing Chun verbindet Leidenschaft, persönliche Weiterentwicklung und berufliche Erfüllung. Ob als Schüler, Instruktor oder Trainer: Es bietet die Möglichkeit, sich selbst zu verbessern und andere zu inspirieren.

Instruktoren-Ausbildung: Die Close Range Combat Academy (CRCA-Lopez) bietet flexible Ausbildungsprogramme in Präsenz und online an. Interessierte können sich unter [email protected].

Einleitung

Wing Chun: Die Wichtigkeit der Grundlagen

Abbildung 1: Der Autor des Buches, Mario Lopez

Als ich 1980 im Alter von 15 Jahren mit dem Wing Chun-Training begann, hätte ich niemals gedacht, dass ich eines Tages ein Buch über diese Kampfkunst schreiben würde. Und doch halte ich es heute in den Händen. Wie ist es dazu gekommen?

Im Jahr 2012 gründete ich einen Verlag, um die Bücher meines Lehrers Randy „The Seef” Williams zu veröffentlichen. Neun Bücher wurden von mir überarbeitet und auf den neuesten Stand gebracht – ein Prozess, der vier Jahre in Anspruch nahm. Oft dachte ich dabei schmunzelnd: „Ein eigenes Buch zu schreiben, wäre schneller erledigt als diese hier zu überarbeiten.” Es fühlte sich ähnlich an wie der Vergleich zwischen einem Neubau und der Renovierung eines alten Hauses – Letzteres ist oft deutlich aufwendiger.

Während dieser vier Jahre wurde ich immer wieder gefragt, wann ich selbst ein Buch in deutscher Sprache schreiben würde. Doch dabei stellte sich mir auch die entscheidende Frage: Über welche Aspekte des Wing Chun sollte ich schreiben? Wing Chun ist unglaublich umfangreich und vielschichtig, fast wie ein Studium. Eine so komplexe Materie aufzugreifen und die richtige Richtung einzuschlagen, war eine Herausforderung.

Diese Frage musste ich zuerst für mich beantworten, bevor ich mit dem Schreiben beginnen konnte. Nach reiflicher Überlegung fand ich schließlich das Themafür mein erstes Buch.

Viele kennen den Satz: „Übung macht den Meister.” Aber ist das wirklich so? Denn nicht jede Übung führt zum Erfolg. Es geht darum, richtig zu üben und die richtigen Grundlagen zu meistern. Nur wer sich konsequent mit den Basics auseinandersetzt und diese perfektioniert, kann wirklich ein Meister werden.

Seit 1996 unterrichte ich diese faszinierende Kampfkunst. Zwischen meinem ersten Training und der Veröffentlichung dieses Buches liegen 45 Jahre, in denen ich kontinuierlich Kurse, Seminare und Workshops besucht habe – in Ländern wie Singapur, Mexiko, den USA und vielen europäischen Ländern –, um mein Wissen im Wing Chun zu vertiefen. 2012 schloss ich schließlich meine Ausbildung erfolgreich ab.

Seit 1996 habe ich mein Wissen in Kursen zur Selbstverteidigung an Jugendämter, Kindertagesstätten, Justizvollzugsanstalten, Migrationszentren und Schulen weitergegeben. Darüber hinaus habe ich unzählige Seminare im In- und Ausland geleitet, um Wing Chun für Menschen verschiedenster Hintergründe zugänglich zu machen.

Bei fortgeschrittenen Schülern fiel mir ein Aspekt immer wieder auf: Während einige das Wing Chun optisch und technisch hervorragend umsetzen konnten, wirkten die Bewegungen bei anderen weniger stimmig, und sie hatten oft große Schwierigkeiten, Techniken im Chee Sau (Chi Sau), den „klebenden Händen”, bei Partnerübungen der höheren Formen oder am Mook Yan Joang – dem Holzmann-Stamm (Holzpuppe) – sauber auszuführen. Woran lag das?

Ich stellte fest: Wer den Grundlagen des Wing Chun, den sogenannten „Basics”, nicht genügend Aufmerksamkeit und Zeit gewidmet hatte, musste später Abstriche machen. Meine heutigen Schüler kennen vermutlich schon das „Lied von der Wichtigkeit der Basics” – und können es wohl kaum noch hören.

Für diejenigen, die an der These zweifeln, dass „die Basics das A und O” sind, empfehle ich, sich einmal genau in ihrem sportlichen Umfeld – und nicht nur im Wing Chun – umzusehen.

Die Grundlagen, im weiteren Verlauf als „Basics” bezeichnet, bilden das Fundament im Wing Chun. Tatsächlich haben Wing Chun und Schach vieles gemeinsam: Wie im Schach gilt es auch im Wing Chun, die „Grundzüge und Eröffnungen” zu lernen und zu verstehen, bevor der Schüler sein Wissen vertiefen und damit erfolgreich sein kann.

Mit den „Basics” sind folgende Gruppen gemeint, die es zu beherrschen gilt:

Grundlagen des Wing Chun

Beinarbeit

Fauststöße

Handflächenstöße

Ellenbogenstöße

Fußtritte und Kniestöße

Verteidigungsgrundtechniken (Blöcke)

Yin-Bewegungen in der Verteidigung

Yang-Bewegungen in der Verteidigung

Komplexe Verteidigungstechniken

Weitere Stoßtechniken

Verteidigungstechniken mit den Beinen

Mit dem Wissen und Können dieser acht Grundlagen eröffnet sich eine nahezu unbegrenzte Anzahl an Kombinationsmöglichkeiten. Kurze und lange Technikserien können je nach Situation sowohl zur Abwehr verschiedenster Angriffe als auch zum gezielten Angriff eingesetzt werden.

Perfektioniere die Basics für maximale Effektivität.

„Lerne die Basics so gut wie nur möglich. Versuche, sie im Training zu 100 % korrekt auszuführen, denn im Ernstfall wirst du vermutlich aufgrund von Gefühlen wie Angst, Wut, Nervosität, Erschöpfung, Adrenalinausstoß, Zeitmangel usw. nur noch 70–80 % deiner Fähigkeiten abrufen können. Diese 70–80 % reichen im

Wing Chun

völlig aus, um sich und andere sicher verteidigen zu können. Solltest du aber beim Training nur zu 60–70 % korrekt arbeiten, wirst du in einer realen Auseinandersetzung nur 50 % oder weniger abrufen können – und das könnte unter Umständen zu wenig sein.”

Ein weiterer Grund, ständig an den „Basics” zu arbeiten, ist die „Optik”. Gemeint ist das Erscheinungsbild, also die Art und Weise, wie ein Wing Chun-Praktizierender wirkt, wenn er Techniken vorführt – sei es beim Training vor seinen Trainingskameraden, bei Vorführungen auf Veranstaltungen, auf Seminaren oder bei Wettkämpfen. Insbesondere bei sogenannten „Formen-Turnieren” sind Präzision und ein Beherrschen der Basics unerlässlich, um eine möglichst hohe Punktzahl zu erreichen.

Nur wenn du, lieber Leser, die Basics richtig gelernt hast, wirst du die Kampftechniken in dem hohen Tempo, das im Wing Chun üblich ist, mit hoher Qualität ausführen können.

Auf den folgenden Seiten werden Schritt für Schritt alle notwendigen Details in Bild, Schrift und Video erläutert, damit DU, lieber Leser, ein zusätzliches Werkzeug für dein regelmäßiges Training hast, um DEIN Wing Chun zu verbessern.

Niemals vergessen: Die „Basics” sind das „A und O”!

Dem Leser nun viel Freude mit diesem Buch.

Mario Lopez

Begegnung mit Sifu Randy „The Seef” Williams

Abbildung 2: Wing Chun-Meister „Mr. Creative“ Randy "The Seef" Williams

1995, nachdem ich bereits 15 Jahre lang Wing Chun in verschiedenen Systemen trainiert hatte, lernte ich Sifu Randy Williams kennen. Schon in den 90er-Jahren war er weltweit als Wing Chun-Meister bekannt und hoch angesehen.

Randy hatte zahlreiche Bücher und eine umfassende Videokollektion veröffentlicht, war in renommierten Kampfkunstmagazinen mit Artikeln über Wing Chun präsent und arbeitete erfolgreich als Bodyguard für prominente Persönlichkeiten. Zudem gab es Ableger der heutigen CRCA (Close Range Combat Academy) auf jedem Kontinent.

Mein damaliger Trainer und ich hatten die Gelegenheit, Randy Williams, der in den USA (Pennsylvania) lebt, nach Deutschland einzuladen, um in Duisburg ein Seminar zu halten. „Seef” – eine liebevolle Abkürzung von „Sifu” – nahm die Einladung an und leitete ein für damalige Verhältnisse unglaubliches Seminar.

Die Offenheit eines außergewöhnlichen Lehrers

Was uns Teilnehmer beim Seminar von Randy Williams absolut überraschte, war seine Offenheit! Er beantwortete jede Frage, die wir stellten, und zeigte uns alles, was wir sehen wollten. Es gab keine Geheimnisse. Selbst die Mook Yan Joang-Form – die „Holzpuppen-Form” – demonstrierte er, was in der Wing Chun-Szene damals absolut unüblich war.

Wie oft hatte ich bei anderen Lehrern auf Fragen Antworten gehört wie: „Das ist noch zu früh für dich”, „Das musst du noch nicht wissen”, „Das erfährst du später” oder „Dafür bist du noch nicht weit genug”. Bei „Seef” war das anders.

Auch in seinem Verhalten abseits des Trainings war er völlig unkonventionell. Vor und nach den Seminaren sprach er mit uns auf Augenhöhe, als wären wir langjährige Freunde. Abends saßen wir zusammen, aßen, tranken und lachten. Er war ein Lehrer „zum Anfassen”. Bei einem Glas Wein erzählte er uns von seiner Zeit mit der Familie von Bruce Lee, seinem Training bei Ted Wong (einem Top-Schüler von Bruce Lee, bei dem „Seef” etwa 25 Jahre Jeet Kune Do trainierte) und von seiner Arbeit als Bodyguard für Größen wie Eric Clapton.

Innovation und Kreativität im Wing Chun

In den letzten zwei Jahrzehnten hat Randy Williams das CRCA-Wing Chun immer wieder aktualisiert und erweitert. Er entwickelte Konzepte wie „Cut the Fat”, „Double Pull”, „Groundfighting” und „Weapon Defense”, um nur einige zu nennen.

Eine seiner bemerkenswertesten Erfindungen ist der Octo-Dummy, ein Dummy mit acht Armen und Beinen, für den er eine eigene Form und verschiedene neue Drills kreierte – genauso wie er es zuvor für die Arbeit mit dem Jook Wan (Rattan-Ring) getan hatte. Aus diesem Grund habe ich ihm vor Jahren den Spitznamen „Mr. Creative” gegeben.

In meinen 45 Jahren Wing Chun habe ich keinen anderen Lehrer getroffen, der auch so kreativ war wie Sifu Randy Williams. Und das sage ich nicht, weil er „mein” Lehrer ist, sondern weil es schlicht und einfach der Wahrheit entspricht.

„Seef “, I respectfully salute you!

Vorwort (Foreword)

I first met Mario Lopez in September of 1995, when he and another friend brought me to Germany for the very first time. It’s hard to believe that 30 years have gone by since we first met. And in those thirty years that followed, he and I have been to many cities and countries together, training and teaching CRCAWing Chun around the world in places such as Singapore, Mexico, England, Austria, France, Portugal and others.

Mario has been instrumental in the development and growth of CRCA, the international martial art organization I founded (Close Range Combat Academy) with branches in many countries worldwide. He has since taken over as the head of CRCA, and the production of this book will be yet another of his accomplishments in the promotion of Wing ChunGung Fu. In addition to his very successful forms and fighting competition teams for adults and kids, Mario’s gym in Duisburg, Germany has hosted many international seminars where instructors and students from all over the world get together for training, exchange of ideas and spend time getting to know each other, as friendship and brotherhood is a very important part of traditional Wing ChunGung Fu values.

Mario has helped me upgrade and reproduce my own two series of instructional manuals and my latest set of videos on the weapons and groundfighting of CRCAWing Chun, and now has graduated to producing his own masterpiece.

This book, with its QR-coded links to video clips will be a revolutionary new development in Wing Chun instructional material as a kind of a hybrid blend of the different media used in the past – old school video/DVD and older school textbook. This could prove to be more effective than either of them alone.

I’m sure that you, the reader, will benefit greatly from Mario’s latest work regardless of whether you are new to the system, an advanced student, or even a master of some other martial art system looking to add to your current arsenal of fighting techniques.

I’m very proud to call Mario Lopez my friend, student and successor to the system I have been training and developing for over fifty years!

Randy Williams

1. Historische Grundlagen

1.1 Entwicklungsgeschichte des Wing Chun

Die Ursprünge des Wing Chun

Wie bei allen klassischen Stilen des chinesischen Gung Fu lassen sich die Wurzeln des Wing Chun-Systems bis zum Siu Lum-Tempel (Shaolin) zurückverfolgen, der am Sung-Berg in der chinesischen Provinz Honan liegt.

Während der Ching-Dynastie (Qing-Dynastie), auch bekannt als Mandschu-Herrschaft, wurde der Tempel zu einem Zufluchtsort für Rebellen. Ming-Patrioten, die sich geschworen hatten, das Ching-Regime zu bekämpfen – das die wohlwollende Ming-Regierung gestürzt hatte –, fanden im Siu Lum-Kloster einen sicheren Hafen.

Die Patrioten nutzten eine geheime Handbewegung, um sich gegenseitig zu identifizieren. Diese Bewegung ist seitdem untrennbar mit dem chinesischen Gung Fu verbunden: Die offene linke Hand umklammert die geschlossene rechte Faust (siehe Abbildung).

Diese Geste hat eine tiefere symbolische Bedeutung. Die rechte Faust repräsentiert die Sonne, während die linke Handfläche den Mond darstellt. Zusammen ergeben sie die Schriftzeichen für das chinesische Wort „Ming”, das mit „Helligkeit” übersetzt werden kann.

Abbildung 3: Die traditionelle Art zum Gruß und dem Zollen von Respekt. Die rechte Faust wird mit der linken Handinnenfläche zusammengeführt.

Die Geschichte des Wing Chun

Während der Ching-Dynastie sympathisierten die Mandschu-Herrscher mit einem Mönch namens MaLing Yee, der den Schwachpunkt des Siu Lum-Tempels kannte. Mit seiner Hilfe setzten sie das Kloster etwa im Jahr 1674 in Brand. Viele Mönche verloren ihr Leben, doch einige Überlebende, bekannt als die „Fünf Weisen”, konnten fliehen: Jee Seen, Fung Doh Tak, Pak Mei, Miu Heen und die buddhistische Nonne Ng Mui.

Ng Mui zog sich zum Weißen Kranich-Tempel am Tai Leung-Berg zurück. Dort traf sie das junge Mädchen Yim Wing Chun, das mit ihrem Vater Yim Yee Tofu verkaufte. Die beiden entwickelten eine enge Freundschaft. Ng Mui erfuhr von einem Großgrundbesitzer namens „Tiger” Wong, der Yim Wing Chun trotz ihrer Verlobung bedrängte und sie zur Heirat zwingen wollte.

Um sie zu schützen, nahm Ng Mui Yim Wing Chun als Schülerin auf und lehrte sie ein geheimes Kampfsystem, das auf Schnelligkeit und Agilität statt auf Muskelkraft setzte. Nach ihrer Ausbildung besiegte Yim Wing Chun den Großgrundbesitzer und heiratete ihren Verlobten Leung Bock Sau, der später das System weiterentwickelte und es zu ihren Ehren Wing ChunKuen nannte.

Die Weitergabe des Wing Chun

Yim Wing Chun lehrte ihren Ehemann Leung Bock Sau, der das Wissen an Leung Lon Gwai weitergab. Dieser wiederum unterrichtete Wong Wah Boh, ein Mitglied der chinesischen Oper, die auf einem Schiff namens Hung Shuen („Rotes Boot”) reiste.

Wong Wah Boh traf dort auf Leung Yee Tai, der durch einen der „Fünf Weisen”, Jee Seen, die Kunst des Langstocks erlernte. Diese Techniken wurden in das Wing Chun-System integriert. Leung Yee Tai unterrichtete einen Arzt namens Leung Jan aus Fatshan (Foshan), der als einer der besten Kämpfer seiner Zeit galt.

Leung Jan gab das System an seinen Schüler Chan Wah Soon, bekannt als „Geldwechsler Wah”, weiter. Chan Wah Soon unterrichtete Yip Man, der im Alter von 13 Jahren mit dem Wing Chun begann.

Der Einfluss von Yip Man

Nach dem Tod von Chan Wah Soon setzte Yip Man seine Ausbildung bei Leung Bick, dem Sohn von Leung Jan, fort. Yip Man erreichte ein hohes Niveau im Wing Chun und begann 1949 in Hongkong, das System öffentlich zu lehren. Er wurde der Großmeister des Wing Chun und unterrichtete viele bekannte Schüler, darunter Bruce Lee, Wong Shun Leung, Moy Yat, Leung Ting sowie seine Söhne Yip Chun und Yip Ching.

Wing Chun heute

Großmeister Yip Man verstarb 1972, doch durch seine Schüler lebt die Kunst des Wing Chun weltweit weiter. Sein Vermächtnis prägt heute unzählige Kampfkünstler und Schulen, die die Techniken und Philosophien dieses einzigartigen Systems weitertragen.

(Quelle: Wing Chun Gung Fu – The Explosive Art Of Close Range Combat, Vol. 1 von Randy Williams, frei übersetzt)

1.2 Wing Chun-Stammbaum

Shaolin

Ng Mui

yip Man

Can Wah Sun

Leung Bik

Leung Jan

Leung Yee Tai

Jee Seen

Wan Wah Boh

Leung Lon Gwei

Leung Bok Cau

Yim Wing Chun

Shaolin

Sohn

Shaolin

Wing Chun

langstock

Bruce Lee

yip Chun

yip Ching

Ho Kam Ming

Tsui Seung Tin

Leung Ting

Lee Sing

Wong Shun Leung

Moy Yat

Wong Gee Wing

1.3 Kranich und Schlange im Wing Chun

Abbildung 4: Das CRCA-Logo

Randy „The Seef” Williams kreierte dieses Logo für die von ihm in den 80er-Jahren gegründete Organisation Close Range Combat Academy (CRCA). Das Symbol vereint viele der typischen Elemente, die im Wing Chun genutzt werden: den Langstock (Look Deem Boon), den Rattanring (Jook Wan) und die Doppel-Kurzschwerter (Bot Jom Doh).

Darüber hinaus sind die alten chinesischen Schriftzeichen für Wing Chun sowie die symbolischen Tiere des Systems – Kranich und Schlange – im Logo integriert. Viele grundlegende Prinzipien und Techniken des Wing Chun haben ihren Ursprung in diesen beiden Tieren.

Ob die Legenden um die buddhistische Nonne Ng Mui und ihre Schülerin Yim Wing Chun tatsächlich wahr sind – Ng Mui soll den Kranich und die Schlange beim Kampf beobachtet und daraufhin einen neuen Kampfstil für Yim Wing Chun entwickelt haben, um einem größeren und stärkeren Gegner überlegen zu sein – oder ob Ng Mui lediglich bestehende Tierstile wie Kranich und Schlange als Vorlage für das spätere Wing Chun nutzte, spielt für die Entwicklung des CRCA-Wing Chun heute nur eine untergeordnete Rolle.

Fest steht jedoch, dass zahlreiche Elemente des Wing Chun ihre Wurzeln in den Bewegungen und Prinzipien von Kranich und Schlange haben. Bei näherer Betrachtung lassen sich folgende Parallelen feststellen:

Der Kranich:

Der Kranich kann greifen, festhalten und seinen Gegner an sich heranziehen – eine Fähigkeit, die wir im Wing Chun als „Trapping” bezeichnen. Trapping bedeutet, dass der Angreifer während des „Traps” blockiert ist und nicht zuschlagen kann, während der Wing Chun-Kämpfer handlungsfähig bleibt. Der Kranich stößt und beißt mit seinem Schnabel, ähnlich wie der Kopfstoß im Wing Chun. Dieser kommt insbesondere dann zum Einsatz, wenn die Distanz zum Gegner sehr kurz ist oder die eigenen Hände „getrappt” sind. Im Wing Chun gilt: Es gibt keine Regeln. In extremen Situationen, wie einem Würgegriff (Choke), kann auch das Beißen als Mittel zur Befreiung genutzt werden.

Die Flügel des Kranichs dienen ihm zum Stoßen und Ableiten, während die Federn schneiden können. Im Wing Chun übernehmen diese Funktion die Ellenbogen und der „Boang Sau” (Flügelarm). Der Ellenbogen ist im Kampf vielseitig einsetzbar, wie etwa beim Stoßen oder Schneiden, und der „Boang Sau”, ein im 135°-Winkel gebeugter Arm, kann Angriffe ableiten oder sogar Arme brechen.

Der Kranich ist zudem fähig, gleichzeitig anzugreifen und sich zu verteidigen – etwa indem er seinen Gegner festhält und gleichzeitig mit dem Schnabel zustößt. Dieses Prinzip findet sich auch im Wing Chun wieder. Typisch für geübte Wing Chun-Kämpfer ist die gleichzeitige Ausführung von Verteidigung, Ausweichbewegung und Angriff.

Die Fähigkeit des Kranichs, sicher auf einem Bein zu stehen, spiegelt sich in der Beinarbeit des Wing Chun wider. Ein Kämpfer steht oft auf einem Bein, um Tritte auszuführen, gegnerische Tritte zu stoppen oder abzuleiten oder nach einem Tritt einen Wechselangriff mit dem anderen Bein einzuleiten.

Die Krallen des Kranichs bohren sich tief ins Fleisch des Gegners. Im Wing Chun lernen wir in der „Biu Jee”-Form den gezielten Einsatz unserer Finger. Durch Kneifen oder das Eindringen der Finger in empfindliche Bereiche wie Augen oder Hals wird der Gegner effektiv außer Gefecht gesetzt.

Ein Kranich zieht sich zurück, wenn es nötig ist, um aus einem besseren Winkel erneut anzugreifen. Im Wing Chun wird dieses Verhalten durch die Ma Boh – die Beinarbeit – umgesetzt. Eine Vielzahl von Schritten ermöglicht es, den Winkel zu verbessern und aus der Bewegung heraus mit neu gewonnener Kraft anzugreifen.

Schließlich ist der Kranich seinem Partner gegenüber loyal. Auch diese Eigenschaft spiegelt sich in der Philosophie des Wing Chun wider: Treue zu Trainingspartnern und Lehrern, die gemeinsam auf dem Weg der Kampfkunst voranschreiten.

Die Schlange:

Die Schlange lebt und kämpft auf dem Boden – ein wichtiger Aspekt, da viele Straßenkämpfe ebenfalls dort enden. Wing Chun hat sich in den letzten zwanzig Jahren so weiterentwickelt, dass erfahrene Kämpfer auch am Boden „zu Hause” sind.

In China symbolisiert die Schlange Schlauheit, Hinterlist und Entschlossenheit – Eigenschaften, die auch im Wing Chun von Bedeutung sind. Im Ernstfall muss ein Wing Chun-Kämpfer klug und entschlossen handeln, ohne Rücksicht auf Fairness. Hat er im Vorfeld alles getan, um den Konflikt zu vermeiden, ist er berechtigt, verhältnismäßige Maßnahmen zu ergreifen, um den Kampf schnell zu beenden.

Die Schlange beißt, würgt und spuckt – Techniken, die sich im Wing Chun wiederfinden. Neben dem Beißen lernt der Kämpfer „Chokes” und Hebeltechniken, um den Gegner zu kontrollieren. In kritischen Momenten könnte er dem Gegner ins Gesicht spucken oder seinen eigenen Arm benetzen, um einen Arm-Trap zu lösen.

Die Drohgebärde der Schlange, wie das „Aufblähen” einer Kobra, hat ebenfalls ihren Platz im Wing Chun. Mit entschlossener Stimme, lauten Kommandos und einem „hungrigen” Blick kann der Kämpfer das sogenannte „Emotion-Trapping” nutzen, um den Gegner einzuschüchtern.Als Kaltblüter zeigt die Schlange weder Erbarmen noch Mitleid – sie kämpft nur für den Sieg. Ähnlich verhält sich der Wing Chun-Kämpfer in Extremsituationen. Fairness kann hier wenig effektiv sein. Nach einem ersten Treffer den Kampf für beendet zu halten, wäre riskant: Der Angreifer könnte gewarnt sein und beim nächsten Mal härter zurückschlagen.Wie der Kranich meidet auch die Schlange den Kampf, wenn möglich. Doch wenn es keine Alternative gibt, kämpfen sie bis zum Ende – ihrem eigenen oder dem des Gegners. Der Wing Chun-Schüler wird darauf vorbereitet, sich angemessen zu verteidigen, dabei aber stets nur dann alle Mittel einzusetzen, wenn keine andere Wahl bleibt, um sich und andere zu schützen.

2. Theorie

2.1 Zentrallinie – Joong Seen Lay

Abbildung 5: Die Kämpferin hält ihren Gegner durch die Theorie der Zentrallinie unter Kontrolle

Die Theorie der Zentrallinie bildet das Fundament des Wing Chun und ist essenziell für jeden, der diese Kampfkunst ernsthaft betreiben möchte. Ein tiefes Verständnis und die konsequente Anwendung dieser Theorie im Kampf sind entscheidend, um die eigenen Techniken zu optimieren und die Kontrolle über den Gegner zu er- und behalten.

Ein Kämpfer, der den „Vorteil der Zentrallinie” nicht versteht oder anwendet, wird häufig unbewusst dem Gegner seine „tote Seite” preisgeben (der Begriff „tote Seite” wird im weiteren Verlauf des Buches ausführlich erklärt). Dies führt zwangsläufig zu einer nachteiligen Position im Kampf und erhöht das Risiko, Treffer zu kassieren.

Für den Leser mag die Theorie der Zentrallinie anfangs komplex oder gar schwer verständlich wirken. Doch mit konsequentem Training und einer klaren Fokussierung wird das „richtige Verhalten” in Bezug auf die Zentrallinie schon bald zur zweiten Natur. Die Theorie der Zentrallinie wird im Wing Chun nicht nur gelehrt, sondern auch immer wieder verfeinert und vertieft, sodass sie in jeder Situation instinktiv angewendet werden kann.

Im Folgenden betrachten wir die ersten fünf Grundelemente der Zentrallinientheorie und ihre praktische Umsetzung.

Die Mutterlinie –

Jick

Joong Seen

Die Zentrallinienfläche –

Joong Seen

Die „eigene” Zentrallinie

„Pyramiden” – Angriff &Verteidigung

Giu Sau

– Erzwungener „Fehler“ im

Wing Chun

Die Mutterlinie, aus dem Englischen „Motherline” übersetzt, ist eine imaginäre vertikale Linie, die genau durch die Körpermitte verläuft – vom Kopf bis zum Boden. Sie dient als zentrales Orientierungselement im

Wing Chun und ist essenziell, um Balance, Stabilität und effiziente Bewegungen zu gewährleisten.

Abbildung 6: Die Mutterlinie wird hier als rote Linie dargestellt, die gerade vom Kopf bis zu den Füßen verläuft

Bei einer Rotation des Oberkörpers, (siehe Kapitel Rotationstheorie im Wing Chun) wie zum Beispiel bei der Bewegung Choh Ma – „sitzendes Pferd” (siehe Kapitel Beinarbeit – Ma Boh), sollte diese Linie bildlich gesprochen stabil bleiben und weder von oben nach unten noch von rechts nach links oder andersherum schwingen. Dies bedeutet, dass die Bewegungen zwar dynamisch sind, aber stets die Stabilität und Ausrichtung der Mutterlinie beibehalten werden. Der QR-Code führt dich, lieber Leser, zu einem Videoclip der die korrekte Bewegung, ohne „schwingen” zeigt.

Abbildung 7: Video zu Choh Ma

Das Konzept der Mutterlinie hilft Wing Chun-Praktizierenden, ihre Haltung zu kontrollieren, ihre Kräfte besser zu bündeln und gleichzeitig einen festen Stand zu bewahren – ein unverzichtbares Element für präzise und kraftvolle Techniken.

Zusätzlich bietet das Konzept der Mutterlinie dem Praktizierenden die Möglichkeit, Yin- und Yang-Bewegungen effektiv zu kombinieren, wie beispielsweise einen Block und einen Schlag gleichzeitig auszuführen. Durch die stabile Ausrichtung der Mutterlinie können beide Bewegungen mit höchstmöglicher Kraft und Präzision durchgeführt werden.

Abbildung 8: Die Kämpferin kombiniert hier eine Yin- und eine Yang-Bewegung. Ihre rechte Hand blockt den Angriff, während die linke Hand einen Schlag ausführt.

Diese Kombination von Yin (defensiv) und Yang (offensiv) schafft nicht nur eine optimale Balance zwischen Angriff und Verteidigung, sondern ermöglicht es auch, die Energie des gesamten Körpers gezielt auf die Zentrallinie des Gegners zu übertragen. So wird die Effizienz jeder Technik maximiert, während die eigene Stabilität gewahrt bleibt.

Um sicherzustellen, dass die Mutterlinie an Ort und Stelle bleibt, kann man mehrere Wendungen vor einem Spiegel ausführen. Dabei sollte der Kopf während der gesamten Bewegung stets an derselben Stelle bleiben. Schwingt der Kopf bei jeder Wendung (ausgehend von der Ausgangsposition) nach rechts oder links, deutet dies darauf hin, dass die Wendung, wie etwa Choh Ma – „sitzendes Pferd”, nicht korrekt ausgeführt wird.

Abbildung 9: Stabile Mutterlinie vor (links) und nach (rechts) Choh Ma

Einer der Hauptgründe, warum ein Wing Chun-Kämpfer Choh Ma einsetzt, ist, seinem Angriff mehr Reichweite und Schlagkraft zu verleihen. Ein Schwingen der Mutterlinie bewirkt jedoch das Gegenteil, da die Energie und Stabilität verloren gehen. Dies beeinträchtigt sowohl die Präzision als auch die Kraft des Angriffs. Mehr dazu findest du im Kapitel „Beinarbeit”– Ma Boh.

Abbildung 10: Die Mutterlinien der beiden Wing Chun-Kämpfer stehen parallel zueinander und bilden so die Seitenränder eines Rechtecks

Die Zentrallinie ist weniger als einfache Linie zu verstehen, sondern vielmehr als imaginäre Fläche, die die Verbindung zwischen den beiden Mutterlinien – der eigenen und der des Gegners – darstellt. Stell dir vor, zwei Personen sind jeweils zwei Meter groß und stehen mit einem Abstand von zwei Metern voreinander. In diesem Szenario würde die Fläche der Zentrallinie vier Quadratmeter umfassen.

Diese Zentrallinie verändert sich dynamisch, sobald eine der beiden Personen ihre Mutterlinie verschiebt, zum Beispiel durch einen Schritt. Im Kampf verschieben sich Ort, Position und Größe der Zentrallinie ständig, doch sie bleibt stets die Verbindung beider Mutterlinien. Für den Wing Chun-Kämpfer ist es entscheidend, die Kontrolle über diese Linie zu behalten. Er hat sie ständig im Fokus.

Alle seine Angriffe – Fauststöße, Handflächenstöße, Ellenbogenstöße, Kniestöße und Tritte – verlaufen entlang der Zentrallinie bis zur Mutterlinie des Gegners, um maximale Effektivität zu erreichen. Die Yang-Bewegungen, wie Pock Sau – „schlagende” Hand, bewegen sich ebenfalls auf der Zentrallinie.

Es gibt drei wesentliche Gründe, die Zentrallinie als Hauptangriffsziel zu wählen:

Lebenswichtige Organe befinden sich entlang der Mutterlinie.

Ein Angriff auf diese empfindlichen Ziele, wie den Brustkorb oder den Bauchbereich, erzielt eine deutlich größere Wirkung, als beispielsweise auf den Oberarm zu schlagen. Ein gezielter Angriff entlang der Mutterlinie kann den Gegner effektiver außer Gefecht setzen.

Der Gegner kann seinen Körper nicht vollständig seitlich wenden.

Da der Körper des Gegners in seiner Beweglichkeit eingeschränkt ist, bietet ein Angriff auf die Mutterlinie eine optimale Schlagwirkung. Ein Treffer auf den Brustkorb hat eine viel stärkere Auswirkung als ein Schlag auf die Schulter oder andere periphere Bereiche.

Abbildung 11: Ein Schlag auf die Mutterlinie gibt dem Gegner keine Möglichkeit sich abzuwenden

Der Wing Chun-Kämpfer kombiniert Angriff und Verteidigung.

Während er auf der Zentrallinie angreift, leitet er ankommende Objekte wie Schläge oder Stöße zur Seite ab, ähnlich wie bei einer Verteidigungstechnik. Dies ermöglicht es ihm, sich effektiv zu verteidigen und gleichzeitig anzugreifen.

Zu 1:

„Stell dir, lieber Leser, vor, du bist Bogenschütze und hast nur einen einzigen Pfeil im Köcher. Würdest du auf die Hand, den Fuß oder die Schulter des Gegners zielen? Nein, du würdest die Körpermitte ins Visier nehmen – das Zentrum, wo ein Treffer die größte Wirkung entfaltet. Die lebenswichtigen Organe liegen hier, und ein gezielter Schuss auf diesen Bereich kann das Duell augenblicklich entscheiden.”

Ähnlich verhält es sich mit den oben genannten Angriffstechniken: Ein einzelner präziser und kräftiger Schlag auf die Körpermitte – entlang der Mutterlinie des Gegners – kann ausreichen, um den Kampf schnell zu beenden. Es geht darum, die Energie und Kraft in die effektivste Zone zu lenken, wo der Schlag die größte Auswirkung hat. Ob Brust, Bauch oder Hals – die Trefferzone entlang der Mutterlinie ist der Schlüssel, um den Gegner mit minimalem Aufwand maximal zu kontrollieren.

Kraft (F) ist das Ergebnis der Masse (m) – zum Beispiel die Masse deiner Faust – multipliziert mit der Beschleunigung (a), also der Geschwindigkeit, mit der diese Faust auf das Ziel auftrifft.

Zu 2:

Ein weiterer Grund, die Körpermitte anzugreifen, liegt darin, dem Gegner die Möglichkeit zu nehmen, die Schlagkraft durch eine Drehung des Oberkörpers abzumildern. Ein Fauststoß auf die Schulter verursacht deutlich weniger „Schaden”, da der Körper fast automatisch um die eigene Achse rotiert und so einen Großteil der Schlagwirkung absorbiert.

Bei einem Angriff auf den Solarplexus hingegen gibt es keine Möglichkeit, die Schlagkraft durch Rotation abzuleiten – der Angegriffene muss den Schlag vollständig „schlucken”, was die Wirkung erheblich verstärkt.

Abbildung 12: Die Kämpferin blockt den Schlag des Gegners und führt gleichzeitig einen eigenen Gegenschlag aus

Zu 3:

Führt der Aggressor mit seiner rechten Faust einen geraden Angriff auf den Kopf des Wing Chun-Kämpfers aus, kann dieser mit einem eigenen Fauststoß (ausgeführt mit dem linken Arm) den Angriff gleichzeitig abwehren und den Kopf des Gegners treffen. In diesem Szenario spricht man von „KuenSiuKuen” – Faust gegen Faust. Das Prinzip dahinter ist, dass ein gezielter Faustangriff nicht nur zur Abwehr dient, sondern gleichzeitig als effektiver Gegenangriff eingesetzt werden kann.

Wie bereits angedeutet, werden neben den Angriffen auch alle „Yang”-Verteidigungsbewegungen (Blöcke) entlang der Zentrallinie in Richtung der gegnerischen Mutterlinie ausgeführt. Mehr über die Yang-Verteidigungen und ihre Anwendungsmöglichkeiten findest du im Kapitel Yang-Bewegungen.

Abbildung 13: Die eigene Zentrallinie folgt den Bewegungen des Kämpfers

Abbildung 14: Durch Bewegungen entlang der Zentrallinie, ist es dem Anwender möglich Yin- und Yang-Bewegungen zu kombinieren

Die „eigene” Zentrallinie (übersetzt aus dem Englischen „Self-Centerline”) ist, wie die Mutterlinie, eine imaginäre vertikale Linie. Im Gegensatz zur Mutterlinie, deren Position sich durch Wendungen nicht verändert, folgt die eigene Zentrallinie jeder Bewegung und Rotation des Oberkörpers – sie ist, bildlich gesprochen, wie auf den Körper gemalt. Genauer gesagt; Was für die Zentrallinie gilt, gilt ebenso für die eigene Zentrallinie: Sie ist nicht nur eine Linie, sondern eine Fläche. Diese Fläche folgt der eigenen Körpermitte – von Kopf bis zum Boden – und lässt sich vorstellen wie eine etwa ein Meter breite Glasscheibe, die passgenau durch die Körperlänge des jeweiligen Wing Chun-Kämpfers verläuft.

Den Bewegungen der eigenen Zentrallinie folgen, je nach Situation, die im Kapitel Grundlagen beschriebenen Yin- oder Yang-Verteidigungen. Während ein Yang-Block eine Verteidigung darstellt, bei der sich die Schulter mit der Blockhand nach vorne bewegt, (siehe Zeichnungen) ist es bei Yin-Bewegungen genau das Gegenteil: Die Schulter bewegt sich rückwärts.

Diese Kombination ermöglicht es dem Wing Chun-Kämpfer, gleichzeitig zu verteidigen und anzugreifen. Während die Yin-Hand den Angriff des Gegners ablenkt oder ableitet, nutzt die Yang-Hand die entstehende Öffnung für einen Gegenangriff.

Die Vorteile, eine Yin-Bewegung zur Verteidigung und gleichzeitig eine Yang-Bewegung, wie einen Fauststoß, auszuführen, werden ausführlich im Kapitel „Ökonomie der Zeit und Bewegung” – Leen Siu Dai Da sowie im Kapitel „Kraft ausleihen” – Jyeh Lick erläutert.

Zusätzliche Erklärungen und Praxisbeispiele findest du im Kapitel Drill Yut Fook Yee – „Eine Hand wehrt zwei ab”, das dieses Konzept weiter vertieft.

2.2 Angriffs- und Verteidigungspyramiden

Unter diesem Konzept verstehen wir Angriffe wie Faust- und Handflächenstöße sowie Yin- und Yang-Verteidigungsbewegungen. Um diese Techniken erfolgreich anzuwenden, ist es wichtig, bestimmte Punkte und Linien zu erkennen – insbesondere die Spitze und die Seiten der „Pyramide”.

Pyramide im Angriff:

Abbildung 15: Faust und die eigene Zentrallinie bilden hier die Angriffspyramide

Ein typisches Beispiel für eine Angriffspyramide ist der JickChoongKuen – der gerade Fauststoß.

a) Die Spitze der Pyramide wird durch die Trefferfläche gebildet, die drei unteren Knöchel.
b) Die Seiten der Pyramide entstehen durch die Linien, die von der Schulter über den Ellenbogen bis zur eigenen Zentrallinie verlaufen.

Die korrekte Ausrichtung dieser „Pyramide” sorgt dafür, dass die Kraft optimal übertragen wird und die Struktur des Arms stabil bleibt, was Verletzungen verhindert und die Schlagwirkung maximiert.

Pyramide in der Verteidigung:

Abbildung 16: Handgelenk, Schulter und Zentrallinie bilden hier die Verteidigungspyramide

Ein klassisches Beispiel für eine Verteidigungspyramide ist die Woo Sau – die „schützende Hand”.

a) Die Spitze der Verteidigungspyramide befindet sich am Handgelenk, dem Kontaktpunkt, an dem die Woo Sau einen Angriff blockt, z. B. einen JickChoongKuen – geraden Fauststoß.
b) Die Seiten der Verteidigungspyramide verlaufen vom Kontaktpunkt aus zur Schulter, zur eigenen Zentrallinie und entlang des Ellenbogens.

Die richtige Ausrichtung dieser Pyramide gewährleistet eine stabile Struktur und eine effektive Ableitung der Kraft des Angriffs, wodurch der Wing Chun-Kämpfer in eine günstige Position für einen Gegenangriff gelangt, weil er durch diesen Block den „Zentrallinien-Vorteil” erhält.

Sinn der Pyramiden:

Abbildung 17: Der Verteidiger (unten) lenkt die Angriffspyramide des Angreifers (oben) mit seiner Verteidigungspyramide ab

Für jede Angriffspyramide gibt es eine passende Verteidigungspyramide. Der Verteidiger muss zunächst erkennen, welche Angriffspyramide der Aggressor nutzt. Der Wing Chun-Kämpfer wählt dann die entsprechende Verteidigungspyramide, um den Angriff abzulenken – ähnlich wie bei zwei realen Pyramiden, bei denen eine zur Seite gelenkt würde, wenn sie direkt aufeinander zustrebten.

Im CRCA-Wing Chun stoppen wir einen Angriff eher selten. Stattdessen leiten wir ihn in eine von vier Richtungen ab: nach links, nach rechts, nach oben oder nach unten. Das Abbild zeigt, wie die Fauststoß-Pyramide mithilfe der Verteidigungspyramide mittels der „schützenden” Hand Woo Sau abgelenkt wird.

Der Verteidiger hat die Kontrolle der Zentrallinie.

Um mit weiteren Verteidigungspyramiden erfolgreich zu sein, merke:

Die Spitze der Verteidigungspyramide muss zwischen der Spitze der Angriffspyramide und der Zentrallinie liegen. Anders gesagt:

Die Kontaktfläche der Verteidigungstechnik muss sich zwischen der Kontaktfläche des angreifenden Arms und der Zentrallinie befinden.

Das verschafft dem Verteidiger den entscheidenden Vorteil, in diesem Moment die Kontrolle über die Zentrallinie zu behalten – den sogenannten Zentrallinienvorteil.

Abbildung 18: Die Verteidigerin verschafft sich einen Zentrallinienvorteil, indem sie die Spitze ihrer Verteidigungspyramide zwischen die Spitze der Angriffspyramide des Angreifers und der Zentrallinie bringt

Der Wing Chun-Anfänger wird anfangs, ähnlich wie ein Fahranfänger, intensiv darüber nachdenken müssen, welche Verteidigungspyramide in einer bestimmten Situation eingesetzt werden sollte. Der Fortgeschrittene hingegen wird die richtige Pyramide nahezu instinktiv finden, da er sie im Training hunderte Male geübt und verinnerlicht hat.

Das Ableiten eines Angriffs, wie es durch die Woo Sau – „schützende Hand” erreicht wird, erfordert deutlich weniger Kraftaufwand als das vollständige Stoppen eines Angriffs. Dieses Prinzip lässt sich mit einer zwei Meter großen Eisenkugel vergleichen: Sie aus dem Stand in Bewegung zu setzen, ist für eine einzelne Person nahezu unmöglich, während es deutlich leichter ist, ihre Richtung zu ändern, sobald sie bereits rollt.

Ein Angreifer ist in der Regel körperlich überlegen – sei es in der Körpergröße, dem Körpergewicht oder der Körperkraft. Sich ausschließlich auf Kraft zu verlassen, um gegen einen solchen Gegner anzutreten, ist daher nicht nur ineffektiv, sondern auch riskant.

Im Wing Chun vermeiden wir es grundsätzlich, „Kraft gegen Kraft” einzusetzen – ein Verhalten, das wir als „Giu Sau” bezeichnen, was so viel bedeutet wie „erzwungene Hand”, eine Übersetzung des englischen Begriffs „Forcing Hand”.

2.3 Giu Sau

Unter „Giu Sau” versteht der Wing Chun-Kämpfer das Begehen eines vermeidbaren Fehlers.

Fehler 1

: Kraft gegen Kraft anwenden.

Fehler 2

: Den angreifenden Arm oder das attackierende Bein über die Zentrallinie führen, während sich dieser/dieses im Angriff befindet.

Es gilt, diese beiden Fehler sowohl im Angriff als auch in der Verteidigung zu vermeiden. Sollte es dennoch passieren, heißt es: „Er beging einen Giu Sau.”

Hier nun einige Beispiele für einen Giu Sau.

Giu Sau im Angriff: Kraft gegen Kraft:

Abbildung 19: Nach seinem fehlgeschlagenen Angriff könnte der Angreifer, durch Einsatz seiner Kraft, einen Schlag zum Hals der Verteidigerin erzwingen, was jedoch ein Giu Sau, und somit ein Fehler, wäre

Der Wing Chun-Kämpfer zieht den diagonalen Arm der Gegnerin (Lop Sau – „greifende Hand”) in Richtung seines eigenen Gürtels und greift gleichzeitig mit einer horizontalen Handfläche (Fun Sau – Handkantenschlag „Zu Pulver zerkleinernde Hand”) zum Hals an. Die Angegriffene verteidigt sich erfolgreich mit Tan Sau – „Anbietende Hand”.

Sollte der Wing Chun-Kämpfer nun mit aller Gewalt gegen diesen Block drücken, um sein Ziel (den Hals) zu erreichen, würde er einen Giu Sau begehen. Richtig wäre es, einen alternativen Weg zu wählen. Ein Beispiel wäre der komplexe Angriff Lon Da Chau Kuen – „Geländer Arm” und „Bohrender Fauststoß”. Weitere Techniken dieser Art findest du, lieber Leser, in den Kapiteln, „Yin-Bewegungen”, „Fauststöße” und „Komplexe Angriffstechniken”.

Abbildung 20: Die Kämpferin greift mit rechts und schlägt mit links. Für einen Trap wechselt sie die Hände

Abbildung 21: Durch einen Schritt zur Seite verschafft sich die Kämpferin die Kontrolle über die Zentrallinie

Eine weitere Möglichkeit, die Kontrolle über die Zentrallinie zu gewinnen, ohne Kraft gegen Kraft einsetzen zu müssen, besteht darin, eine „neue” Zentrallinie zu schaffen. Dies kann durch einen gezielten Schritt wie Ngoy Seen Wai – „zugewandtes Pferd” – erreicht werden.

Bereits in der Anfangszeit lernt der Wing Chun-Kämpfer ein halbes Dutzend Alternativen, um diese Situation zu meistern. Kraft gegen Kraft einzusetzen, wäre nur eine Option, wenn der Angreifer deutlich schwächer wäre – aber in diesem Fall: Würde es dann überhaupt einen Angreifer geben?

Giu Sau in der Verteidigung: Kraft gegen Kraft beim Blocken/Verteidigen:

Abbildung 22: Die Verteidigerin würde durch Ausüben von Kraft während der Tan Sau ("anbietende Hand") einen Giu Sau begehen

Ein Fehler im Sinne von Giu Sau kann nicht nur im Angriff, sondern auch in der Verteidigung auftreten. Betrachten wir folgendes Szenario:

Der Angreifer zieht den diagonalen Arm seines Gegners mit Lop Sau in Richtung seines eigenen Gürtels und greift gleichzeitig mit einem Fauststoß den Kopf des Wing Chun-Kämpfers an. Der Wing Chun-Kämpfer setzt erfolgreich einen Tan Sau – „anbietende Hand” ein, um den Angriff abzuwehren.

Wenn der Angreifer in dieser Position verharrt, um seinen Fauststoß mit aller Macht ins Ziel zu bringen, und der Wing Chun-Kämpfer versucht, den Angriff ausschließlich mit Krafteinsatz abzuwehren, würde der Wing Chun-Kämpfer einen klassischen Giu Sau-Fehler begehen. Durch das Aufbringen von Kraft gegen Kraft gerät der Wing Chun-Kämpfer in eine ineffiziente und riskante Position.

Abbildung 23: Der Verteidigerin gelingt es durch Juen Bock ("wendende Schulter") den Angriff erfolgreich abzuleiten

Anstatt den Angreifer mit Kraft zu blockieren, sollte der Wing Chun-Kämpfer eine Alternative wählen, wie etwa die Technik Juen Bock – „wendende Schulter”. Diese ermöglicht es, den angreifenden Arm durch den Hebel, der beim Wenden der Schulter entsteht, zu brechen.

Durch Juen Bock – „wendende Schulter” wird nicht nur der Angriff neutralisiert, sondern es wird auch eine strategische Position geschaffen, um sofort mit einem Gegenangriff fortzufahren. Kraft gegen Kraft wäre hier eine unnötige Verschwendung von Energie und birgt das Risiko, als Verlierer aus dieser Situation zu gehen.

Bereits in der Anfangszeit des Wing Chun-Trainings lernt der Schüler Alternativen, die solche Szenarien elegant lösen. Giu Sau – der Fehler, durch Krafteinsatz zu erzwingen – sollte um jeden Preis vermieden werden. Auch in der Verteidigung gilt: Es gibt immer eine klügere Option.

Giu Sau durch kreuzen der Zentrallinie, während der Angriff „im Gange” ist:

Abbildung 24: Durch das Kreuzen der Zentrallinie begeht der Verteidiger einen Giu Sau, während der Angriff noch im Gange ist

Ein klassisches Beispiel für Giu Sau findet sich bei der Abwehr eines Kopfhakens.

Der Angreifer bringt einen weit ausgeholten Haken mit der rechten Hand. Der Wing Chun-Kämpfer versucht, diesen Angriff mit seiner linken Hand durch Pock Sau („schlagende Hand”) abzuwehren. Dabei begeht er einen entscheidenden Fehler: Giu Sau. Der Wing Chun-Kämpfer kreuzt die Zentrallinie, unterstützt ungewollt den Angriff des Gegners und überlässt ihm gleichzeitig die Kontrolle über die Zentrallinie.

Sollte der Kopfhaken sein Ziel treffen, wird der Wing Chun-Kämpfer durch den zusätzlichen Impuls, den der Pock Sau dem Schlag verleiht, noch härter getroffen.

Eine bessere Lösung wäre es, den Kopfhaken außerhalb der Zentrallinie zu blocken. Zum Beispiel könnte der Wing Chun-Kämpfer Syeung Jom Sau („doppelt schneidende Hand”) einsetzen, um die Kontrolle über die Zentrallinie zu behalten. Von dieser Position aus kann er sofort einen Gegenangriff starten.

Abbildung 25: Die Verteidigerin blockt den Angriff außerhalb der Zentrallinie und behält somit die Kontrolle, was ihr einen Gegenangriff ermöglicht

Falls du, lieber Leser, dich jetzt fragst, warum die Wing Chun-Kämpferin zwei Arme gegen einen weit ausgeholten Kopfhaken einsetzt und ob nicht ein Arm ausreichen würde, sei dir Folgendes erklärt:

Ein weit ausgeholter Haken entwickelt durch seinen langen Beschleunigungsweg eine enorme Kraft. Der Versuch, diesen Angriff nur mit einem Arm zu stoppen, wäre ein klassisches Beispiel für Giu Sau – „Kraft gegen Kraft” – und genau das vermeiden wir im Wing Chun konsequent.

Es spricht nichts dagegen, den Arm eines Angreifers über die Zentrallinie zu führen. Allerdings darf dies nicht geschehen, während sich dieser Arm noch auf dem Weg zu seinem Ziel befindet, also mitten in einem Angriff ist.

Abbildung 26: Die Kämpferin blockt hier den Angriff. Dannach führt sie den angreifenden Arm über die Zentrallinie ohne einen Giu Sau zu begehen. Gleichzeitig führt sie einen Gegenangriff aus

In diesem Beispiel war der Fauststoß des Angreifers bereits erfolgreich abgeleitet und stellte keine Gefahr mehr für die Wing Chun-Kämpferin dar. Aus diesem Grund konnte die Wing Chun-Kämpferin diesen inaktiven Arm gefahrlos über die Zentrallinie führen.

Im Gegenteil: Das Überkreuzen der Zentrallinie hat der Wing Chun-Kämpferin in diesem Fall einen „Facing”-Vorteil verschafft. Die Wing Chun-Kämpferin befindet sich nun in einer besseren Position, um den Angreifer mit weiteren Techniken effektiv zu attackieren (Siehe Kapitel Facing).

Abschließende Empfehlungen zur Theorie der Zentrallinie:

„Schwinge” nicht bei Wendungen: Achte darauf, dass deine Bewegungen stabil bleiben, und nutze die Yin-Yang-Kraft für maximale Effizienz.

Setze deine Pyramiden ein: Gewinne so schnell wie möglich den Zentrallinienvorteil, um Angriffe und Verteidigungen effektiver auszuführen.

Schaffe bei Bedarf eine neue Zentrallinie: Falls du den Vorteil der Zentrallinie nicht halten kannst, korrigiere deine Position durch gezielte Schritte.

Automatisiere durch Training: Wiederhole Bewegungen und Techniken, bis sie zu deiner natürlichen Reaktion werden.

Nutze Yin- und Yang-Bewegungen: Verteidige mit Yin-Bewegungen auf deiner eigenen Zentrallinie und greife gleichzeitig mit der Yang-Seite an, um Zeit und Energie zu sparen.

Vermeide

Giu Sau

: Unter keinen Umständen solltest du „Kraft gegen Kraft” einsetzen – suche immer die intelligentere, effizientere Lösung.

2.4 „Kraft ausleihen” – Jyeh Lick

„Jyeh Lick” bedeutet übersetzt „Kraft leihen”.

Im CRCA-Wing Chun bezieht sich dieser Begriff auf eine wichtige Lehre: Der Schlag oder Tritt eines Wing Chun-Kämpfers ist deutlich wirksamer, wenn er und sein Gegner, aus welchem Grund auch immer, aufeinander zugehen.

In diesem Fall kann der Wing Chun-Kämpfer die Energie, die durch die Vorwärtsbewegung entsteht, für seine Zwecke nutzen – ähnlich wie bei zwei Autos, die frontal aufeinanderprallen. Aus der Physik wissen wir, dass es einen erheblichen Unterschied macht, ob ein Auto auf ein stehendes Fahrzeug auffährt oder ob sich beide Fahrzeuge aufeinander zubewegen und es zum Aufprall kommt.

Dieses Prinzip lässt sich direkt auf Wing Chun übertragen. Um einen „Jyeh Lick”-Vorteil zu erzielen, gibt es verschiedene Möglichkeiten:

Der

Wing Chun

-Kämpfer schlägt seinen Angreifer, während er selbst geschlagen wird.

Der

Wing Chun

-Kämpfer schlägt, während sich sein Gegner auf ihn zubewegt.

Der

Wing Chun

-Kämpfer schlägt seinen Gegner, während er ihn zu sich heranzieht.

Zu 1:

Wie das oben beschriebene Beispiel zeigt, ist der Aufprall deutlich stärker, wenn sich zwei Objekte aufeinander zubewegen. Das gilt auch im Wing Chun.

Abbildung 27: Die rechte Hand blockt, während die linke gleichzeitig zuschlägt

Deshalb ist es für den Wing Chun-Kämpfer vorteilhaft, seinen Angreifer zu treffen, während dieser versucht, ihn zu schlagen. Um dabei erfolgreich zu sein, muss er entweder schneller als der Angreifer sein oder sich durch einen Schritt aus dessen Schlagrichtung bewegen.

Eine weitere Möglichkeit ist, dass der Wing Chun-Kämpfer den Angriff mit einer Yin-Bewegung abwehrt, während er gleichzeitig mit der anderen Hand angreift. Zum Beispiel könnte er einen geraden Fauststoß des Angreifers mit Tan Sau (einem offenen Hand-Block) ableiten, während er gleichzeitig mit “Yut” Jee Choong Kuen (gerader Fauststoß) trifft.

Dieses Vorgehen ist besonders effektiv, weil der Angreifer genau in dem Moment getroffen wird, in dem er glaubt, selbst erfolgreich zu sein.

Zu 2:

Ähnlich wie im Beispiel von Punkt 1, jedoch ohne, dass der Angreifer bereits schlägt. Bei einem Straßenkampf ist es oft so, dass der Aggressor einen Schritt auf sein „Opfer” zumacht und dabei lautstark agiert, um es einzuschüchtern. Diese Taktik wird „Emotion-Trapping” genannt.

Abbildung 28: Die Kämpferin macht sich die Bewegung ihres Angreifers zu Nutze, um ihrem Gegenschlag mehr Kraft zu verleihen

Wie im Kapitel „Kranich und Schlange im Wing Chun” beschrieben, versucht der Aggressor, durch körperliche Präsenz und Lautstärke bedrohlich zu wirken und sich „groß” zu machen. Häufig kommt er dem Angegriffenen so nah, dass sich ihre Nasenspitzen beinahe berühren. Der Wing Chun-Kämpfer ist angehalten, diesen Moment auszunutzen und den Angreifer während dessen Vorwärtsbewegung zu treffen.

Neben dem Vorteil, die „Kraft des Gegners zu leihen”, spielt hier auch der Überraschungseffekt eine Rolle, denn der Aggressor rechnet in diesem Moment nicht mit einem plötzlichen Schlag oder Tritt des Wing Chun-Kämpfers.

Zu 3:

Abbildung 29: Durch das Ziehen am rechten Arm des Gegners bewegt sich auch dessen rechte Schulter nach vorne, womit sich die Verteidigerin einen Trapping-Vorteil verschafft

Ein Wing Chun-Kämpfer „liebt” das Trapping. Der Begriff „Trap” lässt sich im Deutschen nicht treffend übersetzen; im Wörterbuch wird er zwar als „Falle” wiedergegeben, doch dies greift die Bedeutung und Möglichkeiten im Wing Chun nur unzureichend auf. Daher verzichten wir hier auf eine Übersetzung. Die Definition eines „Traps” ist einfach und gerade deswegen so wirkungsvoll: „Ich kann dich schlagen, aber du mich nicht.”

So einfach? Ja! Der Leser sollte sich jedoch bewusst machen, dass dieser Vorteil oft nur für den kurzen Moment des „Traps” gegeben ist. Ein chinesisches Sprichwort sagt: „Bock Gai Bock Jeet” – „Für jeden Angriff gibt es einen Konter” (wörtlich: „100 Angriffe – 100 Stopps”). Das bedeutet, dass ein Trap nur eine momentane Sicherheit bietet. Deshalb gilt: Nutze die Gelegenheit und beende den Kampf mit entschlossenem Verhalten und wirksamen Mitteln!

Das hier verwendete „Jeet“ ist dasselbe, das Bruce Lee für sein auf Wing Chun basierendes „Jeet Kune Do“ verwendete.

Es gibt fünf verschiedene Arten von „Hand-Trapping”. In diesem Kapitel „Jyeh Lick” widmen wir uns jedoch nur dem „Grab and Strike” – „Greifen und Schlagen”. Hat der Wing Chun-Kämpfer seinen Gegner beispielsweise am Handgelenk gepackt, kann er ihn in eine Vorwärtsbewegung ziehen, ohne dass der Gegner ihn treffen kann (Für weitere „Traps”, siehe Kapitel „Trapping – das Fixieren”).

Der Wing Chun-Kämpfer hingegen kann den Angreifer treffen, wobei sich der Gegner auf ihn zu bewegt und ihm – wie unter Punkt 2 beschrieben – zusätzliche Kraft „leiht”.

Der Trap „Greifen und schlagen” bietet noch weitere Vorteile. Erstens kann der Gegner währenddessen nicht weglaufen, wodurch der Wing Chun-Kämpfer Zeit für seine Folgetechniken gewinnt. Zweitens verschafft ihm dieser Trap einen Vorteil beim „Facing” (siehe Kapitel „Facing – Position in Relation zum Gegner”).

2.5 Ökonomie von Zeit und Bewegung – Leen Siu Dai Da

Leen Siu Dai Da, übersetzt als „Ökonomie von Zeit und Bewegung”, beschreibt die für Wing Chun charakteristischen Verhaltens- und Bewegungsmuster. Wie im Kapitel „Geschichtliche Grundlagen” erwähnt, wurde Wing Chun von Frauen entwickelt, was erklärt, warum dieses System auf maximale Effizienz abzielt. Es reduziert unnötige Bewegungen und setzt gezielt auf schnelle, präzise Aktionen, um mit minimalem Kraftaufwand maximale Wirkung zu erzielen.

Da Frauen und Mädchen körperlich Männern meist unterlegen sind, entstand die Notwendigkeit, ein System zu entwickeln, das auf physikalischen und mathematischen Grundsätzen basiert. Dies ermöglicht es, sich auch gegen körperlich stärkere Angreifer erfolgreich zur Wehr zu setzen.

Wing Chun basiert auf Prinzipien, die mit minimalem Kraftaufwand maximale Wirkung erzielen. Es ist ein „intelligentes System”, das Effizienz und Präzision in den Vordergrund stellt. Ein Wing Chun-Kämpfer wird erfolgreich sein, wenn er die folgenden Lehren konsequent befolgt.

Der kürzeste Weg wird stets gewählt.

Das Prinzip „

Loy Lau

Hoy Soang

,

Lut Sau

Jick

Joong

” wird beachtet: „Nimm Kontakt auf, klebe an seinem Angriff, leite seinen Arm fort, wenn der Angreifer ihn zurückzieht, und greife sofort an, sobald sich der Kontakt löst.”

Angriffe werden nicht „telegraphiert” – es gibt keine Vorzeichen, die den Gegner warnen könnten.

Das Prinzip „

Yuen Jick Syeung Choy

” wird angewendet: „Zirkelnde und gerade Bewegungen werden kombiniert ausgeführt.”

Der Vorteil des „

Jyeh Lick

” – „Kraft leihen” – wird effektiv genutzt.

Zu 1:

Abbildung 30: Die Kämpferin nutzt die kürzeste Distanz zum Gegner für ihren Angriff

Aus der Mathematik wissen wir: Die kürzeste Distanz zwischen zwei Punkten ist immer eine Gerade. Führt ein Angreifer einen Schwinger aus und setzt der Wing Chun-Kämpfer im selben Moment einen geraden Schlag, wird der Wing Chun-Kämpfer erfolgreich sein. Seine Faust trifft den Gegner, bevor dessen Schlag ihn erreichen kann.

Dabei liegt der Vorteil nicht in einer schnelleren Bewegung, sondern in der Wahl des kürzeren Weges.

Zu 2:

Abbildung 31: Die Verteidigerin stellt durch den Einsatz ihrer Verteidigungspyramide den Kontakt zum angreifenden Arm des Gegners her

„Loy Lau Hoy Soang Lut Sau Jick Choong” beschreibt das effektive Handhaben eines Angriffs, wie beispielsweise eines Faustschlags zum Kopf durch den Aggressor. Der Wing Chun-Kämpfer sucht zunächst Kontakt zum Angriffsarm des Gegners und leitet den Angriff – wie im Kapitel „Pyramiden” erläutert – mit einer Verteidigungspyramide vom Ziel ab. Dabei bleibt der Kontakt zum Angriffsarm bestehen (Loy Lau).

Abbildung 32: Die Kämpferin kontert mit einem Fauststoß, nachdem sie den Angriff ihres Gegners erfolgreich geblockt hat

Sobald der Kontakt sich löst, greift der Wing Chun-Kämpfer unmittelbar und auf kürzestem Weg mit einem geraden Schlag an (Lut Sau Jick Choong). Dabei spielt es keine Rolle, ob der Angreifer oder der Wing Chun-Kämpfer den Kontakt gelöst hat. Sobald kein Kontakt mehr besteht, setzt der Wing Chun-Kämpfer zum Angriff an.

Sollte der Angreifer nach einem erfolglosen Angriff, den der Wing Chun-Kämpfer erfolgreich abgeleitet hat, seinen Arm zurückziehen, unterstützt der Wing Chun-Kämpfer diesen Rückzug, indem er den gegnerischen Arm aktiv wegschlägt (Hoy Soang), um nach dem Kontaktverlust sofort und direkt zu kontern.

Zu 3:

Im Wing Chun versteht man unter „Telegraphieren” das unnötige Ausholen vor einem Schlag oder Tritt, sei es mit Hand, Fuß, Knie, Schulter, Hüfte oder Ellenbogen. Nehmen wir als Beispiel einen geraden Fauststoß: Wenn die Faust vor dem eigentlichen Schlag zunächst zurückgezogen wird, entsteht ein vermeidbarer Zeitverlust. Statt direkt zum Ziel zu gehen, bewegt sich die Faust zunächst in die entgegengesetzte Richtung, kehrt in die Ausgangsposition zurück und erst dann wird das Ziel anvisiert.

Ein konkretes Beispiel verdeutlicht dies: Befindet sich der Gegner einen Meter entfernt und die Ausholbewegung beträgt 50 cm, ergibt sich folgende Rechnung:

50 cm Ausholbewegung

50 cm Rückkehr zur Ausgangsposition

100 cm Entfernung zum Gegner

Die tatsächliche Strecke beträgt also 200 cm – doppelt so viel wie nötig.

Telegraphieren ist nicht effektiv! Deshalb wählt der Wing Chun-Kämpfer stets den kürzesten und direktesten Weg zum Ziel.

Zu 4:

„Yuen Jick Syeung Choy” verleiht Angriffstechniken wie Faust-, Handflächen- und Handkantenstößen sowie Verteidigungen eine außergewöhnliche Effektivität. Sehen wir uns zunächst die Bedeutung des kurzen Verses an:

Die zentrale Frage lautet: Wie kann ein Wing Chun-Kämpfer seinen geraden Angriff noch wirksamer gestalten? Die Antwort liegt in der Kombination von kreisenden, zirkulierenden Bewegungen während eines geraden Angriffs. Diese Technik erhöht die Dynamik und verstärkt die Effektivität des Angriffs.

Beispiele:

JickChoongKuen – „gerader Fauststoß”

Kippe das Handgelenk vertikal nach oben, während die Faust nach vorne stößt.

Handkantenschlag: Wahng Jyeung – „horizontale Handfläche”

Drehe das rechte Handgelenk horizontal gegen den Uhrzeigersinn, während die Handkante zum Ziel geführt wird.

In beiden Fällen sorgt die Rotation für eine höhere Wirkung beim Auftreffen und steigert so die Effektivität des Angriffs erheblich.

Verteidigungsbewegungen:

Das Prinzip von „Yuen Jick Syeung Choy” kann auch auf Verteidigungsbewegungen angewendet werden. Durch eine gezielte Drehung oder Rotation des Handgelenks wird ein Wing Chun-Block „härter” und der Verteidigungseffekt spürbar verstärkt.

Mehr dazu im Kapitel „Grundlagen und deren Kampfanwendungen”.

Zu 5:

Ein weiteres Argument, den Gegner während seines Angriffs zu treffen, ist das Prinzip des „Jyeh Lick”, das im gleichnamigen Kapitel behandelt wird. Durch das „Ausleihen” der gegnerischen Kraft kann der Wing Chun-Kämpfer deutlich stärker zuschlagen und damit effektiver agieren, als wenn er lediglich seine eigene Kraft einsetzen würde.

Abbildung 33: Die Kämpferin trappt ihren Gegner mit dessen eigenem Arm und kann so sicher kontern

Das „Ziehen und Schlagen” ist zudem ein klassisches Beispiel für „Trapping”. Der Vorteil dieses Traps besteht darin, dass der Gegner während des Moments des „Traps” keine Möglichkeit hat, den Wing Chun-Kämpfer zu attackieren. Durch die Zugbewegung wird sein freier Arm durch die Rotation seines Körpers vom Wing Chun-Kämpfer weggeführt, was die Angriffsgefahr neutralisiert.

2.6 Facing – „Position in Relation zum Gegner”

Ein „Facing”-Vorteil bedeutet, dass der Wing Chun-Kämpfer so positioniert ist, dass seine Frontseite auf die Seite oder den Rücken seines Gegners ausgerichtet ist.

Abbildung 34: Durch einen Schritt zur Seite hat sich die Frau nun einen Facing-Vorteil verschafft

Diese Position verschafft dem Wing Chun-Kämpfer einen strategischen Vorteil, von dem aus Angriffe und Verteidigungen effektiver ausgeführt werden können.

Im Wing Chun unterscheiden wir zwischen dem „Lebensbereich” und der „toten Seite”. Der Lebensbereich umfasst die Zone, in der wir uns optimal verteidigen und angreifen können – einen 90°-Bereich vor uns, der von der eigenen Zentrallinie ausgehend jeweils 45° nach links und rechts reicht (Siehe Kapitel Zentrallinientheorie).

Ein Wing Chun-Kämpfer strebt immer danach, diesen „Facing-Vorteil” zu erlangen, während er darauf achtet, dass seine eigene „tote Seite” nicht in den Lebensbereich seines Gegners gerät.

Es gibt verschiedene Techniken, um einen „Facing”-Vorteil zu erzielen. Zwei Beispiele:

Das Ziehen am „richtigen” Arm, während man zuschlägt.

Die rechte Hand zieht an dem rechten Arm. Die linke Hand zieht am linken Arm.

Ein gezielter Schritt in die richtige Richtung.

Abbildung 35: Beide Kämpfer stehen sich ohne Facing-Vorteil gegenüber (links). Mit einem Schritt zur Seite (rechts) verschafft sich die Kämpferin ihren Vorteil

Diese Bilder zeigen, wie der Wing Chun-Kämpfer einen „Facing”-Vorteil erreicht, ohne dabei eine Handtechnik anzuwenden.

Weitere Methoden, um einen Facing-Vorteil zu erlangen, werden in den verschiedenen Kapiteln der Kampfanwendungen detailliert gezeigt.

Das Facing-Konzept ist eine Kombination aus Strategie, Technik und Bewegung – ein entscheidender Schlüssel zum Erfolg im Wing Chun. Im Laufe dieses Buches werden wir immer wieder auf dieses zentrale Themazurückkommen.

2.7 Trapping – „Das Fixieren”

Eine passende deutsche Übersetzung für das Wort „Trap” zu finden, gestaltet sich schwierig. Aus diesem Grund haben wir uns entschieden, den Begriff einfach ins Deutsche zu übernehmen und so als „Trap” beizubehalten.

Ein „Trap” im Wing Chun bezeichnet das taktische „Fesseln” oder Einschränken der Bewegungsfreiheit des Gegners, wodurch seine Möglichkeiten für Angriffe und Verteidigungen stark begrenzt werden. Im Kern bedeutet es, dass der Wing Chun-Kämpfer seinen Gegner in eine Position bringt, in der dieser nicht effektiv angreifen oder verteidigen kann, während der Wing Chun-Kämpfer gleichzeitig die Möglichkeit hat, ungehindert zu schlagen.

Das Prinzip des „Trappings” basiert auf zwei wesentlichen Konzepten:

Der Gegner wird durch Druck, Zug oder die Position der Arme so kontrolliert, dass er nicht frei angreifen oder sich bewegen kann.

Während der Gegner „getrappt” ist, nutzt der Wing Chun-Kämpfer die Gelegenheit, um selbst anzugreifen.

Ein Beispiel für einen Trap ist die Technik Pock Sau („Schlagende Hand”).

Der Wing Chun-Kämpfer schlägt die Hand des Gegners zur Seite und hält den Arm durch Druck in einer ungünstigen Position (Siehe Foto Pock Da).

Während der Gegner durch diesen „Trap” blockiert ist, führt der Wing Chun-Kämpfer einen direkten Angriff, wie einen geraden Fauststoß oder einen Ellenbogenschlag, aus.

Ziele des Trappings:

Angriffe des Gegners unterbinden

: Ein „Trap” nimmt dem Gegner die Möglichkeit, effektiv zurückzuschlagen.

Verteidigung durchbrechen

: Der Gegner wird in eine Position gezwungen, in der er sich nicht mehr sinnvoll verteidigen kann.

Fluss aufrechterhalten

: Im

Wing Chun

wird ein „Trap” oft in fließenden Bewegungen genutzt, um direkt in die nächste Technik überzugehen.

In diesem Kapitel widmen wir uns fünf verschiedenen Arten des „Trappings” der Hände. Wir betonen dabei bewusst „Hände”, da im Wing Chun auch Traps an Beinen und Körper mithilfe der Hände möglich sind. Hier konzentrieren wir uns jedoch auf die Hand-„Trappings”.

Die fünf Hand-Trappings:

Schlagen

– Ein Trap wird durch einen schlagenden Impuls wie bei

Pock Sau

, erzeugt.

Abbildung 36: Der Gegner wird durch einen Pock Sau getrappt

Greifen

– Der Gegner wird kontrolliert, indem sein Arm durch Techniken wie

Lop Sau

gegriffen wird.

Abbildung 37: Durch den Griff am Handgelenk des Gegners wird dieser getrappt

Drücken/Pressen

– Durch das gezielte Drücken oder Pressen, wie bei

Gum Sau

, wird der Gegner blockiert.

Abbildung 38: Der Kämpfer übt Druck aus, um seinen Gegner zu trappen

Einhaken

– Der Gegner wird durch eine Hakenbewegung, wie bei

Tan Sau

, in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt.

Abbildung 39: Der gegnerische Arm wird mit der zirkelnden Hand getrappt

Einklemmen

– Dem Gegner wird ein Arm oder eine Hand eingeklemmt, hier mit

Woo Sau

.

Abbildung 40: Der Kämpfer klemmt den Arm des Gegners ein und trappt ihn dadurch

Diese Fotos bieten dir einen ersten Eindruck davon, was ein „Trap” bedeutet und welche Vorteile es einem Wing Chun-Kämpfer bringt.

2.8 Cutting Angle – „Schneidende Winkel”

Der „schneidende Winkel” ist ein essenzielles Konzept der Zentrallinientheorie. Anstatt Angriffe mit einem 90°-Winkel direkt zu blockieren, was mehr Kraft erfordert, nutzt der Wing Chun-Kämpfer einen 45°-Winkel, um den Angriff diagonal abzulenken.

Warum ist das so wichtig?