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Ganz gewiss kann man glücklich werden in einem anderen Land! Ins Ausland zu ziehen, bringt eine dramatische Veränderung mit sich. Der Verfasser hat selbst in mehreren Ländern und Erdteilen gelebt, gibt anregende und beruhigende Beispiele dafür, was wir selbst tun können, um das Leben in dem neuen Land leichter und fröhlicher zu machen. Pressestimmen zu diesem Buch: »Sein Buch ist ein faszinierendes Kaleidoskop von Situationen, die entstehen können, wenn man sich in einem anderen Land niederlässt.« [Uppsala Nya Tidning] »Lebensklug und erkenntnisreich, rücksichtsvoll und liebevoll.« [Per Faustino, Fachbuchchef beim Norstedt Verlag] »Olkiewiczs Buch ist alltagsnah und pragmatisch, unsentimental und handfest.« [Thema Asyl & Integration im Rahmen des EU-Programmes EQUAL] »Das ist ein Buch, das von allen gelesen werden sollte, die Ihren Horizont erweitern wollen.« [Ny tid, »Neue Zeit«, Finnisch-Schwedische Kulturzeitschrift] Andrzej Olkiewicz floh als 19-jähriger aus dem kommunistischen Polen nach Westen. Nach der Flucht arbeitete er u. a. als Metallarbeiter und Seemann. Dann absolvierte er ein Studium zum Geologen an der Universität Stockholm. Heute ist er als freier Schriftsteller und Mitarbeiter für Zeitungen und Rundfunk tätig.
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Seitenzahl: 218
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über
https://dnb.de/DE/Home/home_node.html abrufbar.
Copyright (2020) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor und für Umschlaggestaltung beim Grafiker
Übersetzung aus dem Schwedischen:
Norbert Bürk
Originaltitel:
Konsten att vara invandrare
© Andrzej Olkiewicz, 2008
Genista Förlag
Stockholm, Schweden
Umschlag: Martin Fogelström
Umschlagbild: Lorrie McClanahan, Melting Pot
Beratende Betreuung und Bearbeitung der deutschen Übersetzung:
Dr. Margot Krempien
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
Cover
Impressum
Wie es zu der Übersetzung kam – Vorwort des Übersetzers
Über den Verfasser und das Buch
Fremd in einem neuen Land
Wer sind wir?
Mein eigener Anfang
Den Schritt über die zweite Grenze nehmen
Die Verantwortung der Gesellschaft
Weshalb manche ihre Heimat verlassen
Andere Länder, andere Sitten
Es ist überall ungefähr gleich
Zerschlagene Vorstellungen
Zwei Anpassungsstrategien
Wege zu einem neuen Umgang
Identität
Vorurteile über andere Leute und Länder
Ethnische Witze
Über Fremdheit – wir und die anderen
Neues Land – Begegnung mit dem Andersartigen
Albträume
Die Menschen in dem neuen Land – wie sind sie?
Einsamkeit
Begegnung mit der neuen Sprache
Begegnung zwischen der Muttersprache und der neuen Sprache
Immigrationsfrustration
Über das neue Land klagen
Diskriminierung
Pendeln
Die einzigartigen Lebenserfahrungen
Seinen Hintergrund schönen
Eigenes Leiden schafft nicht automatisch Mitgefühl
Traumatische Erlebnisse
Wir sind großzügig – die anderen sind geizig
Kann man einer von ihnen sein?
In der Wirklichkeit oder in einem Wartezimmer leben
Neue Wurzeln schlagen
Die unausweichlichen Veränderungen
Mischehen
Einwanderereltern und ihre Kinder
Kinder und die Sprache
Sich nicht akzeptiert fühlen und andere ablehnen
Kann man unter den Einheimischen Freunde gewinnen?...
Wo bin ich eigentlich zu Hause?
In den Augen der Umgebung Fremdling bleiben
Rückkehr – dazugehören und doch nicht
Fremdheit verbindet und trennt
Gewinn des Auswanderns
Einige abschließende Betrachtungen
Zum Schluss
Dankesworte
Quellenverzeichnis
Für alle, die in einem fremden Land leben
Es war nie so geplant, es ist einfach passiert. Als ich wieder einmal bei unseren Freunden Thomas und Diana, die von Deutschland nach Schweden ausgewandert sind, zu Besuch war, stand ich auf der Suche nach etwas Lesbarem in schwedischer Sprache vor dem Bücherregal. Seit meine Kinder in der Schule Schwedisch als 2. Fremdsprache lernten, hatte auch ich mich mit der Sprache befasst; anfangs über Volkshochschulkurse, später autodidaktisch und insbesondere durch Lesen meinen Wortschatz ständig erweitert. Waren es anfangs noch Kinderbücher und Comics, so konnte ich mich nach und nach an umfangreichere Texte, wie zum Beispiel an Kriminalromane in schwedischer Sprache wagen. Mein Blick fiel auf dieses Buch „Konsten att vara Invandrare“ („Die Kunst Einwanderer zu sein”). Ich begann zu lesen und je mehr ich las, je mehr erkannte ich mich selbst als Einwanderer in meiner neuen Heimat Mecklenburg-Vorpommern.
Mein Weg hatte mich Anfang der Neunziger Jahre von meiner alten Heimat in Baden-Württemberg nach Mecklenburg-Vorpommern geführt. Von Süddeutschland, aus dem Mittelgebirge des Schwarzwaldes, nach Norddeutschland an die Ostseeküste. Mehr noch, aus den „Alten Bundesländern“ in West-Deutschland in die „Neuen Bundesländer“ nach Ost-Deutschland. Der Mauerfall lag noch nicht lange zurück, zwei unterschiedliche Länder, andere Leute, andere Mentalität, Kultur, Geschichte und – ja, auch Sprache. Die im Buch beschriebenen Einwandererfrustrationen, Integrationsprobleme und Lösungsansätze waren für mich wertvolle Hinweise und Erkenntnisse auf dem Weg zu meiner eigenen Integration. Ich hatte den Willen, in dem neuen Land zu bleiben. Dort hatte ich meine Frau, eine Einheimische, kennengelernt und mit ihr eine Familie gegründet. Ich wollte mich integrieren, dazugehören. Und da – wie so oft – auch zu einer gelingenden Integration immer zwei Seiten gehören, fand ich es eine gute Idee, wenn auch meine Frau dieses erkenntnisreiche Buch lesen würde. Dazu musste es aber ins Deutsche übersetzt werden. Das schien mir kein Problem zu sein, ich hatte es ja gelesen, brauchte es also nur noch in meiner Muttersprache hinzuschreiben, dachte ich. Allerdings erwies sich dieses „nur eben noch hinschreiben“ dann doch aufwändiger als gedacht. Dennoch entstand Kapitel für Kapitel bis es fertig war. Das fertige Manuskript schickte ich schließlich per E-Mail an den Autor Andrzej Olkiewicz in Stockholm. Vielleicht würde er ja Verwendung dafür haben, es möglicherweise sogar selbst veröffentlichen wollen.
Der Rest ist Geschichte, Begeisterung und Fleißarbeit. Hinzu kam im entscheidenden Moment die professionelle Unterstützung und verlegerische Betreuung seitens Frau Dr. Margot Krempien, die mit Sachverstand das Erscheinen der deutschen Fassung maßgeblich vorangebracht hat. Ganz herzlichen Dank dafür!
Ich bin dankbar für alles, was ich aus dem Buch und durch die Arbeit daran lernen durfte. Danke, Andrzej, für dieses Buch. Vor allem aber bin ich von Herzen dankbar, dass ich Dich, Andrzej und Deine wunderbare Frau Eva kennenlernen durfte. Danke für Eure tatkräftige Unterstützung bei der Überarbeitung und Präzisierung des Manuskriptes und für Eure liebevolle und geduldige Begleitung. Und – Tack för senast! – danke für Eure Einladung nach Stockholm, eine wahrlich zu Herzen gehende Begegnung. Danke, dass all das passieren durfte.
Norbert Bürk, Schwerin, 2020
Andrzej Olkiewicz floh als 19-jähriger während der kommunistischen Diktatur aus Polen nach Dänemark und zog nach einiger Zeit weiter nach Schweden. Während der ersten Jahre nach der Flucht verdingte er sich als Metallarbeiter, Seemann und Zeichner. Später absolvierte er an der Universität in Stockholm ein Geologie-Studium. Als Geologe arbeitete er dann für die Vereinten Nationen sowie für staatliche und auch private Unternehmen mehrere Jahre in zwei weiteren Ländern, in Saudi-Arabien und Abu Dhabi. Bei diesen Ländern handelt es sich um ausgeprägte Einwandererländer und so traf er dort auf Menschen aus allen Ecken der Welt. Er schrieb dieses Buch somit auf Basis seiner persönlichen Erfahrungen aus vier unterschiedlichen Ländern.
Das Buch wurde 2008 in Schweden herausgegeben mit dem Titel „Konsten att vara Invandrare“, „Die Kunst Einwanderer zu sein“. Der bekannte polnische Verlag Czarna Owca gab das Buch zwei Jahre später unter dem Titel „Jak żyć szczęsliwie w innym kraju“, „Wie man in einem anderen Land glücklich lebt” heraus, mit einem Vorwort von Professor M. Packalén von der Universität Uppsala.
Als das Buch erschien, erhielt es enorme Aufmerksamkeit in vielen Medien, Presse, Radio und TV, sowohl in Schweden, als auch in Polen. Andrzej Olkiewicz wurde eingeladen, vor dem schwedischen Reichstag einen Vortrag mit anschließender Diskussion über sein Buch zu halten und ist darüber hinaus für vielfältige Autorenlesungen bei Kommunen und verschiedenen Organisationen sehr gefragt.
Das Buch war Pflichtlektüre an mehreren Universitäten in Schweden. In Polen hielt Andrzej Olkiewicz Vorträge über das Buch an den Universitäten in Danzig, Breslau und Thorn. Sein Buch war ebenso Gegenstand einer wissenschaftlichen Analyse von Professor Hieronym Chojnacki von der Universität Danzig „In Richtung Therapie für Immigranten. Ein unentbehrlicher psychologisch-sozialer Ratgeber von Andrzej Olkiewicz“, präsentiert auf zwei internationalen Konferenzen in Danzig und Stockholm.
Noch bevor die Übersetzung des Buches ins Deutsche fertig war, wurde Andrzej Olkiewicz von der deutsch-polnischen Buchhandlung buch|bund in Berlin-Neukölln zu einer Lesung eingeladen. Für Anwesende gab es eine Übersetzung ins Russische und Persische.
Heute ist er als Vorleser, freier Schriftsteller und Mitarbeiter für Zeitungen und Rundfunk tätig.
Auf www.immigrant.nu sind einige der Bewertungen und Interviews ersichtlich.
Ja, ich muss mich lostrennen von meiner Vaterstadt, für mich ist das zu eng, leb wohl, du Stadt, ich kehre vielleicht wieder zurück zu dir, aber erst, wenn mich die weite Welt zum zweiten Mal zur Welt gebracht hat.
Witold Gombrowicz1
Als Fremde in einem neuen Land begegnen wir Menschen, die umgänglich sind und auch solchen, die uns gegenüber häufig negativ oder gleichgültig eingestellt sind. Selbstverständlich werden wir von der Einstellung der Umgebung stark beeinflusst.
In diesem Buch will ich dennoch vor allem die eigenen Reaktionen der Einwanderer auf die lebenswichtigen Umstellungen beleuchten, die eine Emigration mit sich bringen kann. Ich möchte darauf fokussieren, was wir Einwanderer als Individuen selbst tun können, um so schmerzfrei wie möglich und unter Aufrechterhaltung unseres Selbstbewusstseins und unserer eigenen Identität ein Teil der neuen Gesellschaft werden zu können. Ich versuche auch zu erklären, weshalb wir so reagieren, wie wir es tun und wie wir uns verhalten können, um die unvermeidlichen Frustrationen abzumildern, die die Begegnung und Auseinandersetzung mit dem neuen Land mit sich bringt.
Je mehr wir über uns selbst wissen, desto besser verstehen wir unsere Reaktionen auf all das Neue und umso mehr Möglichkeiten haben wir, in konstruktiver Weise mit den entstehenden Konfliktsituationen umzugehen. Es gibt Einwanderer, die behaupten, es sei unmöglich sich anzupassen. Nach vielen Jahren in dem neuen Land sind sie der Ansicht, dass sie nirgendwo richtig zuhause sind.
Ein Flüchtling sagt dazu in einem Zeitungsinterview: Der Exilzustand ist das Vakuum, aus dem man nie mehr herauskommt, man ist zwischen zwei verschiedenen Welten.2
Ich stimme dem nicht zu. Ich glaube, dass es durchaus einen Weg aus jenem Vakuum gibt und das ist jener Weg, den ich in meinem Buch beschreiben will. Es handelt davon, wie es gelingen kann, die vergangene Wirklichkeit des Einwanderers mit der neuen zu vereinen. Im Zusammentreffen dieser beiden kann die alte Erfahrung neue Horizonte eröffnen, was es uns ermöglicht, zu beiden Ländern zu gehören, wenn auch auf unterschiedliche Art und Weise.
Das Buch basiert auf meinen eigenen Erfahrungen als Einwanderer sowie auf Erlebtem, das andere mir mitgeteilt haben. Meine Erfahrungen habe ich in verschiedenen Ländern gemacht und mit Menschen aus aller Welt. Ich habe auch Schriftsteller mit Einwanderererfahrungen zitiert und aus Zeitungsartikeln einige Zitate aus Interviews mit Menschen zusammengetragen, die über Ländergrenzen hinweg umgezogen sind.
Ich hoffe, dass dieses Buch für all jene zur Selbsterkenntnis beiträgt, die ins Ausland gezogen sind, vielleicht Ausländer geheiratet haben oder die Freunde, Bekannte oder Arbeitskollegen unterschiedlicher Nationalität haben. Ebenso für Kinder, die in einem anderen Land aufwachsen, als ihre Eltern. Sicher kann dieses Buch auch für Menschen interessant sein, die planen, sich im Ausland niederzulassen, die diesen Schritt aber noch nicht vollzogen haben.
Und schließlich bekommen hoffentlich jene Menschen einige Antworten auf ihre Fragen, was sie auf dem spannenden und mühsamen Weg von der Auswanderung zur Einwanderung und Integration alles erwarten kann.
„Steh auf, nimm das Kindlein und seine Mutter mit dir und flieh nach Ägypten und bleib dort, bis ich dir‘s sage; denn Herodes hat vor, das Kindlein zu suchen, um es umzubringen“. Da stand er auf und nahm das Kindlein und seine Mutter mit sich bei Nacht und floh nach Ägypten und blieb dort bis nach dem Tod des Herodes …“
Matthäusevangelium 2, 13-14
Einwanderer – die gibt es überall, es gab sie immer und wird es immer geben. Wir haben unterschiedliche Hintergründe und sind auf unterschiedlichen Wegen in ein neues Land gekommen.
Manche kommen aus reichen Ländern, andere aus armen oder aus gut situierten Familien, andere aus notleidenden. Manche sind gut ausgebildet, andere sind Analphabeten. Was uns in Bewegung versetzt, kann Krieg sein, Hunger, Naturkatastrophen, eine schlechte Wirtschaftslage, politische oder religiöse Verfolgung, aber ebenso Familienkonflikte, Gewinnstreben, eine innere Unruhe oder Abenteuerlust.
Auf dem Weg in das neue Land riskieren vielleicht einige von uns, in Containern eingeschlossen zu leiden, auf einem verschneiten Bergpass zu erfrieren, mit verrotteten Booten zu sinken oder beschossen zu werden, wenn sie Flüsse durchschwimmen. Aber wir können auch in einem bequemen Zug – oder einem Flugzeugsessel reisen. Einige von uns passieren die Grenze mit einem ängstlich pochenden Herzen, während andere ruhig und gelassen ihren Pass vorzeigen.
Wir können begleitet werden von Verständnis oder Misstrauen. Möglicherweise werden wir benutzt als Spielfiguren in einem politischen Spiel. Manche betreten ein neues Land ohne einen Pfennig in der Tasche und ohne zu wissen, was sie erwartet – andere werden willkommen geheißen, bekommen eine Wohnung und guten Lohn. Viele wissen nicht, ob sie jemals ihre Heimat wiedersehen, während andere ihre Lieben bereits zum nächsten größeren Festtag wieder besuchen. Alle hoffen auf eine bessere Zukunft – und doch werden alle zunächst Fremdlinge.
Die meisten kommen mit leeren Händen. Wir sind geprägt von der Vergangenheit und haben sowohl Gutes als auch Schlechtes mitgenommen. Der Edelmutige hat seinen Edelmut behalten, der Gemeine seine Gemeinheit. Das Gleiche gilt für Ehrlichkeit und Falschheit, Toleranz und Vorurteil. Aufbruch, Reise und Ankunft haben unser Lebensgepäck etwas schwerer gemacht. Manche hoffen, dass sie ihre Vergangenheit hinter sich lassen können.
Das Einzige, was uns vereint ist, dass wir fremd sind – im Übrigen sind wir aber völlig unterschiedlich.
Nun, wer sind wir? Was bewegt uns? Und wie wird es uns ergehen in dem neuen Land? Welche Kräfte werden wir entfalten? Werden wir Erfolg oder Misserfolg haben, werden wir uns in bessere oder schlechtere Menschen verwandeln? Das alles lässt sich nicht voraussagen. Und wie wird das mit unserem persönlichen Herodes werden, wird er irgendwann einmal sterben? Und wenn das geschehen sollte, werden wir dann zurückkehren? Sicher ist, dass wir uns dann längst verändert haben und niemals zurückkehren können zu dem, was einmal war.
Ein weißes Segel weit vom Strande
In blauen Meeres Einsamkeit …
Was sucht es in dem fernen Lande?
Und warum fliehst die Heimat weit?
Michail Lermontov3
Im Speisesaal der Königlich Technischen Hochschule in Stockholm fiel meine Aufmerksamkeit auf eine Gruppe französischer Studenten, die stets zusammensaßen und lautstarke Diskussionen führten.
Einmal ergab es sich, dass ich in der Warteschlange an der Essenausgabe neben ihnen stand. Ich fragte sie, was sie vom Studieren an der KTH hielten. „Das ist schon okay. Schade nur, dass es so hoffnungslos schwer ist, mit den schwedischen Studienkameraden in Kontakt zu kommen“, war die Antwort. Ein paar Tage später sah ich zwei der Franzosen in Gesellschaft mit ein paar schwedischen Studenten. Zu Beginn sprachen alle englisch miteinander. Es dauerte jedoch nicht lange, bis die Franzosen zum Französisch übergingen. Die Schweden unternahmen noch einige tapfere Annäherungsversuche, aber als sie keine Antwort bekamen, gingen sie ebenfalls in ihre Landessprache über und blieben unter sich. Diese scheinbar unbedeutende Begebenheit gab mir den Anstoß für dieses Buch. Hier hatte ich ein ausgezeichnetes Beispiel, wie Ausländer ihrem eigenen Interesse, nämlich mit der Landesbevölkerung in Kontakt zu kommen, zuwiderhandeln können. Das Verhalten der Franzosen habe ich auch an mir selbst sehr wohl wiedererkannt.
Im Jahre 1957 floh ich als 19-jähriger gemeinsam mit einem Kameraden aus dem kommunistischen Polen nach Dänemark. Wir fanden Arbeit in einer Fabrik in einem kleinen Fischerdorf. In der Fabrik befand ich mich zum ersten Mal in meinem Leben in internationaler Gesellschaft. Neben Dänen gab es dort Ungarn, Grönländer, einen Belgier und einen Finnen. Nach einigen Monaten zog ich nach Schweden um, wo ich zunächst als Klempner Arbeit fand.
Weshalb war ich aus Polen geflohen? Weil ich Freiheit und Abenteuer suchte! Es ging mir nicht darum, reich zu werden. Statt nach Dänemark hätte ich genauso gut nach Kongo fliehen können. Und die Auswanderung sollte ja nicht für ewig sein. In meiner Naivität glaubte ich, dass der Kommunismus innerhalb von ungefähr 10 Jahren zerfallen oder sich zumindest reformieren würde. Und dann könnte ich zurückkehren als bereister und sprachkundiger Mann, hineinsegeln in den Hafen meines Segelclubs in Gdynia, nachdem ich um die Welt gefahren sein würde. Ich könnte verheiratet sein mit einer exotischen, hübschen Frau. Das waren Träume, entsprungen aus der Phantasie eines Teenagers, der vielen Erzählungen gelauscht und viele Bücher gelesen hatte, der aber eingesperrt lebte in einer Welt ohne Hoffnung. Das kommunistische System hielt die Menschen hinter Grenzen aus Stacheldraht, Minenfeldern und bewaffneten Wachposten gefangen. Mein Lebenstraum, zur See zu fahren, ließ sich nicht verwirklichen, da der Weg zur Seefahrtsschule für mich versperrt war. In einer Diktatur kann alles Mögliche einen Schlusspunkt setzen unter jemandes Zukunftsplanung. In meinem Fall missfiel es der Regierung, dass ich Verwandtschaft im Ausland hatte. Indessen hielt ich an meinen Traum vom Seemannsberuf fest und hatte keine Ahnung, was ich stattdessen werden sollte. Mein Wille zur Berufswahl, die autoritäre Art meines Vaters und die staatliche Diktatur hielten mich wie unter einer erstickenden Glocke gefangen. Ich fühlte mich wie in einer Falle.
Wie war ich vorbereitet auf ein Leben als Emigrant? Überhaupt nicht!
Ich war – wie so viele andere Emigranten – vollkommen ahnungslos. Ich glaubte, wenn ich nur erst die Sprache erlernen würde, würde ich ein erfolgreiches Leben führen können. Ich sah mein Ausländersein als Zugang, als etwas, was mich in den Augen der neuen Umgebung interessant machte. Ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, dass mein neues Umfeld mich aus völlig anderem Blickwinkel sehen könnte. Ich ahnte nicht, dass die Emigration Ausgestoßensein, Schimpfwörter und Einsamkeit mit sich brachte. Ebenso wenig vermochte ich die Andersartigkeit der Kultur des neuen Landes, also das, was eine so starke Anziehung auf mich ausgeübt hatte, richtig zu deuten oder zu verstehen. Stattdessen wurde ich frustriert und begann, die neue Gesellschaft als mir gegenüber feindlich eingestellt zu betrachten.
Ich habe in meinem Emigrantenleben die meisten Fehler gemacht, die ein Mensch in einem fremden Land machen kann. Durch meine Lebensweise arbeitete ich meinem eigenen Wunsch nach einem entspannten und normalen Leben in der Gesellschaft zuwider. Für Vieles hatte ich kein Verständnis und unbewusst errichtete ich um mich herum unnötige Mauern. Die paar wenigen, die sich mir gegenüber nicht gut verhielten, färbten meine Sicht auf das gesamte Volk. Es machte auch keinen Unterschied, dass ich zur gleichen Zeit auf ganz viele wunderbare Menschen traf.
In meiner Einsamkeit und Unsicherheit suchte ich die Nähe meiner Landsleute und anderer Ausländer. In dieser konformen Umgebung bestärkten wir uns dann gegenseitig in unserer negativen Auffassung gegenüber dem neuen Land. Unsere Kontakte mit Schweden beschränkten sich auf Kollegen am Arbeitsplatz und Freundinnen.
Während meiner ersten Jahre in Schweden arbeitete ich als Metallarbeiter, Seemann, Zeichner und Ingenieur. Erst einige Jahre später bildete ich mich an der Universität weiter und wurde Geologe. Das war der Auftakt dafür, dass ich in zwei weiteren Ländern, Saudi-Arabien und Abu Dhabi, insgesamt vier Jahre leben und arbeiten sollte. Diese Länder sind ausgeprägte Einwandererländer mit Menschen aus allen Ecken der Welt. Dort traf ich sowohl privat als auch im Arbeitsleben Menschen unterschiedlicher Nationalität und Gesellschaftsschichten.
Alle diese Erfahrungen habe ich in dieses Buch mit einfließen lassen.
Es gibt der Welten viele. Und jede ist anders.
Jede ist wichtig.
Und man muss sie kennenlernen, denn die anderen Welten, die anderen Kulturen sind wie Spiegel, in denen wir uns selber besser kennenlernen, denn es ist unmöglich, die eigene Identität zu bestimmen, solange wir sie nicht mit anderen konfrontiert haben.
Ryszard Kapuściński4
Auf jeden Emigranten warten zwei Grenzen. Die erste ist die politische Grenze, die wir überschreiten, wenn wir das Heimatland verlassen. Die zweite, die psychologische, überschreiten wir, wenn wir den Beschluss fassen, uns dem neuen Land mit Verständnis und Akzeptanz zu nähern. Alle, die ihr Land verlassen, verlassen gleichzeitig das gewohnte heimatliche Leben und die Menschen, mit denen sie zusammen aufgewachsen sind. Auf der einen Seite der Grenze gibt es die selbstverständliche Zusammengehörigkeit, auf der anderen findet man die Fremde. Und dabei spielt es keine Rolle, ob die Auswanderung freiwillig erfolgte oder durch ein hartes Schicksal aufgezwungen wurde. Die neue Situation bringt immer Frustrationen mit sich.
Zunächst kommt der Entschluss, das Heimatland zu verlassen. Danach haben wir die Wahl, entweder Fremder zu bleiben oder über die „zweite Grenze“ zu gehen, also die Außenseiterrolle zu verlassen und uns in die neue Gesellschaft zu integrieren.
Der Weg hin zu dieser zweiten Grenze ist lang und mühsam. Wichtig ist dabei, dass wir ihn wirklich gehen wollen. Obschon wir dabei nicht alleine sind, sind wir in gewisser Weise immer einsam. Die größten Hindernisse auf diesem Weg sind unsere Gewohnheiten, Vorurteile und Bequemlichkeit. Erst wenn wir über diese Hindernisse hinweggekommen sind, wissen wir, dass wir die zweite Grenze passiert haben. Vieles wird auf dieser Reise gelernt –
Das Wichtigste, was man lernen kann, ist sich selbst kennenzulernen.
Integration handelt nicht nur von sozioökonomischen Problemen sondern auch von soziokulturellen Fragen und muss von beiden Seiten kommen. Das Individuum muss sich integrieren wollen und die Gesellschaft muss die Voraussetzungen schaffen, damit dies möglich werden kann.
Ayaan Hirsi Ali5
Wenn wir in einer paradiesisch offenen und konfliktlosen Gesellschaft leben würden, wäre dieses Buch überflüssig. Ebenso im entgegengesetzten Fall, also wenn jene Gesellschaft nie irgendeinen Fremden über die Schwelle kommen ließe. Nun ist das aber nicht so. Ein Paradies auf Erden gibt es nicht und ebenso wenig gibt es hermetisch abgeschlossene Länder.
Ich möchte in diesem Buch über unsere Rolle und unsere Verantwortung als Einwanderer schreiben, und darüber, was wir tun können, um die Tür von unserer Seite aus offen zu halten. Aber ein einzelner Einwanderer vermag wenig und selbst der stärkste ist schwach, wenn die Gesellschaft nicht mithilft und alles tut, um ihre Türen zu öffnen. In einer Demokratie ist es die Pflicht der Gesellschaft, dafür zu sorgen, dass alle Menschen, die innerhalb der Landesgrenzen wohnen, ihren angemessenen Platz darin finden.
Der Forscher Ronald Taft schreibt in seinem Buch From Stranger to Citizen (Vom Fremden zum Bürger), dass die Einstellung der Einwanderer zu Australien und der Bevölkerung des Landes in hohem Grade darauf beruhte, wie sie bei der Ankunft behandelt wurden.6 Gruppen, die diskriminiert wurden, schlossen sich schnell in ihren nationalen Gruppen zusammen und isolierten sich von der Gesellschaft.7 Die Gruppen, vor allem Briten, die von der Umgebung freundlich empfangen wurden, kamen schnell in die Gesellschaft hinein. Das Erleben von Vorurteilen und Diskriminierung spielte für die Anpassung der Einwanderer eine wichtige Rolle.
Kurz gesagt: Freundlichkeit bringt Freundlichkeit hervor.
Fremdenfeindliche Gruppen gibt es in jedem Land. Ob sie größer oder kleiner sind, hängt in hohem Maße von denen ab, die steuern und Macht haben und wie sie in diesen Fragen agieren. Das bedeutet, der gesellschaftliche Zerfall beginnt immer bei der Führungsspitze. Das polnische Sprichwort lautet: „Der Fisch verdirbt am Kopf zuerst“. Und das ist tatsächlich wissenschaftlich belegt. Professor Freda Hawkins von der Universität in Warwick stellt fest:
„… in Ländern, in denen Regierungsmitglieder und andere Verwaltungsvertreter sich öffentlich negativ über Einwanderer äußerten, waren Vorurteile und Diskriminierung gegenüber Einwanderern weit üblicher als in anderen Ländern.“8
Der Mensch hat ein Grundbedürfnis, dazuzugehören, Teil eines größeren Ganzen zu sein. Wenn er nicht „einbezogen“ wird, wird er daher andere Alternativen suchen und zur Gesellschaft auf Abstand gehen. Das kann dazu führen, dass die nachfolgende Generation sich in dem Land, in dem sie aufgewachsen ist, fremd fühlt. Deshalb liegt es im Interesse der Gesellschaft, eine möglichst große Offenheit zu schaffen. Es ist leicht, Menschen auszustoßen, aber schwer – um nicht zu sagen unmöglich – mit den Konsequenzen zu leben.
Politiker, die nicht aktiv mithelfen, eine für alle Einwanderer, gleich welcher Herkunft, offene Gesellschaft zu schaffen, laden sich schwere Verantwortung auf. Die Folgen können verhängnisvoll sein. Wir können bereits jetzt die Ergebnisse einer solchen Politik sowohl in Europa wie auch in der übrigen Welt sehen: Enklaven isolierter Ausländer, die außerhalb leben, oft in Konflikt mit der Gesellschaft oder untereinander. Ghettobildung, Rassismus, Arbeitslosigkeit und Kriminalität sind die Konsequenzen.
Die Geschichte zeigt, dass es viel Geld und Zeit kostet, Diskriminierung und Separatismus einzuschränken. Das deutlichste Beispiel sind die Schwarzen in den USA, die von der weißen Bevölkerung diskriminiert und ausgegrenzt wurden. Das führte u. a. zu Ghetto-Bildung, Armut und Kriminalität. Obwohl die offizielle Diskriminierung aus den Gesetzestexten verschwand, ist der Weg heraus aus dieser Misere für die Betroffenen lang und mühsam. Die Menschheit ist nicht immer edel. Einer öffentlichen Diskriminierung folgen oft volkstümliche Vorurteile. Dann braucht es eine lange Zeit, wenn es überhaupt geht, die negativen Stempel, die einer Gruppe aufgedrückt wurden, wieder zu beseitigen.
Die heutige Gesellschaft, insbesondere die Führungsriege, muss erkennen, dass die Zeiten für begrenztes nationales Denken vorbei sind. Wir müssen den Begriff „national“ umdefinieren und ausweiten. Veränderungen dieser Art sind in der Geschichte immer wieder vorgekommen, aber in unserer Zeit geschieht dies schneller denn je. Nationalstaaten werden in allen Bereichen jetzt schon und künftig immer stärker von Einwanderern und in neuester Zeit von Flüchtlingen aus vielen Ländern der Welt beeinflusst.
Es gilt, die häufig noch abwartende Einstellung gegenüber Einwanderern zu ändern und aktiv zu beginnen, die hier geballt auftretenden dynamischen Kräfte von Zuwanderern in die richtigen Bahnen zu lenken und somit positiv zu nutzen.
Der Prozess lief schon lange, er hat alle Handlungen und Gefühle gefärbt, lange bevor man sich der Entscheidung [auszuwandern] bewusst war.
Theodor Kallifatides9
Als der Vulkan Mt. Saint Helens an der Westküste der USA im Jahr 1980 einen Ausbruch hatte, wollten Rettungskräfte die Menschen aus dem Gefahrenbereich des Vulkans evakuieren. Trotz der drohenden Gefahr weigerten sich einige, mit den Rettungshubschraubern weg zu fliegen. Stattdessen wollten sie bleiben in der Hoffnung, die Gefahr würde sich verziehen. Das Wunder blieb aus und sie wurden unter der Asche begraben.
Überall auf der Welt gibt es Menschen, die meinen, ihre Heimat und ihr Land nicht verlassen zu können. Andere brechen schon bei der ersten Andeutung von Gefahr oder Unannehmlichkeiten auf. Wieder andere verlassen ihr Land anscheinend ohne jeden ersichtlichen Grund.
Manche sind jedoch der Auffassung, dass es immer einen Grund gibt. Sie meinen, dass es stets etwas im Hintergrund eines Auswanderers gibt, das ihn von zuhause wegtreibt. Das heißt, man reist nicht irgendwo hin sondern im Gegenteil von etwas weg.
Die Schriftstellerin Rita Tornborg schreibt:
Es spielt keine Rolle, ob der Einwanderer sein Land abrupt verlässt, wegen Krieg oder anderer Katastrophen, oder ob er den Beschluss nach reiflicher Abwägung selbst gefasst hat. Die Freiwilligkeit ist nur scheinbar. Auch in dem letzteren Fall gibt es im Hintergrund immer Verhältnisse, in die sich Menschen nicht einfinden wollen, die sie nicht beeinflussen können.10
Vielleicht ist es so, dass es immer mehr oder minder starke Gründe gibt, das Heimatland zu verlassen. Das kann die Sehnsucht sein, dem alltäglichen Trott, den erdrückenden Familienbanden, traditionellen Gesellschaftsstrukturen, wirtschaftlicher Hoffnungslosigkeit oder politischer Unterdrückung zu entkommen. Ohne diese Sehnsucht wären manche Bande schwer zu trennen. Ich habe oft darüber nachgedacht, weshalb keiner meiner Jugendfreunde versuchte, Polen zu verlassen. Sie waren von dem politischen Terror ja genauso betroffen wie ich. Als ich sie danach fragte, sagten sie, dass sie ihr Land niemals verlassen, selbst dann nicht, wenn sie die Möglichkeit dazu gehabt hätten. Manchmal kann der Traum von einem anderen Leben schon von Kindesbeinen an vorhanden sein. Ich selbst erinnere mich, dass ich bereits in meinen frühen Teenager-Jahren die Idee hatte, fortziehen zu wollen. Das war weniger ein Fluchtplan als vielmehr ein diffuser Traum.
Der Schriftsteller Theodor Kallifatides, der als 26-jähriger Griechenland während der Militärdiktatur verließ, schreibt, dass er vielleicht schon als 13-jähriger seine Auswanderung ins Auge gefasst hatte:
