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Von der Gründung des Königreichs Au Lac (3. Jahrhundert v. Ch.), das für seine bronzenen Trommeln und kunstvollen Waffen bekannt ist, bis hin zu den Kunstwerken der Absolventen der 1925 in Hanoi gegründeten Schule der Schönen Künste in Indochina, die mit ihren Werken eine harmonische Verschmelzung zwischen Asien und dem Westen schaffen, hat die vietname-sische Kunst im ganzen Land deutliche Spuren seiner ursprünglichen Kulturen hinterlassen. So hat das im Norden gelegene Königreich der Dai Viêt eine erstaunlich vielfältige Keramikkunst gefördert. Ein anderes Königreich, das der Champa, verfolgte indische Traditionen und herrschte bis zum 15. Jahrhundert über die Mitte und den Süden des Landes und hinterließ sowohl bemerkenswerte, als Heiligtümer dienende Türme, als auch große, kraftvolle Steinstatuen. Beide Entwicklungen stehen im deutlichen Kontrast zur feinen Kunst der benachbarten Khmer. Heute sind die Vietnamesen die Erben einer reichen Vergangenheit.
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Seitenzahl: 267
Veröffentlichungsjahr: 2018
Verlagsleiter: Jean-Paul Manzo
Autoren: Catherine Noppe, Jean-François Hubert
Layout: Baseline Co. Ltd
Ho-Chi-Minh-Stadt, Vietnam
© Confidential Concepts, worldwide, USA
© Parkstone Press International, New York, USA
© Image-Barwww.image-bar.com
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ISBN: 978-1-78310-621-9
Catherine Noppe und Jean-François Hubert
Inhalt
EinführungLand und Wasser
Kapitel 1Van Lang und Au Lac, die ersten Königreiche
Kapitel 2Die chinesische Herrschaft und ihr Erbe
Kapitel 3Die ersten nationalen Dynastien: die Ly (1009-1225) und die Tran-Dynastie (1225-1400)
Von Hoa Lu’ bis zu Thang Long, die Hauptstädte der nationalen Dynastien
Die buddhistische Architektur zur Zeit der Ly
Die Keramik der Ly und der Trân
Trân Hu’ng Dao und der Kampf gegen die Mongolen
Kapitel 4Das Königreich Champa
Kapitel 5Die Dynastie der Lê
Hôi An
Die buddhistische Plastik
Der Konfuzianismus und sein Manifest, der Tempel der Literatur
Das Gemeindehaus (dinh)
Die Keramik der Le-Zeit
Kapitel 6Hué und die Dynastie der Nguyên
Die kaiserliche Stadt
Hué - Macht und Symbole. Die Zitadelle, die Gräber, die Bleus de Hué
Kapitel 7Die französische Präsenz
Architektur der Kolonialzeit
Die vietnamesische Malerei des 20.Jahrhunderts
Kapitel 8Die Kunst der Minderheiten
Schlusswort
Anhang
Historische Karten
Bibliographie
Glossar
Chronologie
1. Reisernte, Provinz von Hai Du’ong, Photographie von Loi Nguyen Khoa.
Am äußersten Rand der Landmasse gelegen, die man üblicherweise Südostasien nennt, befindet sich Vietnam sozusagen an der Nahtstelle zwischen zwei Welten. China im Norden und Laos und Kambodscha im Westen binden es in einen zweifachen Einflussbereich ein, der seit 1840 im Französischen durch den Begriff »Indochina« bezeicnnet wird. Mit einer Küste von mehr als zweitausend Kilometern Länge ist Vietnam dem Meer zugewandt und hat über das Südchinesische Meer Zugang zu den Philippinen und Indonesien, aber auch zu China und Japan; damit eröffnen sich Vietnam die seit dem 15. Jahrhundert intensiv genutzten Handelsmöglichkeiten.
Das Klima ist tropisch, aber während der Norden vier verschiedene Jahreszeiten kennt und im Sommer und Winter vom Monsun heimgesucht wird, gibt es im mittleren Landesteil nur zwei Jahreszeiten, eine trockene und eine regenreiche.
»Zwei Reiskörbe an einer Stange« - dieses Bild wird auch von den Vietnamesen selbst am Häufigsten gebraucht, um die Silhouette ihres Landes auf geographischen Karten zu beschreiben. Die Stange, dieses lange, auf der Schulter getragene, längs gespaltene Bambusrohr, mit dem alles Mögliche transportiert wird, ist dabei das Tru’o’ng So’nGebirge, früher »Kordillere von Annam« genannt, das Rückgrat des Landes und wichtigste Grenze zu den westlichen Nachbarn. Die beiden Reiskörbe dagegen, die an ihren beiden äußersten Enden hängen, sind das Delta des Roten Flusses (Sông Hông) im Norden des Landes und das Mekong-Delta (Cu’u Long) im Süden. Man übersieht leicht, dass dieses Tiefland, das durch die Bewässerung besonders gut für den Reisanbau geeignet (zwei jährliche Ernten im Norden, dagegen drei im Süden und dazwischen Gemüseanbau) und deswegen sehr dicht bevölkert ist, nur einen Teil Vietnams bildet, das bei einer Fläche von fast 330.000 km2 doppelt so viel Gebirge wie Ebenen aufweist und in dem sich der höchste Berg Südostasiens, der Fan Si Pan (3.143 m) erhebt.
Neben dem dicht bewaldeten und praktisch unbewohnten Tru’o’ng So’n-Gebirge hat das Land im Norden, in Zentralvietnam, auch mittlere Höhenlagen und in der Mitte und im Süden Hochebenen, deren Ausläufer sich im Südchinesischen Meer verlieren; der Pass von An Nam eröffnet ebenso den Zugang zur gesamten Region Zentralvietnams wie der zwischen Hue und Da Nang gelegene "Wolkenpass".
Die drei Regionen Nord (Bac bô), Mitte (Tru’ng Bô) und Süd (Nam Bô) wurden in der Kolonialzeit Tonkin, An Nam und Cochinchina genannt. Der Name Tonkin, den das heutige Hanoi im sechzehnten Jahrhundert trug, stammt von 'Dông Kinh', »Hauptstadt des Ostens« ab; An Nam, »Befriedeter Süden«, ist ein Name, den bereits die Chinesen der Epoche Tang (618 – 906) dem Land gaben; und was den von den Europäern erfundenen Begriff »Cochinchina« anbelangt, so ist er ebenfalls von Dông Kinh abgeleitet. Obwohl diese drei Regionen auch heute noch in der Kultur eine tragende Rolle spielen, ist, wie wir noch sehen werden, die Polarität zwischen den Regionen des Tieflands und denen der Hochebenen heute von weitaus größerer Bedeutung.
Die Kalkstein-Gebirgsketten im Norden des Landes und die phantastischen kleinen Inseln in der Bucht von Ha Long - der Drachen, der ins Meer steigt - haben Ähnlichkeit mit den geologischen Formationen des chinesischen Guangxi. Sie sind ebenso wie die Gebirge im Zentrum mit unzähligen Höhlen durchsetzt, die schon sehr früh als heilige Stätten galten, da sie den Eingang zum Erdinnern bilden.
Stalaktiten und Stalagmiten mit sonderbaren Formen erhielten entsprechend ihrer Form Namen wie: Trommel, Gecko, Elefant, Schildkröte, »Herz Buddhas«; und in einer vor kurzem entdeckten Grotte auf einer kleinen Insel in der Bucht von Ha Long fand man erstaunlicherweise sogar ein an den früheren Präsidenten Ho Chi Minh erinnerndes Profil.
Schon in vorgeschichtlicher Zeit brachten die beiden großen Flüsse, der Rote Fluss und der Mekong, dem Land auf vielerlei Weise Nutzen und prägten seine Kultur. Der in der chinesischen Provinz Yunnan entspringende Rote Fluss hat eine Länge von 1.200 Kilometern; der in nordsüdlicher Richtung fließende Mekong mit seiner Länge von etwa 4.200 km entspringt dagegen auf der Hochebene Tibets, fließt durch China und entlang den heutigen Grenzen zwischen Laos und Myanmar (Burma) sowie Laos und Thailand und durchquert schließlich noch Kambodscha, bevor er sich in ein riesiges Delta ergießt.
Die Wassermassen dieser großen Flüsse sind nicht nur Quelle des Lebens und ermöglichen die Bewässerung der Reisfelder, sondern bringen auch bedrohliches Hochwasser, gegen das die Menschen mit immer ausgeklügelteren Deichsystemen ankämpfen.
Neben den großen Flüssen und ihren Nebenflüssen bahnen sich zahlreiche Wasserläufe meist von Nordwest nach Südost ihren Weg durch die Gebirge zum Südchinesischen Meer und durchqueren dabei die schmalen Küstenstreifen. Diese Flüsse ernähren einen großen Teil der Bevölkerung mit Fischen, Schnecken und verschiedenen Schalentieren. Man braucht nur einen Blick auf die Ikonographie der Keramik und des weißblauen Porzellans oder der glasierten Keramik aus dem fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert zu werfen, um die vitale Bedeutung dieses Elements zu begreifen. Dabei werden die Reichtümer des nahe gelegenen Meeres jedoch keineswegs verachtet: in Form riesiger Ansammlungen von Muschelschalen haben vorgeschichtliche Küstenkulturen an den Ufern im Norden und in Zentralvietnam ihre Spuren hinterlassen, und noch heute wird dort mit einem viereckigen Senkgarn gefischt.
Im Vietnamesischen bedeutet der Ausdruck dât nu’o’c – Land und Wasser – einfach »Heimat«. Aus ihrem Zusammenwirken entsteht Vietnam, in viele kleine Teile zersplittert, reich an Kontrasten und Eigenarten, das als Folge dieser besonderen geographischen Beschaffenheit nur schwer zu politischer Einheit findet. Dieser erstaunlichen geographischen Vielfalt entspricht die Verschiedenheit der Menschen, die für ganz Südostasien charakteristisch ist.
2. Abfahrtstelle an Fluss Yen Vi um zu der Pagode des Parfums zu gelangen (Chua Hu’o’ng, Wallfahrtsort), Provinz von Ha Tây.
3. Künstlicher Berg in einem Innenhof, Tempel des weissen Pferdes (Dên Bach Ma) in Hanoï.
4. Reis sieben, Photographie von Loi Nguyen Khoa.
5. Die Reparatur von Netzen, Photographie von Loi Nguyen Khoa.
6. Das Netz auswerfen.
7. Reisfeld
Ethnisches Mosaik
Die Ursprungslegende nimmt Bezug auf die Polarität Ebene - Gebirge. Man erzählt sich, dass der Königsdrache Lac Long Quan die Unsterbliche Au Co' heiratete und aus ihrer Verbindung hundert Söhne hervorgingen. Aber eines Tages sprach Au Co’ zu ihrem königlichen Gatten: »Herr, Ihr gehört zur Rasse der Drachen, ich gehöre zu den Unsterblichen, wir müssen uns trennen«. Fünfzig Söhne zogen mit ihrem Vater fort, um das Tiefland zu bevölkern, während die anderen fünfzig ihre Mutter ins Gebirge begleiteten. So entstanden die verschiedenen Bevölkerungsgruppen und die vierundfünfzig Ethnien, aus denen Vietnam heute noch besteht, sind keineswegs der einzige Kontrast, den das Land aufweist.
In einer auf fast achtzig Millionen Menschen geschätzten Bevölkerung stellen die Viêt oder Kinh–Nachfahren von Lac Long Quan heute die Mehrheit dar; die sogenannten »nationalen« oder »minoritären« Ethnien umfassen nur ungefähr fünfzehn Prozent der Bevölkerung. Die Viêt, die von jeher die Ebenen und die Flussmündungen bewohnten, unternahmen bereits im elften Jahrhundert ihren »Marsch nach Süden«, den Nam Tien, der ihnen Zugang zu neuen, für den Reisanbau geeigneten Regionen verschaffen sollte. Die kleinen Ebenen, die entlang der Küste von Norden nach Süden verstreut liegen, konnten diesen Zustrom nicht aufnehmen, der zunächst mit der Eroberung der Ebene der Joncs und des Mekong–Deltas beendet schien, der sich aber bis heute mit der Erschließung der hochgelegenen Gebiete fortsetzt.
Die Viet leben traditionell in Dörfern, in einer unzerstörbaren Solidarität, die aus dem Kampf gegen das Wasser und dem Deichbau entsteht. Die Pflege des Ahnenkults sichert den Zusammenhalt des Clans, der erweiterten Familie, und sorgt auch für sein Wohlergehen, denn die Verstorbenen wachen weiter über ihre Nachkommen. Der jeweils dem ältesten Sohn übertragene Ritus des Ahnenkults bestimmt, das zu festgelegten Anlässen der im Haus oder auf dem Grab errichtete Altar der Ahnen besonders zu schmücken ist. Für eine angemessene Grabstätte der Vorfahren zu sorgen ist eine heilige Pflicht, die in vielen Fällen, verursacht durch die Unruhen im zwanzigsten Jahrhundert, nicht erfüllt werden konnte. Beim jährlichen Fest der »herumirrenden Seelen«, das nach dem traditionellen Mondkalender unmittelbar vor dem Fest der „Mitte des Herbstes“ stattfindet, versucht man daher, den Geist derjenigen zu besänftigen, die keine Ruhe finden.
Es ist schwierig, in einer so komplexen Situation eine annehmbare Klassifizierung der in Vietnam lebenden Minoritäten vorzunehmen. Von großen kulturellen Räumen ausgehend, kann man z.B. die Cham, die Erben des von Indien beeinflussten Königreichs der Champa, unterscheiden von den Hoa, die chinesischen Ursprungs sind oder die im Mekong-Delta ansässigen Khmer erkennen.
Die Wissenschaft ist den französischen Forschern Georges Condominas, Jacques Dournes oder Jeanne Cuisinier zu immensem Dank verpflichtet, die sich ihr Leben lang der Entdeckung der Minoritäten auf den Hochebenen und der Aufzeichnung ihrer mündlich überlieferten Literatur, ihrer Bräuche und ihrer religiösen Vorstellungen widmeten. Sie waren Pioniere auf diesem Gebiet, später folgten ihnen brillante vietnamesische Wissenschaftler nach.
Heute kann man eine Klassifizierung der Minoritäten nach der ethno–linguistischen Gruppenzugehörigkeit versuchen. Zunächst lässt sich aber feststellen, dass in Vietnam alle Sprachfamilien Südostasiens vertreten sind. Bestimmte Gruppen stehen für die ersten Bewohner des Landes; andere sind in unterschiedlichen Epochen der wechselvollen Geschichte nach Vietnam gelangt.
Die austroasiatische Gruppe umfasst die Sprachen viet-mu’o’ng und mon–khmer. Die Mu’o’ng, die die mittleren Regionen von Hoa Binh und Thanh Hoa bevölkern, werden als nahe Verwandte der Viêt angesehen; da sie dem chinesischen Einfluss weniger unterlagen, haben sie Spuren der Kultur von Dong So’n aus dem ersten Jahrtausend unserer Zeitrechnung bewahrt.
Zur mon–khmer sprechenden Bevölkerung, die verstreut auf den kleinen Inseln im Nord-Westen bis hin zum Süden des Landes lebt, gehören nicht nur die kleinen Gruppen der Khang, Khmu und Mang, sondern auch die auf den Hochebenen in Zentralvietnam lebenden und vom Amerikanischen Krieg hart betroffenen Ba Na, Xo’ Dang und Mnong und schließlich noch die Khmer im Mekong–Delta.
Zur malayisch-polynesischen (auch austronesisch genannten) Gruppe gehören die Gia Rai, die auf den Hochebenen im Zentrum ansässigen Ede und die letzten Nachfahren des von Indien beeinflussten Königreichs Champa, das bis zur seiner Vernichtung durch die Dai Viêt von der Mitte bis zum Süden des Landes reichte. Die tibetisch-birmanische Gruppe vereint vor allem im Nordwesten des Landes ein Dutzend Ethnien, die in den Tälern und den niedrigen Gebirgen entlang der Grenzen zu Laos und China beheimatet sind.
Die thai–kadaïsche Gruppe umfasst die Thai, ungefähr eine Million Menschen, die seit dem neunten Jahrhundert in wachsender Zahl eingewandert sind und die Täler mittlerer Höhe (in 600 bis 900 m Höhe) bewohnen, sowie die bereits früher eingewanderten Tay de Lang So’n und Cao Bang, die stärker »vietnamisiert« wurden. Die erst im 18. Jahrhundert eingewanderten und nur die höchst gelegenen Regionen besiedelnden H’mong und die Dao im Nodwesten dagegen gehören zur miao–yao–Gruppe.
Entsprechend der Zahl ihrer Vertreter (von einigen Hundert bis zu einer Million), ihrer Gesellschaftsstruktur und ihrem Entwicklungsstand hatten diese Ethnien sehr unterschiedliche Schicksale, verallgemeinernd lässt sich jedoch sagen, dass ihre Lebensformen sich von der der Bewohner der Ebenen grundlegend unterscheiden.
8. Kult der Vorfahren, Photographie von Loi Nguyen Khoa.
9. Gräber, Hué.
10. Büffel und Kind kommen vom Reisfeld.
11. Kinder spielen mit Büffeln.
12. Die vom Reisfeld zurückkehrenden Büffel, Photographie von Loi Nguyen Khoa.
De Waldkultur und die Kultur des Reisanbaus durch Bewässerung
Die Kultur der Ebenen und der Deltas auf der Grundlage des Reisanbaus durch Bewässerung, deren Riten im ersten Kapitel ausführlich behandelt werden, beruht auf bestimmten, unveränderlichen Abschnitten der Jahreszeiten: Pflügen und Eggen, Aussaat, Ausziehen und Wiedereinsetzen der jungen Reispflanzen, Unkraut jäten, Bewässern und schließlich Erntezeit.
Eine Redensart besagt, der vietnamesische Bauer wendet »seinen Rücken der Sonne und das Gesicht dem Boden« zu. Diese Lebensweise, die von Millionen Bauern in Südostasien geteilt wird, symbolisiert das Bild des auf dem Wasserbüffel sitzenden oder liegenden Kindes auf poetische Weise – das Kind hütet den Büffel und führt ihn auf die Weide. Der Büffel hilft dem Bauern im Reisfeld und ist sein Partner, auf den er angewiesen ist und den er respektiert:
„O Büffel, höre, was ich dir sage, mein Büffel. Komm ins Reisfeld und hilf mir pflügen;
Pflügen und pflanzen sind die Pflichten des Bauern.
Ich auf der einen Seite, du auf der andern, scheut einer von uns die Mühe der Arbeit?“
(Übersetzung in das Französische von Lê Thanh Khôi.Auszug aus Aigrettes sur la rizière. Chants et poèmes classiques du Viêt-Nam, Paris, Gallimard, 1995, Connaissance de l’Orient),
sagt das Volkslied.
Das Kind, ebenfalls ein unschätzbarer Reichtum der Familie, sucht Schutz unter dem großen runden Lotusblatt, das ihm als Sonnenschirm dient, wenn es nicht seinen großen Strohhut wie einen Drachen in die Luft wirft und seiner Bambusflöte ein paar helle Töne entlockt. Die volkstümlichen Drucke behandeln oft das Thema des Kindes mit dem Büffel, das immer mit dem Gedanken des Friedens und des Wohlergehens in Verbindung gebracht wird, der so lange Zeit für die Mehrzahl der Vietnamesen ein Traum blieb.
Ein anderes Gebiet der Volkskunst, das Schauspiel der Wasserpuppen (mua rôi nu’o’c), veranschaulicht auf einprägsame Weise die Tiefwasser-Reiskultur. Während man im übrigen Asien Schattentheater und Marionetten an Fäden oder auch Handpuppen häufig begegnet, sind die Wasserpuppen eine ausschließlich vietnamesische Kunstgattung.
Ihr Ursprung geht wahrscheinlich bis in das 12. Jahrhundert zurück und der Geschichte zufolge wurde diese Art des Schauspiels von Tu Dao Hanh erfunden, einem berühmten Mönch, Botaniker, Wissenschaftler der Pflanzenkunde und bedeutendem Staatsdiener, um das Neue Jahr und die Beendigung der Feldarbeit in den Dorfgemeinschaften des Nordens zu feiern.
Die Aufführung, zu der dann die gesamte Gemeinschaft eingeladen war, fand am Dorfteich statt, wo man einen dem Wasser geweihten Tempel (Thuy Dinh) errichtete. Dies war ein Gebäude aus Bambus, bedeckt mit einem Tuch aus Seide oder Baumwolle, das ein Ziegeldach oder die Mauern eines richtigen Gebäudes nachahmte.
Dort hielten sich das aus Gongs, Trommeln, zweisaitigen Geigen und einer Bambusflöte bestehende Orchester sowie die Marionettenspieler auf, die bis zur Hüfte im schlammigen Wasser standen, das die langen Stangen und komplizierten Fadensysteme verbarg, mit deren Hilfe sie die Marionetten über Wasser hielten und bewegten. Die Marionetten waren aus dem Holz des Brotbaums geschnitzt und lackiert, die schwersten, etwa sechzig Zentimeter hohen Figuren benötigten sogar eine Schwimmvorrichtung.
Die komischen und zugleich höchst poetischen Szenen stellten die Gesamtheit der Aktivitäten der Bauern dar: angeln, Frösche fangen, Enten füttern, pflügen, die Reisschößlinge einsetzen, ernten.
Zu den Volksbelustigungen gehörten aber auch Schwimmwettkämpfe und Bootsrennen. Andere Szenen mythologischen oder historischen Inhalts verbanden sich im Lauf der Zeit mit diesen Theateraufführungen, die die Mitglieder der Gemeinschaft in ihrer kulturellen Identität bestärkten – heutzutage sind sie leider nur noch von touristischem Interesse.
Während der Tiefwasser-Reisanbau heute auch in Regionen mittlerer Höhe möglich ist, bietet sich für die Bevölkerung der höchsten Regionen nur der Reisanbau durch Brandrodung an. Da die Ernten jedoch mager ausfallen, bleibt der Wald die eigentliche Quelle ihrer Ressourcen.
Der Kultur der Ebenen und der Deltas steht also insgesamt eine Kultur der Hochebenen und der Wälder gegenüber, die einige Wissenschaftler als »Pflanzenkultur« bezeichnen.
Das wilde Abholzen von Edelhölzern, die besser organisierte Urbarmachung durch die sich in höher gelegenen Gebieten niederlassenden Reisbauern der Viêt und der Bau von Verbindungsstraßen zwischen Norden und Süden stellen aber eine Gefahr für den Wald dar, der für eine große Zahl von Ethnien immer eine Quelle des Lebens, der Spiritualität und künstlerischen Inspiration war und von dem heute nur noch wenige Inseln übrig sind. Diese traurige Situation betrifft freilich nicht nur die Urwälder in Vietnam oder in Südostasien, sondern die Wälder auf der ganzen Erde.
Die Geschichte des Landes ist zwar auch die Geschichte der wechselseitigen Abhängigkeiten zwischen den Staaten im Tiefland und den Stämmen des Hochlands, doch darf man die prägende Rolle der letzteren in der »klassischen« vietnamesischen Kultur nicht vergessen, ob es nun um die Musik, die Poesie oder die bildende Kunst geht. Manche Ethnien wie die Thai zeichnen sich durch eine strenge Gesellschaftsstruktur und eine eigenständige und sehr verfeinerte Kultur aus; andere, zahlenmäßig schwächer vertretene, blieben auf einem niedrigeren Entwicklungsstand und wurden häufig zu Vasallen der ersteren.
Seit dem 11. Jahrhundert betrieben die Dai Viêt und die Champa, die in Kriegszeiten von den Minderheiten Treue und aktive Unterstützung ihrer Armeen forderten, mit den Bergvölkern Tauschhandel, bei dem von den mittleren Hochebenen deren natürliche Reichtümer wie Edelhölzer oder Tiere - beispielsweise Elefanten, die gleichzeitig auch militärische Stärke und Machtsymbole verbürgten gegen Reis oder Keramik getauscht wurden, deren Herstellung die örtlichen Handwerker nicht beherrschten. Die Geschichte der Beziehungen zwischen diesen beiden so verschiedenen Welten ist komplex und muss wohl noch geschrieben werden.
13. Pavillon im Wasser, Pagode vom Meister (Chua Thây), Provinz von Ha Tây.
14. Volkstümliches Bild, Kohlezeichnung von Dông Hô. Kind und Büffel sind Symbole des Friedens und Wohlstands.
15. Marionetten im Wasser, eine Szene vom Ackerbau und Eggen.
16. Marionetten im Wasser, der Tanz der Phönixe.
Natur und Kultur
Zu allen Zeiten fanden sich in den Bergen geeignete Plätze für die in den Himmel strebenden Tempel und Pagoden. Aber die unwiderstehliche Anziehungskraft, die das Gebirge auf den Menschen ausübt, äußert sich auch im Mikrokosmos seiner alltäglichen Existenz. Im Hof bedeutender Gebäude oder in den Innenhöfen von Privathäusern erheben sich künstliche Berge (hon non bô) von erlesener Schönheit, deren Dimensionen von mehreren Dezimetern bis zu zwei Metern Höhe variieren. In ihrem Inneren befinden sich die von geheimnisvollen Wegen durchzogenen Grotten mit Ficus, Bambus und Moos. Manchmal mit Brücken, Pagoden, menschlichen Figuren und Tigern aus Porzellan geschmückt; liegen sie in Becken mit klarem Wasser, in dem Fische und kleine Schildkröten schwimmen.
Diese aus China stammende Tradition wurde in Vietnam zu seltener Perfektion gebracht. In der Eingangsachse eines Gebäudes aufgestellt, spielen die künstlichen Berge die Rolle eines Schutzschildes, aber sie laden auch zur friedlichen Betrachtung ein, zu einem Moment der Einkehr und Entrückung in eine vollkommene Welt – ins Paradies.
Inmitten einer üppigen Natur haben manche Bäume eine besondere Bedeutung angenommen, die dem Volk Orientierung und Halt bieten. Jeder Ort, jedes Ding hat eine verborgene heilige Bedeutung: ein verehrungswürdiger Baum, gleich wo er steht, ein Baum oder ein Felsen, die auf einem kahlen Gelände oder in einem Reisfeld stehen, werden als Wohnstätte des Sonnengeistes betrachtet. Das gilt z.B. für den Banian (Ficus benghalensis – in Vietnam: cây da), dem ein Kult geweiht ist, und dem Weihrauch, Blumen und Früchte dargebracht werden. Die Redensart »der Banian hängt vom Geist ab, der Geist hängt vom Banian ab« (cay da cây thân, thân cây cây da) spricht von der absoluten Notwendigkeit der gegenseitigen Hilfe. Der »Baum der Erweckung« (Ficus religiosa, auf vietnamesisch: cây dê), den man im Hof der Pagoden findet und der so genannt wird, weil der Buddha zu seinen Füßen die Erleuchtung empfing, wird ebenfalls verehrt. Wegen seines betäubenden Parfums, das die Blüten verströmen, wenn sie sich am Abend öffnen, zieht der Pagoden und Gräber schmückende Jasmin (Plumeria acutifolia Poir, auf vietnamesisch: cây dai) bekanntlich Gespenster und Geister an.
Andere Pflanzen haben eine große kulturelle Bedeutung erlangt, die mit der Heiligkeit der Familienbande und der Gastfreundschaft verbunden ist. So wird die Nuss der stolzen kleinen Arecapalme (Areca catechu, auf vietnamesisch: cây cau) für die Herstellung von Kaupriemen verwendet, denen Blätter des Betelpfeffers (Piper betle, auf vietnamesisch: trâu không) beigemischt und die mit Muschelkalk bestrichen werden. Von leicht astringierender Wirkung, ruft die Mischung einen leichten Rausch hervor und färbt den Mund rot.
Einer in Vietnam allgemein bekannten Legende zufolge verwandelten sich ein Zwillingsbruderpaar und eine treue Ehefrau, die miteinander durch Gattenund Bruderliebe verbunden waren, nach einem traurigen Dasein unter der Herrschaft der Hung-Könige in eine Arecapalme, einen Kalkfelsen und eine zarte Betelliane.
Der Betel, den die Eltern früher den Kindern zum Kauen gaben, um die Familienbande zu stärken und der beim Zeremoniell der Verlobung nicht fehlen durfte, wird heute nicht mehr so viel konsumiert, aber man findet ihn immer noch auf Altären oder bei einer Verlobung unter den traditionellen Geschenken.
Unter den Früchten, die in der Literatur und in der Kunst gefeiert werden, sind einige mit einer versteckten erotischen Bedeutung. Der Brotbaum, ein Baum, der auf dem Land als Symbol des Reichtums und des Wohlergehens gilt - was auch in der folgenden Redensart zum Ausdruck kommt: „Ein Haus mit Ziegeln, ein Brotbaum“ (Nha ngoi, cây mit) - hat eine Frucht mit dicker Schale, die auf den ersten Blick nicht einladend wirkt, aber ihr Fruchtfleisch ist goldgelb, duftend und saftig. Die große, ebenso talentierte wie unglückliche Dichterin Hô Xuân Hu’ong (18. Jahrhundert) schrieb ein berühmtes Gedicht über diese verwirrende Frucht (qua mit):
„Mein Körper ist wie die Frucht des Brotbaums.
Seine Schale ist rauh, sein Mark fest, Herr, wenn Ihr es liebt, teilt es mit eurem Keil,
Berührt es nicht: sein Saft wird an euren Fingern kleben.“
(Übersetzung in das Französische von Than Khôi, op.cit., S. 152)
In einer Volkskunst-Sammlung erscheint auf Drucken von Dông Hô die Kokosnuss (qua du’a). Nur die Hoffnung auf eine reiche Ernte dieser Frucht veranlasst eine Frau – die vietnamesischen Frauen haben den Ruf, sehr schamhaft zu sein–, ihren Rock zu schürzen, während ihr auf den Baum gekletterter Mann ihr von oben die Früchte zuwirft und die Kinder am Fuß des Stammes spielen. Der Ausdruck »rein wie Jade, weiß wie Elfenbein« (trong nhu ngoc, trang nhu ngâ), der das Bild manchmal begleitet, ist ebenfalls eine doppelte Anspielung auf die Köstlichkeit der Frucht und das weibliche Geschlecht.
Wenn die Natur im Rahmen des städtischen Lebens durch künstliche Berge nachgebildet wird, so können die Bäume oder „Baumlandschaften“ im Blumentopf ebenfalls als Übertragung der wilden Vegetation in den Rahmen der Kultur betrachtet werden. Die Keramik von Bat Nang und die von Chu Dau produzierte seit dem 16. Jahrhundert für Zwergbäume bestimmte Töpfe aus Steingut und Porzellan.
Die Vietnamesen waren immer Meister in dieser Kunst, sie verwendeten viele Arten und verliehen ihnen Formen von hohem Symbolwert (»Stufen zum Himmel«, »Mutterliebe«, »Familienbande über neun Generationen hinweg«), dabei bewahrten sie gleichzeitig das natürliche Wachstum des Baums. Bis vor kurzem waren die Baumschulen in den Dörfern am Lac de l’Ouest im weiteren Umkreis von Hanoi, auf die Produktion von Zwergbäumen spezialisiert.
Zwei Arten, der Prunus und der Qumqat sind im öffentlichen Leben unverzichtbar. In der Mondperiode des Neujahrs (Têt) wünscht sich jede Familie als Symbol des nahenden Frühlings einen blühenden Zweig vom Pflaumenbaum und ihren Qumqat im Topf, einen kleinen Orangenbaum, dessen goldene Früchte zwar nicht essbar sind, aber Reichtum im kommenden Jahr versprechen.
17. Haus auf Pfählen im Tal von Mai Châu, Provinz von Hoa Binh.
18. Teeplantage in Moc Chau, Provinz von Hoa Binh.
19. Holzarbeit in der Provinz von Nam Dinh
20. Ährentrocknung in der Provinz von Bac Ninh.
21. Kokonusspflücken, Kohlezeichnung von Dông Hô.
22. Bambus im Topf (cay canh, bedeutet Baum der Landschaft), Tempel der Literatur, Hanoi.
23. Eingepflanzter Baum bei der Pagode in Trân Quôc (Innenhof), Hanoi.
24. Künstlicher Berg, Hanoi, Tempel Quan Thanh.
25. Die Urnen der Dynastie in Hué, in der verbotenen Stadt.
Eine gewollte Vielfalt
Die Herrscher der Dynastie der Nguyên (1802-1945) erkannten sehr wohl den natürlichen und kulturellen Reichtum und die beispiellose Vielfalt dieses Landes. In ihrer verbotenen Stadt Hué erheben sich vor dem Pavillon der Herrlichkeit (Hiên Lâm Cac) neun Tripoden aus Bronze, fast drei Meter hoch und zwischen 3.000 und 4.000 Kilo schwer, die unter der Herrschaft des Königs Minh Mang (1821–1840) gegossen wurden. Diese neun Tripoden, prachtvolle Beispiele des Könnens der örtlichen Bronzebildhauer, zeigen Reliefs mit Darstellungen aller Reichtümer des Landes: die Berge und Kaps, Flüsse und Ufer, Reisfelder in den Deltas und die Bäume der Wälder, Tiger, Elefanten, Fische, Vögel, Pflanzen und Blumen, aber auch die Straßen und Schiffe.
Ihre magische Kraft ist deutlich spürbar und entsteht durch die Verbindung von Makrokosmos und Mikrokosmos: Der Besitz des Abbilds der Welt bedeutet so viel wie ihr wirklicher Besitz. Diese Urnen, reale Embleme der Macht der Nguyên, verweisen auf die magischen Tripoden des mythischen chinesischen Herrschers Yü des Großen, eines Helden, der nicht nur zivilisatorische Leistungen vollbrachte sondern auch den Lauf der Flüsse regulierte. Diese Tripoden, auf denen der Reichtum des Landes abgebildet war und die von Herrscher zu Herrscher als Palladia weitergereicht wurden, verschwanden auf geheimnisvolle Weise, als die herrschende Dynastie durch Machtmissbrauch ihr himmlisches Mandat verlor.
Ein volkstümlicher, am entgegengesetzten Ende der traditionellen Gesellschaft verankerter, typisch vietnamesischer Kult nimmt ebenfalls Bezug auf die geographische Vielfalt des Landes – der Kult der Heiligen Mütter (Thanh Mâu), personifiziert durch die rot gekleidete Heilige Mutter des Himmels, die weiß gekleidete Heilige Mutter der Wasser und der Erde und die grün gekleidete Heilige Mutter der Wälder. Sie besitzen meist ihre eigenen Tempel, aber in fast allen Pagoden oder an jeder Kultstätte (dên) ist ihnen ein Altar oder manchmal sogar ein ganzer Saal geweiht. Sie werden vom Volk hoch verehrt und sehr gefürchtet, sie sind Gegenstand von manchmal recht aufwendigen Zeremonien, bei denen ein Medium eingesetzt wird, um ihren Zorn zu besänftigen und ihre Unterstützung in schwierigen Lebenslagen zu erbitten.
Wenn ihr Kult auch Elemente des Taoismus aufgenommen hat und sie auf sehr diskrete Weise der Autorität des Herrschers der Jade Ngoc Hoang unterstellt sind, verfügen die Heiligen Mütter doch über eine ganzes Arsenal von Dienern, zu denen Prinzen, Mandarine, Heilige Damen und Hofdamen aus dem Königshaus, vor allem aber Tiergeister gehören, wie die Mandarin–Tiger (Quan Ngu Hô), Symbole des Waldes und die beiden Schlangenherrscher (Ong Lôt), Symbole des Wassers, deren Altäre am Fuße des Altars der Heiligen Mütter angebracht ist.
Die fünf Mandarin–Tiger - sie tragen die Farben der Elemente: Erde (Gelb), Feuer (Rot), Metall (Weiß), Wasser (Schwarz) und Wald (Grün), wogegen die Schlangen immer grau oder weiß dargestellt werden - sind die Hüter der Heiligen Stätten, Kampfgenossen der Krieger und große Kämpfer gegen die bösen Geister. Ihre Darstellungen wurden früher durch die farbigen Drucke von Hang Trông (rue du Tambour in Hanoi) verbreitet, aber in vielfältiger Form bewachen sie auch heute noch den Eingang der Tempel.
26. Volkstümliches Bild, der Kult der Heiligen Mutter.
27. Mandarintiger, Schutzfigur, im Tempel von Quan Thanh, Hanoi.
28. Tuschezeichnung eines schwarzen Tigers, Dông Hô.
29. Landschaft in der Bucht von Along.
30. Cô Loa, Altar von Kim Quy im Tempel der Thuc-Könige.
Unsere fragmentarischen Kenntnisse der allerfrühesten „Königreiche“, die sich im Norden des Landes ausdehnten, werden künftig erweitert werden. Sie beruhen sowohl auf den Entdeckungen französischer Archäologen der Kolonialzeit als auch auf denen ihrer vietnamesischen Nachfolger, die im Lauf zahlreicher, sehr sorgfältig vorbereiteter Ausgrabungen erfolgten. Entdeckungen, die in den Augen der Vietnamesen bis heute große Bedeutung haben, durch die Legenden Bestätigung erhalten haben und sehr komplexer Natur sind und die man mit den sehr viel später entstandenen Zeugnissen aus vietnamesischen und chinesischen Annalen vergleichen muss.
Als Nachfolger der Gemeinschaften der Jungsteinzeit, die auf den Hügeln und in den tiefen Tälern siedelten, entstand der Überlieferung zufolge am majestätischen Zusammenfluss des Roten Flusses, wo sich der Schwarze Fluss mit dem Hellen Fluss vereint, das Königreich Van Lang. Bis heute haben nur die Erinnerungen an die Hung–Könige überlebt, die in Viêt Tri (Provinz von Phu Tho), in den am Hang der Berge gelegenen Tempeln verehrt werden. Jedes Jahr im dritten Mondmonat versammelt sich eine riesige Menschenmenge aus allen Provinzen des Nordens, um ihren Schutz zu erbitten und ihnen Weihrauch darzubringen.
Die Archäologen unterscheiden heute innerhalb der „Kultur des Roten Flusses“ der beiden Jahrtausende vor unserer Zeitrechnung die Kulturen von Phùng Nguyên, Dông Dâu und Go Mun. Die Menschen wurden allmählich mit der Technik der Bronze vertraut, deren Komponenten, Kupfer und Zinn, im Norden des Landes zwischen Lang So’n und Cao Bang reichlich vorhanden sind. Etwa im achten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung erreichte das Bronzezeitalter in der sogenannten Dông So’n Periode seinen Höhepunkt. Auch wenn sie ihren Namen einem Ort in der Provinz Thanh Hoa verdankt, ist es wahrscheinlich, dass ihr Zentrum im Becken des Roten Flusses lag, so wie auch andere Entwicklungszentren in den Flussbecken des Ma und Ca. Trotz zahlreicher lokaler Varianten wird diese Epoche durch eine erste kulturelle „Globalisierung“ charakterisiert, die auf früheren Errungenschaften verschiedener Regionen aufbaut und auch durch das Auftreten der sich schnell ausbreitenden Eisengewinnung zu erklären ist.
Wenn man den Chroniken Glauben schenkt, wurde die Dynastie Hung im dritten Jahrhundert vor Christus von den Thuc gestürzt, die aus der mittleren Region stammten und das Königreich von Au Lac gründeten, indem sie die Stämme des alten Van Lang mit ihren eigenen Truppen vereinten. In dem heute friedlichen Dorf Co Loa, etwa 16 km nördlich von Hanoi gelegen, wurde die Hauptstadt dieses ebenso ruhmreichen wie vergänglichen Königreichs gegründet. Auf den ersten Blick hat der Ort nichts Besonderes an sich: Das Leben in Co Loa wird vom Rhythmus des Reisanbaus und vom Gongschlag der örtlichen Schule bestimmt. Aber wenn man auf den Vorplatz des Tempels (dên) steigt, erkennt man den an einigen Stellen sieben Meter hohen dreifachen Erdwall, dessen runder Grundriss Co Loa den Beinamen Loa Thanh, die »Stadt in Form einer Trompetenschnecke« beigebracht hat. Die Errichtung wurde der Legende zufolge von bösen Geistern behindert. Kim Quy, die himmlische Schildkröte, kam damals dem König An Du’o’ng zu Hilfe, als sie ihm eine ihrer Krallen anbot, mit der er seine Armbrust spannen konnte, wodurch er unbesiegbar wurde. Nachdem er sich seiner Feinde entledigt hatte, konnte er endlich den Festungsbau beenden. Die durch die Legende kaum veränderte Historie berichtet vom Kampf Au Lacs gegen die Angriffe seines mächtigen Nachbarn im Norden, China unter dem Ersten Kaiser von Qin, zwischen 214 und 208 vor unserer Zeitrechnung.
Die Zeugnisse der chinesischen und vietnamesischen Historiker stimmen überein: der Überfluss an natürlichen Reichtümern, Rhinozeroshörnern, Elfenbein, Perlen und sogar Federn des Seglers, die als Schmuck sehr gesucht waren, verleiteten Qin Shi Huangdi dazu, seine Blicke weit nach Süden zu richten. Die Texte stimmen noch in einem weiteren Punkt überein: die Viêt verweigerten den Chinesen den Gehorsam und versteckten sich im Dschungel, von wo aus sie einen regelrechten Guerillakrieg mit einer seither häufig angewandten Technik gegen den Eindringling führten.
In den Annalen werden seit jeher nur drei der neun Festungsmauern in Co Loa erwähnt: die kleinste, von rechteckiger Form, beherbergte den Palast, und in ihrer südwestlichen Ecke erhebt sich heute der Tempel der Thuc-Könige. Die größte hatte einen Umfang von acht Kilometern, in der nordöstlichen Ecke des zweiten Mauerrings befand sich das Exerzierfeld der Armee.
