Die Küsse der Farben - Maf Räderscheidt - E-Book

Die Küsse der Farben E-Book

Maf Räderscheidt

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Beschreibung

Unendlich faszinierend ist der Zauber der Malerei … und dann kam die Flut Durch die Flutkatastrophe im Juli 2021 wurde fast das gesamte Lebenswerk von Maf Räderscheidt zerstört, als eine etwa 3,5 Meter hohe Flutwelle der Urft durch ihr Atelier in Gemünd schoss und unzählige Bilder, Aquarelle, Zeichnungen, Radierungen und den Restbestand des in Leinen gebundenen Buches »Die Küsse der Farben« in Richtung Urftsee spülte. Das literarische Juwel ist nun in einer wertigen Klappenbroschur wieder erhältlich. Maf Räderscheidt, Malerin, hat schon als Kind den Geruch der Ölfarben geschmeckt und lieben gelernt. In »Die Küsse der Farben« lädt sie in ihre Werkstatt ein und zeigt, worauf es im Atelier wirklich ankommt – die hemmungslose Hingabe an die Kunst.

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Seitenzahl: 213

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Maf Räderscheidt

Die Küsse der Farben

Eifelbildverlag

Impressum

Text: Maf Räderscheidt Lektorat: Stephan Everling mit Rosa Räderscheidt und Claudia Meyer Layout & Gestaltung: Björn Pollmeyer Titelgemälde & Zahlen: Maf Räderscheidt Fotos: Sven Nieder, Stephan Everling

Eifelbildverlag, Daun www.eifelbildverlag.deISBN 978-3-946328-39-1

Auch als Taschenbuch erhältlich: ISBN 978-3-98508-031-1

»Den Löwen meines Herzens gewidmet«

Mein Dank gilt

Stephan Everling für die Domptur meines Wortkarnevals

meinen Ko-Lektorinnen Claudia Meyer und Rosa S.C. Räderscheidt

sowie

Sven Nieder, der erste, der sich vollmutig zu meiner Erzählung bekannte

Kapitel 0

Ein Licht –

Eine Farbe –

Ein Pinsel –

Es braucht so wenig, um sich auf das Abenteuer Malerei einzulassen. Eine Welt entstehen zu lassen, die den Zauber des Ungesagten und die Magie des Unbewussten trägt. Gedanken Gestalt zu geben, die sich von den Höhen des Geistes in die Abgründe der Seele stürzen, die loben, die herzen und schmeicheln, um im nächsten Moment unnachgiebig zu verletzen. Dinge zu sagen, die nicht gesagt werden dürfen. Wege zu zeigen, die nie begangen wurden.

Es gibt Menschen, die machen keine Kunst, die sind Kunst. Maf Räderscheidt ist so eine. Täglich geht sie in ihr Atelier, ob Regen, ob Sonne, ob Wochenende oder Feiertag und greift zum Pinsel, zum Stift oder auch zur Radiernadel. Das erfordert Kraft. Und Mut.

Was sie in die Hand nimmt, wird einzigartig, wird Kunst. Einen Schrank mit einem Exzenterschleifer von der Farbe befreien? Stattdessen entsteht ein Paar, das durch die Nebel der englischen Moore tanzt. Ein Bild mit der Post versenden? Mitunter hängen die überraschten Adressaten die gerahmte Verpackung neben das neu erworbene Gemälde, so außergewöhnlich ist sie.

Und das alles ist keine Attitüde, es ist echt, es ist authentisch, gelebte Realität im Alltag. Es ist Konsequenz in Stil und Wahrnehmung und hat nichts mit der so oft dramatisch beschworenen Kreativität zu tun. Es ist ihr Leben, jederzeit und immer.

Es dürfte kaum ein künstlerisches Genre geben, in dem Maf Räderscheidt nicht ihre Klasse bewiesen hat – Radierung, Videos, Performances, Skulpturen, Installationen, Aquarell. Hier zeigt sie die gleiche Souveränität wie ein Musiker, der ohne jahrelange Übung jedes Instrument zu spielen vermag. In ihrer Vita weist sie eine Vielzahl von Einzel- und Gruppenausstellungen aus.

Festlegen und in eine stilistische Schublade stecken lässt die Malerin sich nicht. Die Abstraktion ist ihr genauso vertraut wie die Figuration, die sie mit meisterlichem Handwerk zu verwenden weiß. Surreal nennt mancher das, was sie macht, für andere sind es politische Bilder, denn ein Werk ohne Haltung ist für Räderscheidt nicht vorstellbar. Vor allem aber liebt sie es, Geheimnisse in ihren Bildern zu verstecken, die sich erst beim hundersten Hinsehen erschließen. »Eigentlich sind es Vexierbilder«, sagt sie schmunzelnd. Wohl war, denn beim Lichtwechsel erschließen sich dem Betrachter oft plötzlich Welten, die bisher unter einer Farbschicht verborgen waren und erst bei veränderter Beleuchtung zu Tage treten.

Die Selbstverständlichkeit, mit der sich Maf Räderscheidt auf dem Feld der Bildenden Kunst bewegt, wurde ihr in die Wiege gelegt. Die Geschichte ihrer Großeltern, des Künstlerpaares Marta Hegemann und Anton Räderscheidt, ist oft beschrieben worden. Es waren die Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs; Dadaismus, Surrealismus und Neue Sachlichkeit veränderten die Sichtweise der durch die Kriegsschrecken traumatisierten Generation. Auch die politischen Auseinandersetzungen in den Zwanziger Jahren prägten die Bilder der jungen Künstler in Köln. Wilde Künstlerparties am Hildeboldplatz, die Armut und die Freiheit des Daseins in der Freien Kunst lebten auf in den Erzählungen des Sohnes Johann, Mafs Vater.

Eine solche Familiengeschichte ist Bürde und Geschenk gleichermaßen. Maf Räderscheidt nutzte sie als Starthilfe in ein Leben, in dem die Bildende Kunst und soziales wie politisches Engagement eine Einheit bilden. Auch dort verwischen sich wie in ihren Bildern die Grenzen. Tierschutz, Flüchtlingshilfe, Umweltschutz, der Kampf um die Gleichberichtigung der Frauen und die Sorge um Behinderte, Senioren und Kinder haben einen gleichberechtigten Stellenwert für sie. Ungerechtigkeiten und Benachteiligungen wecken ihren Kampfgeist.

Ihr Studium an den Kölner Werkschulen in den Siebziger Jahren schloss Maf Räderscheidt mit dem Titel einer Meisterschülerin ab. Die ersten Ausstellungen waren kleinformatigen Radierungen gewidmet. Ihnen folgten großformatige Schwarz-Weiß-Zeichnungen, Arbeiten mit Pigmenten und, etwa seit der Jahrtausendwende, die altehrwürdige Ölmalerei. Wer allerdings ihr Oeuvre über die Jahrzehnte verfolgt, wird eine überraschende Einheit in ihrer figurativen Bildsprache von der ersten Graphik über die Skulpturen bis zu den aktuellen Arbeiten entdecken.

Natürlich kostet diese Unabhängigkeit ihren Preis. Doch für Maf Räderscheidt ist die Freiheit ein Wert an sich. Denn »Nichts als die Malerei« ist für sie mehr als eine schicke Postkartenphrase. Und so begibt sie sich auch nach 50 Jahren im Atelier immer noch tagtäglich mit nie endender Freude auf den Tanzboden ihres Kunstschaffens. Denn Malerei, so sagt sie, und so lebt sie es, ist der Tanz des Pinsels mit dem Licht. Und Bange machen gibt’s nicht. Oder, wie die Malerin es, bildhaft wie immer, ausdrückt: »Wer den Kopf in den Sand steckt, verbrennt sich den Arsch!«

Stephan Everling

Kapitel 1

Der Tag erwacht.

Der Tag, der Morgen.

Das Bewusstsein setzt ein, manchmal in lustvoller Zartheit, dann in schonungsloser Klarsicht. Irgendwo zwischen Erschrecken, Einsicht und Farbwelt, noch trunken vom Träumen. Die Landschaft scheint sich im Dunkel draußen zu räkeln, der Kater am Fußende des Bettes gräbt mit nadelspitzen Krallen die Landkarte seiner Bedürfnisse in meine Fußsohlen. Bedeutungsschweres Hundegähnen hinter meinem Himmelbett, auf dessen Pfosten noch Träume, Alp und Visionen der Nachtgespenster hocken, rülpsend, pöbelnd, nasebohrend.

Der Radiowecker ist außer sich, bewirbt mich rauschend und quiekend, hat immer eine schlechte Nachricht, immer eine böse Kunde für mich im morgendlichen Angebot. Frösteln Sommers, frieren im Winter, eisiges Entsetzen köchelt meine Sinne gar …

Einer nach dem andern: wach!

Krieg in der Welt. Uneinsichtigkeit bei den Nachbarn, in der Welt und Gier nach Gewalt riechen böse, während unter der Decke noch die Lust am Verdrängen lockt.

Nein. Es kommt Tag. Gnome, Geister und Erinnerungen aus Träumen zurück in ihre Zwinger, die Gitter zu, die Fenster auf. Es ist jetzt Zeit zu handeln. Der Eifelbauer lässt den Traktor an, heute wird er wieder ausfahren. Gülle in Hülle und Fülle ausbringen. Heute werden Bienen sterben. Werden Windräder die Vögel angreifen. Jäger in diesen Minuten ihre automobilen Schlammspringer mit blutigen Lasten erloschenen, geopferten Lebens durch den Wald treiben, satte, gefräßige Motoren, und überhaupt, ich höre schon, Autos, von Zündschlüsseln motiviert, rotieren enervierend, und der Geräuschpegel schwillt an, die Stille verstummt.

Draußen ejakuliert die Mobilität voll leidenschaftlicher Hingabe, draußen, wo ich hinter dem Gewese die Wesen weiß. Die ersten Sirenen vom Berg gegenüber, der sich weit hinter meinem Schlafzimmerfenster erhebt und jetzt noch in blaulila Schatten lagert, und nein, keine liebliche singende Schönheit mit ihrer Leier, sondern Feuerwehr, Notarzt, Rettungswagen.

Es ist die Straße, die ihre Opfer fordert. Bevorzugt verschlingt sie Motorradfahrer, aber wählerisch ist sie nicht. Manchmal frisst sie Familienfahrzeuge, ein junges Reh zum Dessert, dann wieder einen Radfahrer. Die Hauptmahlzeit sind schnelle Motorräder, die laut jaulend durchs Tal röhren, brünstig nach ihrem eigenen Blut heulen beim großen Überlebensroulette.

Das Salz der Tränen der Trauernden bildet den Passepartout, für Drängler unsichtbar, dauerhafter jedoch als alle Kreuze. Irgendwo leuchtet bald das Blaulicht vom Rettungswagen des Roten Kreuzes, das rhythmisch die Szene ausleuchtet. Vielleicht nimmt gerade der Polizei-Hauptmeister ein Handy von der Straße auf, das einen Anruf meldet. »Mama« steht auf dem Display. Der Polizeibeamte steckt es seufzend in eine Plastiktasche, denn Mamas Junge, zu seinen Füßen, ist tot, klemmt zerschnitten unter der Leitplanke. Er wird nie mehr antworten. Der Polizist arbeitet weiter, und die Dunkelheit wird transparenter, gibt Blicke frei, leider.

Und ich? Ich plane zu erwachen obwohl mich das Unglück gegenüber unbewusst schon berührt, das Ahnen von Drama, wenn die Lichter des Rettungswagens verlöschen, weil die Notwendigkeit zur Eile mit dem Lebenslicht erloschen ist, obwohl der technische Hilfsdienst erst kommt.

Im Morgennebel.

Gestalten, wo alles alles sein kann. Freundin, Mörder, Holz oder Hacke, bizarre Formen, die sich auf Nebelschleiern spreizen und in weichen Tropfen tauen, ein Vexierbild unseres Gewissens. Momentaufnahmen von Besinnlichkeit. Sie alle werden sich im Tageslicht zu vollenden wissen. Sie alle werden sich preisgeben, anpreisen als Wirklichkeit, wenige werden hinsehen.

Aber jetzt, genau jetzt stehen die Eifelfotografen bereit, das Versprechen ihrer Verheißung zu bannen. Jetzt lauern sie, warten staunend über so viel Schönheit in Geschenkfolie, kitschig, glamourös, glitzernd oder in Spitze, noch im Negligé im Nebelschleiertanz, auf den Moment, wo sie auf den Auslöser drücken und den Zauber des Lebens totfahl zerstören.

So viel Anmut tut weh, so viel Schönheit ist den Menschen nicht zumutbar. Wir ertragen die Perfektion nicht, das Genie ängstigt uns, und zuviel Gutes muss immer der Vermarktung dienen. Das scheint nicht nur Eifelgesetz zu sein, sondern Teile des menschlichen Gens zu diktieren. Ist die Aussicht schön, muss ein Luxushotel, am besten, damit es sich lohnt, gleich ein ganzes Wellnessdorf erbaut werden. Ist der Wald zu schön, muss er von Leuten zu durchfahren, zu durchloipen, zu durchmessen, schlicht: konsumierbar sein. Und vor allem Jagdrevier. Der Baum, der Pilz, der Douglasiensaft, das Reh, das Mufflon, jeder Pelzträger dieser Schöpfung beweist so den Eigenwert, Schönheit ist der Werbeaufkleber, nicht sich selbst.

Der Mensch sinnt über Bauland, während irgendwo eine kleine Rotte noch lebender Wildschweine auf geradezu sexy Hufen schleunigst dem neuen Tag ins Dickicht zu entfliehen sucht. Wer will mit? Zum warmen Erdreich, zu weichen Moosen und Familienverband? Alle, sie streben weiter, ihr Überleben ist, nicht das Geheimnis zu lüften, die Tiefe zu erfahren, sondern den Kopf in die Wolken unter den Wurzeln, Flügel, über denen die Nebel vom Feinstaub beben und der Aufforderung zum Konsum, die mir immer noch schrill in die Ohren kreischt.

Das Schloss über mir wirft sein Nebelnachthemd ab. Kaffeemaschine, Katzen fauchen. Draußen fragen Vögel nach dem Tag, drinnen verstecken sich die Socken. Draußen reden sie von Hass und meinen Gier, drinnen wär ich gerne lieb gewesen.

Auf in Eisnebelwolken gekleideten Bergen reitet die Fantasie hinfort, deren Spitzen in Lichtmuster zerfließen, wie Tinte, die im Aquarell vergeht. Zartes Glitzern nimmt mich gefangen. Die Lieblichkeit wird zerschnitten von den Schattenstreifen der Jalousien, denn der Tag, wie immer, drängt. Er treibt zu Handlung und Eile, grob und vehement. Es wird, was immer auch geschieht, ein Tag, und die Wasserspeier am Kirchturm pfeifen darauf. Ihre Natternköpfe, Teufelsfratzen und Drachenmäuler treiben die Fledermäuse ein. Krähen, Tauben und Dohlen fliegen im Wechsel, erheben sich in die Schleier aus Nebel und Kaminrauch, trunken von Tau.

In der Stadt sind die letzten Säufer mittlerweile auf dem Heimweg, und der Geist der Gleichgültigkeit bedeckt sich mit Morgendunst aus den Kanaldeckeln, den Korken der Unterwelt. Gleich ist der Tag eingelärmt, die Nacht zum Wunsch, zur schönen Erinnerung geworden, die immer blasser wird und mit den Morgennebeln verfliegt.

Jetzt.

Unaufhaltsam erhellt er die nächtlichen Illusionen zur Leere. So viele Jahre, mit dem Pinsel als Florett auf den Barrikaden, auf dem spiegelnden Parkett Hoffnung, um hier und jetzt zu ahnen, dass es anders, ganz anders werden wird. Noch einmal ganz, ganz fest die Augen schließen, in die Wärme tauchen, als gäbe es ihn nicht, den Morgen.

Vor sich selbst die Schläferin mimen, als wäre dort kein Tag. Selbstbetrug üben. Ausschließen, was wichtig ist. Da draußen der allgegenwärtige Krieg, der sich wie ein Netz über die Weltkugel zieht, als zeichne er neue, blutige Breitengrade auf den Globus. Nicht in die Gesichter blicken müssen, die mich aus den Nachrichten im Fernsehen angeblickt haben, flehend, von Menschen, die frieren, die klagen, zu Recht verzweifeln.

Schier endlose Karawanen von Tieren, die wir bald grausam schlachten werden. Viele tausend Geschöpfe, mehr als wir verdauen können, stets bereit, sie unter einer stinkenden Geruchsglocke aus Blut und dümmlicher Grausamkeit in der sich senkenden Katastrophe zu entsorgen, ohne Gewissen, wissentlich. Eine Diktatur der Dummheit, die Übermacht der Gleichgültigkeit, die seit Jahrtausenden Stärke und Macht als Gottheit verehrt, um selbst nicht denken zu müssen.

Unter der Biberbettwäsche, hinter den zusammengelegten Lidern, soll die Wirklichkeit mich lassen, da hascht das Hirn noch nach tröstlichen Traumfetzen, sonnen sich Schenkel warm an Schlafmief, bevor sie später im Schnee frieren oder die Zeckenbrücke zwischen Wald und Bauchnabel spielen werden. Die Zehen winken in Freiheit, denn das Leben kann so schön sein in der Geborgenheit.

Leben auf dem Land. Für immer die müden Schultern ohne Last auf glatte Laken gebreitet, böse Erinnerungen, gekreuzigt. Den Rücken freigehalten.

Aufstehen wird nicht leicht werden, meldet mein Gewissen. Bilder stören die Ruhe, immer Bilder.

Die Autowerkstatt. Ölverschmierte Hände, die artikulieren, bedauerliches Erklären, bedenkliches Wiegen von Mechanikerköpfen vor dunklem Hintergrund, unter dem aufgebocktem Vehikel meiner Freiheit inszeniert, während im Hintergrund adrette Damen in einem Glaskasten vor Computern mit abwesenden Blick an grünlichen Bildschirmen haften. Die neuen Karossen, die Alleen in der Halle bilden, sind nicht dafür gedacht, Farben oder Fundtiere zu fahren. Sie nutzen als funkelnder Besitz den Benutzern, riechen nach Neu und Chemie und Bewunderung, tragen Schilder mit vielstelligen Zahlen an der Windschutzscheibe, bei mir ist es ein Steinschlag. Und die Bremse, die der Aufmerksamkeit bedarf.

Dann taucht das Bild des Zahnarztes auf, der meinen selbstbetrügerischen Rückzug kopfschüttelnd stört, während seine hellen, wissenden Augen in der dunklen Ruine meines Mundes auf Streife gehen. Die Szenarien, die im Erwachen auf mich einstürmen, eine wahre Pandorabüchse schlechter Geschichten, werden selten so grausam Wirklichkeit wie erwartet. Meist sind sie schlimmer.

Wenn ich erst da draußen sein werde, dann werde ich sie alle weglächeln oder wegmalen, nicht wahr? Ja, ganz sicherlich werde ich das. So glaube ich, in der Höhle des Schlafes die Sicherheit unter meiner Bettdecke eingefangen zu haben. Und ich habe Recht. Für diesen Moment der Selbsttäuschung ist diese Warnung für einen Augenblick eine Ewigkeit im Schlaf.

Noch werfe ich das Lasso nach den letzten Träumen, noch suche ich das Ende des Fadens meiner Traumgewebe, die sich so weich angefühlt haben, mit all meinen Liebsten in nie endenden Räumen. Die im Nirgendwo, in Kuckucksnestern, Bunkern, Pavillons oder Luftschlössern die Lösung für alle meine Lebensprobleme zu bieten schienen, all die kleinen und liebenswerten Gefängnisse meines Geistes mit fröhlichen Melodien zum Tanz führten, wenngleich mir die Bedrohung schon auf den Fersen folgte.

Ich war das Wild auf der Treibjagd meines Lebens. Ich war es selbst, die kleinen, bunten Hufe in eisernen Fangeisen, im ewigen Traum meiner eigenen Gemälde plötzlich freigelassen.

Keine Gnade, festklammern geht jetzt nicht. Verwöhnt von meinem Mut wage ich mit offenen Augen unbequeme Schritte in den Tag. Draußen weht der Wind die Wärme weg, fröstelt das Licht silbrig auf und ab, flaniert durch die Schatteninseln des Morgens. Düstere Douglasienzweige drohen herein, viel zu nah, unberechenbar. Sind sie bei dem Sturm letzte Nacht wieder auf das Dach geweht worden und haben die Schindeln zerschlagen, so dass der Schnee oben auf dem Dachboden auf meine Schätze rieselt? Die Bücher, alte Kleider, Kunst, Kuriositäten und Koffer, dazwischen türmen sich die Landschaften kalter Kristalle. Der Gedanke friert mich, und ich kleide mich an.

Kapitel 2

Meine Arbeitshose ist mein erstes Gemälde am Morgen. Sie erzählt mir von gestern, so lange die Morgendemenz mich noch lähmt. Orientrosé und Brillantgrün, was haben sie bloß mit meinem lieben Neapelgelb angestellt, und welche Rolle spielte dabei das Echt-Orange mit diesem kalten Kadmiumgrün?

Das Staunen über Farbsprenkel, die von gestrigen Bildern grüßen, macht mich wach, ruft mich zur Arbeit, und es beginnt mir zu gefallen. Die hartgetrocknete Hose will bestiegen werden, ich lasse mich darauf ein.

Es wird vorstellbar in diesem Moment, dem Tag zu begegnen. Das lässt mich mit Holzscheiten beladen nach unten ins Atelier steigen. Von Neugier geweckt, folge ich dem Geruch nach Leinöl und Malmitteln, höre schon das Gezwitscher der kleinen Papageien. Auch die Hunde tapsen hinter mir die Treppe herunter. Es geht gleich los, ein Fest, ein Abenteuer, eine Komödie, das Drama, die Geschichte, die niemand glauben würde. Nüchtern, trocken, kalt tanzen meine Füße in den Tag, holen aus und schleifen durch weiße Wolken weichen Hundehaares über das Atelierparkett, als forderten die Hunde zum Tanz auf .

Vielpfotig wird der Nacken geschleudert und gejuchzt, der kleine Hund hopst und umkreist mich, aus dem Radio schneidet eine Geige das Passepartout für den Tag, den ich, wie jeden Tag, fürchte. Ich feiere allmorgendlich die Auferstehung, das Bezwingen meiner Angst, es lohnt sich. Wir feiern jaulend, johlend, springend und krächzend, jubelnd und tänzelnd das Tageslicht, das feierlich die Pinsel zum Tanz auffordert.

Doch noch ist es nicht soweit, tapfer will der Start begangen werden.

Die Schildkröten rumoren zum Ausgang, die Katzen dehnen und strecken ihre Vorfreude. Mir bleibt nur das Lächeln als Lebensinsel ins Gesicht graviert, wie anders sonst sollte ich meine Mitfreude feiern.

Ich leine die Hunde nicht an, es widerstrebt mir. Sie kannten zu wenig Freiheit, bis sie in meine Obhut reisten. Zunächst muss ich schauen, ob wir sicher sind, vor Menschenpatrouillen, Spaziergängern oder Wanderern, die schon mit Fotoapparaten vor der Burg Aufstellung genommen haben. Am Schloss vorbei zu gehen ist die einzige Herausforderung der Wirklichkeit an diesem Morgen, denn sie haben ein Altenheim ins Schloss gepflanzt, in dem die Alten, Behinderten und dementen Menschen endgültig abgestellt wurden. Den steilen Berg, mit altem Kopfsteinpflaster belegt, werden sie nie mehr zur Freiheit bezwingen. Ihre Betreuer rasen dafür gerne mit ihren Autos den Berg auf und ab. Sie tragen einen gehetzten Gesichtsausdruck, ihre Handys, und umklammern das Steuer mit gleichgültigem Blick, so, als kämen sie zum Sterben zu spät.

Es gilt, die Lücke zwischen den einzelnen Arbeitsschichten zu berechnen, dann ziehen wir als kleine Prozession hinauf in die Wälder. Einen Augenblick lang schließe ich die Augen, um das Licht einzufangen. Es ist so ehrlich wie unglaubwürdig, hinter milchigweißen Nebelschleiern, plötzlich goldgrün; mit gelborange färbt es Wipfelinseln kitschig Gold, was mir von einem kommenden Sturm erzählt. Zu meiner Rechten verschwindet es in graulila und blau, zur Linken ist es babyrosa, es lässt mich jauchzen vor Glück.

Wie kann ich so glücklich sein, wo ich doch so traurig bin? Wie kann ein trauriger Mensch so unendlich viel Glück empfinden? Zu wissen, was jetzt alles geschieht, hier und anderswo, es deutlich zu sehen, alptraumhaft bizarr, einem Gemälde von Hieronymus Bosch gleich. Nur nicht fiktiv. Die Bilder, die ich gestern gesehen habe, lassen mich nicht los. Filme von Flucht, von Verfolgung und Tod, sinnlos in den Wellen, in denen sich sonst eingeölte Touristen entspannen. Das Grauen ist nicht mehr zeitversetzt weich, sondern trifft uns unvermittelt aus der Wirklichkeit, so dass wir uns nicht wehren, nicht wegschauen könnten, verdrängen möchten. Und doch ist nichts mehr, wie es war. Wie also kann ich fröhlich durch mein Leben tanzen auf dem Hochseil, das mein Zuhause ist? In meiner Malerei bin ich sicher, geborgen von mir selbst. Da erwarten mich die ziselierten, wässrigen Ausläufer auf ihren Büttenbetten und verlangen nach Farbfutter.

Sie wollen ihre Nahrung hier und jetzt. Sie zu sättigen ist mein Beruf. Was also hat die Angst zu suchen in meinen leinölverschmierten Tuben? Es gilt, dem aufrichtigen Pfad nicht abtrünnig zu werden, der eigenen Treue zu folgen. Und dabei will ich sie doch lachen machen, die späteren Betrachter. Ich will sie mit schmatzenden Pinselmäulchen wachküssen, saftig und sinnlich orgiastisch befriedigen, Lust machen, immer mehr und höher fliegen, bis es nicht mehr weitergeht. Und droben, im Adlerhorst voll gefährlicher Leidenschaft, da will ich sie hinunter blicken lassen auf eine Wahrheit.

Es darf auch ihre eigene Wahrheit sein. Es gibt kein Diktat, die Anarchie bleibt. Aber ganz kurz einen Augenblick Hölle schauen, verstehen machen, worauf sie achten müssten. Wenn sie weiter lachen wollten, ich will ihnen nichts Böses. Vielleicht ein bisschen rütteln, schütteln, ihr Sehen verdrehen, einmal auf den Kopf kippen. Und dabei ist es eine traurige Tatsache, dass sie es gar nicht sehen werden, vielleicht nie.

Eines Tages werden Leute auf virtuellen Flohmärkten meine Bilder der Rahmen halber anbieten. Und wenn ich den Rahmen wegließe? Wäre dann die Absurdität des Unterfangens perfekt? Vielleicht sieht es kaum jemand, aber ich werde alles versucht haben, mit allem, was ich kann – Malen.

Inzwischen hat mich der frische Morgen aus den Grübeleien gerissen und zeigt mir das Glück. Wege ohne Flucht. Im Lichttunnel reifgepuderter Halme, schwülstig quellend aus gefrorenen Schlammkronen. Spuren der Waldtiere, die sich selbst folgen, wie die nachdenklichen Blicke meiner Hunde. Weite statt Enge. Luft statt Staub, und dann der Himmel über der Eifel: eine Palette des guten Geschmacks. Silbrig gesäumt, gold unterlegt oder geädertes Delfter Blau auf hellen Wolken, rosig getupft. So viel Kitsch klingt gefährlich, so viel Süße betäubt. Aber das Paradies ist nicht nur irre wie ein Eifelhimmel. Eine Landschaft ist immer schwanger.

In jedem Baum ruhen Raupen, bereit, sich zu verpuppen, damit daraus ein neues Wesen entsteht. In der Erde, in den Wurzeln, in den Keimen, den Samen, überall ist ein stilles Wachstum. Selbst im Modern von vergessenem Brennholz erwachsen Pilze, junges Leben, neue fruchtbare Erde. Die ganze Landschaft erschließt sich mir immer wieder als ein Wunder. Ein Säen, Befruchten, Reifen und Sterben im immerwährenden Fortlauf, es mahnt zu einer Art Andacht, in der auch mein Verstand erwacht, während die Fantasie noch weit schwingend über Tälern und Hügeln ihren Blick schärft.

Stets begleitet mich ein Staunen über diese Wunderwelt, das täglich, stündlich und zu allen Jahreszeiten eine wechselnde Farbe trägt. Was für eine Kraft die Lehrmeisterin Natur schenkt, mögen Waldarbeiter und Künstler ahnen. Wenn ich den freudig wedelnden Hundeschweifen wie in Hypnose lächelnd folge, die hinterhersteigende Katze in Spannung begeistert, empfinde ich die Demut eines unendlich reich Beschenkten. Und eben, jetzt gerade, schlüpft irgendwo ein Kuckuck verhängnisvoll zwischen seinen Ziehgeschwistern, wird ein Füchslein geboren, seilt sich die erste Raupe ab, in dieser schwangeren Bühne Leben.

Am Paradiesrand ruht eine Blindschleiche, erfroren in frostiger Starre, stehen Hochstände auf selbstgerechten Stelzen schamlos über Luderplätzen. Polnische Pilzsammler mit Plastiktüten streifen in Gruppen durchs Unterholz. Selbst der Himmel des Paradieses zeugt mit weißen Langzeitfürzen vom Touristenwahnsinn, der Himmel ist ein Netzwerk der Bedenklichkeiten.

Unten, in den Niederungen kreuzen Jäger in Geländewagen, die gemordete Fracht zum Ausbluten auf den Eisenträger geworfen, auf den Auspuff tropfend. Inwendig ist das Auto rein und außen meistens grün. Kein schönes Grün; in meinen Bildern taucht es niemals auf. Leider nur dort. Grüne Bilder seien hässlich, heißt es, aber ich habe von den Wiesen und Wäldern Grün geklaut und verwendet, das zum Niederknien schön war, denn das Auge ruht so gerne im grünen Bad. Doch die Autos von Jägern sind nicht gemeint.

Die Luft kurbelt meinen Kreislauf an. Jetzt beginnt mein Gehirn zu erwachen und besinnt sich. Es ruft den Terminkalender auf und erschreckt mich damit, dass heute Abend die Wahrheit meiner Arbeit mich in eine der Situationen treibt, die ich am liebsten vermeiden würde. Jubeltage sind die, an denen nichts an mein Gewissen pocht oder, was genauso gut ist, sich einfach verdrängen ließe. Mit bangem Klopfen im Bauch schiebe ich die Erwartung der späten Stunden in die Ferne, da sie mir das Denken zu verstopfen droht.

Der Wald öffnet sich in die Weite, die Blicke fliegen in Augengeschwindigkeit bis in die Ardennen, zum Horizont, folgen dann Spuren von Greifvögeln und beruhigen sich wieder. Was zu sehen ist, was vorstellbar, was Wissen und was Panik bedeutet, bildet das Kaleidoskop meines Sehens. Es ist schön, anstrengend, grausam, Vexierbilder im Schüttelglas.

Der weiße Hund hat sich grüne Augenbrauen erwälzt und lacht, die andern umkreisen sich selbst und zeigen mir Hundefreuden bescheidener kleiner Freiheiten: Wie, Du darfst sein, ist das nicht wunderschön? Umgestürzte Baumstämme in Umbra vor dem glänzenden See; es gibt Krafttiere, gibt es auch Kraftlandschaften? Dies wäre die Meine …

Inzwischen ist es lichthell geworden, was meine innere Farbsirene aufheulen lässt. Im Stechschritt heim in die Katzenfutterküche, in das Diktat von Zahnbürsten, den Kampf mit Kämmen.

Und dann, endlich, zu Hause in meiner Welt. Wenn ich aus dem Kellergewölbe steige, wo die Tiere gefüttert werden, betrete ich das Atelier, meinen persönlichen Olymp. Leicht verwinkelt hohe helle Räume, über meiner Heimatstadt thronend. Drinnen hängen überall Bilder, übereinander nebeneinander miteinander im Gespräch. Es sind die, die sich weigerten, im Bilderlager zu verstauben, um auf Ausstellungen zu warten, aber sie haben schon viel von der Welt gesehen. Die Daily Paintings an der Westwand kamen alle aus Bristol in liebloser Verpackung zurück und mussten restauriert werden.

Andere sind zu intim, um zu Ausstellungen zu reisen und gezeigt zu werden. Eines zeigt das Sterben meines Vaters, der fast anmutig kniet, während ein großer Schmetterling seiner Brust entsteigt. Leicht im Nebel zu erahnen, die Kraft der Seele und voller schmerzloser Leichtigkeit in einer grenzenlosen Freiheit, die sich der Vorstellungskraft entzieht und nichts als tröstend vielfältige Farbigkeit zurücklässt; mehr als bloße Erinnerung.

Die Bilder, die mich umgeben, sind eine Familie, die von vertrauter Liebe und kühnen Ideen zu ihrer Umsetzung spricht. Es ist meine Familie und ich habe sie so gern wie die Staffeleien der Großeltern Marta und Anton, an denen ich am liebsten male. Auf allen Kommoden, Schränken stehen Karaffen, gefüllt mit großen Sträußen aus Pinseln. Da sind die Veteranen, die große Dienste geleistet, an hunderten Bildern mitgewirkt haben. Lieblinge, deren jahrelange Farbspuren um die Griffe eine Hügellandschaft als Werkverzeichnis einer Zeitspanne umfangen, Federn, mit gespitzten Kielen. Zahnbürsten, Haarpinsel oder die alten Grundierer, ohne die kein einziges Gemälde entstanden wäre.

Gegenüber die Schlosskirche, neben mir der verwunschene Garten, unter mir die Stadt am Fluss und über mir der Wald. Aus jedem Fenster verwirrt ein anderer Lichteinfall dieser verschiedenen Nachbarschaften.

Am Nordfenster wartet die weiße, hohe Leinwand auf den Staffeleien meiner Großeltern. Hier ist die Helligkeit fast immer gleich, in ihrer Durchschnittlichkeit verlässlich bei jedem Sonnenstand. Das Licht ist der Steigbügel zu dem Parforceritt, der mich jetzt erwartet. Hinter mir der Tisch mit Aquarellbögen und weichen Pinseln; wohin ich mich auch wende – meine Welt.

Behäbig und warm knackt der große Werkstattofen, der, von Hundekörben umringt, der begehrteste Platz der Tiere ist. Von dort aus wird das Träumen der Hunde zu hören sein, Pfoten, die im wilden Traum über das Parkett zucken. Das einzig Bedrohliche in meinem Paradies ist ein hässlicher Sekretär, in dem die Büroarbeit haust; der Rest des Raumes ist das Parkett zum Tanz in Geistesfreiheit, für den Tanz des Pinsels mit dem Licht.