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In "Die Lampe der Psyche" entführt Ida Boy-Ed die Leser in die komplexe Welt der menschlichen Emotionen und inneren Konflikte. Mit ihrem einfühlsamen und prägnanten Schreibstil ergründet die Autorin die Schatten und Lichtseiten der Psyche, während sie intime Porträts ihrer Protagonisten entfaltet. Das Werk steht im literarischen Kontext der frühen 20. Jahrhunderts, einer Zeit, in der psychologische Themen und das Verständnis des menschlichen Geistes zunehmend in den Fokus rücken, was sich in Boy-Eds sorgfältiger Charakterzeichnung widerspiegelt. Die meisterhafte Verknüpfung von Narration und psychologischer Einsicht macht das Buch zu einem zeitlosen Klassiker, der die Grenzen zwischen Fiktion und Realität verschwimmen lässt. Ida Boy-Ed, geboren 1852 in Hamburg, war eine deutsche Schriftstellerin und Pionierin der Darstellung psychologischer Motive in der Literatur. Ihre eigene Biographie ist geprägt von sozialen Umbrüchen und der Erschließung neuer Identitäten, was sie dazu inspirierte, in ihren Werken tief in die menschliche Seele einzutauchen. Boy-Ed war eine der ersten Autorinnen ihrer Zeit, die das weibliche Erleben und die inneren Konflikte der Frau in den Mittelpunkt ihrer Erzählungen stellte, und prägte damit maßgeblich die literarische Landschaft. "Die Lampe der Psyche" ist nicht nur eine fesselnde Lektüre, sondern auch ein wichtiges Werk, das den Leser dazu anregt, über die Komplexität der menschlichen Natur nachzudenken. Ich empfehle dieses Buch jedem, der sich für psychologische Themen interessiert oder auf der Suche nach literarischen Tiefgang ist. Boy-Ed schafft es, den Leser in die tiefsten Abgründe und Höhen der Psyche zu führen und dabei eine Verbindung zur eigenen emotionalen Welt herzustellen. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Jn der Verandaecke saß René Flemming und sah auf die vor ihm liegende Wochenrechnung nieder. Er hatte die Ellbogen aufgestützt und hielt seine Wangen mit den Händen umrahmt. Hinter ihm war die gläserne Seitenwand; durch die von Leisten in längliche Vierecke geteilten Scheiben sah man in eine stille Schweizerlandschaft hinaus. Rechts von ihm stand die Hausmauer und links von ihm ward der Blick durch nichts gehemmt als durch einige Holzsäulen, die das Verandadach trugen und das schöne Bild der Gegend hart überschnitten.
Es war ein sonniger Morgen, mit mehr Frische als Wärme in der Luft. Um die Gipfel der grauzackigen Berge, die im Kranze das enge Hochthal umschrankten, zogen, gleich dünnen weißen Schleierfetzen, kleine Gewölle hin und wieder. Die Tannen, die vom winzigen See inmitten der Thalsohle noch ein Streckchen bergan stiegen, standen kerzengerade und regungslos; Winde ließen die Felsenwächter nicht in diese schmale Tiefe. Die Natur hatte hier zu ihrem Bilde nur graue, grüne, weiße Farben gewählt und den leuchtend blauen Himmel darüber gespannt.
Als René Flemming vor vier Wochen angekommen war, hatte er entsetzt zu der Wirtin gesagt: „Auf ein bißchen mehr Originalität glaubte ich doch hoffen zu dürfen. Die Gegend habe ich ja schon tausendmal gesehen. Unter anderem noch zuletzt auf dem Neuruppiner Bilderbogen[2], den der Sohn meiner Hausfrau hat, und auf dem Oeldruck, der bei meinem Schuster an der Wand hängt. Wissen Sie, meine Gute, hier bleibe ich nicht.“
Und nun studierte er schon die vierte Wochenrechnung. Sieben Tage Pension à 7 Franken – Sonntag den 19. August 5 Liter Veltliner[3]? Donnerstag den 23. noch einmal 5 Liter Veltliner? Er besann sich. Am Sonntag waren ein paar lustige italienische Burschen dagewesen und hatten mit Gesang und Mandoline konzertiert. Und am Donnerstag zogen einige stämmige Kerle vorbei, Holzfäller, die mit rauhen Kehlen beleidigend johlten.
Das Bemühen Renés, die Zahlen der merkwürdig großen Rechnung zu addieren, war ein wiederholtes aber immer vergebliches.
Sein Ohr horchte auf den einzigen Laut, der die Morgenstille durchdrang. Neben dem Hause, rückwärts, da wo die aufsteigende Berglehne einem kleinen Wirtschaftshof Raum bot, hämmerte der Hausknecht an einem Faß die Reifen fest. Er that immer vier Schläge hintereinander, und die hallten stark und klingend durch die Luft.
René pfiff einigemal summend im Takte mit! Die Regelmäßigkeit des Geräusches ärgerte ihn. Plötzlich schwieg es. Aber der Nachhall lag ihm im Ohr und in seiner Phantasie wandelte es sich plötzlich, erhielt einen besonderen Rhythmus und ward ein scharfes, herrisches Motiv.
Er erhob das Haupt, sah einige Sekunden ins Leere, mit einem gesammelten, sehr aufmerksamen Gesichtsausdruck, wie jemand, der nach innen horcht, und griff dann nach einem Bleistift, der neben seiner Tasse gelegen hatte. Die Rückseite der Rechnung bedeckte sich mit Noten.
Unterdessen trat die Wirtin aus der Thür, die vom Innern des Hauses in die Veranda führte. Sie sah ihren Pensionsgast schreiben und wartete respektvoll, wobei sie die Hände vor dem Magen faltete.
Dann, als René den Bleistift fortlegte, kam sie breit und behäbig näher, ein Lachen im glatten Gesicht.
„Frau Wirtin,“ sagte René, „dies ist eine Urkundenfälschung.“
Er wies auf den Kopf der Rechnung, allwo „Hotel und Pension Seehof“ in schloßartiger Pracht abgebildet war, mit einer Terrasse davor, auf welcher ein Springbrunnen emporsprudelte zwischen üppigsten Blumenanlagen. In Wirklichkeit glich das saubere, außen und innen mit hellem Holz getäfelte Haus einem landläufigen Schweizerhaus in etwas größeren Raumverhältnissen und in Wirklichkeit war das kleine Plateau vor dem Hause mit schwärzlichem Steingeröll bedeckt, von wo ein gänzlich ungepflegter, abschüssiger kurzer Pfad zu dem kleinen See hinabführte.
„Wir hoffen eben,“ meinte die Frau, „daß wir’s mit der Zeit einmal so herrichten können.“
„Nun, wenn hier erst ein Springbrunnen ist, komme ich gewiß nicht wieder und so ist dies vermutlich die letzte Wochenrechnung, die ich in meinem Leben an Sie zahle,“ sagte René mit ernsthaftem Gesicht.
„Ach, der Herr Hofkapellmeister[4] machen alleweil Spaß,“ sprach sie. „Sie werden doch noch bleiben?“
Er stand auf und reckte sich.
René Flemming war ein großer, schlanker Mensch; sein heller Sommeranzug, zu dem er keine Weste, sondern ein weißseidenes Hemd mit faltigem Gürtel trug, gab ihm etwas Burschikoses. Sein dunkles Haar, im Nacken kurz verschnitten, lag ein bißchen wirr über der Stirn. Die gebräunten Farben standen dem klugen, energischen Gesicht wohl an; um den feinen Mund, der sich mit schmalen Lippen fest zu schließen pflegte, spielte ein Lächeln und aus den dunklen, großen Augen blitzte fröhlichste Lebenslust.
Er griff in die Tasche und holte eine Hand voll Geld heraus: Gold, Siber, Nickel – französisches und deutsches Geld durcheinander.
„Schauen Sie ’mal nach, Wirtin, ob’s noch reicht.“
Die Wirtin fing an, mit dem Zeigefinger die Zwanzigfrankenstücke herauszusondern.
Renés feines Ohr hörte dann plötzlich ein Rauschen und Knistern. Er wandte sich um.
„Richtig,“ rief er, „diese winterliche Musik konnte nur die eine verursachen.“
Er ging einer Dame entgegen, die in majestätischer Trauerkleidung herankam. Die Dame trug den Kopf, der für die große, volle Gestalt fast zu klein erschien, sehr hoch. Die vorspringende Nase, die lebhaften grauen Augen gaben dem etwas blassen Gesicht einen kühnen Ausdruck, wie auch Gang und Haltung von ungewöhnlichem Sicherheitsgefühl zeugten.
Sie ließ sich die Hand küssen und sah ihm mit einer heiteren, mütterlichen Zärtlichkeit ins Gesicht.
„Guten Morgen, René. Ah, man rechnet? Ein trüber Moment.“
„Ein vollkommen gleichgültiger,“ sagte er lachend.
Die Wirtin hatte sich ihren Betrag herausgesucht. René strich den Rest zusammen und steckte ihn ein. Im Davongehen machte die Wirtin einen nicht sehr anmutigen, aber sehr unterthänigen Knix und sprach ihr: „Guten Morgen, Madame von Eschen.“
„Die arme Frau ist von Ihrer Persönlichkeit und Ihrer rauschenden und glitzernden Trauerpracht immer ganz eingeschüchtert. Einen so vornehmen Gast hat der Seehof noch nie gesehen; Ihr Anblick fordert ja förmlich die schleunige Anlage des hier lithographierten Luxus heraus.“
Hortense von Eschen zuckte die Achseln. „Ich habe kein Talent, mich populär zu machen,“ sagte sie.
„Und ist es denn wirklich nötig, hier in dieser Gebirgseinsamkeit den alten Herrn von Eschen so pomphaft zu betrauern?“ fragte René.
Sie trat an das Geländer der Veranda, lehnte sich mit der Schulter gegen eine der Holzsäulen und seufzte ein wenig.
„Ach, René,“ sprach sie langsam, „wie oft im Leben betrauert man mit heimlichen Verzweiflungsthränen einen Verlust, ohne daß man sich ein schwarzes Kleid anziehen darf. Sie wissen doch, was der Dichter sagt: Gefühl ist alles![2q] Zu dem alten Herrn hat mich keines hingezogen; da ich ihm den innern Tribut der Liebe nicht geben konnte, soll’s an dem äußern der Achtung nicht fehlen. Sie schau’n mich wieder so spitzbübisch an – ja wohl, mein Kind – simple schwarze Wolle thät’s auch und thäte es vielleicht besser. Aber sie kleidet so abscheulich.“
Sie lachten beide.
Hortense nahm ihren zusammengerollten Sonnenschirm wagerecht unter die Achsel und fing an, sich ihre Handschuhe anzuziehen.
„Wohin gehen Sie? Darf ich Sie begleiten? Und wo ist Magda Ruhland?“ fragte René und sah den weißen Fingern zu, die langsam an dem Leder hinstreiften.
„Natürlich sollen Sie mich begleiten, denn Sie haben mir etwas zu beichten. Ich gehe die Straße entlang, denn Sie wissen, ich hasse die Kletterei. Und bei dem Weg zur Sägemühle dürfen Sie mir Adieu sagen; weil dort unten jemand wartet, der Ihnen amüsanter ist als Ihre alte Freundin,“ sagte sie und streckte ihm die Rechte hin, damit er die Handschuhknöpfe schließe.
„Beichten!“ rief er und ein Ausdruck von Unbehagen glitt über sein Gesicht.
„Pst,“ machte sie und fuhr mit ihrer Linken leicht über seine Züge, als wollte sie den unwilligen Ausdruck fortwischen, „mir gegenüber nur keine Selbstherrlichkeit! Ich habe Sie lieb, René, und Sie sind ein toller Junge, der froh sein soll, daß er eine verständige, erfahrene Frau weiß, mit der er alles besprechen kann. Ich fürchte, ich fürchte, Sie haben mir das Herzchen meiner Magda beunruhigt. Und Magda ist – wie soll ich im Gegensatz zu all den glänzenden lustigen, lebensdurstigen Damen Ihrer Welt, der großen Welt und der künstlerischen Welt sagen? – kurz, Magda ist ein schwerer Mensch! – Also? –“
René griff nach seinem Hut und schritt ein wenig ungeduldig neben der Frau her, deren beabsichtigte Einmischung in eine Herzensangelegenheit ihm halb ärgerlich, halb erwünscht war.
„Eins begreife ich nicht,“ sagte er, „daß ich Fräulein Ruhland bei uns in Leopoldsburg nie getroffen habe, nicht einmal in Ihrem Hause, dem sie so nahe steht, offenbar näher noch als ich. Soll ich auf den Verdacht kommen, daß Sie Fräulein Ruhland immer mit der ‚zweiten Garnitur‘ einladen?“
Hortense blieb einen Augenblick stehen und lachte.
„Ihr Selbstbewußtsein ist naiv. Auf den Gedanken kommen Sie gar nicht, daß ich Sie ……“
Er fiel ihr in die Rede.
„Da ich immer so ziemlich die ‚Spitzen‘ unserer Residenz bei Ihnen treffe, kann ich nicht auf den Gedanken kommen.“
„Es giebt überhaupt keine ‚zweite Garnitur‘ für mich. Aber da mein Kreis so groß ist, daß ich niemals alle Bekannten bei mir sehen kann, habe ich sie eingeteilt in Serie 1a und 1b; bestimmend war die Rücksicht auf die vorhandenen oder muthmaßlichen Interessen meiner Freunde. Und da die alte Excellenz Ruhland nicht Musik liebt, lud ich sie zu den mehr wissenschaftlich gefärbten Abenden. Dies ist geblieben für Magda allein, auch nachdem die Excellenz nicht mehr fähig war, auszugehen.“
Sie schritten auf der Straße dahin, die den Thalwindungen folgte und langsam stieg. Wie Coulissen schoben sich die Felsabhänge von rechts und links in das Thal, das sich hochwärts in einer öden Wildnis verlor. Von dort kam ein weißschäumendes Bergwasser, das sich im steinigen Bett neben der Straße quirlend thalwärts stürzte. An den Hängen klebten neben den braunen Holzhütten der Dorfbewohner hier und da weiße Villen. Der kümmerliche Hirtenort hatte seit einigen Jahren begonnen sich in eine Sommerfrische umzuwandeln. Durch den Tannenwald, der den Fuß der Felsen umkleidete, zogen sich gute, neu angelegte Spazierwege. Da auf diesen indes immer ein Steigen und Absteigen nötig war, pflegte Frau von Eschen mit einer erstaunlichen Unermüdlichkeit nur die Hauptstraße zu benutzen.
„Die alte Excellenz; Ihr Ton wird immer beinahe scharf, wenn Sie seiner erwähnen. Es ist die Last, an der Magdas junges Leben trägt,“ sagte er fragend.
Sie war eine schnell denkende und feinfühlende Frau. Sie verstand, daß René über Magdas Verhältnisse genau unterrichtet zu sein wünschte. Vielleicht hatte er noch kein entscheidendes Wort gesprochen und vielleicht war es noch Zeit, ihn davon zurückzuhalten. Denn Hortense von Eschen hielt dafür: besser ein kurzer, großer Schmerz, als ein langes unentschiedenes Hoffen. An dem ersteren kann ein kraftvoller Mensch sich entwickeln und zu freierer Höhe gelangen – an dem zweiten versiegt der Lebensmut. Sie kannte das.
„Eine Last, die Magda sich nie eingesteht, die man ihr nicht tragen helfen kann, von welcher nur der Tod des Alten sie befreien wird. Er war ein Pedant, ein Philister, ein Nörgler und Streber sein Leben lang. Er hat seine Carriere sozusagen ausgetüftelt. In dem ganzen Mann gab es keinen genialen Zug. Er machte auch in früheren Jahren immer den Eindruck wie eine keifende alte Frau. Und sein Weib hat er gequält! Wie es geschah, daß sie ihn einst überhaupt nahm? Was weiß ich. Die Natur hat so ihre Schliche. Werbende Männer und liebende Frauen umgoldet sie zuweilen mit einem gewissen Zauber. Nachher, wenn der Zweck erfüllt ist, der Mann die Gefährtin, das Weib den Gatten fand, fällt der Zauber ab wie Schaumgold. Magdas Mutter war meine Freundin gewesen, sie müßte gerade wie ich jetzt ihre Neunundvierzig oder Fünfzig haben. Aber so recht ausgesprochen hat sie sich nie, trotz der Freundschaft. Als Ruhland das „Große“ erreicht hatte, als er Minister unsres Herzogs wurde und nach Leopoldsburg zog, war seine Frau schon eine Sterbende. Mir kam es manchmal so vor, als ob sie sich über die Kleinlichkeiten ihres Gatten zu Tode geschämt hätte. Und er fing wenige Jahre nachher an, leidend zu werden – da!“
Sie deutete auf ihren Kopf und fuhr fort.
„So ein Gehirn, durch das nie der frische Sturmwind eines großen Gedankens braust, muß ja auch am Ende vertrocknen. Ich war um jene Zeit schon längst im Winter immer in Leopoldsburg, denn meinen Mann, wie Sie wissen, habe ich schon vor zwanzig Jahren verloren und mein alter Schwiegerpapa verlangte, gottlob, nur im Sommer meine Gegenwart in der Eschenhöhener Einöde. Wenn man sich das so vorstellt – nun erst, infolge seines Todes, kann ich einmal ein bißchen in die Welt hinaus, wenn sie grünt und blüht! Und auch für Magda freut mich’s. Sonst war Eschenhöhe ihre einzige Sommerlust. Wenn ich sie nicht immer zwänge, vier Wochen mit mir zu gehen, käme sie nie heraus. Und nur von der Erkenntnis aus, daß sie nachher ihre Pflegerpflicht frischer erfüllt, läßt sie sich zwingen.“
„Kein Wunder, daß sie so ernst ist,“ sprach René. „Ich habe Excellenz Ruhland nur einmal kurz gesehen – als ich nach Leopoldsburg kam, war er noch im Amt. Aber ich darf sagen, ich hatte genug an dem einen Mal.“
„Ja, wäre Ruhland ganz um den Verstand! Aber er hat gerade noch genug, von seinem Lehnstuhl aus, in welchem er gelähmt sitzt, sein Kind zu plagen. Da er in der Ehe nicht eine besondere Quelle des Glücks gefunden, malt er ihr eine Heirat als ein Schrecknis aus, wobei vielleicht auch der heimliche Furchtgedanke mitspielt, daß er seine Pflegerin verlieren könnte. Obenein sind die Verhältnisse karg – die Pension eines Ministers in unserem Herzogtum! Das können Sie sich vorstellen! Magda verdient ein bißchen dazu mit ihrer Malerei. Armes Kind!“
In René Flemmings Gesicht stieg eine starke Röte. Eine lebhafte Bewegung ging über seine Züge. Er wollte etwas sagen. Sie ergriff seinen Arm.
„Halt,“ sagte sie, „ich weiß, was nun kommen soll: daß es für einen Mann, der liebt, eine herrliche Aufgabe ist, einem Wesen wie Magda Sonnenschein ins Leben zu bringen, daß es für einen Mann, der liebt, eine Wonne ist, sie aus der verborgenen Dürftigkeit in den Glanz der Freude und des Genießens zu bringen. Lieber René, die noblen Aufwallungen zieren den Menschen. Sie haben deren alle Zeit reichlich und ich bin sicher, daß Sie sogar Ihr Leben aufs Spiel setzen, wenn es gilt, irgend ein anderes zu retten. Aber ob Sie jeden Tag, Monat um Monat, Jahr um Jahr, endlos die kleinlichen Freudlosigkeiten, den Zwang der Sorge ertragen können – das wag’ ich nicht sogleich zu bejahen.“
„Sie trauen mir wenig zu,“ sagte er mit unsicherer Stimme.
„Das Höchste!“ rief sie, „auf dem Gebiet, auf welches Sie von der Natur verwiesen sind. Daß dies nicht das Gebiet der stillen bürgerlichen Tugenden ist, wissen wir ja.“
Sie atmete ein wenig schwer. Man war doch sacht und stetig gestiegen.
„Und wenn ich es dennoch wagte, mich zu binden?“ fragte er.
Sie setzte sich auf die Bank, die am Wege stand. Er blieb vor ihr stehen.
Hortense von Eschen besann sich ein Weilchen, sie wollte nicht ganz geradeaus sagen, was sie dachte. Sie fühlte genau, was in René vorging. Heftig angezogen von Magda, dem vollkommenen Gegenspiel seines Wesens, schien es ihm unmöglich, seine Macht über ihr Herz unerprobt zu lassen, nicht von ihren Lippen ein Liebesgeständnis flüstern zu hören. Sein Temperament, seine herrische Beanlagung, vielleicht auch ein wenig künstlerische Neugier, die sich unbewußt getrieben fühlt, Seelen zu ergründen – dies alles riß ihn fort. Und doch hörte er daneben in seinem Innern die warnende Stimme des Verstandes und der Redlichkeit, die ihm zuraunte: wird dieser Bund nicht zur Kette werden? meinst du es auch ganz treu mit mir? wird sie dir fortan die Einziggeliebte sein?
Hortense sah wohl und wußte wohl, daß dem Willen eines Mannes in solchen Dingen nicht direkt entgegen zu arbeiten ist. Sie beschloß, bei Magda entsprechende Vorstellungen zu machen. Ehe sie noch dies aussprach, denn heimlich etwas zu thun, war ihr unmöglich – sagte René plötzlich: „Das entscheidende Wort ist gestern schon gefallen. Ich habe nicht gesagt: ‚Magda, willst Du mein Weib werden‘. Aber wir haben begriffen, daß wir uns lieben.“
„Was zwischen Ihnen und Magda so viel wie eine heimliche Verlobung bedeutet,“ setzte Hortense mit ergebenem Kopfnicken hinzu.
Er setzte sich neben die Freundin und beugte sich vertraulich zu ihr.
„Was ich für Magda fühle, glaube ich noch nie empfunden zu haben …“
„Das glaubt man bei jeder neuen Liebe,“ unterbrach sie ihn.
„Ich sehe mit Erstaunen, einer Offenbarung gleich, daß ich von einem Gefühl grenzenloser Achtung, Verehrung, Anbetung zu diesem Wesen voll Reinheit und stiller Größe gezogen werde,“ sagte er mit einer Stimme, die von Leidenschaft bebte. „Und dennoch – selbst in dieser Stunde voll Glück und Erhebung, schreckt mich die Fessel. Deuten Sie mir das.“
Sie lächelte.
„Männer kann man nicht verstehen. Man kann sie nur aus dem Gefühl begreifen. Gebe Gott, daß Magda begreift, daß eine letzte, innerste Freiheit Ihr unantastbares Gut bleiben muß. Daß es in jedem Mann und tausendmal mehr noch in jedem künstlerischen Mann geheimnisvolle Abgründe giebt, in die das weibliche Verstehen nicht hinableuchtet. Daß es ein ganzes, grenzenloses, untrennbares Sichgehören von Seele zu Seele nicht giebt, niemals geben kann. Gebe Gott, daß Magda Sie nimmt, wie Sie sind, und nicht, wie ihr Weibersinn sich denkt, daß Sie sein sollen. An dem Ergründenwollen und an der Begier, das Ideal wie etwas Greifbares zu beleuchten und kennenlernen zu wollen, scheitert das meiste Liebes- und Eheglück.“
René küßte ihre Hand. „Sie sind die klügste Frau, die ich kenne.“
„Weisheit post festum,“ sagte sie lachend, „ich bin auch nicht glücklich gewesen. Ich wollte auch immer zu viel.“
Sie erhob sich und deutete mit ihrem Sonnenschirm auf einen schmalen Weg, der unfern zwischen den mit Tannenbart behangenen, graugrünen Bäumen herauskam und in die Straße mündete.
„Da ist Magda gegangen. Sie kennen ihren Platz. Und noch einmal, Lieber: wenn es möglich ist, löst Euch voneinander! Jetzt kostet es Thränen, später vielleicht Herzblut.“ Dann schlug sie plötzlich, wie sie oft pflegte, einen heiteren Ton an. „Und das sage ich gleich, wenn Ihr verheiratet seid, brechen wir den Verkehr ab. Ich mag nur alte Ehepaare und junge Menschen um mich haben. Junge Ehemänner sind ’was Gräßliches. Ihre Würde hat ihnen den Kopf verdreht. Wenn sie die Frauen anderer dummes Zeug machen sehen, denken sie: ‚ich würde meine Frau so erzogen haben, daß das nicht vorkäme‘; wenn sie einen guten Freund unter dem Pantoffel sehen, denken sie: ‚meiner Frau würde ich nie einen solchen Ton hingehen lassen‘. Sie wissen das Rezept einer glücklichen, verständigen, mustergültigen Ehe auswendig und blicken hochgemut auf alle unglücklichen Ehen herab. Die kleine Macht, einem Weibe und einem Hausstand zu kommandieren, macht sie größenwahnsinnig. Adieu, René!“
Sie schüttelte ihm die Hand und stieg mit Ergebung weiter die Straße hinauf. René sah ihr noch einen Augenblick nach. Die noch immer schöne Frau war seine wahre Freundin, er wußte es wohl. Sie war ehrgeizig für ihn und wollte sein Bestes. Als er vor vier Jahren die Stellung in Leopoldsburg erhalten hatte, war Hortense von Eschen es gewesen, welche die künstlerische Großthat des Herzogs gleichsam ergänzte. Der Herzog, ein fanatischer Musikfreund, wollte in seiner kleinen Residenz eine Oper und ein Musikleben haben, das die Stadt künstlerisch in eine Linie mit den großen Städten rückte. Da er politisch kaum eine Rolle spielen konnte, wollte er in der Kunstgeschichte seiner Zeit die edelste und höchste verkörpern. Seine überreichen Privatmittel gestatteten ihm, seine Träume zu erfüllen. An die Spitze der neuerbauten und mit glänzenden Kräften versehenen Oper berief er den jungen René Flemming, welcher als aufgehender Stern ihm empfohlen war. Hortense von Eschen kannte die Welt und ihre Leopoldsburger. Sie wußte, daß René Flemming auch gesellschaftlich „Mode“ sein mußte, wenn man seine Erfolge für voll nehmen sollte.
Er lachte sie oft aus und sagte, daß Leopoldsburg nur der kleine zufällige Schauplatz vorübergehenden Wirkens sei, und daß nicht Leopoldsburg, sondern die weite Welt den Ruhm zu vergeben habe. Aber sie bestand darauf, daß es zum Behagen seines Lebens nötig sei, freundliche, persönliche Anteilnahme auch in der Nähe um sich zu fühlen. Sie hatte ihn nach und nach mit „ganz Leopoldsburg“, soweit sie es für ihn wichtig hielt, bekannt gemacht. Nun war er nicht der Mensch, andere gleichgültig zu lassen, oder an andern gleichgültig vorbeizugehen. Immer erwuchsen ihm Freunde oder Feinde. So häuften die einen fast kritiklos Vorzüge auf ihn, während die andern nicht einmal seine Jugend und seine Begabung als mildernden Umstand gelten ließen, wenn sie ihn überschäumen sahen. Für alle aber war er „der bunte Hund“ von Leopoldsburg.
Ihm fiel plötzlich ein, welches Gerede seine Verlobung machen dürfte. Ein Schaudern ergriff ihn, er lachte hellauf und drehte sich auf dem Absatz um. Rasch schritt er den Waldweg dahin. Nach zwei Minuten kreuzte eine Erinnerung seine Gedanken, die knappe, charakteristische Melodie von vorhin fiel ihm ein. Er zog die Rechnung mit der Notenskizze heraus und las, was er geschrieben. Seine Lippen formten sich, als wollte er pfeifen, er summte indes nur vor sich hin. Magda Ruhland, die große Veränderung seines Lebens, die bevorzustehen schien, die Warnerstimme Hortensens, alles war so völlig aus seinem Gedächtnis verschwunden, als gäbe es nichts dergleichen auf der Welt.
Der schmale Pfad mit seiner rotklebrigen Erde, die frische Arbeit von Wegebauern verriet, zog sich oft steil bergan, blieb eine Weile in gleicher Höhenlage, fiel jäh, so daß der Absteigende bei jedem Schritt einen Ruck im ganzen Körper hätte fühlen müssen, wäre er überhaupt seiner selbst sich bewußt gewesen, und blieb immer gleichmäßig von dunklen Tannen umrandet.
Eine Gesellschaft von Sommerfrischlern kam daher, zwei Herren im Bergfexkostüm, drei Damen mit hohen Alpenstöcken und kurzgeschürzt, als sollte es geradeswegs auf einen Gletscher gehen; die Menschen wichen zur Seite und ließen René vorbei.
Er hatte sie gar nicht gesehen, sein Blick hatte sie gestreift, aber es kam ihm nicht zum Bewußtsein, daß das Leute waren, die mittags mit ihm an der Table d’hote[5] saßen und daß er sie hätte grüßen müssen.
So schritt er lange dahin, ohne zu merken, ob er steige oder bergab laufe. Plötzlich drang ein starkes Rauschen an sein Ohr. Ein Wildbach tobte aus einer engen Spalte zwischen ragenden, geknickten und umgestürzten Tannen hervor, in seinem steinigen Bett waren rote Stämme wie Schwefelhölzchen zwischen Steinkolosse geklemmt. Das Wasser war ein Bild der Zerstörung. Erst ein Streckchen weiter hatte es sich von der übergreifenden Umarmung des Waldes freier gemacht und schoß unter einem Brückchen dahin. Von ihr aus sah man hinab auf die Sägemühle, die mit ihrem Gehäuse gelber Bretter und ihrem wetterdunklen Blockhaus wie ein Idyll inmitten einer kleinen Lichtung lag. Darüber hinaus verschränkten neue Felsenwände die Welt.
Vor der Sägemühle stand unter einer großen, phantastisch verästelten dunklen Eibe eine Bank. Magda Ruhland liebte den Platz, sie konnte dort lange dem Rauschen des Wassers zuhören, das der Sägemüller in einem Holzkanal aufgefangen hatte, der auf Trägern von Baumstämmen sich geradeaus von der Bergwand bis zum großen Treibrad vorstreckte. Jetzt war das Rad festgestellt und die Wasser rannen teils frei zur Seite ab, teils rieselten sie in Schleiern und Tropfen über das schwarze Rad und seine Speichen.
René hatte die weibliche Gestalt da unten gesehen – im grauen Lodenkleid, das war Magda. Er that einen Juchzer und schwenkte den Hut. Die Menschenstimme verhallte aber in dem Lärm des Wassers. Er lief bergab und stand nach zwei Minuten vor Magda Ruhland. Und als sie sich sahen, wechselten sie beide die Farbe. Er konnte so leicht erröten, wenn er jemand wiedersah, mit dem seine Gedanken sich zweifelnd beschäftigt hatten. Nach Magdas beiden Händen fassend, küßte er sie beide und wiederholt und sah ihr tief in die Augen.
Sie zitterte am ganzen Körper. Wie ein Zaudern ging es durch ihre Seele, dann neigte sie die Stirn und lehnte sie gegen seine Schulter. Es war so viel hilflose Ergebenheit in dieser Gebärde, daß es ihn tief ergriff.
„Magda, meine Magda,“ sagte er innig und schloß sie in seine Arme. Sie ließ sich küssen.
Dann führte er sie weiter, ihren Arm in den seinen legend. Die rauschende Begleitung des Wildbschs war ihm unbequem beim Sprechen. Erst als das tobende Geräusch sich hinter ihnen zu melodischem Gemurmel abdämpfte, fragte er zärtlich: „Mit was für Augen hat mein Lieb denn heute morgen die Welt angesehen?“
Sie erhob den Blick zu ihm und schwieg.
„Mit so unergründlichen und ernsten?“ fragte er weiter. „Und ich dachte, das lachende Glück sollte herausstrahlen.“
„Muß das Glück immer lachen?“ fragte sie leise. „Mir ist es mit tausend Bangigkeiten gekommen.“
„O weh,“ rief er scherzend, „Zaghaftigkeit kann ich nicht leiden. Ich glaube an meinen Stern – ich habe so ein Vorgefühl, daß mir im Leben alles gut ausgeht: in meinem Liebes- wie in meinem Berufsleben. Das mußt Du teilen. Froher Glaube, tüchtige Arbeit, das ist der Sieg! Das macht uns zu Herren des Schicksals.“
Magda Ruhland antwortete nicht gleich. Sie hatte immer das Bedürfnis, vorher schweigend zu überdenken, was sie sagen wollte.
Ihr Gesicht, oval und von regelmäßigen Zügen, trug die Spuren einer schlaflosen Nacht. Ihre blauen Augen waren umschattet, der Mund mit den weichen, schön gezeichneten Lippen fast schmerzlich verzogen. Die Gestalt, schlank und ebenmäßig gebaut, schien von Müdigkeit gedrückt. Weil sie ein wenig Kopfschmerzen hatte, trug sie den Hut in der freien Hand und ließ sich den Bergtannenduft um die Stirn wehen. Ihr kastanienfarbenes Haar war, nach der Mode der Zeit, griechisch und sehr kleidsam geordnet, auch der blütenweiße Stehkragen und der zierliche Schnitt des überaus einfachen Kleides bewiesen, daß sie bei aller Bescheidenheit Wert auf eine gefällige Erscheinung lege.
„Wir haben doch auch mit den uns umgebenden Verhältnissen zu rechnen, die wir weder durch fröhlichen Glauben noch durch tüchtige Arbeit ändern können,“ sagte Magda endlich langsam.
„Aendern können wir sie nicht, aber heiter tragen,“ sprach er. „Herzchen, Du denkst an Deinen kranken Vater und willst mir von ihm sprechen. Nur heraus mit allen schwarzen Gedanken, damit ich sie davonjage.“
„Frau von Eschen hat Dir angedeutet …“ begann Magda.
„So einigermaßen.“
Welche Erleichterung! Magda hatte in schweren Stunden über eine richtige Einleitung nachgegrübelt.
„Papa ist sehr elend,“ sprach sie schnell, als wollte sie das Schreckliche nur erst hinter sich haben. „Wenn er gesund wäre, würde er gütig, liebevoll, bedeutend sein, wie er – ja wie er früher gewesen ist. Und Du dürftest einen gerechten Stolz empfinden, Dich seinen Schwiegersohn nennen zu können. Aber jetzt ist er nur ein Schatten seines Selbst. Er hat kein Gedächtnis mehr für die Ehren und Freuden, die das Leben ihm einst gebracht. Er haßt die Menschen, er kann niemandes Anblick vertragen außer dem meinen und etwa ein paar Menschen, an die er gewöhnt ist, wie Hortense, unseren Freund Nicolai, das Dienstmädchen und den Doktor. Wenn ich ihm sagte, daß ich mich verheiraten wolle – so auf einmal, mit jemand, den er nie sah – das gäbe fürchterliche Erregungen. René, ich hätte gestern Deine süßen Worte nicht anhören dürfen, Dir nicht sagen dürfen, daß ich Dich liebe, denn ich kann Dein Weib nicht werden – noch nicht. Du mußt auf mich warten, lange vielleicht, sehr lange.“
Sie brach in Thränen aus. Sie stand und weinte in ihr Taschentuch. Der eigene Schmerz, die Gewißheit, das holde, schöne Glück, das ihr so nahe schien, noch für unsichere Zeitfernen von sich zurückweisen zu müssen, mischte sich mit der Angst, wie er diese Offenbarung aufnehmen werde. Er würde an ihrer Liebe zweifeln und den Zwang der Kindespflicht nicht ganz verstehen. Er würde voll Leidenschaft das Geschick verwünschen, das ihn zum Warten verdammte. Sie zitterte vor seinem ersten Wort. Wenn es eins des Zornes wäre! Wenn sie ihn verloren geben müßte, den kaum Gewonnenen und namenlos Geliebten!
Er schloß sie in seine Arme und zog ihr das Taschentuch vom Gesicht.
„Nun siehst Du, da können wir gleich den fröhlichen Glauben brauchen, für die Zukunft, an die Zukunft. Vielleicht ist es besser so, auch für mich. Denn ich bin ein schlechter Haushalter gewesen, ich muß es gestehen, es kann sogar sein, daß ich Schulden habe. Und meinem Frauchen will ich doch das Leben leicht und glänzend gestalten. Und das bißchen Namen, das ich habe, ist mir auch noch zu gering. Es sprießt erst eben in Keimen, das Lorbeergrün – und es soll eine ganze, volle Krone sein davon, die setz’ ich Dir dann auf. Ich habe ’was vor – ’was Großes! Mir ist, als müßte ich’s erreichen – ein Musikdrama. Das erzähle ich Dir ein andermal. Nun lache nur, habe mich lieb. Alles andere findet sich. Dein Vater gewöhnt sich an mich. Ich spare und schaffe. Und endlich wirst Du mein, ich Dein.“
Er brachte das alles sich überstürzend hervor und bedeckte Magdas Gesicht mit leidenschaftlichen Küssen.
Sie blieb wie betäubt. Das Erstaunen über seine unerwartete Haltung mischte sich seltsam mit der Glücksempfindung, die seine Leidenschaft ihr gab. Und auch als er sich ein wenig beruhigt hatte, hinderte die ihr eigene Bedenklichkeit sie, ihre Furcht und nachherige Ueberraschung auszusprechen. Sie ahnte nicht, daß ihre Bedenklichkeit ihm gegenüber größte Klugheit war und daß er nichts mehr haßte, als Aufschlüsse über sein Wesen geben zu sollen.
Sie streiften weiter durch den Wald. René war von einem unbändigen Freudegefühl erfaßt; seine Heiterkeit ging wie Sonnenglanz auch auf Magda über. Sie sprachen hundert thörichte und einige verständige Sachen.
Daß man sich in Leopoldsburg nur mit einiger Vorsicht sehen wolle, in Magdas Atelier und in Hortenses Haus, damit die gute Residenz sich nicht vorzeitig über die Verlobung aufrege und diese dann als noch nicht dagewesene Ueberraschung wirke; daß Magda jedesmal in die Oper gehen solle, wenn René dirigiere – sie war so selten dagewesen bis jetzt und zumeist wenn Herr Viebig, der zweite Kapellmeister, am Pult stand, denn Hortense schenkte ihren Logenplatz nie weg, wenn René zu thun hatte. Aber nun wollte Magda leichtsinnig werden und sich manchmal eine Theaterkarte kaufen. Hierüber entstand ein Streit, denn René beanspruchte es als sein Recht, ihr die Karten zu schicken, was Magda nie anzunehmen sich verschwor. Sie versöhnten sich schnell und mit den heißesten Küssen. Dann fragte René mit einer Strenge, die Magda beseligte, nach Nicolai, von dem sie als „ihrem Freund“ gesprochen. Ob es der Maler, der verrückte Nicolai sei.
Ja, er war es und die Freundschaft war durch die Ateliernachbarschaft entstanden.
René zog die Geliebte näher an sich, sie saßen grade auf einem gestürzten Baumstamm nebeneinander am Wege und René hatte mit seinen nervösen, schlanken Fingern ein Farrnblatt zerpflückt. Er warf die Reste von sich und rief: „Das freut mich nun, daß Du mit dem armen Nicolai gut bist. Ich kenne ihn genau, und ich bin einer von denen, die ihm keine Furcht machen. Sonst ist seine feine Seele immer zitternd – überall fühlt sie sich roh angegriffen. Er ist ein besonderer Mensch und er wird nicht verstanden, was schließlich das Alltagslos der Besonderheit ist. Wie er die Welt sieht und wie er sie malt, das wird von vielen komisch gefunden. Mich erschreckt es und dauert es. Nicolai ist nicht robust genug, um das Leben auszuhalten, er wird wund, wenn es sich an ihn herandrängt. Armer Kerl! Die Menschen untereinander, das ist im Grunde etwas Fürchterliches, Herzensliebste! Du hast mit Deinen Frageaugen noch so wenig in das Getriebe geblickt. Ich sage Dir, eine Persönlichkeit haben, heißt tausend Verleumder, Neider und böswillige oder dumme Mißversteher haben. Und keine Persönlichkeit haben, heißt wiederum: nicht leben. Zartheit und Güte allein findet man in dem Herzen, das uns liebt.“
Magda sah ihn glücklich an. Ihr schien es, als habe er gute und kluge Worte gesprochen.
„Und Dir thut die Welt nicht weh?“ fragte sie.
„Zuweilen – ganz kurz. Ich habe kein Talent zum Leiden[4q]. Ich schlage wieder, wo es nötig ist, um mir Bahn zu schaffen. Sonst laß ich die Angreifer und den Tagesärger neben mir herlaufen wie ein kläffendes Hündchen, das mich nicht beißt.“
Magda wünschte ihm zu sagen, daß sie ihm eines Tages allen Aerger aus dem Wege zu schaffen hoffe, daß sie ihn ganz verstehen, ganz in ihm aufgehen werde. Aber ehe sie dazu kam, sprang er auf, sah nach der Uhr, und mahnte: „Wir müssen heim.“
Er ging neben ihr, den Hut ein bißchen im Genick, daß die dunklen Haare vorn unter dem Rande hervorquollen, und hakte sie ein.
So schlenderten sie in übermütiger Stimmung dahin, sich loslassend, wenn der schlechte Weg es forderte, sich eiligst wieder erfassend, wenn sie zu Zweit schreiten konnten.
Vor dem „Seehof“ ging Hortense von Eschen schon auf und ab, das freie Haupt mit dem aschblonden Haar durch einen Sonnenschirm schützend, dessen Stiel über ihrer Schulter lag und dessen Rand sie an der einen Seite erfaßt hatte.
„Nun, Kinder,“ sagte sie, „zu fragen brauche ich nichts.“
Magda fiel ihr um den Hals. Ueber den braunen Kopf hinweg sah Hortense in Renés Augen, ernst und bittend. Er nickte ihr ein Versprechen zu. Sicher, Magda sollte den Tag nicht bereuen, er hoffte es von Herzen.
Nun setzten die Beiden ihr auseinander, wie sie die Beschützerin der möglicherweise langen heimlichen Verlobung sein solle.
„Da mutet Ihr mir etwas Schreckliches zu,“ sagte sie voll Unbehagen. „Das wird eine Intimität zwischen uns Dreien geben, die das Ende der Freundschaft heraufbeschwört.“
Das wollte weder René noch Magda für möglich halten.
„Ganz gewiß,“ versicherte Hortense mit ihrer drolligen Ernsthaftigkeit, „ich darf nicht intim werden. Sie sind sozusagen mein Schützling, René – ein dummes Wort, denn ein Mann, der ’was kann, fördert sich immer selbst und die Anteilnahme ist nur Ernte, die sein Können hält. Ja, was wollte ich sagen: also ich habe Sie sozusagen auch lieb, obgleich Sie ein Schlingel sind und es nicht immer verdienen. Und Magda ist mir so ein Vermächtnis von ihrer Mama und ich hab’ Dich auch lieb, Kind – aber intim waren wir schließlich nicht. Seht, so wie ich jemand nahe bin, mit gegenseitigen Rechten, fängt bei mir die Leidenschaft zu regieren an. Ich bin zu herrschsüchtig, es muß nach meinem Kopf und nach meinen Erfahrungen gehen. Und dann ist bald der Krach da.“
„Wir wollen gehorchen,“ bat Magda.
„Im Gegenteil, wir wollen trachten, Ihnen die Herrschsucht abzugewöhnen,“ sagte René.
Sie drohte ihm mit dem Finger.
Daß man an einem solchen Tage nicht mit den anderen Gästen des Hauses zusammen essen konnte, verstand sich von selbst. Hortense ließ einen kleinen Tisch in der fernsten Saalecke herrichten und da nur Champagner unbekannter Marke auf der Weinkarte stand, bestellte sie Asti spumante[6]. Der kräuterige, schäumende italische Wein schmeckte Magda köstlich. Die Jugendfreude, die zu Haus immer gewaltsam niedergehaltene, leuchtete ihr aus den Augen und ihr Lachen erscholl zuweilen klingend durch den Saal. René war ganz verliebt in ihr schönes Lachen und in ihre sanfte schwingende Stimme.
Hortense stieß mit ihnen an.
„Einen Rat, Kind, nimm gleich,“ sagte sie, „so eine heimliche Verlobung bringt Situationen mit sich, in denen René sich Dir wenig widmen kann. Frag’ ihn nie, quäl’ ihn nie, ‚liebst Du mich, liebst Du mich noch‘.“
„Sie sind ein Engel,“ rief René, „einen besseren Ratgeber kann ich meiner Braut nicht wünschen.“
„Mir scheint, Du nimmst im ganzen den Mann gegen die Frau in Schutz,“ sprach Magda, „das finde ich unrecht.“
Hortense sah fest in Renés vor Uebermut lodernde Augen.
„Ich finde,“ sagte sie, „daß die Frauen im ganzen unleidlich wenig Verstand in ihrem Verkehr mit dem geliebten Mann an den Tag legen. Wenn aber ein Mann eine feinfühlige Frau gewonnen hat, eine, die nicht zu viel fragt und nicht zu viel klagt, eine, die blind vertraut, nicht aus Dummheit, sondern weil sie an die Noblesse des Mannes glaubt, dann soll er solchen Schatz mit heiligem Ernst hüten und jeden Tag neu verdienen.“
„So, nun habe auch ich meinen Rat weg,“ rief René lachend.
„Weißt Du noch,“ sagte Magda, „wie Du ärgerlich warst, hier Bekannte zu treffen? Wir sahen es Deinem Gesicht gleich an, als Du ankamst und gedacht hattest, in dem kaum entdeckten Graubündener Bergneste fändest Du niemand und könntest einmal so recht aufatmen. Hortense allein, das wäre noch gegangen, aber das fremde, stille Mädel, das mit ihr war! Du machtest ein schönes Gesicht an mich hin. Und nun ist alles so geworden!“
„Ja, das Schicksal hat mich ereilt,“ seufzte er unartig.
Magda lachte. Sie wurden sehr lustig und es schien beinahe, als ob Magda einen ganz, ganz kleinen Schwips bekäme.
Es fiel ihnen gar nicht ein, daß etwa die Menschen an der Haupttafel sie beobachten könnten. Hortense fühlte sich immer so ganz hinaus über das Interesse an den X’ens und Y’ns, daß es ihr nie in den Sinn kam, die X’ens und Y’ns könnten sich für sie interessieren. Und wenn auch – es war ihr ganz egal. Ebenso hatte René durch Anlage und Gewöhnung die Fähigkeit, die Nähe beobachtender Menschen nicht zu fühlen. Und Magda sah nichts, dachte nichts als ihr junges, märchenhaftes Glück.
Am Abend dieses Tages stand Magda auf dem Balkon, der wie eine kleine Holzkrippe vor ihrem Zimmer an der Hauswand klebte.
Alles war zur Ruhe gegangen. Im Hochthal zwischen den Tannen herrschte Nacht, die schwarze, harte Dunkelheit, in welche undurchsichtige Körper versinken. Der Himmel darüber aber war, trotz seiner nächtigen Tiefe, gleichsam von innen heraus durchleuchtet. Seine Dunkelheit war klar, als könne der Blick sich ziellos in sie hinein verlieren. Die weißglänzenden Sterne, die ihn durchwirkten, standen in ruhigem Licht. Leises Gewölk lag um die Felsenhäupter und verbarg ihre scharfen Zackenlinien.
Magda träumte in die Nacht hinaus. Ihre Nerven waren noch zu erregt, um schon zur Ruhe kommen zu können. Der glücklichste Tag ihres Lebens lag hinter ihr.
Und ihre Gedanken bauten nun ein ganzes Zukunftsgebäude auf. Sie hatte in ihrem jungen Leben schon zuviel Ernstes erfahren, um zu glauben, daß fortan alle Tage ihr so wonnig lachen würden wie der heutige. Dies war auch schon ausgeschlossen durch die zunächst unverändert bleibenden Verhältnisse.
Aber ein Bild, das auf Goldgrund gemalt ist, macht doch einen andern Eindruck als eines, das vor grauem Hintergrund steht.
Das Bewußtsein, zu lieben, geliebt zu sein, hoffen zu dürfen, mußte alle Pflichten und Geschäfte des Lebens zu einer Spielerei machen. Mit wie neuer Freudigkeit wollte sie sich der Pflege des Vaters widmen, mit wie heißerem Eifer ihrer Kunst nachgehen. Bis jetzt war ihr das Talent, welches sie besaß, nur die Quelle einer für das Behagen ihres Vaters notwendigen Nebeneinnahme gewesen, denn die Pflege des leidenden Mannes, der einen Diener und trefflichste Ernährung brauchte, kostete viel Geld. Aber nun wollte sie noch einmal so viel zu verdienen suchen, um für die Aussteuer zurückzulegen und sich ein bißchen reicher zu kleiden, denn René liebte an Frauen schöne Gewänder. Auch regte sich ein bescheiden ehrgeiziger Gedanke in ihr. In der Dunkelheit der Nacht errötete sie darüber: René sollte sehen, daß sie auch etwas könne. Es war in seiner Gegenwart nur so ganz flüchtig die Rede davon gewesen, daß sie male, Stunden gab und auch schon manches Bild verkauft hatte. Es schien, er hatte kaum darauf gehört. Um so mehr würde er sich freuen, ihr Können achten zu dürfen. Wie glücklich, wie harmonisch sollte die Zukunft werden!
Seine Erfolge, um die sie sich bisher kaum gekümmert, machten ihr Herz vor Stolz erbeben. Sie konnte gar nicht fassen, daß sie jahrelang so gleichgültig über den Namen René Flemming hingehört hatte, der ihr jetzt der schönste, stolzeste, wichtigste von der Welt erschien. Und später würde sie heimlich teil haben an seinen Erfolgen. Er würde sie in seine Arbeiten einweihen, sie würde durch die Götterkraft der Liebe zum Verständnis derselben emporwachsen und im Geiste eins mit ihm sein.
Sie erinnerte sich, von klatschenden Damen zuweilen den Namen Renés mit einem Ausdruck nennen gehört zu haben, als müsse man sich vor ihm bekreuzigen. Er mochte manchen tollen Jugendstreich verübt haben, er gab es selbst zu. So hatte das Schicksal sie ausersehen, sein guter, vielleicht sein rettender Engel zu sein.
Dieser holde und thörichte Mädchengedanke erschütterte sie so sehr, daß Thränen in ihre Augen traten und ihre Seele gleicherweise von Dankbarkeit wie von heiligen Gelöbnissen erfüllt ward.
Wenn es ihr doch nur gegeben wäre, so recht beredt ihm alles zu sagen, was sie empfand! Aber ihre Zunge war nie schnell gewesen, und es schien immer, als schüchtere sie etwas in Renés Wesen ein, als warne sie etwas in seinem Blick, wenn er auf sie gerichtet war, viel von ihren und seinen Gefühlen zu sprechen.
Aber der Wunsch, sich ihm ganz mitteilen zu können, ihr ganzes Innere in das seine überströmen zu können, keine, gar keine Schranke mehr zwischen sich und ihm zu empfinden, wuchs in ihr.
Zu ihrer eigenen Ueberraschung blieb die letzte, die Schlußempfindung dieses Tags, der ihr das Glück gegeben, nicht eine gesättigte Dankbarkeit, sondern ein heißes Sehnen. Die Sehnsucht, sein Wesen, seine Seele, sein Inneres zu erfassen, es halten und zerlegen zu können, wie man ein Kleinod mit tastenden Fingern ergreift.
