Die Lausitzer - Günter Wermusch - E-Book

Die Lausitzer E-Book

Günter Wermusch

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Beschreibung

In der Schule haben wir gelernt, das heutige Deutschland sei schon immer von germanischen Stämmen besiedelt gewesen. Nur in historisch begrenzter Zeit, nämlich etwa vom sechsten bis zum zwölften Jahrhundert, hätten in Mitteldeutschland, dem heutigen Ostdeutschland, Slawen gewohnt. Die seien dort irgendwie "eingesickert". Wie aber kommt es, dass im Gebiet zwischen Elbe/Saale und Oder mehr als vier Fünftel aller Ortsnamen slawischer Herkunft sind? Noch deutlicher wird es bei den Flurnamen. Um dieser Frage nachzugehen, begibt sich Günter Wermusch auf eine Entdeckungsreise, die ihn bis in das zweite Jahrtausend vor der Zeitenwende führt. Er hinterfragt dabei Homers Epen über den Trojanischen Krieg, sucht nach der Identität von Gestalten aus dem Alten Testament und befasst sich mit der Auslegung antiker Inschriften, wie etwa auf der Nautenstele von Notre Dame. Immer wieder stößt er dabei auf die uralte Sprache der Véneter, in der sich schon die Troër, die Véneter in Oberitalien und auch die keltischen Gallier verständigt haben.

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Seitenzahl: 251

Veröffentlichungsjahr: 2015

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WISSENSCHAFTLICHE BEITRÄGE AUS DEM TECTUM VERLAG

Reihe Geschichtswissenschaft

WISSENSCHAFTLICHE BEITRÄGE AUS DEM TECTUMVERLAG

Reihe Geschichtswissenschaft

Band 27

Günter Wermusch

Die Lausitzer

Von der ersten europäischen Gemeinschaft bis zu den „eingewanderten“ Slawen

Tectum Verlag

Günter Wermusch

Die Lausitzer.

Von der ersten europäischen Gemeinschaft bis zu den „eingewanderten” Slawen

Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag:

Reihe: Geschichtswissenschaft; Bd. 27

© Tectum Verlag Marburg, 2015

ISBN: 978-3-8288-6312-5

(Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Buch unter der ISBN 978-3-8288-3633-4 im Tectum Verlag erschienen.)

ISSN: 1861-7468

Umschlagabbildung: „Slawische“ Götterfigur (Exponat im Archäologischen Freilichtmuseum Groß Raden), Fotografie: Dietmar Wetzel

 

 

Besuchen Sie uns im Internet

www.tectum-verlag.de

Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Inhalt

VORWORT

1Rätselhafte Funde

1.1Das Gold von Eberswalde

1.2Das Grab von König Hinz

ERSTER TEIL: AUS VORGESCHICHTLICHER ZEIT

2Die Helden von Troja

2.1Wer waren die Bewohner von Troja?

2.2Έneter und Paphlagonier

2.3Andere Verbündete

2.4Danaër und Dardaner

2.5Der „erfundene“ Hektor

2.6Die verhängnisvolle Botschaft

2.7Der Name „Troja“

2.8Labyrinthe

2.9Ilias, Ilion

3Geografische Rätsel

3.1Stimmt Homers Geografie?

4Die Lausitzer

4.1Der Aufbruch der Lausitzer

4.2Zeugnisse der Lausitzer Kultur

4.3Biskupin

5Die Große Wanderung

5.1Atlantis

5.2Der Klimasturz – Folge eines Meteoriteneinschlags?

5.3Der Treck nach Süden

5.4Artefakte aus der Lausitzer Kultur

6Die Invasoren aus der Nähe besehen

6.1Bürstenköpfe und Hörnerhelme

6.2Philister und Belzebub

6.3Der zweimal erschlagene Riese

6.4Goljadь und Galindai

6.5Noch einmal: die Philister

ZWEITER TEIL: SLAWEN UND GERMANEN

7Wann und woher die Slawen gekommen sein sollen

7.1Enea Silvio de‘ Piccolomini

7.2Wer schrieb die „Germania” des Tacitus wirklich?

7.3Wie es deutsche Humanisten mit den Slawen hielten

7.4Was man im 18. Jahrhundert von den Slawen wusste

7.5Ersterwähnungen der Slawen

7.6Die Venethi des Jordanes

7.7Von den Römern gemacht?

7.8Schubladenhistorie

8Wie der Name „Slawen“ entstand

8.1Drei Silben

8.1.1Das Präfix skla

8.1.2Das Präfix slo

8.1.3Das Wort sьrbъ

9Wer bewohnte Germanien?

9.1Die Jastorfer

9.2Ungereimtheiten

9.3„Ungermanisches Wortgut“

9.4Samo: Vom Kaufmann zum König

9.5Andere Stämme

DRITTER TEIL: VENETISCH, KELTISCH, ALTEUROPÄISCH

10Erkenntnisse

10.1Die späte Einsicht eines Sprachforschers

10.2Das unausrottbare Phantom: Die Illyrier

11Véneter und Kelten

11.1Slawische Kelten?

11.2Erstes Volk Europas?

11.3Keltische Véneter?

11.4Der Stadtname

12Vénetische Schriftdenkmäler

12.1Die Tavolette alfabetiche

12.2Dubiose Übersetzungen

12.3Eine Schreibgriffelinschrift

12.4Der Stein von Padua

12.5Die „Urne“ von Canevói (Bl 1)

12.6Inschriften auf Urnen

12.7Am Rand der Straßen

12.8Ideologische Abwege

13Was Namen belegen

13.1Orts- und Flurnamen

13.2Unwiderlegte Argumente des Martin Žunkovič

13.3Vénetische Namen in Oberitalien

14Erdichtetes Keltisch

14.1Väter und Söhne?

14.2Die Inschrift von Nimes

14.3Die Haustafel von Alesia

14.4Die Inschrift von Vaison-la-Romaine

14.5Die Tafel von Autun

14.6Die „göttliche Widmung“ von Glanum

14.7Der Tiegel von Couchey

14.8Die Inschrift von Genouilly

14.9Die Inschrift von Todi – eine Bilingue?

14.10Was ist keltisch?

15EVRISES und ESVS

15.1Die Nautenstele

15.2Jesus in Frankreich?

16Alteuropäisch

16.1Urheimat in den galizischen Karpaten?

16.2Tendenz zur Unveränderlichkeit

17Resümee

NACHWORT

Vorwort

Zweifeln kann man an allem, und unter zehnmal zweifelt man neunmal gewiss mit vollem Recht.

(J. N. Nestroy)

In der Schule haben wir gelernt, das heutige Deutschland sei schon immer von germanischen Stämmen besiedelt gewesen. Nur in historisch begrenzter Zeit, nämlich etwa vom sechsten bis zum zwölften Jahrhundert, hätten in Mitteldeutschland, dem heutigen Ostdeutschland, Slawen gewohnt. Die seien von irgendwoher eingefallen, was man später in „lautlos eingesickert“ korrigierte. Denn für kriegerische Auseinandersetzungen fanden sich weder in Chroniken, noch in archäologischen Befunden irgendwelche Nachweise. Andere Slawenstämme seien seit dem sechsten Jahrhundert in den Raum der Balkanhalbinsel sowie in Polen, Böhmen, Mähren und die Slowakei eingerückt.

Wie aber kommt es, dass im Gebiet zwischen Elbe/Saale und Oder mehr als vier Fünftel aller Ortsnamen slawischer Herkunft sind? Noch deutlicher wird es bei den Flurnamen. Gleiches trifft auf die erwähnten anderen Regionen zu.

Von den Germanen gibt es keine Schriftzeugnisse. Und wie die Festlandkelten parlierten, hat man versucht zu rekonstruieren, allerdings mit sehr lückenhaftem Erfolg. Wie war das überhaupt mit den Germanen? Räumten sie tatsächlich während der großen Völkerwanderung von Ende des vierten bis Ende des sechsten Jahrhunderts all ihre Gebiete in Nord- und Mitteldeutschland?

Für die Herkunft der Germanen fand der Geschichtsschreiber Jordanes Mitte des sechsten Jahrhunderts nur eine Erklärung: Sie sollen einst von der Insel Skandza (Skandinavien, das damals noch für eine Insel gehalten wurde) „wie aus einer Werkstatt der Nationen“ ausgefahren sein. Jedenfalls sah er das für die Goten so. Wann dieses „einst“ gewesen sein soll, erfährt man bei Jordanes nicht.

Belassen wir es dabei, dass der hellenistische Philosoph Poseidonios (135-51 v. Z.) den Namen „Germanen“ für Barbarenstämme nördlich der Alpen gebrauchte.

Das war nicht mehr und nicht weniger als ein zusammenfassender Begriff ohne „völkische“ Zuweisung. Außer den Germanen werden zu Poseidonios’ Zeiten noch die Kelten erwähnt. Daraus entstand letztlich das Grundmuster: Kelten und Germanen.

Um das Jahr 150 verfasst der griechische Gelehrte Klaudios Ptolemaios (um 90-um 165) ein Werk mit dem Titel „Geographiké hyphégesis“ (Lehrbuch des Erdkartenzeichnens).

Es führt 69 Stämme und 94 Ortschaften in Germanien auf. Weitere Angaben finden sich besonders bei Gaius Iulius Caesar (100-44 v. Z.), dem Griechen Strabo (64 v. Z.-um 20 n. Z.), bei dem römischen Offizier Vel-leius Paterculus (Ende des 1. Jh. v. Z.- erstes Viertel des 1. Jh. n. Z.) und dem Lexikographen Gaius Plinius Secundus (23-79). Bei Caesar ist vor allem das um das Jahr 50 v. Z. verfasste Werk „De bello Gallico“ (Über den Gallischen Krieg) ein wichtiges Zeitzeugnis. Von anderen antiken Schriftstellern sei hier abgesehen. Aus den Werken dieser Männer waren ungefähr die Siedlungsgebiete der in Germanien ansässigen Stämme ersichtlich, stets bezogen auf die jeweilige Zeit, über die sie schrieben. So schien es auf den ersten Blick, doch war der nicht immer der richtige. Beispielsweise dürften sich die Angaben des Ptolemaios etwa auf die Spanne von der Zeitenwende bis zum Jahr 150 erstreckt haben. Ptolemaios stützte sich in erster Linie auf die Itinerare (Reisebeschreibungen) von Kaufleuten und Heerführern. Die konnten inzwischen veraltet sein; so mancher Stamm war in einem anderen aufgegangen, neue waren entstanden.

Die vorliegende Abhandlung widmet sich in erster Linie den von der Geschichtsschreibung arg vernachlässigten Vénetern, einem Verbund von Volksstämmen, dessen Entstehung der Autor auf die Lausitzer Kultur zur Mitte des zweiten Jahrtausends v. Z. zurückführt. Die Véneter galten – und gelten bis heute – als Randfiguren der Historie.

Mit den Slawen wollte (und will) man sie auf keinen Fall zusammenbringen. Schließlich war vor dem sechsten Jahrhundert von Slawen nie die Rede. Erst da sei das „Volk“ der Slawen in Süd- und Mitteleuropa eingewandert.

Das ganze Konstrukt vom lautlosen Einsickern eines Volkes der Slawen wird – obwohl nie nachgewiesen – von der institutionalisierten Wissenschaft seit Jahrhunderten krampfhaft aufrechterhalten. Das Dogma ist zum Grundpfeiler der „germanischen“ Geschichtsschreibung geworden. In diesem Buch soll versucht werden, dem entgegenzutreten; denn ein Volk der Slawen hat es ebenso wenig gegeben wie ein Volk der Germanen oder Kelten.

Der Autor ist sich bewusst, dass er einem in den slawischen Sprachen unkundigen Leser über weite Strecken Geduld abverlangt. Dennoch ist es unverzichtbar, um sich nicht den Vorwurf der Oberflächlichkeit einzuhandeln. Der mag in den zuweilen arg vergröberten historischen Darstellungen berechtigt sein, in linguistischen Deutungen jedoch kaum. Freilich müssen manche dieser Deutungen, besonders wo sie sich auf historische Zusammenhänge von vor über drei Jahrtausenden beziehen, als hypothetisch betrachtet werden. Aber was an der Geschichtsschreibung über jene Zeiten ist nicht Hypothese?

Treten wir also eine Reise an, die uns zurückführt bis auf den Aufbruch der Lausitzer im 14. Jahrhundert v. Z. und in den Krieg um Troja. Versuchen wir zu rekonstruieren, welcher Sprache man sich zu dieser Zeit bediente.

Das vorangestellte Kapitel „Rätselhafte Funde“ soll der Einstimmung auf die Thematik dienen.

Bei den Zeitangaben in diesem Buch wurde das Kürzel v. Z. für „vor der Zeitenwende“ gewählt. Es ist loyaler als die Variante „vor Christus“, also v. Chr. In beiden Fällen ist die Zeit vor dem Jahr Null gemeint, das von der Kirche mit dem der Geburt Christi gleichgesetzt wurde. Es ist nicht mehr als ein Fixum, denn das wirkliche Geburtsjahr Jesu Christi stimmt mit dem Jahr Null nicht überein.

1Rätselhafte Funde

Die Archäologie kann die Tonne finden, aber dennoch den Diogenes verfehlen.

(Sir Mortimer Wheeler)

1.1Das Gold von Eberswalde

Der Kalender zeigt Freitag, den 16. Mai 1913, als zwei Bauarbeiter im Direktorenbüro des Messingwerks von Eberswalde (ca.70 km nördlich von Berlin) vorstellig werden. Einer von ihnen hält mit beiden Händen einen Krug umklammert, über den er ein Tuch gelegt hat. Beim Ausheben einer Baugrube hatten sie ihn entdeckt. Sie hoben den Deckel ab und trauten ihren Augen nicht.

Bis zum Rand ist der Tonkrug mit Gold gefüllt: Trinkschalen, Arm-und Halsringe, aufgewickelte Drähte, ein kleiner Barren und Bruchstücke (Schmelzreste). Mit zitternden Händen breitet der Chef des Messingwerks, Aron Hirsch, die Stücke auf dem Konferenztisch aus und lässt sich telefonisch mit dem Direktor des Berliner Völkerkundemuseums, Professor Carl Schuchhardt, verbinden. Gleich am nächsten Morgen wird Schuchhardt mit dem museumseigenen „Ford“ nach Eberswalde chauffiert.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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