Die Leben der Toten - Andreas März - E-Book

Die Leben der Toten E-Book

Andreas März

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Beschreibung

Sieben fiktive Kurzgeschichten entführen in die Vergangenheit und beleuchten das Leben bekannter Mumien! Sie kamen aus alten Zeiten – vergangen, aber nicht vergessen. In dieser Sammlung aus Kurzgeschichten erwachen alte Seelen zu neuem Leben. Die fesselnden Erzählungen jener, deren Mumien im Laufe der Jahrhunderte zufällig entdeckt oder behutsam aus der Erde geborgen wurden, laden zum Verweilen und Entdecken ein. Sie berichten von längst vergangenen Epochen, die wir nur noch aus Fragmenten kennen, und beflügeln seit so vielen Jahren unsere Fantasie. Die Geschichten in diesem Buch haben sich so jedoch nicht zugetragen. Oder …?

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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DIE LEBEN DER TOTEN

© 2026 Andreas März

Texte: Andreas März Die Texte dieses Werkes wurden eigenständig vom Autor verfasst und sind nicht KI-generiert.

Lektorat & Korrektorat: Natascha Uhrmann, Maria Fründ

Satz & Layout: Kera Jung

Cover & Illustrationen: Andreas März

Covergestaltung und Abbildungen: Erstellt mit Unterstützung von Google Gemini.

Andreas März

c/o Authors‘ Dreams

Am Krummgewann 22

64625 Bensheim

PRINT: 978-3-8192-9738-0

E-BOOK: 978-3-8194-9981-4

Die in diesem Werk auftretenden Hauptfiguren sind historische Persönlichkeiten. Die dargestellten Handlungen, Dialoge und Begegnungen sind jedoch künstlerisch frei gestaltet und erheben keinen Anspruch auf biografische oder historische Wahrheit. Soweit Nebenfiguren, Orte oder Ereignisse nicht eindeutig historisch belegt sind, sind diese frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden Personen in diesen fiktiven Passagen wäre rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Vorwort

Seit Anbeginn der Menschheit gehört der Tod zum Leben dazu. Viele Menschen beschäftigen sich nicht gern damit, da er ihnen ihre eigene Vergänglichkeit vor Augen führt. Als ich zum ersten Mal das Foto von »Juanita« sah, machte ich mir keine Gedanken darüber, wie sie einst gelebt haben mochte, da ich dafür viel zu jung war. Jung genug, um mich noch für unsterblich zu halten. Jahre später tauchte dieses Foto zufällig im Internet erneut auf, und ich merkte, dass es etwas in mir berührte. Etwas, das mich seit dem ersten Mal nie verlassen hatte. Die Fragen: Wer war sie? Wie sah die Welt aus, in der sie lebte?

Mit »Juanita« fing es an: Bilder entstanden in meinem Kopf, die ich weiterspinnen wollte, um daraus eine Erzählung zu formen, die so nah wie möglich an der Wahrheit lag. Doch »Juanita« blieb nicht allein. Sie öffnete mir die Tür zu den Welten anderer bekannter Mumien. Je tiefer ich in ihre Geschichte eintauchte, desto mehr drängten auch sie danach, ihre eigene Stimme zurückzuerhalten. Aus Fakten wurden Schicksale, aus Staub wurde Leben.

Ich wünsche Ihnen spannende Unterhaltung und hoffe, das Lesen bereitet Ihnen ebenso viel Freude wie mir das Schreiben.

Ötzi Der Mann aus dem Eis

Die kalte, beißende Luft stach in Kelans Lungen, ein Schmerz, der so vertraut war wie der Herzschlag in seiner Brust. Seit drei Tagen befand er sich auf der Flucht, eine Jagd, die den erfahrenen Jäger tiefer in die stummen, steinernen Türme der Berge trieb, als er es je für möglich gehalten hatte. Kelan war fünfundvierzig Sommer alt, ein Alter, das nur wenige seiner Sippe erreichten. Die Jahre hatten tiefe Linien in sein Gesicht gegraben, Falten, in denen sich die Strenge des Lebens in den Bergen widerspiegelte. Es war jedoch nicht die Zeit, die ihn ermüdete, sondern die unerbittliche Jagd, die ihm wie ein kalter Wind in den Knochen saß.

Seine Gestalt war gedrungen, die Muskulatur zäh wie die eines Bären, aber die feinen Linien seiner Tätowierungen, die sich wie Schlangen über den Körper zogen, erzählten von Schmerzen und Krankheiten, die er überlebt hatte. Dies waren Markierungen, die von den weisen Frauen seines Stammes geritzt worden waren, um böse Geister zu vertreiben. Kelan spürte die geschwollenen Adern seiner Beine, ein Erbe der langen Wege, die er in seinem Leben gegangen war, und das Schmerzen der Gelenke bei jedem Schritt. Trotzdem kannte er diese Berge wie kein anderer. Sie waren sein Zuhause, sein Jagdgrund und nun seine einzige Hoffnung auf Rettung.

Der Blick des Gejagten fiel auf die Wunde an seiner rechten Hand. Der tiefe Schnitt zwischen Daumen und Zeigefinger pulsierte vor Schmerz. Es war die Erinnerung an den Kampf, den er bei Sonnenuntergang vor drei Tagen am unteren Hang geführt hatte. Er hatte sie nicht kommen sehen. Hätte er die Bedrohung rechtzeitig erkannt, hätte Kelan niemals so töricht gehandelt, in eine Falle zu laufen. Das blutige Ende des Streits war nun sein Gefährte, ein ständiges Pochen, das ihn an seine tödliche Eile erinnerte.

Die Schultern straffend, zog er die Birkenrindenbehälter, die an seiner Hüfte baumelten, fester an sich. Einer enthielt Glut, gewickelt in Ahornblätter, der andere zähes Beerenmus. Seine sorgfältig genähte Kleidung aus Ziegen- und Hirschleder, die mit Gräsern ausgestopft war, schützte vor dem Wind, aber die Kälte kroch unbarmherzig durch jede Lücke. Ein zylindrisches Ledergefäß, gefüllt mit trockenem Zunderschwamm und einem Feuerstein, hing an seinem Gürtel. Kelans Bogen, den er liebevoll aus Eibenholz geschnitzt hatte, steckte in einer Schutzhülle, doch die Sehne fehlte, und er hatte keine Zeit gehabt, eine neue zu fertigen. Ein schmerzliches Zeichen seiner überstürzten Flucht, die ihn seine wichtigste Waffe gekostet hatte.

Er war aus der Mitte seiner Sippe gerissen worden. Seine Leute nannten ihn »Kelan«, was »der Fels« bedeutete – wegen seiner Stärke und seiner unerschütterlichen Ruhe. Seine Hütte stand am Fuße des Tals, wo der Fluss rauschte und die Weiden saftig waren. Dort warteten seine Frau Mara und seine beiden Söhne Arath und Taron, die erst vierzehn und zehn Sommer alt waren. Kelan hatte für sie gesorgt, hatte sie gelehrt, Wild aufzuspüren und Feuer zu entfachen, Kräuter für die Wundheilung zu finden und die Zeichen der Berge zu lesen. Der Gedanke an ihr Lächeln und ihre Sicherheit war der einzige Trieb, der ihn am Laufen hielt.

Vor fünf Tagen war Kelan mit seinem Freund, dem jungen Luran, auf der Jagd gewesen, um eine Gämse zu erlegen, als sie auf die Patrouille der »Achtzehn« stießen. Die Achtzehn: So nannten sie die benachbarte Sippe, die auf der anderen Seite des Berges in einer trockenen, unwirtlichen Senke lebte. Ihr Häuptling, der gefräßige und grausame Aran, war seit Jahren Kelans Rivale. Aran hatte Mara, Kelans Frau, begehrt und sie nach ihrer Ablehnung mehrmals als »Wassermädchen« verspottet, weil sie von den Menschen der Seen stammte. Eine Beleidigung, welche Maras Herkunft in den Schmutz zog. Kelan hatte Aran mehrmals in die Schranken gewiesen, doch Arans Groll wuchs mit jedem Sommer. Für Kelan war Aran ein Mann ohne Ehre.

An diesem Tag stand Aran mit fünf seiner Krieger am Flussufer, ihre Gesichter mit roter Erde bemalt, die Augen vor Feindseligkeit glühend. Aran trug eine prächtige Bärenfellhaube und eine Kette aus Zähnen, die er einst von einem jungen Bären gerissen hatte. Eine furchterregende Gestalt, doch sein Mund verzog sich zu einem hämischen Grinsen, als er Kelan sah.

»Seht nur, das ist Kelan, der Alte, der immer noch in unserem Jagdgrund wildert«, spottete Aran. Luran spannte seinen Bogen, doch Kelan hob eine Hand, um ihn zu stoppen.

»Wir sind nur auf der Durchreise. Es gibt genug für alle.«

»Es gibt genug für uns«, knurrte Aran. Er trat vor, seine Bärenfellhaube rutschte ihm in die Stirn. »Dieser Fluss gehört uns. Jedes Wasser, das von diesen Höhen fließt, gehört unserem Volk.«

Kelan spuckte auf den Boden. »Der Fluss fließt für alle. Das ist das Gesetz der Berge.«

Aran lachte, ein hartes, kehliges Geräusch. »Gesetze? Wir machen unsere eigenen Gesetze. Und unseres lautet: Du hast dich das letzte Mal auf unserem Land aufgehalten, Kelan.« In diesem Moment spannte einer der Krieger hinter Aran seinen Bogen. Luran rief eine Warnung, aber es war zu spät. Der Pfeil flog auf Kelan zu, doch er war zu alt, um schnell auszuweichen. Er spürte nur, wie der Pfeil an seiner Schulter abprallte und auf den Boden fiel. Dann sah er Aran mit einem Speer auf sich zukommen. Kelan hatte sich darauf vorbereitet, einen Kampf Mann gegen Mann zu führen. Es war die Art seiner Leute. Aber Aran war ein Verräter.

Ein Kampf entbrannte. Luran war mit seiner Heftigkeit überfordert, sodass er sein Heil in der Flucht sah, indem er in den kalten Fluss sprang und entkam. Kelan war auf sich allein gestellt. Aus seiner Lederscheide zog er sein Kupferbeil, ein seltenes Stück, das er von einem Händler aus dem Norden erstanden hatte. Er verwendete es nur in der größten Not. Einen der Krieger verletzte er die abwehrende Hand und fügte ihm gleich darauf eine tiefe Wunde am Oberschenkel zu. Aran brüllte wütend auf und stieß seinen Speer in Richtung von Kelans Herz, doch Kelan rollte sich zur Seite, und der Speer traf stattdessen seinen Arm. Mit einem blutigen Rasiermesser aus Feuerstein, das er aus seinem Beutel genommen hatte, traf er Aran an der Schulter, was die Wut seines Gegners nur noch steigerte. Er nutzte die Gunst und trat die Flucht an.

»Was ist geschehen? Was ist geschehen?«, fragte ein junger Krieger, als er zu Aran lief, der sich die Schulter hielt.

Aran schaute Kelan voller Hass hinterher. »Dies ist der Kampf, den er gewählt hat. Ich werde ihm nacheilen und töten. Ich werde sein Kupferbeil nehmen und es meiner Frau schenken, dass es ihr Glück bringen möge. Und ihr werdet zurückkehren und allen sagen, dass ich ihn getötet habe.«

»Aber er ist nicht tot.«

Aran lächelte kalt, dass es dem Krieger das Blut gefror. »Noch nicht, aber schon sehr bald. Und nun geht. Ich habe zu tun.«

Kelan setzte seine letzte Kraft in eine Flucht bergauf, wohl wissend, dass das steile Gelände für die meisten Krieger der Achtzehn ein Hindernis wäre, aber nicht für Aran. Ihm fehlten Wasser und Nahrung, abgesehen von dem, was er bei sich trug. Er hatte gehofft, die Verfolger abzuschütteln, aber er kannte Arans Unnachgiebigkeit.

In den letzten drei Tagen hatte Kelan kaum geschlafen. Er überquerte steile Klippen und tiefe Schluchten. Er sah die Schmelze des Gletschers und wusste, dass er die Richtung ändern musste, um nicht von einer Eiswand überrascht zu werden. Mit seiner empfindlichen Nase schnupperte er nach dem Geruch von Feuerstellen, um sich zu vergewissern, dass sich niemand in der Nähe aufhielt. Nur in der Finsternis der Nacht hatte er einen winzigen Moment des Friedens, da er wusste, dass die Verfolger ihn nicht bei Nacht finden würden. Die Mondscheibe war nur ein kleines, silbernes Licht am Himmel, und die Wolken zogen wie eine schwarze, dicke Decke über die Berge.

Am zweiten Tag seiner Flucht kontrollierte Kelan in einer kleinen Höhle seinen Birkenrindenbehälter mit seiner Ausrüstung auf Vollständigkeit. Er hatte einen Speer, einen Pfeil und ein Feuersteinmesser mit in seine Höhle genommen, für den Fall, dass seine Verfolger ihn finden würden.

Immer wieder glitten seine Gedanken zu seiner Familie. Er hatte sie zurückgelassen, um sie zu schützen, sie im Stich gelassen, um sie zu retten. Das war der Preis, den er zahlen musste.

Die Felsen um ihn herum waren von Flechten und Moosen bedeckt, der Wind war eisig. Der Geruch von feuchter Erde und zerdrücktem Farn mischte sich mit dem metallischen Geruch von Blut, das von seiner Hand tropfte. Die Wunde schmerzte höllisch. Kelan hatte versucht, sie mit einem Stück Leder zu verbinden, aber sie war zu tief, und das Leder war nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Der Schmerz war die einzige Sache, die ihn wach hielt. Hunger und Durst waren in Anbetracht der Gefahr unbedeutend. Kelan musste weiter und verließ die Höhle.

Plötzlich spürte er einen Schmerz in seinem Fuß. Er schaute nach unten und sah einen scharfen, spitzen Stein, auf den er getreten war. Er hatte es nicht bemerkt. So auf seinen Verfolger konzentriert, hatte er nicht auf den Boden geachtet. Ein dummer Fehler, denn Kelan hatte die Stille der Berge unterschätzt. Er musste vorsichtiger sein.

Ein großer, breiter Baumstumpf bot ihm eine willkommene Rast. Seinen Rucksack auf den Boden werfend, setzte sich Kelan darauf. Er schaute auf seine Wunde und versuchte, den Schmerz zu ignorieren. Er hatte nicht bemerkt, dass er eine Pause brauchte. An das Alleinsein gewöhnt, realisierte er nicht, wie müde er war.

Gedanken an seine Frau Mara, deren sanfte Hände so viele Wunden geheilt hatten, und an seine Söhne, denen er das Jagen und das Überleben gelehrt hatte, schossen ihm durch den Kopf. Kelan dachte an die Geschichten, die er ihnen erzählt hatte, von den Göttern, die im Himmel wohnten und die Sterne nach den Wünschen der Menschen formten. Er hatte ihnen von den Geistern erzählt, die im Wald lebten und die Tiere vor den Jägern beschützten. Eine Geschichte handelte vom Großen Bären, der über die Berge herrschte und die Bösen in die Hölle schickte. Kelan dachte an die Vergangenheit, um die Zukunft zu verdrängen. Er dachte an die Liebe, um den Schmerz zu verdrängen. So sehr liebte er die Erinnerungen, dass er die Wunden ignorierte.

Plötzlich hob Kelan den Kopf und hielt die Nase in die Luft. Der Wind hatte sich gedreht. Der Wind, der bis vorhin noch aus dem Tal blies, kam jetzt von den Bergen. Kelan nahm es wahr: Sie waren in der Nähe. Eine innere Kälte durchfuhr ihn, die nicht die des Winters war, sondern die Kälte des Todes.

Der Mann aus den Bergen stand auf, seine Knochen knackten. Er nahm seinen Rucksack auf und spürte, wie er ihm wie ein Fels auf dem Rücken lag. Er musste weiter. Er musste seine Familie beschützen, die Verfolger abschütteln und seine Ehre verteidigen. Das Ziel war: überleben.

Ein kleines, glitzerndes Stück Eis lag am Boden. Kelan nahm es auf und schaute hinein. Er sah sein Spiegelbild. Das Gesicht war blass, die Lippen blau und die Augen von der Müdigkeit gerötet. Seine Haut war faltig und die Wangen waren eingefallen. Sein spärlicher werdendes Haar und der Dreitagebart waren vom Wind zerzaust. Kelan sah am Ende aus. Er hatte das Alter unterschätzt, ebenso die Müdigkeit und die Kälte.

Er blickte über die Berge, und dann er sah sie. Die Silhouette bewegte sich wie ein Schatten über die Felsformationen. Das Gesicht seines Verfolgers war mit roter Erde bemalt und die Augen glühten vor Zorn. Kelan wunderte sich, dass Aran allein war anstatt in Begleitung von mindestens zwei seiner Jäger. Das musste bedeuten, dass Aran sich seiner Sache sicher war. Und das zu Recht, wie Kelan zugeben musste. Denn Aran war zum einen kräftiger als Kelan und zudem nicht verletzt und augenscheinlich alles andere als müde.

Dennoch hatte er keine Angst. Nur einmal in seinem Leben hatte er Angst verspürt, an dem Tag, als seine Frau Mara fast von einer Schlange getötet worden war.

Kelan versteckte sich hinter einem großen Felsen, um seinen Verfolger zu beobachten. Die Schmerzen in seiner Hand ließen nach, sodass er sie wieder benutzen konnte. Ein Stück Holz, das er mit sich trug, benutzte er als Pfeil und Bogen. Er hatte noch keine Zeit gehabt, einen richtigen Bogen zu bauen, also musste dieser reichen. Er hatte nur einen Schuss, denn die anderen Pfeile waren ebenfalls noch nicht vollendet, also musste er diesen einen nutzen.

Kelan wartete, bis Aran sich näherte, um ihn überraschen zu können. Ihm war klar, dass er sich in den Bergen auskannte, aber er kannte sie besser.

Obwohl er viel zu weit weg dafür war, klang Arans Stimme mit einem Mal sehr nah: »Kelan, du alter, feiger Hase! Komm raus und kämpfe! Ich werd dich schon nicht fressen.« Kelan hatte Arans Jagdinstinkte unterschätzt. Sein Gegner wusste ganz genau, dass sein Opfer ganz in der Nähe war.

Kelan dachte an die alte Geschichte, die ihm sein Großvater erzählt hatte, von dem Fuchs, der einen Jäger täuschte, indem er sich tot stellte. Er wusste, dass Aran ihn nicht essen würde. Aber er würde ihn quälen. Er würde ihn foltern. Und am Ende würde er ihn töten.

Kelan spürte, wie sein Herz schneller schlug. Er spürte, wie sein Blut heiß wurde und die Kälte ihn verließ. Er war nicht mehr müde. Und schon gar nicht war mehr alt und schwach. Nein! Er war Kelan, der Fels.

Er sprang hinter den Felsen hervor, seinen Bogen in der Hand. Aran war so überrascht, dass er einen Moment zögerte. In diesem Augenblick nutzte Kelan die Chance. Er schoss auf Aran, aber der Pfeil verfehlte ihn und flog an seiner Schulter vorbei. Aran lachte, ein hartes, kehliges Geräusch.

»Du hast gelernt, wie man einen Stock benutzt, aber nicht, wie man schießt. Du bist zu alt und zu dumm, Kelan«, spottete Aran. Damit stürmte er auf Kelan zu.

Kelan hob seinen Stock, aber Aran war zu schnell. Er warf seinen Speer auf Kelan, aber Kelan wich ihm aus, und der Speer flog an seiner Hüfte vorbei. Er drehte sich um und schlug mit seinem Bogen nach Aran. Aber Aran hatte sich zur Seite gerollt, und der Stock verfehlte ihn. Wie eine Katze sprang er auf und schlug Kelan noch im Fluge die Faust ins Gesicht. Der Schmerz explodierte in Kelans Kopf, als er nur noch Sterne sah und die Orientierung verlor, jedoch nicht zu Boden ging. Er wandte Aran den Rücken zu.

Dann passierte es. Aran hatte den Pfeil, den Kelan am Anfang verschossen hatte, gefunden. Er nahm ihn auf, legte ihn in die Sehne, spannte den Bogen und schoss.

Das Pfeifen des Pfeils drang an Kelans Ohren. Er wusste, es war kein Vogel, der sein Lied sang, obwohl es hoch und schrill klang. Der Pfeil traf Kelan im Rücken. Ein kurzer, scharfer Schmerz. Warmes Blut floss ihm den Rücken hinab. Er spürte, wie das Leben aus ihm entwich. Langsam verschwamm die Welt um ihn herum. Der eisige Wind umwehte seinen Körper, kalte Tränen liefen aus seinen Augen. Er spürte, wie er eins mit den Bergen wurde.

Das Letzte, was er sah, waren Arans Augen. Aran schaute auf ihn hinab, und Kelan sah nicht den Zorn, den er erwartet hatte. Er sah nur Leere. Und die Erkenntnis, dass sein Feind sein Ziel erreicht hatte. Wortlos wandte Aran sich ab und ging fort.

Die Kälte des Eises kroch über Kelan, umhüllte ihn mit ihren kalten Armen. Schnee fiel auf seinen Körper, bis er ihn bedeckte. Er war gestorben, aber er war nicht verschwunden. Kelan war ein Teil der Berge geworden, ein Teil des Eises. Er war ein Teil der Geschichte geworden. Er war Ötzi, der Mann aus dem Eis, der für immer in den Bergen ruhte.

Die Sonne strahlte über das Hauslabjoch am 19. September 1991, doch der Wind, der durch die Ötztaler Alpen pfiff, trug bereits den Hauch des nahenden Winters. Helmut und Erika Simon, ein deutsches Ehepaar aus Nürnberg, waren auf einer Wanderung, als sie auf einer Höhe von 3210 Metern eine ungewöhnliche Entdeckung machten. Helmut blickte auf eine Felsmulde, die durch das Schmelzen des Similaun-Gletschers freigegeben worden war.

Er tippte seiner Frau auf die Schulter. »Schau mal, Erika. Da liegt etwas im Eis.«

Erika kniff die Augen zusammen. Was sie sahen, war kein gewöhnlicher Stein oder Baumstamm. Es war der Oberkörper eines Mannes, braun, lederartig und in einer seltsamen Haltung festgefroren.

»Ein verunglückter Bergsteiger, ganz sicher«, flüsterte sie. »Wir müssen die Behörden informieren.«

Die Bergung war grob und kompliziert. Erst dachte man, es sei ein moderner Unfalltoter, aber die archäologische Sensibilität stieg, als die Leiche schließlich nach Innsbruck gebracht wurde. Dort bemerkte der Archäologe Konrad Spindler sofort etwas Entscheidendes: die Begleitfunde, insbesondere ein Beil mit einer scharfkantigen Kupferklinge.

Die Datierung der Holzteile brachte Gewissheit. Es war kein moderner Mensch. Es war ein Mann aus der Kupfersteinzeit, der vor rund 5300 Jahren gestorben war. Die Welt hatte soeben Ötzi entdeckt.

Die wissenschaftliche Untersuchung, ein Marathon über Jahrzehnte, enthüllte sein kurzes, gewaltsames Leben. Er war etwa 45 Jahre alt, 1,60 Meter groß und trug stolze 61 Tätowierungen, feine Linien aus Kohlenstaub, die wahrscheinlich therapeutische Zwecke hatten. Seine Ausrüstung war komplex: Ein Köcher mit Pfeilen, eine aufwendig genähte Kleidung aus verschiedenen Tierhäuten (Bär, Ziege, Hirsch), und ein Birkenrinden-Behälter mit Glutresten.

Doch die entscheidenden Beweise lagen in und an ihm. Eine Röntgenaufnahme zeigte eine Pfeilspitze, die tief in seiner linken Schulter steckte und eine Arterie durchtrennt hatte. Kurz vor seinem Tod hatte er eine letzte Mahlzeit aus Steinbockfleisch, Rothirsch und Getreide zu sich genommen. Aber der Pfeil war nicht die einzige Verletzung; eine kurz zuvor erlittene schwere Kopfverletzung deutete auf einen Kampf hin.

Seine Geschichte endete in den Bergen, doch sein Körper ist heute das am besten untersuchte Feuchtmumien-Exponat der Welt. Ötzi befindet sich nicht mehr im Eis, sondern in einer speziell gekühlten Zelle mit einer Luftfeuchtigkeit von 98,5 Prozent. Sein Zuhause ist das Südtiroler Archäologiemuseum in Bozen, Italien, wo er in einer Kammer liegt und stumm die Geschichte eines Mannes erzählt, der vor über fünf Jahrtausenden starb.

Ramses II. Der große Ahnherr

---ENDE DER LESEPROBE---