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Die Wirren der napoleonischen Zeit sind nur ein Donnergrollen am Himmel über dem irischen Örtchen Ballydolan, doch das Leben der kleinen Maeve wird völlig auf den Kopf gestellt, als sie ihre Träume in das Leben der legendären Wolfskönigin Medbh entführen. Bald erkennt sie die Macht der Steinkreise und Hügelgräber im Schatten des mythischen Berges Knocknerea.
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Seitenzahl: 274
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Gerhard Kunit
Die Legende der irischen Wolfskönigin
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Widmung
Der Weg der Kriegerin
Der Weg der Steine
Der Weg der Heilerin
Der Weg der Wölfin
Der Weg der Königin
Der Weg der Herzen
Leseprobe „Schatten und Licht – Die Töchter der Göttin“
Leseprobe „Uhrwerk Pandora“
Impressum neobooks
Diesen Roman widme ich Irland, jenem Ort, an dem die Schleier zwischen den Welten dünner sind als anderswo, seiner allgegenwärtigen Mystik – und den Irinnen und Iren, die sich 2015 mit überwältigender Mehrheit für Liebe, Gleichheit und Toleranz entschieden haben und mich damit zu diesem Buch inspiriert haben.
* * *
Das Dunkel der Nacht wich der Dämmerung, und die aufsteigenden Nebel umspielten die Gestalten, die kampfbereit durch das hohe Gras schlichen. Ruhe lag über Bal Dochlan, während die Angreifer ausschwärmten und das Dorf einkreisten. Die Dornenhecke bot keinen Schutz vor den erfahrenen Söldnern, wandte sich gegen die Bewohner und nahm ihnen jede Möglichkeit zur Flucht vor den Jägern, die auf Menschen aus waren.
Medbh hatte genug gesehen. Sie lief zu den Baumgruppen auf den Hängen westlich des Dorfes. „Danke, mein Schöner“, flüsterte sie und liebkoste Skryr, ihren Raben, der sich auf ihrer Schulter niederließ. Hätte er sie nicht vor den Schiffen der Eindringlinge gewarnt, wären die Einwohner Bal Dochlans im Schlaf überrascht, ohne eine Chance auf Gegenwehr erschlagen oder in die Fremde verschleppt worden.
„Gut, dass Du kommst“, sagte Ulgacha, ihre Ziehmutter, Schildschwester und Wagenlenkerin. Nur eine Strähne ihrer dunklen Locken stahl sich unter dem Helm aus gehärtetem Leder hervor und milderte ihren entschlossenen Ausdruck.
„Wir können sie nicht mehr lange halten“, pflichtete Eillean bei, die mit ihrem ganzen Gewicht im Geschirr des Leitwolfs hing. Im Gegensatz zu Medbh und Ulgacha war sie nackt. Ihr flachsblondes Haar trug sie offen, und die Runen in der blauen Farbe des Krieges zierten ihren gestählten Körper.
„Calm, Fangrir, calm“, wisperte Medbh, und der Graue gab Ruhe, doch seine Augen versprühten ein waches Feuer. Die sechs übrigen Wölfe ihres Gespanns entspannten sich augenblicklich, sobald sich der Leitwolf legte. Ich wollte, ich könnte mich ebenso leicht beruhigen, dachte sie. Uighar Kriegskrähe, der Häuptling der Coughnacht war die Leitfigur eines jeden Kriegers, eine Naturgewalt in Menschengestalt. Mit eiserner Hand und unbeugsamem Willen hatte er die Coughnacht zu ihrer jetzigen Stärke geführt und diese Fremden würde er vom Feld fegen, so wie er alles beiseite fegte, was ihm in die Quere kam – aber er war mit seinen Kriegern im Osten des Stammesgebietes gebunden.
Also hing es an ihr, seiner achtzehnjährigen Tochter und an Dommagh, ihrem kaum älteren Halbbruder. Ihre Unrast entsprang nicht dem bevorstehenden Kampf oder der Gefahr. Sie wusste mit ihren Waffen umzugehen und fürchtete den Tod nicht. Aber diesmal führte sie ihre Krieger in die Schlacht und die Verantwortung für hundert Leben wog schwerer, als sie jemals erwartet hätte.
Sie öffnete die Brustschale ihres Lederpanzers und zog die Klinge ihres Messers über ihre rechte Brust. Eibrin, die junge Priesterin beugte sich zu ihr, sog das helle Blut auf, das aus dem Schnitt quoll und spie es Eillean, Ulgacha und Medbh ins Gesicht. Anschließend verschmierten die Frauen das Opfer ihrer Prinzessin über Stirn, Wangen und Hals, betend, es möge das letzte Blut sein, das sie heute vergössen. Der metallische Geschmack erinnerte Medbh an die Vergänglichkeit des Lebens, an seinen unersetzbaren Wert, und der Schmerz an ihrer Brust weckte ihre Sinne, verhalf ihr zu jener klaren Sicht, die sie im Kampf auf Leben und Tod nicht missen wollte. Ulgacha zog den Riemen von Medbhs Panzer fest, und der Druck stillte die Blutung fast augenblicklich. Dann warteten sie, warteten auf den Beginn des Sterbens.
Zuerst waren es einzelne Schmerzensschreie, die von Bal Dochlan herauf wehten, als die Geschosse der Schleuderer die Angreifer überraschten, doch bald hallte der dumpfe Ton eines Kriegshorn durch den Morgen. „Es geht los“, sagte Medbh.
Eibrin bestieg ihren mit Ponys bespannten Kampfwagen und setzte sich an die Spitze der Berserker, nackte Krieger, deren Äxte Furcht und Schrecken über ihre Feinde brachten. War ihr Blutdurst erst einmal entfesselt, ließen sie nichts und niemandem am Leben, und nur Eibrins Gesang mochte ihre Wut dann noch besänftigen, so die Göttin das zuließ. Sie sollten das Dorf nördlich umgehen und die östliche Kolonne der Angreifer aufrollen.
Eillean lief zu ihren Furien, achtzehn ausgewählten Frauen, die nach Rache für die feigen Überfälle der letzten Monde dürsteten. Sie kämpften mit kurzen, scharfen Klingenpaaren und schlugen ihre Gegner mit Angriffen auf die Sehnen und Gelenke kampfunfähig, damit sie später der Kriegswölfin geopfert werden konnten.
Medbh ging zu Fangrir und liebkoste ihn, während er das Blut von ihrem Gesicht und von ihren Händen leckte. Sie stieg auf ihren Wagen, sah, wie Dommagh seinen Streitwagen nach Südosten lenkte und seine Axtkämpfer zwischen die Angreifer und ihre Schiffe führte. Falls der Gegner entschlossenen Widerstand leistete, könnte ihr seine Schar beim Kampf um das Dorf fehlen, doch sie wollte den Feind nicht nur abschlagen. Wenn sie die Coughnacht vor den wiederholten Angriffen der Fremden schützen wollte, musste sie einen vollständigen Sieg erringen.
Ulgacha schwang sich vor Medbh auf die Plattform und nahm die Zügel. Ihr schriller Ruf trieb Fangrir an, und sechs Wölfe folgten seinem Beispiel. Die schweren Räder lösten sich nur widerwillig aus der schwarzen, feuchten Erde, doch dann setzte sich der Kriegswagen in Bewegung. Als sie die Ausläufer des Buschwerks passierten, konnten sie das ganze Schlachtfeld überblicken.
Jenseits Bal Dochlans formierten sich die Feinde und verfolgten die kecken Schleuderer, die ihnen in den Rücken gefallen waren, in Richtung Wald. Sie ahnten nichts von Brynswick und seinen Speerkämpfern, die dort auf sie lauerten, und Eibrins Berserker würden ihr Schicksal besiegeln.
Die Kolonne diesseits des Dorfes formierte sich zum Angriff auf die Siedlung. Sechs junge Coughnacht mit Großschilden hielten den Durchlass durch die mannshohe Dornenhecke, Freiwillige, die ihr Leben riskierten, um die Habe der Dorfbewohner zu verteidigen. Brüllend drangen drei Dutzend Angreifer auf sie ein. Schlagend, stechend und drängend wollten sie die Verteidiger aus der Engstelle vertreiben, damit sie ihre Übermacht entfalten konnten. Hier tat Eile not, ehe sich der Feind zwischen den Häusern festsetzte.
Medbh schlug Ulgacha auf die Schulter und ihr Speer wies der Wagenlenkerin den Weg. Eilleans Streiterinnen folgten ihr in ungewohnter Schweigsamkeit, und so näherten sie sich unbemerkt.
Da taumelte einer aus dem Getümmel, die Hand an die blutende Stirn haltend. Seine Augen weiteten sich, als er Medbh und die anstürmenden Furien erkannte. Der Anblick der nackten Kriegerinnen mit den blauen Kriegsrunen erschreckte ihn ebenso, wie der von Wölfen gezogene Streitwagen. Er schrie und schlug seinen Gefährten auf den Rücken um sie zu warnen, doch letztlich stellten sich nur acht Kämpfer dem Ansturm entgegen.
Erstmals sah Medbh ihren Feind aus der Nähe. Einige kämpften mit Speeren, doch die meisten verließen sich auf kurzstielige Kriegsäxte. Die großen Rundschilde zeigten rote Strahlen auf einem dunkelgrünen Grund, und die Männer trugen hohe, seltsam gerundete Helme, die ihren bärtigen Gesichtern eine ungewohnte Form verlieh. Anders als die braunen, roten und blonden Coughnacht war das Haar der Fremden schwarz wie das Gefieder der Raben, schwarz wie Medbhs Haar, doch die braune Haut unterschied sich von ihrem bleichen Teint, war dunkler als bei allen Menschen, die sie bislang gesehen hatte.
Medbhs erster Wurfspeer traf auf den Schild eines breitschultrigen Hünen, und ihr zweiter Wurf durchbohrte seinen Hals. Während sie nach Fangzahn, ihrem Kriegsspeer griff, trafen die Furien auf die wankenden Verteidiger, doch deren Lederrüstungen waren mit Metallringen verstärkt und hielten den Stichen und Schnitten der leichten Klingen stand. Ulgacha lenkte Fangrir um die kurze Front herum, und Medbh griff aus der Flanke an. Ihr Stoß fuhr dem nächstbesten Gegner in die Seite. Er brach in die Knie und schrie, bis eine Klinge seine Kehle aufschlitzte.
Zwei Frauen sprangen über die hartnäckigen Söldner hinweg und fielen jenen in den Rücken, die den Dorfeingang berannten, doch eine dritte bezahlte den Versuch mit ihrem Leben. Medbh rächte die Tapfere auf der Stelle, konnte Fangzahn aber nicht mehr von dem zusammenbrechenden Kämpfer befreien. Der Anführer der Fremden wurde der Bedrohung gewahr und führte seine Männer gegen den Feind in seinem Rücken, wodurch der Druck auf die Verteidiger des Dorfes nachließ. Eine der Frauen fiel unter der Klinge seines Schwerts, und Medbh brüllte ihm ihre Herausforderung entgegen.
Zwei seiner Männer gingen dazwischen. Einen fällte sie mit einem wuchtigen Hieb ihrer Streitaxt und den anderen stieß sie mit ihrem Schild beiseite. Seine gellenden Schreie verrieten ihr, dass ihr die Wölfe das Weitere abnahmen, und sie fokussierte sich wieder auf den Recken, der seine blutige Klinge gerade aus einem leblosen, nackten Körper zog. Medbh stürmte auf ihn ein, und die Schilde prallten aneinander, während seine Klinge ihren Hieb parierte. Ihr Rückhandschlag kam ansatzlos – und wurde dennoch von seinem Schild abgefangen. Mit knapper Not tauchte sie unter seinem Gegenschlag weg, und sein Vorstoß brachte sie aus dem Gleichgewicht. Sie taumelte und hielt seinem Ansturm nur mit Mühe stand.
Furien eilten ihr zu Hilfe, doch seine Männer verstanden ihr Handwerk und deckten seine Flanken. Medbh sammelte sich und griff erneut an, doch seine ebenso ungewohnten wie wirksamen Kombinationen brachten sie in Bedrängnis. Ihr Schildarm schmerzte, und an ihrer rechten Schulter klaffte ein Schnitt, der ihren Hieben die nötige Präzision raubte. Da huschte ein Schatten hinter ihrem Gegner vorüber, und gleich darauf tauchte Eilleans Gesicht zwischen seinen Beinen auf. Sie lachte, während sie ihre Klingen nach oben stieß und die Innenseiten seiner Oberschenkel vom Knie bis zur Leiste aufschlitzte, und sie lachte, während sein Blut auf ihr Gesicht und über ihren Körper spritzte.
In stillem Einvernehmen stieß Medbh den Sterbenden zur Seite und sprang vor, um die am Rücken liegende Gefährtin zu schützen, doch mit dem Tod des Anführers brach auch der Kampfeswillen seiner Männer. Einige fielen noch unter den Streichen der wütenden Weiber, ehe die Übrigen die Waffen streckten und sich in ihr Schicksal ergaben. Noch heute würden sie als Opfer für die ewige Wölfin ihr Leben lassen, und das Leid der erschlagenen Coughnacht sühnen.
Ulgacha wollte Medbhs Schulter verbinden, doch sie winkte ab, streichelte Fangrir über den Nacken und stieg wieder auf den Wagen. In diesem Moment hörte sie vom Wald her den Jubel ihrer Männer, die ihre Gegner zwischen dem unerbittlichen Schildwall und den entfesselten Berserkern aufgerieben hatten. Einem Wolfsrudel gleich verfolgten die Schleuderer die wenigen Versprengten, die der tödlichen Umklammerung entkamen, und sie würden nicht ruhen, ehe der Letzte gefallen war. Dort gab es nichts mehr zu tun, und Medbh hoffte, dass ihre Berserker nicht allzu viele von Brynswicks Männern erschlugen, ehe Eibrins Lied sie besänftigte.
Sie sah sich um. Vier von Eilleans Kämpferinnen lagen tot auf der Kampfstatt und zwei der Männer aus dem Dorf. Zwei oder drei der Furien waren so schwer verletzt, dass wenig Hoffnung für sie bestand, doch angesichts der zwei Dutzend gefallenen Gegner und einem weiteren Dutzend Gefangener konnte sie mit dem Ausgang zufrieden sein. In diesem Moment hörte sie von der Küste her den durchdringenden Ton der Kriegspfeifen. Die Schlacht war noch nicht vorüber. Medbh suchte Fangzahn und ihre Wurfspeere zusammen, nahm das Feldzeichen mit der schwarzen Wölfin vom Wagen und schwenkte es Richtung Meer. Eibrin erwiderte das Signal vom Waldrand herab, ehe sie ihre Berserker in Marsch setzte.
* * *
„Maeve! Komm zu Dir! Maeve!“
„Mama?“ Die wasserhellen Augen des Kindes richteten sich auf Ari und die Krämpfe, die den kleinen Körper schüttelten verebbten.
„Ja mein Kind, ich bin deine Mama. Du hast geträumt.“ Sie schlang ihre Arme um das Mädchen und streichelte über ihren Kopf. „Es ist gut“, murmelte sie. „Es war nur ein böser Traum.“
„Nein“, sagte das Mädchen.
„Wieso nein?“, erkundigte sich Ari.
„Das war kein Traum“, sagte die Sechsjährige. „Ich war dort.“
„Wo warst Du?“, forschte Ari behutsam nach. „Willst du es mir erzählen?“ Maeve nickte heftig. „Du bist ja komplett durchgeschwitzt“, fuhr Ari fort, nahm ein Leinentuch und fischte ein frisches Nachthemd aus der Truhe. „Und du erzählst mir alles der Reihe nach.“ Sie half der Kleinen aus dem nassen Hemd und frottierte ihre langen schwarzen Haare.
„Ich war eine Prinzessin“, begann das Mädchen. „Ich trug einen reich verzierten Lederpanzer und einen langen Speer, und ich fuhr auf einem Wagen in den Kampf, der von Wölfen gezogen wurden. Wir mussten Bal Dochlan verteidigen, das von bösen Männern angegriffen wurde.“
„Bal Dochlan?“, unterbrach Ari mit seltsamer Unrast. „Wo hast Du das gehört?“
„Das Dorf heißt so“, sagte Maeve und sah ihre Mutter forschend an. „Kennst Du es?“
Die Ältere nickte. Ihr Blick richtete sich in eine dunkle Ecke des Raumes, als gäbe es dort etwas zu sehen.
„Sag schon“, drängte das Kind. „Was ist mit Bal Dochlan?“
„Ballydolan wurde so genannt“, sagte Ari. „Früher, als die alte Sprache noch gesprochen wurde, und wir an die alten Götter geglaubt haben, aber der Name wurde vergessen. Selbst ich habe mich kaum noch daran erinnert.“
Sie schwieg, und das Mädchen hielt mit der Erzählung inne, bis ihre Haare trocken waren, und sie in das frische Hemd schlüpfte.
„Wie haben sie dich genannt, als Prinzessin?“, fragte sie mit einem seltsamen Zittern in der Stimme.
„Meb“, sagte das Mädchen. „Aber sie haben es recht seltsam ausgesprochen.“
„Medbh“, flüsterte Ari ehrfürchtig. „War es Medbh?“
Das Mädchen nickte begeistert. „Ja, das war es. Woher weißt du das? Wer ist das?“
„Es heißt Maeve“, sagte die Ältere. „Sie war die größte Königin, die Irland jemals gesehen hat, eine Kriegerin, Mutter, Wölfin und Göttin.“
Sie schob den Riegel zurück, öffnete die Brettertüre und trat ins Freie. Ein Schimmer im Osten kündete vom nahenden Morgen. Der Wind war kühl, unter den ziehenden Wolken hingen Nebel, doch es regnete nicht. „Zieh dich an, mein Kind“, sagte sie und ging noch einmal in die Kate zurück. „Nimm die Schuhe. Wir gehen weit, und es wird steinig.“
„Wollten wir nicht Kräuter sammeln?“, wandte das Mädchen ein.
„Wollten wir“, bestätigte Ari. „Aber das hier ist wichtiger.“ Sie nahm einen Kanten Brot und ein Stück Käse aus der Vorratstruhe, verstaute es in ihrem Bündel und dann waren sie marschbereit. „Auf dem Weg erzählst du mir jede Einzelheit deines Traums.“
„Das war kein Traum“, beharrte Maeve trotzig.
„Ich weiß“, sagte ihre Mutter.
* * *
Der Weg von Aris Hütte ins Innere der Cuil-Irra-Halbinsel führte über offenes Weideland und stieg sanft an. Nach einer Viertelstunde erreichten sie die erste Anhöhe. Drei Meilen vor ihnen ragte die langgezogene charakteristische Silhouette des Knocknerea an die tausend Fuß hoch empor und das flache Steingrab auf seinem Rücken berührte die grauen Wolken, die der Wind rastlos nach Osten trieb.
Maeve hielt inne und sah zurück. Südlich, fast schon am Ufer des Meeresarms, der tief in das Land einschnitt bis zum Hafen von Ballysadare hinüber, schmiegten sich Ballydolans Bruchsteinhäuser an die Anhöhe, die von der kleinen Kirche gekrönt wurde. Noch gestern dachte Maeve, sie stünde dort seit Anbeginn der Zeit, so wie die ausladenden Eichen, die den ummauerten Friedhof beschatteten. Heute wusste sie es besser.
„Bal Dochlan lag weiter im Landesinneren“, erklärte sie ihrer Mutter. „An der Küste war es zu unsicher.“ Als ihr ausgestreckter Arm nordwärts wanderte, kam sie ins Stocken. „Es liegt … es war … bei unserem Haus. Von hier oben hat Medbh den Angriff geführt, und dort drüben wurden die fremden Soldaten von unseren Berserkern niedergemacht. Aber da war dort noch alles Wald.“
Das Mädchen stockte, und Ari legte ihr die Hand auf die Schulter. „Geht’s dir gut?“, erkundigte sie sich besorgt und Maeve nickte tapfer.
Seite an Seite marschierten sie weiter und ließen das ausgedehnte Cuillean-Moor rechts liegen. Der Richtung nach könnte Sligo das Ziel sein, die Stadt, in der der englische Lord wohnte, doch da gab es einen bequemeren Weg über die Straße. „Wo gehen wir hin?“ erkundigte sich das Mädchen, doch die Mutter beschied ihr abzuwarten und schritt tüchtig aus. Mit Bedauern sah sie ein Büschel Gelbnattern, die gegen allerlei Entzündungen halfen, doch die empfindlichen Blüten würden den Tag nicht überstehen. Sie ließ das Kraut unberührt und merkte sich die Stelle für den Rückweg.
An den nördlichen Ausläufern des Moors schwenkte Ari nach Westen. Hier begann eine weitläufige von zahlreichen Buckeln durchzogene Ebene. Maeve mied diesen Ort, doch an Stelle der Scheu, die sie für gewöhnlich von hier fernhielt, trat eine unerwartete Faszination. Noch einmal fragte sie nach dem Ziel und diesmal deutete ihre Mutter zum Gipfel des Knocknerea, der jetzt vor ihnen lag. Ein sanfter Schauer überlief das Mädchen. Wolfsberg sagten die Dörfler und schlugen Schutzzeichen, sobald die Sprache auf ihn kam, doch sie empfand Ehrfurcht vor der Kraft, die von dem Berg ausging.
Höher und höher stiegen sie, und der Blick über das Land wurde weit. Sie sahen bis Ballysadare im Südosten und bald auch das Städtchen Sligo, das die Halbinsel im Nordosten begrenzte. Dichte Wolken zogen ostwärts, durchbrochen von Fingern, die lichte Flecken auf das dunkelgrüne Land zauberten, und als sie den flachen, weitläufigen Gipfel erreichten, erstrahlte das mächtige Hügelgrab für wenige Augenblicke in gleißendem Licht, ehe die Sonne wieder dem Schatten wich.
Ari lenkte ihre Schritte um das Grab herum und Maeve sah das offene Meer, das die Cuil-Irra von drei Seiten umschloss. Der Wind war hier kühler, packte ungehemmt an, und obwohl Maeve die wilde Stimmung genoss, zogen sie sich bald auf die Leeseite zurück. Ari breitete ihren Umhang aus, und sie setzten sich. Das Mädchen platzte vor Neugier, doch die ungewohnte Schweigsamkeit ihrer Mutter erfüllte sie mit Sorge.
Endlich fasste sich Ari ein Herz und begann zu erzählen: „Es hat einen Grund, warum ich dieses Gespräch hier führen möchte. Es ist jetzt sechs Jahre her, es war Herbst und ich suchte nach Kräutern, im Moor und beim Hügelfeld. Plötzlich heulten Wölfe und ich erschrak, als ich erkannte, wie nahe mir die Tiere sein mussten. Eine Wölfin tauchte so plötzlich vor mir auf, als wäre sie aus dem Nichts erschienen. Ich zog mich vorsichtig zurück, doch nach wenigen Schritten stellte sich mir ein ganzes Rudel in den Weg. Ich wähnte mich verloren und betete zur Alten um ein gnädiges Ende, aber es kam anders. Die Wölfin wandte sich um und lief zum Knocknerea, schlug genau den Weg ein, den wir heute genommen haben. Sie sah sich nach mir um, vergewisserte sich, dass ich ihr folgte, und mir blieb auch gar keine Wahl, da mir das Rudel jeglichen Ausweg verwehrte.“
Ari hielt inne, und Maeve sah sie fragend an. „Schließlich kam ich hierher“, fuhr die Mutter fort. „Eine weitere Wölfin erwartete mich und heulte zum Himmel, als sie mich sah. Dann trat sie beiseite, und ich sah ein lebloses Bündel hier am Grab. Neugierig trat ich heran, immer zu den wachsamen Tieren schielend – und erschrak. Es war ein Kind, fast noch neugeboren, leblos. Ich fürchtete, es wäre tot, doch ich habe mich geirrt. Die Wölfe haben mich zu einem Mädchen geführt mit pechschwarzen Haaren und irritierend hellen Augen. Sie haben mich zu dir geführt, und weil ich dich an Medbhs Grab gefunden habe, nannte ich dich Maeve, nach ihr, nach der Wolfskönigin.“
Das Mädchen sah sie aus großen Augen an. „Du bist …. Du bist nicht …?“
„Ich bin nicht deine Mutter“, bestätigte Ari. „Obwohl ich immer versucht habe es zu sein. Ich habe dich im Sinn der Wölfin erzogen, soweit das in unserer Zeit möglich ist. Du kennst die Orte der Kraft, die Steine, den heiligen Hain, du weißt um die Wirkung der Kräuter, und so wollte es Medbh für ihre Tochter, sonst wäre ihre Wahl nicht auf mich gefallen.“
Maeve legte den Kopf in ihren Schoß und schloss die Augen. „Du bist meine Mama, und das wirst du immer bleiben.“
Ari sah in die Ferne, weit in die grüne Insel hinein und der traurige Zug verschwand von ihrem Gesicht, als die Sonne endgültig durch die dunklen Wolken brach. „Wir werden sehen“, flüsterte sie, und strich über die Haare des Mädchens, bis ihre Atemzüge ruhig und gleichmäßig gingen.
* * *
Das Mädchen begutachtete den Eisenhut, der nicht wachsen wollte, und schon einen guten Fuß hinter seinen Nachbarn hinterher hinkte. „Was ist mit dir?“, flüsterte Maeve und strich über die Blätter der Staude. „Na gut“, sagte sie plötzlich. „Ich seh nach.“
Sie nahm ihren Grabstock, kniete sich hin und grub entlang der Wurzen hinab, bis sie auf etwas Hartes stieß. „Du hast recht“, gestand sie der Pflanze zu und scharrte, bis sie ein ellenlanges Metallstück aus dem Erdreich ziehen konnte. Sorgfältig schloss sie die Erde, streichelte nochmals über die Blätter und goss den Stock.
„Jetzt geht es dir sicher besser“, befand sie und nahm dann ihren Fund in Augenschein. Das Stück war von der Zeit zerfressen, aber die Eleganz der schmalen, spitz zulaufenden Form war noch zu erahnen. Zuerst dachte Maeve an eine Dolchklinge, doch dann wusste sie, was sie da in der Hand hielt. „Das ist meiner“, flüsterte sie andächtig, während das verwitterte Metallstück an Kontur gewann, bis es im Schein der Feuer mattgolden schimmerte. „Das ist Fangzahn.“ Ihr Blick folgte dem drei Schritt langen Schaft aus polierter Esche bis zu seiner Spitze, und sie dankte der Waffe für ihre treuen Dienste.
„Los jetzt“, befahl sie nach einem letzten Blick auf die Kampfstatt. „Wir müssen meinem Bruder beistehen.“ Ulgacha schnalzte mit der Zunge, doch ehe das Rudel anzog, sprang Eillean herbei, hing sich außen an den Wagen, und eine rothaarige Furie folgte ihrem Beispiel.
„Du willst den Spaß doch nicht ohne uns genießen?“, rief die Blonde. Ihr Körper war ebenso mit Erde und Blut besudelt wie ihr Haar, doch ihre Augen funkelten angriffslustig, und die Zähne blitzten, als sie hysterisch lachte.
Den ganzen Weg bis zur Küste war von Dommaghs Männern nichts zu sehen, doch der anschwellende Lärm der krachenden Waffen und Schilde ließ keinen Zweifel an einem erbitterten Gefecht. Erst von der Anhöhe über dem Meer konnte Medbh die Situation überblicken. Die Axtkämpfer hatten den Gegner bis an die beiden klobigen Schiffe zurückgedrängt, doch dort hatte sich der Widerstand versteift. Gefallene beider Seiten zeugten von der Bitterkeit, mit der dieser ausgeglichene Kampf geführt wurde.
Während Ulgacha den Wagen den steilen Hang hinunter jagte, erhaschte Medbh einen Blick auf ihren Bruder, der seinen Mann stand, aber hoffnungslos zwischen den Kämpfenden eingekeilt war. Die Formation der disziplinierten Speerkämpfer hielt seinen Angriffen stand, und es war eine Frage der Zeit, bis die Coughnacht ermüdeten.
Die Prinzessin stutzte, als sie den hünenhafter Krieger sah, der die feindliche Schar befehligte. Nicht nur seine Rüstung und sein Helm glichen dem Anführer, den sie vor Bal Dochlan mit Eilleans Hilfe zu Fall gebracht hatte, auch sein Gesicht sah dem des besiegten Feindes verblüffend ähnlich. „Egal“, knurrte Medbh. „Ich kann dich auch zweimal erschlagen, wenn das der Wille der Wölfin ist.“
Besonders der Schild des Fremden erregte ihre Aufmerksamkeit. Holz- und Lederschilde krachten dumpf, wenn sie Klingen oder Speerspitzen abfingen, doch dieser gab helle Töne von sich, wenn die Äxte auf ihn trafen. Das verunsicherte Dommaghs Kämpfer, und so hatte der Fremde mehr Spielraum, als gut war. Zu ihrem Bedauern gab es keinen Weg, den Hünen direkt anzugreifen, und so wies sie Ulgacha an die linke Flanke, wo die Kämpfenden knöcheltief in den anbrandenden Wellen standen.
Die Wagenlenkerin kannte das Terrain und vertraute dem kiesigen Untergrund, während sie den Schildwall der Fremden flankierte. Gischt spritzte hoch, und kaltes Wasser schlug gegen ihre erhitzten Leiber, als der Wagen schlingerte, doch dann waren sie hinter der Front. Eillean und die Rothaarige sprangen ab und fielen den äußersten Kämpfern in den Rücken. Das brachte die feindliche Linie ins Wanken, und sobald ihre Formation bräche, mussten die Axtkämpfer obsiegen.
Medbhs Wurfspeere erwischten die Feinde von hinten und brachten zwei zu Fall. Das beschleunigte den Zusammenbruch der Flanke, doch sie selbst sprang erst im Zentrum der Linie vom Wagen, wo der Anführer der Sklavenjäger sie bereits erwartete. Er kam ihr gemessenen Schrittes entgegen, doch sein Schild war erhoben, und seine Haltung zeugte von gespannter Wachsamkeit. Das war ein gefährlicher Gegner, doch Medbh musste ihn bezwingen, ehe Dommaghs Krieger ermüdeten. Außerdem ließ ihre verletzte Schulter einen Zermürbungskampf gar nicht mehr zu. Sie fasste den Speer mit beiden Händen, rannte los und rammte die Waffe mit voller Wucht gegen seine Mitte. Wohl hob er seinen Schild, doch den würde sie ihm mit ihrem Stoß an die Brust nageln.
Sie taumelte, als Fangzahn mit einem schaurigen Ton abprallte. Die Wucht prellte ihr den Schaft aus der Hand, doch sie hatte nur Augen für sein siegessicheres Lächeln, während sein Schwert auf sie herabfuhr. Wie aus dem Nichts kniete Ulgacha über ihr und fing den Hieb mit erhobenem Schild ab. Sie riss Medbh zurück und hoch, parierte einen zweiten Schlag des Fremden, der ihre Wehr zertrümmerte.
„Geh!“, rief die Kriegerprinzessin und stieß die tapfere Wagenlenkerin zur Seite, ehe der Fremde den tödlichen Streich gegen sie führte. Seine überhebliche Zuversicht wich einer wütenden Fratze, als ihm auch sein zweites Opfer entschlüpfte. Während Medbh den Griff ihrer Streitaxt packte, überlegte sie, wie der Mann ihrem Angriff standgehalten hatte. Magie? Wohl kaum. Ihr Stoß hatte eine Furche an seinem Schild hinterlassen, metallisch schimmernd und deutlich heller, als die dunkle Bronze der Coughnacht.
Sie wich seinem Schwert aus, das denselben lichten Schimmer zeigte. Eisen?! Göttin, welch ein Frevel. Wie kann er es wagen? Die Wut über seine ruchlosen Waffen ließ sie jegliche Vorsicht vergessen. Sie schlug eine Finte, und er parierte, doch Medbh änderte den Schwung ihre Axt und verhakte das herabgezogene Blatt im Rand seines Schildes. Sie legte die zweite Hand an den Stiel und ließ sich zurückfallen. Er stürzte über sie hinweg, schlug hart auf und verlor dabei seinen Schild. Sie rollte unter ihm weg, nahm ihren Speer auf und war über ihm, ehe er begriff, was geschah. Sie setzte zum Todesstoß an, doch etwas in seinen geweiteten Augen berührte sie, ließ sie zögern.
Ein dumpfer Schlag traf ihren Oberschenkel. Sie zuckte herum, doch zwischen ihr und dem fremden Schiff war niemand. Dann sah sie zu ihrem Bein hinab, aus dem ein lächerlich dünner Stock ragte, mit bunten Federn am Ende. Ihr Gegner war noch am Boden, schob sich aus ihrer Reichweite, so rasch er konnte und ließ sie dabei nicht aus den Augen. Da wusste Medbh, dass sie ihn töten musste, wenn sie Frieden haben wollte. Sie hob Fangzahn zum tödlichen Stoß, doch als sie nachsetzte, knickte sie ein und brach in die Knie.
„Aaah!“ Sie brüllte ihren Zorn hinaus, doch mehr konnte sie nicht tun. Sie kannte die Waffe nicht, die ihr das antat, die ihr mit so einer winzigen Verletzung alle Kraft raubte. Links und rechts von ihr rannten die Fremden um ihr Leben ohne sie zu beachten, verfolgt von den wenigen Coughnacht, die noch die Kraft dazu hatten. Einer taumelte und fiel, und ein anderer schrie auf und hielt inne, als auch sie von den seltsamen Stöcken getroffen wurden.
„Zurück!“, brüllte Dommagh durch den Tumult, und dann spürte sie seine kräftigen Arme, die sie aus der Reichweite der feigen Angreifer schleiften.
„Geh!“, rief Medbh dem Eisenmann hinterher, der taumelnd auf die Beine kam und von zwei Kameraden gedeckt zu seinem Schiff hastete. „Geh und komm nicht wieder! Sonst wird dich die Göttin richten!“
* * *
„Maeve! Kommst du bitte?“, rief Ari aus dem Fenster.
„Gleich Mama!“, antwortete sie, steckte das verrottete Metall in ihr Tuch und lief vor das Haus.
Jemand kam vom Dorf herauf, und bald erkannte sie Ryan Doherty, dem das Pub gehörte. Der untersetzte Mann war nicht sonderlich groß, aber kräftiger, als man ihm auf Grund seines Bäuchleins zutraute. Die roten Haare flammten im Sonnenlicht und seine grauen Augen versprühten Tatkraft und Entschlossenheit. „Ist Ari da?!“, rief er schon von weitem.
Maeve nickte und wies auf das Haus. „Ich sag Mama Bescheid!“, rief sie und huschte zur Türe hinein. „Ryan kommt“, kündigte sie an und wollte wieder gehen, doch Ari rief sie zurück.
„Du solltest zuhören“, bot sie an. „Es wird Zeit, dass du mehr lernst, als das Wissen über die Kräuter.“ Gemeinsam traten sie ins Freie, Ari setzte sich auf die Bank vor der Kate, und Maeve hockte sich daneben ins Gras.
„Guten Morgen“, grüßte Ryan.
Ari wies neben sich. „Nimm Platz. Was führt dich her?“
Ein Schatten huschte über das Gesicht des Mannes. „Patrick ist krank“, sagte er. „Er kriegt kaum Luft und das Atmen tut ihm weh. Ellie lässt fragen, ob du einen Wickel für ihn hast und einen Tee.“
Ari schloss die Augen, rief sich das Bild des aufgeweckten Buben ins Gedächtnis und spürte in seinen Körper hinein. „Das sehen wir uns besser selbst an“, sagte sie zu Ryan. „Ich packe nur ein paar Sachen zusammen.“
Der Weg zum Dorf führte über feuchte Wiesen, die für wenig mehr taugten als für die Schafe, doch sie bargen Blumen und Kräuter, die auf trockeneren Böden nicht gedeihen wollten.
„Die schlucken uns jetzt“, sagte Ryan Doherty unvermutet. Das Mädchen horchte neugierig auf, doch da Ari nicht auf seine Bemerkung einging, musste sie sich gedulden.
„Ein vereinigtes Königreich“, ließ er sie nicht lange warten. „So ein Scheiß. Die setzen uns ihre Herrenhäuser vor die Nasen, beuten uns aus, lassen uns bluten und verhungern, und dafür sollen wir ihnen in den Arsch kriechen? Irland bleibt Irland. Die Engländer werden uns nie respektieren – und wir sie auch nicht.“
„Was willst du tun?“, fragte Ari, nachdem sein Redeschwall versiegt war, doch Ryan brummelte nur in seinen roten Bart.
„Dacht ich mir“, sagte sie. „Denk daran, was beim letzten Mal herausgekommen ist. Außerdem sind wir fast da, und du solltest dein Maul halten, wenn du nicht weißt, wer sonst noch zuhört.“
Bei diesem Wetter herrschte reges Treiben auf der Dorfstraße. Die Menschen grüßten Ryan, doch mehr als einer übersah die Frau und das Mädchen an seiner Seite geflissentlich.
„Du wartest hier“, wies Ari ihn an und stieg mit Maeve die Außentreppe empor, die in den ersten Stock des Pubs führte, über dem die Dohertys wohnten.
„Ellie?“, kündigte sie sich an, als sie in die Stube traten.
„Gut, dass du kommst“, hörte sie Ellie Dohertys klare Stimme, während sich Aris Augen an das schummrige Licht gewöhnten. „Er sagt, es geht ihm gut, aber das Atmen fällt ihm schwer, und er fiebert.“ Mit ihren blonden Haaren und dem herzförmigen Gesicht war Ellie eine der hübschesten Frauen im Dorf, doch heute war ihre Miene von Sorge gezeichnet. „Ich habe Angst“, flüsterte sie, als sie der Kräuterfrau Platz machte.
Ari hob die Decke an und legte ihre Hand auf die Brust des Fünfjährigen. Der Junge schlug die Augen auf und sah sie an. „Es tut weh“, sagte er leise.
„Das wird wieder“, sagte Ari. „Aber du musst ein paar Tage im Bett bleiben, und du wirst ordentlich schwitzen. Maeve, schau mir zu, wie ich den Wickel gegen das Fieber anlege.“
„Wird er gesund?“, fragte Ellie besorgt, und Ari nickte beruhigend.
„Komm her“, sagte sie zu Maeve, als sie fertig war. „Leg jetzt deine Hand auf Patricks Brust. Genau hier. Konzentrier dich auf ihn, und sag mir, was du spürst.“
„Es sticht“, sagte das Mädchen überrascht. „Hinter dem Brustbein und rechts davon.“
„Sehr gut“, sagte Ari. „Jetzt denk ganz stark daran, dass du ihm helfen möchtest. Stell dir vor, der Schmerz geht weg, und Patrick wird wieder gesund.“
Maeve biss die Zähne zusammen und nickte tapfer. „Ich wünsch mir, dass es nicht mehr wehtut.“
„Gut gemacht“, lobte ihre Mutter, und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. „Du hast Patrick sehr geholfen. Jetzt zeigst du Ellie noch, wie sie den Tee richtig aufgießt, und dann gehst du nach draußen und spielst mit Eileen und den anderen. Ich schau noch in den Pub und sag Ryan Bescheid.“
Lächelnd sah sie dem Kind nach, das aus der Türe huschte.
* * *
Maeve folgte dem Lärm der lachenden Kinder und bog hinter das Haus. Eileen, ein blondes Mädchen, das ihre Mutter nicht verleugnen konnte, sah auf und lief ihr entgegen, und ein Junge mit kurzen braunen Haaren folgte ihr zögerlich. „Wie geht’s ihm?!“, rief sie schon von weitem. „Wird er gesund?“
„Ich glaub schon“, gab Maeve Bescheid. „Hat zumindest Mama gesagt.“
„Danke“, sagte Eileen. „Meine Mama hat sich wirklich Sorgen gemacht. Kennst du Tom? Tom O’Cleary?“ Sie winkte den Burschen herbei. „Komm schon. Hab dich nicht so.“
Ein älterer Bursch kam neugierig herbei, rümpfte aber die Nase, als er Maeve erkannte. „Was gebt ihr euch mit dem Feenbalg ab?“, rief er herüber. „Kommt lieber wieder spielen.“
„Gleich!“, antwortete Eileen. „Moment noch!“
Sie ging dem schwarzhaarigen Mädchen entgegen, das unsicher zu Boden sah. „Lass Seamus reden“, sagte sie. „Der kommt sich gut vor, wenn er über andere lästert. „Komm schon Tom. Hab dich nicht so.“
Der Junge zögerte und musterte Maeve von Kopf bis Fuß, als sähe er sie zum ersten Mal. Das blonde Mädchen nahm seinen Arm, zog ihn heran und gab ihm einen Schubs.
„Bist du wirklich ein Feenbalg?“, stieß er hervor, und schlug sich die Hand vor den Mund, als Maeve zusammenzuckte. Sie wandte sich traurig ab und wollte gehen, doch Eileen hielt sie zurück. „Ist doch egal, was die Erwachsenen sagen. Ich find das toll, was ihr könnt, du und deine Mama.“
