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Der "schwarze Engel" ist ein Spiel mit Bewertungen und Vorurteilen. Brauchen wir "Gut" und "Böse", um uns in unserer Welt zu orientieren? Lassen sich "Licht" und "Dunkel" in solche Kategorien einordnen? Wieso ordnen wir das Licht unreflektiert dem Guten zu? Der Dämonenfürst Idharcal erfüllt seine grausigen Aufträge ohne jede Gefühlsregung, doch wie lange kann er sich den verwirrenden Eindrücken unserer Welt entziehen? Zudem erkennt er, dass er hier nicht der Einzige seiner Art ist.
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Seitenzahl: 119
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Gerhard Kunit
Schwarzer Engel Idharcal
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorwort
Schwarzer Engel Idharcal
Leseprobe: Portale Priester und Dämonen 2
Buchhinweis: Schatten und Licht – die Töchter der Göttin
Impressum neobooks
Der „schwarze Engel“ ist für mich ein Spiel mit Bewertungen und Vorurteilen. Brauchen wir „Gut“ und „Böse“, um uns in unserer Welt zu orientieren? Lassen sich „Licht „ und „Dunkel“ in diese Kategorien einordnen? Falls ja: Wieso ordnen wir das Licht unreflektiert dem Guten zu?
In diesem Sinn wünsche ich Euch viel Spaß beim Zerstören und Neukreieren Eures Weltbildes.
Gerhard Kunit
Kennst Du den Zustand vollständiger Harmonie? Warst Du jemals mit Dir und Deiner Welt im Reinen? Das bin ich – das war ich, bis ….
Tausende und abertausende glühende Nadeln fuhren unter meine Haut, zogen, zerrten und schoben, während der Schmerz in mir zerfetzte, was gut und schön war. Überrumpelt zwar, aber nicht wehrlos, setzte ich meinen Willen dagegen, den Willen eines Wesens, das nicht göttlich war, aber auch nicht weit davon entfernt. Dutzende Feen eilten mir zu Hilfe, liehen mir ihre mentalen Kraft und stärkten mich mit lautlosen Liedern, und so widerstand ich dem verschlingenden Sog. Bündelweise wurden die Nadeln aus meinem Leib gerissen, verletzten und schwächten mich, doch auf meinen Schultern saßen Engel und standen mir bei, heilten mich im selben Maß in dem ich litt, und langsam kam ich frei.
Die glühenden Klammern kamen aus dem Nichts, umschlossen meine Glieder, fraßen sich in meine Schwingen und rissen mich ins Chaos, ehe ich der neuen Bedrohung gewahr wurde. Das Band zu meinen Helfern zerriss, als ich in den Strudel der Dimensionen stürzte, und dieser jähe Verlust schlug eine tiefere Wunde in meine Seele, als das Ausmaß meiner Niederlage es jemals könnte.
Der Vortex spie mich aus und schenkte mir einen Augenblick der Benommenheit, ehe grausames Licht über mich herfiel, gleißend, brennend und alles erstickend. Geblendet schloss ich die Augen und zuckte zurück. Die Nadeln in meinem Fleisch lösten sich auf, verschwanden ohne Sinn und Grund, doch die Fesseln aus virtueller Glut blieben und banden mich fester als zuvor. Noch wusste ich nicht, welch wahnsinnige Kreatur mir das antat, doch ich wollte mich ihr niemals beugen.
Stimmen drangen an meine Ohren, zerfetzten meine Nerven, rhythmisch zwar, aber voll schriller Harmonien. Wieso singt ihr, wenn ihr es nicht könnt, wollte ich schreien, besann mich aber eines Besseren. Ehe ich etwas unternahm oder von mir preisgab, musste ich wissen was vor sich ging und mit wem ich es zu tun hatte.
Ich konzentrierte mich so gut es eben ging. Die geschlossenen Augen schärften meine übrigen Sinne und als ich die Schmerzen aus meinem Bewusstsein verbannte, hörte ich Stimmen heraus, drei, fünf, nein sieben, unbeholfen und klagend, aber nicht minder zwingend.
Wie könnt Ihr Macht haben über mich, Ihr, die Ihr aus einer fremden Welt stammt?
Ich wappnete mich gegen die Helligkeit und blinzelte unter den Lidern hervor. Eine Kerze erstrahlte in einem kranken Grün, das mir den Atem raubte. Links und rechts davon sah ich weitere, manche näher, andere entfernter. Vierzehn Flammen in zwei konzentrischen Kreisen bildeten ringsherum die Ecken eines siebenstrahligen Sterns, eines Heptagramms, dessen Linien im Grün des Kerzenscheins metallisch schimmerten.
Jenseits der Lichter sah ich Kreaturen, die ich nicht kannte, klein und unförmig mit ihren fahlen Gesichtern und den nebeneinanderstehenden Augen, die mich ungeachtet der seltsam nackten Haut noch am ehesten an Eulen erinnerten. Platte breite Nasen standen über Mündern, die, von rötlichen Lippen umrandet, zumindest einen Hauch von Vertrautheit vermittelten. Ihre von Roben verhüllten Gestalten, die mir gerade einmal bis zur Hüfte reichten, mochten jener der Engel oder der Feen ähneln, ebenso wie ihr aufrechter Gang, doch damit waren die Gemeinsamkeiten mit diesen wunderbaren Wesen schon am Ende, und das Fehlen der Schwingen beraubte ihre Bewegungen jeglicher Eleganz. Ekel überkam mich, überrumpelte mich angesichts dieser grotesken Parodien des Lebens, brandete über mich hinweg, umso mehr als ich dieses Gefühl nicht kannte und ihm ausgeliefert war. Hilflos wie ich war, würgte ich Schleim hoch und spie ihn angewidert aus.
Gefangen in einer fremden Welt zwang ich mich zur Ruhe und entsann mich alter Legenden, die ich längst vergessen hatte. Menschen! Nicht mehr als Fabelwesen bislang, und doch existierten sie tatsächlich. Ihre Mienen spiegelten Aufregung, als könnten sie selbst nicht glauben, dass sie mich in ihren Fesseln halten konnten – so wie auch ich mich weigerte, dies als Wahrheit anzuerkennen, obwohl mir doch nichts anderes übrig blieb.
Wo bin ich? Wann bin ich? Ich erschrak, als mir bewusst wurde, welch schreckliche Antworten meine Fragen enthüllten: Gebunden an Zeit und Raum, gefangen im Irgendwo und Irgendwann war ich entwurzelt und meiner Schöpferkraft beraubt. Wohl regte sich Neugier, wer so dumm war mich herauszufordern, doch ich hatte nicht vor, deshalb hier zu bleiben. Meine Gedanken fraßen sich in die Klammern an meinen Knöcheln, Handgelenken und Flügeln, stellten ihre Struktur in Frage und ihre Absicht und sie verschwanden in das große Nichts, dem sie entstammten.
Als ich frei war, konzentrierte ich mich auf einen Mann mit einem blassgelben Bart in seinem Gesicht, sprang vor und schlug zu. Unsäglicher Schmerz warf mich zurück, als ich gegen eine Barriere prallte, und konfrontierte mich mit meiner Ohnmacht. Während ich haltlos schrie, flammte ein anderes Gefühl in mir auf, heiß und kraftvoll, ebenso unbekannt wie verlockend: WUT!
Wohl zuckte der Mensch zurück, mit weit aufgerissenen Augen, doch sein Schreck wich einem zynische Grinsen, als er erkannte, dass seine perfide Falle meinem Ansturm standhielt. „Gehorche, Dämon!“, rief er, als müsste er mit seiner Stimme zuerst seine eigene Angst überwinden. „Du bist mir untertan, jetzt und so lange ich das will!“
Da kannst du lange warten, dachte ich, während ich auf ihn hinabsah. Noch kann ich deinem Gefängnis nicht entrinnen, aber dienen werde ich dir deshalb noch lange nicht.
„Füge Dich, Bote der Finsternis, Nachtbringer, Schwarzer Engel, Idharcal!“, fuhr er fort.
Sein letztes Wort fraß sich wie eine Peitsche in mein Denken und Entsetzen überwältigte mich, als ich meinen wahren Namen vernahm, jenen Namen, der ihm Macht verlieh über mich, meinen Körper und meine Handlungen. Ich war gefangen und verloren, ausgeliefert und vernichtet, gebunden an eine mindere Kreatur mit schwachem Geist und zweifelhaften Motiven.
„Dämonischer Diener Idharcal“, fuhr er fort und schielte dabei auf ein Buch hinab, als müsste er die Zeilen ablesen. „Wandle Dich und halte still, sieh jetzt aus, wie ich es will. Täusche mich und jeden hier, sei den Menschen eine Zier.“
Fast hätten mich seine dumpfen Reime amüsiert. Umso erstaunter war ich, als sie ihre Kraft entfalteten. Meine Glieder schrumpften unter unsäglichen Qualen und meine wunderschönen, in dunklem Purpur schillernden Schuppen brannten, als stünde sie in Flammen, bis nichts davon blieb, als fahle, glatte Haut mit grässlichen Härchen. Meine Schwingen schrumpelten wie Haare im Feuer, bis sie sich die kümmerlichen Reste hinter meine Schulterblätter zurückzogen, während ich kleiner und kleiner wurde und als ich endlich wieder aufsah, befand ich mich mit dem Menschen auf Augenhöhe.
Ungläubig sah ich an mir hinab, suchte vergeblich meine Klauen, die unförmigen, zylindrischen Fingern gewichen waren, tastete nach meinen geschwungenen Hörnern und fand nur eine konturlose Stirn. Als ich endlich begriff, was geschah, was dieser Mensch mir antat, schrie ich, wie ich noch nie zuvor geschrien hatte. Erniedrigt und verunstaltet sank ich in mich zusammen, wollte sterben, aufhören, enden, während ich immer weiter schrie und schrie und nicht mehr damit aufhörte. Der Atem verätzte meine Lunge, zerstörte mich von innen heraus, und doch musste ich atmen, um in dieser kranken Welt zu existieren. Die abstoßende Haut brannte, als läge Säure in der Luft und sogleich begann meine Kraft den fremden Körper zu heilen, den ich doch lieber vernichtet hätte, so dies in meiner Macht gestanden hätte.
„Idharcal!“ Die Stimme des blonden Mannes fraß sich in die kleinen, runden Ohren an meinem kleinen, runden Schädel. „Ich bin Jonas, dein Herr und Meister“, fuhr er fort.
Das bist du nicht und wirst du niemals sein, wollte ich entgegnen, doch meine Stimme versagte, als ich erkannte, dass er die Wahrheit sprach.
„Sieh mich an und hör mir zu“, sagte er ebenso leise wie unwiderstehlich.
Ich heftete meinen Blick in seine Pupille, wollte ihn verbrennen mit meinem bloßen Willen, doch Jonas hielt einen grünen Kristall vor sein Auge, dessen Funkeln mir jegliche Kraft raubte, die noch in mir war. Ekel, Angst und Wut verschwammen zu einer amorphen Masse ungekannter Gefühle, bis sie einer neuen Macht wichen, die stärker war als Alles andere: In mir erwachte HASS – auf Jonas und die übrigen Beschwörer, auf die Menschen, auf diese Welt, auf diese Zeit – und auf mich selbst, weil ich zuließ, was mit mir geschah.
„Hör mir zu“, wiederholte Jonas eindringlich. „Ich weiß nicht, warum du in unsere Welt gekommen bist, aber für uns ist es Vorsehung und zugleich die Antwort auf unsere Gebete. Wir alle sind in größter Gefahr und du wirst diese dunkle Bedrohung abwenden. Hilf uns, und danach werden wir sehen, wie wir dich befreien können.“
LÜGE, tobte es in mir. Wie kannst du nicht wissen, warum ich hier bin? Wie kann etwas Dunkles eine Bedrohung sein, wo doch nur das Licht schmerzt und zerstört? Und doch war es auch WAHRHEIT. Ich stürzte mich brüllend auf ihn, doch wie zuvor warf mich die Barriere zurück. Wieder zuckte Jonas zusammen und die beiden Frauen neben ihm schrien auf, aber letztlich offenbarte ich nur meine Hilflosigkeit.
„Lass es“, sagte Jonas mit brutaler Sanftmut. „Es hat keinen Sinn.“
Ich knirschte mit den Zähnen – und fragte mich, ob dies das Einzige war, wozu die stumpfen Stummel taugten. Dennoch war dieser Mensch mit den blassen Haaren jetzt mein Meister, und er besaß den grünen Kristall, also sprach er die Wahrheit. Doch die ergab keinen Sinn, ganz so wie er soeben selbst gesagt hatte.
„Suche dieses Gebäude“, trug er mir auf und hielt mir dabei ein Bild vor die Nase. „Geh ohne jede Verzögerung in den zweiten Stock in das Büro von Marius Hofmann und verbrenne alles, was sich darin befindet. Hernach kommst du unverzüglich hierher zurück und begibst dich wieder in diesen Bannkreis. Du wirst dich weder gegen mich noch gegen einen anderen hier im Raum oder sonst wo in diesem Gebäude wenden. Hast du das verstanden?“
„Ja, mein Herr und Meister“, bestätigte ich mechanisch, während sich Alles in mir gegen meine Worte sträubte.
„So ist’s gut“, sagte Jonas. „Zieh das an.“
Ich kannte nichts von dem, was er mir vor die Füße warf und wusste dennoch, was zu tun war. Nacheinander schlüpfte ich in die Unterhose, das weiße Hemd und die dunkelgraue Anzughose. Ich zog die schwarzen Schuhe an und knotete das seidige Band um meinen Hals, als hätte ich es schon hunderte Male getan, ehe ich das Sakko überstreifte und den oberen der beiden Knöpfe schloss. Wieso nur einen, dachte ich unnötigerweise, wo doch alles auf dieser Welt seltsam erschien.
Jonas löschte zwei der Kerzen im äußeren Kreis und eine im inneren. „Geh und tu, wie dir geheißen“, sagte er betont salbungsvoll.
Zögerlich trat ich aus dem Symbol meiner Knechtschaft, doch diesmal blieb der Schmerz aus. Erst jetzt nahm ich die übrigen Menschen im Raum wahr. Insgesamt waren es sieben, also hatte mich mein Gehör nicht getrogen. Während die Männer jede meiner Bewegungen mit unterdrückter Furcht verfolgten, musterten mich die drei Frauen, als sähen sie mich zum ersten Mal. Eine wankte leicht, ehe sie sich fing, und eine andere strich sich die Haare aus dem Gesicht, während sich der Geruch ihres Schweißes veränderte. Ich sah sie an, überlegte, sie mit einem raschen Hieb zu töten – was mir ebenso verboten war, wie die noch verlockendere Option Jonas den Hals zu brechen. Sie erwiderte meinen Blick und errötete, während sich ihr Atem beschleunigte.
Ich wandte mich ab, durchschritt die Türe, die ich vergeblich nach magischen Schranken absuchte und stieg eine Wendeltreppe hinauf, bis ich in einen Flur kam, von dem ein Tor ins Freie führte. Wasser peitschte mir ins Gesicht und verletzte meine Haut, die in derselben Sekunde wieder verheilte. Hinter mir ragte das Gebäude vier Stock hoch auf, still und unbelebt, mit dunklen Fenstern als wäre es verlassen. Ich prägte mir die Verzierungen der Fassade ein, damit ich das Haus rasch wiederfinden könnte.
Trotz des nachtschwarzen Himmels war die Stadt hell erleuchtet. Scheinwerfer von Autos tasteten durch die Regenschleier, und die Menschen auf den Gehwegen duckten sich vor den Fontänen weg, die unter den Reifen wegspritzten. Die meisten hielten die Köpfe gesenkt und zogen ihre Mäntel hoch, als wären sie hier ebenso fremd wie ich, aber das konnte wohl nicht sein. Zumindest die zahlreichen künstlichen Lichter hatten etwas Tröstliches und blendeten nicht so, wie die abgründigen Flammen der Kerzen. Ich sah in den Nachthimmel, zu dem grauen Streifen weit im Westen und fragte mich, welch unbarmherziges Gestirn diese Welt verbrennen mochte, wenn es erst Tag wäre und wolkenlos.
Ich hatte nicht vor zu bleiben, bis ich es herausfände. „Leb wohl, du schnöde Welt“, rief ich und imaginierte meine Kristallgrotte, den Sitz meiner Herrschaft in Helgard. Nichts kann mich hier halten, dachte ich. Weder an diesem Ort, noch in dieser Zeit, kein Fluch, kein Spruch und kein Jonas.
Das Bild in meinem Kopf zerstob in knisternden Funken, während ich die Hände gegen meinen Schädel presste und gegen den aufsteigenden Wahnsinn ankämpfte. Dieser schwache Mensch hatte mich, einen schwarzer Engel, tatsächlich an die Grenzen von Raum und Zeit gefesselt und selbst die Kraft meines unendlichen Geistes kam nicht dagegen an. Zähneknirschend fügte ich mich in meine Aufgabe, der ich mich nicht entziehen konnte.
Das Wissen, wohin ich mich wenden musste, was ich sah und wie ich mich verhalten sollte, war in mir, war es immer schon gewesen, obwohl es jetzt erst erwachte. Gleichzeitig entsann ich mich der uralten Kunst der Schattenpforten und wollte sogleich probieren, ob ich diese Fähigkeit hier nutzen konnte. Ich beschleunigte meine Schritte, wartete bis mich niemand beachtete, was trotz der vielen Menschen erstaunlich oft der Fall war, und sprang, verschwand zwischen den Dimensionen und tauchte ein oder zwei Blocks weiter wieder aus den Schatten. Es erfüllte mich mit Genugtuung und wachsender Zuversicht, dass mir dies mit zunehmender Präzision gelang, obwohl ich mich hier nach wie vor fremd fühlte.
