Schatten und Licht - Gerhard Kunit - E-Book

Schatten und Licht E-Book

Gerhard Kunit

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Beschreibung

Die Schreibweise, die das Leben der so unterschiedlichen Magierinnen Semira und Sylva aus der Perspektive verschiedenster Nebencharaktere schildert, ist ebenso faszinierend, wie die Möglichkeit das Schicksal der beiden Heldinnen von frühester Kindheit an mitzuerleben ohne sich in einem Jugendbuch zu verlieren. So eröffnet sich der Leserin und dem Leser eine fantastische Welt, deren exotische Vielfalt und Farbenpracht sogar an Tolkiens Mittelerde heranreicht. Die Ausprägung der Gildenmagie ist an die Regelwerke der Tabletop Rollenspiele angelehnt, während die Naturmagie verblüffend an Methoden erinnert, die sich uns heute im Rahmen der Humanenergetik erschließen. "Schatten und Licht – Töchter der Göttin" ist mit seinen vielfältigen Aspekten ein zeitgemäßer Meilenstein epischer Fantasy.

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Seitenzahl: 1173

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Gerhard Kunit

Schatten und Licht

Töchter der Göttin

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Aran: Die Karte der zivilisierten Welt

Prolog: König Eberherz und der Drache

ERSTES BUCH – ERWACHEN

Familiäre Angelegenheiten

Disziplin, Ausdauer, Regeln, Strenge

Gefährliche Bücher und blanker Stahl

Verbotenes Wissen

Wie man sich bettet …

Zauber und Stab

Dunkle Geschäfte

Die Geliebte der Göttin

Für die Kaiserin

Bringt sie zur Strecke

Die Händlerin

Das Drachenfest

Haldegorn, Drache von Bael

Drachenzorn

Von Siegen und Niederlagen

Von Schurken und Halsabschneidern

Helioflan

Ehre, wem Ehre gebührt

Die Schlinge wird enger

Schatten über Aran

ZWEITES BUCH - ENTWICKLUNG

Neue Freunde

Die schwarze Stadt

Ostwärts

Die Gesichter der Magie

Aufbruch nach Touman

In den Dschungel

Schatten über Chur

Spuren und Begegnungen

Das Grauen erwacht

Tabu

Die verfluchte Stadt

Die Wüste Eirn

Geister und Dämonen

Die Kraft der Zeit

Pandoras Ende

Tageslicht

Der Graue Wald

Westwärts

Der Tag der Entscheidung

Götter und Dämonen

Die Töchter der Göttin

Epilog: Die Kristallschule

Leseprobe Portale Priester und Dämonen 4: Uhrwerk Pandora

Leseprobe: Maeve, die Legende der irischen Wolfskönigin

Widmung

Der Weg der Kriegerin

Impressum neobooks

Aran: Die Karte der zivilisierten Welt

SCHATTEN UND LICHT

Töchter der Göttin

Nur Du weißt, was richtig ist!

Wenn Du weißt was richtig ist, tu es!

Prolog: König Eberherz und der Drache

Jahr 17, König Eberherz von Bael, Sommer

König Eberherz

Das sanfte Licht der Abenddämmerung wollte nicht zu den vielen Gefallenen am Grund des weitläufigen Hochtals passen. Nach den stundenlangen Kämpfen war König Eberherz am Ende seiner Kräfte. Sein Schwertarm schmerzte und eine Delle in der Schulterplatte behinderte seine Bewegungen.

Sein Blick glitt über das zusammengeschmolzene Häuflein seiner Getreuen. Hundertzwanzig mochten es noch sein oder hundertdreißig und kaum einer war unverletzt. Sie hatten gekämpft, als wären sie von KORON’CHA, dem leibhaftigen Kriegsgott beseelt, doch was zählte persönliche Tapferkeit gegen die Armbrüste und Schleudern der zahlenmäßig überlegenen Zwerge?

Reinalf von Schwanenau lächelte ihm trotz des klaffenden Schnitts auf seiner Wange aufmunternd zu. Vor drei Monden erst hatte er den jungen Heißsporn zum Baron erhoben. Neben ihm hockte Orima von Graueneck. Ihr verdrecktes Gesicht war fahl und leer. Tagelang hatten ihre gebirgserfahrenen Grenzer dem Feind zugesetzt, doch jetzt war von ihren Männern und Frauen kein halbes Dutzend mehr am Leben.

Eberherz sah der Wahrheit ins Auge: Es war zu Ende und sie würden den morgigen Tag nicht überstehen. Eine seltsame Mischung aus Stolz und Trauer überkam ihn, als er zu seiner Tochter, Prinzessin Rian, sah. Sie lag auf einer einfachen Pferdedecke am rauen Fels und war vor Erschöpfung eingeschlafen. Nicht einmal ein Zelt konnte er ihr bieten, seit der Tross dem nachdrängenden Gegner in die Hände gefallen war. Vierzehn Jahre war das Mädchen alt, hochgewachsen und hübsch. Sie war auf dem besten Weg, eine starke Kriegerin zu werden, und wirkte dennoch so friedlich und verletzlich. Er hielt seine Tränen nicht länger zurück. Er wollte ihr ein Königreich hinterlassen, das ihre würdig wäre, doch jetzt erwarteten sie Erniedrigung und Tod, weil er versagt hatte.

Seine Gattin, Königin Rosalind und der kleine Prinz Farwin befanden sich auf dem Stammsitz seiner Familie, Burg Balenstein. Die lag nahe der Hauptstadt, und war somit etliche Tagesmärsche entfernt, doch selbst ihre starken Mauern boten nur eine trügerische Sicherheit. War Eberherz‘ Heer erst vernichtet, könnten weder Stadt noch Festung standhalten.

Karina, seine Knappin, befreite ihn von der kaputten Schulterplatte. „Sieglunde wird das ausklopfen, Sire.“

„Danke.“ Danke? Mehr brachte er nicht über die Lippen? Hier lagen die Männer und Frauen, die das Königreich mit ihm aufgebaut hatten, die morgen an seiner Seite stürben und er sagte „Danke“?

In der Dämmerung glommen am Ausgang des Tals die Feuer der Zwerge auf, und weitere auf den Gipfeln und am Gegenhang. Eberherz war eingekesselt, und das wollten sie ihn wissen lassen. Seine Schritte trugen ihn an den Rand des kleinen Lagers und weiter, bis er die Linie der äußeren Posten erreichte. Er erwartete eine ruhige Nacht. Die Zwerge hatten schon gewonnen und Kämpfe im Finsteren waren unberechenbar. Warum sollten sie das Risiko eingehen und zudem auf den Vorteil ihrer überlegenen Fernwaffen verzichten?

Soll ich mein Glück im Dunkel der Nacht versuchen? Er verwarf den Gedanken, als er an die müden Blicke seiner Männer dachte. Er selbst hielte nach dem heutigen Tag keine Stunde mehr durch und den Übrigen erginge es nicht besser.

Der König verfluchte seinen Stolz. Er hatte die Zwerge in Allem unterschätzt: In Bezug auf Mannstärke und Kampfkraft ebenso, wie in ihrer Bereitschaft, ihre heimatliche Wüste zu verlassen und sich in die unbekannten Berge zu wagen, nur um eine Beleidigung zu sühnen. Der Anlass war nichtig gewesen, aber in seiner Halsstarrigkeit hatte er die Eskalation des Konflikts in Kauf genommen.

Wird der Ban‘Tir der Zwerge meiner Familie und meinen Getreuen gegenüber Gnade walten lassen, wenn ich sterbe? Eberherz zog Wertung aus der Scheide und betrachtete die vertraute Klinge, die ihn durch viele Kämpfe begleitet hatte. „Wirst Du mir ein letztes Mal dienen?“, flüsterte er, während er die Steine nach einer Stelle absuchte, in die er das Heft klemmen könnte.

„Mein König?“

Eberherz schrak hoch und erkannte Orima, die ihn eindringlich musterte. Lässt Du uns im Stich?, las er in ihren Augen. Gehst Du den Weg des Feiglings? Sie sah ihn an, schweigend und durchdringend.

„Bis in den Tod“, sprach der König das Ende der Eidesformel, die seine Getreuen an ihn band. Sie bindet auch mich, wurde ihm schmerzlich bewusst. Der Freitod ist kein Weg für einen König.Ich muss es zu Ende bringen.

„Bis in den Tod“, wiederholte Orima erleichtert und schlug ihre Faust gegen ihre gepanzerte Brust.

Aus dem Lager erschollen entsetzte Schreie. Griffen die Zwerge doch an? Während Eberherz und Orima Seite an Seite loshasteten, erbebte der Fels unter einer dumpfen Erschütterung. Was war das für eine neue Teufelei?

Eine Feuerlohe schoss in den Himmel und erhellte die Nacht. In ihrem Widerschein erkannte Eberherz einen roten Drachen, der mit halb ausgebreiteten Schwingen inmitten des Lagers stand. Die Baeler umringten ihn mit erhobenen Schilden und blanken Waffen, doch die Blicke, die sie sich zuwarfen, waren angsterfüllt und wollten nicht zu ihrem kriegerischen Gehabe passen. Es gibt keine Drachen, rief sich der König in Erinnerung. Ist hier Zauberei im Spiel?

„König Eberherz! Auf ein Wort!“, dröhnte eine Stimme durch die Nacht.

Wenn der für die Zwerge kämpft, brauche ich an Morgen gar nicht mehr zu denken, schoss es ihm durch den Kopf.

„Tue ich nicht“, beruhigte der Drache. „Ruf Deine Kämpfer zurück.“

Habe ich gerade laut gesprochen?, dachte der König. Und wieso kann nur ich ihn hören?

„Erstens Nein: Du hast nur laut gedacht. Und zweitens: Weil ich das so will. Können wir reden?“

Eberherz stieß Wertung in die Scheide. „Senkt die Waffen!“, befahl er. Die Frauen und Männer gehorchten zögernd, während sie das gewaltige Wesen misstrauisch beäugten.

Ich bin gespannt, was er wirklich will, dachte Eberherz.

„Sagte ich doch schon!“, erklang es in seinem Kopf. „Reden. Ich werde Dir einen Handel vorschlagen. Obwohl er fair ist, wird er Dir nicht gefallen.“

* * *

Orima von Graueneck

Schlimmer kann es nicht werden, hatte Orima nach der heutigen Niederlage gedacht, aber sie hatte sich geirrt. Fassungslos starrte sie auf den Drachen, dessen rostrote Schuppen im Licht der Feuer funkelten. Sie war auf das Ärgste gefasst und sie war kampfbereit. Ebenso wie die Gefährten, die ängstlich und dennoch entschlossen abwarteten.

Der König und der Drache starrten sich an. Das Einzige, das Orima hörte, war ihr eigener Atem. Sie traute ihren Augen nicht, als Eberherz Wertung in die Scheide schob und auf das Untier zuging.

Hat er tatsächlich befohlen, die Waffen zu senken? Orima zögerte, während ihr Blick über Samrings funkelnde Schneide wanderte. Das Schwert stand seit vier Generationen im Besitz ihrer Familie und sie senkte die Klinge nur widerwillig.

Der Drache wandte sich ab, trottete in die Finsternis und Eberherz folgte ihm. Orima wollte sich ihnen anschließen, doch der König bedeutete ihr zu bleiben. Da trat sie zu Prinzessin Rian, die ausdruckslos in die Finsternis starrte und legte ihr den Arm um die Schulter, doch die tröstenden Worte blieben ihr im Hals stecken.

* * *

Trotz ihrer Müdigkeit war an Schlaf nicht zu denken. Alle drei oder vier Zehntelstunden ließen die Zwerge ihre schaurigen Kriegshörner erschallen. Wir sind da, schienen sie zu sagen. Ihr könnt uns nicht entkommen.

Sie erhob sich und patrouillierte durch das Lager. „Nur Mut“, sagte sie den Frauen. „Wenn sie sich ihrer Sache sicher wären, bräuchten sie das Theater nicht.“ Sie wusste nicht, woher sie die Kraft für die hohlen Worte nahm, doch sie zeigten Wirkung. „Kopf hoch“, bestärkte sie die Männer. „Der König kehrt zurück und wird uns führen.“ Da glitt so manches zuversichtliche oder auch zaghafte Lächeln über die dreckigen Gesichter.

* * *

Mit dem untergehenden Mond sank auch Orimas Mut. Der Streifen über den östlichen Berggipfeln nahm bereits eine rötliche Färbung an. In einer Stunde war es hell genug für den Kampf, doch Eberherz war noch nicht zurück. „Blast zum Wecken!“, befahl sie dem Hornisten. „Die Leute sollen sich bereit machen.“

Reinalf trabte heran. Er wollte Tatkraft ausstrahlen, aber das gelang ihm nicht recht. „Was machen wir jetzt?“, fragte er.

„Warten“, antwortete Orima. „Stell die Leute zur Verteidigung auf. Doppelter Schildwall zum Talgrund, dahinter die Bogner. Mehr können wir nicht tun.“

„Was, wenn sie vom Hang herab angreifen? Oder von allen Seiten?“, wandte der Ritter ein. Sie zuckte die Achseln.

„Der König!“, erscholl da ein Ruf. „Der König ist zurück!“, wurde er von trockenen Kehlen aufgenommen und weitergetragen.

„Männer und Frauen, meine tapferen Getreuen!“, übertönte Eberherz‘ kräftige Stimme das überraschte Gemurmel. „Wir greifen an! Richtet Euch zum Kampf! Gebt Euer Bestes und wir werden siegen! Wollt ihr mit mir gehen?!“ Einzelne Rufe der Zustimmung flackerten auf, doch die Mehrzahl zögerte.

„Wir greifen ihre Hauptstellung am Ausgang des Tals an.“, wies der König Reinalf an. „Wir werden sie überrumpeln und schlagen.“

Jetzt war auch Orima irritiert. Alleine die Hauptstreitmacht der Zwerge war ihnen drei zu eins überlegen. Hinzu kämen Attacken gegen ihre offenen Flanken und unzählige Armbrustbolzen in den ungeschützten Rücken. Will er mit einem sinnlosen Opfer in die Legenden eingehen? Orima bezweifelte das. Legenden wurden von den Siegern erzählt. Oder ist er verrückt geworden? Wer weiß, was der Drache mit ihm gemacht hat.

Das Signal zum Angriff beendete ihr Grübeln. Der König befahl und sie folgte. Obwohl es dafür eigentlich zu spät war, überprüfte sie noch einmal den Sitz ihrer Schulterpanzerung, ehe sie den Schild ergriff und Samring zog. Dann setzte sie sich in Bewegung. Zunächst trabten sie langsam, fast gemächlich, doch bald beschleunigten sich ihre Schritte, während die Erregung der bevorstehenden Schlacht von ihr Besitz ergriff.

Linkerhand, auf einer Erhebung, gingen feindliche Armbrustschützen in Stellung. Links ist gut, dachte sie mit jener seltsamen Distanz, die sich bei jedem ihrer Kämpfe einstellte. Das ist die Schildseite. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie die Zwerge ihre Waffen hoben, um Tod und Verderben in ihre Reihen zu tragen.

Orimas Kopf zuckte herum, als die Schützen von einer gewaltigen Feuerlohe erfasst wurden. Gedrungene Gestalten taumelten aus der Flammenwand und fielen, bevor sie reglos liegenblieben. Ein Schatten glitt über die baelischen Truppen hinweg zur anderen Seite hinüber.

Der Soldat neben Orima taumelte, fiel aus dem Schritt und stürzte. Sie sah sich um und erkannte zwergische Plänkler, die ihre rechte Flanke angriffen. Das waren unangenehme Gegner, deren Schleudern böse Wunden verursachten. Sobald der Feind jedoch Schwäche zeigte oder Einzelne verletzt zurückblieben, brächten sie es mit ihren kurzen, krummen Dolchen auch zu Ende. Noch schlimmer waren aber die Hammerträger, die sich hinter den Plänklern zum Sturm bereitstellten.

Ein Feuerstoß erfasste jetzt auch die ersten Reihen der Schleuderer und hinderte die Übrigen am Vorrücken. Der Drache, begriff Orima und neue Zuversicht erfüllte sie. Deshalb war sich Eberherz seiner Sache so sicher.

Nur noch wenige Schritte trennten sie von der Schlachtreihe der Zwerge. „Mal sehen, wie stark ihr jetzt seid“, knurrte Orima. „Nur Mann gegen Frau, Front gegen Front.“ Ein vielfaches Hurra erscholl aus den Kehlen der Baeler, als sie in die wankenden Reihen ihrer Gegner einbrachen.

Samring schnitt durch geflochtene Schilde, leichte Rüstungen und weite Gewänder, während die krummen Säbel Orimas Panzer kaum etwas anhaben konnten. Wie eine Heldin aus alter Zeit focht sie an der Seite des Königs und Samring hielt eine blutige Ernte, bis auch der Letzte ihrer Gefolgsleute gerächt war.

Die Zwerge hielten nicht stand. Ihre Linie zerbrach unter dem Ansturm der entfesselten Menschen und sie flohen Hals über Kopf. Die Wenigen, die dem Gemetzel entkamen, rannten und würden nicht haltmachen, ehe sie leblose Wüste erreichten, aus der sie gekommen waren.

* * *

An diesem Morgen erfocht Eberherz einen gewaltigen Sieg. Die Baeler reckten ihre Schwerter in den Himmel und jubelten ihm zu, doch einen Schrecken hielt der Tag noch für sie bereit – der Drache kehrte zurück.

„König!“, dröhnte seine Stimme in Orimas Kopf. „Mein Teil des Pakts ist erfüllt!“ Diesmal hörten alle seine Stimme, wie ihre Mienen verrieten.

König Eberherz beugte sein Haupt, als Zeichen, dass er Wort hielte. Er sprach lange mit seiner Tochter, bevor er von ihr Abschied nahm.

„Für Bael!“, rief Prinzessin Rian mit schwankender Stimme. „Für Bael und für den König!“ Erhobenen Hauptes und furchtlos schritt sie dem Untier entgegen, mit Tränen in den Augen und dennoch lächelnd, wissend, dass sie ihren treuen Untertanen Leben und Freiheit erkaufte.

Der Drache verschlang das stolze Mädchen mit einem Bissen. Sein mächtiges Haupt neigte sich grüßend vor Eberherz und den erstarrten Soldaten, ehe er mit einem Satz in den Himmel sprang und von dannen flog.

Nur langsam erfassten sie, welches Opfer ihr König auf sich genommen hatte, um sie vor dem Untergang zu bewahren, und sie huldigten ihm, wie es einem großen König und Sieger gebührte, doch Jubel wollte nicht aufkommen.

* * *

„So und nicht anders ist es geschehen!“, rief Orima von Graueneck, als sich der bittere Sieg zum ersten Mal jährte. „Und so frage ich Euch, Ihr Edlen von Bael: Wollt Ihr zurückstehen, hinter Eurem König, der dieses Opfer für Euch auf sich genommen hat?! Und ich frage Euch Ihr Gemeinen: Denkt Ihr, das Blut Eurer Töchter sei wertvoller, als jenes der tapferen Rian, die für Euch in den Tod gegangen ist?!“

Da lief ein zustimmendes Raunen durch die Menge. Eine nach der anderen traten die Jungfrauen vor und warfen ihr Los in die Waagschale, denn keine wollte hinter der Prinzessin zurückstehen. Die Menschen jubelten den Mädchen zu, deren Mut ihnen Sicherheit und Freiheit erkaufte: Eine musste sterben, um den Pakt zu erneuern. Die Anderen durften weiterleben, bis die Sonne erneut ihren Lauf erfüllte – bis zum nächsten Drachenfest.

* * *

Franka, die Bardin

„Das war sie, die Legende von König Eberherz und dem Drachen von Bael“, beendete Franka ihre Erzählung. „So hat es sich vor mehr als sechshundert Sonnenläufen zugetragen, und noch heute feiert man in Bael das Drachenfest.“

Ihr Blick wanderte von einem adretten Bürger über eine Zofe zu einem Fuhrmann, ehe sie mit gesenkter Stimme fortfuhr. „Noch heute wird in Bael Jahr für Jahr eine Jungfrau als Opfer für den Drachen bestimmt.“

Stille legte sich über die bis zum letzten Platz gefüllte Schenke, ehe ein erster Zuhörer auf den Tisch klopfte und andere begeistert einfielen. Ein Kupferstück klimperte in den Hut und weitere folgten. Während Franka von dem kleinen Podest stieg, schielte sie zum Wirt hinüber, auf dessen Gesicht ein Lächeln stand, und ein zufriedener Wirt bedeutete einen vollen Magen.

„Darf ich mich zu Euch setzen?“

Franka sah von ihrem duftenden Braten auf und erkannte einen alten Mann in der Robe der Weißen Magier. Der schnucklige Händler, der ihr gerade eben ein Krüglein Wein spendiert hatte, räumte seinen Platz. Während ihm die Bardin bedauernd nachsah, deutete sie auf den leeren Stuhl, ohne ihr Kauen zu unterbrechen.

„Das ist eine schöne Legende, aber Ihr habt nicht Alles erzählt.“

„Da habt Ihr recht“, gestand sie widerwillig zu. „Doch so wollen es die Leute hören.“

„Ich will mehr wissen“, drängte der Magier. „Ich will die Wahrheit.“

„Die Wahrheit?“ Franka lachte, ehe ihre Miene ernst wurde. „Wenn Ihr mehr wissen wollt, erzähle ich Euch die Geschichte um Sylva und Semira. Ihr müsstet Euch ein wenig Zeit nehmen und ich muss Euch warnen: In unserer Welt gibt es Schatten und Licht, und Wahrheiten gibt es immer mehr als eine. Welche davon Eure wird, könnt am Ende nur Ihr selbst entscheiden.“

„Darauf lasse ich mich gerne ein“, sagte er. „Und das solltet Ihr auch tun.“ Gold blitzte zwischen seinen Fingern, und gleich darauf hielt sie die schimmernde Münze in der Hand.

„Wo soll ich beginnen …“, überlegte sie. „Am besten bei der Familie DaCalva in Rand. Es war im Jahr Zehn des Kaisers Polanas ….“

* * *

* * *

ERSTES BUCH – ERWACHEN

* * *

Familiäre Angelegenheiten

Jahr 10 Kaiser Polanas, Frühling

Esperanzio DaCalva

Über den Samtpolstern des Kanapees hingen Schwaden von Rauchkraut. Der Blick des dicklichen Mittvierzigers wanderte über die Einrichtung, ehe er aussprach, was gesagt werden musste. „Mein lieber DaCalva. So sehr es mich betrübt, muss ich Euch doch darauf hinweisen: Die Geburt Eurer Nichten beeinträchtigt Eure Kreditwürdigkeit. Unsere Investition in Eure Person war namentlich von der Erbregelung Eurer Familienstatuten getragen.“

Stille. Nach einem viel zu langen Augenblick trat eine hagere Gestalt aus dem Schatten eines Intarsienschrankes. Graue Augen blitzten unter einer dunkelblonden Haarmähne hervor. „Werter Don Jarago. Meine liebe Schwägerin …“, er zog das ‚liebe’ unangenehm in die Länge, „… ist schon Vierzig. Niemand konnte damit rechnen, dass mein Bruder noch Erben bekommt.“

„Das gestehe ich Euch ja zu. Unangenehm für mich, da nicht jedes Mitglied unseres Konsortiums so verständnisvoll ist wie ich.“ Der Kaufmann genoss die wachsende Unruhe seines adligen Gegenübers. „In Anbetracht unserer Vereinbarung und der Höhe Eurer Verbindlichkeit besteht Handlungsbedarf. Besser gesagt: Es ist an Euch zu handeln.“

Baronet Esperanzio DaCalva ertrug die neuerliche Stille nicht. Er begann im Zimmer auf und ab zu laufen wie ein Wolf im Käfig. Der Teppich schluckte den Klang seiner Schritte, was seine Anspannung nur noch steigerte. „Was, stellt Ihr Euch vor, soll ich denn tun?“, stieß er schließlich hervor.

„Liebster DaCalva, Ihr seid ein kluger Mann. Sonst hätten wir Euch nicht – sagen wir – gefördert. Ich denke, Ihr wisst selbst, was das Beste für Euch ist. Ihr zögert? Lasst uns rekapitulieren: Nach den Statuten Eures Hauses ist die Erbschaft für Euch – und für uns – verloren, sobald die Bälger Eures Bruders den fünfzehnten Sonnenlauf vollenden. Aber gewisse Leute sind jetzt schon beunruhigt, und glaubt mir: Das wollt Ihr nicht. Es wäre besser für Euch, wenn Euren Nichten ein Missgeschick widerfährt.“

Esperanzio ließ sich in einen Ohrensessel fallen. Hatte ihm der schmierige Pfeffersack soeben nahe gelegt, seine Nichten zu ermorden?

„Wenn ich es recht bedenke“, fuhr Don Jarago ungerührt fort, „wäre es für Euch noch sicherer, wenn die Baronin von dem gleichen Missgeschick betroffen wäre. Eine umgestoßene Kerze, eine verzweifelte Mutter, die ihre Kinder aus den Flammen retten will: Ihr könnt Euch vorstellen, wie schnell so etwas geht.“

Die Welt des Baronets begann sich zu drehen. Er sah das Gesicht seiner Schwägerin vor sich, doch ihr feines Lächeln wurde ausgelöscht von Don Jaragos Grinsen. „Geht in die grüne Kogge im Hafen und fragt nach dem Lausaner. Er hat Erfahrung mit Unfällen dieser Art.“

* * *

Karina hieß die glutäugige Schönheit, die Esperanzio zwei Jahre zuvor in das Hinterzimmer lockte. Berauscht von prickelndem Schaumwein und den Blicken der Tänzerin ließ er sich auf viel zu hohe Einsätze ein und verlor nach einer anfänglichen Glückssträhne Alles.

Als er am nächsten Tag mit brummendem Schädel erwachte, fehlte von Karina jede Spur. Stattdessen stellte sich ihm ein dicklicher Kaufmann mit rotem Gesicht und fettigem schwarzem Haar als Don Jarago vor und hielt ihm einen Schuldschein über achttausend Golddublonen unter die Nase. Anstatt gleich zu seinem älteren Bruder Horatio zu gehen, stieg er auf die riskanten Geschäfte ein, die ihm der Kaufmann als Ausweg präsentierte. Mittlerweile reichte das gesamte Familienvermögen nicht mehr aus, um seine Schulden zu tilgen.

Das Zuschlagen einer Türe riss ihn aus seinen Gedanken. Er war allein. Wer immer hinter dem gerissenen Kaufmann steckte, war nicht nur an Geld interessiert. Esperanzio hatte keine Ahnung, worum es den Hintermännern ging, aber er wollte nicht mit durchschnittener Kehle in einer dunklen Gasse enden. Jäh stand er auf und lenkte seine Schritte zum Hafen.

* * *

Vorsichtig schlich Esperanzio die Treppe hinauf. Die ölgetränkten Lappen in seiner Umhängetasche verströmten einen penetranten Geruch. Der Schatten des Lausaners glitt nach rechts. „Dort hinüber“, flüsterte Esperanzio und wies nach der anderen Seite. Der Kloß in seinem Hals wurde dicker, aber es gab kein Zurück. Mit einem Schlucken schob er die Erinnerung an die lachenden Gesichter der Zwillingsmädchen beiseite und betrat das Kinderzimmer.

Der Schurke benötigte erschreckend wenige Handgriffe für seine Vorbereitungen. Mit einer irrealen Mischung aus Abscheu und Faszination starrte Esperanzio auf die Kerze, deren Flamme sich in der Öllache spiegelte. Die aufgeschichteten Lappen würden das Feuer rasch ins Innere des Zimmers tragen und die Vorhänge der Wiegen in Brand setzen. Noch ehe man im Haus etwas bemerkte, wäre es für die Mädchen zu spät.

„Komm schon!“ Der Baronet spürte ein Ziehen an seinem Arm und riss sich vom Anblick der Flamme los. Der Lausaner zerrte ihn hinter sich her, wie einen störrischen Knaben. „Reiß dich zusammen“, zischte er. „Wir müssen hier weg.“

Esperanzio nickte. Teilnahmslos beobachtete er, wie der Schurke auf der halben Höhe der Treppe Halt machte und seine Tasche absetzte. „Was machst Du?“, fragte er, während der Lausaner die übrigen Lappen an den Stufen aufschichtete und das restliche Brandöl darüber verteilte.

„Wonach sieht’s denn aus?“, gab der zurück.

Esperanzio erbleichte. „Das war nicht abgemacht“, stammelte er. „Da kommt doch Keiner mehr raus.“

„Reg dich nicht auf. Ich mach doch hier die Drecksarbeit, damit du an das Erbe kommst.“

Mit geschickten Fingern setzte der Lausaner das Öl in Brand. Esperanzio starrte auf das bläulich züngelnde Flämmchen. Horatio, sein Bruder, würde in dem Feuer sterben. Horatio, der ihn aus dem Haus geworfen hatte. Der ihm die Unterstützung versagt hatte, als er sie gebraucht hätte. Horatio, mit dem er aufgewachsen war, mit dem er am Bach gespielt hatte. Sein großer Bruder, der ihn zum ersten Mal auf den Rücken eines Pferdes gesetzt hatte, der ihm in seiner Jugend zur Seite gestanden hatte.

„Hilfe“, rief Esperanzio viel zu leise.

Der Schurke sah erschrocken auf. „Spinnst du. Du weckst doch alle auf.“

Aufwecken. Ja, das wollte er. Rhiannon, seine Schwägerin, die nie ein böses Wort über ihn verloren hatte. Rhiannon, die Horatio überredet hatte, dass er, allen Streitigkeiten zum Trotz, seine Nichten sehen durfte. Sie sollte aufwachen, sollte sich und ihre Kinder retten. „Hilfe!“, schrie er mit aller Kraft. „Feuer!“ Er sprang vor, trat die brennenden Lumpen auseinander und trampelte nach den Flammen, die das Treppengeländer erfassten.

Etwas Hartes traf seinen Schädel. Er taumelte. Der Lausaner, schoss es ihm durch den Kopf. Natürlich sah der Schurke nicht tatenlos zu, wie er das ganze Haus zusammenbrüllte. Fluchend zog Esperanzio seinen Dolch und fuhr herum. Etwas blitzte im flackernden Schein auf und ein brennender Schmerz schoss durch seinen Arm. Sein eigener Stoß ging ins Leere.

„Feuer!“, rief er, so laut er konnte. Der Stich konnte nicht tief sein. Er spürte ihn kaum. Wieder stach der Lausaner zu. Diesmal parierte Esperanzio, aber irgendwas stimmte nicht. Seine Finger waren klamm, und der Griff der Waffe lag seltsam unvertraut in seiner Hand.

Polternde Schritte näherten sich von oben. „Was geht hier vor?!“

Horatio. ANRADA sei Dank. Auch im Erdgeschoß erklangen jetzt die Rufe der erwachenden Dienerschaft. Der Schurke, der schon fast unten war, machte kehrt. Esperanzio wollte seine Waffe heben, doch sein rechter Arm gehorchte ihm nicht mehr. Sein Dolch fiel zu Boden und schepperte die Stufen hinab, während er auf den blutgetränkten Ärmel seines Wamses starrte.

Der Lausaner stieß ihn zur Seite und hob die Rechte zum Wurf. Das Messer zischte Horatio entgegen, der am oberen Absatz der Treppe auftauchte und traf dessen Brust. Esperanzio erwischte die Jacke des Schurken mit seiner Linken, krallte sich fest. Der Lausaner schlug der Länge nach auf die brennenden Stufen. Vom Schmerz getrieben zog er vorwärts, doch Esperanzio ließ nicht locker. Für ihn war es zu spät, da machte er sich nichts vor, aber er musste Horatios Familie beschützen.

Plötzlich ragte eine Gestalt vor ihm auf. Ein Degen blitzte, stieß vor und der Lausaner zog nicht mehr. Still lag er neben Horatio, der sich ebenfalls nicht mehr regte. Esperanzio hob den Blick und erkannte Rhiannon, die mit blanker Waffe über ihm stand.

“Warum?“ Mehr kam nicht über ihre Lippen.

Er stemmte sich hoch und streckte seine Linke nach dem Kinderzimmer, doch der flackernde Schein zeigte ihm, dass es zu spät war. Einmal mehr hatte er versagt.

Vergib mir, Bruder.

JANARA, die Göttin des Todes, reichte ihm die Hand.

Vergib mir, Rhiannon.

Das Rauschen in seinen Ohren mochte von den Schwingen des schwarzen Falken rühren, der die Seelen der Sterblichen nach Hause holt, und die Berührung seiner unerbittlichen Klauen war unerwartet sanft und leicht.

* * *

Baronin Rhiannon DaCalva

Rhiannons Blick folgte dem Arm ihres sterbenden Schwagers. Binnen Bruchteilen eines Augenblicks erkannte sie die Gefahr, in der ihre Kinder schwebten. Es waren keine zehn Schritte bis zu dem brennenden Zimmer, aber selbst das war zu weit. Die Baronin hatte gerade einmal die Hälfte des Wegs geschafft, als eine Stichflamme durch den Raum pfauchte. Hitze schlug der Mutter entgegen. Sie riss die Arme schützend vor das Gesicht, holte Luft und rannte weiter, bis sich ihr jemand in den Weg stellte und ihre Arme packte. „Haltet ein! Es hat keinen Sinn!“

„Keinen Sinn?!“ Sie kämpfte gegen den Griff des Hausdieners an. „Ich muss zu ihnen!“ Martak wollte ihr etwas sagen, doch die Baronin sah nur das Feuer.

„Holt Eimer! Bildet eine Kette!“ Die Stimmen drangen wie aus weiter Ferne an ihr Ohr, während sie in mit dem halsstarrigen Diener rang. Hilflos musste sie mit ansehen, wie auch die zweite Wiege vollends in Flammen aufging. Schluchzend brach sie in Martaks Armen zusammen.

Dominus stellte eine Eimerkette zusammen und die Löscharbeiten nahmen ihren Anfang. Der Baronin war es einerlei. Binnen weniger Augenblicke hatte sie alles verloren, was ihr an diesem Haus etwas bedeutet hatte. Horatio war tot. Ihre Kinder waren tot.

„Lass mich!“, schrie sie. „Warum hast Du mich nicht zu ihnen gelassen?!“ Mit leeren Augen verfolgte sie den Kampf der Dienerschaft gegen das Feuer. Langsam gewannen die Menschen die Oberhand über das tobende Element.

Das Haus war gerettet, doch das Kinderzimmer war vollständig ausgebrannt. Ungeachtet der schwelenden Glutnester stürzte Rhiannon in den raucherfüllten Raum, doch schon der erste Blick offenbarte ihr das Ausmaß der Zerstörung. Hier konnte niemand überlebt haben. Schreiend brach sie zusammen, bis sie irgendjemand aus den Ruinen ihres Glücks führte.

Ein Gesicht schob sich vor das ihre: Sara, ihre Dienerin und Vertraute. In ihren Zügen tobte ein verzweifelter Kampf. „Verdammt, ich kann das nicht“, flüsterte sie. „Möge ERU mir verzeihen. Kommt mit.“

Rhiannon wusste nicht, worauf sie hinauswollte und es war ihr auch einerlei. Ergeben folgte sie Sara in einen wenig genutzten Seitentrakt zu einem kleinen Gemach. „Ich dürfte Euch das hier gar nicht zeigen“, flüsterte die Dienerin.

Die Baronin starrte auf den Reisekorb, in dem die beiden Mädchen schlummerten. Die Beine versagten ihr den Dienst und die Tränen bahnten sich ihren Weg, während sie in einem Chaos von Gefühlen versank.

Es dauerte eine geraume Weile, ehe sie der warnenden Stimme ihres Verstandes Gehör schenkte. Zu Vieles passte nicht zusammen. Sie straffte sich und wandte sich an die Dienerin. „Ich hoffe, Du kannst mir das hier erklären.“

Sara nickte, brachte aber kein Wort heraus.

„Ich warte.“

Die Dienerin zuckte unter ihrer schneidenden Stimme zusammen. Ihre Antwort kam kaum hörbar über ihre Lippen. „Ihr müsst die Kinder weggeben, Herrin.“

Wie kalter Stahl trafen ihre Worte in Rhiannons Herz. Sie hatte gedacht, die Mädchen wären in den Flammen umgekommen. Nun hatte sie sie wieder – und sollte sie weggeben? Was wusste Sara? „Warum?“

Die Dienerin hielt ihrem Blick nicht stand. „Sie sind hier nicht sicher, Herrin. Wir könnten auf sie aufpassen.“

Rhiannon war überrascht, wie heftig ihre Ohrfeige Saras Kopf zur Seite fegte. „Du weißt, dass wir in Gefahr sind und sagst nichts? Du siehst zu, wie mein Mann ermordet und unser Haus angezündet wird und hältst es nicht für nötig uns zu warnen?“

„Ich hab’s doch nicht gewusst“, stammelte Sara mit tränenerstickter Stimme.

Der nächste Schlag traf ihre andere Wange. „Wer bist Du? Was weißt Du? Wer in aller Götter Namen ist Wir?“, zischte Rhiannon der treulosen Dienerin entgegen.

„Das darf ich Euch nicht sagen Herrin“, schluchzte diese. „Aber glaubt mir: Ich will das Beste für Euch und die Mädchen.“

„Deshalb willst Du ihnen nach dem Vater auch die Mutter nehmen?!“ Rhiannons Stimme überschlug sich vor Zorn und Verzweiflung.

„Nein!“, schrie Sara gequält. „Das will ich nicht! Aber sie sind mächtig. Sobald sie wissen, dass die Zwillinge das Feuer überlebt haben, können wir sie nicht mehr schützen, und Ihr könnt das auch nicht.“

„Und ob ich das kann“, zischte die Baronin. „Aber das geht Dich nichts mehr an!“

Die Augen der Dienerin weiteten sich, aber Rhiannon wollte nie mehr auf ihr falsches Getue hereinfallen. „Geh mir aus den Augen! Lass Dich hier nie wieder blicken! Wenn ich Dich noch ein einziges Mal in der Nähe meiner Kinder erwische, bringe ich Dich um, das schwöre ich.“

* * *

Die Baronin wusste nicht, wie lange sie auf die Tür gestarrt hatte, durch die Sara verschwunden war. Ihre Gedanken drehten sich im Kreis. Das Feuer war kein Zufall gewesen, doch sie hatte keine Ahnung, wer dahinter stecken mochte. Einen nach dem Anderen ging sie die Dienerschaft durch, auf der Suche nach jemandem, dem sie noch vertrauen konnte.

Sara hatte sie vertraut, aber Sara hatte ein falsches Spiel getrieben.

Ein leises Greinen holte sie aus ihrem Grübeln. „Imena, meine Süße“, flüsterte sie und hob das Kind an ihre Brust. Die vertraute Berührung half ihr, klare Gedanken zu fassen. Nachdem auch Dareia gestillt war, wusste Rhiannon, was zu tun war. Sie musste Saras Rat folgen und die Kinder in fremde Obhut geben. Die Mädchen durften nicht als Zwillinge aufwachsen und sie brauchten neue Namen, Namen, die nicht einmal sie selbst wissen durfte. Nur wenn Alle glaubten, sie wären tot, hatten sie eine Chance.

Sie musste rasch handeln, und sie durfte niemandem vertrauen. Und sie würde Sorge tragen, dass sie die Mädchen mit UNAs Hilfe wiederfände.

* * *

Disziplin, Ausdauer, Regeln, Strenge

Jahr 18 Kaiser Polanas, Sommer

Sylva, Schülerin an der Akademie des Hohen Magischen Kampfes zu Bethan

„Werte Schüler und Schülerinnen!“ Die Aussprache der gut fünfzigjährigen Lehrerin war ebenso tadellos wie ihre Haltung, ihre Kleidung und der Sitz des Knotens in ihrem schon grau gewordenen Haar. So wie Alles an Magistra Professura Vilana Südfahrer und das Gleiche erwartete sie natürlich auch von den vierzehn angehenden Zauberinnen und Zauberern, die, fein säuberlich nach Alter gereiht, an den Schreibpulten standen. „Die Älteren schreiben heute auf Pergament. Carol, gib jedem einen Bogen, aber nur einen.“

Ein schlaksiger Junge mit braunem, kurz geschnittenem Haar nahm die acht schon mehrfach abgeschabten Bögen entgegen.

„Kyrina, die Tintenfässer bitte. Pass auf die Federkiele auf. Mit den Kleineren ….“ Die Lehrerin stockte. Ihr Blick heftete sich auf das leere Pult in der zweiten Reihe. „Hat jemand Sylva gesehen? Wo steckt das Kind denn wieder?“

Die beiden blonden Mädchen aus der ersten Reihe, nicht älter als sechs oder sieben, wohl frisiert und in weiße Umhänge gekleidet, sahen eingeschüchtert zu ihr auf und von den kaum älteren Burschen dahinter kam auch keine Antwort. Schließlich meldete sich Kyrina: „In Grundlagen der Alchimie hat sie ihre Schwefelbasis versemmelt. Vielleicht ist ihr übel.“

„Hat sie ihre Schwefelbasis verdorben“, korrigierte die Magistra, doch ihr Missmut über das Fehlen der Schülerin schien sich zu legen. „Also mit den Kleineren …“

Jäh flog die Türe auf. Wie ein Wirbelwind schoss die Vermisste mit wehendem schwarzem Haar in die Schreibstube. Es schien, als würde sie Carol umlaufen, aber sie schaffte es ohne Zwischenfall zu ihrem Pult. Dort blieb sie sichtlich erhitzt stehen und rang nach ihrem Atem.

„Wo in aller magischen Winde Namen bist du gewesen, du störrisches Kind?“, herrschte die Lehrerin die Achtjährige an.

„Ich … ich war noch im Garten und ich habe die Zeit vergessen.“ Die hellgrauen ausdrucksstarken Augen hielten dem Blick der Älteren mühelos stand.

„Wie du wieder aussiehst. Aus dir wird nie eine respektable Magierin.“ Missbilligend musterte die Lehrerin die Flecken im Umhang der Schülerin und fixierte schließlich die Kletten und Ästchen, die sich in Sylvas Haaren verfangen hatten.

„Schreiben“, sagte die Magistra. „Zwei Stunden schreiben nach dem Abendbrot, nein, statt dem Abendbrot.“ Mit einer schroffen Bewegung riss sie dem Mädchen eine der Kletten aus dem Haar und warf diese samt der Strähne, in der sie sich verfangen hatte, angewidert hinter sich. „Disziplin, Ausdauer, Regeln, Strenge: Das braucht ein Magier, wenn er seine Kunst beherrschen und seinem Land und seinem Kaiser dienen will. Wissen, Übung und wieder Disziplin, das ist euer Leben.“

Hundertmal habe ich das schon gehört, dachte Sylva. Wann lernen wir endlich richtig zaubern? Und kämpfen? Schreiben, Lesen, Strammstehen, komplizierte Mixturen fertigen – all das musste sie lernen und Vieles mehr. Aber es war schwer, wenn man sich dazwischen nicht austoben konnte. Den Übrigen schien das wenig auszumachen. Die machten einen großen Bogen um die kräftigen Burschen und Mädchen aus der Stadt, wenn sie überhaupt einmal die Schule verließen. Aber sie war nicht wie die Anderen. Sie hatte Spaß an den einfachen Körperübungen, die oft genug ausreichten, den einen oder anderen Mitschüler ins Schwitzen zu bringen.

Mittlerweile schrieben die Jüngeren bereits auf ihren Schiefertafeln. Vorsichtig schielte Sylva nach rechts, um zu sehen, welches Zeichen geübt werden sollte. Die Buchstaben der Gemeinsprache beherrschte sie schon ganz ordentlich, doch die verschlungene Schrift der alten Magier wollte sich ihr nicht erschließen.

Disziplin, schoss es ihr durch den Kopf. Ich muss mich zusammenreißen. Ah, das große C, mehr als nur ein Buchstabe. Wie jedes Zeichen der alten Sprache war auch das C mit einer eigenständigen Bedeutung versehen. Es stand für die Alchimie, die Kunst aus vorhandenen Stoffen Neues zu erschaffen, von eigener Beschaffenheit und ungleich wertvoller als die Summe seiner Teile.

Das Kratzen in ihrem Hals erinnerte Sylva an den Vormittag, als ihre Schwefelbasis zu blubbern begann und ätzenden, gelblich fettigen Rauch absonderte, bis Magister Reimer die Schüler ins Freie trieb. Gerade ihr passierten solche Missgeschicke immer wieder, obwohl sie ihren Alchimielehrer schätzte. Anders als Magistra Südfahrer war er nett zu ihr und sie hätte sie sich in seinem Unterricht gerne geschickter angestellt, aber ….

Erschrocken sah sie auf Nikkis halb bekritzelte Tafel: Sieben verschnörkelte C, fein säuberlich nebeneinander gereiht, wackelig, aber sicherer werdend. Rasch wischte sie ihren einen, halbfertigen Buchstaben ab. Sie wollte sich jetzt richtig Mühe geben.

„Sylva!“, brüllte eine sich überschlagende Stimme in ihr Ohr. „Träumen kannst du in der Nacht!“

Da spürte sie eine Bewegung in ihrem Umhang. Auf das Streifenhörnchen, das sie heute im weitläufigen Garten der Akademie eingefangen hatte, hatte sie vollkommen vergessen. Gewöhnlich hielten sie sich ruhig, wenn es dunkel und halbwegs still war, aber Frau Südfahrers Gezeter erschreckte das Tierchen. Das war nicht gut, gar nicht gut. Verzweifelt hielt sie die Tasche zu und hoffte, das arme Hörnchen möge sich beruhigen.

„Zappel nicht so!“ Die Lehrerin packte Sylvas Handgelenke und im selben Moment schoss das verängstigte Fellbündel aus ihrer Tasche. Es sprang auf ein Schreibpult und von dort zum nächsten. Die Kinder hatten keine Ahnung, was da so plötzlich vor ihnen hin und her flitzte und kreischten. Ein Tintenfass kippte auf eines der Pergamente, während ein anderes seinen Inhalt über den geölten Holzboden ergoss.

„Stein!“ rief die Magistra und wies auf das Tier. Es erstarrte in der Bewegung, kippte um und blieb liegen. „Bringt … dieses … Ding … hinaus!“, keuchte sie, ehe sie wutschnaubend die Schreibstube verließ.

Nikki und Satina, die Mädchen aus der ersten Reihe, brachen in haltloses Schluchzen aus. Kyrina versuchte ihnen zu erklären, dass das Streifenhörnchen in einer Stunde wieder durch den Garten tollte. Die anderen bemühten sich Ordnung zu schaffen und die Ausbreitung der Tintenseen einzudämmen. Sylva wollte im Erdboden versinken.

* * *

Disziplin, Ausdauer, Regeln, Strenge, prägte sie sich ein, während sie mit all der Kraft, die ein achtjähriges Mädchen aufbringen konnte, den Steinboden der Latrine bearbeitete, als könnte sie ihn komplett wegscheuern. Vier Wochen alle Abtritte der Akademie säubern, die Böden schrubben und die schweren, stinkenden Eimer leeren.

Dabei hatte sie Glück gehabt. Ohne Magister Reimer wäre sie von der Schule geflogen. Er hatte lang und breit ausgeführt, dass derartiges Fehlverhalten nach Unfällen mit schwefelhaltigen Substanzen vorkäme, und die Rektorin hatte ihn über den Rand ihres Monokels hinweg angesehen, als müsste sie ein Schmunzeln unterdrücken.

Disziplin, Ausdauer, Regeln, Strenge: Sylva würde sich mehr Mühe geben.

* * *

Hilmar Reimer, Lehrmeister an der Akademie des Hohen Magischen Kampfes zu Bethan

Etwa zwei Jahre später schlenderte Magister Reimer den Karrenweg zur Stadt hinunter. Wie lange war es her, dass er selbst das Examen an der „Akademie des Hohen Magischen Kampfes zu Bethan“ abgelegt hatte?

Als er seinen Streit mit Vilana dachte, regte sich sein Zorn. Wie so oft ging es um Sylva, der es schwer fiel, sich der strengen Disziplin zu unterwerfen, und wieder musste er die Kleine in Schutz nehmen. Selbst fünfundzwanzig Jahre Unterricht befähigten nicht jeden zu einem wertschätzenden Umgang mit den Schülern.

Eine kleine Dosis praktischer Erfahrung täte ihr gut, dachte er. Vilana hatte die Akademie nie verlassen. Nach ihrer Abschlussprüfung – mit exzellenter Gesamtbeurteilung – äffte er sie in Gedanken nach, hatte sie als Assistenzkraft begonnen und war durch Fleiß und Ausdauer bald zu einer Lehrstelle gelangt. Die Härte und Disziplin, der sie sich in ihrer eigenen Ausbildung unterwerfen musste, legte sie mit Akribie auf ihre Schüler um.

Nach seinem Abschluss erforschte Reimer die Schönheiten und Wunder, aber auch die Abgründe dieser Welt. Er durchstreifte das Reich im Dienste Seiner Majestät Kaiser Polanas und sah dabei so manches Mal dem Tod ins Auge. Disziplin, Regeln und Ausdauer, die drei Grundprinzipien der Akademie, retteten ihm dabei mehr als einmal das Leben – und genauso oft bedurfte es der Improvisation und der Übertretung dieser Regeln, um eine Aufgabe zu einem guten Ende zu bringen.

Die magische Schule lag auf den Hügeln. Von dort oben erschien Bethan als weiße Stadt mit schmucken sauberen Häusern, unterbrochen von gold- und silberblitzenden Tempeln und mächtigen Palästen. Der Seehafen, dem Bethan seinen Reichtum verdankte, schien an manchen Tagen zu klein für die vielen Schiffe und Boote, die aus dieser Höhe wie Spielzeuge wirkten. Mit scharfen Augen konnte man zwischen ihnen die Schauerleute ausmachen, die kostbare Gewürze und Tee aus den nördlichen Städten, Pelze und Walfischtran aus dem kalten Süden oder noch seltenere Kostbarkeiten entluden. Die Überschüsse des Kaiserreichs an Rindfleisch, Getreide, zu feinen Stoffen versponnener Wolle und sauber gegerbtem Leder wurden von hier in viele Teile der bekannten Welt verschifft, und das Handelsmonopol mit den Zwergen trug ein Übriges zu Wohlstand und Reichtum der imperialen Häfen bei.

Reimer dachte an den Vormittag. Nach dem Streit mit Vilana fand er Sylva an einer abgelegenen Stelle des Gartens, unter einen Busch gekauert und haltlos schluchzend. Dankbar kuschelte sich die Kleine an ihn, und beinahe hätte er den einen oder anderen Kampfzauber an einer gewissen Lehrkraft demonstriert. Als Sylva wissen wollte, wieso er sich für sie einsetzte, legte er ihr seine Gedanken über die Aufgaben eines Weißen Magiers dar. Er sah seine Verpflichtung darin den Schwachen beizustehen, die Unschuldigen zu beschützen und stets Wahrheit und Aufrichtigkeit im Herzen zu tragen.

„Aber was ist mit Disziplin und Regeln?“, fragte das Mädchen.

„Das sind Mittel für den Zweck. Wenn Du von wo fortgehst, sollte dieser Teil der Welt besser sein als zuvor.“ Zu seiner Überraschung wiederholte die Kleine den Satz und prägte sich jedes Wort ein.

* * *

Ein Windstoß fegte um eine Ecke und trug den Geruch von See und Hafen an Reimers Nase. Er war auf dem Weg zum Marktplatz, der jetzt, am frühen Nachmittag, belebt wäre. Anders als viele seiner Kollegen schätzte er den Kontakt mit Menschen. Hafenarbeiter, Fuhrleute, Bedienstete, Marktfrauen und Kaufleute, Gaukler und anderes fahrendes Volk ließen ihn eine Vielfalt von Farbe und Lebendigkeit empfinden, die er in der nüchternen Schule vermisste. Natürlich wusste er um die Schattenseiten der Städte, sah die harte Arbeit, die mit dem Leben des einfachen Volkes verbunden war und verschloss die Augen nicht vor dem Elend der Armen, denen die Götter weniger gnädig waren. Dennoch wollte er die Stunden, die er inmitten des bunten Treibens verbrachte, nicht missen. Wohl war er in seinen Gewändern als Magier und Hoher Herr erkennbar, aber die Marktfrauen kannten ihn, und in seinem Stammlokal wusste man, dass er sein Herz am rechten Fleck trug.

Während er mit einem fremden Händler um den Preis einer seltenen Abhandlung über die alchimistische Bedeutung der Insektoiden feilschte, wurde er auf eine johlende Horde aufmerksam. Er liebte das Lachen und Toben spielender Kinder, aber diesmal handelte es sich um eine Auseinandersetzung. Und um eine ziemlich einseitige, dachte er. Fünf Kinder, allesamt um die Zehn oder Zwölf, trieben einen hoch aufgeschossenen Burschen in die Enge.

Fünf gegen einen gefällt mir nicht, überlegte er. Aber helfe ich ihm, wenn ich mich einmische, ohne zu ahnen was dahintersteckt?

In diesem Moment schoss eine kleine Gestalt quer über den Platz und stürzte sich mit einem schrillen Schrei auf die Angreifer. Die schwarzen Haare kenne ich und die weiße Robe auch. Der Magister setzte sich in Bewegung.

Anfangs profitierte Sylva von der Überraschung und ihre Fäuste teilten aus, bis die Anderen von ihrem Opfer abließen. Dann musste sie erkennen, dass Mut und Begeisterung alleine nicht ausreichten, einer Übermacht entgegenzutreten.

„Guck mal, eine Hexe vom Berg. Die hat sich wohl verirrt“, spottete ein dunkelhaariges Mädchen in einem ärmlichen Kleid.

„Darfst ja noch gar nicht zaubern“, höhnte ein Junge mit kurzen blonden Stoppeln und schlug Sylva ins Gesicht. Die aufgestauten Aggressionen entluden sich in Schlägen und Tritten, die auf die tapfere Schülerin hereinprasselten, ehe der Magister heran war. „AUSZZEINANDER“ zischte er.

Erschrocken fuhren die Angreifer herum. Als sie in der drohenden Gestalt einen Zauberer erkannten, rannten sie davon. Obwohl Sylva heftig aus der Nase blutete, lächelte sie Magister Reimer tapfer entgegen und wollte zuerst dem fremden Jungen auf die Beine helfen.

Der versuchte ein schiefes Grinsen. „Danke, ich bin Torin, vielen Dank für … Aua!“ Er knickte ein, als er sein linkes Bein belastete.

„Lass mich das ansehen“, sagte der Magier. Vorsichtig nahm er den Unterschenkel des Jungen zwischen seine Hände und murmelte die Worte der Heilung. Mit großen Augen schaute der Junge zu ihm auf, während der Schmerz einem wohligen Prickeln wich.

„Und da müssen wir auch etwas tun“, meinte der Lehrer zu Sylva. Sein Blick glitt über ihre blutige Nase und die Schrammen in ihrem Gesicht. „Würde Dir recht geschehen, wenn es länger wehtäte, aber so kannst Du nicht in der Schule antanzen.“

Er hielt seine Hände vor ihr Gesicht und wieder fühlte er das Strömen der Energie, die sich ausbreitete und das Wunder der magischen Heilung vollbrachte. Torin beobachtete mit aufgerissenen Augen, wie sich das Gesicht seiner Retterin glättete, bis die Haut ihre ursprüngliche, rosige Färbung annahm.

„Was wollten die von Dir?“, fragte Sylva, als der Magister fertig war.

„Ich arbeite im Kupferkrug als Schankbursche. Mein Vater, der Wirt, hat zwei Rumtreiber an die Luft gesetzt, die nicht zahlen konnten. Ich glaube, einer war der Vater von einem der Burschen vorhin. Kommst Du mich einmal besuchen? Die Taverne ist gleich da vorne.“

* * *

Schweigend stapften Lehrer und Schülerin den steilen Weg zur Akademie hinauf. „Das war mutig von Dir und tapfer, aber auch ziemlich dumm“, sagte Magister Reimer schließlich. Er wies mit seiner Rechten auf die frischen Blutflecken und den Schmutz auf ihrer Kutte. „So können wir Dich nicht lassen. Es gibt da einen zwar unwichtigen, aber sehr nützlichen Zauber.“ Der Stoff reinigte sich unter seinen Händen. „Von Deinem kleinen Abenteuer sollten wir niemandem erzählen“, ergänzte er, als er fertig war.

„Warum?“ fragte das Mädchen und sah ihn mit ihren hellgrauen Augen an. „Es ist doch die Wahrheit.“

Schließlich war es der Ältere, der ihrem Blick nicht standhielt. Leicht wird sie es nicht haben, dachte er, aber sie hat eine große Zukunft vor sich.

Schweigend setzten sie sich wieder in Bewegung. Sein Blick streifte das Mädchen, das aufrecht neben ihm herging. Wenn wir sie lassen, führte er seinen Gedanken zu Ende und warf einen Blick zurück auf die im Meer versinkende Abendsonne.

* * *

Semira, Schülerin der Verwandlung an der Akademie zu Rand

„Heute werdet ihr das erste Mal zaubern. Ihr werdet einen Stein verwandeln.“

Die zehnjährige Semira war aufgeregt. Zaubern. Schon das Wort ließ ihren Bauch kribbeln. Endlich war es soweit.

Magister Geron musterte seine Schüler und Schülerinnen. „Jeder von Euch bekommt von mir einen kantigen Stein. Ihr werdet diesen in eine Kugel verwandeln. Gemäß der zugrundeliegenden Thesis stellt ihr euch vor, wie sich der Kiesel zu drehen beginnt. Dann führt ihr die Linien eurer magischen Kraft von rechts oben zu, bis sich der Stein darin verfängt und sie wie einen Faden aufwickelt. Ihr unterstützt den Vorgang mit dem Wort ‚Form‘ und gleitenden Bewegungen eures Stabes. Wenn ihr euch daran haltet, wird es dem einen oder anderen vielleicht gelingen, eine Veränderung herbeizuführen.“

Semira betrachtete ihren Stein. Mit seinem gesprenkelten Graubraun war er nicht schön, aber er lag angenehm in ihrer Hand. Sie wusste, welchen Wert der Magister auf die exakte Ausführung seiner Anweisungen legte. Also schloss sie die Augen und stellte sich vor, wie sich der Stein zu drehen begann. Quelle meiner Kraft, dachte sie und Wärme stieg in ihr auf, wie sie das von den Meditationen kannte. Der Ton kam hingegen völlig unerwartet. Sie erschrak und ihre Konzentration brach zusammen.

„Ich habe etwas gehört. Ist das normal?“, fragte sie aufgeregt.

Geron schüttelte den Kopf. „Störende Einflüsse musst du unterdrücken. Konzentriere dich auf die Thesis. Lass dich nicht ablenken.“

Semira nickte und versuchte es noch einmal. Wieder wurden die Bilder von einem Ton begleitet, der sich diesmal zu einem kraftvollen Akkord verbreiterte, während das Lied von ihr Besitz ergriff und an Intensität gewann. Die Melodie war ihr unbekannt und dennoch seltsam vertraut.

Wie war die Thesis? Egal. Ihr Stab bewegte sich wie von selbst in ihrer Hand. Weißes Licht ergoss sich aus seiner Spitze und tastete nach dem rotierenden Stein wie ein behutsamer Fühler. Das Weiß zerfloss in leuchtendes Rot, Gelb, Grün und Blau, als es den Kiesel berührte. Das ist wunderschön, dachte Semira, während Tränen des Glücks in ihre Augen traten.

Behutsam löste sie sich und zog ihre Kraft zurück. Die Melodie verebbte in einem sanften Nachhall und das Licht erlosch. Etwas Glattes, Rundes lag in ihrer Hand. Neugierig öffnete sie die Augen und sah eine Kugel, schön und durchsichtig wie Glas, in allen Farben des Regenbogens schillernd. „Schaut“, rief sie begeistert. „Schaut was ich gemacht habe.“ Sie hielt die Kugel hoch, damit sich die anderen mit ihr freuen konnten.

Fenrik sah auf und hielt ihr seinen eigenen Kiesel entgegen, an dem keinerlei Veränderung zu erkennen war, während Hieron seinen Zauber irritiert unterbrach. Nur Ylva, mit der sich Semira die Kammer teilte, klatschte begeistert.

„Tu das nie wieder“, tadelte Magister Geron. „Was immer dich geritten hat, lass es. Du hältst dich an die Thesis wie jeder andere hier.“

„Aber ich habe Musik gehört“, erklärte Semira. „Und Farben gesehen.“

Gerons Ohrfeige traf sie unvorbereitet. „Störrisches Kind“, schimpfte er, während er rot anlief. „Wenn du schon zu dumm bist, eine einfache Thesis umzusetzen, dann sei gefälligst still und schäm dich, anstatt damit anzugeben.“

„Zaubern heißt diszipliniert arbeiten“, wandte er sich an die Schüler, während er sich nur langsam abregte. „Die Konzentration auf die Thesis ermöglicht uns klare, vordefinierte Resultate. Farben, Töne und ähnlicher Schnick-Schnack lenken uns ab, mehr noch: Sie führen uns in Versuchung und bringen uns vom reinen Pfad der Weißen Magie ab.“

„Aber es war schön“, erwiderte das Mädchen. „Ich wollte doch ….“

„Still jetzt! Es reicht! Ich will kein Wort mehr hören!“

* * *

„Hörst Du noch Etwas?“, wollte Geron in der nächsten Stunde wissen.

Semira schüttelte den Kopf.

„Lüg mich nicht an!“ Sein Schlag trieb ihr die Tränen in die Augen.

„Hörst Du noch Etwas?“, setzte er nach. Sie nickte – und kassierte die nächste Ohrfeige. „Hör damit auf“, schärfte er ihr ein, ehe er sich wieder dem Unterricht zuwandte.

So lernte Semira ihre Magie zu unterbrechen, ehe sich die Farben vollständig entfalteten und der letzte Ton verklang. Das fühlte sich zwar falsch an und mündete in misslungenen Zaubern und unfertigen Verwandlungen, aber sie eckte seltener an. Rasch gewöhnte sie sich daran, für schlechte Resultate gelobt zu werden.

„Nein. Ich höre nichts mehr“, log sie bei Gerons gelegentlichen Nachfragen, und irgendwann war sie so gut darin, dass er ihr glaubte.

* * *

Ylva musste nacharbeiten und Semira genoss die wenigen Stunden, die sie für sich alleine hatte. Sie lag auf ihrer Pritsche und starrte an die Decke. Die Art wie sie die Magie spürte, hörte und sah, hatte sich in den letzten Wochen verfeinert und intensiviert. Manche Zauber funktionierten wie von selbst, während andere von Disharmonien begleitet wurden. Das eine oder andere Mal hatte sie Lehrer darauf angesprochen, war aber nur auf Unverständnis und Ablehnung gestoßen.

Die Anderen hören nichts, überlegte sie. Oder sie geben es nicht zu. Und sie tun sich mit dem Zaubern viel schwerer als ich.

Ein leises Knattern lenkte Semiras Aufmerksamkeit auf einen dicken braunen Käfer. Neugierig öffnete sie sich und spürte in ihn hinein. Trotz des plumpen Äußeren unterschieden sich seine Schwingungen nur wenig von jenen der Libellen am Teich. Könnte man da …?

Sie schloss die Augen und ließ ihre Magie fließen. Erinnerungen an die hübsche Glaskugel flossen ein und verbanden sich mit der Melodie der Verwandlung, doch etwas passte nicht. Ach ja, der Käfer ist eine Lebewesen. Das ist keine Verwandlung sondern eine Verzauberung. Da wurde der Klang harmonisch und fügte sich in den Rhythmus ein, bis Farben in den Käfer flossen und ihn von innen heraus erleuchteten.

Semira öffnete die Augen. Wie schön, dachte sie, während ihre Augen dem Flug der schimmernden Glaslibelle folgten. Wie wunderschön. „Flieg ins Licht“, murmelte sie. Wie von Zauberhand änderte das Tier die Richtung. Im Sonnenstrahl, der durch das schmale Fenster fiel, funkelte es in allen Farben des Regenbogens.

„Was ist das?“, fragte Ylva von der Türe her und Semira erschrak. Ihre Verbindung zu dem Tier brach ab, und der damit verbundene Misston ließ sie gleich noch einmal zusammenfahren.

„Was hast Du gemacht?“, stammelte Ylva. Sie starrte auf das unförmige Häufchen von braunem Matsch und zerstörtem Chitin unter dem Fenster. Ihre Augen füllten sich mit Tränen.

„Ist nicht schlimm“, wollte Semira sie trösten. „Es war doch nur ein Käfer.“

„Es war ein Lebewesen. Wir dürfen noch gar keine Verzauberungen ausführen. Schon gar nicht so eine. Das … das ist Schwarze Magie. Du siehst ja, was dabei herauskommt.“

„Ich wollte das doch gar nicht“, lenkte Semira ein. „Wirst Du mich verraten?“

Ylva schüttelte den Kopf, dass ihre langen braunen Haare hin und her flogen.

„Wir müssen ohnehin zum Schreibunterricht“, wechselte Semira das Thema. „Mal sehen, welches Zeichen heute dran ist.“

* * *

An diesem Abend lag Semira noch lange wach. Ylvas Atemzüge gingen ruhig und regelmäßig, aber in ihr klang die Melodie der Verzauberung nach – gefährlich und faszinierend, fremd und verlockend wie das Wesen der Magie selbst.

* * *

Darrian, Schüler der Verwandlung an der Akademie zu Rand

Stolz führte Darrian die Schüler über den Hof. Seit Ardana und Hinrik zu Novizen aufgestiegen waren, trug er mit seinen vierzehn Jahren die Verantwortung, dass die Klasse pünktlich und vollständig zum Unterricht erschien. Prüfend musterte er die kurze Zweierreihe. Die beiden schwarz gelockten Burschen in der ersten Reihe waren Zwillinge. Sie überragten ihn um einen halben Kopf und waren nur knapp jünger als er. Hinter ihnen folgte Anja. Sie warf ihr volles braunes Haar aus dem Gesicht und lächelte ihm fröhlich zu. Die blonde Rhiana neben ihr war ein zurückhaltendes Mädchen, aber Darrian mochte ihre überlegte Art die Dinge anzugehen.

Eine plötzliche Bewegung am Ende der Reihe lenkte seinen Blick auf zwei Buben, beide knapp elf Jahre alt. Sie stritten darüber, wer die Sachen der gleichaltrigen Semira tragen durfte, die stolz wie eine Königin hinter ihnen her schritt. Fenrik rempelte Hieron den Ellbogen in den Arm, der dabei beinahe die kostbaren Alchimieschalen fallen ließ, während Fenrik seine Bücherstapel nur mit Mühe unter Kontrolle hielt.

„Aufhören! Sofort!“ brüllte Darrian. Auch er spielte gerne den Kavalier, besonders für Anja, wenn sich eine Gelegenheit ergab, aber was die Beiden aufführten war lächerlich. Hübsch war die Kleine ja, das gestand er gerne zu, aber die Freundlichkeit des blonden Mädchens war oberflächlich und distanziert.

Die hellen Umhänge trotzten der kühlen Morgenluft nur ungenügend. Darrian war froh, als sie den Holzschuppen erreichten, der seit drei Wochen als provisorische Experimentierkammer diente. Der eigentliche Labortrakt lag aus guten Gründen in einiger Entfernung zu den übrigen Gebäuden, aber bis zu dem Brand hatten die Schüler diese Vorsichtsmaßnahme für eine Wichtigtuerei der Professoren gehalten.

Einer nach dem Anderen traten die Schüler in den Raum mit den Arbeitstischen. Semira strich dabei an Darrian vorbei. Ein strahlendes Lächeln huschte über ihr Gesicht, während ihre blitzenden, tiefgrünen Augen seinen Blick einfingen. Ich muss sie im Auge behalten, dachte er irritiert. Als Ältester muss ich schließlich für Ordnung sorgen.

* * *

Den Unterricht führte Magistra Rowina Schmied. Darrian mochte die junge Lehrerin, die sich so für die Kunst der Alchimie begeisterte.

„Auch wenn ihr jetzt noch einfache Mischungen aus billigen Substanzen herstellt, liegt es in eurem Interesse, mehr als nur die elementaren Grundzüge zu erlernen.“ Aufmerksam ging die Magierin durch die Reihen. „Stell den Brenner etwas höher, sonst wird das nichts – Die Alchimie stellt, nebst der Schmiedekunst, die höchste der nichtmagischen Wissenschaften dar. Durch ihre Kenntnis seid ihr in der Lage, aus meist einfachen, manchmal aber auch teuren und schwer zu beschaffenden Zutaten … jetzt eingießen, Anja, noch rascher – ja, gut so …. wertvolle Mixturen und Tränke herzustellen.“

Darrian konnte das Gähnen nicht länger unterdrücken. Seit Stunden arbeiteten sie an der Isolation von Blei aus einer Mischung von gelösten Metallen, und er konnte beim besten Willen nichts Aufregendes darin entdecken. Seine Gedanken schweiften zur gestrigen Zauberstunde, in der er sich mit einem perfekt ausgeführten Verformungszauber ausgezeichnet hatte. Was ist dagegen schon die Mischerei hier? Das kann dem Grunde nach jeder Apotheker. Wäre er erst ein großer Zauberer, würden das seine Gehilfen und Lehrlinge erledigen. In seinen Träumen besaß er einen Turm und genoss die Bewunderung gut zahlender Kunden.

„Die wichtigste und zugleich häufigste Anwendung besteht in der Herstellung von Heiltränken. Sie dienen der Behandlung von Wunden und Verletzungen – nicht so viel von der Säure – und repräsentieren damit das Grundprinzip der weißen Magie in vollendeter Form.“ Magistra Rowina räusperte sich. „Wiewohl in den Grundzügen einfach, bedarf die Herstellung heilender Mixturen von definierter Qualität und verlässlicher Wirkung jahrelanger Übung und höchster Sorgfalt.“

Darrians Blick schweifte durch den Raum. Anja grübelte über ihrer Schale. Die Zwillinge wehrten sich verzweifelt dagegen einzudösen und die kleine Ylva kritzelte fantastische Muster auf einen Zettel. Nur Semira war noch mit Eifer bei der Sache. Ihre Feder glitt über das Pergament, als wollte sie jedes einzelne Wort festhalten, während der Löffel in ihrer Linken die Probe rührte.

* * *

Magistra Rowina Schmidt, Lehrerin für Alchimie an der Akademie zu Rand

„Magistra!“, rief Semira aufgeregt. „Wenn ich dem Blei, solange es noch gelöst ist, sofort den Diamantstaub und die Krötengalle zufüge, kann ich die Basis für einen Wandlungstrank herstellen, ohne dazwischen abzukühlen. Dann müsste die Verteilung in der Probe auch feiner sein.“

Genial, schoss es Rowina durch den Kopf. Das könnte tatsächlich funktionieren. Das Mädchen besaß eine natürliche Begabung, und ihr Eifer und ihre kreativen Einfälle begeisterten die Lehrerin. Sie dachte an ihre Forschungen für die Rezeptur eines verbesserten Stärkungstranks. Ich werde fragen, ob mir die Kleine den einen oder anderen Nachmittag helfen darf. Da lernt sie viel, wir haben Spaß daran und vielleicht hat sie ja noch mehr Ideen, die uns weiter bringen.

Als sie wieder aufsah, waren die Schüler dabei die Materialien wegzuräumen und ihre Schalen zu säubern. „Los, raus jetzt“, rief sie den Kindern fröhlich nach, während diese ins Sonnenlicht drängten.

Eine Schande, dass sich so Wenige ernsthaft für die Alchimie interessieren, grübelte Rowina, während ihr Blick dem blonden Mädchen folgte. Obwohl die Art der Tränke, die ein Absolvent einer weißen Schule herstellen durfte, eingeschränkt war, ermöglichte deren Verkauf doch ein gutes und angesehenes Auskommen, ohne sich in ein festes Dienstverhältnis oder einen bewaffneten Konflikt zu begeben. Aber die direkte Anwendung von Magie war für die angehenden Zauberer natürlich verlockender, musste sich die junge Lehrkraft eingestehen.

Die Sache mit der Bleilösung probiere ich gleich aus.

Am Weg zum Experimentiertisch hielt sie inne und ihre Euphorie wich Bestürzung: Der Wandlungstrank zählte zu den verbotenen Elixieren. Durch seine vollendete Täuschung konnte man dunkle Machenschaften und Verbrechen nicht nur verbergen, sondern auch noch Unschuldigen anlasten. Die Liste der verbotenen Elixiere war ein unverzichtbarer Bestandteil des Unterrichts, aber Rowina konnte sich nicht entsinnen, jemals auch nur einen Bestandteil der Mixtur erwähnt zu haben. Um das Gespräch werde ich nicht herumkommen, seufzte sie, während sie lustlos ihren Tisch aufräumte.

Zurück in ihrem Arbeitszimmer musterte sie das Schränkchen mit den Rezepturen. Die sorgfältig gearbeiteten Intarsien auf den Türchen zeigten eine Auswahl bekannter Heilpflanzen. Das Schloss war unversperrt. Ich habe ganz sicher abgesperrt, so wie jedes Mal …. In Rowina keimte ein Verdacht.

„TANIS sei Dank“, entfuhr es ihr, als sie die Bände mit den verbotenen Rezepten an ihrem Platz vorfand.

Das Buch mit dem schwarzen Einband stand für den Tod. Es enthielt eine erkleckliche Anzahl von Giften, teils langsam wirkend, teils rasch, in ihrer Wirkung von Schwächeanfällen bis zum unvermeidlichen Tod reichend.

Der grüne Band enthielt Tränke zur Manipulation des Geistes. Hierin fand sich beispielsweise die Anleitung zur Herstellung des berüchtigten Wahrheitselixiers. Auch diese Substanz zählte zu den verbotenen Rezepturen, ihre Anwendung war aber – unter Einhaltung strikter Regeln – freigegeben worden.

Die Seiten des roten Buches waren den Elixieren zur Verzauberung von Lebewesen gewidmet. Die Auswahl reichte von harmlosen Spielereien, wie stimmverändernden Anwendungen, bis zu eben jenem Wandlungstrank, den die kleine Semira vorhin so beiläufig angesprochen hatte.

Rowina betrachtete die verbotenen Bücher mit einer Mischung aus Faszination und Abscheu. Ausgewählte Weißmagier mussten sich mit diesen perversen Verirrungen der Alchimie auseinandersetzten. Für die einwandfreie Identifikation aufgefundener Tränke war dies ebenso von Bedeutung, wie für die Erforschung und Weiterentwicklung wirksamer Gegenmittel, und es oblag Rowina, jene verbotenen Wirkstoffe herzustellen, deren verderbliche Wirkungen noch analysiert werden mussten.

Also habe ich wirklich nur vergessen abzuschließen, sagte sie sich, doch ihre Unruhe legte sich nicht. Sie öffnete das Kästchen erneut, und diesmal nahm sie den roten Band heraus. Hastig blätterte sie nach der Rezeptur und stieß erleichtert die angehaltene Luft aus. Nichts deutete darauf hin, dass das Buch vor kurzem benutzt worden wäre, doch beim Zuklappen fiel ihr Blick auf ein einzelnes blondes Haar, das sich im Faden der Bindung verfangen hatte.

* * *

Jahr 22 des Kaisers Polanas, Spätsommer

Romero Likandros, Lehrmeister der Verwandlung an der Akademie zu Rand

Die Platane im Hof der Verwandlungsakademie war alt. Im Schatten ihrer ausladenden Krone fand sich ein Dutzend Novizen zum Stockfechten ein, und noch einmal so viele Schüler der unteren Jahrgänge nutzten die entfallene Alchimiestunde, um den Älteren zuzusehen.

Kampfzauber wurden in Rand nur rudimentär gelehrt, gerade einmal das Nötigste. Kraft und Gewandtheit zählten nicht zu den Stärken der angehenden Zauberer. Wer als feuerspeiender Kampfmagier den Ausgang einer Schlacht beeinflussen wollte, war in Bethan besser aufgehoben. Dennoch sollte jeder Weißmagier in der Lage sein, sich zu verteidigen.

Oft war es schwierig, die Schützlinge für den Kampfunterricht zu begeistern und Magister Romero Likandros war dankbar, dass ihm Ran zur Seite stand, ein ehemaliger Küchenbediensteter, dessen athletischer Körper für den Nahkampf wie geschaffen war. Der junge Mann war ein respektabler Stockfechter und übte gerne mit den Novizen.

Magister Likandros ergriff das Wort: „Heute lernen wir, uns gegen eine Entwaffnung zu wehren. Dies ist für Magier von eminenter Bedeutung, da wir mit dem Zauberstab nicht nur unsere Waffe, sondern auch unser wichtigstes Werkzeug verlieren. Ran wird die Entwaffnung vorführen, ehe Ihr Euch mit den Abwehrmaßnahmen vertraut macht. Freiwillige?“

Ardana meldete sich sofort. Die schwarzhaarige Novizin war eine miserable Kämpferin, hatte aber ein Auge auf Ran geworfen. Seitdem ließ sie keine Gelegenheit aus, um den körperlichen Kontakt während der Fechtstunden zu nutzen. Die junge Frau trat vor, packte ihren Stab mit beiden Händen und nahm die typische Verteidigungsstellung ein.