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Kann man sich Schüler zu Feinden machen? - Carmen Kinkel, Lehrerin für Deutsch an einem süddeutschen Gymnasium, hält dies für möglich. Wie anders wäre das bizarre Verhalten einiger Jugendlicher in einer 10. Klasse zu erklären? Dann findet man Carmens Leiche und die Untersuchung beginnt. Kommissar Wieland stößt auf ein komplexes Beziehungsgeflecht. Nachbarn und Kollegen haben etwas zu sagen - aber sagen sie auch die Wahrheit über Carmen Kinkel? Suchen sie nicht vielmehr eigene Interessen zu verbergen? Kommissar Wieland kommt nur gegen Widerstände mit seiner Untersuchung voran, zumal auch die frühere Verbindung seines Bruders zu der Toten ein Schlaglicht auf Menschlich-Allzumenschliches wirft. Und dann sind da noch die Schüler. - Honorieren sie das Bemühen der Lehrer um Vernunft und Aufklärung? Oder spielt Kollege Kuhn, Religionslehrer, getrennt lebend und auf der Suche, eine Doppelrolle? An 'die Wahrheit' will Kommissar Wieland weiterhin glauben, auch wenn das Spiel zwischen Täter und Opfer undurchschaubar und die reine Lehre der Vernunft gegenüber obskuren Vorstellungen von schwarzer Magie den Kürzeren zu ziehen scheint.
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Seitenzahl: 413
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Teil I: Die Lehrerin
Teil II: Der Kommissar
Teil III: Böses Blut
Sie wachte auf mit schmerzenden Gliedern, das T-Shirt feucht von Schweiß. Vorsichtig streckte sie sich und atmete langsam und tief, denn sie fürchtete den Stich in der Brust, aber er blieb aus. Sie entspannte sich.
Während sich der Krampf in den Muskeln langsam löste, fingen ihre Gedanken an zu kreisen: Was ist los mit mir? Bin ich krank?
Es war nicht das erste Mal, dass der Schmerz in ihrem Körper sie weckte. Welch quälender Albtraum folterte sie? Sie konnte sich an nichts erinnern.
Draußen war es noch dunkel. Wieder fehlte ihr eine Stunde kostbaren Schlafes.
Neben ihrem Gesicht spürte sie das aufgeschlagene Buch, die oberen Seiten zerknautscht, der neue Mankell, in dem sie gelesen hatte, bis ihr die Augen zugefallen waren. Sollten die grausamen Morde in Schweden sie bis in den Traum verfolgt haben? Aber sie konnte sich nicht in Erinnerung rufen, was zuletzt geschehen war, dagegen fiel ihr Baiba ein, die Sehnsucht Kommissar Wallanders nach Baiba, Baiba, was für ein Name!
Von draußen sickerte langsam graues Licht durch die Spalten der Läden ins Zimmer. Vorsichtig drehte sie den Kopf zum Wecker. Ihr Nacken war immer noch steif. Gleich würde es läuten.
Die Pflicht ruft.
Dumme Redensart, die nicht einmal stimmt. Pflicht ist, nach Immanuel Kant, ein Handeln aus freier moralischer Überzeugung. Aber sie, sie würde jetzt gleich aufstehen und ihrem Beruf nachgehen, weil sie Geld verdienen musste. Sie rief keine Pflicht. Nur Notwendigkeit und Gewohnheit. Also bin ich unfrei. Immanuel Kant. Ethik-Unterricht der 12. Klasse. Ah, es ist so weit.
Der Wecker war nicht in Reichweite. Sie musste aufstehen um das nervtötende Piepen abzustellen. Ein Trick: denn einmal in der Vertikalen war es leichter, der Versuchung zu widerstehen, noch für zwei, drei Minuten, die sich unmerklich lange ausdehnen konnten, liegen zu bleiben.
Trick Nummer zwei: Den Ton hielt man nicht länger als eine Minute aus. Sie hatte sich absichtlich kein Gerät mit einem melodischen Klingeln gekauft oder gar einen Radiowecker, der auf den Klassik-Sender zu programmieren war.
Wozu etwas beschönigen? So kommt man in den Tag.
In der Schule führte sie ihr erster Weg auf die Toilette.
Bei Tageslicht sehe ich fürchterlich aus!
Das stellte sie jedes Mal fest, wenn sie auf der Lehrertoilette in den Spiegel neben dem großen, dick verglasten Fenster starrte.
Die Schminke war wieder zu dick aufgetragen. Sie gab die Schuld ihrem Badezimmer mit der künstlichen Beleuchtung.
Aber es blieb keine Zeit mehr etwas zu ändern. Konnte man überhaupt je etwas ändern? Es würde nur noch schlimmer, wenn sie mit Papier versuchte, die schwarzen Partikel von ihren Wimpern zu zupfen. Alles verschmiert! Der Lippenstift: viel zu dunkel.
Wie sehe ich aus! Die Kinkel, die Hexe!
Hoffentlich kommt niemand herein.
Morgens roch es hier noch nach Putzmitteln. Antiseptisch. Die einzige Zeit, in der man aufs Klo konnte. Später dann die Ausdünstungen der Kolleginnen und die Rückschlüsse, die sich einem aufdrängten: Kaffee zum Frühstück, Kohlgemüse am Vorabend. Makrobiotische Kost, wenn es sehr säuerlich roch.
Sie starrte ihr Spiegelbild an. Wer würde im Laufe des Tages schon so nah an sie herankommen wie sie sich selbst am Morgen im Spiegel?
Sie trat einen Schritt zurück
Und wer würde erraten, dass diese Person in dem tomatenroten Etuikleid erfolgreich eine Rolle spielte, hinter der sich eine andere Carmen Kinkel verbarg, in verzweifelter Lage Lehrerin geworden, mittlerweile Oberstudienrätin, 41 Jahre alt, und noch immer verzweifelt.
Es klingelte zum ersten Mal.
Sie verließ die Toilette und machte sich auf den Weg in das Klassenzimmer, noch immer ihr Spiegelbild vor Augen und die Stimme ihrer Friseurin im Ohr: die harten Konturen verwischen, abdämpfen, Linien kaschieren, schattieren und mehr Pastellfarbenes tragen: Apricot zum Beispiel, das schmeichelt, die sanfte Farbe für den schwierigen Übergang.
Margit Gerke fiel ihr ein, die in einem Jeansanzug, bluebleached, herumlief mit Schlaghose, boot-cut, und bestickter Jacke! Das hatte man vor zwanzig Jahren getragen, als sie jung war; heute würde sie sich darin fühlen wie ein Dinosaurier im Vergnügungspark.
Gleich wird es zum zweiten Mal läuten. Ich muss in die Klasse!
Die langen, fast fensterlosen Flure, durch elektrisches Licht hell erleuchtet, leerten sich bereits, die letzten Schüler verschwanden schnell hinter den Türen der Klassenräume.
Verflixt, ich habe das Klassenbuch vergessen. Muss zuerst noch ins Lehrerzimmer.
Eine Kollegin, auf den Armen einen Stapel Schulbücher balancierend, trat ihr rückwärts an der Tür entgegen. Margit, wie immer spät unterwegs, hatte es eilig, das konnte ihr nur recht sein.
„Grüß dich, Carmen!“ „Morgen.“
„Wenn du etwas kopieren willst,...“ „Nein, nein, ich will nur....“
„..der Kopierer ist defekt.“ „...das Klassenbuch holen.“
„Dann bis....“ „ ...bis später.“
Es hilft ja alles nichts.
Noch sechs Wochen bis Pfingsten.
Stumm betrachtete Kommissar Wieland die Tote. Eine unauffällige Erscheinung, hübsch waren eher die Details: das dichte Haar, ein matt glänzendes Aschblond, leicht lockig. Die Haarspange war aufgegangen, mit der sie es nach hinten gebunden hatte. Feine Gesichtszüge, aber etwas streng durch die Falten, die zu den Mundwinkeln liefen. Der Mund, eher klein, die Lippen zart geschnitten, die Augen dunkelblau, fast violett, mit langen, dichten Wimpern, schwarz getuscht. Alter um die Vierzig. Mittelgroß, Figur sehr schlank, trotzdem weiblich, vor allem die Oberweite. Er konnte nicht umhin, das zu registrieren, obwohl sie tot war. Waren Tote nicht sakrosankt? Es war ihm etwas peinlich.
Angezogen ganz in Weiß, schmaler Leinenrock und eine dünne Bluse aus Baumwollchiffon, darunter ein schmuckloser weißer BH. Ein weißes Totengewand. So bestattete man in Asien die Toten. Er war irritiert: Sie konnte nicht gewusst haben, dass sie so sterben würde.
Beige Sandalen an den Füßen, die Nägel perlmuttfarben lackiert, das hatte er schon lange nicht mehr gesehen.
Eine eher unauffällige Frau, wäre da nicht das Loch in der Brust und das Blut, das auf der Bluse und dem weißen Leder der Couch einen braunen Fleck hinterlassen hatte.
Sie lag ganz entspannt da, in die zitronengelben Seidenkissen gesunken, etwas zur Seite geneigt, als wäre sie, sich bequem zurücklehnend, gestorben. Aber ihr Gesichtsausdruck war verschlossen und gab nichts Preis.
Wieland sah sich um.
Der Raum, in dem die Tote lag, das Wohnzimmer, wirkte hell und freundlich mit den schlanken Regalen und Vitrinen aus naturbelassenem Pinienholz, den pastellfarben getönten mintgrünen Wänden, der weißen Sitzgarnitur. Perfekt. Er meinte dergleichen in Schaufenstern schon gesehen zu haben oder in Zeitschriften, die beim Zahnarzt auslagen. Wohnstil und dergleichen. Eine Glastür führte auf die Terrasse, die Tür war nicht geschlossen, ein Flügel nur angelehnt, die gelb-weiß gestreiften Vorhänge aber zugezogen. Ein Couchtisch mit einer Platte aus gefrostetem Glas, darauf ein verchromtes Tablett mit einer Flasche Rotwein und zwei Gläsern, die Flasche ungeöffnet, die Gläser unbenutzt. Sie schien einen Gast erwartet zu haben.
Den Mörder?
In der Küche der durch einen Raumteiler abgetrennte Essplatz gedeckt für zwei Personen, aber es gab keine Nahrungsmittel, nicht auf dem Tisch, nicht im oder auf dem Herd. Das überraschte ihn.
Dagegen stapelten sich in der Spüle sechs Gläser mit Resten von ...er roch daran... Apfelsaft, Apfelschorle.
Leere Flaschen standen in der Ecke neben dem Küchenschrank. Er hatte richtig geraten, Mineralwasser, Apfelsaft und eine leere Rotweinflasche.
Sechs Gläser? Wieso sechs benutzte Gläser? Die Küche war ansonsten aufgeräumt, keine Küchenabfälle, im Kühlschrank keine Speisereste. Etwas Gemüse im Schubfach, Eier, Käse.
Was hatte sie servieren wollen?
Das Bad war weniger aufgeräumt. Die Frau musste es kurz vor ihrer Ermordung noch benutzt haben. Handtücher, Kosmetikartikel und Haarbürsten lagen herum, ein weißes Top aus Leinen war unachtsam über einen Hocker aus Rohrgeflecht geworfen, der – Wieland hob den Deckel - auch als Wäschecontainer diente. Er fand darin marineblaues Leinenzeug und weiße Unterwäsche.
Es gab viel Rosa in dem Bad, was er unpassend fand, es zerstörte das Bild, das er sich von der Toten gemacht hatte: Sie hatte nichts übrig für Kitsch.
Die Toilette war separat, typisch für den Baustil der 70er Jahre, heute würde man zwei WC einbauen, eines für Gäste und eines im Bad, und, wenn es der Platz erlaubte, daneben ein Bidet.
Das kleine Waschbecken fiel ihm auf, es war antik, aus weiß emailliertem Metall, rund, mit blumenartigen Verzierungen am Beckenrand, der Hahn, ziemlich hoch angebracht, aus Messing, glänzte frisch poliert, als wäre er aus Gold. Am Boden fand er Spuren von Metallstaub, einen kaputten Dichtring und getrocknete Wasserspuren auf den empfindlichen schwarzen Steinfliesen. Das Becken musste erst vor kurzem installiert worden sein und es war offenbar nicht einfach gewesen, das alte Ding an das moderne Rohrsystem anzuschließen.
Hatte sie einen Handwerker da gehabt oder hatte ihr ein Freund, ein Kollege, ein Nachbar geholfen?
Ein Arbeitszimmer, an drei Wänden Bücherregale bis zur Decke, er tippte auf Esche, ein alter ausladender Kirschholz-Schreibtisch, etwas beschädigt, schräg ans Fenster gestellt, voll mit Stapeln verschiedenfarbiger Hefte, Schulhefte vermutlich. Dafür war später noch Zeit.
In der Aktentasche, die neben dem Stuhl lehnte, suchte er nach dem Portefeuille und fand auch gleich den Ausweis. Das Bild war neueren Datums und zeigte die Tote. Carmen Theresa Kinkel. Geboren in Bad Göppingen. Sie sah jünger aus als sie dem Datum nach war. Wieland schob den Ausweis zurück, die Kollegen würden die wichtigen Papiere mitnehmen.
Das Schlafzimmer war in fernöstlichem Stil eingerichtet, die Wände weiß, in der Mitte ein ebenholzfarbenes Futonbett mit zerwühlten Kissen aus glänzendem roten Satin. Der Kleiderschrank, der eine ganze Wand einnahm, hatte aus Peddigrohr geflochtene Schiebetüren, eine davon stand halb offen und ließ den Blick zu auf eine Reihe dicht gedrängt hängender Blusen und Jacken. Vor den Fenstern waren Rollos aus weißem Reis-Papier, sie gaben dem Raum eine angenehm milchige Helle. Wann hatte sie das Bett zuletzt benutzt?
Allein? Oder mit ihrem Mörder?
Eine interessante Wohnung, fand er: drei Räume – drei verschiedene Eindrücke: Am auffälligsten das Schlafzimmer mit seinen sinnlichen Farben; das Wohnzimmer in zarten Pastelltönen wirkte dagegen blass, das Arbeitszimmer antiquiert, mit den verstaubten Bücherwänden, der gestreiften Stiltapete, dem chinesischen Teppich.
Die Einbau-Küche überaus einfach, ohne modernes Schnickschnack. Funktional. Hellgraues Resopal. Sie war wahrscheinlich keine große Köchin gewesen.
Lebte in drei verschiedenen Welten. War sie eine multiple Persönlichkeit? Sinnlich – mondän – altmodisch?
Sie hatte einen gewissem stilistischen Ehrgeiz. Nahm die Dinge nicht so, wie sie kamen, sondern hielt ihre Erwartungen dagegen. Formbewusst.
Er war geneigt, sie am ehesten in ihrem Wohnzimmer zuhause zu finden. Kühl, elegant.
Das Arbeitszimmer hatte etwas von einem Museum – eine gebildete Frau, zweifellos.
Wieder betrat er das Schlafzimmer. Die Schlichtheit des asiatischen Stils kontrastierte wirkungsvoll mit den schweren Farben. Aber das Rot sprach eine zu deutliche Sprache, weiß passte besser zu ihr, die Farbe der Unschuld - an einem reifen Körper. – Nicht ausgelebte Erotik?
Ein nicht serviertes Abendessen. Nicht getrunkener Wein.
Aber: ein benutztes Bett.
Sie ließ die Klassenzimmertür hinter sich ins Schloss fallen.
Die Zehnte war verhältnismäßig still, wie oft an Dienstagen, wenn die Wochenenderlebnisse schließlich in den Hintergrund traten. Schreckenstage waren die Montage, wenn kein Schüler mitarbeitete, weil jeder mit den Gedanken noch ganz woanders war und man sich in den Pausen aufeinander stürzte, um die angeblich existentiell wichtigen Informationen auszutauschen, so dass in den folgenden Unterrichtsstunden jeder wieder ausreichend Stoff hatte um ins Privatleben abzutauchen. Aber am Dienstag konnte man in der Regel mit den Schülern arbeiten.
„Guten Morgen!“
Man nahm ihr Erscheinen geflissentlich zur Kenntnis.
Das Klassenbuch.
Ihre Hände machten fahrige Bewegungen auf dem Pult.
„Absenzen?“ Sie beugte sich über das Buch. Einen Augenblick Zeit gewinnen.
Ihre Schrift war krakelig. Wie schaffen es manche Kollegen bloß, in Schönschrift einzutragen! Ich kann kaum lesen, was ich geschrieben habe.
Wo sind meine Notizen?
Sie suchte nach der orangefarbenen Mappe in ihrer Tasche und schlug sie auf.
Wie wollte ich anfangen? Ich hatte mir doch eine Einstiegsfrage überlegt. Moment, wo ist denn das Blatt?
Hastig blätterte sie ihre Unterlagen durch, konnte das Gesuchte nicht finden. Aufkommende Leere im Kopf.
Nur langsam.
Vielleicht sollte ich einfach mit den Hausaufgaben beginnen.
Sie sichtete noch einmal den Inhalt der Mappe: Es kann doch nicht sein, dass ich das Blatt gestern Abend nicht eingepackt habe?! Ich werde doch nicht meine ganzen Unterrichtsvorbereitungen zu Hause auf dem Tisch liegen gelassen haben?! Sie fühlte Panik in sich aufsteigen.
Nur die Ruhe bewahren! Schließlich werde ich von niemandem mehr examiniert! Also...
„Besprechen wir die Hausaufgaben, die ihr auf heute zu machen hattet.“ - - - Ihr Blick flog durch die Klasse, blieb an einem aufmerksamen Gesicht hängen.
„Brenda?“
„Was meinen Sie, Frau Kinkel? Wir sollten uns doch aussuchen... Ich weiß jetzt nicht, was Sie hören wollen.“
Mein Gott, Brenda, auf dich ist doch sonst immer Verlass. Lass mich jetzt nicht im Stich.
Es gab von gestern keinen Eintrag im Klassenbuch unter der Rubrik „Aufgaben“.
„Sage uns doch einfach, was du gemacht hast, Brenda.“
„Ich habe mich für das Plädoyer des Verteidigers entschieden.“
Mit einem Schlag wusste sie wieder Bescheid.
„Ah, ja, genau. Du hast also eine Verteidigungsrede für den des Mordes Angeklagten Christian Wolf geschrieben?“
Jetzt wusste sie, wie es weiter gehen konnte.
„Schön. Aber dann wäre es doch angebracht, wenn wir zuerst die Anklage hören könnten. Wer hat sich dafür entschieden, die Rede eines Staatsanwalts zu schreiben?“
Die Schüler beugten sich träge nach ihren Mappen. Langsam füllten sich die leeren Tische mit Heften, Ordnern, Büchern und Federmäppchen.
Die Unruhe lud zum Schwätzen ein, es wurde laut in der Klasse. „Ruhe!“
Ob es ihr gelungen war, die Schüler mit dieser Aufgabe mehr für Friedrich Schiller zu begeistern? Seine Erzählung „Der Verbrecher aus verlorener Ehre“ müsste doch eigentlich ankommen. - Aber der pathetische Stil Schillers stieß die Schüler ab. Dazu kam, dass viele kaum lesen konnten! Jedes nicht so häufig vorkommende Wort buchstabierten sie langsam und verloren darüber den Sinnzusammenhang des Satzes.
„Nun, meldet sich keiner freiwillig? Dann werde ich jemand aufrufen...... Patrick?“
Ich Idiotin! Warum muss ich gerade den aufrufen? Was treibt mich dazu, den Konflikt mit ihm zu suchen? Ich weiß doch, dass es völlig aussichtslos ist!
Er stiert mich an. Da ist er wieder, dieser Blick.
Die Klasse schweigt erwartungsvoll.
Einige Mädchen schauten sie mitleidig an: Blöd genug ist sie ja, dass sie sich immer wieder mit Patrick und seiner Clique anlegt. Sie konnte ihnen die Gedanken von den Gesichtern ablesen.
„Nun, Patrick?“ Sie versuchte kühl zu bleiben. „Was hast du ausgearbeitet? Eine Anklagerede?“
Immer noch der hypnotisierende Blick. Was glaubt er denn, wer er ist?!
Sie versuchte keine Miene zu verziehen und näherte sich seinem Tisch. Da lag etwas, das aussah wie eine Zeitschrift. Könnte aber auch ein in Illustriertenpapier eingeschlagenes Heft sein. Also Vorsicht.
„Patrick, ich will, dass du deine Hausaufgabe vorliest.“
„Ja. Moment.“ Patrick bückte sich langsam und wühlte in seinem Rucksack. Dann kam er wieder hoch. „Ich habe sie nicht dabei.“
„Was heißt das, du hast sie nicht dabei?!“
„Dass ich sie nicht dabei habe.“
„Hast du sie vergessen?“
Die träge Stimme sprach ihr nach: „Ich habe sie vergessen.“
„Ich meine, hast du sie denn überhaupt gemacht?“
„Ich habe Ihnen doch gesagt, dass ich sie nicht habe.“
„Ja, aber hast du sie gemacht?“
„Ich habe sie vergessen.“
„Du hast sie also nicht gemacht?“
Er stierte sie mit seinen blauen Augen unverwandt an. Neuerdings trug er seine blonden Locken kurz und mit Gel zu einer Igelfrisur gestylt. Trotzdem wirkte er unauffällig. Ganz anders als Agneta, die neben ihm saß, ein Punk-Mädchen, mit zerrissenen Netzstrümpfen und einer zur Zeit rot gefärbten Haarmähne auf der linken Schädelhälfte - die andere wirkte immer noch kahl, obwohl sich bereits wieder dunkler Flaum bildete.
Wenn ich nur wüsste, woran ich bei Patrick bin. – „Also?“
„Was wollen Sie hören?“
„Die Wahrheit. Wo sind die Hausaufgaben?“
Dieser Blick ist so etwas von idiotisch! Natürlich weiche ich ihm aus. Da steckt doch eine Absicht dahinter! Will er mich in Verlegenheit bringen, oder was?
„Also, in Wahrheit...“ „Ja?“
„Wollen Sie’s wirklich wissen?“ „Natürlich.“
„Also, ich hatte keinen Bock.“ „Aber das geht nicht!“
„Was?“ „Dass du mir sagst, dass du einfach keinen Bock hattest, die Hausaufgaben zu machen!“
„Aber es ist die Wahrheit.“ „Patrick, ich trage dich jetzt ins Klassenbuch ein.“
Da schaltete sich Tobias ein. Sie hatte eigentlich schon die ganze Zeit darauf gewartet.
„Wieso wird man bestraft, wenn man die Wahrheit sagt?“
„Er wird ja nicht dafür bestraft, sondern weil er seine Hausaufgaben nicht gemacht hat.“
„Aber er hat gesagt, warum er sie nicht gemacht hat.“
„Aber das ist doch kein ausreichender Grund, sie nicht zu machen!“
„Aber es ist die Wahrheit.“
Patrick fing den Spielball. Sie wusste, was jetzt kam. Wie konnte ich nur so dumm sein, ausgerechnet ihn aufzurufen!
„Geben Sie doch zu, man wird bestraft, wenn man die Wahrheit sagt.“
„Darum geht es hier nicht! Das weißt du genau!“
„Wenn ich gesagt hätte, dass ich sie gemacht, aber zu Hause liegen gelassen habe, dann würden Sie mich nicht bestrafen, oder?“
„Dann würden Sie ihm glauben müssen, denn jeder kann ja mal etwas vergessen!“
Zwei Augenpaare starrten sie herausfordernd an.
Die Klasse schien unbeteiligt.
„Ja...“ Sie zögerte. Worin verwickelte sie sich da? Sicherlich, jeder kann mal etwas vergessen... Ich sollte nicht so misstrauisch sein. Vertrauen bilden.
„Also hast du deine Hausaufgabe nur zu Hause liegen lassen. Sicher, das kann jedem passieren. Lege sie mir dann morgen vor.“
In die blauen Augen trat ein hämisches Funkeln. Oder bildete sie sich das nur ein?
Sonst war kein Blick mehr auf sie gerichtet.
Als sie zwei Stunden später die Klasse wieder verließ, war sie schweißgebadet. Zum Glück hatte sie eine Freistunde, Zeit, sich mit dem folgenden Unterrichtsstoff zu beschäftigen, aber das war weiter kein Problem, sie würde nur ein Referat abnehmen müssen. Was hatte sich die Schülerin aus der Literaturliste ausgesucht? Ah, ja: Erich Maria Remarque „Im Westen nichts Neues“, den weltberühmten Antikriegsroman. Sie ließ ihre Mappe auf ihrem Platz im Lehrerzimmer stehen und machte sich auf den Weg in die Schulbibliothek, mit der Absicht, noch einen Blick in den „Kindler“, das vielbändige Literaturlexikon, zu werfen, um sich der wichtigsten interpretatorischen Gesichtspunkte zu versichern, und auch um den Roman selbst noch einmal in die Hand zu nehmen. Möglich, dass sie Detailfragen stellen musste. Schließlich konnte man sich heutzutage Referatstexte über das Internet mühelos besorgen. Wie sollte sie sonst feststellen können, ob ein Schüler das Buch wirklich gelesen hat?
Ihr fiel ein, dass im letzten Jahr ein Junge einen Band mitgebracht hatte, in welchem Kriegsverletzungen aus dem Ersten Weltkrieg im Detail abgebildet waren. Er ließ das Buch in der Klasse herumgehen. Kaum jemand, der nicht die abstoßenden Fotos fasziniert betrachtet hatte.
„Geilt euch nicht an diesen schrecklichen Tatsachen auf“, hatte sie gemahnt, den Jargon der Jugendlichen benutzend.
Doch die Schüler hörten gar nicht hin. „Haben Sie das schon gesehen?“, fragte einer und hielt ihr das Buch mit der Abbildung eines halb zerfetzten Gesichts unter die Nase. „Eine Handgranate!“
Es entsprach wohl kaum der erzieherischen Absicht Remarques, dass sich Jugendliche an der kriegerischen Gewalt und deren Folgen sensationslüstern delektierten. – Was einmal abschrecken sollte, schien heute eher zu animieren.
Sie hoffte, die Referentin würde nicht die Friedhofszene, die scheinbar recht beliebt war unter Schülern, vorlesen und einige Mädchen der Klasse zu Igitt und Iii und Mir-wird-schlecht-Ankündigungen veranlassen. -
In der Bibliothek sah sie Konrad an einem Tisch vor einem Stoß Bücher sitzen. Seit er sich von seiner Frau getrennt hatte, verbrachte er viel Zeit in der Schule. In seiner Ein-Zimmer-Wohnung fiel ihm wohl die Decke auf den Kopf. Vermutlich fehlten ihm auch seine Kinder, obwohl die Jungen, wie es hieß, rechte Muttersöhnchen sein sollen. –Früher hätte sie vielleicht einen Vorstoß unternommen, ... aber heute?
„Grüß dich, Carmen“. Er hob den Kopf mit den grau gewordenen Locken und sah sie an, wie ein Bittsteller, fand sie, das machte sie zornig. Kein vertrauliches Gespräch über die Beziehungskrise! Verarbeite du die Trennung erst mal, dann sehen wir weiter!
Sie wollte nur noch Männer ohne Altlasten: oft genug hatte sie das Porzellan zerbrochener Ehen entsorgt, nur damit sie dann, wenn das vergiftete Terrain abgetragen und der Boden wieder sauber war, in die Ecke gestellt werden konnte, mit salbungsvollen Worten bedacht: du bist ein wirklicher Freund, du hast mir über diese schwere Zeit hinweggeholfen, ohne dich hätte ich es nicht geschafft, hast mir den Glauben an die Frauen zurückgegeben...
Nein, ich will mich nicht mehr ausbeuten lassen!
Sie wandte sich schnell dem Bücherregal zu: Deutsche Literatur Moderne. R. Remarque. Da war er. Sie zog den Roman heraus und das Buch öffnete sich von selbst. Sie überflog die aufgeschlagene Seite: „...knallt es gegen meinen Schädel...Nicht ohnmächtig werden!... versinke in schwarzem Brei...Vor mir ist ein Loch aufgerissen...will ich hinein... rasch krieche ich zusammen, greife nach der Deckung, fühle links etwas, es gibt nach, ich stöhne, die Erde zerreißt... ich krieche unter das Nachgebende, decke es über mich...“
Das war sie, die Szene, in welcher der Held vor dem feindlichen Angriff Schutz zwischen den kaum beerdigten Toten auf einem Friedhof suchte. Aber kann man die Jugendlichen von heute damit überhaupt noch beeindrucken?
Der Text kam ihr eigentlich recht harmlos vor im Vergleich zu den Horrorbildern, die das Fernsehen Nacht für Nacht ausstrahlte. Dass es sich um die widergespiegelte Realität des Ersten Weltkrieges handelte, wurde den wenigsten Jugendlichen bewusst. Das Fernsehen hatte sie gelehrt: Realität und Fiktion waren oft nicht zu unterscheiden. Aber ich sollte nicht so pessimistisch sein. Vielleicht geht eine literarische Schilderung den Jugendlichen tiefer unter die Haut, weil sie innere Bilder dazu entwickeln? Ihre eigene Vorstellungskraft benutzen? –Bei guten Lesern mag das so sein, schränkte sie ihre Überlegungen ein, aber viele waren bereits zu passiv und in ihrem Konsumverhalten festgefahren, als dass sie die nötige Fantasie aufbrachten, das Gelesene selber zu visualisieren.
„Sag mal“, unterbrach sie Konrads Stimme aus dem Hintergrund, „was würdest du als Deutschlehrerin mir denn zur Lektüre empfehlen an lesenswerten Neuerscheinungen? Ich habe das Bedürfnis, mal wieder ein gutes Buch in die Hand zu nehmen, aber nichts Klassisches. Du kennst dich da doch sicher aus...“
Was für eine Art, mich anzumachen! Fantasieloser geht’s kaum noch!
- Oder war das etwa ernst gemeint? Ohne Hintergedanken? -
Ich darf mich nicht lächerlich machen. Was sage ich nun? – Lasse ich durchblicken, dass ich seinen Annäherungsversuch durchschaue, könnte er mich für eingebildet halten, wenn er gar nichts von mir will. – Andererseits, bleibe ich sachlich, gebe ihm nur einen Buchtipp, muss er mich für bieder und langweilig halten. - Besser, wenn ich mich geschmeichelt fühle, so oder so...
Entschlossen wandte sie sich ihm zu. Das Licht fiel seitlich durch das Fenster auf sein Gesicht. Er sah müde aus und älter als sonst. Aber es stand ihm.
Ihre Blicke trafen sich kurz, glitten aneinander ab, als wären sie vom Anblick des anderen erschrocken. Dann sagte er:
„Entschuldige, dass ich dich gestört habe. Du hast sicher hier zu tun.“
Sie hatte schon einen Schritt in seine Richtung getan und blieb nun abrupt stehen.
„Ja. Ich kann mir ja mal was für dich überlegen...“ Ihre Stimme klang heiser.
Schnell wandte sie sich wieder dem Regal zu, beugte den Kopf über das Buch in ihrer Hand, damit er nicht bemerkte, dass eine Hitzewelle in ihr aufstieg.
Idiot!
Was für ein zauberhafter Frühlingsnachmittagtag! Noch etwas verschlafen trat sie hinaus auf die Terrasse.
Seit sie nachts so wenig schlief, legte sie sich mittags gern hin. Meist nickte sie ein, oft nur ganz kurz, aber es half ihr, den Erschöpfungszustand zu überwinden, so dass sie später wieder arbeiten konnte.
Bei warmem Wetter packte sie ihre Sachen zusammen und setzte sich nach draußen, obwohl sie wusste, dass die Umgebung sie von den Korrektur-Aufgaben ablenken würde.
Ihr Blick schweifte über die blühenden Büsche auf der Wiese zu den Bäumen in frischem Grün, welche die Straße säumten, und blieb am Blumenbeet vor der Terrasse hängen: Die Rosen treiben gut dieses Jahr. Oh je, die Stiefmütterchen von den Schnecken ganz und gar abgefressen! Ob ich nicht doch Schneckenkorn streue? Letztes Jahr habe ich sie mitleidlos aufgespießt. - - - Aber sie hätte sich nicht dabei zuschauen wollen. -
Der Wind blätterte heftig in ihrem Buch und schlug auch die aufgeschlagenen Heftseiten um. Wo waren die Steine zum Beschweren? Sie hatte immer Halbedelsteine auf der Brüstung parat liegen, einen Rosenquarz, einen Bergkristall und dazu einen schwarzen Obsidian.
Die Sonne schien noch immer sehr intensiv, obwohl es bereits auf 16 Uhr zuging, aber der Wind frischte auf.
Sie stand auf, ging ins Haus um ihr Plaid zu holen. Die Schularbeiten blieben draußen liegen mitsamt dem Notenbüchlein. Es würde schon nichts passieren.
Wissen die Schüler denn, wo ich wohne?
Eigentlich mussten sie es wissen. Schließlich war sie vor nicht allzu langer Zeit der Clique um Patrick in der Nähe des Hauses begegnet. Sie konnten nur aus dem Wäldchen weiter hinten gekommen sein. Was sie da wohl getrieben haben? Geraucht? Getrunken? Gekifft?
Natürlich hätte sie fragen müssen, ob sie eine Freistunde haben. Aber - sie war nicht „im Dienst“! Man durfte auch als Lehrer einmal Privatperson sein!
Das war selbst zuhause alles andere als einfach, sie seufzte, als sie an ihre Nachbarin, die alte Frau Wunsch dachte, die sie den ganzen letzten Sommer fest im Auge gehabt hatte: wann immer sie auf ihrer Terrasse hatte arbeiten wollen, war sie aufgetaucht. Ganz zu schweigen von Manfred Scheurer, dem Hausmeister, unter dessen Blicken ihr im Bikini unbehaglich geworden war. Sie fühlte sich auf dem Präsentierteller; obwohl noch kein Kollege hier aufgetaucht war, trotz der Nähe zur Schule.
Ich sollte mich einölen.
Sie bekam leicht einen Sonnenbrand und die gebräunte Haut würde sich schnell wieder abschälen.
Lieber nicht. Die Hefte könnten fettig werden.
Sie hatte die Gewohnheit, sich mit den Fingern ins Gesicht zu fahren.
Überhaupt Scheurer: Biedert sich an, weil er glaubt, dass ich eine Art Verbündete bin gegen die Spießer in der Wohnanlage!
Dabei fand sie ihn eher unsympathisch. Aber er war clever, spielte seine dubiose Vergangenheit geschickt aus, indem er erzählte, dass er Sozialarbeiter habe werden wollen und dann selber wegen eines Drogendelikts in die Fänge der Justiz geraten sei, jetzt aber solide geworden... Wenn man politisch korrekt sein wollte, durfte man keine Vorurteile gegen ihn hegen, so spekulierte er.
Aber sie brauchte ihn. Er musste ihr endlich das antike Waschbecken installieren! Sie hatte sich so über das Schnäppchen auf dem Flohmarkt gefreut, und jetzt lag es schon seit Wochen in der Toilette und Manfred Scheurer behauptete, es gäbe keine passenden Anschlüsse in der Größe, er müsse dafür erst in ein Fachgeschäft.
Ich muss sehen, dass ich ihn dazu bekomme, mir das Becken anzuschließen. Er ist ja kein Kostverächter, es wird mir schon etwas einfallen. Ein reizendes, altes Ding aus Emaille.
Ärgerlich beugte sie sich über die Hefte. Draußen fiel es ihr in der Tat noch schwerer, sich auf die Arbeit zu konzentrieren.
Das war Agnetas Aufsatz.
Was für eine Schrift! Sie starrte einen Augenblick verblüfft auf die in einander verschlungenen Schnörkel und blätterte dann zurück: Das Mädchen hatte sich eine völlig neue Schrift zugelegt. Die aber auch nicht lesbarer war als die alte. Die Pubertät. Sie wusste Bescheid.
Dass sie am Morgen in der Klasse ihr Blatt mit der Unterrichtsvorbereitung nicht gefunden hatte konnte sie nicht begreifen: sie musste es mehrmals überblättert haben.
Als sie wieder auf die Uhr schaute, fröstelte sie, es war bereits nach 17 Uhr und die Zeit wie im Flug vergangen, aber sie war mit dem erledigten Pensum zufrieden. Zeit ins Haus zu gehen.
Aus dem Gefrierfach holte sie ein Paket Frutti di mare und begann zu kochen, lustlos, obwohl sie inzwischen Hunger hatte.
Ich mache Pasta.
Das klang immer gut, nach Gourmet-Küche, aber es würde ihr nicht besonders schmecken, das wusste sie schon.
Der Blick in die Programmzeitschrift sagte ihr, dass Fernsehen am Abend keine Alternative wäre. Mit dem Mankell würde sie aber bald fertig sein. Gut, dass sie noch einen weiteren Krimi aus der Leihbücherei hatte. Ein neuer Fall dieses italienischen Kommissars, ganz unterhaltsam. Obwohl sie seine Eheprobleme etwas nervten.
Aber nach dem Essen musste sie sich erst noch auf morgen vorbereiten, das würde sie bestimmt noch eine Stunde kosten. – Sie nippte an einem Glas Wein. Trank Brunetti nicht auch, während er kochte?
Um 22 Uhr ging sie ins Bad. Sie fühlte sich erschöpft.
Wieland rekapitulierte: Der Anruf war gegen Mittag eingegangen, die Sekretärin der Schule war am Apparat. Frau Kinkel sei heute unentschuldigt dem Dienst ferngeblieben.
Man habe mehrfach versucht, sie zu Hause zu erreichen, erfolglos. Der Hausmeister der Wohnanlage, ein Herr Scheurer, dessen Telefonnummer Frau Kinkel für Notfälle angegeben habe, sei, laut Auskunft seiner... Lebensgefährtin, gegen 10 Uhr zu einer in der Umgebung gelegenen Baumschule gefahren, da die Eigentümerversammlung beschlossen habe, das Rasenstück hinter dem Wohnblock im Herbst neu zu bepflanzen, und sei noch nicht zurück, sie selbst aber habe keine Befugnis, die Wohnungen der Eigentümer oder Mieter mit dem Universalschlüssel ihres Mannes zu betreten. Die Frau habe aber dann doch, auf Wunsch der Schule, mehrmals bei der vermissten Lehrerin geklingelt, ohne Erfolg.
Da sie, die Sekretärin, ab 13 Uhr dienstfrei habe, wolle sie die Polizei bitten, einmal nachzusehen. Sie sei doch etwas beunruhigt über Frau Kinkels Absenz, denn Frau Kinkel lebe allein, und das sei ja für eine Frau nicht immer ganz einfach...
Es könnte natürlich auch sein, dass sie gestern mit dem Auto einen Unfall hatte, das wäre andererseits aber eher unwahrscheinlich, da sie ihr Auto selten benutze, sie wohne ja ganz in Schulnähe. Andererseits könne die Polizei ja klären, ob sie in ein Krankenhaus eingeliefert worden sei. Man mache sich jedenfalls Gedanken, Frau Kinkel sei eine sehr gewissenhafte und zuverlässige Kollegin und es sehe ihr gar nicht ähnlich, unentschuldigt vom Dienst fernzubleiben. Das habe ein rechtes Chaos heute Morgen verursacht, da keine Vertretungen vorgesehen waren...
Die Sekretärin gab die Durchwahl des Direktors an, weil der noch länger an der Schule zu tun habe, und folglich erreichbar sei, eben unter besagter Nummer sodass man ihn, falls etwas Schlimmes passiert sei, informieren könne...
Wieland hatte zwei Streifenbeamte zur Wohnung der vermissten Lehrerin geschickt.
Deren Bericht zufolge hatte sich auf mehrfaches Klingeln hin niemand gemeldet. Eine aufmerksam gewordene Nachbarin, eine ältere Dame, sie wohnte in dem Appartement gegenüber, sagte, dass Frau Kinkel wohl noch im Dienst, an der Schule, sei. Die Anwesenheit der Polizeibeamten in Uniform schien sie jedoch zu beunruhigen. „Ist etwas passiert? Betrifft es Schüler von Frau Kinkel...? Diese jungen Leute heutzutage...“
Die Beamten baten sie, Frau Kinkel, wenn sie zurückgekommen sei, zu veranlassen, das Präsidium anzurufen, und hinterließen eine Karte.
„Ach“, rief sie noch den beiden hinterher, „Frau Bohn hat heute auch schon ein paar Mal umsonst hier geläutet, aber ich habe nicht aufgemacht, diese dumme Person, wissen Sie, ich dachte, die sollte doch wissen, dass Frau Kinkel im Dienst ist, schließlich ist sie mit unserem Hausmeister... liiert und weiß über uns Bescheid.“
Einer Intuition oder nur ihrer Beamtenmentalität folgend, stiegen die beiden dann nicht in ihr Auto um zurückzufahren, sondern gingen ums Haus und fanden die Terrassentür nur angelehnt. Sie drangen in die Wohnung ein und entdeckten die Tote. Das war um 13 Uhr fünfzehn.
Die Tatwaffe war bislang nicht gefunden worden.
Ich hätte doch mit den Kollegen mitgehen sollen! Aber die Reue – bereute sie denn? - kam zu spät.
Sie zog sich aus und machte sich fürs Bett zurecht, ließ sich Zeit, es eilte nicht, sie wusste, sie würde nicht gleich einschlafen können. Als sie sich übers Kinn strich, spürte sie hart und widerständig die Hexenhaare. Mutlos starrte sie in den Spiegel. Ich werde alt.
Sie wollten zusammen ins Kino gehen, es gab einen neuen Kultfilm, Cecilia war ganz begeistert davon und schaute ihn sich bereits zum zweiten Mal an. Eine skurrile Geschichte.
Drei verrückte alte Männer, die aus der Anstalt ausbrechen.
Irgendwann würde der Film im Fernsehen laufen, dann konnte sie ihn sehen. Alte Kino-Filme waren die Highlights des Programms! Wenn sie sich an ihre Kindheit erinnerte, dann sah sie sich mit roten Backen und klopfendem Herzen bei den Nachbarn sitzen und ganze Nachmittage in deren verdunkeltem Wohnzimmer vor dem Fernsehgerät zubringen. Ihre Eltern kauften sich erst spät einen Apparat und durften nicht wissen, dass sie bei Bärbel so oft vor der Mattscheibe saß. Damals hatte ihr Fernsehen unglaublich viel Spaß gemacht.
Sie massierte die Waschcreme mit den feinen Körnern für den Peeling-Effekt langsam mit kreisenden Bewegungen in die Gesichtshaut ein.
Vielleicht hätte ich doch mit ins Kino gehen sollen.
Aber Cecilia wird ihre neue Freundin dabei haben. Eben. Ich will keinen Zuschauer für diese Demonstration abgeben. Das fehlte noch! Mir zur Strafe das junge Glück vorführen lassen, weil ich nicht angebissen habe. Ich bin nicht lesbisch. Ich könnte es sein. Meint Cecilia.
Sie wusch die Creme ab, erst lauwarm, dann kalt.
War richtig, dass ich mich auf die Einladung erst gar nicht gemeldet habe. Sie werden denken, dass ich selber unterwegs bin. Das ist gut.
Cecilia, die Künstlerin. Alles Attitüde. Anderssein als Prinzip.
Für mich als Literaturwissenschaftlerin leicht durchschaubar!
Wozu hat man sich mit Künstler-Romanen und Außenseitern Semester lang beschäftigt?
Sie hat eine schöne Stimme. Man merkt, dass sie nicht immer Lehrerin war. Konzertsängerin. Aber sie schafft es tatsächlich, den Schulchor zu leiten. -
Ich sollte meine Frisur verändern. Die Haare schneiden lassen?
In der Frauen-Illustrierten im Wartezimmer des Gynäkologen die Vorher – Nachher –Bilder: alle hatten sie nach der Beratung kürzere Haare. Die Frauen wirkten weniger individuell, aber bewusster. Wie werden sie weiter machen?
Ob sie jedes Mal überlegen, was „Anne-Claire“ jetzt wählen würde? Finde heraus, welcher Typ du bist, indem du es dir sagen lässt. Erkenne dich in dem, was andere aus dir machen.
Aber es stimmt schon, Kurzhaarfrisuren sind flotter, Langhaar wirkt auf gewisse Weise konventionell, altmodisch. Warum wohl so viele Männer für Langhaarige schwärmen? Für einen Frauentypus mit dem sie selten zurecht kamen. Das sanfte, anschmiegsame Weibchen – ein Anachronismus im Zeitalter der Doppelverdiener.
Ich fürchte, eine Enthaarung der Beine ist auch schon wieder fällig. Die kleinen Stoppeln kommen durch die feinen Strümpfe durch.
Was hat eigentlich Konrad von mir gewollt? Einen Buchtipp doch wohl nicht! Ich bin ihm später an der Tür zum Lehrerzimmer direkt in die Arme gelaufen. Aber gesagt hat er nichts mehr.
Wieso ist die Pinzette nicht an ihrem Platz? Ich werde heute den Hexenhaaren damit zu Leibe rücken.
Wahrscheinlich gehen sie nach dem Film wieder zum Griechen. Und werden sich wieder genieren, Alkohol zu trinken. Seitdem bekannt ist, dass Hubert ein Schluckspecht ist, haben alle Hemmungen. Die Heuchler!
Es könnte sein, dass sie Konrad mitgenommen haben. Der ist ja jetzt disponibel.
Das hätte mir früher einfallen sollen.
Ich muss ins Bett, es wird zu spät. Dabei werde ich eh wieder lange nicht einschlafen können. Ob ich Konrad beichte, was meine Bettlektüre ist?
Sie hatte kurz geschlafen, die Uhr sagte ihr, eine knappe Stunde. Was hatte sie geweckt?
Sollte sie Licht machen und weiterlesen?
Aber ich bin so müde. – Die Referentin von „Im Westen nichts Neues“ – dass sich ein Mädchen das martialische Buch aussuchte! – hatte nicht die Friedhofsszene ausgewählt und vorgelesen, sondern eine andere, die sie offenbar mehr beeindruckt hatte.
„...Ich habe noch nie Pferde schreien gehört und kann es kaum glauben. Es ist der Jammer der Welt, es ist die gemarterte Kreatur, ein wilder, grauenvoller Schmerz, der da stöhnt. Wir sind bleich... Wir setzen uns hin und halten uns die Ohren zu.... Die Leute kommen nicht an die verwundeten Tiere heran, die in ihrer Angst flüchten, allen Schmerz in den weit aufgerissenen Mäulern...... die allergrößte Gemeinheit, dass Tiere im Krieg sind.“
Maria fand das auch.
Natürlich regte sich Widerspruch: Millionen Menschen hätten gelitten und wären gestorben. - Aber da erhob vor der Klasse laut und klar Maria ihre Stimme: „Die Menschen sind selber schuld. Sie verdienen es nicht anders! Aber die Tiere, die Tiere sind unschuldig!“
Der Widerspruch verstummte.
Sie glaubte Maria zu verstehen: Warum soll das Leben von Menschen, die sich verbrecherische Kriege ausdenken und durchführen, mehr wert sein als das Leben schuldloser Kreaturen?
Wird die Zahl der militanten Tierschützer in den nächsten Jahren zunehmen? Es schien so, wenn sie sich die radikal vegetarische Einstellung einiger ihrer Schüler vor Augen führte.
Ein Blick auf die Leuchtziffern: sie lag bereits seit zwanzig Minuten wach.
Der Unterricht heute in der Zehnten.
In dem von ihr geplanten frei nachgestellten Gerichtsverfahren gegen Friedrich Schillers Hauptfigur, den Wilddieb und Mörder Christian Wolf, hatten die Schüler sie völlig aus dem Konzept gebracht, als es zum Urteilsspruch durch die Klasse selbst kommen sollte. Zunächst verlief alles nach Plan. Ganz im Sinne des Autors konnten sich die Schüler mit der Rolle des Verteidigers des Angeklagten stark identifizieren. Nikole hatte eine klassische Verteidigungsstrategie nach Schillers Vorgaben aufgebaut; sie hatte den Aufsatz am Nachmittag korrigiert:
„Hohes Gericht!
Christian Wolf, der Angeklagte, ist als Halbwaise bei seiner Mutter aufgewachsen. So fehlte Christian von Anfang an das männliche Vorbild, der Vater, der ihm in seinem Leben eine Richtung hätte weisen können. Die allein erziehende Mutter war durch die Doppelbelastung überfordert. Sie musste das Wirtshaus führen, das wenig Einnahmen brachte, und ihr Kind betreuen. Man kann sich leicht vorstellen, dass die Umgebung eines Wirtshauses für die Entwicklung des Jungen ungünstig war. Entlastend für meinen Mandaten ist jedoch auch, dass er äußerlich verunstaltet war durch einen Unfall....“
Simone war darauf gekommen, dass die Tat kein Mord sein könne, da Christian ja nicht mit einem Tötungsvorsatz in den Wald gegangen sei. Er wusste ja nicht, dass er seinen Widersacher, den Jäger, dort treffen würde.
Roger wandte zu Recht ein, dass ein Wilderer die Möglichkeit, den Jäger, der ihn erwischt, zu erschießen, mit einkalkuliert, also billigend in Kauf nimmt, dass ein Mord geschehen kann.
Das waren stichhaltige Argumente, wie man sie von den guten Schülern erwarten durfte.
Zunächst herrschte auch Einstimmigkeit bezüglich des Strafmaßes, alle die sich meldeten, forderten im Höchstfall eine lebenslange Haftstrafe für Christian Wolf.
So weit, so gut. Dann die Überraschung nach zehn Jahren humanistischer Bildung – oder hätte ich es besser wissen sollen?
Eine kleine Gruppe von „Anklägern“, die sich zunächst zurückgehalten hatten, plädierte für die Todesstrafe nach dem alten Motto „Wer einen Menschen umbringt, soll selber auch sein Leben verlieren. Auge um Auge, Zahn um Zahn“ und befürwortete damit genau den Urteilsspruch, den Schiller in seinem Text anprangerte.
Aber es kam noch schlimmer: Ein Teil der Schüler, die gegen die Todesstrafe argumentierten, taten dies mit der Begründung, dass diese „zu leicht“ sei: der Verbrecher müsse lebenslänglich eingesperrt werden, weil er unter der Strafe leiden, sich quälen müsse. Todesurteil – das hieße ohne Sühne kurz und schmerzlos davonkommen.
Diejenigen, die den Film „Dead Man Walking“ kannten, widersprachen: Eine Hinrichtung sei äußerst grausam und unmenschlich.
Aber das hätte der Mörder ja verdient. Also wenn das Todesurteil nicht gleich vollstreckt werde, der Mörder noch genug Zeit habe, sich Gedanken zu machen über das, was er getan hat und was ihm bevorsteht, wenn er so ein bis zwei Jahre „schmoren“ müsste, dann sei die Todesstrafe wohl doch die gerechteste Lösung. -
Brenda meinte, dass es aber immer wieder Fehlurteile gebe und bei der Todesstrafe dann keine Wiederaufnahme eines Verfahrens mehr möglich sei. Ein Einwand, der abgelehnt wurde mit dem Argument, dass es unrealistisch sei, immer darauf warten zu wollen, bis etwas perfekt ist. Das lähme einen nur. Irren ist menschlich.
Sie hielt beim Zuhören den Atem an.
Und dann nahm das Gespräch eine weitere überraschende Wendung. Patrick sagte: „Ich bin dafür, Christian Wolf freizusprechen.“ - - -
Es ging auf zwei Uhr morgens. Sie schaltete die Nachttischlampe ein und griff nach dem Kriminalroman.
Gegen halb drei fielen ihr dann fast die Augen zu und sie löschte schnell das Licht.
Vor dem Haus hielten zwei Autos, Türen schlugen, wahrscheinlich die Kollegen von der Spurensicherung.
Wieland ließ seinen Blick noch einmal durch den Schlafraum wandern, dann beschloss er, das Feld zunächst zu räumen und mit der Nachbarin zu sprechen. Er streifte Handschuhe und Überschuhe ab und klingelte an der gegenüberliegenden Wohnungstür.
Die Frau hatte, obwohl es auf dem Grundstück von Polizisten nur so wimmelte, die Kette vorgelegt und machte die Tür erst ganz auf, als er seinen Ausweis zückte.
„Entschuldigen Sie, das ist Gewohnheit... Es passiert ja so viel, heutzutage...“
„Seit wann wohnen Sie schon hier?“
„Das sind nun schon bald fünfzehn Jahre. Wir haben die Wohnung später gekauft, als mein Mann in Pension ging, als Altersruhesitz sozusagen, das war vor sieben Jahren. Aber wer hätte ahnen können, dass alles anders kommt. Nun wohne ich schon so viele Jahre allein hier, und am liebsten möchte ich die Wohnung aufgeben.“ -
Er sah sich um. Die Wohnung war ähnlich angelegt wie die gegenüber liegende, nur war sie mit zu großen und zu schweren Stilmöbeln vollgestopft und wirkte dunkel.
„Warum gefällt Ihnen die Wohnung nicht mehr?“
„Ja, sehen Sie, damals dachten wir, dass eine Wohnung im Parterre für alte Leute doch am zweckmäßigsten ist. Die Aufzüge gehen doch immer kaputt, und mein Mann hatte damals schon seine Arthrose. Gestorben ist er ja dann an einem Herzinfarkt, am zweiten bereits. Ja, das war ein schwerer Schicksalsschlag. Und sehen Sie.... Wollen Sie sich nicht setzen, Herr Kommissar?... Ich selber muss mich hinsetzen... Ja, sehen Sie, ich habe seit acht Jahren ein künstliches Hüftgelenk, und mir fällt das Treppensteigen auch nicht leicht.“
Er nickte. „Ich verstehe.“ Ich verstehe allerdings nicht, weshalb sie dann unzufrieden mit der Wohnung ist, dachte er und stand wieder auf, um auf die Terrasse zu schauen. Sie musste auf die andere Seite hinausgehen, nach Osten, wenn er die Himmelsrichtungen richtig im Kopf hatte, während die der Kinkel auf der Südseite lag.
Er schob die schweren Stores beiseite und entdeckte, was er zuvor nicht deutlich hatte sehen können: die Terrassentür war vergittert. Ein schmiedeeisernes Tor, das mit einem massiven Vorhängeschloss ausgerüstet war, versperrte den Ausgang ins Freie. Er drehte sich um. Auch die Fenster waren durch schmiedeeiserne Gitter gesichert. Wohl auch deshalb war es in der Wohnung so düster.
„Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten, Herr Kommissar?“
Die alte Dame fühlte sich verpflichtet aufzustehen und nach ihrem Besucher zu sehen.
„Nein, nein, vielen Dank. – Frau Kinkel hat keine Gitter vor den Fenstern, soweit ich gesehen habe.“
„Leider nein, sie wollte das nicht. Mein Mann hat diese Sicherheitsmaßnahmen noch vor seinem Tod veranlasst und die Gitter und das Sicherheitsschloss an der Tür anbringen lassen. Es wäre natürlich schöner gewesen, wenn das einheitlich, verstehen Sie, für das ganze Erdgeschoss, gemacht worden wäre, aber wir konnten Frau Kinkel nicht davon überzeugen, dass die Gitter notwendig sind. Wer weiß, vielleicht musste sie es am Ende bereuen...“
„Wie kommen Sie darauf?“
„Nun, die viele Polizei, und Sie sind doch auch nicht ohne Grund hier...“
„Wann haben Sie denn Ihre Nachbarin zuletzt gesehen?“
„Ach, das war gestern Morgen. Sehen Sie,“ die alte Dame führte ihn in die Küche. Wie in der gegenüber liegenden Wohnung war der Essplatz abgetrennt von der Küchenzeile und befand sich im Hintergrund des Raumes. Sie stellte sich vor die Arbeitsplatte und wies aus dem davor liegenden Fenster. „Sehen Sie, ich koche mir immer um die Zeit meinen Tee. Und dann sehe ich, wie Frau Kinkel das Haus verlässt und zum Dienst geht. Sie ist Oberstudienrätin, aber das wissen Sie ja inzwischen sicherlich. Bestimmt eine sehr gute Lehrerin...“
Das Küchenfenster zeigte auf einen Plattenweg, der über die Grünanlage in Richtung Hauptstraße führte.
„Und wann genau hat Frau Kinkel am Donnerstag das Haus verlassen?“
„Wie gesagt, ich bereite mir um die Zeit meinen Tee, das ist so gegen halb acht.“
„Frau Kinkel ist also gestern wie immer gegen 7.30 Uhr in die Schule gegangen?“
„Ja, das könnte man so sagen. Sie hatte es eilig. Sie hat es immer eilig am Morgen. Die jungen Frauen legen ja so viel Wert auf ihr Aussehen... Nun, so jung war Frau Kinkel ja nicht mehr, aber morgens pressierte es immer...“
Wieland. sah eine weiß gekleidete Gestalt mit einer schweren Umhängetasche den Weg hinunter laufen. Das Morgenlicht tauchte die Figur in erbarmungslose Helligkeit. Sie wirkte gehetzt und bewegte sich unbeholfen.
„Und heute Morgen? Haben Sie Frau Kinkel da auch weggehen sehen?“
„Nein, heute morgen nicht. Ach, wie furchtbar, das ist ja ganz furchtbar, denn sehen Sie, heute habe ich etwas länger geschlafen. Ich hatte eine schreckliche Nacht und muss erst gegen vier Uhr früh eingeschlafen sein, nachdem ich eine Schlaftablette genommen hatte, jedenfalls bin ich erst um neun Uhr aufgewacht, und dann war Frau Kinkel natürlich schon längst weg. Sie hat immer um acht Uhr Dienst, ausgenommen am Montag, da geht sie später. Das ist schön, wenn man gerade am Montag nicht so zeitig aufstehen muss, nicht wahr? Ich habe Frau Kinkel gesagt, dass ich sie darum beneide, denn wissen Sie, mein Mann, der musste immer schon um Viertel nach sechs aus dem Haus, weil er so einen langen Dienstweg hatte... und das jeden Tag, Sommer wie Winter, ach Gott, als ich jung war, hat mir das ja nichts ausgemacht, aber in den letzten Jahren vor der Pensionierung, da war das doch manchmal sehr hart, wissen Sie... Mein Mann war übrigens auch Lehrer, nur Hauptschullehrer zwar, aber am Ende war er dann doch noch Konrektor geworden...“ Die Alte redete zuviel, wie viele allein lebende Menschen.
„Warum haben Sie so schlecht geschlafen, Frau...“, er überlegte, wie der Name draußen auf dem Türschild gelautet hatte, „Frau..“ „Wunsch, Elisabeth Wunsch“, kam sie ihm zu Hilfe.
Er zog sein Notizbuch heraus, die Frau würde eine wichtige Zeugin sein, er sollte sich Notizen machen und sie auf jeden Fall für Morgen ins Präsidium bitten, um ein Protokoll zu verfassen.
„Sehen Sie, das ist es ja, was ich Ihnen erzählen wollte...“ Sie nahmen wieder im Wohnzimmer Platz. „Ich fühle mich hier im Parterre nicht mehr sicher, so ganz ohne Mann, wenn Sie verstehen, was ich meine. Frau Kinkel war zwar noch jung und gesund, aber besonders kräftig wirkte sie gerade auch nicht.
Und dann ist immer noch die Frage, ob sie einen Hilferuf auch hören würde. - Jedenfalls, seit dem Tod meines Mannes bin ich etwas ängstlich geworden. Und wenn Unbekannte sich im Haus oder auf dem Grundstück aufhalten, dann mache ich mir immer gleich Sorgen und kann nicht schlafen. Ich telefoniere dann mit meiner Tochter... Die wohnt in Stuttgart, ja, leider etwas weit weg, ihr Mann ist von Berufs wegen örtlich gebunden, weshalb meine Tochter ihre Existenz hier aufgegeben hat und fortgezogen ist, sie war selbstständig, müssen Sie wissen, recht erfolgreich, denken Sie, sie hat Sport studiert und dann ein Studio aufgemacht... Wellness, Ernährungsberatung, was die jungen Leute eben heutzutage alles machen...“
„Haben sich denn gestern Unbekannte hier aufgehalten? Wen haben Sie gesehen, was ist Ihnen aufgefallen?“
Er beugte sich vor, um der alten Frau direkt ins Gesicht zu sehen. Sie wirkte auf eine altmodische Art gepflegt, mit dem Haarknoten im Nacken, dem hochgeschlossenen, hellen Sommerkleid mit langen Ärmeln; alles in allem machte sie einen vernünftigen Eindruck. Ihre Sorge, die Parterrewohnung betreffend, war ja nicht völlig unbegründet. – „Ja, sehen Sie, Frau Kinkel lebte eigentlich sehr zurückgezogen... Das ist natürlich einerseits bedauerlich, für eine so junge, hübsche Frau. Aber Frau Kinkel hatte eben Stil, Sie verstehen sicher was ich meine.“
„Sie bekam nicht oft Besuch?“
„Nein, sehr selten. An Feiertagen kam manchmal ihre Schwester, die wohl auch alleinstehend ist. Sie muss die Ältere der beiden sein.“
„Hatte Frau Kinkel keinen Freund?“
„Nein, das wollte ich eben damit sagen, dass Frau Kinkel sehr zurückhaltend mit Männerbekanntschaften war...“
„Und am Donnerstag? Was war am Donnerstag?“
„Am Donnerstag hat es siebenmal bei Frau Kinkel geläutet.“
Er war verblüfft. „Wie meinen Sie das? Siebenmal hintereinander?“
„Nein, nein. Zweimal hintereinander und dann in größeren Abständen....“
„Und Sie konnten das hören?“
Er hatte den Eindruck, dass sie errötete. „Ja, sehen Sie“, sie stand wieder auf und führte ihn in den Gang. „Die Wohnungen sind so ausgelegt, dass das Ende des Flurs und die Küchen aneinander grenzen, was ja nun wirklich vom Architekten gut durchdacht ist, denn so kann man sich gegenseitig am wenigsten durch Lärm stören. Wenn ich in der Küche bin, kann ich hören, wenn es bei Frau Kinkel klingelt. Und gestern, sehen Sie, gestern habe ich den Schrank ausgeräumt und geputzt. Ich war den ganzen Nachmittag in der Küche beschäftigt. Deshalb habe ich gehört, wie es siebenmal bei Frau Kinkel geklingelt hat, ich weiß das so genau, weil mich das überrascht hat. Sie bekommt, das sagte ich Ihnen ja bereits, sonst selten Besuch...“
„Konnten Sie denn sehen, wer da geklingelt hat?“
„Das kann ich normalerweise nicht, denn da müsste ich ja ums Eck und durch die Tür sehen können, nicht wahr?“ Ihre Stimme klang etwas schrill. Wieland verzog keine Miene.
„Aber gestern haben Sie jemanden gesehen?“
„Ja, ich war gerade auf dem Weg ins Schlafzimmer, um neue Geschirrtücher zu holen, da klingelte es schon wieder, und ich sah einen Mann draußen stehen.“
„Kannten Sie ihn? Ich meine, hat er Frau Kinkel schon öfters besucht?“
„Nein, er schien mir fremd.“
„Können Sie ihn beschreiben?“
„Groß, er schien recht groß zu sein. Aber ich sah ihn ja nur von hinten.“
„Haarfarbe?“
„Schwarz, glaube ich.“
„Wie war er angezogen?“
„Hell, ja ganz hell. Er trug einen hellen Anzug. Ja... und er hatte etwas im Arm...“
„Blumen?“
„Nein, keine Blumen. Es sah eher so aus wie ein Paket.“
„Wie ein Paket? Können Sie das nicht genauer bezeichnen?“
„Nein, nein. Ich sah es nur einen Augenblick, als er sich zur Seite wandte.“
„Hat denn Frau Kinkel nicht aufgemacht?“
„Doch sie machte dann auf und ließ ihn hinein. Es schien, als habe sie ihn erwartet.“
„Um welche Zeit war das?“
„Das war gegen 18 Uhr, das weiß ich genau, denn ich war gerade damit fertig geworden, den Schrank wieder einzuräumen und wollte mir die Nachrichten ansehen.“
„Und das wievielte Klingeln war das? Das erste?“
„Das vierte, glaube ich.“
Einen Moment verschlug es ihm die Sprache. Der Alten war gar nicht bewusst, als was sie sich entpuppte...
„Dann hat es später also noch dreimal geklingelt?“
„Ja, viel später noch einmal und ungefähr eine Viertelstunde darauf noch zweimal.“
„Und wen haben Sie gesehen?“
