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Vierzig Jahre im blauen Rock – vierzig Jahre zwischen Routine und Ausnahmezustand, zwischen Menschlichkeit und Vorschrift, zwischen Hoffnung und Resignation. Karl Brenner legt mit "Die letzte Schicht" ein eindringliches literarisches Zeugnis vor, das weit mehr ist als eine Sammlung von Polizeianekdoten. Im Mittelpunkt steht Werner Holl, der 1984 seinen ersten Tag als junger Polizist antritt – voller Idealismus, mit blankpolierten Schuhen und der naiven Überzeugung, die Welt ein Stück besser machen zu können. An seiner Seite: der erfahrene Hauptmeister Herbert Staubach, nur noch sieben Monate von der Pension entfernt, der dem Neuling zeigen soll, was die Ausbildung nicht lehrt. Was folgt, ist eine berührende Chronik des Polizeialltags über vier Jahrzehnte deutscher Geschichte. Brenner erzählt von den kleinen und großen Momenten des Dienstes: von nächtlichen Einsätzen in trostlosen Plattenbauten, von Verkehrsunfällen, die das Leben in Sekunden verändern, von häuslicher Gewalt hinter bürgerlichen Fassaden, von verzweifelten Menschen in ausweglosen Situationen. Er schreibt über Kollegen, die zu Freunden werden, über das ungeschriebene Gesetz der Kameradschaft, aber auch über Zynismus als Schutzmechanismus und die leisen Risse, die der Dienst in der Seele hinterlässt. Mit präziser Beobachtungsgabe und einer Sprache, die an große Erzähler wie Remarque erinnert, gelingt Brenner ein authentisches Porträt eines Berufsstandes, der selten so ungeschminkt dargestellt wurde. Dabei wahrt er stets den Respekt vor allen Beteiligten – den Polizisten ebenso wie den Menschen, denen sie begegnen. Die Geschichten sind chronologisch angelegt und spiegeln zugleich den gesellschaftlichen Wandel: vom Deutschland der Achtzigerjahre über die Wiedervereinigung bis in die Gegenwart. "Die letzte Schicht" ist keine Heldengeschichte, sondern ein ehrliches, manchmal schmerzhaftes, oft humorvolles und immer menschliches Buch über einen Beruf, der fordert, prägt und verändert.
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Seitenzahl: 216
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Die letzte Schicht
Geschichten aus vierzig Jahren im Dienst
Karl Brenner
Die letzte Schicht
Geschichten aus vierzig Jahren im Dienst
Karl Brenner
Impressum
© Copyright 2026 durch den Autor/die Autorin
Umschlaggestaltung: © 2026 durch den Autor / die Autorin
In der Buchentstehung, insbesondere bei der Erstellung des Umschlages, wurden KI-Werkzeuge eingesetzt.
Selbst-Verlag durch den Autor / die Autorin:
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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Inhaltsverzeichnis
Der erste Tag in Uniform7
Mauerfall im Revier35
Die Nacht der brennenden Autos65
Blaues Licht und stille Wasser89
Shitstorm in Uniform117
Der Sohn des Räubers148
Die Abschiedsparty175
Der erste Tag in Uniform
Der Morgen begann mit dem Geruch von Bohnerwachs und frisch gebügeltem Stoff.
Werner Holl stand vor dem kleinen Spiegel in seinem Zimmer im Elternhaus und betrachtete sich selbst mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Befremden, die er so nicht erwartet hatte. Die Uniform saß gut, das musste man zugeben. Die dunkelgrüne Jacke mit den hellen Streifen an den Schultern, die gebügelten Hosen mit der scharfen Falte, die schwarz glänzenden Halbschuhe, die er gestern Abend noch einmal mit Hingabe poliert hatte. Er sah aus wie jemand, der eine Rolle spielte. Jemand, der er noch nicht ganz war.
Es war der siebte März 1984, ein Mittwoch, und draußen über den Dächern von Neustadt an der Weinstraße hing ein grauer, schwerer Frühlingsmorgen, der sich noch nicht entschieden hatte, ob er regnen oder sich verziehen wollte. Werner war zweiundzwanzig Jahre alt, hatte gerade seine Ausbildung an der Bereitschaftspolizei abgeschlossen, und heute war sein erster Tag im Wachdienst des Reviers, ein Tag, auf den er sich seit Monaten vorbereitet hatte, auf den er sich tatsächlich gefreut hatte, mit einem kindlichen, ungebrochenen Feuer, das seine Mutter am Frühstückstisch als "Begeisterung" bezeichnete und sein Vater, ein stiller Maurer aus dem Weinviertel, als "Naivität".
Er frühstückte schnell, ohne wirklich zu schmecken, was er aß. Zwei Scheiben Brot mit Margarine und Quark, eine Tasse Kaffee, die er halb austrank. Seine Mutter, Irene Holl, geborene Schwarz, stand in der Küchentür und beobachtete ihn mit dem ausdruckslosen Gesicht einer Frau, die sich Sorgen macht, sie aber nicht zeigen möchte, weil sie weiß, dass ihr Sohn sie dann schlechter gelaunt in den Tag schicken würde.
„Du hast die Haare noch nicht gekämmt", sagte sie schließlich.
„Doch."
„Die rechte Seite."
Werner stand auf, ging ins Bad, kämmte die rechte Seite seiner braunen, widerspenstigen Haare und betrachtete sich noch einmal kurz. Er war ein großer junger Mann, fast eins neunzig, mit einem offenen Gesicht, das noch keine Linien kannte, und Augen von einem merkwürdigen Graubraun, das je nach Licht mal mehr nach einem, mal mehr nach dem anderen aussah. Sein Ausbilder, ein vierschrötiger Hauptmeister aus Bayern, hatte ihm bei der Abschlussparade auf die Schulter geklopft und gesagt: „Holl, Sie sehen aus wie der Typ, dem man alles erzählt. Nutzen Sie das." Werner hatte nicht ganz verstanden, was er damit meinte. Er begann, es an diesem Morgen zu ahnen.
Das Revier lag fünf Minuten Fußweg von der Wohnung entfernt, in einem zweckmäßigen Nachkriegsbau mit beigefarbenen Kachelstreifen an der Fassade, der zwischen einem Schreibwarengeschäft und einer Drogerie eingeklemmt war, als hätte die Stadt den Gedanken der öffentlichen Sicherheit irgendwann einfach in eine freie Ladenfläche gestopft und gehofft, dass er sich dort einlebe. Werner kannte das Gebäude seit seiner Kindheit, war als Junge oft an ihm vorbeigegangen, hatte manchmal kurz durch die Glasscheibe geschaut und die Männer in Grün drinnen beobachtet, wie sie an Schreibtischen saßen oder Kaffee tranken, ohne zu ahnen, dass eines Tages er einer von ihnen sein würde.
Er trat durch die Glastür, nannte seinen Namen der jungen Frau am Empfang, die ihn mit einem knappen Nicken weiterinstruierte, und fand sich kurz darauf in einem Flur wieder, der nach starkem Reinigungsmittel roch und in dem ein Schwarzes Brett mit ausgedruckten Dienstplänen und handgeschriebenen Aushängen hing, die er noch nicht lesen durfte, weil er noch keinen Spind, noch keine Kennung, noch keine Geschichte hatte.
„Sie sind Holl."
Es war keine Frage. Die Stimme kam von rechts, tief und etwas rau, mit einem kleinen Unterton, der gleichzeitig nach Erschöpfung und nach Belustigung klang. Werner wandte sich um.
Herbert Staubach war ein Mann, der so aussah, als hätte die Welt ihn lange beschäftigt gehabt und ihn dann, leicht verbeult aber intakt, wieder freigelassen. Er war mittelgroß, ein bisschen rundlich um die Hüften, mit einem Schnauzbart, der schon mehr ins Weiße als ins Braune tendierte, und grauen Augen hinter einer leichten Hornbrille, die er offensichtlich nicht mochte, weil er sie immer wieder mit einer kurzen, genervten Bewegung weiter auf die Nase schob. Er trug seine Uniform mit der selbstverständlichen Nachlässigkeit eines Mannes, der sie so lange getragen hatte, dass sie für ihn kein Kostüm mehr war, sondern eine zweite Haut. Hauptmeister Herbert Staubach, vierundfünfzig Jahre alt, zweiunddreißig Jahre im Dienst, und, wie Werner später erfahren würde, in sieben Monaten in Pension.
„Staubach", sagte der Mann und streckte ihm die Hand hin, die breit war und einen kräftigen Griff hatte. „Ich bekomme Sie auf Probe."
„Auf Probe?", sagte Werner und merkte sofort, dass es wie eine Nachfrage klang, und nicht wie die selbstbewusste Antwort, die er im Kopf gehabt hatte.
„Na ja." Staubach zog die Augenbrauen leicht hoch und schob gleichzeitig die Brille zurecht. „Ich hab gesagt, ich zeig dem Jungen, was er wissen muss. Meine Kollegen haben mich für verrückt erklärt. Einer hat sogar fünf Mark dagegen gewettet. Also ja. Auf Probe."
Werner wusste nicht, was er darauf sagen sollte, also sagte er nichts. Er entschied sich dafür, das als positives Zeichen zu werten.
Die erste Stunde des Dienstes verbrachten sie im Büro, wo Staubach ihm erklärte, wie das Funkgerät funktionierte, welche Codes er kennen musste, was in seinen Gürteltaschen wo hingehörte und warum er niemals, unter keinen Umständen, seinen Kugelschreiber auf dem Dienstschreibtisch der älteren Kollegin aus dem Zimmer nebenan liegen lassen sollte, deren Namen Werner noch nicht kannte.
„Das ist Frieda Koppmann", sagte Staubach. „Sie ist seit einundzwanzig Jahren im Dienst, hat drei Revierleiter kommen und gehen sehen, und sie erinnert sich an jeden Kugelschreiber, den ihr jemand weggenommen hat. Ich rate Ihnen, auf der richtigen Seite dieser Frau zu sein."
„Ich klaue keine Kugelschreiber."
„Das sagen alle. Dann ist der Kugelschreiber weg, und die Geschichte beginnt."
Werner nickte. Er beschloss, immer zwei Kugelschreiber dabei zu haben.
Um halb zehn gingen sie raus. Das war, wie Staubach es formulierte, „der eigentliche Dienst", und er sagte es mit einem Tonfall, der darauf hindeutete, dass alles andere nur Vorbereitung war. Sie traten durch die Hintertür des Reviers, vorbei an dem kleinen Innenhof, in dem ein Streifenwagen stand, dessen linker Außenspiegel mit Klebeband fixiert war, und auf die Seitenstraße hinaus, wo der Morgen inzwischen entschieden hatte, ein bewölkter Morgen zu bleiben, aber zumindest auf den Regen zu verzichten.
„Wir laufen heute", sagte Staubach. „Das Auto holen wir, wenn wir es brauchen. Zu Fuß lernen Sie mehr."
Werner hatte nichts dagegen. Er war jung, seine Beine waren gut, und er war froh um jeden Meter, der ihn von dem beigefarbenen Kachelbau wegführte.
Sie gingen durch die Altstadt, an der Marktkirche vorbei, durch die Fußgängerzone, wo die Metzger und Bäcker ihre Rollläden hochzogen und die ersten Lieferanten mit Karren und Dollytrucks über das Kopfsteinpflaster ratterten. Staubach grüßte jeden dritten Passanten mit einem kurzen Nicken oder einem leisen „Morgen". Manche grüßten zurück. Manche schauten weg. Manche schienen ihn gar nicht zu sehen.
„Wie machen Sie das?", fragte Werner nach einer Weile.
„Was?"
„Sie grüßen genau die richtigen Leute."
Staubach schaute ihn kurz von der Seite an. „Es gibt keine richtigen Leute. Ich grüße alle, die ich kenne. Und ich kenne viele, weil ich hier schon lange laufe."
„Und die, die weggucken?"
„Die kennen mich auch. Sie wollen nur nicht, dass ich es merke." Er machte eine kurze Pause. „Das ist übrigens nützlich zu wissen."
Werner dachte darüber nach, während sie an einem Blumenladen vorbeikamen, aus dem der Geruch von feuchter Erde und Nelken kam, der so intensiv war, dass er einen Moment lang das Gefühl hatte, er wäre nicht auf einer Straße in Neustadt, sondern irgendwo auf einem Feld.
Die erste ernsthafte Situation des Tages ereignete sich gegen elf Uhr in der Nähe des Bahnhofs.
Sie hatten gerade eine kleine Runde durch die Unterführung gemacht, wo Staubach ihm beiläufig erklärt hatte, dass man dort nachts besonders aufmerksam sein müsse, nicht wegen Kriminalität im engeren Sinne, sondern wegen der Jugendlichen, die sich dort sammelten und manchmal in Schwierigkeiten gerieten, die sie sich selbst nicht eingestanden, als ein Mann auf sie zukam. Er war vielleicht Mitte vierzig, trug einen zerknitterten Parka und hatte den unsteten Blick eines Menschen, der seit Stunden auf der Suche nach etwas war, das er selbst nicht benennen konnte.
„Herr Wachtmeister", sagte er, und Werner registrierte, dass er Staubach ansprach, nicht ihn, obwohl sie nebeneinander standen. „Ich muss Ihnen was sagen."
„Dann sagen Sie's", antwortete Staubach ohne Eile.
Der Mann schaute sich um, ein Reflex, der mehr nach Gewohnheit aussah als nach echter Vorsicht. „Meine Frau. Die ist weg. Seit gestern Abend."
„Weg", wiederholte Staubach, und in diesem einzigen Wort lag eine Menge Raum. Nicht skeptisch, nicht bestätigend. Einfach offen.
„Sie ist nicht nach Hause gekommen. Von der Arbeit. Ich weiß nicht—" Der Mann stockte. Seine Hände, die er vor dem Körper hielt, bewegten sich leicht, als würden sie nach einem Gegenstand suchen. „Ich weiß nicht, was ich tun soll."
Werner wartete darauf, dass Staubach nach Namen fragte, nach Personalausweis, nach den üblichen Angaben, die man in der Ausbildung gelernt hatte. Stattdessen sagte Staubach: „Kommen Sie mit. Wir setzen uns kurz dort drüben auf die Bank."
Dort drüben war eine verwitterte Holzbank vor dem kleinen Bahnhofsvorplatz-Kiosk, der Zeitungen und belegte Brötchen verkaufte. Sie setzten sich alle drei, Staubach in der Mitte, Werner rechts, der Mann links, und Staubach nahm sein Notizbuch heraus, einen kleinen, blauen Spiralblock, der fast zur Gänze vollgeschrieben war, und hörte zu.
Der Mann hieß Günter Kessler. Seine Frau Margit war vierzig Jahre alt, arbeitete als Kassiererin in einem Supermarkt am Stadtrand, und hatte gestern Abend um achtzehn Uhr Dienstschluss gehabt. Um zwanzig Uhr war Günter Kessler unruhig geworden, um einundzwanzig Uhr hatte er angefangen, Verwandte anzurufen, und um Mitternacht hatte er die halbe Nacht damit verbracht, auf der Straße auf und ab zu gehen, weil er nicht schlafen konnte.
„Hat sie öfter einfach—" Staubach suchte nach dem richtigen Wort. „Hat es schon mal Situationen gegeben, in denen sie—"
„Nein", sagte Kessler, und es kam so sofort und so fest, dass Werner ihm glaubte. „Nie."
Staubach notierte etwas. Dann schaute er kurz zu Werner. In seinem Blick lag eine Frage, die Werner nicht sofort deuten konnte, aber versuchte zu beantworten, indem er sich leicht vorbeugte und sagte: „Haben Sie Fotos von ihr dabei? Oder zu Hause?"
Kessler schaute ihn zum ersten Mal direkt an. „Zu Hause."
„Dann fahren wir mit Ihnen nach Hause", sagte Werner, und gleichzeitig schaute er zu Staubach, der kurz nickte. Kaum merklich. Aber es war ein Nicken.
Es stellte sich heraus, dass Margit Kessler bei ihrer Schwester in Landau war, was sie ihrem Mann am Vorabend in einem Brief mitgeteilt hatte, der auf der Kommode im Schlafzimmer lag und den Günter Kessler schlicht nicht bemerkt hatte, weil er nicht auf die Kommode geschaut hatte, sondern sofort ins Wohnzimmer gegangen war, um auf die Uhr zu sehen. Die Sache löste sich in fünfzehn Minuten auf, mit einem Anruf aus der Wohnung des Mannes heraus, Margits überraschter, leicht vorwurfsvoller Stimme am anderen Ende der Leitung, und Günter Kesslers Erleichterung, die sich in einem langen, zitternden Ausatmen entlud.
Auf dem Weg zurück zum Revier, zu Fuß, weil Staubach noch immer keinen Anlass sah, das Auto zu nehmen, fragte Werner: „Hätten wir das nicht sofort am Telephon klären können?"
„Hätten wir."
„Warum haben wir es dann nicht?"
Staubach blieb kurz stehen, um eine Taube zu beobachten, die mit einem Brotstück kämpfte, das größer war als ihr Kopf. Dann gingen sie weiter.
„Weil er nicht zum Telephon wollte. Er wollte, dass jemand zuhört. Das ist manchmal alles, was gebraucht wird." Er schaute Werner kurz an. „Haben Sie das nicht gemerkt?"
Werner hatte es gemerkt. Er hatte es nur nicht in diesen Worten formulieren können.
„Außerdem", fuhr Staubach fort, „lernen Sie so Wohnungen kennen. Was die Menschen aufheben, was sie wegschmeißen, wie ihre Räume aussehen. Das sagt Ihnen mehr über eine Person als jeder Personalausweis."
„Was hat Kesslers Wohnung Ihnen gesagt?"
Staubach dachte einen Moment nach. „Dass er ein Mann ist, der sehr ordentlich leben möchte, es aber nicht ganz schafft. Die Bücher im Regal sind nach Größe geordnet, aber die Fenster sind seit Wochen nicht geputzt. Das erklärt viel."
„Viel worüber?"
„Darüber, dass er den Brief nicht gesehen hat."
Werner schüttelte leicht den Kopf, nicht aus Ablehnung, sondern aus Staunen. Er merkte, dass er seit einer Stunde weniger durch die Straße als durch ein Buch gelaufen war, in dem er noch nicht lesen konnte, dessen Schrift er aber bereits zu entziffern begann.
Sie aßen ihre Mittagspause im Revier, in der kleinen Kantine, wo es Erbsensuppe und zwei Sorten belegte Brötchen gab, die beide nach längerer Lagerzeit schmeckten. Staubach aß ohne Hast und ohne Kommentare zum Essen. Er hatte das Talent von jemandem, der gelernt hatte, die Stille nicht füllen zu müssen.
Werner nutzte die Gelegenheit, um die anderen Kollegen zu beobachten. Da waren drei oder vier Männer, die er vom Morgen kannte, Gesichter mit Namen, die er sich gerade einprägte: Kollege Brandner, der mit der Glatze und dem leichten Hinken; Kollegin Mühlbauer, jung wie Werner selbst, die allerdings schon seit einem halben Jahr im Revier war und diesen Unterschied mit der gelassenen Überlegenheit der leicht Älteren trug; und dann war da der Mann, den alle nur „den Brummbär" nannten, ein korpulenter Beamter mit rotem Gesicht, dessen richtiger Name Werner noch nicht kannte, der aber offensichtlich auf alles und jeden mit dem gleichen leisen, unzufriedenen Grummeln reagierte.
„Was denken Sie?", fragte Staubach, ohne von seinem Brötchen aufzuschauen.
„Ich versuche mir die Namen zu merken."
„Die Namen lernen Sie in einer Woche. Merken Sie sich lieber die Charaktere."
„Den Brummbär kenne ich schon."
Staubach schmunzelte, ein schnelles, kurzes Lächeln, das er sofort wieder wegräumte. „Das ist Ernst Fuhrmann. Er grummelt, aber er kommt, wenn man ihn ruft. Das ist wichtiger als ein angenehmer Umgang."
„Können die beiden Dinge nicht gleichzeitig existieren?"
„Manchmal. Aber wenn Sie sich entscheiden müssen, nehmen Sie die Verlässlichkeit."
Werner biss in sein Brötchen. Es schmeckte nach Wurst und einer Zeit, die schon eine Weile zurücklag, aber es war warm und füllte einen Teil des Hungers, der von dem langen Morgen stammte. Durch das kleine Fenster neben dem Tisch sah er einen Streifen der Straße draußen, eine Frau mit einem Kind an der Hand, ein Auto, das langsam vorbeifuhr, die Bewegungen des Alltags, in denen er jetzt eine andere Rolle spielte als noch gestern.
Der Nachmittag brachte zwei weitere Einsätze, von denen der erste harmlos war, ein Streit zwischen Nachbarn wegen eines Baums, dessen Äste auf das falsche Grundstück hingen, verhandelt mit der geduldigen Präzision eines Salomonischen Urteils, das Staubach in zwölf Minuten herbeiführte, ohne jemandem wirklich Recht zu geben, was das eigentliche Kunststück war und den Nachbarn erst hinterher auffiel.
Der zweite war schwieriger.
Es war kurz nach drei, als der Ruf über Funk kam: eine Auseinandersetzung in der Nähe des Stadtparks, unklare Lage, möglicherweise betrunken beteiligte Personen. Sie nahmen diesmal das Auto, und Staubach ließ Werner fahren, was Werner überraschte, weil er nicht damit gerechnet hatte, schon am ersten Tag hinter dem Steuer zu sitzen.
„Fahren Sie ruhig", sagte Staubach. „Kein Blaulicht. Wir wissen noch nicht, was dort ist."
Am Stadtpark fanden sie zwei Männer, Mitte dreißig, den Anschein nach Arbeiter, die beide betrunken waren und sich mit einer Energie befeindeten, die umso intensiver wirkte, je schwankender sie die beiden auf den Beinen machte. Ein dritter Mann stand dabei und versuchte zu schlichten, was ihn zu einem Ziel für beide machte. Eine Gruppe Schüler, vielleicht sechzehn, siebzehn Jahre alt, stand in einem Halbkreis und schaute zu mit dem Ausdruck unbeteiligter Begeisterung, den Werner vom Schulhof kannte.
Staubach stieg aus, langsam, ohne Hast, und trat auf die drei Männer zu. Werner folgte ihm, unsicher, wie nah er gehen sollte, wo er stehen sollte, ob er reden oder schweigen sollte. Er entschied sich dafür, einen halben Schritt hinter Staubach zu bleiben und aufmerksam auszusehen.
„Na, meine Herren", sagte Staubach. Er benutzte kein besonderes Volumen. Er war einfach präsent. „Was ist heute Nachmittag passiert?"
Beide Männer sprachen gleichzeitig, in einem Strom von Anschuldigungen, Erklärungen und Ausdrücken, die Werner nicht alle kannte. Staubach wartete. Er wartete so lang, bis einer von beiden aufhörte, und dann schaute er den an.
„Sie zuerst."
Der Mann, der zuerst aufgehört hatte, hieß, wie sich herausstellte, Klaus. Er hatte, so seine Darstellung, von dem anderen Mann, der Horst hieß, einen Parkplatz weggenommen, was in Wirklichkeit bedeutete, dass Horst auf Klaue geparkt hatte, ohne das gewusst zu haben, weil das Schild verdeckt war, was Horst zu einem unverschuldeten Übeltäter machte, dem das aber egal war, weil er fand, dass Klaus überreagiert hatte, was Klaus bestritt. Der dritte Mann, der Schlichter, der Klaus hieß, was die Sache ein weiteres Mal verkomplizierte, hatte beim Schlichten einen Ellenbogen von Klaus abbekommen, was er verstand, aber nicht gutheißen konnte.
Werner hatte bei der Aufnahme der Personalien Schwierigkeiten, die drei auseinanderzuhalten, nicht nur wegen der ähnlichen Namen, sondern wegen des Alkohols, der die Erinnerungen aller drei in verschiedene Richtungen verzerrt hatte. Staubach stand dabei und ließ ihn notieren, ohne einzugreifen, außer einmal, als Werner eine falsche Adresse aufnahm und Staubach sie sachlich, aber ohne Nachdruck korrigierte.
Am Ende stand keine Strafanzeige, sondern eine Verwarnung, ein aufgeklärter Sachverhalt, ein Werner Holl, der verstanden hatte, dass die Wahrheit einer Auseinandersetzung selten in einer einzigen Erzählung liegt, und drei Männer, die in verschiedene Richtungen davontrotteten, von denen zwei sicher waren, Recht gehabt zu haben, und einer sich fragte, ob er wirklich hätte schlichten wollen.
Die Schüler hatten sich während der Verhandlung verlaufen, als hätte sich das Stück als weniger dramatisch erwiesen, als sie erwartet hatten.
Im Auto auf dem Weg zurück sagte Werner: „Warum keine Anzeige?"
„Wofür?"
„Körperverletzung, zumindest der Ellenbogen."
„Klaus hat das ausdrücklich nicht beantragt."
„Der zweite Klaus."
„Ja."
„Und die Sachbeschädigung?"
„Welche Sachbeschädigung?"
Werner dachte nach. „Es gab keine."
„Korrekt."
„Und der Parkplatz?"
„Ein Zivilrechtsstreit, kein polizeilicher Sachverhalt." Staubach schaute kurz aus dem Fenster. „Was genau wollen Sie anzeigen?"
Werner schwieg einen Moment. Dann sagte er: „Ich glaube, ich wollte das Gefühl haben, etwas abgeschlossen zu haben."
Staubach wandte sich ihm zu, was er nicht oft tat. Sein Gesicht war ausdruckslos, aber seine Augen hatten etwas, das Werner nicht sofort benennen konnte. Interesse vielleicht. Oder Anerkennung.
„Das ist eine ehrliche Antwort", sagte er. „Halten Sie daran fest. Jedes Mal, wenn Sie eine Anzeige schreiben, fragen Sie sich zuerst: Will ich das tun, weil es nötig ist, oder weil ich ein Papier brauche, auf dem etwas Abgeschlossenes steht?"
„Was ist der Unterschied?"
„Der Unterschied ist, wen Sie schützen. Den Menschen oder den Vorgang."
Werner nickte. Er schrieb das nicht auf, er schrieb damals selten Dinge auf, die nicht in ein Formular gehörten. Aber er vergaß es nicht.
Am späten Nachmittag, gegen halb sechs, als die Schichten sich zu überlappen begannen und das Revier kurz die schleppende Betriebsamkeit eines Übergangs annahm, saßen sie in dem kleinen Aufenthaltsraum neben der Kantine, wo ein Automat Kaffee verkaufte, der nach Plastik schmeckte, aber heiß war, was im März vorgezogen wurde.
Staubach hatte seinen Kaffee vor sich, Werner seinen, und zwischen ihnen lag ein Stille, die keine Verlegenheit enthielt. Das war, wie Werner fand, eine der erstaunlichsten Eigenschaften des Hauptmeisters: er erzeugte keine Erwartung des Gesprächs.
„Warum haben Sie Polizist werden wollen?", fragte Staubach schließlich, ohne jede Einleitung.
Werner überlegte kurz, ob er die kurze Antwort geben sollte oder die wahre. „Ich wollte etwas Sinnvolles tun", sagte er. „Ich meine das nicht blöd. Ich habe nach dem Abitur eine Weile nicht gewusst, was ich tun soll. Ich hätte Lehrer werden können, oder Sozialarbeiter. Aber ich dachte, bei der Polizei ist man dort, wo es passiert. Wo die Dinge wirklich los sind."
„Und?"
„Und jetzt bin ich hier." Er schaute in seinen Plastikbecherkaffe. „Es ist anders als ich dachte."
„Inwiefern?"
„In der Schule wurde viel geredet. Über Gesetze, Abläufe, Vorgehensweisen. Das habe ich gelernt. Aber heute Morgen, der Mann am Bahnhof—das war gar nicht in einem Handbuch."
Staubach trank seinen Kaffee. Draußen vor dem Fenster stand ein Moped, das jemand schlecht abgesperrt hatte und das leicht gegen die Wand schwankte.
„Die Schule", sagte Staubach nach einer Weile, „gibt Ihnen die Grundlage. Mehr nicht. Der Rest kommt von hier." Er tippte sich zweimal gegen die Schläfe, dann einmal gegen die linke Brust. „Und von hier. In dieser Reihenfolge, wenn es gut läuft. Oder in umgekehrter, wenn es schlecht läuft."
„Was passiert, wenn es in umgekehrter Reihenfolge kommt?"
Staubach stieß langsam den Atem aus, nicht wie ein Seufzen, mehr wie das ruhige Ablassen eines Drucks. „Dann handelt man zu schnell, mit zu viel Gefühl und zu wenig Nachdenken. Oder", er machte eine Pause, „man handelt gar nicht, weil man überfordert ist und wartet, bis das Gefühl übernimmt. Beides ist nicht gut."
„Wie lernt man das Gleichgewicht?"
„Indem man es falsch macht und es bemerkt. Und dann indem man es noch einmal falsch macht und es früher bemerkt. So geht das."
Werner war stille. Dann: „Haben Sie es oft falsch gemacht?"
Staubach sah ihn an. Nicht vorwurfsvoll, nicht ausweichend. „Ja", sagte er einfach. „Oft genug. Jeder, der Ihnen sagt, er hat es immer richtig gemacht, lügt Sie an oder hat in dreißig Jahren nicht genug erlebt."
„Können Sie mir ein Beispiel nennen?"
Die Frage kam heraus, bevor Werner sie ganz durchdacht hatte. Er war sich nicht sicher, ob sie zu direkt war. Aber Staubach schien nicht beleidigt. Er dachte nach, mit dem ruhigen Gesicht eines Mannes, der sich ein Recht auf Bedenkzeit erarbeitet hat.
„Mitte der siebziger Jahre", sagte er schließlich. „Ein Jugendlicher. Fünfzehn, sechzehn vielleicht. Wir haben ihn beim Klauen erwischt, in einem Kaufhaus. Kleinkram, nichts Großes. Ich war jung, jünger als Sie jetzt, und ich dachte, die richtige Sache ist die harte Sache. Also haben wir ihn angezeigt, den Eltern übergeben, das ganze Programm." Er hielt inne. „Ich habe ihn drei Jahre später wiedergesehen. Er saß vor Gericht, wegen etwas Ernstem. Und ich habe mich gefragt, ob der erste Moment, mein Moment, anders hätte sein können."
„Wäre es anders geworden?"
„Das weiß ich nicht. Ich weiß es wirklich nicht." Er schüttelte leicht den Kopf. „Aber ich habe angefangen, mich zu fragen. Das war der Unterschied."
Werner saß still und betrachtete seinen Kaffeebecher, der inzwischen leer war, aber den er noch festhielt, als wäre er ein Gesprächspartner. Draußen ging die Sonne langsam hinter die Häuser, und die Straße davor färbte sich in ein weiches, orangefarbenes Abendlicht.
„Was macht man mit dieser Frage?", sagte er nach einer langen Pause. „Mit dem Nicht-Wissen."
„Man lernt, damit zu leben", sagte Staubach. „Das klingt nach Niederlage. Ist es aber nicht. Es ist das Gegenteil."
Der Abend brachte eine Stille, die Werner nicht erwartet hatte. Er hatte geglaubt, der erste Tag würde sich anfühlen wie ein Spielfilm, voll von Ereignissen, die sich klar sortieren ließen in Bedeutsames und Unbedeutendes. Stattdessen war er ein langer, ruhiger Fluß gewesen, in dem die wichtigsten Dinge nicht laut gewesen waren, sondern leise, und in dem er sich mehr als einmal ertappt hatte, wie er etwas beobachtete, ohne es zu verstehen, und trotzdem das Gefühl hatte, dass es sich später erklären würde.
Gegen sieben Uhr endete seine Schicht, und Staubach, der noch eine halbe Stunde länger blieb, um Papiere abzuzeichnen, die er nachmittags nicht erledigt hatte, begleitete ihn kurz zum Ausgang.
„Morgen wieder?", sagte Werner.
„Übermorgen", sagte Staubach. „Morgen haben Sie frei. Das steht im Dienstplan."
Werner nickte. Er hatte den Dienstplan noch nicht gelesen. Er beschloss, das nachzuholen.
„Eine Frage noch", sagte er, als er schon fast durch die Tür war.
„Nur eine?"
„Heute, der Mann am Bahnhof. Kessler. Als er erzählt hat, und Sie haben zugehört, und ich stand daneben—wie wussten Sie, wann ich was sagen soll?"
Staubach überlegte einen Moment. „Ich wusste es nicht. Ich habe geschaut, ob Sie etwas sagen."
„Und weil ich geschwiegen habe?"
„Weil Sie geschwiegen haben und trotzdem präsent geblieben sind. Das ist die Hälfte." Er schob seine Brille zurecht, ein Reflex, der ihm so selbstverständlich war, dass er es offensichtlich nicht mehr bemerkte. „Die Stille hat einen Raum gelassen. Und in diesen Raum haben Sie dann die richtige Frage gestellt."
„Nach dem Foto."
„Nach dem Foto. Das war gut."
Werner stand einen Moment im Türrahmen zwischen dem Innen des Reviers und dem Draußen der Stadt, die bereits in ihrer abendlichen Verwandlung war, die Lichter angingen, die Stimmen leiser wurden, die Schatten zwischen den Häusern sich dehnten. Er dachte daran, dass er gestern noch jemand anderes gewesen war, nicht grundlegend, aber ein bisschen. Er dachte daran, dass er morgen frei haben würde, und dass er nicht wusste, was er mit dem freien Tag anfangen sollte, weil er das Gefühl hatte, dass er eigentlich weiterlaufen müsste, durch die Stadt, durch die Straßen, durch die Geschichten der Menschen.
Dann trat er hinaus.
Die Luft roch nach Abend, nach Benzin und einem Hauch von Blüten aus dem Stadtpark, der um die Ecke lag. Werner Holl, zweiundzwanzig Jahre alt, erster Tag in Uniform hinter sich, ging durch die Fußgängerzone in Richtung seiner Wohnung und beobachtete die Menschen um sich herum, ohne sie zu verhören, ohne sie zu verdächtigen, einfach mit diesem neuen, wachsamen Blick, den er noch nicht benennen konnte, der sich aber anfühlte wie das erste Begreifen einer Sprache.
Er rief seine Mutter an, als er zu Hause war.
„Wie war es?", fragte sie sofort.
„Gut", sagte er.
„Nur gut?"
Er dachte nach. „Ich habe viel gelernt."
„Was denn?"
