Die letzten Amerikaner - Brandon Taylor - E-Book

Die letzten Amerikaner E-Book

Brandon Taylor

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Beschreibung

»Scharfsinnig, intim, urkomisch, ergreifend ... Ein großartig geschriebener Roman über die Verheißung der Jugend, die Suche nach Seelenverwandten und der eigenen Berufung.« Oprah Daily Es ist ein Jahr des Aufbruchs: Seamus, Fyodor, Ivan, Noah und Fatima bleibt nicht mehr viel Zeit, um über ihre Zukunft zu entscheiden. In ihrem letzten Jahr in Iowa City, einer nicht gerade aufgeweckten Universitätsstadt, fragen die Liebenden und Freunde sich: Worauf setzt man im Leben? Arbeit, Liebe, Geld, Tanz, Poesie? Und wie sieht wahre Verbundenheit in einer Zeit der Unsicherheit und Prekarität aus? Feinfühlig und unerschrocken erzählt Brandon Taylor von Freundschaft und radikaler Selbstoffenbarung, Herkunft und Ambition – und erweist sich erneut als exzellenter Chronist unserer Gegenwart. »Taylor verfügt über ein Feingefühl, so unerschöpflich und elegant, wie wir es nur von Klassikern kennen, und schreibt zugleich geschliffen scharf über die Gegenwart.« Emma Cline »Meisterhaft und einnehmend.« Times Literary Supplement »Seine Romane sind so groß, dass sie die ganze Welt enthalten.« Esquire

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Aus dem amerikanischen Englisch von Maria Hummitzsch

Die amerikanische Originalausgabe erschein 2023 unter dem Titel The Late Americans bei Riverhead, Penguin Random House LLC, New York.

© Brandon Taylor, 2023

Published by arrangement with Riverhead Books, an imprint of Penguin Publishing Group, a division of Random House LLC

© Piper Verlag GmbH, München 2024

Covergestaltung: Cornelia Niere, München, nach einem Entwurf von Stephanie Ross

Coverabbildung: Logan T. Sibrel, Chin Smooch, 2020/Mit freundlicher Genehmigung des Künstlers und der Galerie 1969

Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)

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Inhalt

Inhaltsübersicht

Cover & Impressum

Zitat

1. Die letzten Amerikaner

2. Tiere auf dem Feld

3. Iwan der Schreckliche und sein Sohn

4. Die Könige von Norwegen

5. Gorgonenhaupt

6. Lasst uns auf die Erde setzen

7. Sussex, Essex, Wessex, Northumbria

8. Lokale Ökonomien

9. Altruismus, Einfühlungsvermögen, Leidenschaft und Schmerz

Dank

Buchnavigation

Inhaltsübersicht

Cover

Textanfang

Impressum

Du weißt, wie du einen Gott empfangen würdest.

 Was, wenn es

eine Portion seines Fleisches wäre? Was, wenn du

 schrecklichen Hunger hättest?

Derrick Austin

1.Die letzten Amerikaner

Im Seminar, Masterstudierende auf Plastikklappstühlen: sieben Frauen, zwei Männer. Naiv genug, um an die Transformationskraft der Lyrik zu glauben, in ihren dunkleren Momenten jedoch zynisch genug, Lyrik als pseudospirituelle Bestimmung zu betrachten, vergleichbar mit der Besessenheit der Fernsehevangelisten.

Draußen der letzte blaue Oktobertag. Im Wetterbericht Schnee.

Sie besprechen das Gedicht »Andromeda und Perseus«, vorgelegt von Beth, die den Titel des Gemäldes von Tizian umgedreht und Andromedas Leid damit in den Mittelpunkt gerückt hat, nicht die Heldentaten von Perseus – Vergewaltiger, Mörder und Frauenvernichter.

»Die Geißelung ist genauso brutal wie die Gefangenschaft«, sagt das stämmige Mädchen aus Montana.

Das Gedicht erstreckt sich über fünfzehn einzeilig bedruckte Seiten und enthält unter anderem eine bildhafte Beschreibung von Periodensex, bei dem Menstruationsblut in eine graue Bettdecke sickert. Das Blut wird in Anlehnung an den »Rostfleck« auf Medusas Gewand nach ihrer Enthauptung durch Perseus als »Gorgonenmal« bezeichnet.

Reihum lassen sie das anspielungsreiche System der Bilder und die narrative Verdichtung des Gedichts auf sich wirken, die seinem Gegenstand eigene emotionale Erregung, seine wachsende kulturelle Bedeutung betr.: Frauen, betr.: Trauma, betr.: Körper, betr.: Leben am Ende der Welt.

»Mir gefällt die gestische Improvisation – krass Joan Mitchell«, sagt Helen, die früher mal eine Art mormonische Kinderbraut in einem Vorort von Denver war und heute über einer Bar im Zentrum von Iowa City wohnt, wo sie Gedichte über sterbende Kinder und Filzläuse schreibt.

»Ich meine, so scharf, diamantenscharf. Könnte jedes Püppchen aufschlitzen, weißt du? Wow.« Noli, neunzehn, Wunderkind. Eine Enttäuschung für ihre Eltern. Lyrik statt was? Medizinstudium? Krebs heilen?

»Absolut. Aber so roh. So instinktiv.«

»Und das noch mal intensiviert …« Mika, achtundzwanzig, ein Abziehbild von Stevie Nicks mit ihren Armreifen, Stiefeln und hauchdünnen Fummeln.

»… aufgeladenes Hochspannungsdope …« Wieder Noli, so mitteilungsbedürftig heute. So gesprächig.

»Stimme, Stimme, Stimme.« Jetzt Linda, schwarz, aus Tulsa. Braids. Schimmernde Haut. Sie hat an der University of Texas Physik studiert, am MIT ihren Doktor gemacht. Abgeschlossen. Oder abgebrochen. Ist jetzt jedenfalls mit den anderen hier in Iowa. In irgendeinem Spannungsverhältnis zu Noli, auch schwarz, auch so ein Genie. Aber keine Schwester. Stattdessen intensive gegenseitige Abgrenzung.

»Endlich was Echtes«, sagt Noli. Lindas Augen verengen sich zu Schlitzen. »Aber absolut schlüssig. Also kein faker Poetry-Slam-Scheiß. Einfach nur Stimme.«

»Ich will das in meinen Adern. So was von«, sagt Helen.

Das Geschleime ergießt sich über Beth, die die Komplimente gelassen entgegennimmt. Ihr Professor, wortmächtig, nie ganz im Rennen um den Pulitzer, aber auch nie ganz aus dem Rennen, nickt langsam, während er wie ein beschissener Jugendpastor über sie wacht.

Jedenfalls lief es in Seamus’ Kopf so ab, während er im Halbschlaf vor sich hin döste. Dann kam er wieder zu sich, zurück in den Raum, war wieder präsent und sah richtig hin. Beths Lippen bildeten einen schmalen Strich, ihre Augenbrauen tiefe Furchen. Übellaunig trotz des Lobs, wo doch Lob so sehr das Ziel der Gedichte schien, die sie schrieben. Um auf die Schulter geklopft zu bekommen. Gefeiert zu werden. Zu modernen Heiligen und Märtyrerinnen gemacht.

Wie verdammt kurios, dachte Seamus, dass ein Mensch, der bekommt, was er sich am meisten wünscht, so unglücklich aussehen kann.

An der Stirnseite des Seminarraums trapezförmige Glasscheiben. Der Raum, insgesamt sehr schnittig, dunkle Holzbalken und raumhohe Fenster, erinnert an eine Scheune. Das Sonnenlicht des frühen Nachmittags gebündelt auf dem abgenutzten Boden. Abgeschlossene Schränke voller Bücher von Absolventen, die es zu Midlist-Ruhm gebracht hatten.

Die Patina des Prestiges, genau wie das abgetragene Wachs auf den Dielen, hatte schon bessere Tage gesehen. Aber genau so verhielt es sich mit Prestige – je älter und mottenzerfressener, desto wertvoller. Es gab einen gewissen Typ Lyriker, für den Prestige das Entscheidende war. Lyrik war Prestige, und wenn einen niemand ein Gedicht schreiben und ein Lyriker sein sah, war man keiner. Für diese Lyrikerinnen und Lyriker hier bildete das Seminar den Höhepunkt ihres Künstlerdaseins. Nie wieder würde man ihren lyrischen Darbietungen Woche für Woche so viel Aufmerksamkeit schenken.

»Dieses Gedicht stellt die Vorstellung von Verlässlichkeit so richtig infrage. Denn wer könnte eine Erfahrung glaubwürdiger rüberbringen als die Person, die die Erfahrung macht? Aber durch die Ungereimtheiten in der Erzählweise denkt man wirklich darüber nach, ob die Wahrheit eigentlich aus Palimpsesten von Unwahrheiten besteht, oder …« Wieder Helen, jetzt jedoch unterbrochen von Garza, halb Tunesierin, halb Quebecerin, aber in Toronto und Oakland aufgewachsen.

»Total. Auf diese typische Vicuña-Art, wie in Spit Temple …«

»Ich kann mehr mit Moragas Sicht auf persönliche Geschichte anfangen, und wie wir über Lücken im Archiv hinweg eine Brücke bauen …« Noreen, aus West Virginia, mit einem leichten Singsang in der Stimme, der vielleicht nur gespielt war – im betrunkenen Zustand verschwand er kurioserweise –, fällt Gaza ins Wort.

»Hartman sagt, Archive funktionieren nach dem Prinzip der …«, fährt jetzt auch Noli dazwischen.

Diese ständigen Unterbrechungen und Korrekturen, dieses ganze Gerangel und Blendwerk. Wie ein Hund, der endlich seinen Schwanz erwischt und bis auf den Knorpel abkaut. Seamus schaute nach rechts zu Oliver, der zufrieden und empfangsbereit aussah und aufmerksam zuhörte. Wie konnte er das alles so ernst nehmen, fragte sich Seamus, während die anderen weiter über die Gewalt der Archive, Cherríe Moraga und Cecilia Vicuña sprachen, obwohl das vorliegende Gedicht null Berührungspunkte mit ihren Arbeiten aufwies. Das hier war keine Lyrik. Das hier war die Nachahmung von Lyrik auf der Suche nach Anerkennung. Das hier war eine andere Art theatralische Lyrik: Wenn du nur genug Namen einbaust, glauben die anderen, du wüsstest, wovon du redest, und tendieren dazu, das Vage an der Referenz auf ihr eigenes Unwissen zurückzuführen. Seamus jedoch hatte beide gelesen, Moraga und Vicuña. Er hatte Saidiya Hartmans kritische Aufsätze gelesen – avant MacArthur, bien sûr – und die kritischen Aufsätze, die auf Hartmans Werk reagierten. Er wusste, Amerika ist ein Krieg der widerstreitenden Archive. Der verschiedenen Versionen der Geschichte mit ihren je eigenen Turbulenzen.

Für diese Lyrikerinnen wäre es einfacher gewesen zu sagen, dass man manchmal lügt und sich manchmal irrt und dass sich die Wahrheit manchmal noch im Laufe des Erzählens verändert. Dass Trauma das Verhältnis zur Wahrheit und dem eigentlichen Instrumentarium des Erzählens manchmal neu konfiguriert. Aber nein, sie deuteten munter weiter. Hängten ihre faden Gedanken an bekannte Namen und hofften, dass jemand sie scharfsinnig, radikal und direkt, Lyrikerin und Denkerin und Genie nennen würde, obwohl sie nur Kinder waren.

»Und der Teil mit dem Blut auf dem Laken! Ich meine, hallo!«, sagte Noli. »Hammer. Unwiderlegbar.«

Seamus blätterte in dem Gedicht zurück, bis er zu der Stelle mit dem Gorgonenmal kam, das ihn in seiner frivolen Frische überrascht hatte. Es hatte diesen Vibe eines Details, wie man es vielleicht in einem guten Gedicht fand. Als wäre es von O’Hara, mit einem Umweg über Kooser.

Aber als er die Zeile erneut las, war Seamus doch belustigt. Was für ein Mensch, was für eine poetische Ordnungsinstanz denkt beim Anblick von Menstruationsblut auf einem Bettlaken nach mittelmäßigem Sex an Medusas Enthauptung? Zu komisch. Nicht das Blut an sich, sondern die prätentiöse Verknüpfung. Da war er, der Zwang. Die Transsubstantiation von etwas Realem in etwas, das so mit Bedeutung aufgeladen wurde, dass es in sich zusammenfiel. Das gesamte Gedicht wurde zu einem Witz. Gedichte dieser Art tauchten im Seminar oft auf: persönliche Geschichten, die in ein System vager Gesten verwandelt wurden, immer in Bezug auf größere Werke, ohne dass sich ein tatsächliches Verständnis oder echtes Gefühl für diese Werke erkennen ließ. Als Geständnis getarnter Selbstbetrug.

Seamus kicherte vor sich hin.

Ihr Professor, ein kleiner Wicht von Mann mit hoch aufgerichteten weißen Haaren, sah ihn an. Machte eine Pause.

»Hast du etwas hinzuzufügen, Seamus?« Und schon schauten alle zu ihm. Er wusste, dass es eine Art war, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Und zugleich der einzige charismatische Charakterzug, den er besaß, doch er hatte keine Kontrolle über ihn. Ja, okay, er hätte sich etwas mehr anstrengen können. Auch das war eine Performance, aber er betrachtete sie als moralisch akzeptabel, weil er wusste, dass es eine Performance war. Er tat nicht so, als wäre es Lyrik.

Kurz spielte er mit den Seiten, doch dann, wieder kichernd, sagte er: »Ihre Pussy ist also ein Gorgonenhaupt? Ist das so ein Trump-Ding?«

Ein kleiner Zaubertrick: Stille, der grollende Blackout ihrer Wut. Dann gingen die Lichter allmählich wieder an. Genervtsein. Verärgerung.

Ingrid Lundstrom sagte: »Ich glaube, es zeigt eher, dass wir in einer Welt leben, die Frauenkörper zu Objekten des Ekels und des Schmerzes gemacht hat … und dass unsere Lust nicht uns gehört. Ich denke, das müssen wir anerkennen.«

Ingrid war an der Brown in seinem Jahrgang gewesen. Als sie beide im zweiten Studienjahr waren, wurde ein unverhohlen autobiografisches Gedicht von ihr über das Konvertieren ihres Vaters zum evangelikalen Christentum und seine anschließende Selbstaufopferung im New Yorker veröffentlicht. Sie war die Art von Lyrikerin, die in ihren Arbeiten hauptsächlich von sich erzählte, so als wären sämtliche Ereignisse der Menschheitsgeschichte auch nicht viel bedeutender als der leicht überdrehte Bericht ihres ersten Tampongebrauchs. Er fand ihre Gedichte feige und wunderschön und absolut unaufrichtig.

»Ja, aber ihre Möse ist voll mit Medusenblut. Raff ich es nicht? Kapier ich die Anspielung nicht?«

Oliver versuchte lachend einzuschreiten. »Negative Energie, was?«, sagte er.

Der Professor sagte: »Wir sind hier, um das Gedicht zu bezeugen.«

Seamus schnaufte. Ingrid entgegnete trocken: »Ich denke, es ist einfach wichtig, sich daran zu erinnern, dass die Sprecherin des Gedichts ein gewaltvolles Erbe mit sich trägt und diese Ambivalenz in Bezug auf Begehren, Körper, Liebe, Lust berechtigt ist.«

Bezeugen und gewaltvolles Erbe und berechtigt: Durch solche Formulierungen fühlte sich das Lyrikseminar nicht wie eine rein intellektuelle und kreative Übung an, sondern wie ein Tribunal für Kriegsverbrechen. Seamus fand es so ätzend – nicht, weil er glaubte, Trauma sei fake, sondern weil er fand, dass es nicht zwingend etwas mit Lyrik zu tun hatte.

»Geht es dir um Lyrik oder um Sozialarbeit?«, fragte Seamus.

»Spinnst du? Was hast du gerade gesagt?«

Was für eine vernichtende Ehrfurcht, was für ein selbstgerechter Zorn. Erfreut sah er Risse in Ingrids Fassade.

»Ich habe extra keinen geschlechtsspezifischen Ausdruck wie ›Sozialarbeiterin‹ benutzt, nur dass du’s weißt. Denn das wäre sexistisch.«

Ingrid stand auf und warf Seamus einen gelangweilten, abfälligen Blick zu. Dann ging sie zum Waschbecken im hinteren Teil des Raumes und füllte den Wasserkocher auf.

»Du benimmst dich wie ein Kind«, sagte Helen leise.

Seamus verzog sein Gesicht, als würde er gleich losheulen, und gab vor zu schmollen.

»Wir kommen ziemlich vom Thema ab«, sagte der Professor. Er schaute nach oben in die Sonnenstrahlen, als würde er auf ein göttliches Zeichen warten.

»Die Beleidigungen kamen nicht von mir. Meine Kommentare bezogen sich auf den Text«, sagte Seamus. Beth starrte die ganze Zeit in ihr Notizbuch und kritzelte wütend darin herum, bis eine der Ecken vollständig in schwarzer Tinte ertränkt war. Seamus beugte sich vor, die Ellbogen auf die Knie gestützt, und beobachtete, wie sich ihr Handgelenk vor und zurück bewegte.

»Voll daneben.«

»Arschloch.«

Was für ein Chor der Entrüstung. Wie die Hexen in Macbeth, nur nicht so lustig. Nur nicht so lachhaft vergnügt.

»Eure Beleidigungen triggern mich«, sagte Seamus. »Sie erinnern mich an meine schwere Kindheit. Hört bitte auf damit.«

Ingrid stellte den Wasserkocher an, der kurz darauf losrauschte.

»Das Gedicht«, sagte der Professor. »Das Gedicht ist der Maßstab.«

»Vielleicht atmest du mal kurz durch«, sagte Oliver und legte Seamus die Hand in den Nacken.

»Darauf kannst du Gift nehmen«, antwortete Seamus. Er zeigte ihm die Zähne. Oliver schüttelte nur den Kopf. Aber Seamus konnte nicht aufhören. Er spürte ihre glühende Aufmerksamkeit. Roch den süßen Geruch von Eisen darin. Er gierte nach mehr. Nach dem Ausdruck in ihren Gesichtern, ihrer Wut und ihrem Genervtsein. Sich ihrer selbst so sicher. Ihrer Positionen.

»Wahrscheinlich können wir alle etwas frische Luft gebrauchen«, sagte der Professor. »Vielleicht machen wir für diese Woche Schluss. Ihr könnt gern gehen.«

Oh, Schluss mit lustig. Definitiv Schluss mit lustig. Wie unfair. Seamus stöhnte beim Aufstehen. Oliver folgte ihm. Alle anderen blieben an ihrem Platz, in verschiedenen abwartenden Posen erstarrt. Miteinander flüsternd, Notizen und vielsagende Blicke tauschend. Seamus fragte sich, ob nur Oliver und er wie störende Kinder weggeschickt wurden, während die anderen darauf warteten, dass ein zweites, geheimes Seminar – der echte Unterricht – anfing. Er blieb noch kurz stehen, doch dann spürte er, wie Oliver ihm die Hand in die Armbeuge legte und ihn mitzog.

Okay, na gut, dachte er. In Ordnung.

»Viel Spaß beim Yoga«, rief Seamus über die Schulter hinweg, und Noli antwortete: »Viel Spaß beim Kacken.«

 

Die beiden auf der Brücke, Seamus und Oliver.

Seamus hasste es, konnte dem Drang jedoch nicht widerstehen, die Schrecken des Seminars noch einmal zu durchleben. Echt, jede Woche die gleiche Geschichte: So und so hat dieses gesagt, so und so hat jenes gesagt, war das zu glauben? Dumme Frage. Der Glaube ist mit dem Aufkommen des Gegenwärtigen gestorben. Der Glaube ist eines dieser Überbleibsel aus einer anderen Zeit, ein bloßer Schatten der Geschichte. Andererseits waren sie warme Brüder im Glauben. Sie waren schließlich Poeten.

»Ich hasse es, wenn Leute ihre Gedichte nach Gemälden benennen. Ekphrase ist so was von tot, Mann. Düsterer, bedürftiger Scheiß.«

»Stimmt schon. Dummes intellektuelles Auftrumpfen und so.«

»Was man halt so nutzt, wenn man weiß, dass die eigene Kunst schlecht ist. Soll Explizitheit vielleicht ein Ersatz für Tiefe sein? Ich weiß nicht.«

»Die verarschen sich doch selber.«

»Absolut.«

»Abstrakter Unsinn.«

»Jepp.«

Unter der wackligen Brücke träges grünes Wasser. Das Gebüsch und der dunkle Schlamm des Flussufers, das goldene Gras. Olivers rote Wangen und der Geruch seines krümeligen Tabaks. Der Blick aus seinen Augen fast schon unerträglich zärtlich.

Nicht zum ersten Mal stellte Seamus sich vor, wie sich Olivers Gesicht vor Schmerz verzerrte. Wie sein Mund sich verzog, wunderschön wie die frühen groben Schnitzfiguren von Jesus, Schönheit und Leid in einem. Seamus wandte sich von Oliver ab, nahm das Industriegelände und seine langen Stoßzähne aus Dampf in sich auf. Die über die Brücke schleichenden Autos.

»Aber es ist schön, dass wir früher rausgekommen sind«, sagte Oliver.

Seamus nickte, auch wenn das Timing für ihn eher nervig war. Das Seminar konnte mal bis sechs gehen, mal nur bis vier. Durch diese Schwankung arbeitete er nicht an Seminartagen. Es wäre ihm zu peinlich gewesen, der Schichtleiterin zu erklären, weshalb er eine flexible Anfangszeit brauchte, darum hielt er sich den Tag einfach frei. Doch jetzt, wo das Seminar nach weniger als einer Stunde zu Ende war, hatte er fast den ganzen Nachmittag vor sich.

»Schön ist genau das richtige Wort dafür. Wenn man sich seinen Lebensunterhalt nicht selbst verdienen muss.«

Oliver lachte.

»Was ist daran so lustig?«

»Nur die Art, wie du es sagst. Sich seinen Lebensunterhalt verdienen. Das klingt fast schon überheblich. Hast du dich nicht gerade noch über falsche Ehrfurcht aufgeregt?«

»Ist es falsche Ehrfurcht, wenn man sich selbst durchbringt?«, fragte Seamus halb ironisch, halb ernst. Oliver lachte wieder nur. »Was ist so fucking lustig daran? Nicht alle von uns haben Geld. Oder Eltern. Manche von uns müssen tatsächlich allein für ihren Unterhalt sorgen.«

»Die ungezügelte Wut des weißen Mannes aus der Arbeiterklasse. Gleich krieg ich Angst«, sagte Oliver. Jetzt bekam er sich vor Lachen nicht mehr ein, und Seamus spürte einen festen Knoten im Hals. Er wollte Oliver am liebsten in den Fluss stoßen.

»Du bist der Erste, den sie an die Wand stellen«, sagte Seamus.

»Ich hab mich damit abgefunden.«

»Ich weiß, dass du nur Witze machst, aber es klingt trotzdem furchtbar. Okay, ich kann ein Arsch sein, meinetwegen, aber mir ist dieser Scheiß nicht egal. Lyrik zum Beispiel. Sie bedeutet mir was. Und es macht mich krank, jede Woche in diesem Raum zu sitzen und zuzusehen, wie die sich wegen ihrer Traumata und keine Ahnung was gegenseitig ihre scheiß Pussyhaare flechten. Wenn ich in der Zeit Geld verdienen könnte. Meine Miete bezahlen. Arbeiten. Wie normale Menschen. Damit ich Gedichte schreiben kann. Auf die sie einfach nur scheißen. Weil es darin nicht um sexuelle Belästigung geht. Was für eine Vergeudung.« Er schnaubte.

»Hey, ich bin auf deiner Seite. Du weißt, wie gut ich deine Sachen finde«, sagte Oliver. Seamus zuckte mit den Schultern.

»Gruppentherapie.« Seamus biss sich in den Daumen und knaupelte einen Fetzen toter Haut ab. Dann, wie eine Münze auf dem Grund eines Brunnens, ganz tief unter der Oberfläche seiner Wut, das Glitzern einer Idee.

»Weißt du, was ich tun sollte?«

»Dich betrinken? Das ist jedenfalls mein Plan«, sagte Oliver.

»Ich sollte ein Gedicht mit dem Titel ›Gorgonenhaupt‹ schreiben und zusehen, wie diese verklemmten Arschgeigen die Fassung verlieren.«

»Unbedingt«, sagte Oliver und lehnte sich an das Geländer. Der kratzig kalte Wind fuhr ihm durch die Haare.

Wieder die Andeutung eines Bildes, so eindrücklich wie eine Vorahnung: Olivers Gesicht, hager und schmerzverzerrt.

»Ja, oder?«

»Bist du bescheuert? Die würden dich rausschmeißen.«

»Aber lustig wär’s, oder? Gib es zu!« Seamus schlug Oliver mit dem Handrücken gegen die Schulter. »Lustig wär’s!«

Oliver blickte über den Fluss. Drei modernistische Gebäude drängten sich am Ufer wie eine Herde grasender Säugetiere. Die Brücke war mit den Flaggen aller unter den Studierenden vertretenen Länder übersät. Sie peitschten im Wind. Oliver stieß sich vom Geländer ab. Seamus folgte ihm. Die Brücke unter ihnen pulsierte leicht, fast so, als wäre sie lebendig.

»Findest du die Idee scheiße? Hältst du sie für dumm?«

»Nein«, sagte Oliver. »Aber ist es das wert? Ich meine, wozu?«

»Weil es lustig ist!« Seamus packte Oliver an den Schultern und schüttelte ihn kräftig.

Oliver riss sich los, und Seamus wurde erst traurig, dann sauer.

»Denkst du, ich tue dir weh?«

»Quatsch, nein. Aber Menschen haben Gefühle, Seamus. Ich glaube, das vergisst du manchmal. Oder du meinst, dass man sich halt darüber lustig machen kann. Aber Menschen haben echt Gefühle, und das ist auch okay so.«

»Dann habe ich also deine Gefühle verletzt? So fest habe ich dich doch gar nicht angepackt.«

»Mich nicht.«

Am Ufer kamen sie an den modernistischen Galerien vorbei, in denen verschiedene Ausstellungen und Veranstaltungen stattfanden. Letzten Herbst hatten Seamus und Oliver in einer der Galerien einen Vortrag über race und die Lyrik von John Berryman besucht. Ein paar andere aus ihrem Seminar waren auch dort gewesen – Garza, Linda und Ingrid. Mitten im Vortrag hatte die Rednerin, die weiß war, beim Zitieren einer Quelle das Wort nigger gebraucht. Es schien ihr herauszurutschen, ohne dass sie es mitbekam, aber der Raum bemerkte es, kühlte merklich ab und heizte sich dann auf. Seamus geriet vor Schadenfreude aus dem Häuschen. Bis zu diesem Punkt war der Vortrag ermüdend gewesen, vor allem weil er allem zustimmte – Rassismus schlecht, Berryman gut, aber auch schlecht betr. race. Wenn Weiße über Rassismus sprachen, hatte das die Wirkung eines Nachrichtenberichts. Aber auf einmal gab es Drama. Tagelang wurde der Vorfall weiter- und neu erzählt. Linda landete in den Lokalnachrichten und berichtete von der Gewalt, die ihr bei diesem Podiumsgespräch widerfahren war, und die Rednerin wurde vom Fachbereich Literatur beurlaubt und dann gebeten, im Frühjahr nicht auf ihren Posten zurückzukehren. Sie machte den Fehler, für den Guardian einen langen Artikel zu schreiben, den Linda auf Twitter verspottete. Das Ganze wurde zu einem hässlichen Schlagabtausch auf Kulturblogs und Instagram, und Linda hatte sich inzwischen in den sozialen Medien einen Namen gemacht, und die Rednerin war gelegentlich Gastkolumnistin in der New York Times in Sachen Cancel Culture, die nicht real war, außer dass sie es manchmal doch war.

Mittlerweile begegnete man dem öffentlichen Leben mit Feindseligkeit. Oder vielleicht hatte es diese Feindseligkeit schon immer gegeben, und neu war nur, dass sie sich jetzt gegen Menschen richtete, die lange Zeit davon verschont geblieben waren. Seamus fand, dass die Sache die absurde Dramatik eines großen Theaterstücks besaß. Die ganzen Shakespeare’schen Missverständnisse und Versprecher, alles doppelt so heftig in seiner Extremität und Konsequenz, bis es aufbrach in etwas wahrlich Kathartisches. Bloß dass es Katharsis nicht gab. Nur Menschen, die zu Karikaturen ihrer Rollen versteinerten.

Aber Linda hatte recht. Die Rednerin hatte den Gesellschaftsvertrag gebrochen, als sie dieses Wort laut aussprach, und wie es seit Anbeginn einer jeden Gesellschaft die Regel ist, hat es einen Preis, wenn man den Vertrag bricht. Wenn man ausspricht, was man nicht aussprechen darf, und vom Drehbuch abweicht.

Schweigend gingen sie weiter, auch wenn Seamus das Flattern der Flaggen auf der Brücke noch hören konnte. Der Himmel zeigte sich in dunklem, ruhigem Blau. Die Sonne wärmte sein Gesicht.

»Ich will nur nicht, dass du dich in irgendwas reinmanövrierst. Lenkt von der Arbeit ab«, sagte Oliver.

»Aber es ist lustig, stimmt’s? Gib zu, dass du lachen musst. Es ist absurd, nicht darüber zu lachen.« Seamus hasste das Klägliche in seiner Stimme und wie sehr er nach Olivers Zustimmung gierte. Aber noch viel mehr hasste er es, dass Oliver nicht erkannte, wie objektiv komisch es wäre, ein Gedicht zu schreiben, das die Falschheit entlarvte, die ihren Studiengang und ihren Diskurs und die ganze Heuchelei der amerikanischen Kunst bestimmte.

Oliver seufzte. »Ja, es wäre lustig, dein Gedicht ›Gorgonenhaupt‹ zu nennen und es dann alle lesen zu lassen. Und ja, ich würde lachen. Aber ihr Gedicht war echt persönlich. Es ging darin um ihr Leben. Und das ist nicht lustig, oder? Das Leben der Menschen?«

»Warum wirst du nicht einfach Krankenschwester?«, bluffte Seamus.

»Alter«, sagte Oliver. »Vielleicht hasst du Frauen ja doch.«

Bei dieser Unterstellung spürte Seamus ein Brennen im Nacken. Es ging hier nicht um Frauen. Es ging hier nicht um Feminismus. Es ging um ein ausgehöhltes und falsches Ethos in der Kunst. Schlechte Kunst kannte kein Geschlecht.

»Weil ich bequeme Allgemeinplätze hasse?«

»Mach, was du willst, Mann. Du bist wild entschlossen, schon kapiert. Aber wunder dich nicht, wenn dir die Sache um die Ohren fliegt«, sagte Oliver. Ohne Erregung. Ohne Bosheit. Dadurch fühlte Seamus sich nur noch schlechter. Durch die Resignation in seinen Worten.

Das Wasser schäumte in Ufernähe unter den Brückenpfeilern. Einige Plastikflaschen hatten sich dort angesammelt und füllten sich langsam mit Schlamm aus dem Fluss. Seamus hockte sich hin, um ein paar Steine aufzusammeln. Er warf sie in hohem Bogen in die Mitte des Wassers, jedes Fallen dunkel und unwiderruflich.

»Ich bin kein Monster«, sagte er. »Trotz deiner Anspielungen.«

»Ich halte dich nicht für ein Monster. Wie schon gesagt, du bist entschlossen. Ich verstehe nur nicht, warum.«

»Und du willst mein Freund sein.« Seamus wischte den Sand von den Steinen an Olivers Jacke ab. »Danke für die Unterstützung.«

»Ja, ich bin dein Freund. Darum will ich dir ausreden, dass du das Arschloch gibst. Zu deinem eigenen Besten.«

»Ich gebe das Arschloch, schon klar.«

»Ich wünschte, du hättest mich nicht zum Mitwisser gemacht.«

»Und ich wünschte, du hättest Sinn für Humor!« Seamus verpasste Oliver einen schnellen, harten Schlag in die Seite und rannte den Weg hinauf. Sein Schritt war leicht und geschmeidig, aber Oliver war größer, und seine Beine verschlangen den Abstand zwischen ihnen. Seamus geriet schon bald aus der Puste und fiel zurück. Er versuchte, nicht dem Drang zu husten nachzugeben und die Lungen frei zu bekommen, aber schließlich beugte er sich vor, die Hände auf den Knien, und würgte einen gelblichen Klumpen auf den Beton. Es zerrte und brannte, als er hoch- und herauskam.

Er musste mit dem Rauchen aufhören.

Oliver klopfte ihm dreimal fest zwischen die Schulterblätter, und jeder Schlag ließ das Dunkle von Seamus’ Augenlidern rot und blau überlaufen.

Nach dem letzten, dem heftigsten Schlag spürte er, wie er wieder frei atmen konnte, und öffnete die Augen.

Buße.

 

Seamus arbeitete Früh- und Spätschichten in der Hospizküche – Brühen und Suppen, schälen und schneiden, solcher Kram. Den Job hatte er sich gesucht, als er nach Iowa City gekommen war, denn anders als Oliver und einige seiner Kommilitonen hatte er nicht das gute Stipendium bekommen, und die Sachbuchheinis auf der anderen Seite des Flusses beanspruchten sämtliche Bereiche der Komparatistik und Rhetorik für sich. Die Rektorin hatte ihn mit dumpfem Mitleid angeschaut. »Manchmal haben unsere Studierenden großes Glück und finden einen Job in der Gegend«, sagte sie in einem Ton, den sie wohl für hilfreich hielt. »Kleinere Sachen zum Aufbessern.«

Er wusste viel über dieses Wort, aufbessern.

An der Brown, unter den weniger Begabten der Superreichen, hatte sein Stipendium die Studiengebühren gerade so gedeckt, aber mehr auch nicht. Was er sonst noch brauchte, hatte sich im Dunkeln vermehrt wie eine invasive Raubtierart: Bücher, Lebensmittel, Duschgel, Shampoo, Zahnpasta, Waschmittel, seinen Anteil an der Kühlschrankmiete im Wohnheim, das Wohnheim selbst, Hefte und Bleistifte, IT-Gebühren, Freizeitausgaben. Erstaunlich, dass am College selbst elementare Dinge als Luxus betrachtet wurden und darum aus eigener Tasche bezahlt werden mussten. Es hatte ihn davor schon einiges gekostet, das Geld für den SAT und den ACT sowie für die AP-Prüfungen aufzutreiben, Geld, das er sich durch Aushilfsjobs in Bäckereien und beim Rasenmähen verdient hatte. Aber fürs College reichte das nicht. Die Ausgaben waren einfach zu hoch.

Während seines Bachelorstudiums besserte er sein Stipendium nicht mit dem Verfassen von Aufsätzen oder akademischen Hilfsarbeiten auf (die Dozenten mochten ihn nicht), sondern mit Schichten in einer trostlosen Krankenhausküche in Providence. Die Frauen dort schlossen ihn ins Herz und brachten ihm den Rhythmus beim Kochen für Dutzende oder gar Hunderte bei. Er lernte die Feinheiten der Mengenkalkulation und des Massenverzehrs kennen, und was an Abfällen anfiel – denn Abfälle gab es immer –, nahm er mit nach Hause und lagerte es ein. Wenn er kurzfristig einen Job brauchte, meldete er sich in Krankenhausküchen. Dort wurde ständig eingestellt. Die Leute schmissen ständig hin, denn die Krankenhäuser hatten keine andere Wahl, als die Verzweifelten, die Müden und Bedürftigen einzustellen. Leute, die schon in einem Strudel aus Scheißjobs steckten, die sie auffraßen. Krankenhausküchen waren das Zuhause von Junkies, Ex-Knackis und alten Frauen – Leuten, die sich die Krankenhäuser, in denen sie arbeiteten, überhaupt nicht leisten konnten.

Seamus lag diese Arbeit. Ihm gefiel das Kochen, und er hatte, auf eine Weise, die dem Schreiben von Gedichten gar nicht unähnlich war, eine Vorliebe für die langen, eintönigen Stunden, die notwendig waren, um etwas Gutes zustande zu bringen, und für die mühsame Vorarbeit. Am besten fühlte er sich, wenn er allein in der Küche stand, Gemüse schnippelte und schälte oder die Brühe für die Suppen der Woche zubereitete. Köchelnde Beständigkeit. Allein in einer Küche empfand er Frieden. Nicht zwingend die Freiheit, in seinen Gedanken umherzuschweifen, aber einen Zustand der Gedankenlosigkeit. Nichts konnte ihn stören.

Da noch so viel Blau vom Tag übrig war, wollte er erneut ins Hospiz fahren und herausfinden, ob er ein paar Zusatzstunden in der Küche ergattern konnte, um die monatlichen Kosten abzufedern. Er fragte sich, wie Leute mit Familie mit einem Stipendium auskamen. Er dachte an Gerard, einen Typen aus dem Fachbereich Literatur, der eine Frau und zwei kleine Kinder hatte.

Gerard studierte irgendetwas Nutzloses, Lyrik und literarische Gattungen des Mittelalters oder so etwas, und seine Frau kümmerte sich um die Kinder. Manchmal sah er sie an der Ecke der St. Mary bei der wöchentlichen Essensausgabe stehen. Die Wissenschaft war der Inbegriff der Dummheit. Man versank immer tiefer in Schulden, Verzweiflung und Hunger, damit man sich ein kleines bisschen besonders fühlen konnte, ein kleines bisschen brillant in der eigenen kleinen dunklen Ecke des Universums, in der man etwas wusste, das sonst keiner wusste. Kunst war vieles wert, aber war sie es wert, dass man seine ganze Familie an den Rand der Existenz trieb? Seamus verstand Gerards Rechnung nicht. Für ihn selbst war Lyrik zentral, aber oft genug brachte er sie nicht mit den wesentlichen Dingen des Lebens zusammen.

Jedenfalls war er sich nicht sicher, ob er, wenn er Familie und Verantwortung hätte, weiterhin die Lyrik an erste Stelle setzen würde. Und wenn er sich eine Reihe von Umständen ausmalen konnte, die es rechtfertigten, sich von der Lyrik abzuwenden, warum sich dann überhaupt die Mühe machen? Das hielt ihn nachts wach, die Frage, ob es ihm an Entschlossenheit fehlte, um die Art von Lyriker zu sein, die er sein wollte. Doch dann fiel ihm ein, dass er nur ein weiterer weißer Mann war, der über das Aussterben der Lyrik nachdachte, die das Ende der Welt schon unzählige Male überlebt hatte. Sie würde auch jede neue Apokalypse überleben, die er sich zusammenfantasierte. Die Lyrik brauchte ihn nicht. Vor allem nicht seine Elegien über ihren Tod. Es war eine Illusion, wusste er, die Illusion aller, deren Leben von der Lyrik berührt worden war, dass die Lyrik sie irgendwie brauchte, um weiter zu existieren. Aber das tat sie nicht.

Lyriker. Gott, fucking Lyriker.

Das Hospiz war ein Haus mit zehn Zimmern auf einem grasbewachsenen Stück Land am Rande der Stadt. Früher war das der gute Teil der Stadt gewesen, aber inzwischen drängten sich dort ein Einkaufszentrum, fünf Apothekenketten, ein Dialysezentrum, eine Plasmabank, ein Scheckeinlöseschalter und drei Fast-Food-Restaurants. Es gab einen Wohnhauskomplex, eine Reihe hellbrauner Backsteinhäuser, die zu allen Seiten an Straßen grenzten. Der Wald gegenüber war an den aufgeweichten, abschüssigen Hängen mit weißen Häusern und Trailern mit Schotterzufahrten durchsetzt. Das Hospiz war ursprünglich der Wohnsitz einer betagten Familie aus Iowa City gewesen, die irgendwann nach dem Zweiten Weltkrieg ausgestorben war. Die Erben, entfernte Cousins und Cousinen in New Hampshire, wollten das Haus nicht, das weit weg und alt war und Steuern verschlang. Sie wurden es los, indem sie es an ein Unternehmen verkauften, das von einem anderen Unternehmen gekauft wurde, das wiederum von einem anderen Unternehmen gekauft wurde. Das Haus ging durch die Hände einer Reihe von Briefkastenfirmen, wurde geschluckt und abgestoßen, bis eine landesweite Organisation es erwarb, die alte Häuser in Pflegeeinrichtungen und Hospize für alte und gebrechliche Menschen verwandelte. Die Idee dahinter war, dass Menschen nicht wie schlechte Möbel, die keiner mehr haben wollte, allein in Lagerhallen abgestellt werden sollten, sondern es verdienten, mit einem gewissen Maß an menschlicher Geborgenheit zu sterben.

Im Hospiz merkte Seamus, dass die Bewohner gern über ausgestorbene Tiere sprachen. Schildkröten und obskure Säugetiere, Vögel und Amphibien, Fische. Es hielt sie geistig fit, sämtliche Lebewesen aufzuzählen, die nicht mehr existierten. Einige der Pflegerinnen versuchten, dagegen anzugehen, weil sie es zu morbide fanden, aber die Bewohner ließen sich nicht davon abbringen. Jeden Tag zur Essenszeit, wenn sie sich an dem langen Tisch in der Küche oder draußen im Garten versammelten, aßen die Bewohner ihr weiches Essen oder schwenkten ihre Plastikbecher mit Wasser und unterhielten sich über den Rückgang der Artenvielfalt. Es erheiterte sie auf dieselbe Weise wie der Fund eines kostbaren Lutschbonbons in ihrer Hosentasche oder ein Anruf ihrer Kinder oder Nichten und Neffen. Kleine Anflüge von Freude.

Seamus schöpfte oft skurrile Fakten von ihren Gesprächen ab, die er Oliver später erzählte. Ob er zum Beispiel gewusst habe, dass von Zecken übertragene Krankheiten sich in warmen Wintern besonders stark verbreiteten? Oder dass die Wanderung der Hirsche von der Ostküste nach Westen eine Ausbreitung der Lyme-Borreliose und auch das Sterben von Eschen und Zedern zur Folge habe? Alles war in einem empfindlichen Netz miteinander verwoben. Zecken, Hirsche, Bäume und die Wärme der kurzen Wintertage.

Im Frühling pflanzten sie hinter dem Haus Blumen und Gemüse an. Im Herbst wechselten sich die Bewohner beim Zusammenharken des Laubs ab. Beim Absuchen des Bodens nach Kompostmaterial. Beim Versorgen der kleinen Rehfamilie, die im Wald lebte. Die Bewohner hier waren aktiv, verbrachten ihre Tage in Bewegung. Sie hatten einen Grund, morgens aufzustehen. Auch wenn das alles nur eine äußerst fein orchestrierte und sorgfältig gesteuerte Illusion war.

In den oberen Stockwerken litten sie. In dunklen Zimmern lagen sie in ihren Klinikbetten, während Pflegerinnen ihnen den Schweiß abtupften und Erbrochenes und Scheiße wegwischten. Ihre Knochen lösten sich auf, ihre Muskeln verkümmerten, sie zitterten und stöhnten. Anfangs waren alle immer so optimistisch, wenn sie ins Hospiz kamen. Sieh doch, schau mal, wie schön es hier ist. Sieh mal, man blickt auf diese Bäume da. Das ist ja beinahe, als wäre man auf der East Side. Ach, guck mal, da schwimmen Enten auf dem Teich. Es gibt hier jeden Tag einen Strickkreis. Und einmal im Monat kommt eine Gruppe Kinder zum Vorlesen und Basteln vorbei. Die geschäftige Höflichkeit, die man dem Gott der Sterbenden anbot, um kurz so zu tun, als würde man sich nur eine Auszeit nehmen und bald wieder in sein altes Leben zurückkehren. Aber das legte sich. Manche kamen heraus und nahmen an den durchgehend angebotenen Projekten des Hospizlebens teil: dem Garten, der Kompostpflege, der Rehfamilie, der Vogelbeobachtung, dem Stricken. Und manche nicht. Sie saßen an ihren Fenstern und warteten. Und dann starben sie.

Am Hospiz angekommen, lehnte Seamus sein Rad gegen die Mauer im Garten und nahm eilig die Treppen hinauf in den Vorratsraum. Eunice hatte Chet Baker im Radio laufen, während sie eine Lieferung Pilze von den hiesigen Sammlern begutachtete und putzte. Seamus klopfte mit dem Stiefel an den Türpfosten.

»Du stehst heut nicht drin«, sagte sie.

»Bin früher vor die Tür gesetzt worden.«

»Lass dir ja nicht einfallen, dein Seminar zu schwänzen.«

Seamus riss unschuldig die Hände hoch. »Durchsuchen Sie mich, Sarge. Ich habe nichts zu verbergen.« Eunice winkte ihn herein.

»Du kannst mit der Bisque helfen.«

»Wie vornehm«, sagte er.

»Mach es einfach ordentlich wie sonst auch.«

Seamus beugte sich über die am Tisch sitzende Eunice und tat so, als würde er ihre Arbeit überprüfen. Sie hatte Gicht im linken Knie und klagte oft über geschwollene Knöchel. Zur Erledigung dieser unscheinbaren, aber Sorgfalt verlangenden Arbeit saß sie auf einem Hocker. Sie fuhr mit dem Pinsel über die knopfartigen Hüte und die zarten Lamellen der Austernseitlinge. Die Morcheln sahen aus wie aus einem Märchen.

»Geht so durch«, sagte er.

Eunice verpasste ihm einen Klaps. »Raus.«

Er fand Lena an der Küchentheke, wo sie gerade Suppengemüse schnitt. Sie war Ende vierzig, aber sie hatte dünne Arme und diesen Stummelpferdeschwanz, den Seamus mit Mädchen aus seiner Mittelstufenzeit verband. Ihre Haare waren drogeriemarktkupferfarben, ihre Ansätze schwarz. Mit ihren wässrigen grünen Augen schaute sie zu ihm herauf und schenkte ihm ein Lächeln, das die zerklüfteten Krater ihres Zahnfleischs und die fehlenden Zähne auf der rechten Seite ihres Kiefers freilegte.

»Bisque«, sagte er.

»Du weißt, dass ich die Scheiße hasse.«

Seamus wusch sich die Hände und warf sich ein trockenes Geschirrtuch über die Schulter. Lena lehnte sich zur Seite und sah zu, wie er inspizierte, was sie auf dem Schneidebrett fabriziert hatte.

»Du hast den Knoblauch zu früh geschnitten«, sagte er. »Da geht schon alles Gute verloren, bevor er es überhaupt in den Topf schafft.«

»Ich mache nur, was mir das Ding hier sagt«, antwortete sie und winkte mit ihrem Handy. Es war das PDF, das er letztes Jahr, als er neu dazugekommen war, auf ihre beiden Handys geladen hatte, eine Datei mit Rezepten und Ideen zum Kochen für die Sterbenden und Baldtoten. Eunice sagte, diese Datei wäre eine Zumutung für ihre Augen, darum brachte er ihr einen Ausdruck in extragroßer Schrift mit. Lena hatte keine Probleme mit dem Handy, aber ihr fehlte das Gespür für die innere Logik eines Rezepts. Wenn es nach ihr ging, bereitete sie immer schon alles vor und hakte es dann nacheinander ab. Sie konnte Angaben befolgen, aber sie konnte nicht – oder tat es jedenfalls nicht – verstehen, was die einzelnen Schritte bedeuteten.

»Mach dir mal keinen Kopf.«

Mit dem Handrücken schob Seamus den schleimigen, schlecht geschnittenen Knoblauch vom Brett in eine Metallschüssel mit Küchenabfällen. Dort hinein wanderten auch die von Lena massakrierten Zwiebeln samt ihrer Schale. Er schälte einen frischen Berg Zwiebeln und zog das Messer mit einer gezielten Bewegung durch ihre Rundung. Er liebte diesen ersten Schnitt des Messers, wie die Klinge von den Zutaten feucht wurde. Schon in diesem allerersten Moment konnte er den Geschmack des Gerichts erahnen. Es handelte sich nur um eine Zwiebel, aber indem er sie halbierte, kam er sich selbst ein winziges bisschen näher.

Die einzelnen Schnitte, erst senkrecht, dann waagerecht, um auf die billige Art einen Würfel zu erhalten. Heißes Öl in den Topf, danach warten, bis es flimmert. Das Brutzeln der Zwiebeln und des Selleries. Das Schwenken und geduldige Anschwitzen. Eunice’ Radio unten im Vorratsraum, Chet Bakers perfektes, klares Horn, die süße Traurigkeit seiner Musik, die aus der tiefen Dunkelheit zu ihnen aufstieg.

Der Frust vom Seminar fiel von ihm ab. An diesem Ort war er frei von dem ganzen Dreck. Gab es nur ihn und die anschwitzenden Zwiebeln. Den Knoblauch entledigte er schnell seiner papiernen Hülle und zerdrückte ihn – ein fester Schlag mit dem Klingenblatt – zu Brei. Er fuhr mit dem Messer hindurch, um ihn aufzubrechen, damit er nicht zu klebrig wurde. Sofort war da dieser Lauchgeruch, süß und beißend. Ab in den Topf zu den Zwiebeln und dem Sellerie.

Er öffnete eine Dose ganzer San-Marzano-Tomaten und tunkte die Fingerspitzen in den breiigen Saft. Er mochte den metallischen Nachgeschmack. Die Tomaten zerdrückte er mit dem Holzlöffel. Das Zischen des Gemüses im Topf wurde lauter, darum gab er die Pilzbrühe hinzu, die er letzte Woche gekocht hatte. Sie dämpfte das Zischen und sorgte dafür, dass das Gemüse nicht mehr in unmittelbaren Kontakt mit dem Boden des Topfs kam. Nun ließ er es köcheln. Danach kamen die Tomaten hinein, alle zerdrückt wie Tatar. Und schließlich der Reis. Er gab etwas von dem Saft aus der Dose dazu. Salz. Ein klein wenig Zucker.

Lena hatte ihm die ganze Zeit zugesehen. »Ich hätte den ganzen Scheiß einfach da reingeschmissen und sich selbst überlassen«, sagte sie.

»Na ja. Stimmt. Ist irgendwie deine Art. Aber die Reihenfolge, die ist wichtig.«

»Hat deine Mama dir das beigebracht?«

»Nein.«

»Hat sie nicht für dich gekocht?«

Seamus setzte den Deckel auf den Topf.

»Ich mach mich jetzt mal an den Abwasch.«

»Dann hat sie dich bestimmt gern um sich gehabt. Wenn du das ganze Kochen übernommen hast.«

Seamus stapelte das Geschirr vom Mittag im Spülbecken und wischte alles sauber, was er bei seinen Vorbereitungen schmutzig gemacht hatte. Er ließ heißes Wasser in das tiefe Becken laufen und schäumte die Schüsseln und Tassen ein. Die Teller. Die Pfannen und Töpfe. Bis hinauf zu den Ellbogen im beißenden Wasser.

Nein, seine Mutter hatte nicht für ihn gekocht. Seine Mutter, wenn er jetzt mit der Gunst und Großzügigkeit eines Erwachsenen über sie nachdachte, hatte unter lähmenden Kopfschmerzen gelitten. Sie verbrachte ihre Tage im Bett. Sein Vater arbeitete auf dem Bau, schlug Steine zurecht und besserte im Sommer die Straßen aus, asphaltierte sie, damit er im Winter als schlechter Schauspieler mit kleinen Amateurinszenierungen von Hamlet und Othello durch den Mittleren Westen touren konnte. Meistens spielte er Iago, aber manchmal auch Desdemonas Vater.

Eines Abends trat sein Vater während einer Technikprobe falsch auf und brach sich den Fuß. Er heilte irgendwie nicht richtig, und es kam zu einer Entzündung. Sein Vater verlor das linke Bein. Und mehrere Finger. Fast wäre er an einer Blutvergiftung gestorben. Aus irgendeinem Grund gab seine Mutter sich die Schuld an der Verletzung und den daraus folgenden Komplikationen. Sie sagte, sie hätten ihn im Stich gelassen – seien nicht wachsam genug gewesen, hätten die Wunde nicht so versorgt, wie sie es hätten tun müssen. Sie gab sich die Schuld, weil sie nicht hatte aufstehen können, und sie gab Seamus die Schuld, weil sie ja nicht hatte aufstehen können und es seine Verantwortung gewesen wäre, seinem Vater zu helfen. Und offensichtlich hatte er nicht genug getan.

Seine Mutter liebte seinen Vater mehr, als sie ihn liebte. Den Großteil der Zeit verbrachten sie im Krankenhaus am Bett des Vaters. Seamus verpasste zwei Monate Schule, musste ein Jahr zurückgestellt werden. Sein Vater war nun arbeitsunfähig, und er wurde fett und hart.

Mit törichter Boshaftigkeit dachte Seamus, dass er, wenn er eine andere Art von Schriftsteller wäre, ein geschmackloser Schriftsteller, darüber schreiben könnte. Über den Geruch des verfaulenden Fußes. Über das Helle und zugleich Trostlose des beigen Zimmers, in dem sein Vater im Krankenhaus seine Übungen gemacht und er ihm dabei zugesehen hatte, wie er sich Plastikgliedmaßen anschnallte, die ihn zwickten und bissen. Oder ihm dabei zugesehen hatte, wie er die einzelnen Stummel seiner Finger so weit wie möglich spreizte, und der Wut in seinem Blick, wenn er merkte, dass er diese einfache Übung nicht länger ausführen konnte. Vor dem Fenster des Rehazimmers lag ein kleiner Garten mit einem Zedernbaum. Seamus hatte ziemlich viel Zeit damit verbracht, auf diesen Baum zu starren, während sein Vater beim An- und Abgeklettetwerden der provisorischen Prothesen fluchte. Oder er könnte über den Geruch der in ihren Plastikzylindern schwitzenden Tabletten schreiben, diese Mischung aus Meeressalz und Scheiße.

Einmal hatte sein Vater ihn gebeten, ihm das Bein mit Salbe einzuschmieren. Seamus drückte die ölige weiße Creme auf seine Fingerkuppen. Er bestrich die hellbraune, geflickte Oberfläche des Beins. Überrascht schreckte er zurück. Er hatte gedacht, das Fleisch dort wäre tot und kalt, aber stattdessen war sein Vater warm und leicht beharrt. Die dünne Haut, die lockere, faserige Beschaffenheit des Muskels darunter. Das kribbelnde Rauschen von etwas Lebendigem. Eindrücklich, schmerzhaft lebendig. Sein Vater fauchte.

»Nichts kriegst du hin«, sagte er.

»Es tut mir leid«, sagte Seamus. »Es tut mir so leid.«

»Lass mich in Ruhe. Verschwinde.«

Er könnte darüber schreiben, wie er den Sommer über zu seinen Großeltern nach Pennsylvania geschickt wurde. Ihr düsteres Haus mitten auf einem Acker mit vergilbtem Gras, als wäre das Land nicht gewillt zu glauben, dass erst der Frühling und dann der Sommer gekommen waren. Alles an diesem Haus in Pennsylvania war kalt und halb im Dunkeln.

Seine Großeltern begegneten ihm mit einer Höflichkeit, die sich anfühlte wie Abkehr. Er aß ihr bitteres Frühstück und ihr kaltes Mittag. Zum Abendessen gab es seltsame Pasteten mit Innereien und anderen Sachen darin. Das Haus roch nach Essig und Ethanol. Sie sprachen nicht oft mit ihm, und er verbrachte sehr viel Zeit damit, sich selbst vorzulesen. Er kam größer und blasser zurück nach Hause. Seine Eltern sahen aus, als hätten ihre Wut, ihr Schmerz und ihre Traurigkeit sie bis auf die Grundpfeiler niedergebrannt.

Doch niemand hatte eine glückliche Kindheit. Niemand hatte ein gutes Leben. Die Auswahl an menschlichem Schmerz war überwältigend, und alle bedienten sich daran, als wäre es Getreide in einer Scheune. Es gab Schmerz für dich und Schmerz für dich und Schmerz für dich – genug Leid für alle. Der Schmerz seiner Kindheit war derart gewöhnlich, dass er sich schämte. Vielleicht war es das, was ihn an der Arbeit seiner Altersgenossen störte. Es ging nicht darum, dass ihr Leben schlimmer war als seins oder dass sein Leben besser war als ihres – es ging darum, dass sie alle den gleichen Schmerz, die gleiche Verletzung empfanden, und dass er meinte, niemand sollte herumlaufen und so tun, als wäre es mehr, als es war: der normale Gang des Universums. Kleine, alltägliche Sachen – verletzte Gefühle, grausame Eltern, schräge und zermürbende Probleme.

Sie waren sicher keine Lyrik wert. Doch er wusste, und das war eher ein Gefühl als eine Gewissheit, dass die anderen es genial nennen würden, wenn er ein Gedicht darüber schreiben würde, über sein Leben. Sie würden sagen, es sei seine beste Arbeit, als ob alles, was er zuvor getan hatte, einfach nur eine Illusion gewesen wäre, alles nur Blendwerk. Er wusste, sie würden es gut nennen, verletzlich, und was konnte schlimmer sein als das?

Seamus spülte das Geschirr ab und hängte es zum Trocknen in das Gitter. Er ließ sich Zeit bei der Anordnung, stellte die Teller in die Spalten über der Spüle. Gabeln und Löffel legte er schräg, sodass das Wasser an den Rillen des Gestells entlanglief, sich sammelte und in einem Strom in den Abfluss stürzte. Er mochte es sauber in der Küche, mochte das System. So hatte man es ihm im ersten Krankenhaus beigebracht. Alles an seinem Platz. Keine schmierigen Oberflächen. Keine Messer mit der Spitze in die falsche Richtung.

Unter dem T-Shirt war sein Rücken von der Hitze in der Küche schweißnass geworden. Er zappelte und zog sich das Shirt hoch bis zu den Schultern.

»Ich triefe«, sagte er im Vorbeigehen zu Lena. »Ich muss mich umziehen.«

Dann ging er hinunter in den Vorratsraum. Bei Eunice lief noch immer Chet Baker. Sie war ein gutes Stück vorangekommen. In der engen Toilette schälte er sich aus seinem T-Shirt, trocknete sich damit ab und zog sich dann ein frisches über, dazu einen frischen Pullover. Sein Zahnfleisch prickelte. Er tastete seine Hosentasche ab, aber seine Zigaretten steckten offenbar in seiner Jacke, die oben in der Küche am Haken hing.

Am Ende der Treppe spähte er durch die Tür zum Vorratsraum.

»So ein Kind. Der denkt echt, er weiß alles.«

»Habe ihn gerade gehen lassen. Hey, lieber er als ich.«

»Tja, wenn du ihn fragst, ist er besser.«

Seamus hörte, wie ihm das Blut in den Ohren pochte. Wie scheiße peinlich. Aber er konnte jetzt nicht hinuntergehen, ohne zu riskieren, dass die Stufen knarzten, und er konnte nicht hineingehen, ohne dass sie wussten, dass er sie gehört hatte. Eigentlich wollte er, dass sie es wussten, aber er mochte Eunice und Lena. Das machte es umso schlimmer. Er hielt einfach die Luft an und wartete schätzungsweise fünf Minuten, die aber genauso gut Jahre oder auch nur Sekunden gewesen sein konnten. Dann betrat er die Küche, lächelte sie an und fragte sich, ob sie ihm ansahen, dass er zu überspielen versuchte, wie er sich fühlte. Was sonst sollte er tun oder sagen. Das hätte alles nur noch unerträglicher gemacht. Wäre Schauspielerei gewesen. Aber er schauspielerte schon. Er war bereits in die Schauspielerei gedrängt worden. Sie alle hatten in diesem Moment ihre kleinen Rollen zu spielen.

»Hab meine Jacke vergessen«, sagte er. Er nahm die Chore-Jacke vom Haken und zog sie an. »Schön auf mein’ Pot aufpassen.«

Lena lachte über seinen schlechten Witz. Eunice lächelte ihn an.

»Aber klar doch, Boss.«

Seamus wich zurück. Dann tauchte er ein in die Dunkelheit des Vorratsraums. Seine Nase brannte, und er betastete sie, um zu sehen, ob er Nasenbluten hatte. Seine Haut war so heiß vor Scham, dass er erschrak.