Vor dem Sprung - Brandon Taylor - E-Book

Vor dem Sprung E-Book

Brandon Taylor

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Beschreibung

Fragile Identitäten zwischen Zärtlichkeit und Gewalt Ein junger queerer Mann lässt sich mit einem Tänzerpaar ein und ahnt nichts von der toxischen Eifersucht, die bald in der Affäre schwelt. Eine Familie zerstreitet sich wegen der Homosexualität des abwesenden Sohnes. Ein Junge erfährt an seinem 17. Geburtstag, dass sein bester Freund eine Mitschülerin vergewaltigt hat. Und versteht: Es gibt Schlimmeres, als allein erwachsen zu werden. Man liest Brandon Taylors Storys mit angehaltenem Atem, weil das Unheil jederzeit durch die zarte Schicht des Alltags zu brechen droht. 26 Medien in den USA und Großbritannien zählten »Vor dem Sprung« noch vor Erscheinen zu den wichtigsten Büchern des Jahres. Hier spricht ein Autor, der die amerikanische Literatur über Jahre hinweg prägen wird. »Taylor hat sich als herrlich origineller Erzähler etabliert.« Vogue »Voller grundlegender Einsichten in die Abgründe menschlicher Interaktion.« Kirkus Review »All diese Geschichten zeichnen ein Bild der Sehnsucht nach Intimität und des versteckten Verlangens nach Liebe.« Cosmopolitan »›Vor dem Sprung‹ bewegt sich in dem komplexen Raum zwischen Verletzten und Verletzenden, zwischen dem Feind im Gegenüber und dem Feind in uns.« Yiyun Li »Ein brillanter Schriftsteller.« Garth Greenwell

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Aus dem amerikanischen Englisch von Maria Hummitzsch und Michael Schickenberg

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2021 unter dem Titel Filthy Animals bei Riverhead, Penguin Random House LLC, New York.

© Brandon Taylor, 2021

Published by agreement with Riverhead Books,

an imprint of Penguin Publishing Group,

a division of Penguin Random House LLC

© Piper Verlag GmbH, München 2022

Covergestaltung: zero-media.net, München, nach einem Entwurf von Luke Bird

Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)

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Inhalte fremder Webseiten, auf die in diesem Buch (etwa durch Links) hingewiesen wird, macht sich der Verlag nicht zu eigen. Eine Haftung dafür übernimmt der Verlag nicht.

Inhalt

Inhaltsübersicht

Cover & Impressum

Zitat

Mitbringparty

Kleines Biest

Fleisch

Als wäre das Liebe

Prüfungsaufsicht

Vor dem Sprung

Gewebe

Anna von Kleve

Wohnung

Ihr Blut ist auch dein Blut

Haare

Dank

Buchnavigation

Inhaltsübersicht

Cover

Textanfang

Impressum

Wäret ihr von der Welt, so hätte die Welt das Ihre lieb.

Johannes 15,19

Mitbringparty

Lionel hatte die Klinik erst wenige Tage zuvor verlassen, als die Einladung zur Mitbringparty kam.

Der Gastgeber wohnte im Erdgeschoss eines Zweifamilienhauses in Near East Side, nur durch eine kleine Stichstraße von den klobigen Cottages am Lake Monona getrennt.

Diffuser Partylärm drang hinaus in die tiefblaue Kälte, wo Lionel unter dem Fenster des Wintergartens stehen geblieben war, um einen Blick nach drinnen zu werfen. Die Anonymität der Dunkelheit beim Blick hinein verlieh ihm ein Gefühl von Macht. Dass er bis auf den Gastgeber niemanden erkannte, empfand er als tröstlich und abschreckend zugleich.

Ein Rechteck aus fahlem Licht entrollte sich auf der Treppe, als der Gastgeber die quietschende Tür aufstieß.

»Scheiße, ist das kalt hier draußen. Bist du den ganzen Weg gelaufen?«

Lionel stieg die Stufen hoch und war so bemüht, seinem starren Gesicht einen freundlichen Ausdruck zu verleihen, dass seine Kopfhaut kribbelte. Gelaufen war er nur einen Teil des Weges, etwa zehn Minuten. Der Bus hatte ihn am anderen Ende des Orton Park abgesetzt. Als der Gastgeber verstand, dass Lionel nicht antworten würde, sagte er: »Na dann, du kommst genau richtig.«

»Ich hatte keine Gelegenheit, noch was zu besorgen … Ich bin gerade erst zurück«, sagte Lionel. Die vielen Schuhe im Flur machten ihm klar, dass das hier nicht die kleine, intime Runde war, die er erwartet hatte. Sie machten ihm auch klar, dass er nicht genau richtig kam, aber das hatte er schon gewusst.

»Lange weg gewesen?« Der Gastgeber legte den Arm um Lionels Taille und zog ihn zu sich, bis sie dicht voreinanderstanden, schon auf der Türschwelle, aber noch nicht in der Wohnung. »War okay?«

»Ein paar Wochen«, sagte Lionel. »Tut mir leid, dass ich mich so selten gemeldet habe.«

»Ist halt viel los«, antwortete der Gastgeber auf eine Weise, die nicht ganz nicht passiv-aggressiv klang. Weil Lionel sich sofort schuldig fühlte, wandte er leicht den Kopf zur Seite, und die Lippen des Gastgebers streiften seinen Mundwinkel.

»Danke«, sagte Lionel.

»Schön, dich zu sehen. Wir reden nachher. Was es Neues gibt und so. Ist eine Ewigkeit her.«

»Machen wir.«

Ein paar der Gäste saßen auf zusammengewürfelten Stühlen und auf dem Boden, in der Hand Teller mit pappigem Gemüse und Getreide. Das Improvisierte nahm ihm etwas von der Fremdheit, die er empfand, als er dort alleine eintrat, denn obwohl er offensichtlich zu spät kam, erweckten die anderen nicht den Anschein, so zusammenzugehören, wie Freunde das manchmal tun. Die Verbindungen zwischen ihnen folgten keiner erkennbaren Logik. Sie alle waren unbeholfene, unsichere Fremde im Wohnzimmer des Gastgebers. Er winkte ihnen zu, und sie winkten zurück. Von ihnen gesehen zu werden und sie zu sehen, berührte ihn.

Lionel fühlte sich lebendig, als Teil der Welt.

Die größere, lautere Gruppe von Gästen deckte sich in der Küche mit Essen ein. Lionel stellte sich an und sah zu, wie sie Pirouetten drehten und zusammenstießen. Sie berührten sich am Rücken und an den Schultern. Männer und Frauen. Sie umarmten sich, gaben sich Küsschen und pressten sich aneinander. Schlangen Arme umeinander und hakten Daumen in die Hosentaschen des anderen. Sie nahmen sich Wein und taten sich gegenseitig auf. Das laute Klack von Plastikbehältern, das Klimpern von Eiswürfeln, das Zischen von Mineralwasser. Als sie alles hatten und sich an Lionel vorbeiquetschten, sah er, dass sie ungefähr so alt waren wie er, vierundzwanzig, oder ein wenig älter. Sie rochen nach Tabak und etwas knallig Floralem, vielleicht Orchideen oder Hortensien. Sie sagten hey und hi und darf ich mal?, und er trat einen Schritt zurück und ließ sie vorbei.

Nachdem sich die Küche geleert hatte und alle einen Platz gefunden hatten, stellte Lionel sich einen Teller mit gebackenem Spargel, braunem Reis und Grünkohlsalat zusammen. Er lehnte sich an die abblätternde gelbe Arbeitsplatte und schob das Essen auf seinem Teller hin und her, bis alles mit allem vermischt und überzogen war. In der Küche war es stickig, es roch nach Menschen und ihrem Parfum, ihrem Shampoo, ihrer Creme. Aber durch das offene Fenster drang ein Strom kalter, klarer Luft herein. Wo der Wind durch vereinzelte Löcher im Fliegengitter gelangte, pfiff es.

»Lionel!«, rief der Gastgeber aus dem Nachbarzimmer. »Lionel, was machst du da drüben? Komm her!«

Er fand es erniedrigend, so herbeizitiert zu werden. Als er in der Tür auftauchte, klatschte der Gastgeber so laut, dass das Licht der Deckenlampe in Lionels Augenwinkel kurz grell zuckte. Ihm taten die Zähne weh.

»Da ist er ja, da ist er!«

Keiner klatschte mit, sodass die Geste des Gastgebers mitleiderregend und zugleich grausam rüberkam. Von der Tür aus sah Lionel die Bandbreite an Menschen, die zu der Mitbringparty gekommen waren. Der dicke Mann, der zwischen zwei Stühlen auf dem Boden saß, bestand darauf, dass es ihm gut gehe. Eine blonde Frau kauerte mit angezogenen Füßen auf einem Stuhl und balancierte einen Teller auf den Knien. Der Gastgeber teilte sich die Chaiselongue mit einem Pärchen, das aufeinander abgestimmte schwarze Cordhosen und graue Socken trug und aussah wie ein Geschwisterpaar. Die Frau hatte die Haare zu einem wüsten Knoten gezwirbelt, und der Mann trug ein Basecap aus Filz, darunter zotteliges, schulterlanges Haar. Eine androgyne Person, groß, markant, mit platingrauem Buzzcut und Septum-Piercing, stand gestikulierend vor einer schwarzen Frau im Overall und mit gepiercten Wangen. Zwei dürre schwule Männer in Matrosenpullis, der eine schwarz-weiß gestreift, der andere weiß-schwarz, flirteten mit einem ebenso dürren Mann mit Sonnenbrille. Eine Frau in Chinos saß da und starrte mürrisch auf die Lücke zwischen ihren Knien. Die Gesichter bildeten für Lionel eine Wand aus freundlichem Desinteresse, aber dann versanken sie wieder in ihren eigenen Gesprächen. Ihr Schwatzen übertönte die leise Musik.

Vor dem stillgelegten Kamin, über dem irgendwer ein Paar Stierhörner aufgehängt hatte, quetschte Lionel sich in eine Lücke auf dem Boden, gleich neben einen Mann in weinrotem Rollkragenpullover. Der Mann war extrem, ja unnötig muskulös und wirkte wie jemand, der es genoss, angeschaut zu werden, und der gut Blickkontakt hielt.

In die Gespräche war schwer reinzukommen. Alle spielten in einem fort auf andere Situationen, andere Ereignisse, andere Partys an, und statt zwei Sachen in Beziehung zu setzen, war jede Anspielung nur Selbstzweck, sich selbst als Geste genug. Was in Ordnung ging, alles gut, Lionel war mit Männern auf dem College gewesen, deren gesamte Kommunikation aus Anspielungen auf Filme von Will Ferrell und Witze von Adam McKay bestanden hatte. Aber bei diesen anderen Partys war er nicht dabei gewesen. Er hatte keine Chance, auf die Anspielungen einzusteigen, in das System reinzukommen. Er lachte hohl mit, wenn die anderen lachten, wenn auch mit Verzögerung, aber das Gefühl von Falschheit, das in seinem Schädel vibrierte, nervte ihn schon bald. Der Mann neben ihm schaute immer wieder in seine Richtung, und ein oder zwei Mal kreuzten sich ihre Blicke. Lionel wunderte sich über das Gefühl des Sicherkennens, das er empfand. Durch einen verqueren glücklichen Zufall blieben sie beide in der Unterhaltung außen vor, auch wenn Lionel annahm, dass der andere es absichtlich tat. Er war neidisch. Darauf, dass manche Menschen sich in sozialen Situationen bewusst aussuchen konnten, dabei zu sein oder nicht. Er selbst hatte keine Wahl. Stattdessen hatte er ständig den Eindruck, genau dann in einem Moment anzukommen, wenn dieser zu Ende ging und alle weiterzogen. Ihm fehlte das Timing. Aber der Blick des Mannes fing ihn immer wieder ein, und langsam spürte Lionel, dass sie beide in ihrem Außenvorsein ihren ganz eigenen Moment gefunden hatten. Ihr ganz eigenes Tempo.

»Ich bin Charles«, sagte der Mann schließlich.

»Lionel.«

»Schon gehört. Du bist jetzt berühmt.«

»Tja, so ist er. Er denkt, solange er darüber lachen kann, ist alles okay«, sagte Lionel. Charles zog die Augenbrauen hoch.

»Ist das so?«

»Ja«, setzte Lionel an, unterbrach sich dann aber, weil er nicht für ein Lästermaul gehalten werden wollte und Charles sich schon ein wenig zu ihm herübergebeugt hatte, als wäre Lästern genau das, wonach ihm der Sinn stand. »So ist er halt.«

»Vegetarier?«, fragte Charles. Das Beliebige an dieser aus dem Nichts kommenden Frage irritierte Lionel.

»Woher weißt du das? Irgendwas in meinem Gesicht?«

»Dein Teller«, sagte Charles. »Du stehst auf Körner.«

Lionel schaute hinunter auf sein Essen, als hätte es irgendwer anders zusammengestellt: den mit dem Grünkohlsalat vermischten Reis. Die Spargelstangen. Oxidierende und matschig werdende Avocadostückchen.

»Erwischt.«

Lionel warf einen Blick auf den Teller von Charles. Er hatte sich zwei Portionen Fisch genommen, von dem knusprig gebräunten mit dem Kopf noch dran. Wahrscheinlich Dorade oder so was. Lionel hatte im Jahr zuvor mit dem Fleischessen aufgehört, in seiner Zeit im Krankenhaus. Es hatte etwas so Grausames an sich. Fleisch war so nah am Tod, und er hatte während seines Aufenthalts in der Privatklinik zu viele Videos über industrielle Tierhaltung gesehen. Verwackelte Handyfilmchen mit lautem Keuchen und Klamottenrascheln, Nahaufnahmen von Kühen, die ihre Schnauzen gegen schlammbeschmierte Gitterstäbe pressen oder mit nässenden Wunden und aufgeblähten Bäuchen auf der Seite liegen. Er war kein fanatischer Vegetarier. Er verfügte über keinerlei militante Energie. Trotzdem fühlte er sich unsicher deswegen, denn der Grund für seinen Fleischverzicht hatte eigentlich nicht mit der Umwelt zu tun, ja, nicht einmal mit den Tieren. Der Grund war egoistisch: Der Gedanke, tote Sachen zu sich zu nehmen, wo er so kurz vorm Sterben gewesen war und sterben wollte, war zu viel für ihn. Lionel wartete, dass Charles etwas Abschätziges über Vegetarier sagen würde, wartete auf den Moment, in dem die Leute das hartnäckige Schuldgefühl, das sie selbst aufgrund ihres Fleischkonsums verspüren, auf ihn projizieren.

Manchmal fehlten ihm Hamburger schrecklich.

»Woher kennst du unseren gemeinsamen Freund?«, fragte Charles. »Ich glaube nicht, dass ich dich schon mal auf einer seiner dämlichen Partys gesehen habe.« Diesmal war Lionel auf den abrupten Übergang vorbereitet.

»Wir waren am selben Institut«, sagte er. Er kannte den Gastgeber seit ein paar Jahren, kennengelernt hatten sie sich am College als Hiwis in der Informatik – Lionel aus Michigan, der Gastgeber aus Arizona. Dann waren beide für dasselbe Programm für Angewandte Mathematik an der Wisconsin angenommen worden, wo sie ein paar Jahre studiert hatten, auch wenn Lionel sich mehr mit reiner Mathematik beschäftigte, während der Gastgeber an Anwendungen für Abschirmtechnik und Weltraumforschung arbeitete. Sie hatten sich vor und nach den Seminaren zum Kaffee und Mittag getroffen und sich verbunden gefühlt, weil sie als Kinder beide keine großen Mathetalente gewesen waren. Im ersten, rastlosen Sommer schliefen sie miteinander, gerade fertig mit dem College und überzeugt, dass sich ihr Leben ändern würde. Jetzt sah es so aus, als würde der Gastgeber vorzeitig seinen Doktor machen – das Verteidigungsministerium interessierte sich für sein Projekt und wollte daraus eine Waffe bauen, die bei Auslandseinsätzen eingesetzt werden sollte.

»Ach so, du bist auch so ein schräges Genie, ja? Ist bestimmt schön«, sagte Charles voll falscher Anerkennung.

»Ein Genie sicher nicht«, sagte Lionel. Bei dem Wort wurde ihm leicht flau. »Jedenfalls bin ich gerade nicht an der Uni. Ich bin beurlaubt.«

Mit einer lässigen Fingerbewegung schnippte Charles seine Gabel herum. Das Metall blitzte, als es sich über sein Gelenk bewegte und wieder in seiner Hand landete. Er wiederholte das Ganze, einfach so, ein hübscher kleiner Trick.

»Und jetzt machst du was?«

»Prüfungsaufsicht«, sagte Lionel.

»Du machst was?«

»Ich leite Klausuren und Prüfungen für die Dozenten. Auch die Aufnahmeprüfungen.« Lionels Appetit schrumpfte auf einen winzigen, glühenden Punkt in seinem Magen zusammen. Er schämte sich nur dann für die Prüfungsaufsicht, wenn er anderen Leuten davon erzählen musste, und nur dann, wenn diese Leute wussten, dass er mal ein Doktorand mit funktionierender Hirnchemie gewesen war. Er hielt seinen Job für nichts Schlimmes, aber er merkte, wie andere Leute ihn sahen, wenn sie davon erfuhren, und wie sie sein Leben an dem maßen, was er mal gewesen war.

»Du willst mich verarschen, oder? Vom Mathegenie zur Prüfungsaufsicht? Ist das überhaupt eine richtige Tätigkeit?«

»Ist es«, sagte Lionel. »Denn genau das tue ich.«

»Wie ist das denn passiert?«

»Ich bin da so reingerutscht«, sagte Lionel.

»Klingt mir eher nach abgeschmiert.«

»So schlimm ist es nun auch wieder nicht.«

Charles kniff die Augen zusammen, lächelte aber. Lionel spürte ein statisches Knistern zwischen ihnen.

»Und dafür schlägt dein Herz? Prüfungsaufsicht?«

»Und dein Herz schlägt dafür, Fremde bei einer Party zu verhören, als wärst du eine Figur von Tschechow?«

»Ich habe keine Ahnung, wer das ist«, sagte Charles trocken, und Lionel schnaufte. Die Heftigkeit des Geräuschs erschreckte ihn. Charles fing wieder an, seine Gabel herumzuschnippen.

Lionel widerstand dem Drang zu antworten und war dankbar für die Gelegenheit, sich dem Gespräch zu entziehen. Er verstand jetzt, erkannte klarer denn je, wie sehr er und all die anderen Studenten auf ihr Universitätsleben angewiesen waren, um in Gesprächen zu bestehen. So als wäre die akademische Welt ein Satellit, der in regelmäßigen Abständen ein Signal aussendet, um einem mitzuteilen, wer und wo man ist. Erst nachdem er dieses Leben verlassen hatte, war ihm klar geworden, dass er ohne es im Grunde nichts hatte, um mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen. Die Leute betrachteten ihn anders, wenn er nicht erwähnte, dass er studiert hatte oder an einer Uni war. Sie sahen durch ihn hindurch. Das Schlimmste aber war, dass er selbst manchmal auf diese Weise durch sich hindurchsah.

»Macht es dir Spaß?«, fragte Charles.

»Es verschafft mir Zeit zum Nachdenken«, sagte Lionel. »Schon krass. Früher habe ich so schnell gedacht. Manchmal, da hat es sich angefühlt, als würden in meinem Kopf sechs verschiedene Gespräche stattfinden, alle gleichzeitig. Aber jetzt brauche ich ein Jahr, um einen einzigen Gedanken zu Ende zu bringen.«

»Wenn es in meinem Kopf so aussähe, würde ich mich umbringen«, sagte Charles. »Klingt schrecklich. Scheiße.«

Die Schärfe der Worte traf Lionel direkt zwischen die Augen. Es war stickig im Zimmer. Seine Zunge fühlte sich schwer und taub an. Als er antworten wollte, blockierte etwas in seinem Hals. Er hustete, um zu sehen, ob er den Hals wieder frei bekam, aber der harte Knoten, was auch immer es war, saß fest. Er betastete seinen gespannten Hals. Seine Haut fühlte sich gerötet und warm an. Kurz dachte er an eine allergische Reaktion, dieses eigenartige Gefühl aus drängender Panik und trockenem Hals. Sein Herz hämmerte, und seine Augen tränten. Selbst die Wolle seines Pullovers kratzte und brannte auf seinen Armen. Er versuchte erneut, die Blockade in seinem Hals wegzuhusten. Er schlug sich gegen die Brust, um die Anspannung zu lösen, doch sie ließ nicht nach.

»Menschen bringen sich tatsächlich um«, stieß Lionel hervor. »Tun sie.«

»Ganz ruhig, Kumpel«, sagte Charles nervös. Er klopfte Lionel zwischen die Schulterblätter. Durch die Schläge rutschte Lionels Teller von seinem Schoß und landete mit einem lauten Klirren auf dem Boden. Der matschige, mit Dressing überzogene Grünkohl und die glitschige Avocado gaben ein trauriges kleines Häufchen ab.

Das Gerede verstummte, die Wand aus Partylärm fiel in sich zusammen, und zurück blieb nur das eigenartige Schweigen des Voyeurs und des Beobachteten. Ihre Blicke fühlten sich an wie Metallstifte, die sich ihm in die Gelenke bohrten.

»Ich brauche …«, keuchte Lionel, stand dann aber auf. Auf wackligen Beinen ging er hinter der Chaiselongue vorbei, und der Gastgeber streckte die Hand nach ihm aus. Die anderen riefen:

Alles in Ordnung mit ihm?

Also, wenn ich neben Charlie sitzen müsste …

Charles, was hast du gemacht?

Erste Tür rechts!

 

Letzten Herbst hatte Lionel versucht, sich umzubringen.

Sein Versuch war nicht gerade dezent gewesen, sodass sein Vater mit dem Flieger aus seinem Vorort von Houston und seine Mutter mit dem Auto aus ihrem Vorort von Detroit angereist waren, um dann bei ihm in Madison aufeinanderzutreffen und ihm wütend und verängstigt vorzuhalten, dass er wieder einmal schrecklich unachtsam mit sich umgegangen sei.

Er wurde ein paar Tage in der Uniklinik festgehalten. Festgehalten deshalb, weil er sie nicht aus freien Stücken verlassen durfte. Woran Lionel sich mit aller Deutlichkeit erinnerte, war der Schmerz in seinem unteren Rücken: ein heißes Pochen direkt über dem Kreuzbein, das die ganze Nacht anhielt. Der Arzt betrachtete stirnrunzelnd sein EKG. Die Krankenschwestern verbrachten viel Zeit damit, seine Atemfrequenz und seinen Blutdruck zu überwachen. Sie sagten, er solle sich beruhigen und auf die schönen Sachen konzentrieren. Sie fragten ihn, was er mache und was er studiere, sagten, er sei jung und gesund, alles sei gut, er sei in Sicherheit. Es gebe keinen Grund, solche Angst zu haben. Sein Puls blieb dennoch hoch. Irgendwann mussten sie ihm ein Beruhigungsmittel geben, und er fiel in ein weißes Nichts.

Als seine Eltern eintrafen, waren seine Augen blutunterlaufen. Er fror. Sein Vater lachte laut und sagte: Du siehst aus wie ein Penner. Der Arzt zuckte zusammen, aber Lionel wusste, dass sein Vater nur witzig sein wollte. Locker. Sein Vater war Ingenieur in der Ölbranche. Er arbeitete an einer neuen Methode zur Gewinnung von Öl aus Schiefergestein. Vor Houston war sein Vater in North Dakota gewesen, und vor North Dakota in Wyoming, und vor Wyoming war er verheiratet gewesen.

Lionels Mutter weinte, als sie ihn sah, und fragte, warum er das getan hätte, doch der Arzt unterbrach sie: So etwas fragen wir hier nicht. Das ist privat. Seine Mutter sah den Arzt an und sagte: Wenn es um mein Kind geht, ist für mich nichts privat. Und Lionel hätte am liebsten erzählt, dass seine Mutter das Schloss an seiner Tür abmontiert hatte, als er klein war, ohne es je wieder anzubringen.

Nach diesem ersten Besuch gingen seine Eltern wieder, um ihm Waschzeug und Wechselsachen aus seiner Wohnung zu holen. Der Arzt sagte, wenn Lionel nicht wolle, müsse er nicht mit ihnen mitgehen, wenn sie ihn abholen kämen. Er könne bleiben. Lionel fragte den Arzt nach den Rückenschmerzen, und der Arzt bot ihm Valium an, warnte aber, dass es abhängig mache. Da sagte Lionel: So schlimm ist es nicht. Der Schmerz sei okay. Er könne damit leben.

Ein paar Wochen später wechselte er in eine private Einrichtung in der Nähe von Detroit. Ein Teil des Klinikgeländes bestand aus großen, hügeligen Rasenflächen. Es gab Zedern und Kiefern und Spazierwege. Sie nannten es Wandern, aber eigentlich stieg man nur bis zur Spitze eines mäßig steilen Hügels hinauf und schaute auf die Klinik hinunter. Von dort oben sah man die schwarze Umzäunung der Anlage. Der eigentliche Gebäudekomplex war ein typisch modernistisches Ensemble ineinandergeschachtelter Klötze, hier und da mit einem Hauch von Holz verkleidet. Es war die Art von Moderne, die der Geschichte und Zeit feindlich gegenübersteht, scheinbar ohne Präzedenz und dennoch absolut referenziell, was fast schon öde war. Die Art von Gebäude, die man so oft sieht, dass sie zu einem visuellen Klischee für Geld, Komfort und ästhetisches Bewusstsein geworden ist.

Lionel hatte Albträume, in denen er durch einen Lüftungsschlitz fiel, und er erwachte dann jedes Mal in einem anderen Traum, in dem er unter einer dicken Eisschicht gefangen war. Er glitt durch aufeinanderfolgende Schichten von Träumen immer weiter hinab, erwachte in immer gruseligeren Situationen, bis er schließlich aus einem unwahrscheinlich hohen Feuer aufschreckte. Oder aus einem Traum, in dem er von Wölfen gejagt wurde oder sich am Fuß eines ausbrechenden Vulkans im Wald verirrt hatte. Weil sein Herz so raste, geriet er schon vom Aufstehen außer Atem. Die meiste Zeit las er oder lag still unter der Gewichtsdecke, die seine Mutter ihm mitgebracht hatte. Nach ein paar Wochen bekam er die Erlaubnis, das Fenster zu öffnen. Eine Pflegerin entriegelte es und erklärte ihm, dass es kein Fliegennetz gebe, er im Frühling also aufpassen müsse wegen der Mücken. Die filigranen Sicherheitsgitter säßen bombenfest. Es sei denn, Sie legen es wirklich drauf an, sagte die Pflegerin zwinkernd. Selbst diese Gitter wirkten durchdesignt. Die Optik. Das Material. Der Verriegelungsmechanismus, der verhinderte, dass man sie entfernte. Alles war darauf ausgelegt, nicht bedrohlich zu wirken. Ein Mut machender Käfig, dachte Lionel. Die Leute sollten sich durch ihr Gefangensein gestärkt fühlen.

Er war sechs Monate da, dann ließ man ihn gehen. Seine Mutter schlug vor, dass er bei ihr blieb, doch Lionel wollte in sein Leben zurückkehren, zu seiner Forschung. Er wollte wieder er selbst sein.

In Madison ging es ihm den Frühling und Sommer über okay. Er hatte einen Arzt, eine feste Struktur. Sein Urlaubssemester würde bald enden, und im neuen Semester würde er wieder ins Doktorandenprogramm einsteigen.

Er war noch nicht wieder er selbst, aber auf bestem Wege dahin.

Vor ein paar Wochen dann hatte ihn auf der Straße ein glasklares Bild überwältigt. Aus heiterem Himmel sah er, wie er vor ein Auto sprang und sich auslöschte. Am Tag darauf wies er sich selbst zur Überwachung in die Uniklinik ein. Als das Gefühl der Gefahr vorbei war und er nicht mehr glaubte, dass er sich etwas antun würde, ging er nach Hause. Und da hatte die Einladung des Gastgebers auf ihn gewartet. Wie ein Ruf aus der Welt, der er den Rücken gekehrt hatte.

Menschen versuchten tatsächlich, sich umzubringen – den einen gelang es, den anderen nicht.

 

Im Bad des Gastgebers versuchte Lionel runterzukommen. Sein Puls pochte in seinen Oberschenkeln, und es fühlte sich so heftig an, dass er sicher gleich vom Toilettenrand rutschen würde. Von der Bewegung wurde ihm schwindelig. Es kotzte ihn an, dass er sich von Charles’ beiläufiger, herablassender Bemerkung hatte lahmlegen lassen. Er hatte sich von ihr bezwingen lassen, aber was noch schlimmer war: Er hatte sich anmerken lassen, wie sehr sie ihm zu schaffen machte. Lionel stand auf, beugte sich über das Waschbecken und spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht. Die Griffe des Wasserhahns quietschten, dann kam ein unruhiger, ängstlicher Strahl. Er trank aus der hohlen Hand und versuchte, seinen Puls zu senken. Das Wasser schmeckte ein wenig seifig, und der Schwindel blieb. Dieses schwankende, taumelige Gefühl, so als würden ihm jeden Moment die Beine wegknicken.

Es klopfte fest an die Tür.

»Zwei Minuten«, rief Lionel. Er drehte noch einmal den Wasserhahn auf, damit die Person draußen glaubte, er würde sich die Hände waschen. Seine Mutter hätte ihm gesagt, er solle sich die Haare kämmen, und sie hätte gesagt, dass er die schlechte Angewohnheit habe, Weißen zerzaust und derangiert entgegenzutreten. Wenn sie ihm damit kam, wollte er jedes Mal erwidern, dass Weiße einfach nur Weiße seien, obwohl er wusste, dass diese Aussage naiv und dumm war, denn Weiße waren eben nun mal Weiße. In der Klinik hatte seine Mutter ihm erzählt, dass seine Tanten und Onkel »zu Hause im Süden« – das sagte sie immer, wenn sie von ihrer Heimatstadt im Osten von Georgia sprach – der Meinung seien, sein gegenwärtiger Zustand rühre daher, dass er in der Schule und im Mathecamp mit den ganzen weißen Kids herumgezogen sei. Seine Tanten und Onkel ordneten seinen Wunsch, sich umzubringen, als eine Folge all der Dinge ein, die ihnen nicht gefielen oder die sie nicht verstanden: wie er redete, wie er die Dinge sah. Sie gaben seinem Vater und dessen Art die Schuld daran.

Es war dumm.

Es war sinnlos.

Niemand hatte Schuld.

Es war einfach passiert.

Als er die Tür öffnete, sah er nicht gleich, dass da jemand stand. Erst als er hinaus in den schmalen Flur trat, der mit Fotos des Gastgebers und seiner Familie gesäumt war, sah er Charles mit geschlossenen Augen an einer Tür lehnen.

»Alles gut?«, fragte Charles.

»Das sollte ich wohl eher dich fragen.«

»Ich wollte gar nicht herkommen.«

»Und warum bist du’s dann?« Lionel lehnte sich mit dem Rücken an die Wand. Ihm direkt gegenüber hing ein Foto des Gastgebers als Kind mit euphorisch zurückgeworfenem Kopf. Er sah glücklich aus. Zufrieden. Neben einem großen Busch stand eine Frau in weißen Shorts mit leerem Blick.

»Wegen Sophie«, sagte Charles. »Sophie wollte unbedingt her.«

»Welche ist das?«

»Die Blonde.«

Lionel drehte sich so weit um, dass er durch die Küche ins Wohnzimmer schauen konnte.

»Die Gelenkige?«

Charles nickte. Er drückte sich von der Tür ab und lehnte sich an die Wand. Das Küchenlicht fiel durch den Türrahmen zu ihnen in den Flur und trennte sie voneinander.

»Es ist schön, dass ihr Dinge füreinander macht«, sagte Lionel.

»Eben bin ich voll ins Fettnäpfchen getreten.«

»Ich bin noch ganz. Du darfst gern mit heilem Gewissen weitermachen.«

»Ach, komm schon, du kannst mir ruhig sagen, dass ich Scheiße gebaut habe.«

»Meiner Erfahrung nach will niemand hören, dass er Scheiße gebaut hat.«

»Wir sollten wieder reingehen.«

»Wir?« Lionel schüttelte den Kopf. »Du kannst machen, was du willst. Ich bleibe lieber noch ein bisschen hier.«

Charles seufzte. So wie er da mit der Wange an der Wand lehnte, wirkte er fast hilflos. Lionel spiegelte ihn, drehte sich zur Seite und legte die Wange an den kalten Putz.

»Was dagegen, wenn ich bleibe?«

»Wie du willst. Ist nicht meine Wohnung«, sagte Lionel, aber dann sah er es: Charles war erleichtert. Auch er war schüchtern.

»Okay, Mister Cool.«

Lionel spürte, wie sich ihr Atem anglich. Sie hielten den Blick des anderen, bis es langsam absurd wurde, aber es war nicht komisch oder unangenehm. Lionel war sich nicht einmal mehr sicher, ob sie einander überhaupt noch sahen. Er hatte das Gefühl, leicht zu schielen, sodass von Charles nur verschwommene Bruchstücke übrig blieben. Es war ein weiterer Moment gemeinsamen Abseitsstehens. Er und Charles waren zu ihrem eigenen Tempo zurückgekehrt, nur sie beide. Lionel fühlte sich frei von den Erwartungen anderer, wie er sich zu verhalten und zu sein hatte. Er fühlt sich frei von seinen Erwartungen an sich selbst.

Er empfand Milde, nicht mehr und nicht weniger.

Sie kehrten zu den anderen zurück. Charles blieb hinter Sophie stehen. Sie strich ihm über die Arme. Der Gastgeber griff wieder nach Lionels Hand und zog ihn zu sich.

»Alles gut?« Lionel setzte sich auf die Lehne der Chaiselongue. Die Hände des Gastgebers waren noch fettig vom Abendessen, seine Beine ruhten auf den Oberschenkeln des Pärchens. Die beiden saßen jetzt nach vorne gebeugt, führten jeder eine eigene Unterhaltung mit der androgynen Person und redeten in einem Wirrwarr aus Anspielungen auf Dostojewski und Planned Parenthood übereinander hinweg:

»Die Leute meinen zwar, dass sie Tolstoi besser finden, aber im Grunde ist Tolstoi doch J. K. Rowling. Das eigentliche Genie ist Dostojewski.«

»Ich meine, wir stehen so kurz davor, dass uns komplett die Gelder gestrichen werden. Scheiße, Leute, dann trinkt halt mal einen Latte weniger und spendet was.«

»Okay, also probiert hab ich es ja schon. Womit fange ich denn am besten an?«

»Ja, klar, aber einer allein richtet gar nichts gegen den amerikanischen Imperialismus aus, die politische Maschinerie ist einfach zu gigantisch.«

»Ganz ehrlich, jemandem sagen zu wollen, mit welchem Buch er oder sie bei einem Autor anfangen soll, ist die Vorstufe zum Faschismus.«

»Die wollen, dass man genau das denkt. Ich meine, stell dir mal vor, Martin Luther King wäre einfach zu Hause geblieben, weil es schwer war.«

»Ich persönlich finde Verbrechen und Strafe besser, aber hey, was weiß ich schon?«

»Mir geht’s gut«, sagte Lionel. »Hab mich nur letzte Woche erkältet.«

»Du bist aber nicht ansteckend, oder?«, fragte jemand. Lionel schaute auf und sah, dass es der dicke Mann von vorhin war, der neben Sophies Stuhl auf dem Boden saß. »Ist ja gerade Grippesaison.«

»Ich glaube nicht, dass es ansteckend ist«, sagte Lionel.

»Gut, denn mein Immunsystem ist nicht so toll, mal abgesehen davon, dass es sozial verantwortungslos wäre, unter Leute zu gehen, wenn man sich nicht gut fühlt.«

»Oh, sozial verantwortungslos, jetzt geht’s aber los«, sagte der Gastgeber und strich Lionel mit seinen fettigen Händen über den Rücken.

»Das ist nicht witzig. Schließlich ist nicht jeder mit einem robusten Immunsystem ausgestattet, und …«

»Vielleicht solltest du mehr Gemüse essen und mal ins Fitnessstudio gehen«, sagte der Gastgeber hämisch. Lionel saß in der Zwickmühle. Der Mann war nervig, der Gastgeber aber unnötig gemein, was ganz offensichtlich daran lag, dass sein Gegenüber fett war und er ihn nicht attraktiv fand.

»Tatsächlich ist nicht erwiesen, dass eine pflanzliche Ernährung signifikanten Schutz vor Infektionen durch virale Vektoren bietet.«

»Ja, na klar, absolut«, erwiderte der Gastgeber strahlend und sah sich auf der Suche nach Verbündeten um. Und da es seine Party war und seine Wohnung, pflichteten die Leute ihm bei, lächelten gequält und murmelten zustimmend. Der Mann auf dem Boden errötete, zuckte dann aber mit den Schultern.

»Wo wir gerade von Gemüse reden – ich mach wohl mal besser meinen Dreck weg«, sagte Lionel.

»Nein, bleib hier«, jammerte der Gastgeber.

Lionel ging zum Kamin, aber irgendwer hatte seinen Teller und das Essen schon weggeräumt. Auf dem abgewetzten Holzfußboden war nur noch ein schmieriger Streifen zu sehen. Am anderen Ende des Zimmers hatte Charles die Arme um Sophie gelegt. Die beiden schauten zu ihm herüber. Charles hatte sich zu ihr heruntergebeugt, um ihr etwas ins Ohr zu flüstern, und Lionel bemerkte, wie sich ihre Augen leicht verengten. Doch dann wandte Sophie sich um und flüsterte etwas zurück, und wie es aussah, kicherten die beiden. Lionel wünschte sich, das Essen hätte noch vor dem Kamin gelegen. Dann hätte er jetzt wenigstens etwas mit sich anzufangen gewusst. Stattdessen richtete er sich wieder auf und ging in die Küche. Vielleicht konnte er sich nützlich machen, schon mal mit dem Abwasch anfangen.

Charles folgte ihm, und plötzlich standen die beiden an der Spüle. Auf einem Teller lagen noch mehr von den kleinen gebratenen Fischen. Charles nahm sich einen und knabberte an den knusprigen Flossen.

»Das hättest du nicht tun müssen«, sagte Lionel. »Ich hätte es selbst sauber machen können.«

»Ich fand, es war zur Hälfte auch meine Sauerei.«

»Sophie wirkt nett.« Lionel hielt einen Plastikbecher unter den Wasserhahn. Die Spüle war so voll, dass ihm die Lust zu helfen vergangen war. Ihm war der Mut abhandengekommen, oder sein karitativer Impuls, oder beides.

»Sie ist anders«, sagte Charles.

Lionel wollte Charles gerade fragen, warum er ihm in die Küche gefolgt war und warum er so dicht vor ihm stand, als der Gastgeber um die Ecke kam. Er wirkte ein wenig überrascht, die beiden zusammen anzutreffen, erholte sich jedoch, wie eine Katze mitten im Fall ihr Gewicht verlagert, und fasste an Charles vorbei, um die Kühlschranktür zu öffnen.

»Habt ihr Jungs Lust auf Wein?«

»Ich nicht«, sagte Charles und strich sich abwehrend über den Hals.

»Ich ja«, sagte Lionel. Der Gastgeber nahm eine Flasche Rosé-Champagner aus dem Kühlschrank, griff nach unten und zog direkt vor Lionels Schritt eine Schublade auf. Er nahm eine Küchenschere heraus und zwinkerte Lionel zu, bevor er die Schublade wieder zustieß und dabei mit dem Daumen über Lionels Schwanz fuhr.

Lionel zuckte zusammen, auch wenn die Berührung kurz war. Irgendwie fühlte sie sich bedrohlich an. Oder verheißungsvoll.

Der Gastgeber riss den Draht vom Korken und zog ihn mit einem Ploppen heraus, bei dem Lionel das Wasser im Mund zusammenlief. Fast konnte er den Champagner schon schmecken. Charles machte Platz, kaute seinen Fisch und sah zu, wie der Gastgeber Lionel mit großem Getue ein Glas einschenkte.

»Prost«, sagte der Gastgeber.

»Prost.«

»Willst du mir gratulieren?«

»Klar. Glückwunsch. Wozu?«

»Zu meiner Verteidigung. Die ist nämlich noch vor den Ferien«, sagte er. »Ich bin ein freier Mann.«

»Das erklärt die Party«, antwortete Lionel.

Der Gastgeber nickte, während er den Champagner für sich selbst in ein Einmachglas goss. Sie stießen an.

»Glückwunsch. Du hast es verdient.« Der Gastgeber lächelte. Er hatte derart weiße und gerade Zähne, dass sie sehr teuer gewesen sein mussten. Der Rosé schmeckte gut, wenn auch irgendwie metallisch. Andererseits hatte Lionel keine Ahnung, was guten Champagner ausmachte. Sein Gesicht fühlte sich heiß an, obwohl der Wein kühl und knackig war. Es war ihm ein wenig peinlich, wie sehr der Gastgeber nach Aufmerksamkeit gierte und wie deutlich er es zeigte. Lionel dachte, dass er an seiner Stelle nicht so notgeil gewesen wäre. Bei so viel Glück, so viel Erfolg, hätte er sich zurückgehalten. Er hätte seinen Erfolg entspannt genossen. Aber wer siegt, darf entscheiden, wie er feiern will. Und alle anderen müssen mitmachen, sonst sind sie miese Verlierer.

Lionels Ärzte hatten versucht, ihm abzugewöhnen, dass er sein Selbstbild von Dingen wie Erfolg abhängig machte, oder von dem, was andere Leute über ihn dachten. Sie hatten versucht, ihm dabei zu helfen, ein starkes Selbstwertgefühl zu entwickeln. Aber in diesem Moment spürte er, wie sein altes Ich den Kopf aus dem Wasser streckte und ihn mit funkelndem Blick verurteilte.

»Tummelst du dich schon auf dem Arbeitsmarkt?«, fragte Charles. Seine Stimme dröhnte, und Lionel kam wieder einigermaßen ins Gleichgewicht.

»Ja«, sagte der Gastgeber. »Ich habe ein paar Vorstellungsgespräche.«

»Ist was Gutes dabei?« Charles zog die Augenbrauen hoch, als wüsste er, was gut sei, aber Lionel nahm an, dass dem nicht so war. Denn das wusste keiner. Unter anderem deshalb, weil es gut für Mathematiker nicht gab. Entweder man bekam eine Stelle an einer Uni, oder man arbeitete als Consultant. Wenn man Glück hatte. Wenn nicht, gab man Kurse an drei Community Colleges und beackerte in den dunklen Randstunden des Tages den kleinen Zipfel des Universums, den man sich im Studium erkämpft hatte, nur mit weitaus weniger Mitteln und Zeit. Und dann wurde das Licht der eigenen Zukunft mit jedem Jahr schwächer und schwand wie ein ferner Stern. Am Ende erzählte man den Leuten, dass man früher mal mit einem Nobelpreisträger studiert hatte. Und dass man früher mal bei derselben Konferenz wie Terry Tao einen Vortrag gehalten hatte. Und dass man früher mal für die Fields-Medaille nominiert worden war. All das, während die Leute im selben Doktorandenprogramm eine atemberaubende Karriere hinlegten und die großen Mysterien des Universums lösten. Die Kommilitonen überholten einen, bis man sich kaum noch daran erinnern konnte, wie sie gewesen waren, als man an einem verschneiten Herbstabend mal in ihrer Küche gestanden und mit ihnen auf ihren Abschluss angestoßen hatte.

Lionel war klar, und dem Gastgeber war klar, und womöglich auch Charles war klar, dass es sich hier nur um höfliches Partygeplänkel handelte. Doch dadurch fühlte Lionel sich noch schlechter. Er nippte an seinem Glas, und ein kalter, grausamer Teil von ihm wünschte sich, dass der Gastgeber seine Verteidigung in den Sand setzen würde. Schnell überpinselte Lionel den Gedanken mit einem kräftigen weißen Strich.

Der Gastgeber öffnete leicht die Lippen, und seine teuren Edelzähne blitzten im Küchenlicht auf. Im Wohnzimmer ging die Party weiter. Stimmen schwollen an und ebbten ab. Und jemand rief nach dem Schampus.

»Ja«, sagte der Gastgeber langsam. Er legte Lionel die Hand auf den unteren Rücken, beugte sich vor und küsste ihn. Seine Lippen fühlten sich warm an wie die eines Tieres. Erschreckend warm. Als hätte er Fieber. Der Gastgeber löste sich von ihm und zwinkerte Charles zu. »Vielleicht erzähle ich dir irgendwann die ganze Geschichte.« Dann wandte er sich um, hob die Flasche über den Kopf und posierte damit in der Tür.

Man hörte lautes, schrilles Gejohle. Charles wandte sich an Lionel.

»Alles okay?«

Lionel stellte sein Glas auf der Arbeitsplatte ab. Der Gastgeber trat unter Jubel aus der Küche, und Lionel ließ sich zu Boden gleiten. Er lehnte sich mit dem Rücken an den Küchenschrank. Charles setzte sich ihm gegenüber, aber als er in die Hocke ging, zuckte er zusammen und stöhnte vor Schmerz auf.

»Ich weiß, wie das ist«, sagte er.