19,99 €
August 1944. 37 Offiziere des alliierten Nachrichtendienstes kommen in Block 17 des Konzentrationslagers Buchenwald an. Unter ihnen sind Major Forest Yeo-Thomas, Churchills Sonderbeauftragter für die Résistance , Hauptmann Harry Peulevé, Chef des SOE- und Leutnant Stéphane Hessel, Agent des Geheimdienstes der Freien Französischen Streitkräfte. Drei Wochen nach ihrer Ankunft erhält der Blockwart eine erste Liste mit Männern, die hingerichtet werden sollen. Mit Hilfe des im Lager aktiven Untergrundwiderstands entwickeln die drei Offiziere einen ebenso ungewissen wie riskanten Fluchtplan: Sie wollen die Identität von Gefangenen aus einem benachbarten Block annehmen, die für die Entwicklung eines Typhus-Impfstoffs ermordet werden … Ein Roman über eine der spektakulärsten Rettungsaktion in der Geschichte der Konzentrationslager. Mit einem Stil, der abwechselnd eiskalt und leuchtend, atemlos und akribisch ist, verfolgt er die Tage voller Erwartungen, Ängste, Hoffnungen und schildert den Mut und den Widerstand einer Handvoll Männer, die zwischen grünen und roten Dreiecken, SS-Ärzten und korrupten Kapos versuchen, der mörderischen Vernichtungsmaschine des Nationalsozialismus zu entkommen.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 308
Veröffentlichungsjahr: 2026
Grégory Cingal
Roman
Aus dem Französischen von
Tobias Scheffel und Claudia Steinitz
Verlag Antje Kunstmann
Für Jean-Pierre und Nathalie
»Wer ein gräßliches Unternehmen ausführt, muß sich vorstellen, daß er es bereits vollbracht hat; er muß sich eine Zukunft aufzwingen, die so unwiderruflich ist wie die Vergangenheit.«
Jorge Luis Borges, Der Garten der Pfade, die sich verzweigen
Berlin, der letzte Tag des Jahres 1941. SS-Hauptsturmführer Erwin Ding-Schuler feiert Silvester mit der Familie. Zusammen mit seiner Frau Irene und den beiden Töchtern genießt er den Sieg über sein bisheriges Leben. Auf manchen Fotos wirkt er, als wäre er mit Talk gepudert. Milchig, pummelig, bartlos – er ähnelt einem Cherub.
Ding-Schuler ist Arzt, jung und von Ehrgeiz zerfressen. Ein uneheliches Kind, getrieben von unstillbarem Drang nach Anerkennung und eher aus Strebertum in die SS eingetreten denn aus Fanatismus. Er ist der illegitime Sohn des Barons von Schuler und jagt seinem Adelsnamen ebenso hinterher wie dem medizinischen Ruhm. Er hat geklagt, um nicht mehr den dümmlichen Namen seines Adoptivvaters tragen zu müssen, aber das Verfahren zieht sich endlos hin. Er unterschreibt mit Doktor Ding, manchmal mit Ding-Schuler, und wird sich noch zwei Jahre gedulden müssen, bis er mit Schuler (aber ohne von) unterschreiben darf. Seine Klassenkameraden hatten ihm den Spitznamen Ding-Dong gegeben.
Doktor Ding-Dong ist elegant, leutselig, erhält gute Beurteilungen von seinen Vorgesetzten und hatte bislang nicht mehr vorzuweisen als eine Stelle als Lagerarzt im Konzentrationslager Buchenwald. Gerade aber wurde er mit nur neunundzwanzig Jahren an
die Spitze der Abteilung für Fleckfieber- und Virusforschung in diesem Lager katapultiert.
Jede Epoche hat ihre Immunisierungsfantasien, ihren Rat für Gesundheitsfragen, ihre Hygienevorschriften. Die Ernennung von Hauptsturmführer Ding-Schuler ist zwei Tage zuvor bei einem hochkarätigen Treffen erfolgt, an dem Reichsgesundheitsführer Leonardo Conti, der Chef des Wehrmachtssanitätswesens Siegfried Handloser und der Leiter des Hygiene-Instituts der Waffen-SS Joachim Mrugowsky teilgenommen haben.
Die Lage ist ernst. Bei Smolensk sind die bislang an allen Fronten siegenden ruhmreichen Armeen des Reichs zum ersten Mal gestoppt worden. In ihren Reihen breiten sich Fleckfieber-Epidemien aus. Die verfügbaren Impfstoffe reichen nicht aus und sind von miserabler Qualität. Das Risiko einer den gesamten Kontinent erfassenden Pandemie wächst. Folglich muss die Impfstoffforschung beschleunigt werden, indem man Versuche an Menschen unternimmt und die allgemeine Mobilmachung gegen den gefährlichsten und winzigsten Feind im Inneren anordnet: gegen die Laus.
Der Fleckfieberbazillus wird durch die Kleiderlaus (Pediculus humanus humanus) übertragen. Genauer gesagt, durch die Exkremente der Laus, eine pulverförmige Materie, in der sich die Bakterien einnisten und die die Laus, nachdem sie sich mit dem Blut ihrer Opfer den Wanst vollgeschlagen hat, hemmungslos ausscheißt. Danach genügt eine einfache Reaktion auf den Juckreiz – man kratzt sich ein paar Sekunden an der Bissstelle –, und schon wird der Keim durch kleinste Verletzungen unter die Haut gebracht.
Der Pediculus humanus humanus ist ein sehr geselliges, warmherziges Tier. Er mag Menschenmengen, Schmutz, Feuchtigkeit. Je enger Menschen aneinanderkleben, desto besser geht es ihm und desto produktiver ist er. Historisch gesehen erlebte die Laus ihren Aufstieg parallel zum aufkeimenden Kapitalismus, sie verbreitete sich in Kasernen, Zuchthäusern, Fabriken, Schiffen, kurz: überall dort, wo Menschen gegen ihren Willen zusammengepfercht wurden.
Ihr bevorzugter Nährboden aber bleibt der Krieg. Am besten im Osten, für diese Region hat sie eine Vorliebe. Während Napoleons Rückzug aus Russland dezimiert sie seine Truppen. In den Schützengräben des Ersten Weltkriegs sucht sie die serbische Armee heim. Unterschiedslos vergiftet sie Trotzkis Rote und Wrangels Weiße Armee. Gesamtbilanz: Drei Millionen Tote. Für Lenin ist die Gleichung einfach: Entweder der Sozialismus besiegt die Laus oder die Laus besiegt den Sozialismus.
Für die stolze arische Rasse ist die Gleichung genauso einfach: Die blutsaugende Laus gedeiht nur im biologisch unreinen Osten. Ungeziefer zieht Ungeziefer an. Der Osten ist der Lebensraum, der von seinen Parasiten, mit Wirbeln oder ohne, gesäubert werden muss – das Programm steht schwarz auf weiß in Mein Kampf. Karikaturisten präsentieren die Laus auf Plakaten an Hauswänden und in den Zeitungen. Der grausame Muschik, der abscheuliche Bolschewik, der Mann mit dem Messer zwischen den Zähnen ist gnadenlos schmutzig, bärtig, struppig, verlaust. Genau wie sein verfluchter Cousin, der Jude aus Jiddischland, mit seinem weichen Hut, dem lockigen Bart, dem staubig-grauen Gehrock, schmutzig, stinkend, verlaust. Der Unterschied liegt im Blick. Der erste lähmt einen mit seinen blutunterlaufenen Augen, während der zweite, schon als hinterhältiger Betrüger geboren, einen mit scheelem Blick beobachtet, damit er einen besser beißen kann, sobald man ihm den Rücken kehrt.
Die am weitesten verbreitete und tödlichste Variante der Krankheit, die im französischen und englischsprachigen Raum »Typhus« genannt wird, ist der Typhus exanthematicus. Auf Deutsch heißt die Krankheit Fleckfieber, wegen der violetten Flecken, die sie auf der Haut hervorruft, den sogenannten Exanthemen. Die Nazis haben sie bald in Judenfieber umgetauft. Und in ihrem Willen, die Krankheit zu bekämpfen, werden sie die perfekten Bedingungen für ihre Verbreitung schaffen. Ganze Dörfer werden unter Quarantäne gestellt, die jüdische Bevölkerung wird in den Gettos in Polen und der Ukraine eingemauert, Kriegsgefangene und Deportierte werden in überfüllten Kloaken eingeschlossen – ein bakteriologisches Pulverfass, das jederzeit explodieren kann.
In den Konzentrationslagern werden die Neuankömmlinge kopfüber in eine Desinfektionslösung getaucht. Jede Woche, meist samstags, finden Entlausungsaktionen statt, bei denen der nackte Körper des Häftlings von den Achseln bis zum Hodensack mit einem hölzernen Spatel nach Parasiten abgesucht wird. In den Latrinen, einem günstigen Ort für jede Art von Schwarzhandel, ist die Laus Gold wert. Mindestens eine Woche Ruhe, Isolation, geschützt vor Stockschlägen und dem Gebrüll der Kapos. Am Eingang jedes Blocks schleudert eine Laus auf einem Plakat ihre bösen Strahlen gegen einen Totenkopf. Als Bildtext vier Worte: Eine Laus, Dein Tod.
Doktor Ding-Schuler hat anfangs nur unbestimmte Vorstellungen, wo er anfangen soll. Er ist völlig unerfahren und hat nur einen Lehrgang im Institut Pasteur vorzuweisen. In Buchenwald wird seiner »Versuchsstation« ein spezieller Block zugewiesen. Block 46 ist ein großes, von einem doppelten Stacheldrahtzaun umgebenes Steingebäude mit Milchglasscheiben in den schmalen Fenstern. Als Erstes warnt Ding-Schuler seine Mitarbeiter, dass sie alle einem militärischen Sondergesetz unterworfen sind, auf dessen Missachtung die Todesstrafe steht: Nichts darf aus den Mauern des Blocks hinausdringen.
Für eine erste große Testreihe werden einhundertfünfundvierzig menschliche Versuchskaninchen ausgewählt. Die meisten sind polnische Juden in erbärmlichem Zustand. Man stopft sie einen Monat lang mit nahrhaftem Essen wie Milch, Butter, Eier, Zucker, Honig und Weißbrot voll, damit sie sich bestmöglich dem körperlichen Zustand des deutschen Soldaten annähern. Sobald die Versuchspersonen ausreichend gemästet sind, werden jeweils dreißig von ihnen im Abstand von fünf Tagen drei Mal mit einem bestimmten Impfstoff geimpft, nur eine sogenannte »Kontrollgruppe« wird nicht geimpft. Man testet vier verschiedene Impfstoffe.
Nachdem einen Monat später jeder Impfstoff seinen Teil an Antikörpern geliefert haben sollte, werden die Versuchspersonen durch Einritzen infiziert. Eugen Gildemeister, Direktor des Robert-Koch-Instituts, begibt sich persönlich mit seinen auf Hühnerembryonen gezüchteten Fleckfieberstämmen nach Buchenwald. Seine Aufgabe: Er soll den jungen Ding-Schuler in der Kunst unterweisen, einen Juden ordnungsgemäß zu inokulieren. Man ritzt die Epidermis am Arm mit einer Lanzette an, bringt einen Tropfen des Virus ein, dann Pflaster drauf. Ding-Schuler ist kein sonderlich begabter Lehrling, aus Unachtsamkeit infiziert er sich selbst. Vom Fieber niedergestreckt, kommt er für mehrere Wochen in eine Quarantänestation in Berlin.
In der Geschichte der Virologie haben sich viele Wissenschaftler selbst mit einer Krankheit infiziert, um ihre Heilmittel durchzusetzen. Bisweilen haben sie den Versuch mit ihrem Leben bezahlt, wie im Falle der beiden Entdecker des Fleckfieberbakteriums, Howard Ricketts und Stanislaus von Prowazek. Bei Ding-Schuler war es keine Absicht. Der Tod auf dem Feld der Reagenzglas-Ehre ist nichts für ihn.
Die erste große Versuchsreihe ist ein Misserfolg. Niemand wird krank, nicht einmal jemand aus der ungeimpften Gruppe, sodass es unmöglich ist, die Impfstoffe sinnvoll zu vergleichen. Bei den meisten »Patienten« ist höchstens eine gelbliche Verfärbung von Handflächen und Fußsohlen festzustellen. Aus Angst, wegen seiner untauglichen Dienste entlassen zu werden, schickt Ding-Schuler eine Bilanz voller fiktiver Zahlen nach Berlin. Zum ersten Mal fälscht er einen seiner medizinischen Berichte, und es wird nicht das letzte Mal sein.
Man startet daher eine zweite und dritte Versuchsreihe, manchmal mit anderen Impfstoffen ausländischer Herkunft, ebenso ergebnislos. Ding-Schuler rauft sich die Haare. Entweder sind die von Professor Gildemeister gezüchteten Stämme nicht ausreichend virulent, oder es wurde falsch geritzt oder die Versuchspersonen haben im Laufe der Zeit eine Art Immunität erworben, weil sie so lange in den fauligen Dünsten ihrer Heimat lebten. Diese letzte Hypothese ist die verführerischste. Was man auch tut, es ist immer Schuld der Juden. Von nun an werden unter den Lagerinsassen Angehörige des Reichs ausgesucht, Kriminelle oder Asoziale. Nach den gelben nun die grünen und schwarzen Winkel auf den Häftlingsjacken.
Da das Einritzen mit der Lanzette nicht erfolgreich war, wendet man sich einem »natürlicheren« Infektionsmodus zu: dem Blutsaugen der Läuse. Am 30. November 1942 trifft in Buchenwald eine Lieferung von dreißigtausend in kleinen Holzkisten eingesperrten Tierchen ein. Sie wurde vom Institut für Fleckfieber- und Virusforschung des Oberkommandos der Wehrmacht mit Sitz in Krakau geschickt. Was gäbe es Besseres als ein Konzentrationslager, um Läusefarmen einzurichten, sagt man sich in Krakau, gibt es dort doch ihr Lieblingsfressen im Überfluss: menschliches Blut. Was gibt es Dümmeres, keucht Waldemar Hoven, der Standortarzt von Buchenwald, da ist die Epidemie garantiert, die ganze Region wird zum Isolationsgebiet! »Diesmal sind sie wirklich verrückt geworden«, erklärt er dem Kapo von Block 46, dem düsteren Arthur Dietzsch.
Wieder und wieder haben Hoven und Dietzsch die in den Wehrmachtskasernen in Endlosschleife verbreiteten Propagandafilme gesehen. »Juden, Läuse und Wanzen«, Schockbilder von Gettos, die von Ungeziefer zerfressen sind, von Killerinsekten und von dunklen Flecken auf der Stirn der Sterbenden. Da Ding-Schuler abwesend ist (er besucht einen Lehrgang am Institut Pasteur), beschließen Hoven und Dietzsch, die Kisten verschwinden zu lassen und einen Transportunfall vorzuschützen. Sie schreiben dem Institut in Krakau, das Paraffin, mit dem die Deckel versiegelt waren, sei während der Reise teilweise geschmolzen, Unmengen an Läusen seien in der Umgebung verduftet, man habe alles unverzüglich verbrennen müssen.
Ihre Erleichterung währt nicht lange, denn das Institut schickt ihnen eine zweite Charge Kisten, diesmal in Begleitung eines Stabsarztes, der den Auftrag hat, das Auspacken des Materials zu überwachen. Die Kistchen haben die Größe einer Streichholzschachtel und enthalten jeweils etwa einhundert infizierte Läuse. Mit breiten Gummibändern werden sie an Oberschenkeln und Waden der Versuchspersonen befestigt. Die Kistenwand, die gegen die Haut gedrückt wird, ist mit feinsten Löchern versehen, damit die Läuse sich ernähren, aber nicht fliehen können. Im Inneren befindet sich ein kleines Wollviereck, damit die Läuse ungestört koten und Eier ablegen können. Der Stabsarzt weist darauf hin, dass die Kistchen regelmäßig gereinigt und entkeimt werden müssen. Hoven und Dietzsch warten auf seine für den nächsten Tag geplante Abreise und ziehen währenddessen die Vorbereitungen in die Länge, dann lösen sie die an die Beine der Häftlinge geschnallten Kistchen und verbrennen wieder alles. Später verfassen sie einen völlig frei erfundenen Bericht voller gefälschter Zahlen, in dem sie zu dem Schluss kommen, das Inokulationsverfahren sei zu zufallsabhängig.
Dieses Mal waren die Blutspender homosexuelle Häftlinge. Neunzehn insgesamt, jeder an einen Stuhl gefesselt und unter einem weißen Laken völlig nackt. Nach den Juden und den Kriminellen nun die »Päderasten«. Nach den gelben und den grünen nun die rosa Winkel. Gutwillige Männer, wie man weiß, bereit, ihre Körper der Wissenschaft zur Verfügung zu stellen.
Die roten Winkel, im Lagerjargon die Roten, sitzen in Buchenwald an den wichtigsten Hebeln der Macht. Zumindest die Veteranen des Lagers, die deutschen Kommunisten, die seit dessen Gründung dort sind. Weil es nicht genug SS-Leute gab, weil sie faul waren, weil sie eine Heidenangst vor Epidemien hatten, hat die SS die interne Verwaltung einer kleinen, privilegierten Gruppe von Häftlingen übertragen. Und sie von vornherein gespalten. Daher rührt ein erbarmungsloser Kampf zwischen Grünen und Roten, zwischen »Kriminellen« und »Politischen«, aus dem die besser organisierten, disziplinierteren kommunistischen Veteranen als Sieger hervorgingen.
Weder die SS-Kommandantur noch die rote Lageroligarchie war über die Gründung der »Versuchsstation« erfreut. Der Lagerkommandant wurde nicht gefragt, der Befehl kam von oben. Im SS-Organigramm hatte Block 46 einen extraterritorialen Status. Eine Warze inmitten der Baracken. Die deutschen Kommunisten weigerten sich, einen der Ihren zum Leiter des Blocks zu machen. Zu kompromittierend. Die von der SS gewährte Macht willkürlicher Gewalt zu teilen, macht sie so schon recht unbeliebt, unnötig, die Bürde noch schwerer zu machen. Wenigstens bietet die Situation einen Vorteil: Da die Angst vor Ansteckung bei den SS-Leuten noch gewachsen ist, wagen sie sich, von den Lagerappellen abgesehen, seltener ins Innere des Hauptlagers.
Begeisterter denn je kommt Ding-Schuler nach Buchenwald zurück. In Paris hat er die Geschichte eines verrückt gewordenen türkischen Arztes gelesen, der 1916 beschuldigt worden war, Dutzende von Menschen mit dem frischen Blut von Fleckfieberkranken infiziert zu haben. Sieh mal einer an! Und wenn wir es auf diese Weise versuchen? Das wäre deutlich weniger unangenehm als das Einritzen mit dem in infiziertes Eigelb getauchten Skalpell. Und sehr viel weniger gefährlich als mit verpacktem Läusedreck.
Ding-Schuler geht schrittweise vor. Seinen neuen Opfern verabreicht er 2 cm3 frisches Blut von Fleckfieberkranken. Dabei infiziert er zwei Männer durch Einritzen, zwei durch subkutane Injektion, zwei durch intramuskuläre und drei durch intravenöse Injektion. Die letzte ist bei Weitem die wirksamste. Die intravenös Infizierten haben schwere Symptome von Fleckfieber entwickelt und verstarben an Atemversagen, hält er in seinem Labortagebuch fest.
Zwei Tage später wurde die Operation wiederholt, diesmal an Gruppen von sechs menschlichen Versuchskaninchen. Die intravenös Infizierten entwickelten erneut sehr schwere Fleckfiebersymptome. Fünf von ihnen starben. Von den sechs intramuskulär Infizierten bekam nur einer Symptome. Die anderen blieben ohne nennenswerte klinische Beschwerden. Die intravenöse Injektion von 2 cm3 frischem Blut eines Kranken ist folglich die wirksamste Methode, um Fleckfieber auf den Menschen zu übertragen.
Mit anderen Worten: Die beste Methode, einen Menschen zu infizieren, besteht darin, ihm das Gift ins Blut zu spritzen. Eine tolle Entdeckung.
Das Unerklärlichste bei dieser Sache ist, dass man ihn gewähren lässt. Dass niemand in Berlin, Krakau oder im Robert-Koch-Institut ihm entgegenhält, dass eine direkte Injektion von frischem Blut nicht im Geringsten einer natürlichen Ansteckung entspricht und daher den Versuchen jegliche Verlässlichkeit zu nehmen droht. Aber was wollen Sie machen, es ist Krieg, wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Der schneidige Doktor Ding hat Ideen, vertrauen wir der Jugend.
Die Geschichte der nationalsozialistischen Medizin ist die Geschichte eines Sogs von unten. Die Geschichte, wie das Gewissen von den Gedärmen der Wissenschaft verschlungen wird. Am Anfang ist man empört, dann verschließt man die Augen, dann macht man mit und am Ende ist man der Eifrigste. Professor Gerhard Rose, ein renommierter Fachmann für Tropenkrankheiten, ist einer der wenigen, die sich öffentlich über die in Block 46 durchgeführten Experimente aufregen. Die beste Methode, um Fleckfieber zu bekämpfen, so erklärt er, sei es, überall vorbeugende Hygienemaßnahmen zu verstärken, und nicht, auf ein hypothetisches Wunderheilmittel zu spekulieren, indem man Menschen vergifte. Ein Jahr später wird der tugendhafte Professor umschwenken. Im Block der Versuchspersonen wird er selbst einen neuen Impfstoff aus Kopenhagen testen lassen, wird bedauern, dass dieser nicht die erhofften Ergebnisse bringt (sechs Tote), und seinem jungen Kollegen eine strengere Auswahl seiner »Versuchskaninchen« empfehlen.
Professor Rose wird nicht der einzige Wissenschaftler sein, der in Block 46 Bestellungen aufgibt. Manche werden extra anreisen, um die klinischen Auswirkungen ihrer Mixtur zu beobachten. Ding-Schuler führt sie gern durch seine Einrichtung. Mit großem Pomp hat er Professor Hermann Eyer, den Leiter des Krakauer Instituts, empfangen, bald wird er die Doktores Weber und Lautenschläger von der IG Farben willkommen heißen. Der weltweit tätige Chemiegigant ist gerade dabei, seine Absatzmärkte zu diversifizieren: Zyklon B für die Gaskammern in Auschwitz, Acridin und Rutenol für Block 46 in Buchenwald. Das sind zwei Medikamente, die sowohl Fleckfieber wie Ruhr heilen sollen. Kaum haben die Versuchspersonen das Granulat eingenommen, werden die meisten von heftigem Durchfall gepackt und müssen zehnmal täglich erbrechen. Weber und Lautenschläger werden sehr enttäuscht sein. Sie stehen weder zu ihrem Misserfolg noch dazu, dass die Versuche an Häftlingen vorgenommen wurden. Offiziell wisse die IG Farben von nichts, werden sie Ding-Schuler mitteilen.
Um seine Versuchspersonen ordentlich zu infizieren, braucht Hauptsturmführer Ding-Schuler also frisches Krankenblut, aber wie soll er es beschaffen? Man will nicht darauf warten, dass sich Häftlinge im Lager mit Fleckfieber infizieren, und auch nicht weiterhin auf von außerhalb bestellte Stämme angewiesen sein, deren Virulenz nicht garantiert ist. Ding-Schuler wird daher kurze Wege, also die lokale Herstellung bevorzugen, indem er sich sein eigenes Fleckfieberreservoir zusammenbastelt. Nicht mit Läusen aus dem Labor wie in Lemberg und Krakau, sondern mit direkt infizierten Menschen.
Diese menschlichen Bakterienkulturen werden durch regelmäßige »Übertragungen« von einem kranken auf einen gesunden Menschen aufrechterhalten. Um eine hohe Intensität zu wahren, wird häufig von Mensch zu Mensch nachgespritzt, bis zu fünfundzwanzig Mal, danach neigt das Virus zur Erschöpfung. Im Durchschnitt wird Block 46 zwei bis fünf Kulturenträger pro Monat »verbrauchen«. Insgesamt sterben fast zweihundert Menschen, die meisten unter qualvollem Leiden. Die wenigen Überlebenden werden durch eine Phenolspritze ins Herz getötet. Von all den Entsetzlichkeiten, die in Block 46 verübt wurden, wird diese in keiner Aufzeichnung erwähnt. In seinem Labortagebuch dokumentiert Ding-Schuler die meisten Versuche an Versuchspersonen, aber seinem mörderischen »lokalen Stamm« widmet er keine einzige Zeile. Geheimsache.
Dann geht es an die praktische Arbeit, und es kommt zum Massensterben. Beim Gildemeister-Verfahren erkrankte keiner oder fast keiner. Beim Ding-Schuler-Verfahren sterben alle oder fast alle. Am 1. Juni 1943 zählt man einundzwanzig Tote bei dreißig inokulierten Männern. Am 7. September 1943 dreiundfünfzig Tote bei siebzig Testpersonen. Keiner der getesteten Impfstoffe hält der intravenösen Verabreichung stand: weder Acridin und Rutenol von der IG Farben noch das in Riga gemischte ASID-Serum, nicht einmal der Weigl-Impfstoff, der beste auf dem Markt. Also tappt man herum, passt die nötige Dosis an, misst die Inkubationszeit des Gifts. Die Injektionen werden auf einen Milliliter infizierten Blutes reduziert, dann auf einen halben Milliliter, dann auf einen Viertel-, dann auf einen Zehntelmilliliter.
Als die Infektionsmethode einigermaßen stabilisiert ist, kann Ding-Schuler sich seinem großen Plan widmen, seinen eigenen Impfstoff herzustellen. Der wird seinen Namen tragen – davon träumt er jede Nacht. Wird über alle ausländischen Impfstoffe triumphieren, die nacheinander in seinem Pferch getestet werden: über den Impfstoff des polnischen Professors Weigl, der auf Laus-Innereien gezüchtet wurde; den des rumänischen Professors Cantacuzino, der auf Hundelunge gezüchtet wurde; den Impfstoff des französischen Professors Giroux, der auf Kaninchenlunge gezüchtet wurde; den Impfstoff des amerikanischen Professors Cox, der auf embryonierten Hühnereiern angezüchtet wurde; und über den Impfstoff des dänischen Professors Ibsen, der auf Mäuseleber gezüchtet wurde.
Der Wettlauf um die Impfstoffe erfolgt nicht nur international, er stößt auch innerhalb des Reichs auf großes Interesse. Im Robert-Koch-Institut, im Hygiene-Institut der Waffen-SS, im Institut für Fleckfieber- und Virusforschung des Oberkommandos der Wehrmacht, in den Laboren der IG Farben und denen der Behringwerke, bis hin zum Lager Struthof, wo der prominente Professor Haagen ebenfalls an menschlichen Versuchspersonen arbeitet – jeder braut in seiner kleinen Ecke seinen Impfstoff zusammen.
Nachdem das Institut der Waffen-SS in Leipzig bombardiert worden war, hatte Himmler die Zustimmung gegeben, eine Produktionsstätte nach Buchenwald zu verlegen. Ein idealer Standort, so hatte Ding-Schuler plädiert, denn niemals würden die Alliierten ihre Bombenteppiche über Gefangenen abwerfen. Ein Ort, an dem dank seiner revolutionären Methode und in aller Sicherheit jederzeit kontaminiertes Blut verfügbar ist, wie er betont hat. Heinrich Himmler, oberster Chef der SS, ist der Herr der Lager. Er ist besessen von biologischer Forschung jeder Art und will ebenfalls seinen Impfstoff. Und zwar für seine Elitetruppen, die bald zur Verstärkung an besonders gefährdete Abschnitte der Ostfront beordert werden. Ein Impfstoff mit streng kontrollierter Herkunftsbezeichnung, hundert Prozent arisch. In Runenschrift, darüber ein Totenkopf, hundert Prozent SS.
Aus welchem tierischen Stamm soll dieser SS-Impfstoff gezüchtet werden? Die Laus kommt nicht infrage. Abgesehen von der Gefahr einer Epidemie, die sie in einem Lager darstellt, sind die Herstellungskosten übermäßig hoch. In Lemberg stellt Professor Weigl unter deutscher Aufsicht auf einer mit Formalin neutralisierten Mischung zerriebener Läusedärme den besten Impfstoff der Welt her. Zum ersten Mal in der Geschichte der Wissenschaft werden bei Laborversuchen Insekten eingesetzt. Das ist eine mühsame Kleinarbeit, die viel und qualifiziertes Personal benötigt und bei der jede Laus mit einer Mikropipette rektal infiziert wird. Für eine einzige Impfstoffdosis benötigt man hundert Därme. Ein Luxusprodukt, das in Buchenwald unmöglich hergestellt werden kann.
Der amerikanische Impfstoff wiederum hat den Vorteil, dass er in großem Maßstab hergestellt wird, da er auf der Batteriehaltung von Hühnern basiert. Die Soldaten der US-Army, die in Nordafrika landen, wurden alle damit geimpft. Jahrelang haben die Deutschen versucht, hinter das Geheimnis der Herstellung zu kommen, dann haben sie sich Ausreden gesucht: Der auf tot geborenen Embryonen gezüchtete Impfstoff ist das Reinprodukt einer degenerierten Nation, unserer in Lemberg kommt von gesunden, blutgefüllten Läusen. »Natürlicher« Impfstoff gegen »degenerierten« Impfstoff, die Ideologie ist fügsam, sie nistet sich überall ein, wo man sie platziert. Ding-Schuler geht so weit, die Amerikaner zu verdächtigen, sie hätten die Herstellungsrezepte ihres Impfstoffs, der in seinen Augen so wirkungslos ist wie Hühnerkükenbrühe, absichtlich an die Fachpresse durchsickern lassen.
In Ermangelung von Läusen oder Hühnereiern entscheidet Ding-Schuler sich für Kaninchen. Er will den französischen Impfstoff kopieren. Im Laufe mehrerer Aufenthalte im Institut Pasteur hat er sich ausführlich informiert. Er hat ihnen (auf Kredit!) Laborausrüstung abgekauft. Der Durand-Giroux-Impfstoff befindet sich in der Vorproduktionsphase. Auf Grundlage einer Vereinbarung zwischen Vichy und Berlin werden bald Hunderttausende Impfdosen nach Deutschland geliefert. Der größte Teil ist für französische Kriegsgefangene bestimmt, das verbleibende Viertel geht an die deutschen Truppen an der Ostfront.
Jacques Tréfouël, der Direktor des Institut Pasteur, tut, was er kann, um die vom Deutschen Reich aufgezwungene Zusammenarbeit zu erschweren. Regelmäßig erscheinen Abgesandte der Wehrmacht und der IG Farben in seinem Büro. Er laviert zwischen diplomatischen Versprechungen, formalen Zugeständnissen und geschickt organisierten Verzögerungen. Am 5. Juli 1943 um zehn Uhr empfängt Tréfouël in seinem Büro jedoch keinen Nazi-Abgesandten, sondern eine in Tränen aufgelöste elegante Dame. Madame Émilie Balachowsky, die Gattin eines drei Tage zuvor von der Gestapo verhafteten Entomologen.
Seit mehreren Monaten führte Alfred Balachowsky ein Doppelleben. Tagsüber Professor für Zoologie an der Nationalen Landwirtschaftsschule von Grignon, in der Nacht Sektionschef des Résistance-Netzes prosper. Dank einer zwischen exotischen Pflanzen im Gewächshaus der Hochschule versteckten Funkstation stand er in regelmäßiger Verbindung mit London. Seine Studenten waren es gewohnt, ihn am Steuer seines schlammverschmierten Rosengart eintreffen zu sehen, wenn in der Nacht in der Umgebung des Schlossparks wieder ein Fallschirmabwurf stattgefunden hatte.
Vor Kurzem hat die Gestapo mehrere Tonnen Waffen und Munition entdeckt, die in einem nahe gelegenen Bauernhof versteckt waren. prosper ist das größte Widerstandsnetz, das von der britischen Special Operations Executive (SOE) aufgebaut wurde, es deckt den Großraum Paris und einen Teil Westfrankreichs ab. Für London ist der Fang der deutschen Spionageabwehr eine Katastrophe. Hunderte von Männern wurden festgenommen, Hunderte von Waffen- und Sprengstoffverstecken entdeckt. Hitler persönlich wird große Freude darüber äußern.
Émilie Balachowsky erreicht, dass Tréfouël ihren Mann rückwirkend zum 1. Juli 1943 ans Institut Pasteur beruft. Das Akkreditierungsschreiben geht sofort an das Ministerium für Bildung und Forschung. In gewisser Weise eine Scheinbeschäftigung ohne Bezüge, aber vielleicht wird sie einen Gnadenakt auslösen, denn Balachowsky ist, einstweilen ohne Beweise, in seinem Haus in Viroflay festgenommen worden. Émilie wird ihrem Mann, der im Gefängnis von Fresnes einsitzt, die gute Nachricht durch ein mit der frischen Wäsche abgegebenes deutsches Buch übermitteln, da jede Form von Post untersagt ist. Auf dem Vorsatzblatt das folgende Exlibris: Alfred Balachowsky, Institut Pasteur, Paris.
Der SOE-Agent, der sich um die im Gewächshaus der Hochschule versteckte Funkstation kümmerte, war eine Frau, Noor Inayat Khan, eine junge indische Prinzessin. Codename: Madeleine. Deckname: Jeanne-Marie Régnier, Kindermädchen. Sie war die erste Funkerin, die ins besetzte Frankreich geschickt wurde. Mithilfe des Gärtners des Anwesens übermittelte sie sieben Nachrichten pro Tag. Die ausgebildete Musikwissenschaftlerin und virtuose Harfenistin telegrafierte mit erstaunlicher Geschwindigkeit, ohne den geringsten Fehler bei der Verschlüsselung zu machen. Zweifellos war sie dieses Talents wegen eingestellt worden – vielleicht auch wegen ihrer Schönheit. Denn alle anderen Bedingungen erfüllte sie nur bedingt. Sie war zerstreut, zurückhaltend und unfähig zu lügen, ein eher störendes Handicap für einen eingeschleusten Agenten.
Émilie war fasziniert von ihren sanften Gesichtszügen, den großen schwarzen Augen einer scheuen Katze. Bei ihrer ersten Begegnung hatte sie ihr geraten, den Tee nicht nach englischer Art zu trinken, sondern ihn vor der Milch in die Tasse zu gießen, um nicht enttarnt zu werden. Noor trug ein Pillendöschen bei sich. Darin Aufputschmittel, um wach zu bleiben, Tabletten, um jemanden ohne sein Wissen einzuschläfern, und eine Zyankalikapsel für den Fall, dass sie geschnappt werden würde. Da Émilie sie rechtzeitig vor der Hausdurchsuchung in Grignon warnen konnte, sendete sie weiter, war aber immer stärker isoliert. Ihr Sender ist derzeit der wichtigste und gefährlichste in Frankreich, wird der SOE-Chef Colin Gubbins später sagen. Ohne sie wäre jeder Kontakt zwischen London und dem Großraum Paris unterbrochen. Als Georges Bidault nach Jean Moulin an die Spitze des Conseil national de la Résistance berufen wird, ist es Noor, die die Informationen aus der Speisekammer einer Wohnung an der Place de l’Alma nach Großbritannien übermittelt. Im Oktober 1943 wird Noor verhaftet, verraten von der eifersüchtigen Schwester ihres Kommandanten – für ein Zehntel der Summe, die die Deutschen zu zahlen bereit gewesen wären.
Während man in Paris Spione jagt, wird in Buchenwald offiziell das neue Labor eingerichtet. Es trägt den pompösen Namen »Abteilung für Fleckfieber- und Virusforschung«. Ding-Schuler wurde aus diesem Anlass zum SS-Sturmbannführer befördert. Mit einunddreißig Jahren ist das außergewöhnlich, prahlt er vor seiner Familie. Ihr habt den jüngsten Oberstabsarzt Deutschlands vor euch.
Die »Fleckfieberabteilung« belegt einen ganzen Block, Block 50, der wie Block 46 von einem doppelten Stacheldrahtzaun umgeben ist. Eine in eine Ziegelmauer eingelassene Holzpforte verwehrt jedem Unberechtigten den Zugang.
Das »wissenschaftliche Kommando« des Blocks besteht ausschließlich aus Häftlingen, kein SS-Mann möchte sich anstecken lassen. Doktoren der Medizin, Apotheker, Professoren, Chemiker aller Nationalitäten. Insgesamt fünfundsechzig Personen, einschließlich der Verwaltung. An der Spitze ein katholischer Intellektueller und früher renommierter Journalist der demokratisch-christlichen Presse, Eugen Kogon. Kogon wird zu Ding-Schulers Arztschreiber ernannt und rückt bald auf. Sein Organisationstalent, seine Aktenkenntnis und die Fähigkeit, geschickt mit Zahlen und Worten zu jonglieren, machen ihn schnell unverzichtbar. Der Sturmbannführer delegiert, Kogon kümmert sich um alles. Der Sturmbannführer zögert, Kogon entscheidet an seiner Stelle. Wenn der Sturmbannführer zu faul ist, schreibt Kogon für ihn Berichte und wissenschaftliche Artikel. Bald schreiben Sie noch meine Liebesbriefe, scherzt Ding-Schuler.
Kogon spielt ein doppeltes Spiel und verfolgt mehrere Ziele: seine Machtposition zu nutzen, um die Überlebensbedingungen der Gefangenen, für die er verantwortlich ist, zu verbessern, ein internes Widerstandsnetz aufzubauen, das mit dem der deutschen Kommunisten konkurriert, und vor allem die Herstellung des Impfstoffs so lange wie möglich hinauszuzögern. Bei all dem lässt er immer äußerste Vorsicht walten. Ding-Schuler ist manipulierbar, aber es wäre ein Fehler, ihn zu unterschätzen. Er hat seine Mitarbeiter gewarnt, dass er beim geringsten Verdacht auf Sabotage alle an die Wand stellen wird. Mehrere Spitzel unter seinen Leuten berichten ihm, was jeder tut und macht. Zum Glück kennt Kogon sie und behält sie im Auge.
Die Anfänge sind mühsam. Unter der von Ding-Schuler bunt zusammengewürfelten Mitarbeiterschaft gibt es keinen Fleckfieber-Spezialisten. Der französische Impfstoff ist schwer zu kopieren, da er gerade erst die Versuchsphase durchlaufen hat. Zu allem Überfluss fehlen einige Seiten in dem Handbuch, das Ding-Schuler sich in Paris verschafft hat, – manche im Block hegen den Verdacht, er habe es entwendet. Um üppige, gut gedeihende Kulturen zu erhalten, empfiehlt das Handbuch, die Bakterien über verschiedene tierische Gewebe gehen zu lassen. Man injiziert das Blut eines Kranken in Meerschweinchenhirne oder -hoden, die als Substrat ebenfalls sehr beliebt sind. Sobald die Meerschweinchenhoden ordentlich ausgepresst sind, wird die gewonnene infektiöse Flüssigkeit auf Mäuse übertragen. Sobald diese richtig fieberkrank geworden sind und dann getötet wurden, werden ihre Lungen herausgenommen und in einer Salzlösung aufgelöst, die dazu dienen wird, Kaninchen zu infizieren. Sobald man den Hals des Kaninchens mit einer dicken Nadel bis zur Luftröhre durchstochen hat, kommt man zum heiklen Punkt: Das Kaninchen muss im richtigen Moment getötet werden, wenn seine Lunge genügend Bakterien abgesondert hat, aber noch keine Sekundärinfektionen dazugekommen sind. Dann wird die Lunge entnommen, in einer Zentrifuge zerkleinert und mit Formalin behandelt. Theoretisch liefert ein Kaninchen genügend Keime, um hundert Menschen zu immunisieren.
Die Herstellung eines Impfstoffs ist ein langwieriger Prozess, ein zermürbendes Geduldsspiel, das hundertmal wiederholt werden muss. Der Tuberkelbazillus wurde erst nach dreizehn Jahren unwirksam gemacht, nachdem er zweihundertdreißig Mal von einer Kultur auf eine andere, absolut identische, übertragen worden war. Aber SS-Sturmbannführer Ding-Schuler hat es eilig, zu einem Ergebnis zu kommen, zum Teufel mit der Geduld. Er hat Himmler versprochen, bis Weihnachten einen Impfstoff zu liefern, er wird Wort halten. Ding-Schuler hat eine Vorliebe für das Theatralische. Das Ritterordenhafte der SS steigt ihm zu Kopf. Vor seinen Leuten schwadroniert er über die Pflicht zu siegen oder unterzugehen und sieht sich in seinen Träumen als stolzer Recke, der den Drachen der Krankheit besiegt. Nie könnte ich das Leben ertragen, das Sie seit Jahren hier führen, vertraut er Kogon an, lieber würde ich sterben.
Mitte Dezember wird ihm ein erster Prototyp präsentiert. Wenn es nicht funktioniert, bringe ich mich um!, verkündet er. Es funktioniert nicht und Ding-Schuler verzichtet auf den Selbstmord. Lieber fälscht er die Ergebnisse. Noch nicht ganz ausgereift, schreibt er nach Berlin, aber wir sind fast so weit.
Zur gleichen Zeit bricht in Auschwitz in einem Block des Frauenlagers eine Fleckfieberepidemie aus. Ein junger SS-Militärarzt, kaum älter als Ding-Schuler, nimmt die Sache sofort in die Hand. Er schickt die sechshundert Jüdinnen der Baracke ins Gas, lässt das Gebäude von oben bis unten desinfizieren und bringt weibliche Häftlinge aus der Nebenbaracke dort unter, die zuvor gewaschen, entlaust und mit neuen Nachthemden bekleidet wurden. Weil er mit allem gebotenen Eifer reagiert hat, wird der junge SS-Hauptsturmführer mit dem Kriegsverdienstkreuz ausgezeichnet. Bald wird er zum Lagerarzt von Auschwitz-Birkenau befördert. Die Gattin des jungen SS-Hauptsturmführers ist stolz auf ihren ehrgeizigen Mann. Sie heißt Irene, so wie Frau Ding-Schuler. Er heißt Josef. Doktor Josef Mengele.
Sechs Monate hat Alfred Balachowsky im Gefängnis von Fresnes gesessen, im fünften Stock, Zelle 467. Da jeglicher Besuch untersagt war, kommunizierte er mit seiner Frau auf Zigarettenpapier, das in der schmutzigen Wäsche versteckt war, die er ihr aushändigen lassen durfte. Auf diese Weise tauschten sie Dutzende von bleistiftgeschriebenen Minibriefen aus, die gefaltet unter den Nähten seiner Hemdsärmel steckten. In einigen von ihnen hatte Balachowsky die Adressen der Freunde notiert, die vor einer möglichen Verhaftung zu warnen seien.
Sie verabredeten ein heimliches Treffen von wenigen Sekunden, an einem Sonntagnachmittag um genau zwei Uhr. Als Erkennungszeichen hatte Balachowsky einen blau gestreiften Pullover außen an sein Zellenfenster gehängt. Émilie wartete auf der Straße mit einem weißen Schal in der Hand, den sie mit tränennassen Augen schwenkte, als sie den Kopf ihres Mannes im Viereck seiner Luke auftauchen sah.
Nachdem Balachowsky ins Sammellager Compiègne überstellt worden ist, wird er am 17. Januar 1944 mit dem Transport Nr. 171 nach Buchenwald deportiert. Balachowskys direktem Vorgesetzten bei prosper, dem Dichter Armel Guerne, gelingt es, aus dem Zug zu springen. Als er es sechs Monate später nach England schafft, wird er bis Kriegsende eingesperrt. Dass er als einziger hochrangiger Vertreter des Netzes entkommen ist, findet London sehr verdächtig. So viele Gefahren überwunden, so viele Ängste unterdrückt, so viele Hoffnungen zerstört, um jetzt in der Haut eines Verräters zu versauern ...
Émilie hingegen ist verzweifelt. Die Pro-forma-Nominierung ans Institut Pasteur war zu nichts nutze. Ein Stück Papier, das sich in der Ferne verflüchtigt hat. Geduld, liebe Émilie, Ihr Stück Papier wird bald seine beste Lebensversicherung.
In der Versuchsstation kümmert man sich nicht ausschließlich um Fleckfieber. Hier werden auch Behandlungen gegen das Hungerödem, gegen Cholera, Gelbfieber und Typhus getestet. Ebenfalls mit einer beträchtlichen Anzahl von Opfern. Arthur Dietzsch, der Kapo des Blocks, versetzt die Kranken in Furcht und Schrecken. Mit einem Knüppel in der Hand wandert er durch die Gänge. Seine Krankenträger und Pfleger sind wohlgenährt, kräftig und bewaffnet. Sie gehorchen ihm aufs Wort und haben Weisung, jeden Widerspenstigen totzuschlagen. Er, Arthur Dietzsch, inokuliert das infizierte Blut. Er und niemand anderes erledigt die Sterbenskranken mit einer Phenolspritze.
Der Schrecken ist so groß, dass außerhalb des Blocks die wildesten Gerüchte kursieren. Ding-Schuler selbst beginnt sich deshalb Sorgen zu machen. Angelockt von dem Trugbild besserer Lebensbedingungen, hatten sich anfangs einige Häftlinge freiwillig für die Experimente zur Verfügung gestellt. Verglichen mit den überfüllten Baracken des Lagers war Block 46 eine Luxusklinik: saubere, gut gelüftete und beheizte Räume, Einzelbetten mit Decken, Laken und Kissen; üppiges Essen und reichlich Medikamente. Inzwischen traut sich niemand mehr dorthin. Da die meisten der unter Zwang verlegten Versuchspersonen grüne Winkel, sogenannte BVer (»Berufsverbrecher«), sind, hat die kommunistische Leitung zunächst ein bequemes Mittel darin gesehen, die von der Politischen Abteilung, der Gestapo-Außenstelle im Lager, erstellte Liste nach Belieben abzuändern, um ihre Feinde zur Strecke zu bringen. Inzwischen will keine Autorität in Buchenwald – weder die SS noch die Kapos und noch weniger der Angsthase Ding-Schuler – die Verantwortung für die Auswahl der Versuchspersonen übernehmen. Schließlich erwirkt der Lagerkommandant in Berlin, dass die Versuchspersonen außerhalb des Lagers rekrutiert werden. So entledigen sich die Gefängnisse ihrer Langzeithäftlinge. Richtung Block 46.
Einen Monat lang bleibt Balachowsky in Buchenwald in Quarantäne in Block 52, einem stinkenden Stall. Elf Männer auf drei Strohsäcken voller Flöhe. Jeden Morgen Appell in der Kälte ohne Mantel. Eine dünne Suppe aus demselben Napf wie die Nachbarn. Abszesse und Infektionen am ganzen Körper, die nicht behandelt werden. Zu geschwächt von der Reise und den Entbehrungen im Gefängnis, sterben manche bereits in den ersten Tagen. Andere brechen nach der tagelangen Fronarbeit im Steinbruch zusammen. Marchand, ein Kamerad im Widerstandsnetz prosper, stirbt vor Balachowskys Augen.
Mit ihm sind Ende Januar drei Transporte mit französischen Deportierten eingetroffen. Insgesamt fast sechstausend Männer. Oben auf dem Formular, das sie selbst ausfüllen mussten, ist ein maschinengeschriebenes Wort rot umrahmt: Meerschaum. So lautete der Name der Aktion, in deren Rahmen sie verhaftet wurden, nach den »Nacht-und-Nebel«-Deportierten und den Juden, die bei der Aktion »Frühlingswind« verhaftet wurden. Nazis sind, wie man weiß, empfänglich für die Schönheiten der Natur.
Neues Futter für die Kanonenfabriken. Die Kriegsindustrie des Reichs braucht dringend Arbeitskräfte. Überall werden die von den Alliierten bombardierten Waffenfabriken unter die Erde verlegt. Buchenwald ist ein riesiges Verteilzentrum: Nur die Glücklichsten bleiben im Stammlager, die anderen müssen in den über ganz Thüringen verteilten Außenlagern schuften. Im Lagerjargon heißen sie Außenkommandos. Das Kommando, das man um jeden Preis meiden muss, ist Dora. Dort, so erfährt Balachowsky, überlebt man sechs Wochen. Alle drei Monate wird die Belegschaft von Dora komplett erneuert. Bei der Arbeit an einem riesigen Stollen, der in den Fels gegraben wird, um eine unterirdische Fabrik für Geheimwaffen einzurichten, sterben die Männer zu Hunderten. Die Waffen: die berühmten V1- und V2-Raketen. V wie Vergeltung. Davon weiß man in Buchenwald jedoch noch nichts, denn niemand kehrt lebend aus Dora wieder. Jede Woche kommt ein Totentransport zurück, um die Leichen zu verbrennen. Bald wird Dora über ein eigenes Krematorium verfügen.
Am 10. Februar 1944 steigt Balachowsky in einen überfüllten Militärlastwagen. Vier Stunden lang müssen sie hocken, ohne sich zu bewegen. Der Erste, der den Kopf hebt, bekommt einen Schlag mit dem Gewehrkolben. Seit dem Vortag kennt Balachowsky den Namen seines Einsatzortes: Dora.
In Block 50 ist man immer noch an einem toten Punkt. Ding-Schuler regt sich auf, die Mitarbeiter lachen sich ins Fäustchen. Alles ändert sich mit der Ankunft des Polen Ludwig Fleck, einem namhaften Mikrobiologen, früher die rechte Hand von Professor Weigl in Lemberg. Fleck ist ein Ass: Im Krankenhaus des Lemberger Gettos hat er entdeckt, dass der Urin von Fleckfieberkranken Antikörper enthält, die das Immunsystem erkennen kann. Unter den grauenvollen Bedingungen des Gettos ist es ihm gelungen, den Urin zu reinigen und einen Impfstoff aus konzentrierten Antikörpern herzustellen.
Fleck mag ein Genie sein, aber er ist Jude. Er ist mit seiner Familie nach Auschwitz deportiert worden, wo er es geschafft hat, im Serologielabor angestellt zu werden. Dort hat ihn Ding-Schuler sechs Monate später abgeworben und nach Buchenwald gebracht. Unter seinen Mitarbeitern ist Fleck der siebte jüdische Häftling. Er wird Hand in Hand mit Dr. Marian Ciepielowski arbeiten, ebenfalls ein polnischer Jude, der von Kogon im letzten Augenblick aus einem Kommando für Schanzarbeiten gerettet wurde. Als er zum Produktionsleiter in Block 50 ernannt wurde, wog Ciepielowski sechsundvierzig Kilo. Mein Labor ist zum Ultimum refugium judaeorum geworden, pflegt Sturmbannführer Ding-Schuler zu scherzen.
Balachowskys Kapo in Dora ist ein Irrer. Er prahlt damit, dass er seine eigene Mutter vergewaltigt und erwürgt habe, weckt seine Arbeiter um vier Uhr morgens mit Peitschenhieben auf die Fußsohlen. Die Häftlinge schlafen alle im Tunnel, die Baracken draußen sind noch im Bau. Besser gesagt, niemand schläft, da es in Dora weder Tag noch Nacht gibt. Im erstickenden Staub der Felssprengungen, den rötlich glühenden Schwaden unter nie ausgeschalteten Lampen, unter dem Lärm der Gesteinsbohrer und der Explosionen im Berg wechseln sich die Arbeitstrupps rund um die Uhr ab. Balachowsky und seine Leidensgenossen verbringen Wochen, ohne den Himmel zu sehen, im Gestank von verbranntem Pulver, mit von Asche verklebten Lidern, ohne Latrinen und ohne sauberes Wasser. Die Kapos und ihre Stellvertreter, die Vorarbeiter, die alle aus den hartgesottensten grünen Winkeln ausgewählt wurden, beschleunigen den Arbeitstakt mit Gummiknüppeln, sobald ein SS-Mann oder ein ziviler Meister auftaucht.
Es gibt noch einen weiteren Grund, nicht schlafen zu können: die zaponerdzi,
